Das Reich Gottes.
D
Dort auf dem Hochpaß, wo der Waldweg vom freien, sonnigen Hügelland hinüber und abwärts in schattige Schluchten des Hochlandes führt, steht unter einer grauen, zerklüfteten Felswand ein hundertjähriger Lärchbaum.
Er steht einzeln auf einer kleinen umwaldeten Rasenweide. Sein knorriges Geäste strebt nach allen Seiten weit hinaus, als sei es in Wettstreit mit den sich unter dem Rasen hinschlängelnden hundertfältigen Wurzeln.
An der rauhen, vielfach zerklüfteten, harzigen Rinde des Stammes ist ein verwittertes Crucifix angebracht; es wächst schon Moos an den Armen und an der Brust des Gekreuzigten.
Auf dieses Crucifix richten sich die Augen eines Mannes, der im Baumschatten auf dem Rücken liegt, die rechte Hand als Kopfkissen gelegt, mit der linken einen Rosmarinstamm zerknitternd. Die Augen des Mannes sind groß und dunkel, auf seinen bleichen Wangen und Lippen liegt es wie ein schweres Leid. Der junge, schwarze Bart ist ungepflegt – über die langen Haare kriecht eine Kreuzspinne.
Der Mann gewahrt es, er hält den Rosmarinstamm gegen die Stirne und das Thier kriecht über denselben auf seine linke Hand. Diese zittert, es entfällt ihr die Pflanze. Das Thier krabbelt gegen den Elbogen und endlich auf die Brust.
„Ein großes Glück kommt zu mir, denn eine Kreuzspinne sitzt mir am Herzen!“ murmelt der Mann und seine Brust wogt hoch auf.
Aber die Spinne krabbelte darüber hinaus und verkroch sich wieder im Grase.
Der Mann richtete sich etwas empor, strich sich die Locken aus der Stirne und that einen Blick gegen die Himmelsbläue und abwärts gegen das heitere Hügelland, wie es da lag im lichten Spätherbsttag.
Dort über die bewaldeten Anhöhen herauf und über die Felder und die Wiesenau war er gegangen. Hinter jenem bläulichen Waldstrich ragt eine funkelnde Nadel empor – die Thurmspitze des Städtchens.
Dort war der WurzelgraberMartinheute gewesen, dort hatte er seine Wurzeln und Kräuter verkauft und einen guten Erlös eingezogen. Dort war heute Kirchweih und auf dem Kirchhof waren am Vormittag viele Menschen versammelt, an der Mauer des Pfarrhofes hatte ein junger Priester gepredigt. Er predigte von dem Frieden und von der Liebe – von dem Reiche Gottes auf Erden. Und dort im Städtchen war Lust und Musik an allen Ecken und Enden und beim „goldenen Rößl“ hatte Martin die Nothburga zum Tanze geführt, und dort hatten sie heute den Wegmacher Niklas erschlagen.
Niklas ging gestern mit Martin über das Gebirge, auf daß er heute im lustigen Städtchen seinen zwanzigsten Geburtstag feiere; – jetzt liegt er starr und einsam beim Wirth in der Scheune und hat über der Stirne eine lange Wunde. Vom Tanzboden klingen Pfeifen und Geigen und Jauchzer und Jodler herüber, dort winden und flechten sich die Reigen, Herzen an Herzen – sie leben und sind fröhlich.
Es möge klingen und schallen und freudig sein – der junge Priester predigte vom Reiche Gottes auf Erden. –
All’ das ist für den Mann unter dem Lärchbaume nun vorbei und versunken, nur die funkelnde Nadel der Thurmspitze ragt noch empor über dem fernen, bläulichen Wald.
Niklas war Martin’s Freund und Nothburga’s Bruder; Nothburga war Martin’s – Freud und Leid.
Die Sonne sank hinter die Felsen, auf der Hochweide war es schattig, nur draußen auf dem Hügellande war es noch goldig und auf den weißen Straßen zogen Wagen und festlich geschmückte Menschen. Ueber einzelnen Gehöften wehten Fahnen des abendlichen Rauches und die Thurmspitze funkelte und funkelte, als wäre sie ein lebendiges Flämmlein, und weit draußen hinter all dem zog sich das bläulichgraue Band der Hochebene hin.
Viel Leben wogte und athmete da unten, aber kein Ton und kein Schall drang herauf zum einsamen Hochpaß. Nur ein gezogenes, gleichmäßiges Ticken zitterte in der Luft, das kam von der hölzernen Uhr der Waldkapelle, welche in der nahen, von jungem Dickicht bedeckten Schlucht stand. Die Uhr hatte vor zehn Jahren Martin’s Vater, der alte Veit, geschnitzt; es war sein letztes Werk.
Das erzähle ich, weil Martin wohl daran gedacht hatte, als er so da lag unter dem Lärchbaum und sein trübes Auge zum Kreuzbild wendete.
Jetzt erhob er sich, griff nach seinem grünen Filzhut und dann machte er einige rasche Bewegungen mit den Händen, daß er die Trägheit abschüttle.
Martin war ein schöner junger Mann in Alpentracht. Aber – wie die Natur schon oft spielt – er war ein Anderer als Andere. Es lag eine besondere Kraft in ihm – in seinerSeele. Er fühlte diese Kraft, aber er wußte nicht, wie sie in ihm entstanden war und was sie wollte. „Aus mir wär’ was geworden, wenn mich mein Vater in die Schul’ geschickt hätt’!“ Das sagte er oft und mit Bitterkeit. So wie er heute dalag unter dem Baum, so lag er oft, und da hatte er schwere tiefe Gedanken, wie sie sonst der Alpensohn nicht hat; er suchte nach der Kraft, die irgendwo in seiner Seele lag, wie nach einem Schatz, und er wollte sie heben. Sie lag drückend auf ihm, er rang mit ihr, aber er konnte sie nicht fassen, nicht lenken und leiten. – Dann hielt er oft seine beiden Hände lange vor die Stirne und rief aus: „Ich werde noch wahnsinnig!“
Oft war er schon ausgelacht und ausgespottet worden, und wenn er von Zeit zu Zeit gar Einen fragte: „Sag’, hast Du denn noch nie darüber nachgedacht, wie das ist, da sind so viele Millionen Menschen in der Welt und keiner ist glücklich? Ein klein wenig glücklich ist Mancher, aber Keiner ganz; bei Manchem fehlt gar nicht viel, aber es fehlt.“ Wenn er so fragte, so erhielt er die Antwort: „Narr, so schlaf’!“ oder: „Narr, so sauf’ Dir einen Rausch!“ – Und die so antworteten, waren noch nicht die Dümmsten.
