Das Leben siegt.
I
In den schattenfrischen Thalgründen des oberen Jiller steht so manches alte Mauerwerk, an dem bedächtige Geschichtsforscher, magere Sagensammler und langhaarige Maler hin und her klettern wie Steinböcke und Gemsen im Gefelse, nur daß sie nicht ganz so behendig sind. Ritterburgen und Räubernester! ’s ist ein gar so dankbarer Stoff allerwege, zumal, da diese Dinge heutzutage nicht mehr so herrisch und gefährlich sind, wie voreinst in der guten alten Zeit – Gott habe sie selig!
Da giebt es aber doch in den schattenfrischen Gründen des oberen Jiller eine Ruine, die völlig unbekannt und verlassen ist. Sehr viel Haselnußgebüsch umwuchert das graue, zerklüftete und zerbröckelnde Mauerwerk, und wenn die Haselnüsse reifen, so sind zumeist die Spechte und anderen Knacker schon davon und die Dingelchen fallen nieder durch das gilbende Blätterwerk und kollern auf das Gestein und bleiben liegen im Schutt und in den Rissen: „Ist Niemand da, der Haselnüsse mag?“
– ’s ist Niemand da. Die schönen jungen Frauen, die voreinstmal, als hier noch der große stolze Bau stand, darin gelebt haben, hätten gerne bisweilen ein wenig so Nüsse geknackt, aber da sind solche noch nicht gewachsen an denWänden, in den Höfen, in der Kapelle und in den Zellen des Nonnenklosters Taubenzell. Und wollten die gottseligen Jungfrauen dergleichen wilde, aber deswegen doch süße Früchte nagen, so durften sie sich den kleinen Gang hinaus in den Hirschwald nicht verdrießen lassen. Da oben war Haselnußgesträuche so dicht und voll als man es nur wünschen konnte, und der Thierlein gab es auch so manche, die im Moose krochen, im Strauchwerk raschelten, in den Lüften flogen und den gottseligen Jungfrauen zur Kurzweil waren.
So war es auch einmal am Tage der heiligen Edeltrudis; die Haselnußbüsche setzten erst ihre kleinen Knösplein an, denn es war der Rosenmonat und zum Reifen lange noch Zeit. Aus dem Engthale, in dem das Kloster stand, stieg ein halb Dutzend Nönnlein hinan gegen den Hirschwald; – jede hatte ihren dunkelgrauen Habit mit der weißen Busenbinde und dem braunen Rosenkranz; jede hatte ihren Capuchon, den sie aber heute über den Nacken hinabhängen ließen oder gar als Sack für die Sammelfrüchte benutzten. Und jede hatte auch einen recht zierlich geflochtenen Korb an die Seite gebunden, denn sie gingen aus, um Schwämme zu suchen und Erdbeeren zu finden. Sie hatten von der Oberin die Grenze vorgeschrieben, über die sie nicht hinaus durften, um nicht etwa in das Revier der Ritter von Karnguld, oder in ein Bereich zu gelangen, dessen Schwämme und Erdbeeren nicht mehr zum Kloster Taubenzell gehörten. Es waren derlei Maßregeln gar nicht überflüssig, denn die Früchtesammlerinnen waren lauter unerfahrenes Blut, jung, lebendig und wohl auch hübsch. Nur eine war dabei, die einen ganz kleinen Schaden hatte. Dieser Schaden bestand in einem winzigen Härchen; das Härchen stand mitten aus einem Wärzchen hervor, das Wärzchen hinwiederum stand zuhöchst auf der Spitze des Näschens, das sehr anmuthig gewesen wäre, wenn es nicht ein wenig allzu kühn in die Welt hineingeragt hätte, der die junge Nonne doch in Form Rechtens entsagt hatte. – Es steht zwar nicht in den Kloster-Annalen zu lesen, daß dieses Härchen aus dem Nasenwärzlein der hochehrsamen Jungfrau Natalia vormals den jungen Männern so sehr in die Augen gestochen habe, daß sich diese sofort geschlossen, oder anderen Dingen zugestrebt, bis Natalia sich von dem Irdischen zu dem Himmlischen wendete und in die friedsamen Mauern von Taubenzell flüchtete; – aber von der boshaften Welt war derlei thatsächlich behauptet worden. Sei dem wie immer, hoffen wir, daß desweg’ der Jungfrau Lohn im Himmel nicht geschmälert ist.
Wir könnten nun auch noch von den übrigen Früchtesammlerinnen manch’ Erbauliches erzählen, doch möge sich der Leser zumal mit der Versicherung begnügen, daß sie allsämmtlich sehr hübsch und heiter waren.
Eine Einzige jedoch insonderheit; Gudwella hieß sie, die hatte kaum fünfzehnmal gesehen, wie die Kirschen blühen; die war auch noch gar nicht eingemummt in den dunklen Habit der Genossinnen, war erst kurze Zeit als Novize im Kloster Taubenzell. Sie trug ihr luftiges, lichtbuntes Kleidchen, in dem sie wie ein kleiner Schmetterling neben den grauen Puppen flatterte. Sie hüpfte über jede Hecke, stieg auf jeden Stein, predigte, äffte hierin den alten Klosterkaplan, so daß die Genossinnen in die Händchen klatschten. Dann wieder beugte sie sich zu einem Waldmeisterblümchen, hob davor den Finger und sprach: „Ich könnt’ es wohl, aber merk’, ich brech’ dir nicht den Hals. Wachse brav, bist du groß, so wirst mein Mann, will einen Waldmeister han!“ Auch spieltedie Kleine Versteckens und wußte wie ein Rehlein hinter jegliches Laubwerk zu schlüpfen, und während sie die Anderen etwa unter dem Erlbusch suchten, war sie längst hinter dem Hagebuttenstrauch, oder in den Haselstauden, oder hinter den Johannisbeerblüthen. Plötzlich rief sie aus einer Bachweide her: „Schwester Natalia lobesam, komm’ mal her und hol’ Dir diesen schönen Blattpilz!“ – Und als die Schwester herbeieilte, um sich nach der Gabe Gottes zu bücken, da that sie jählings einen kreischenden Schrei und huschte hintan. Der Blattpilz war ein junger Laubfrosch gewesen, und der wäre dem tugendsamen Mägdlein schier mit allen Vieren in das Antlitz gesprungen. Die Genossinnen lachten laut und Gudwella kicherte hinter den Weiden.
So kamen sie immer tiefer in den schattendunkeln Wald hinein, und zu allem rieselte der laue Sommerhauch in den Blättern, die in Millionen Scheibchen und Herzchen auf dem Gezweige wiegten, da und dort ein übermüthiger Falter, ein schalkhaft Vöglein darunter. Das Haidekraut mit seinen lieblichen Blüthenkrönchen und winzigen Staubgefäßen wurde auch immer höher und die Nonnen mußten mit ihren weißen Händchen die grauen Kutten baß emporheben, wollten sie nicht hängen bleiben im Gestrüppe. Gudwella, welche in solchen Fällen immer die Anschicksamste war, hatte ihr ohnehin nicht sehr langes Kleidchen ein- für allemal mit einem buchenzweig’nen Gürtel so hoch hinangeschnallt, daß nachgerade jegliche Gefahr für den Saum beseitigt war. Bald thaten ihr das auch die Anderen nach, und nun hatte jede ihren flatternden Laubkranz um die Hüften, und manch’ Eidechslein unter dem Kraut stand verwundert still, die neue handsame Tracht der Nonnen von Taubenzell betrachtend.
Der Schwämme wollten sich nur wenige finden und so hüpften die Nönnlein immer weiter waldeinwärts und kamen endlich gegen eine Schlucht, in der ein Wasser rauschte, und in der es so finster war, daß die paar Sonnenpunkte, die sich doch durch die dichten Laubkronen Bahn gebrochen hatten, auf dem braunen Moosboden dalagen wie blinkende Dukatlein.