Indeß, Martin schlief nur wenig und einen Rausch hatte er sich noch gar nie getrunken. Er zog nur im Gebirge umher und grub Wurzeln und Kräuter. Und wenn er sich auf einen Stein setzte, um auszuruhen, so kamen ihm immer wieder die Gedanken und er murmelte: „Es liegt wo – es muß wo liegen!“
Als sein Vater auf dem Todbett schwer danieder lag, stand er an demselben Tag und Nacht und that Alles, um ihn zu trösten und zu erquicken. Er war betrübt, aber er sagte: „Es muß einmal so sein und da kann Niemand dafür.“
Und als sich Martin einst einen Splitter in den Arm gestoßen hatte und sich in Schmerzen wand Tag und Nacht, und als die Leute sagten: „Ach, der arme Wurzelgraber Martin, ’s ist zum Todterbarmen, wie der leiden muß!“ rief er aus: „Wer kann dafür? Deswegen fällt die Welt ja nicht zusammen und Euch hindert gar nichts, daß Ihr lustig seid!“
Später aber, als von einem blutigen Krieg, der draußen gewüthet hatte, die Krüppel heimhinkten, da stieß Martin einen Fluch aus: „... du Gotteskreuz in der Mörderhöhle! Dafür, daß diese jetzt ein unglückseliges Leben tragen müssen, die Bettler – dafür kann wohl Jemand! Das haben die Menschen angestiftet! – – Wo liegt denn das Mittel, daß sie Alle in Fried’ und Freud’ zusammen leben? Die Erde wäre doch groß und schön genug dazu und Liebe ist auch da, es käme nur darauf an, sie auf das Rechte zu lenken.“
Der Wurzelgraber ging einsame Wege.
Als Martin einmal an einem Sonntagsmorgen der Nothburga begegnete, die, das Gebetbuch und einen Blumenstrauß in der Hand, zur Kirche ging und ihn im Vorübergehen mit ihren blauen Augen heiter anblickte, da blieb er stehen, sah dem Mädchen nach und sagte zu sich: „Inderkönnte es liegen, in der!“
Seitdem sah er Nothburga oft, bis er einmal zu ihr hintrat und sie fragte: „Nothburga, hast Du mich so lieb wie alle anderen Menschen?“
Darauf sagte das Mädchen: „Du einfältiger Wurzelgraber, ich hätte Dich gar lieber, wenn...“
In diesem Augenblick flog hinter dem Gebüsch ein Wildhuhn auf und die Rede der Nothburga kam nicht zu Ende. –
Heute zur Kirchweih waren sie unten im Städtchen und zusammen beim Tanz. Als Martin das Mädchen an die Brust drückend sich durch den Tanzboden wand, dachte er bei sich: Ich hätte es, jetzt mögen auch die Anderen schauen, daß sie fertig werden!
Da entstand im Vorhaus ein Streit zwischen mehreren Burschen wegen einer Tänzerin, er wuchs und wuchs, Wein und Eifersucht waren auch im Spiele, – ein schwerer Keil sauste hin und der Wegmacher Niklas, der Bruder Nothburga’s, taumelte und stürzte an der Treppe nieder. Sein Schwesterlein rief er noch, aber als dieses kam und seinen blutströmenden Kopf in die Arme faßte, da starrten es seine Augen wohl noch an, aber diese waren steif und bewegten sich nicht mehr.
Nothburga hatte einen frischen Rosmarinstamm an der Brust, den gab sie nun ihrem Tänzer Martin: „Da, nimm ihn, er ist nicht für mich – sie haben meinen Bruder erschlagen!“
Und Martin nahm ihn, ging fort aus dem Haus und aus dem Städtchen und über Thal und Hügel – immer aufwärts gegen den Hochpaß. Er war verwirrt.
Dort, unter dem Lärchbaum brach er erschöpft zusammen, als ob auch ihn ein Keil getroffen hätte, dann starrte er zum bemoosten, verwitterten Crucifix auf und flehte im Herzen: „Vater unser, zu uns komm’ Dein Reich!“
Dann zerknitterte er den Rosmarinstamm und dann kroch die Kreuzspinne über sein Haupt und zu seinem Herzen.
Es begann bereits zu dunkeln und vom Hügelland herauf zogen verlorene Klänge einer Gebetglocke.
Martin brach sich vom Lärchgeäste einen Stock, schritt über den Paß und langsam abwärts gegen die Waldschlucht. Plötzlich stand er still und horchte. Ein Uhu krächzte. Der junge Mann schauerte und eilte schnell weiter durch den Hohlweg. Wieder blieb er stehen und that einen gebrochenen Aufschrei. Unten in der Schlucht sah er Lichter flimmern und diese bewegten sich und kamen des Weges entlang ihm entgegen.
Martin verbarg sich unter dem Hang, er zitterte und betete leise.
Und die Lichter kamen näher – ein Gemurmel zitterte durch die Abendstille. Menschen zogen den Hohlweg heran und einer unter ihnen trug auf dem Arm einen kleinen Sarg. Sie sprachen mit gedämpften Stimmen ein Gebet.
Den Letzten, der vorüber kam, fragte Martin, wer die kleine Leiche sei?
Sie war das Kind einer fremden Bettlerin, vor wenigen Stunden erst in einer Waldhütte geboren. Weil der Wurm starb, bevor man ihm Wasser auf das Haupt gegossen, hatte es kein ander’ Begräbniß.
Sie gruben nun in weichem Moosgrund ein Gräblein und legten das Kind der Bettlerin hinein. –
Martin eilte hinaus durch die Schlucht.
Das war heute ein wunderlicher Tag! – Wenn je ein Mensch das Reich Gottes auf Erden entdecken wollte, so müßte er so suchen und sehnen und forschen und verlangen wie der bleiche Bursche, der durch die dunkle Waldschlucht wandelt.
– Ein großes Glück kommt zu ihm – das Glück füralleMenschen, sonst ist es auch kein’s für den Einzigen, der es mit Allen gut meint.
Nie noch rang Martin so mit seinen Gedanken und Gefühlen, als heute; in seinem Herzen glühte es, in seinem Kopfe glühte es. Heim eilte er in seine Hütte und als er die Thür fest hinter sich verschlossen hatte, zündete er einen Kienspan an.