Gudwella, der sich in der Hitze der lustigen Waldwanderung das Gesichtchen geröthet und das goldfarbige Haar gelöst hatte, war immer die Erste voran. Jetzt aber stand sie plötzlich vor einem blühenden Dornstrauch still, legte ein Händchen an den Mund und winkte mit der anderen Hand ihren nachfolgenden Gefährtinnen, daß sie leise herankommen und keinen Laut von sich geben sollten. Das hielten sie denn auch so und schlichen ganz behutsam gegen den Dornenstrauch, begierig auf ein Vogelnestchen, das sie darin zu sehen hofften.
Indeß meinte Gudwella ganz etwas Anderes. Sie guckte in den Strauch, und zwischen den Blättern und Rosen desselben auf der anderen Seite wieder hinaus, sie sah in die Schlucht hinab, in der das Wasser rauschte. Und dort war zwischen bemoostem Gestein, welches in Wänden den schattigen Raum umfriedete, eine Stelle, an der das Wasser ganz ruhig stand, und sehr klar und tief zu sein schien. Und in diesem versteckten Wasser war etwas, weswegen Gudwella so angelegentlich in den wilden Rosenstrauch lugte.
In dem Wasser, das zwischen dem Gestein ruhig stand, plätscherten die schlanken weißen Glieder eines schönen Knaben, der sich badete. Die Mädchenschaar riß ihr ganzes Dutzend Augen auf und spähte in die Schlucht und ergötzte sich höchlich an dem schönen Haupte mit den kohlschwarzen Augen, in denen etwas ganz Unbeschreibbares, fast wie Thau und Feuer lag, ergötzten sich an den dunkeln Lockenschlangen, die sichvöllig bis zu den breiten Schultern hinabschlängelten, ergötzten sich an den ein bischen aufgeworfenen kirschrothen Lippen, hinter welchen zuweilen das Schneeweiß der Zähne hervorblinkte, an dem feinen Kinne, an den zarten, schier fraulichen Wangen, an der kühnen weißen Stirne; ergötzten sich endlich an den behendigen Armen, an der hohen, ebenmäßig schönen Brust, über die ein dunkles Schattchen ging. Jählings aber plätscherte es heftig im Wasser und die Jungfrauen stoben zurück.
Wie eine erschreckte Taubenschaar waren sie auseinander gefahren und drehten sich jetzt schier verwirrt im Kreise und wußten nicht, wohin mit den Augen. Keine brachte ein Wort hervor. Jede hub eilig an, Schwämme zu suchen im Gebüsche, wo seit der Welt Erschaffung kein einziger noch gewachsen. Vor jedem grünen Heupferdchen und vor jedem Käfer im Grase schraken sie zurück. Hernach huben sie selbander an zu kichern und schließlich schlichen sie wieder gegen den Dornstrauch, um doch die schönen lichten Röslein zu betrachten, und die gelben klebrigen Fädchen, die inmitten derselben hervorstanden und im Lufthauche gar leise wiegten. Auch waren die kleinen länglichen Blätter so frisch grün und hatten so fein gezackte Ränder, und am holdseligsten waren doch noch die Knöspchen, aus denen schon ein wenig das Roth der Blüthe guckte. – Ja, so ein Dornstrauch ist eigentlich ganz wunderbar schön, wer ihn recht mag besehen! Und die braunen schlanken Zweige, und die scharfen, halb verborgenen Dörnchen daran – man muß sich ja nicht immer davon stechen lassen! –
Der Edelknabe Rodam hatte wohl nicht geahnt, daß Liebhaberinnen des Dornstrauches so nahe waren; er hatte sich in aller Behaglichkeit und Lust im Wasser gewiegt, gerenkt, gehoben, hatte seine geschmeidigen Glieder gestrecktnach allen Seiten, hatte selbst ein paar prächtige Purzelbäume geschlagen in der krystall’nen Fluth – bis er endlich, des Vergnügens satt, auf den Moosteppich des Ufers sprang und dort noch unterschiedliche Kurzweil trieb, ehevor er in seine schmucken Kleider schlüpfte.
Und als er nun so in seinem grauen, stets knapp geschnittenen Tuche, das kirschrothe Seidenwamms und das blaue Mäntelchen um sich geworfen, das Sammtbaretlein keck in die Stirne gedrückt und selbst einen zierlichen Degen schon an den Lenden, dahin sprang über Gestein und Gebüsch, wie ein junger Hirsch, der sich an der Quelle gelabt hat – da gab es nichts Besonderes mehr am Dornenstrauch, da blickten die Nönnchen dem flinken und heiteren Jungen nach, bis er, im Dickichte verschwunden, dem Schlosse der Ritter von Kernguld zueilte.
Und da sonach nichts mehr zu sehen war ringsum, als das aufquellende und webende Leben der Wildniß und das dunkle Wasser in der Schlucht, da schrie Gudwella: „Jetzt weiß ich’s, jetzt geh’ ich in’s Wasser und lern’ das Schwimmen!“ Da jauchzten ihr alle Anderen zu und sagten dasselbe; allein das Mädchen war bereits davon gehüpft, hatte flugs sein Röcklein hingeworfen und war mit einem hellen Juhschrei in den Dumpf gesprungen, in welchem kurz vorhin der Edelknabe geplätschert hatte. Sie wogte lustig hin und wieder, streckte die zarten Arme nach den Wellen aus, die sie selbst geschlagen hatte, und goß diese Wellen über ihr Haupt. Nun kamen auch die Genossinnen herbei, da schrie Gudwella: „Nichts, da ist nur Platz für Eins, geht ihr dort unten!“ Und sie schlug so heftig um sich, daß die Anderen dem Gischten nicht nahen konnten, wollten sie nicht mit pudelnassem Habit in’s Kloster zurückkehren.
Das hat die fünf Jungfrauen gewaltiglich verdrossen, denn just hier in diesem Dumpfe hätten sie sich an der weichen Kühle zu erquicken gewünscht.
„Wißt Ihr was, Schwestern“, sagte nun Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, „jetzt wollen wir Anderen gar nicht baden. Und es schickt sich auch nicht, und wir wollen es der Oberin sagen, was diese Gudwella für ein ungesittig Mädchen ist. Jetzt aber eilen wir fürweg, sie mag allein sehen, wie sie ihre Schwämme findet.“
Deß waren die Uebrigen einverstanden. Sie waren nicht sonderliche Freundinnen der toll-heiteren Gudwella, die Jeder gern ein Schnippchen schlug und trotzdem vor der Oberin der Hahn im Korbe war, gleichwohl sie noch ein Küchlein im Ei und lange noch nicht genug Fähigkeit hatte, ja vielleicht niemals haben würde, wie solche von einer tugendsamen Schwester im Kloster Taubenzell wohl verlangt wird.
Die Nonnen von Taubenzell hatten keine Obliegenheiten, die sie noch mit der Welt verbunden hätten, sie lehrten nicht etwa verwahrlosten Bettelkindern das Lesen und Schreiben, noch weniger drängten sie sich an die Betten verwundeter Krieger oder anderer Kranken, trieben auch nicht Ackerbau, noch anderes Gewerbe, wie solche Dinge so gerne den Geist vom Himmlischen ablenken. Das Kloster war von einem frommen Könige gestiftet worden, der selbst zuweilen nicht ungerne durch die neu angelegten Gärten und Lauben schritt und die sittsamen Jungfrauen mit väterlichem Wohlgefallen betrachtete, Gott dankend, daß er nicht in jener heidnischen Religion geboren war, in welcher die Könige ihren wohlgearteten Frauen nicht Klöster, sondern Harems anlegen. – Es war eine hohe Grundsumme für die Anstalt hinterlegt worden; außerdem mußte jede eintretende Novize ihr gutesSchärflein mitbringen, und nebstbei waren alle Güter und Höfe in weiter Runde dem Kloster gabpflichtig, alljährlich gingen der älteren Schwestern dreie mit großen Körben und Säcken hausiren, um die Gaben einzuheimsen. Was ferner Gott in den Gärten und im Hirschwalde wild wachsen ließ, das sammelten die in so vieler Hinsicht bienenfleißigen Nonnen auch ein – und so ließ sich auf bequeme Weise ein recht frommes Leben führen und mit Gebet, Gesang und erbaulichen Betrachtungen dem Himmel zustreben.
Es waren wohl auch strenge Satzungen aufgeschrieben, um die Sittsamkeit, sonderlich die Keuschheit zu hüten, die indeß, wie jedes Meistergesetz, nach Bedarf und Umständen gewendet werden konnten. Das Bedenkliche dabei war nur, daß zu Sittenrichtern und Vollstreckern der Strafurtheile stets die älteren Jungfrauen, die Patriarchinnen sozusagen, bestimmt waren. Die irdische Gerechtigkeit kennt keine strengeren und unerbittlicheren Richter, als derlei gottselige Matronen, die niemals gefallen zu sein glauben, oder den Fall zu verheimlichen wissen, oder desselben selbst vergessen haben.
Es lebten an die dreißig Jungfrauen in den Mauern zu Taubenzell, die der Sage nach thatsächlich so unschuldig wie die Tauben gewesen sein sollen.
Doch hatte sich einmal – es war etwa sechzehn Jahre vor den hier erzählten Begebenheiten – etwas sehr Besonderes ereignet. Der Wolf im Hag genannt, das war der Besitzer der Hageburg, eines großen Gehöftes jenseits des Berges, ein kräftiger herrischer Mann, hatte eine Nonne aus Taubenzell entführt. Es war dabei keine Vermummung und keine Strickleiter und kein Mauerdurchbruch in Anwendung gekommen, denn die Nonne ging gern, ging von selbst, kam ihm schon auf dem halben Wege entgegen. Sie hatte es beiZeiten eingesehen, daß ihr jung’ Fleisch und Blut nicht just ausschließlich für’s Beten und Singen gemacht, sondern auch für Gottes liebe Geschöpfe tauglich war; und da war es ihr einmal in den Sinn gekommen, unseren Herrgott könnte es leichtlich verdrießen, wenn sie ihre Talente vergrabe und nicht anwende und ausnütze, wie andere Leute die ihren. Ließ sie sich denn von dem Wolf im Hag gern entführen, und bald war auch die Hochzeit vorbei. Als aber das erste Kind, ein Mädchen, zur Welt kam, da starb das Weib; und als dieses Kind gegen das jungfräuliche Alter schritt, da erfaßte den Mann und Vater jählings der Geist der Frömmigkeit. Er war einer langwierigen Krankheit verfallen, und da er in derselben die Nächte hindurch oft schlaflos in seinem einsamen Bette lag, gleichwohl von jeglichem Ungeziefer verschont, hub doch das Gewissen an, ihn zu beißen. Er kam sich gar entsetzlich lasterhaft vor. Insonderheit quälte ihn der Gedanke, daß er sein verstorbenes Weib dem Kloster entlockt und es dergestalt leichtlich der ewigen Verdammniß zugeführt habe. Und wenn der Kranke doch in einen Schlummer fiel, so war er in demselben sehr unruhig und es erschien ihm im Traume sein Weib in einer Gestalt, welche die Muthmaßung von der Verdammniß nur bestätigte. Darüber fragte der Wolf im Hag einen Priester, und dieser gab ihm zu verstehen, zu Beider, seines und seines Weibes Seelenheil und Sicherheit sei es allerdings räthlich, daß etwas gethan, daß nämlich dem lieben Gott ein ihm geraubtes Schäflein wieder zurückgegeben werde. Das verstand der Wolf und er entschloß sich, sein einzig Kind, sein Töchterlein Gudwella in jenes Kloster zu stellen, aus welchem er sein Weib gezogen hatte. Das heitere, tollwitzige Kind, das trotz einem Knaben den Finken und Goldamseln nachstöberte, die Forellen und Krebse mit bloßenHänden aus dem Waldbache fing, dem kein Graben zu tief und keine Hecke zu hoch war, das mit allen Wesen der Erde seinen Schabernack trieb, sich selbst dabei zum Pfande einsetzte und in allen Lagen seine unbändige Lebhaftigkeit und gutmüthige Lustigkeit bewahrte – dieses Weltkind sollte nun in’s Kloster gehen. Doch war es beschlossen, und daraus machte sich Niemand weniger etwas, als Gudwella selber. Das Mädchen freute sich ordentlich auf das viele Beten und Singen, weil es mit seiner schallenden Stimme alle anderen Klosterfrauen leichtlich zu überschreien hoffte. Das Mädchen nahm sich vor, im Kloster mit beiden Händen fromm zu sein, und zeitweilig auch noch mit den Füßen nachzuhelfen, kurz, in den Mauern zu Taubenzell ein recht lustiges Leben zu führen.
Hat’s auch so gehalten, die kleine Jungfrau Gudwella, und gleichwohl in Zucht und Strenge gehalten, zu ernsten Betrachtungen und trübseligen Dingen angeleitet, war doch nichts, wovor Gudwella zurückschreckte; sie war in Allem dabei und mitten d’rin, und sie verstand Allem die leichte und heitere Seite abzugewinnen, und war immer vergnügt, oft ausgelassen, während sie sonst Jegliches zur Zufriedenheit der Oberin verrichtete.
Wir haben ihre Art heute auf dem Waldwege bereits ein wenig kennen gelernt.
Als Gudwella sich nun einsam in dem dunklen stillen Wasser sah, in welchem vorhin der Edelknabe geschwommen war, da trat sie etwas Eigenes an, sie wußte nicht, wie ihr war, was sie sollte; es kam ihr vor, als müsse sie in dem Gewässer noch die Wärme empfinden, die der Knabe in ihm zurückgelassen hatte. – Ihr Uebermuth war völlig geschwunden, es ging ihr durch’s Mark, schier als ob ein seltsam Gift in den Tropfen wäre. Sie rang mit den Wellen, an ihrenBusen wollten diese sich legen wie Blei und Glut. Sie war in Gefahr unterzusinken, da schrie sie plötzlich: „Dieses Wasser ist verhext!“ und schwang sich an das Ufer.
Zitternd zog sie die Linnen an, die vom Gischten naß geworden waren, so daß dieselben sich nun glatt und weich um die Formen ihrer Glieder schmiegten und dermaßen wohl auch das Wandeln erschwerten.
Sie irrte im Walde umher und war in sich verloren; sie horchte dem Wasserrauschen und erschrak wieder vor demselben. Ein weißes, verlaufenes Kaninchen fing sie ein, setzte sich damit auf das Gras und hub es auf ihren Schoß. Das Thierchen glotzte sie mit seinen rothen Augen treuherzig an und zog fortwährend sein Näschen aus und ein. Dann erhob sie sich, stellte das Kaninchen auf ihre linke Achsel und sagte: „Pst, da oben bleibst jetzt hocken und muckst dich nicht!“ Darauf fand sie reife Erdbeeren, pflückte dieselben in ihr Körbchen, und das Thierchen saß wirklich ganz ruhig auf ihrer Schulter, nur daß es ein klein wenig an dem feuchten Lockenhaar nagte und zupfte und dabei recht aufgeweckt seine langen Ohren spitzte.
Als Gudwella endlich dem Thale des Klosters zuhüpfte, hatte sie ihre tollwitzige Laune vollständig wieder gewonnen und versuchte, ob das Kaninchen zur Feier ihres Einzuges in die geweihten Mauern denn nicht auf dem Scheitel ihres Hauptes hocken wolle. Und richtig, mit solch’ lebendigem Haarschmucke schritt nun das Mädchen schalkhaft bedächtig in das Refectorium ein, in welchem die graue Gemeinde der Nonnen bereits beim Mahle zusammen saß.
Jetzt aber erhob sich eine ältere Schwester von ihrem hochlehnigen Sessel, winkte, ohne auch nur ein einziges Wörtchen zu sagen, dem Mädchen zu, umzukehren, und trieb dieses in wahrer Form zur Thür hinaus.