Unter dem Tische der Hütte lagen ein paar Ballen von getrockneten Wurzeln und Kräutern. Diese hatte Martin gesammelt, untersucht und ausgeforscht, aber das, was er suchte und immer suchte, er fand es nicht unter den Gewächsen. Und doch soll ein Kräutlein wachsen auf Erden, in dem es ruht, tief verwahrt und verschlossen, das Heiligthum – denn es ist ja für Alles, für Alles ein Kräutlein gewachsen, nur nicht für den Tod. Unmittelbar neben dem Tisch war ein verworrenes Strohlager, fast zu breit und weit für einen einzigen Müden; es hat auch schon Nächte gegeben, wo dem Burschen auf demselben einsam war. Ueber diesem Bett hingen Heiligenbilder unter Glas und daneben war eine Bretterstelle, auf welcher große, dickbändige Bücher lagen und lehnten – Bücher mit seltsamen Worten und Zeichen aus alten Zeiten.
Martin war in stillen Sommertagen und in wüsten Winternächten oft stundenlang vor diesen Bänden gesessen und hatte geblättert und nachgesonnen über die Zeichen und Geheimnisse, doch keine Lösung und Erlösung hatte er gefunden.
Martin kannte ja keinen einzigen Buchstaben, das s ausgenommen, welches aussieht wie eine Ringelnatter unter den Tannen- und Fichtennadeln des Waldbodens.
Martin hatte gehört, daß ein Buch geschrieben worden sei auf Erden, in dem es ruhe, was er suchte.
Martin legte den Arm auf ein Buch, sein Kopf sank auf denselben nieder und er begann bitter zu weinen.
So weint der ringende Menschengeist, dem das Wissen verschlossen und das Forschen verboten ist!
Endlich stieß Martin das vergilbte Buch in die Ecke, sprang auf, raffte nach Hut und Stab und verließ die Hütte.
Es war der Mond aufgegangen und im dunklen Waldesgrund lagen silberne Tafeln und Fäden und Punkte. Martin schritt darüber hinweg – in diesen bleichen Strahlen lag es doch nicht, was er suchte. Er hatte sie schon gefragt in stiller Mitternacht; er hatte die Sterne angerufen; hatte am Tag der Sonnwende aus dem Windröschen und dem Sesamkraut ein Feuer gemacht und durch den aufsteigenden Rauch in die Sonne geblickt – aber verschlossen blieben die Himmel. Und doch träumte ihm einmal, es gäbe ein Lichtlein im Weltenraum, und das Licht führe zum Heiligthum, das er suchte. –
Und siehe, als der Bursche so durch Wald und Hag dahinschritt, da sah er auf der Haide ein Lichtlein.
Er eilte ihm träumend zu. Eine Hütte stand dort; Martin sehnte sich nach Menschen.
Und als er zur Hütte kam, da fand er in derselben ein Weib einsam und verlassen auf einem Strohbund liegen; das schluchzte gar sehr, weil man ihm sein Kind fortgetragen hatte hinaus in ein fremdes Grab.
Martin setzte sich an die Thürschwelle.
Der Kranken that es wohl, daß ein Mensch bei ihr war, zu dem sie reden und klagen konnte.
Sie war ein armes Weib, war an der Seite ihres Mannes herumgezogen fast schon in der halben Welt; das Volk gab Brot und die Lebensluft dazu gab Gott. Vor einundzwanzig Jahre hatte sie ihrem Manne das erste Kindgeboren und in zwei Jahren darauf auf geheimnißvolle Weise verloren. Der Knabe spielte am Wiesenraine, als sie vor dem Schloßthore eines reichen Mannes Lieder sang, und als sie ihn rief, kam er nicht, und als sie ihn suchte auf der Wiese, auf dem Felde, im Walde – in der halben Welt suchte, fand sie ihn nicht.
Er blieb verschollen bis auf den heutigen Tag; wer ihn fände, am linken Fuß fehlt ihm eine Zehe, das wäre das Wahrzeichen.
Ihr Mann war auch schon zur Ruhe gegangen. Aber bald nach dem Begräbniß des Gatten merkte sie das neue Leben unter dem Herzen; bangend und hoffend zog sie weiter und bettelte sich durch mancher Herren Länder. Hier in der Waldhütte übernachtend, kam die Stunde, das Weib gebar und verlor wieder, und Holz- und Köhlerleute trugen das Kind in den Wald und legten es in ein Grab.
„Und jetzt geh’ ich,“ schloß das Weib ihr Erzählen, „und singe, wo ich Witwen und Waisen finde, meine Gesänge.“
„Gutes Weib,“ entgegnete Martin, „wenn ich singen könnte, ich ging’ mit Euch, vielleicht läge das, was ich suche, im Singen.“
„Im Singen, lieber Mann, liegt Lust und Noth! – Ihr sucht ein glückliches Leben, ein Weib, eine Kinderschaar, ein friedliches Alter; o, bleibt daheim, das Alles liegt in Euren Bergen, bleibt daheim!“
„Daß Ihr mich versteht, Weib, ich suche nicht mein Glück, ich suche das Glück der ganzen Welt – das Reich Gottes auf Erden!“
„Das Reich Gottes auf Erden!“ rief die Bettlerin auflachend und sich emporrichtend, „ei, da sucht wieder einmalein Blinder nach der Sonne, die ihn einst geblendet hat. – Glaubt das einer armen Bettlerin: das Weltglück, wir wissen nicht, wie es aussieht, darum ist alles Suchen vergebens.“
„Aber ich hab’ einen Priester predigen gehört, der sagte von einem Reiche Gottes auf Erden.“
„Es ist auf Erden, ja, und ich weiß auch wo: es ist in dem Herzen eines Kindes, das schlummert.“ –
Wer jetzt den Mond betrachtet hätte! Langsam zog er hinter ein Wölklein und statt der lichten, freundlichen Scheibe sah man am Himmel ein dunkles Herz mit silbernen Rändern. Und das Herz wurde ein scharfes Dreieck und zackte sich aus, – es wuchsen Arme und Glieder und diese streckten sich nach allen Seiten und – jetzt kroch über das dunkle Himmelsgewölbe eine riesige Spinne dahin.
Und wer jetzt in Martin’s Herz geblickt hätte!
Dort wurde ein Märchen wach, wie es einst in einer stürmischen Herbstnacht die Großmutter erzählt hatte. – Im Herzen des Kindes! – Ja, hier liegt ein Geheimniß, eine Zaubermacht – im Herzen des Kindes liegt Himmel und Glückseligkeit – Alles. Und darum hat jener Zauberer, von dem die Großmutter erzählte, ein Kindesherz geraubt und verzehrt sammt dem Geheimniß und der Macht, und er ist allmächtig geworden bis auf Eines. – Ei, dieses Eine – seinen eigenen Namen hat er vergessen und nicht mehr gefunden – er war namenlos. – Vielleicht auch das nicht, wenn er das Geheimniß zu Nutz und Frommen der Menschheit angewendet hätte. – –
Endlich, endlich gefunden, du bleicher Bursche – im Herzen des Kindes!