Einige Stunden später saß Gudwella auf dem Sünderbänklein in der grauen Halle; und alle Schwestern waren in diesem Raum versammelt, aber jede hielt sich fern von der weltlustvollen Tochter des Wolf im Hag, über die nun das Gottesgericht hereinbrechen sollte.
Bald kam die Oberin herangeschwebt; sie hielt ihr betagtes Haupt aufrechter, als sonst; ihre linke Hand legte sie an die Brust, über welche ein goldenes Kreuz hing, die Rechte hielt sie etwas gehoben, um mit derselben den Gruß zu winken. Gemessen und streng stand sie nun da. Noch hatte sie keinen Blick auf das Mädchen geworfen, das auf der Sünderbank saß und nicht recht wußte, was es heute für ein Gesichtchen ziehen, ob es ausnahmsweise einmal ganz ruhig und feierlich sitzen bleiben, oder ob es sich behendig erheben und der Aebtissin ihre heiteren und zierlichen Grüße machen sollte.
Die Oberin wendete sich an die Reihen der Nonnen und hub an so zu reden: „Liebwerthe Schwestern! Wir hatten gehofft, eher in das Grab steigen zu dürfen, als ein Unglück zu erleben, wie ein solches über unser gottgeweihtes Haus hereingebrochen ist. Wohl war uns seit geraumer Zeit schon bekannt, daß ein Weltkind in unseren Mauern weile, für dessen Heil wir stets den Segen des Himmels erflehten; aber wir haben nicht gewußt, daß eine gefährliche Sünderin in unserer Mitte lebe, die, weil mit mancher bestechenden Eigenschaft ausgestattet, leichtlich Verderben und das schrecklichste Unheil über unsere theuere Gemeinschaft bringen könnte. Gottes Rathschluß hat uns aber die Gefahr gnädigst aufgedeckt, freilich durch ein Vorkommniß, das wir tief bedauern, durch ein Aergerniß, das uns erschüttert hat. Möge das gedachte Wesen Gott danken, daß es noch nicht die ewige, sondernvormal nur die irdische Strafe ist, der es anheimgefallen. Die Satzungen unseres heiligen Ordens haben für eine so gröbliche Uebertretung der Tugend kaum eine Sühne, sondern den unmittelbaren Ausstoß aus unserem Hause. Da wir aber zu Gott hoffen, daß er das so junge, leichtfertige Weltgeschöpf noch erleuchten werde, so wollen wir demselben Gelegenheit geben, sein schweres Fehl in unseren Mauern zu büßen. Wir ordnen zu Recht, daß die Novize, Gudwella genannt, die Tochter des Wolf im Gehage, vom Feste der Apostelfürsten Petrus und Paulus an drei Tage und drei Nächte hinter zweifachen Thüren in die stille Herberge verschlossen werde.“
Ein Schauern ging durch den Kreis der Schwestern, und selbst Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, erblaßte.
Die stille Herberge, das war kein trauter Ort, das war eine Kammer unten im alten, verlassenen Meierhofe, der am Rande des Gottesackers stand, in dem die alten Rüst- und Folterwerkzeuge aufbewahrt lagen, in dem das Beinhaus und auch die Wohnung des Todtengräbers war. Die stille Herberge, die zudem noch mit gar seltsamen Geräthen ausgestattet war, diente dem Kloster Taubenzell zur Bußkammer. Der Meierhof stand eine Strecke abseits vom Kloster in einem verwilderten Hain von Erlen, Birken und blassen Weiden.
Als Gudwella gemerkt, daß sie der Gegenstand der Versammlung im grauen Saale war, hatte sie sofort sehr aufmerksam der Rede der Oberin zugehört, und war wirklich ein wenig erschrocken, als von einer Sünderin verlautet wurde, die in die stille Herberge müsse. Sie kannte die stille Herberge vom Vorübergehen; da hatte sie einmal durch das Gitterfensterchen hineingeguckt und aus Vorwitz laut gefragt, ob Niemand daheim sei, bis sie einen offenen Sarg gesehen, der für die Büßerinnen als Bettstatt bestimmt war.
„Je, dies Bett wär’ mir viel zu klein!“ hatte sie hierauf hell gerufen und war davongehüpft. –
„Ist das, weil ich mich oben im Wald gebadet habe?“ fragte jetzt die verurtheilte Novize eine Nebenstehende, die aber sogleich zurückwich und keine Antwort gab.
„Ehrwürdige Frau Oberin“, sagte Gudwella hernach zur Aebtissin, die auf ihrem Platze noch stehen geblieben war, „warum zu Peter und Pauli erst? Muß es schon sein, so will ich gleich in den Kotter hinein, daß ich bald wieder herauskommen kann.“
Ueber diese Bemerkung war ein großer Theil der Schwestern entrüstet. Die Oberin richtete sich noch höher auf. Sie hatte erwartet, daß das Weltkind einen Fußfall thun und um Gnade flehen werde, die sie denn vielleicht bereit war, auch zu geben. Nun ihr aber diese neuerliche Leichtfertigkeit, dieser schier gotteslästerliche Trotz entgegentrat, war sie sofort fest entschlossen, das strenge Urtheil, wie es noch selten zu Taubenzell gefällt worden, an Gudwella auszuführen.
Nun vergingen noch der Tage sechs, da war Peter und Paul. Von den betagtesten drei Schwestern wurde die Tochter des Wolf im Hag zum Meierhof geleitet, von dem nur das finstergraue Giebeldach über das hochwuchernde Baum- und Buschwerk emporragte.
Der Todtengräber, ein alter, vierschrötiger Mann, mit Knochen so knorrig und wuchtig, als hätte er dieselben im alten Beinhause eigens für sich herausgemustert, hatte bereits von Allem Kenntniß, über Alles Auftrag. Der nahm nun die Jungfrau an der Hand, blickte ihr mit seinen grauen, alterstrüben Aeuglein in das Antlitz und murmelte: „Beim Kreuz, das ist einmal eine Sünderin, die sich gewaschen hat!“ Und er führte sie durch einen niedrigen Thorbogen, an dem derEpheu rankte, führte sie durch einen öden Hof, in welchem dort und da ein Fensterlein mit eisernen Balken war, aus dessen weiten Fugen aber nichts als graue Heuhalme hingen. Dann führte er das Mädchen einen finsteren Gang entlang, schloß ein Thor auf und hinter sich wieder zu, führte das Mädchen durch einen zweiten Gang, in welchem Holzmodergeruch wehte, schloß endlich wieder ein Thor auf und sagte: „Nichts für ungut, ich hab’ das Stüblein recht gelüftet; da sind die Bücher, da ist der Betschemmel, da ist das Lager, da ist das Brot; das Wasser werde ich noch bringen.“
Die Flügelfenster mit den kleinen, sechseckigen Scheibchen standen offen; vor dem Eisengitter fächelten die thauigen Zweige einer Birke, zwischen denselben war die Aussicht auf begraste Hügel, über welchen braune und graue Holzkreuzlein ragten. Die Bücher, welche auf einem altarartigen Tischchen lagen, bestanden aus Erbauungsschriften, geziert mit Kupfern aus der Leidensgeschichte der Heiligen. Der Betschemmel war ein eckiger Stein, der aus dem Boden ragte. Als Bettstatt diente ein Sarg, der so grau und wurmstichig war, daß man auf die Vermuthung kommen konnte, er habe schon drei Jahre lang unter der Erde gestanden. Das braune Laibchen des Brotes war das Einzige, was freundlich an das Leben gemahnte. Der irdene Wasserkrug war nun auch herbeigeschafft worden; der Todtengräber sagte: „Drei Tage werden vergehen, wie die siebenundvierzig Jahre vergangen sind, die ich in diesem Hause verlebe. Hab’ manch’ Andere hier hereingeführt, in deren Haut nicht Jede stecken möchte; Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug.“ Sagte es, verschloß die Pforte und schlich durch den hallenden Gang davon.
Kaum war Gudwella allein, so streckte sie die Hand aus dem Fenster, riß einige Birkenzweige ab und schmückte damit ihr Haar sowohl, als auch ihre unheimliche Lagerstatt. Dann blickte sie im Gemache umher, fand aber nichts als die grauen Wände; auf dem bestaubten Ofen lag ein bestaubter Todtenschädel, den schlug sie mit einem Birkenzweig herab, daß er über den Boden kollerte, dann rief sie: „Oho! Hast dir weh gethan!“ Sie wollte den Schädel zum Fenster hinauswerfen, allein das eng geflochtene Gitter ließ ihn nicht durch; da sagte Gudwella: „Siehst du, jetzt haben sie dich auch eingesperrt, und jetzt halten wir zusammen.“
So hatte das Mädchen in der stillen Herberge die erste Bekanntschaft gemacht. Ihr natürlicher Humor, der gute Geselle, war mit ihr in das Gefängniß gegangen; freilich hatte er eine etwas andere Farbe und Tonart, wie da draußen im freien Wald; aber der Schalk war es doch noch immer. – Schließlich wand Gudwella dem Knochenschädel ein Birkenkränzlein um die Stirne: „Könntest ja mein Bräutigam geworden sein, wenn du nicht wahrscheinlich eine tugendsame Klosterfrau gewesen wärest....“
Aber für die Länge unterhält sich’s mit einem Todtenkopf nicht recht possirlich, und als der Tag vorüberging und von der reichen, heiteren Welt draußen nicht einmal eine Mücke zum Fenster hereingeflogen war, dachte Gudwella an das Wort des Todtengräbers: „Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug!“ – Im Wasserkrug war Wasser: sie lugte doch hinein, ob der gute Mann nicht etwa süßen Meth in denselben gethan habe. Es war Wasser, jedoch, im dunklen Spiegel desselben war ein rosig’ Köpfchen gezeichnet und gemalt – ihr eigen’ Angesicht lächelte ihr entgegen und zeigte die weißen Zähnchen und die hellen Aeuglein und das zierliche Näschen, das glatt und sauber war über und über, und auf dem kein böses Haar stand. – Das machte ihr vielen Spaß, und sie blies in den Wasserspiegel, daß alle Theile des Gesichtchens wie Quecksilber zitterten, und darüber lachte sie hell und ergötzte sich.
So war der erste Tag vergangen. Aber die erste Nacht? Im Sarge lag Stroh: Gudwella warf es nicht heraus, um sich auf dem kalten Boden ein Lager zu bereiten. „Vor dir fürchte ich mich schon lange nicht“, hatte sie zum Sarge gesagt, „du bist auch im grünen Walde gewachsen, wie ich.“
In der Abenddämmerung blickte sie noch hinaus in das Freie, wo Fledermäuse flatterten und Johanniswürmchen schimmerten. Zwischen den Kreuzen huschte es wie eine dunkle Gestalt dahin....
Gudwella schloß das Fenster.
Der Edelknabe hieß Rodam. Er war ein Sohn der ritterlichen Krimburger und hatte sich bislang im Kerngulder Schlosse als Page der Jugend erfreut. Er hatte hier die Feinheit und Sittigkeit der Frauen und die Tapferkeit und den Edelmuth der Männer gesehen. Er hatte der schönen Schloßfrau den Becher goldbraunen Methes kredenzt, er hatte dem Herrn das funkelnde Schwert an die Seite geschnallt. Er hatte die Armbrust im Walde geführt, er hatte gelernt, das feurige Roß zu zähmen. So hatte es sein Herr Vater gewollt und freute sich seines kräftigen und wohlgestalteten Sohnes, der nun im Kerngulder Schlosse zum Ritter geschlagen in die heimatliche Burg zurückkehren sollte.
Inzwischen jedoch ereignete sich die Geschichte, die hier erzählt wird.
Am Vortage seiner Ritterweihe zog Rodam noch durch den Wald, durch den er so oft gewandelt und geritten war, und von dem er nun Abschied nehmen sollte. So kam er auch zur schattigen Schlucht und zur Wassertiefe, in die er seinen Leib so oft getaucht hatte. Das wollte er auch heute noch einmal thun: die Knabenschaft soll weggeschwemmt, der junge Ritter soll getauft sein in den kalten Fluthen des Waldes.
Am andern Tage aber, kaum eine Stunde danach, als das breite Schwert auf seine Schulter niedergesunken war, vernahm es Rodam bei festlichem Mahle wie eine Mär’, daß im Kloster Taubenzell eine wunderholde Jungfrau zur Gefangenschaft im Todtenhause, die stille Herberge genannt, verurtheilt worden, weil sie sich im Walde gebadet habe an der Stelle, wo vor ihr ein Jüngling im Wasser geschwommen sei.
Als Rodam diesen Bericht vernommen hatte, setzte er seinen silbernen Humpen an den Mund und trank ihn aus.
Und ehe er noch zurückkehrte in seiner Väter Burg, durchstreifte er die Gegend, um die Wahrheit des Gerüchtes zu erproben, umkreiste das Kloster, um die Jungfrau, wie sie ihm beschrieben war, zu sehen. Er sah sie nur von ferne, aber er erfuhr genau die Tage und Nächte ihrer Gefangenschaft. Da sagte er zu sich: „Minnedienst ist Ritterthat! Die Jungfrau, die vielleicht meinetwegen duldet, soll nicht verlassen sein.“
Er faßte der Pläne mehrere. Vor dem Fenster stehen und Lautenspielen zur nächtlichen Weile war ihm zu knabenhaft. Den alten Wart bestechen, wollte ihm nicht recht möglich scheinen; denn der Alte war ein ehrlicher Klotz, der brachte selbst die goldenen Ringlein, so an den ausgegrabenen Gebeinen hingen, den Erben zurück. Aber ehrliche Leute sindja leichtgläubig, und weil sie nicht betrügen, so müssen sie betrogen werden, damit auch an ihnen des Lebens Gleichgewicht zur Geltung komme. –
Als jedoch am Peter- und Paulitag der Abend nahte, für den Rodam schon so Manches vorbereitet hatte, da stieg eine Nonne nieder vom Klosterhügel und begehrte bei dem alten Gräber Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blute die nächtlichen Stunden zu mildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, so wie es die Oberin befohlen habe.
„Ist einmal ein vernünftig Gebaren das“, brummte der Alte, „sollte es ihr schon nach dem Psalm nicht verlangen, so wird ihr gewiß ein Plauderstündchen willkommen sein.“ Und er geleitete die Schwester durch die Gänge und Pforten in die Zelle der Jungfrau. Dann drehte er knarrend wieder die beiden rostigen Schlösser ein und schritt langsam und schier erleichterten Herzens in sein Stübchen am Haupteingange zurück.
Gudwella, die am Fenster saß, war eben beschäftigt gewesen, aus Brotkrümelchen einen Edelknaben zu kneten; nun hatte sie das Gebilde sofort zwischen sich und der Mauer hinabsinken lassen und blickte verwundert auf die eingetretene Nonne, die im Dunkeln stand und sich kaum regte.
„Ei,“ fragte Gudwella endlich, „habt Ihr auch die Tugend verletzt, daß Ihr hier seid?“
„Ich habe mich auch im Waldwasser geatzt,“ versetzte die Schwester, „und darum bin ich hier.“
Gudwella stutzte. Was war das für eine Stimme? Die kannte sie nicht, die hatte sie im Kloster nie gehört; ein solcher Ton geht nicht aus Frauenmund.