Ach, Martin, das Märchen der Großmutter war lehrreich; der Zauberer war namenlos geworden, er hatte den Namen Mensch verloren, er hatte ja eine unmenschliche That begangen. Martin, und wie hast Du es so unglücklich falsch verstanden mit Deinem einfältigen Wesen!
Martin bebte, er hielt sich an dem Thürpfosten und wie im Lippenkampf preßte er die Worte hervor: „Auch im Herzen eines Kindes, das todt ist?“
„Auch in dem,“ sagte die Bettlerin.
Der Wurzelgraber erhob sich und ging über die Haide.
Der Mond stand wieder frei und klar am Himmel, als Martin mit einem kleinen Spaten, den er zum Ausgraben von Wurzeln und Kräutern zu verwenden pflegte, von dem Hochpaß, wo der Lärchbaum steht, niederstieg durch den jungen Wald gegen die Schlucht.
Es ist drückend zu erzählen, wie der Mann gekämpft hatte mit seiner Muthlosigkeit, mit seiner Gespensterfurcht, wie er die Stunde beschwor und sich einsegnete mit allen Kreuz- und Wunderzeichen.
Dort stand die Kapelle.
Der Mond war hinter die Felsen gezogen.
Behend und geräuschlos, wie sonst nie, eilte der Wurzelgraber. Plötzlich trat er auf lockeres Moos und sein Fuß stieß an ein Kreuzlein, das im Boden stak. „Hier!“ sagte er und kauerte sich nieder. Fester faßte er den Spaten in die Hand und noch einmal rief er alle guten Geister an. Aber in dem Augenblick, als er das Eisen in den Boden graben will, beginnt es auf dem Thurme der nahen Kapelle zu rasseln und zu klappern, als ob hundert Todtengerippe tanzten.
Martin sprang auf und floh in das Gebüsch.
Das Geräusch währte eine Zeit fort und wiederhallte seltsam im Walde. Endlich war es wieder still.
Vielleicht ist das Uhrwerk abgelaufen, – kam es dem Wurzelgraber in den Sinn, aber er zitterte an allen Gliedern und die Kniee wollten ihm zusammenbrechen. Er beschloß nun, mit seinem Werk zu warten, bis der Tag anbreche.
So blieb er im Gebüsch versteckt, bis der erste Vogelsang wach wurde, bis es graute und sich lichtete und bis über den Ebenen das Morgenroth aufging.
Jetzt begab sich Martin wieder an die Stelle, wo das Kreuzlein stak. – Hier liegt das Kind der Bettlerin begraben ... Das Herz eines Kindes, das schlummert, – das Geheimniß, die Zaubermacht, das Reich Gottes.
Emsig warf Martin das Moos und die Erde aus, mit dem Spaten und mit allen Fingern grub er und endlich stieß er auf den kleinen Sarg.... Den scharfen Spaten stemmte er zwischen die Fugen – es krachte und der Deckel sprang ab.
Da lag es nun, in Lumpen, winzig und bleich und steif, das Menschenkindlein, zusammengekauert, die Händchen über die Brust gekreuzt, wie im Mutterschoß.
Leise rauschte es in den Blättern und Nadeln, auf allen Wipfeln sang und klang es – das Morgenroth strahlte in das Gräblein.
Martin’s Antlitz war fahl, seine großen Augen rollten unstet, zum erstenmal war es ihm, als sei das, was er nun begehen wolle, eine ungeheuerliche That.
Aber im Herzen des Kindes liegt es, und jener Zauberer nahm es heraus und wurde allmächtig! Und die Großmutter hatte die Geschichte so oft erzählt und im Gebirge wurde viel von derlei gesprochen.
Im Beinkleid, am rechten Oberschenkel hatte der Wurzelgraber seine Messerscheide stecken. Nach dieser griff er nun und zog ein schmales, langes Messer hervor, wie es die Gebirgsbewohner als Taschenklinge bei sich tragen.
Als Martin die zarten Händchen der Leiche von der Brust wegziehen wollte, fiel es ihm ein, daß auch die Finger eines neugebornen Kindes etwas Wunderbares an sich haben. Diebe brauchen das; wenn sie in irgend einem Hause, wo sie sich zur Nachtzeit zum Raube eingeschlichen, so ein Fingerchen anzünden, so brennt das wie ein Kerzlein, und so lange es brennt wird kein Mensch im ganzen Hause wach.
Aber nein und nein, Martin war kein Dieb, er schauerte vom bloßen Gedanken; er wollte ja nichts sonst von der armseligen Leiche als das Herz, in dem das Reich Gottes liegt.
Zu diesem Zwecke nun schiebt er die steifen Händchen zurück. – –
Zwei Holzhauer, die von ihrer Hütte zum Tagewerk an der Kapelle vorüber kamen, fanden den Mann so.
Zuerst sahen sie ihm von der Ferne zu, wie er in der Grube kauerte und die Erde auswarf. Endlich erkannten sie den Martin und meinten, er grabe Wurzeln; aber so tief gräbt kein Wurzelgraber ein.
„Er hebt wohl gar einen Schatz!“ sagte Einer zum Andern.
„Wäre schon recht, dann müßte er mit uns theilen.“
Jetzt zog er das Messer aus der Scheide; die beiden Männer schlichen näher hinzu und da sahen sie neben dem Erdhaufen das Grabkreuzlein liegen.
„Heiliger Gott!“ lispelte einer der Holzknechte, „der scharrt ja ein Grab auf!“
„Dummes Zeug! Wer läg’ denn da begraben?“
„Wohl gar das Bettlerkind, das sie gestern bestattet haben. Ich hör’ sie trugen es in den Wald. Doch, was wollt’ er damit? – Dieser Martin ist ein sonderbarer Mensch!“
„He, Martin!“ riefen sie laut, „was machst denn da?“
Dieser fuhr zusammen, lehnte sich dann über das Särglein und stotterte: „Ich? – machen? – Wurzelgraben.“
Aber die Holzhauer hatten es bemerkt, was hier vorging, und sie verständigten sich schnell, was nun zu thun sei.
Der Bursche wollte entfliehen, aber die Männer hielten ihn fest und sagten: „Martin, Du hast da was angestellt und jetzt kommst Du mit uns, wir treiben Dich in die Stadt.“
Da fiel Martin auf die Kniee und beschwor, daß er nichts Böses gewollt und gethan, er werde es schon sagen, warum er das Grab aufgescharrt – es sei vielleicht verboten gewesen, das sei ihm selbst so vorgekommen, aber er meine es nicht schlecht und sie möchten ihn nur machen lassen, es geschehe zu Aller Nutz und Frommen.