„Jungfrau, ich bitt’ Euch, woll’t mich nicht verdammen,“ sagte jetzt die fremde Gestalt, „wenn es so ist, daß Ihr meinetwegen hier schmachtet, so will ich Euch zur Gesellschaftsein an diesem rüchigen Ort, der für ein so junges und schönes Frauenbild nicht will geschaffen sein. Ich bin Rodam, der Sohn der ritterlichen Krimburger, und selbst zum Ritter geschlagen vor wenigen Tagen im Schlosse der Kerngulder. Ich bin der Knab’, den Ihr in der Bergschlucht mögt gesehen haben, dem Ihr nachgefolgt seid und dessentweg’ Ihr der Freiheit beraubt worden. Jungfrau, ich bitt’ Euch um die Gunst, lasset mich Euer Wächter sein.“
Bei diesen Worten war der Nonnenhabit von der Gestalt niedergesunken und ein junger Rittersmann stand da in herrlicher Schönheit des Leibes und im stolzen Schmucke seiner Würde.
Die Jungfrau saß unbeweglich am Fenster. Es war in der Dunkelheit nicht zu sehen, wie sie erblaßte, wie sie zitterte und wie ihr Aug’ im Zorne glühte. Sie wollte den kühnen Eindringling von sich weisen, sie wollte um Hilfe schreien, allein in ihrer Brust wüthete ein Kampf, den sie bisher noch nie empfunden, und ihre Zunge war wie gelähmt. Endlich sank ihr Haupt und sie hub heftig zu schluchzen an.
Da sank der Ritter auf sein Knie und sagte: „Jungfrau, was soll das bedeuten? Ich versteh’ es nimmer. Ich habe mich verleiten lassen, vielleicht durch Uebermuth, vielleicht durch Eitelkeit, die dem Ritter nicht geziemt; vielleicht wohl auch, weil ich Euere holdsame Gestalt im Garten erblickt. Wie sehr Ihr angelegen mir seid – daß ich um Euretwillen der Ritterehr’ vergessen, zur List gegriffen hab’, das mag’s Euch weisen. Nun bin ich da; am Morgen, wenn der erste Fink wird singen und die Grasmücke zirpen, wird nach der Verabredung der Pförtner wieder erscheinen und die Nonne von dannen geleiten. Rodam aber wird hier auf seinem Knie ruhen die ganze Nacht und Euch anflehen um Verzeihung.“
So sprach der Jüngling. Gudwella aber hatte sich erhoben und das Lichtlein angezündet auf der rostigen Lampe. Rodam hatte eine Kohle aus der Ofennische genommen. „Jungfrau,“ sagte er, „hier mit diesem Griffel ziehe ich einen Kreis auf dem Boden um mich herum; und wenn ich einen Schritt aus diesem Kreise trete, bevor der Pförtner erscheint, so soll mich der große Gott verdammen auf Erden und bei seinem letzten Gerichte!“ Und er zog mit der Kohle einen schwarzen Ring um sich.
Das Mädchen sah ihm dabei zu, dann sagte es leise: „Ist schon recht, das ist der Zauberkreis, und wenn Ihr über denselben hinausspringt, so holt Euch auf der Stell’ der Andere mit den schwarzen Hörnern und mit der glühenden Kette!“
Es war schon wieder die Schalkheit in ihr.
So lebten sie nun; Gudwella saß am Fenster und blickte in die Nacht hinaus auf den stillen Friedhof, der von den hohen Weiden und Birken des Haines umgeben war, und über den die Sternlein des Himmels funkelten. Rodam stand in seinem Kreise wie eine Statue aus Erz; die Linke hatte er an seinen Gürtel gestemmt, in der Rechten hielt er das entblößte Schwert, das er auf den Boden stützte. Die Locken wallten ihm wild um das jugendzarte Gesicht; seine Lippen, über welchen kaum noch der schattende Hauch der Männlichkeit zu verspüren war, hielt er fest geschlossen, sein großes Auge wendete er nicht von dem Mädchen, das zu hüten und zu schützen er gekommen war.
Endlich wollte Gudwella ein wenig ruhen, und als sie sich in den Sarg niederließ, rief sie lustig wie einst durch das Fenster herein: „Je, dies Bett ist mir viel zu eng!“
Das Licht wurde nicht ausgelöscht; da könnte, schloß das Mädchen, der Rittersmann ja seinen Kreis nicht sehen und möchte leichtlich aus Zufall die Grenze überschreiten.
Draußen stand nun der Mond über den schwarzen Wipfeln des Haines, und die Kreuze warfen ihre Schatten über die thaublassen Grashügel, und es war, als ging ein silbernes Spinnengewebe über Alles.
„Geht,“ rief die Jungfrau plötzlich aus ihrem Schreine hervor, „geht, Herr Ritter, laßt Eure schauerliche Weis’ und legt das Schwert aus der Hand, das kann ich nicht leiden.“
Gelassen lehnte Rodam das Schwert an die Mauer, stand aber nichts destoweniger nach wie vor bewegungslos auf seiner Stelle.
Als es aber gegen den Morgen ging und Rodam merkte, daß Gudwella nicht schlummere, sagte er: „Jungfrau, habt Ihr Euch in dieser Nacht gefürchtet?“
„Wovor hätte ich mich fürchten sollen?“ entgegnete das Mädchen, „nicht vor den Todten habe ich mich gefürchtet, weilIhrdagewesen; und nicht vor Euch habe ich mich gefürchtet, weil die Todten nahe sind.“
„So werde ich in der nächsten Nacht wiederum kommen, um bei Euch zu wachen.“
Auf dieses Wort hatte das Mädchen nichts entgegnet.
Nun mußte draußen schon der Fink singen und die Grasmücke zirpen, im Gange hallten die Schritte des Thorwarts. Rodam hüllte rasch den grauen Habit um, that die dazugehörige Kapuze über das Haupt, und als der Schlüssel im Schlosse knarrte, stieg er aus seinem Kreise und machte eine schier minnesame Verneigung vor der Jungfrau, die sich in ihrem leichten Kleidchen halb auf dem Lager erhoben hatte.
Der schlaftrunkene Alte führte hierauf die Nonne hinaus, schloß die Pforten; und als die letzten Schritte in den Gängen verhallt waren, da fand es Gudwella gar einsam und öd in der Kammer, genannt die stille Herberg.
Am zweiten Tag versuchte es die junge Büßerin, einen großen, roth und blaugefleckten Schmetterling durch das Fenster zu locken, was ihr aber nicht gelang; der schöne Falter setzte sich wohl an ein Birkenreis und lugte ein wenig in das Gemach; der goldlockige Mädchenkopf mochte ihm gefallen, aber die Kammer war ihm zu dunkel und so flatterte er wieder davon. Bald darauf sah Gudwella auf einem Birkenblatte eine schwarze Puppe mit hellrothen Sternchen kleben. „Wart,“ sagte sie freudig, „jetzt bekomme ich aber doch noch einen herein!“ Sie löste das Blatt behutsam ab und legte es in der Kammer auf das Tischchen. Sie legte auch noch andere Blätter dazu, deren sie vom Fenster aus habhaft werden konnte; und sie verwahrte das Püppchen sorgfältig zwischen all’ dem Grünen, und wartete nun, bis das Ding flügge werden sollte.
Es verging der Tag, es kam frisches Brot und frisches Wasser; es ließ sich die Oberin erkundigen, ob die Novize ein besonderes Bedürfniß oder ein Seelenanliegen habe; sie sandte bei dieser Gelegenheit ein Fläschchen erfrischenden Getränkes, welches die Büßerin aber mit einer etwas störrigen Bemerkung zurückschickte. Es kam auch sonst der Alte noch mehrmals in die Kammer, aber der Schmetterling schlüpfte nicht aus.
Und zur späten Abenddämmerung meldete sich wieder die Schwester bei dem Pförtner und verlangte Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blut die nächtlichen Stunden zumildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, wie es die Oberin befohlen habe.
Der Eintritt war ganz wie in der ersten Nacht, nur daß Gudwella diesmal den Ritter schon erwartet zu haben schien. Sie hatte ein Schnürchen in Bereitschaft, das sie vom Henkel des Fensters bis an die gegenüberliegende Wand so ziehen wollte, daß es die Kammer in zwei Theile schnitt, den einen für Gudwella, den andern für den feinen Rittersmann. Der Kohlenkreis, meinte sie bei sich, sei doch zu eng gezogen und könne gar so leicht übersehen werden in der nächtlichen Dunkelheit, wenn etwa das Oel der Lampe ausginge und das Licht verlösche.
Rodam hatte nichts dagegen einzuwenden. Er legte die Vermummung ab und konnte sich nun in dem ihm angewiesenen Raume etwas freier bewegen, als in der vorigen Nacht.
Gudwella blickte wieder zum Fenster hinaus und sagte auf einmal: „Ei, das ist doch schön, jetzt steigen aus den Gräbern die Funken auf.“
Rodam eilte, um zu sehen. Glühende Johanniswürmchen schwebten über den Hügeln. Gudwella lachte, daß sie durch ihren bildlichen Ausdruck den Ritter an’s Fenster gelockt habe. Der Jüngling, dem Mädchen einmal so nahe gekommen, wahrte seinen Vortheil, ohne jedoch im Geringsten an die Grenzschnur zu streifen.
Das Mädchen hub an zu schwätzen, erzählte vom Walde, vom heimatlichen Hofe, mischte allerlei kleine Schwänke darunter; dann aber begann es auch an den jungen Rittersmann in recht zierlicher Art unterschiedliche Fragen zu stellen, die er mit Freundlichkeit und Minne beantwortete. Dann sagte sie, wie ihm doch das schwarze, weite Wamms mit den hellrothen Schlitzen über der Brust so gut lasse, aber dieobere Schleife, achte sie, müsse er etwas knapper ziehen. Rodam stellte sich an die Schnur und sagte: „Jungfrau Gudwella, ich kann es mit meinen Augen nicht sehen, wie mir die Schleife am Halse steht; ich bitt’ Euch daher, daß Ihr mir sie nach Eurem Ermessen zurechtrücken wolltet.“
Da hob das Mädchen die zarten Hände bis gegen das Kinn seines jungen Hüters, zog die Sammtschleife knapper, ließ sie wieder locker, daß der weiße schlanke Hals ein wenig herauslugte, und band sie dann um so fester und enger zusammen. Rodam versäumte nicht den Augenblick, als nach vollbrachtem Werke die Händchen sanken, um dieselben mit den seinen aufzufangen und minniglich zu küssen. – Dabei nun strich er freilich ein wenig an die Schnur, daß dieselbe bis an ihre Enden hin erzitterte.
Ueber den Wipfeln des Haines stand wieder der Mond und goß, trotz des trübflackernden Lämpchens das weiße Bild des Fensters mit seinen dunklen Rahmen und Gittergewinden auf den Boden der Kammer.
„O nein, Mond“, sagte da Gudwella, „mit dem bloßen Schein bin ich nicht zufrieden, ich will dein ganzes kugelrundes Leiblein bei mir im Kämmerl haben.“
Sofort stellte sie den vollen Wasserkrug an’s Fenster. „Gucket, Herr Ritter,“ rief sie, „da d’rin hockt er jetzt, der Schelm; nur zum Trinken muß man ihm was vorsetzen, gleich ist er da.“
Die ganze Mondscheibe blinkte aus dem schwarzen Grunde des Wassers.
„Ja, der hat’s gut,“ entgegnete Rodam, „der braucht nicht erst die Kleider abzulegen, wenn er badet.“
Gudwella schwieg diesmal. Sie entfernte sich ein wenig von der Schnur, und der Jüngling wog erst jetzt das ausgesprochene Wort, und es war ihm weh’, das reizende Kind verscheucht zu haben. Es war ihm jählings gar schwül in seiner Brust, er schlug den Fensterflügel auf und lehnte sich an die Brüstung.
„Warum thut Ihr das?“ sagte Gudwella, „Ihr müßt das Tuch über’s Haupt legen, wenn Ihr zum Fenster geht.“
„Es schreit der Nachtvogel so stark,“ sagte der Jüngling.
„Der Nachtvogel? Herr Ritter, vielleicht fliegt er herein, daß wir ihn füttern könnten,“ versetzte das Mädchen, welches alles Gethier und selbst die Nachteule um sich versammelt haben wollte. Sie eilte an das Fenster, um zu horchen; und jetzt waren da die beiden Häupter so nahe beisammen, daß Gudwella fühlte, der Rittersmann habe eine heiße Wange, daß Rodam vernahm, wie der Jungfrau das Herzchen schlug. Und da war es plötzlich dem jungen Edelmann, der rechts stand, als ob er den Vogel nur mit seinem linken Ohre höre, dem Mädchen hinwiederum schien es, als ob derselbe zur Rechten schreie – sie wendeten ihre Köpfe, und so fügte es sich, daß jählings die zwei Paar Lippen aneinander glitten....
In demselben Augenblicke hallten draußen im Gange die Schritte eines Nahenden. Es sang noch nicht der Fink, es war erst Mitternacht. Rodam schlüpfte nicht in seine Vermummung, er griff nach dem Schwerte. Gudwella aber erhaschte ein Psalmenbuch, schlug es auf und betete laut im gewohnten Litaneienton:
„Mein Leben wollten sie vertilgen in der Grube, sie legten einen Stein auf mich. Schon schlug das Wasser über meinem Haupte zusammen, ich dachte, es ist aus mit mir. Da rief ich aus des Abgrundes Tiefe, Jehova, Deinen Namen. Du nahtest Dich am Tage, als ich Dich um Hilfeflehte, und sprachst: Fürchte Dich nicht! Du, Herr, führtest die Sache meiner Seele, Du rettetest mein Leben!....“
Als der alte wachsame Todtengräber vor der Thür hörte, daß die Büßerin so bete, und also Alles seine Ordnung haben werde, ging er wieder davon. Gudwella aber erschrak baß über das Klagelied des Jeremias, durch welches sie zufällig ihre eigene Herzensstimmung dem Rittersmanne vorgesungen hatte. – Ihre Seele zitterte, ihr Gemüth war schwer. Ohne noch ein Wort zu sagen, legte sie sich in ihren Schrein.
Rodam stand an der Markschnur, die von der Bewegung bei dem vorigen Ereignisse kaum noch zur Ruhe gekommen war, und seine Gestalt sah wieder einer ehernen Statue gleich; nur sein offenes Antlitz war geröthet, und sein großes, dunkles Auge glühte und wollte sich von der lieblichen Schläferin nimmer wenden.
Draußen jauchzte noch zweimal die Nachteule; des Mondes blasse Tafel auf dem Boden hatte sich gar seltsam gegen den Sarg hin verschoben. Das matte Licht der Lampe war verloschen.
Endlich sang der Fink, zirpte die Grasmücke; der alte Wart kam und geleitete die fromme Schwester von dannen. Und als Gudwella erwachte, war sie allein.
Am dritten Tage ließ die Aebtissin der jungen Novize sagen, sie und alle ehrwürdigen Schwestern seien erfreut, daß Gudwella so geduldig und standhaft in ihrer Buße verharre, und man bete für sie, daß sie auch noch den letzten Tag und die letzte Nacht in christlicher Ergebenheit zubringe, auf daß sie rein und gerechtfertigt in die heiligen Mauern des Klosters zurückkehren könne.
Es war dem Stifte viel gelegen an diesem Weltkinde, welches, wenn auch launig, übermüthig und ausgelassen, doch sein irdisch’ Gut der himmlischen Gemeinde zum Opfer brachte. Die bösen Begierden erachtete man durch die stille Herberge wohl als gebrochen; und so wurde erwartet, daß Gudwella, die in dieser Sache weder an ihrem strengen, gottesfürchtigen Vater, noch an einem anderen Freund oder Verwandten eine Zuflucht hatte, nach Verlauf des Probejahres den bindenden Segen, der sie bis zum Tode an das Haus des Friedens fesseln soll, dankbar annehmen werde.