Aber die Holzknechte sagten: „Du bist ein schlechter Mensch, Martin, oder ein Narr, und Du mußt mit uns.“
Einer löste einen Strick von der Trage, auf der er den Lebensunterhalt für die Woche gepackt hatte, und wollte damit dem Wurzelgraber die Hände binden, allein dieser bat weinend, daß man ihm das nicht anthue, er gehe schon auch so mit wenn er Strafe verdient habe, so leide er sie auch.
Und nun führten sie den bleichen Burschen abwärts gegen das Städtchen.
Das Grab im Walde blieb einsam; es ging die Sonne auf und erhob sich über die Wipfel, und als die Mittagsstunde kam, schien sie auf das Särglein.
Es war nach Tagen.
Martin saß traurig in einer Kammer und zählte die kleinen, sechseckigen Scheiben am Fenster. Die Kammer war wohl größer und wohnlicher wie seine Hütte daheim im Walde, aber die Thür war verschlossen.
Eine Kreuzspinne war ihm zum Herzen gekrochen – und nun saß er im Gefängniß!
Er mußte einen großen Fehler begangen haben, das war ihm jetzt klar, aber, wenn er nur beweisen könnte, daß er kein schlechter Mensch sei! Wenn doch nur die Thür nicht versperrt wäre, damit er zeigen könnte, daß er auch freiwillig bliebe und seine Strafe leide.
Ein Mann brachte ihm täglich Suppe, Gemüse und Brot, machte ihm das reinliche Strohbett, und als es einmal draußen regnete und der Wind im Hollunderstrauch vor dem Fenster schwirrte, feuerte er gar in den kleinen Blechofen. Es kamen die ersten Wintertage, wüster und heftiger schlug der Wind an das Fensterchen und pfiff schrill durch die Fugen; endlich wurde es ganz grau vor den Scheiben und Flocken tanzten und der Schneestaub legte sich in die Fensterwinkel. Da kam der Wärter öfter und machte Feuer in dem Ofen. Das kam dem Burschen liebreich vor, so arg mußten es denn die Menschen doch nicht haben auf ihn.
Und dennoch schlug Martin seine rauhen Hände oft heftig vor die Stirne und stampfte in Verzweiflung mit dem Fuß. – Wenn ein Mann im Gebirge arbeitet, tagtäglich von seiner Kindheit an arbeitet – und mit einemmale muß er ruhen und unthätig sein, müßig bei gesunden Gliedern, muß dasitzen zwischen den Mauern, und draußen harret die Arbeit – das ist eine Pein für den an Thätigkeit gewöhnten Mann.
Martin litt diese Folter.
Sein ganzes Wesen ging dahin, daß er wieder daheim auf seinen Höhen sei, dort wolle er arbeiten und graben und seine Hütte vergrößern, und Nothburga zum Weib nehmen. Alle Welt möge gehen, wie sie geht, sie sei des Glückes nicht werth.
Einmal bat Martin den Wärter, dieser möge ihm Stroh bringen, er wolle Strohschuhe flechten, aber der Wärter brachte ihm keinen Halm. Da weinte der Bursche und klagte: „Das thun sie mir zur Pein an; mir wär’ es tausendmal lieber, sie gäben mir nur Brot und Wasser, aber Arbeit dazu!“
Eines Tages wurde es anders. Ein Gerichtsdiener trat mit dem Gefangenenwärter ein und befahl dem Wurzelgraber, daß er folge. Martin that es freudig, denn nun durfte er wohl wieder heim in seine Wälder. Aber in der Vorhalle nahm der Gerichtsdiener ein Kettenschloß vom Gesimse und legte es dem armen Burschen an die Hände. So führte man ihn in das Freie, wo es so blendend weiß und licht war, und wo doch der düstere Winter lag. Sie führten ihn durch einige Gassen der Stadt und über den Marktplatz. Menschen drängten sich heran, daß schier der Weg versperrt wurde, aus allen Fenstern sahen Leute und Viele zeigten mit Fingern auf den Wurzelgraber und riefen: „Dort geht er, das ist der Leichenräuber!“
Leichenräuber! – In seinem Leben war dem unglücklichen Aepler kein plötzliches Leid so zu Herzen gedrungen, als dieses schreckliche Wort. Jetzt erst ging ihm das Licht auf und sein Todesurtheil hatte er jetzt gehört. Nun war Martin überzeugt, daß dieser Gang in Ketten sonst nirgends hinführe, als hinaus vor die Stadt zum Hochgerichte.
Er wäre zusammengebrochen mitten auf dem Marktplatz – aber der Gefängnißwärter stützte ihn.
Sie kamen am Hause vorüber, wo Martin vor wenigen Tagen mit Nothburga getanzt hatte, wo sie den Niklas erschlugen. Ach, das war ein unheilvoller Tag und eine unglückselige Nacht!
Ja wohl, unglückselig, wenn Einer das Reich Gottes sucht und er findet das Hochgericht!
Ein Wegweiser ist geschrieben und aufgerichtet, aber gar Mancher hat ihn übersehen und Mancher kann ihn nicht lesen und deuten und geht den Weg des Verderbens! –
Endlich führten sie den Wurzelgraber in ein Haus und über eine breite, steinerne Treppe in einen großen Saal. Der Saal war durch ein Eisengeländer in zwei Räume abgetheilt. In einem dieser Räume standen und drängten viele Menschen, in dem andern saßen an einem langen, grünen Tisch ernste Männer in dunkler Kleidung. Einige Fenster des Saales waren durch Vorhänge verhüllt. Auf dem grünen Tisch stand zwischen zwei brennenden Wachskerzen ein Crucifix. Vor dem Tisch war ein einzeln dastehender Stuhl ohne Lehne. Zu diesem Stuhle wurde Martin geführt und dort nahm ihm der Gerichtsdiener das Schloß von den Händen.
So stand er da, der bleiche Bursche mit den großen, dunklen Augen, den wirren Haaren und dem ungepflegten Bartanflug. Das Zittern seiner Mundwinkel verkündete einen unendlichen Schmerz und das Auge flehte die Männer in dunkler Kleidung an, daß sie diesen Schmerz von ihm nehmen möchten.
Aber die Richter blieben kalt, nur sagten sie zu einander: „Noch so jung, noch so jung!“
Da lag ein Stoß von Papierblättern und auf diesen stand Alles geschrieben. Der gerichtliche Befund der kleinen Leiche, die Aussage der beiden Holzhauer, wie sie ihn an jenem Morgen an der Waldkapelle neben der Leiche trafen, von dem Wahne des Mannes, das Reich Gottes zu suchen, und von noch Anderem stand auf den Blättern. Da wurde jetzt aus diesen vorgelesen, dann wurde gesprochen, und es sprachen Einzelne und sie sprachen durcheinander, laut und leise, und Martin stand da und verstand von Allem kaum ein Wort.
„Wie alt ist Er jetzt – Er?“ fragte der Vorsitzende plötzlich, „hört Er nicht, ich frag’ wie alt?“
Der Wurzelgraber schrak aus seinem Brüten auf. „Wie alt,“ stotterte er, „das weiß ich gar nicht recht, ich soll in die Welt gekommen sein in dem Jahr, wie der große Sturmwind gewesen ist.“
„Hat Er noch Eltern?“
Martin schüttelte den Kopf.
„Nicht also?“
„Meine Mutter hab’ ich nicht gekannt und meinen Vater hat vor zehn Jahren der Brand umgebracht.“
„Was hat Er denn immer gemacht?“ fragte der Richter.
„Was wird Unsereiner auch machen! Mein Vater hat mir nichts lernen lassen können, nur die Wurzeln und Kräuter hat er mir angesagt, und sobald ich stark genug gewesen, bin ich das Wurzelgraben angegangen.“
„Kann Er davon leben?“
„Das just wohl!“
„Ist Er militärpflichtig? – Ich meine, ob Er sich schon einmal hat stellen müssen?“
„Ja, ich war wohl einmal, aber da haben sie mich wieder heimgehen lassen.“ –
So ging es fort. Oft war Martin verwirrt und antwortete gar nicht, und als das Verhör zur betreffenden That an der Waldkapelle kam, zitterte er und rief: „Ja, ich hab’s gethan, aber ich hab’s nicht schlecht gemeint.“
Endlich fragte man ihn gar nicht mehr und der Staatsanwalt stellte den Antrag: schweren Kerker auf zehn Jahre!
Da stand ein Mann mit langem, braunem Vollbart auf, der abgesondert an einem Tischchen saß und bisher nur wenig gesprochen hatte. Dieser hielt nun eine lange Rede. Er legte noch einmal den Thatbestand dar, sprach dann von dem unbescholtenen Vorleben, von der nichtigen Erziehung, der Erscheinung und den Verhältnissen des Wurzelgrabers und schloß endlich seine Rede:
„Wir haben, meine Herren, keinen Verbrecher vor uns, sondern ein unglückliches Opfer des Aberglaubens, das wir wohl tief bedauern, aber nicht richten können. Wir Alle, die wir uns heutzutag’ der Humanität und Bildung, des lichteren Geisteslebens erfreuen, ständen ohne Erziehung und Schule aufderStufe, auf welcher unser Angeklagter steht. Der Unglückliche hier wäre durch eine entsprechende Ausbildung ein herrlicher Mensch geworden, edler und besser vielleicht, als einer. Der Mann hier trägt viel Menschenliebe im Herzen, das zeigt sein Streben, ein Weltbeglücker werden zu wollen. – Wer unter uns hat als begeisterter Junge in den Studentenjahren diesen Wahn nicht getheilt, freilich mit weniger Consequenz, weil wir bald sahen, daß es ein Ideal ist und unter den leidenschaftsvollen Menschen auf Erden nicht verwirklicht werden kann. Diese Aufklärung aber in dem Sinne ist unserem Manne hier nicht geworden, weil er keine Ausbildung und keine Lebensschule genoß, und so hielt er starr und fest an dem Wahne und verfolgte sein ideales Zielmit Aufopferung seines eigenen Wohles. – Dazu kam der Aberglaube. Auch wir haben als Kinder Fabeln und Märchen geglaubt und würden sie noch glauben, wenn wir nicht durch ein Aeußerliches, durch die Schule und die Erfahrung eines Anderen überzeugt worden wären, denn die eigene Vernunft arbeitet sich aus dergleichen gar schwer heraus. Der Mann aber ist nicht durch ein Aeußeres eines Anderen überzeugt worden, im Gegentheile, seine Umgebung hat den Aberglauben in ihm nur noch mehr bestärkt und bestätigt. – Sie geben mir zu, meine Herren, daß ein Verbrechen, wie Mord, Brandlegung u. s. w., von einem Ungebildeten aus Aberglauben begangen, nicht so schwer in die Wagschale fällt, als wenn dasselbe von einem Gebildeten aus Haß und Rache verübt wird. Nun ist aber der gegenwärtige Fall kein Mord und keine Brandlegung, er ist kein Akt des Hasses und der Rache, nicht einmal der Eigenliebe. An einem Todten hat sich der Angeklagte vergriffen, in dem Wahne, den Lebendigen das Glück zu geben. Wollen Sie das, meine Herren, sühnen, wie ein Verbrechen? Wohl heißt es: Laßt die Todten ruhen! Aber machen Sie einmal dem anatomischen Kabinet einen Besuch, dort wird die sogenannte Ruhe auch gestört und entehrt – die Todten werden zergliedert, zerstückt – zum Vortheile der Lebendigen. – Ich behaupte nicht, daß es kein Verbrechen ist, die Gräber zu öffnen; es ist Leichenschändung und Leichenraub geschehen, diesen die vollste Strenge des Gesetzes! Der gegenwärtige Fall ist ein anderer und in Bezug auf das bereits Gesagte zu entschuldigen. – Erwägen Sie den Fall noch einmal, meine Herren, und erwägen Sie meine Worte, die ich aus der Tiefe meines Herzens für den unglücklichen Mann hier gesprochen habe. Richten Sie über das Vergehen eines Verirrten nicht, wie über ein Verbrechen.Die hier in Verhandlung stehende That ist nichts als ein unwissentliches Vergehen gegen die Sitte; betrachten Sie dieselbe als solches, meine Herren, und lassen Sie den armen Mann nun gewitzigt sein und heimziehen in seine Berge!“
Nach dieser Rede war es still im ganzen Saale. In Martin’s Auge hing eine große Thräne; er stürzte hin vor den Vertheidiger, umschlang seine Füße und rief: „Der ist mein einziger Freund in der Welt!“
Aber dieser wehrte kühl ab und ohne noch ein Wort zu sagen, setzte er sich an seinen Tisch. –
Die Richter erhoben sich von ihren Sitzen und traten in ein Nebenkabinet.
Der Staatsanwalt und der Vertheidiger, die sich anscheinend eben feindlich gegenüber standen, gingen jetzt zusammen und plauderten in einer Fensternische. Das Volk war unruhig und erging sich in Muthmaßungen über das zu erwartende Urtheil. Die Kerzen brannten matt und ruhig neben dem Kreuzbild und Martin saß auf seinem Schemel und starrte zu Boden.