Darum wurden dem Mädchen am dritten Tage seiner Gefangenschaft die obigen gütigen Worte gesagt. – Zwei Schwestern hatten sie gebracht, waren aber bald wieder aus dem unheimlichen Gemache davongegangen. – Die haben es eiliger, als die brave Nonne, die zur Nachtzeit kommt, um der armen Büßerin christliche Beistandschaft zu leisten – hatte sich der Pförtner gedacht.
Dann hatte der Alte der Gefangenen wieder die nöthigen Dinge gebracht, und hatte schließlich gefragt, ob noch Oel in der Lampe, worauf Gudwella „ja“ geantwortet, und hatte die Zelle verlassen.
An diesem Tage waren zwei Hummeln in das Kämmerlein geflogen, hatten um das Haupt des Mädchens eine Weile herumgeläutet, hatten hierauf Hochzeit mit einander gehalten.
Der Schmetterling unter den Birkenblättern aber hatte sich noch immer nicht entpuppt, und das Mädchen blickte sehnsüchtig in den sonnigen, blühenden Tag hinaus, in welchem überall das Leben spann und klang. Die Hügelchen schienen sich nach und nach zu ebnen, selbst die hölzernen Kreuze morschten und sanken der Erde zu, während aus dieser Halm um Halm, Blüthe um Blüthe in reicher Fülle sproßte.
Endlich kam auch des dritten Tages Abend und mit ihm die Nacht. Bei dem Pförtner meldete sich wieder die Klosterfrau, im Kämmerlein erschien der Ritter.
Er grüßte minniglich, sie dankte fein. Er hob ihre weiche Hand zu seinen Lippen, sie lächelte mild. Sie war heute nicht übermüthig und sie war nicht verzagt; sie war der Jungfrauen holdeste – sie dankte süß, daß er gekommen.
Sie hatte heute keine Schnur gezogen, und auch der Kohlenkreis war verwischt. Als sie die Lampe wollte anzünden, war kein Oel darin. Also bat sie den jungen Rittersmann, daß er auch in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten, ihr tugendsamer und treuer Hort verbleiben möge.
„Meine liebholde Jungfrau,“ antwortete der Jüngling, „Rodam hätte Euch Folgendes zu sagen: Seines Vaters Landgüter sind groß, aber sie haben ihre Grenzen ringsum, und diese Grenzen sind mit Marksteinen besetzt, auf daß der Landmann und der Hirt und der Jäger weiß, wie weit sich das Reich erstrecke. Und so muß auch, schöne Jungfrau Gudwella, Rodam’s Reich in Euerem Gemache eine sichtbare Schranke haben, über die er nicht greifen darf, innerhalb derselben er aber schalten und walten mag nach Lieb’ und Lust. – Ihr seht, mildreiche Maid, dort über den Weiden steht der Mond; er legt seine lichte Tafel auf den Boden dieses Kämmerleins; wollet Ihr es erlauben, daß ich Besitz nehme von diesem hellen Viereck und darin verbleibe die ganze Nacht, und darin schalte und walte nach meinem Belieben?“
„Das will ich Euch gerne gestatten, mein höflicher Rittersmann,“ versetzte Gudwella gemessen, „die Zelle ist nicht groß, und es mag mich daher sehr freuen, daß Euere Ansprüche so bescheiden sind.“
Sie hatte erwartet, daß sich wieder Gelegenheit bieten würde, an seiner vielleicht etwas lockeren Bekleidung Einiges zu ordnen. Nun er dort am Ofen wie eine Bildsäule stand und stehen sollte, war an derlei nicht zu denken.
Gudwella hatte von seiner und ihrer Tugendlichkeit einen hohen Begriff, und dachte an nichts, und wußte von nichts, was es außer derselben etwa noch geben könnte. Aber darin war ihre Weltanschauung im Klaren, daß allzu große Bescheidenheit den Rittersmann nicht ziere. Sie that schweigend ihr Oberkleid ab und legte sich in das bereits völlig traulich gewordene Bettlein. Sie löste ihr Haar, sie legte ihren Arm unter das Haupt; dann rührte sie sich nicht mehr, betete still, träumte, schlief endlich ein. –
Rodam aber stand, stets seines Ritterwortes eingedenk, auf dem silberig schimmernden Viereck. Gar still war es im Kämmerlein und draußen, und das freundliche Rund des Mondes zog so langsam über den Wipfel des Haines dahin.
Einmal bewegte sich die Jungfrau ein wenig und hauchte träumend ein süßes Wort.
Rodam sah zum Boden nieder, auf dem sein helles Reich sich still und sachte der mitternächtigen Himmelsgegend zu bewegte.
Es war eine schwüle Nacht; Rodam mußte am Kinne seine Schleife lockern und sein schwarzes Wamms mit den hellrothen Schlitzen über der Brust. Die reichen Locken seines Hauptes waren ein wenig feucht; einzelne Härchen regten sich und zitterten wie im Hauche eines südlichen Lüftchens. Wer es gesehen hätte: aus den Spitzen dieser Lockenhaare haben blaue, glanzlose Flämmchen gezuckt zur selbigen Stunde.
Rodam dürstete nach einem Schluck Wassers, allein von seiner Stelle aus konnte er den Krug nicht erreichen. DieSpitzen seiner Finger waren kalt, er legte sie an die Stirne, an die glühenden Wangen, an die lechzenden Lippen.
So verging Stunde um Stunde in heißer Glut und in stiller Ruh’. Und als die Mitternacht und ein halb’ Stündchen noch verflossen war, da ereignete es sich, daß Jungfrau Gudwella plötzlich vom Schlummer emporfuhr und einen schweren Schreckhauch that.
Die Augen schlug sie auf, da sah sie über sich das helle silberperlende Rad – und die Tafel des Mondes lag auf ihrem Schreine....
In demselben Augenblicke aber schob sich ein Wolkenstreifen, der lange schon am nächtlichen Himmel stand, vor den Planeten; tiefer Schatten stand im Kämmerlein allerwärts. – Der Jüngling hatte keinen eigenen Boden mehr unter seinen Füßen. Das lichte Bereich war verloren. – – –
Am Morgen, als Rodam wieder davon war, flatterte ein buntes Flämmchen im Kämmerlein umher. Der Schmetterling hatte sich entpuppt.
Und als die Sonne aufging und das Glöcklein schallte oben in der Kapelle des Klosters, da kamen der Schwestern sieben, um die standhafte Büßerin aus ihrem düsteren Gewahrsam zu befreien.
Gudwella schritt mit blassem Antlitz und gelöstem Haar aus der Zelle, und ihr Auge senkte sich demuthsvoll zur Erde.
Da war es zur Stunde, daß der alte Thorwart und Todtengräber einen heiseren Ruf der Ueberraschung ausstieß.
Auf einem hohen, wildschnaubenden Hengste kam herangeritten, genau nach Mannesart im Sattel sitzend, die Schwester im grauen Habit, welche die drei Nächte hintereinander gekommen war, um der Büßerin, dem jungen Blut, die nächtlichen Stunden zu mildern.
Und in einem kühnen Satze sprang diese Nonne jetzt vom Roß, weithin flatterte der Habit auf den Sand und ein schmucker Ritter stand da, dem Alten drei schwere Goldstücke in den Hut werfend – als Schlüsselgeld.
Dann, als die sieben ehrwürdigen Frauen mit der jungen Büßerin herankamen, stellte sich der Rittersmann trotzig ihnen in den Weg, begehrte in kühner Sprache, daß man anhalte und ihn höre, und warb dann schön und minniglich um die junge Maid Gudwella.
Und die junge Maid schlug entzückt ihr Auge auf und sah im strahlenden Tageslichte die Anmuth und Herrlichkeit ihres vielgetreuen Hüters. Mit züchtigem Schritt abwendete sie sich von den sieben würdigen Schwestern und legte ihre Hand in die des Ritters.
Im Niedergange stand die blasse Scheibe des Mondes; im Aufgange aber loderte das Flammenrad der Sonne, voll ewiger Majestät verkündend: „Das Leben siegt!“