Endlich, nach einer geraumen Zeit öffnete sich die Thür des Kabinets, die Richter traten heraus und der Vorsitzende verkündete das Urtheil.
Da Sturm und heftiges Schneegestöber wütheten, so wurde dem Wurzelgraber gesagt, er könne noch einen Tag in dem Hause bleiben, in welchem er in der Untersuchungshaft war, und man wies ihm eine wohnliche Stube an. Ein Mann brachte auch Stroh und Bindwerk in die Stube, daß er, wenn er wolle, Strohschuhe flechten könne. Aber Martin ließ das stehen, er sah immer nur durch das Fenster in dasgrau verschwommene Wehen und Wogen des Schneegestöbers hinaus. Das Fenster hatte kein Gitter, die Thür war nicht verschlossen, der Ofen war warm. Er war kein Gefangener, er war Gast und morgen lichtet sich der Himmel und es geht heim zu.
– Aber wenn doch eine Schuld in dir läge, Martin, und wenn sie dich morgen von dieser Stube wieder in den Kerker führten? – Daheim steht deine Hütte, daheim harrt Nothburga; die Hütte ist verlassen, Nothburga denkt deiner in Lieb’ und Schmerzen. Und all die Menschen halten dich für einen Missethäter! Wer soll da noch säumen eine ganze lange Nacht, wer soll da nicht heim und wenn Spieße vom Himmel fielen? –
So sann Martin, als er durch das Fenster sah.
Und als es zu dämmern begann, da hielt es der Bursche nicht mehr aus, fest zu knöpfte er seinen Rock, tief in die Stirne drückte er seinen Hut, dann schlich er fort aus der Stube, aus dem Hause wie ein Dieb.
Die Gassen des Städtchens waren leer, überall lag hoher, lockerer Schnee, ein schneidender Wind wehte dem Dahineilenden Flocken und Eisnadeln in das Gesicht. Aus den Fenstern strahlten Kaminfeuer und Abendlichter, Martin eilte davon, so gut es ging. Außerhalb des Städtchens war bald kein Weg und kein Steg mehr zu erkennen, aber der Wurzelgraber schritt rüstig über den Schneeboden dahin, gleichgiltig, ob auf Weg oder Feld oder Haide, die Richtung wußte er ja und er wußte auch wohin.
Stundenlang irrte er durch die Gegend und er kam nicht weiter; noch die Mitternachtsstunde hörte er von der Thurmuhr des Städtchens schlagen. Aber Martin war muthig, es ging ja heimwärts. Endlich kam er zum Wald und aufdemselben lag ein Schneegewölbe und das gab einigen Schutz gegen den Sturm. Freilich war es gar finster unter den Aesten und die Wipfel rauschten unheimlich und hie und da fielen Schneeklumpen zu Boden, aber Martin achtete das nicht, er war ein Sohn des Waldes und hatte so manchen unwirthlichen Winterabend im Freien zugebracht. So ging’s fort zwischen den Stämmen und Sträuchern über Stock und Wall. Plötzlich aber kreischte Martin auf und sank fast in den Boden.
An seinem rechten Arm hatte ihn eine Hand gefaßt.
„Ei, das ist wohl gar der Leichenräuber!“ rief eine Stimme.
Eine männliche Gestalt stand vor ihm – wie aus der Erde aufgetaucht war sie gekommen.
„Beruhige Dich, Bruder,“ lachte die Gestalt, „ich kenne ja Deine Geschichte und ich weiß, daß Du unschuldig bist. Steh’ auf, Narr, wir halten uns zusammen, daß wir aus dieser Mördergrube kommen, ich hab’ Frost und Hunger. Wir wollen einander beistehen, wir haben das gleiche Geschick. Solltest Du mich noch nicht gesehen haben, so sage ich Dir, daß wir die letzten Wochen her ineinemHause gewohnt haben. Ich ließ mir von Dir erzählen und hätte nur gewünscht, mit Dir zusammen zu wohnen. Ich bin ein ehrlicher Kerl und unschuldig haben sie mich hingehalten, alberner Händel wegen, an denen ich mich gar nicht betheiligt habe. Erst in den letzten Tagen kam meine Unschuld an’s Licht und man ließ mich frei. Jetzt freilassen, jetzt zur rauhen Winterszeit! Was soll ich anfangen, ich bin nicht von hier und ich habe keinen Erwerb. Kaum die nöthige Kleidung habe ich, so daß sie mich im Zwilchrock fortgehen ließen. Was soll’s nun werden mit mir, wenn ich nicht gute Menschen finde!“
Wie diese Worte mit Lachen begonnen hatten, so hörten sie mit Weinen auf.
Martin hatte sich von seinem Schreck erholt – das war ja kein Bösewicht, der ihn überfallen wollte – ein armer Nothleidender war’s, ein Hungernder, ein Frierender. Brot hatte der Wurzelgraber keines, aber einen dichten Lodenrock, und den bot er dem Fremden bereitwillig an.
„’s ist eine Gewissenlosigkeit,“ sagte dieser, „wenn ich von Dir Rock und Hut nehme, aber wenn mir der Frost nicht schon bis an’s Herz ginge und wenn ich nicht wüßte, daß Deine Güte zu mir aus wahrer, christlicher Liebe kommt, so würde ich die Kleider nicht annehmen.“
Der Fremde nahm Martin’s Rock und Hut und warf dem Wurzelgraber die leichte Zwilchjacke und die Wollenhaube dafür hin, wie er sie aus dem Arrest mitgebracht hatte. Martin zog diese Kleider ruhig an, dann lud er den Fremden ein, daß er mit ihm gehen möge, er kenne die Gegend, er führe ihn aus dem Wald und in eine Herberge. So gingen sie weiter, Beide sprachen wenig. Ueber ihren Häuptern krachten die Aeste, einzelne brachen sogar und stürzten rauschend nieder.
Endlich kamen sie auf einen freien Platz, der mitten im Walde lag. Der Sturm hatte ein wenig nachgelassen, es war der Mond aufgegangen und er senkte sein Halblicht durch das graue Gewölke, das über den Baumwipfeln dahinjagte.
Der Fremde zog den Lodenrock eng zusammen und lehnte sich an einen Baum, er war erschöpft. Der Mond schien einen Moment in sein Gesicht, das war noch jung, aber sehr bleich. Martin stand neben seinem Gefährten und hauchte sich in die Hände.
Plötzlich horchte der Mann am Baume auf. Von der entgegengesetzten Seite des Angers war es zu hören, wie Pferdetraben.
Martin fiel wieder in Angst, aber der Fremde murmelte in sich hinein: „Geköpft wie gehangen,einTeufel!“
Das Pferd trabte langsam heran, auf demselben saß eine von Schnee halb eingehüllte Gestalt.
– Da reitet ein nächtlicher Wanderer durch den Wald – das geht sehr langsam, das Roß ist müde, der Reiter schläft wohl gar.
Der Mann am Baume lauerte. „Sieh’ einmal,“ sagte er dann leise zu Martin, „ist das ein Leichtsinn von dem Mann, jetzt schläft er auf dem Pferd und erfriert. Man muß ihm beistehen und wecken, doch früher müssen wir sehen, mit wem wir’s zu thun haben. Jetzt, wenn das Pferd ganz nahe gekommen sein wird, so fasse Du es vorsichtig beim Zügel, ich werde den Mann wecken, daß er doch nicht erstarrt.“
Und als das Pferd ganz nahe war, faßte es Martin am Zügel und in demselben Augenblick stürzte sein Gefährte herbei und riß den Reiter nach rückwärts zu Boden.
Ein Hilferuf, ein Pistolenschuß, ein Aufschrei. Zwei Männer lagen im Schnee und rangen, ein Dritter lag in seinem Blute. Das Pferd wieherte, schlug aus und herum in einem weiten Halbkreis lief es, daß der Schnee hoch aufstaubte und der Boden dröhnte.
Endlich gelang es einem der Ringenden sich aufzuraffen, den andern von sich zu schleudern, sich auf das Pferd zu schwingen und im vollsten Galopp davon zu rennen.
Auch der Zweite erhob sich, schüttelte den Schnee von Kleidung und Bart, sah dann dem dahin eilenden Pferde nach und schüttelte den Kopf. „’s ist ein Glück, daß mich derHallunke nicht erwürgt hat,“ brummte er, „das Knie preßte er mir lang’ genug in den Hals. Die Uhr mag er denn haben und mein Brauner, der wird mir schon wieder kommen. – Ach Gott, da hab’ ich ja Einen erschossen!“ rief er aus, als er unseren Martin auf dem Boden liegen und sich winden sah.
„Gerade durch’s Bein,“ wimmerte Martin, „und jetzt kann ich gar nicht weiter!“
„Du Allmacht, das ist ja der Wurzelgraber Martin!“ sagte der beraubte Mann, „aber wie kommst Du doch um des Himmels Willen unter die Straßenräuber?“
Der Arme jammerte und that den lauten zitternden Ruf: „Jetzt, was ist geschehen?“
Der Andere stand einen Moment sinnend da. „Martin,“ sagte er dann gedämpft, „steht’s so mit Dir? Nein, wenn ich gewußt, daß Du es bist, ich hätte nicht geschossen, aber sei nur ruhig, ich werde Dir das Blei schon wieder herausziehen. Mit dem Verbinden aber müssen wir’s schnell machen, dann nehm’ ich Dich mit hinaus in das Dorf.“
„Nein, in’s Dorf nicht, wenn ich Euch bitten darf, tragt mich hinein in die Stadt zum Gericht, sie werden Euch’s lohnen!“
„Zum Gericht später, jetzt komm’, ich trag’ Dich schon in’s rechte Haus.“
„Aber, ich weiß nicht, wie das ist; seid Ihr angefallen worden? Zuletzt ist wohl gar – ach, ich weiß nicht und ich versteh’s nicht – Jesus, ich bin wahnsinnig geworden!“
„Ruhig, wir müssen eilen, Dein Blut fließt in den Schnee und in Hochdorf liegt Jemand in Sterbensnoth!“
Als dieser Mann dem Unglücklichen das rechte, verwundete Bein verbunden hatte, hüllte er ihn in seinen Mantel, faßte ihn auf den Rücken und trug ihn durch den Wald.
„Ihr seid gar der Arzt von Dernau?“ fragte Martin unterwegs einmal.
„Ja, Martin.“
„Dann kenn’ ich Euch. Aber das werdet Ihr Euch von dem Martin nicht gedacht haben, das! Doch bei Gottes Kreuz und Leiden, ich hab’s nicht gewußt und nicht gewollt – –“
Er sprach nicht weiter; so heftig war der Schmerz, den er litt, daß er kaum die Kraft hatte, sich an dem Nacken seines Trägers festzuhalten.
Bergauf und thalab ging’s, über Hügel und durch Schluchten; kaum daß der Arzt in Nacht und Schnee den unsichern Fußsteig traf. Auf den Anhöhen hatte der Sturm Bäume geknickt, und man konnte es von nah’ und ferne noch hören, wie sie zusammenbrachen. In den Schluchten lag tiefer Schnee und die Aeste der Bäume drückte er nieder, daß sie den Wandelnden mit seiner Last oft und oft den Weg versperrten. Der Wolfswald ist eine unwirthliche Gegend, die Leute gehen nicht gerne durch denselben in solchen Stunden. Nur der Arzt von Dernau, der fast täglich in’s Hochdorfer Armenhaus jenseits des Waldes muß, hat den nächtlichen Ritt schon unzählige Male gemacht; freilich das, wie heute, ist ihm früher noch nie begegnet.
Der Arzt stand oft still und stellte seine Last auf einen Baumstock, dann trocknete er sich die Stirne. Es war ihm heiß trotz des eisigen Schneewehens.
„Ihr richtet Euch zugrunde!“ sagte Martin einmal leise, „lehnt mich da unter die Tanne und wenn Ihr nach Hochdorf kommt, so schickt mir ein paar Männer herüber, ich werde derweilen nicht erfrieren.“
„Martin, da würdest Du sehr krank werden!“ entgegnete der Arzt und schleppte seine Last weiter und weiter. Er zwangund kämpfte sich über Gestock, Gefälle und zusammengewehten Schnee und erreichte endlich die Lichtung, wo die Felder beginnen.
Und als er über die Felder hinschritt, da wurde es im östlichen Gewölke lichtgrau und auf dem Boden, wo der Wind den Schnee weggefegt hatte, sah man immer deutlicher die Steine und Halme. Und wenn Wind und Schneewehen für Augenblicke ruhig waren, so konnte man vor sich im Thale einzelne Lichter sehen und das Geklapper des Korndreschens vernehmen.
Als der Arzt gegen das Dorf kam, begegneten ihm Männer mit Aexten und Sägen.
„Grüß Gott, Doctor! heut’ zu Fuß?“ sagten Einige und hoben ein wenig ihre hohen Filzhüte.
„Dank Euch Gott!“ entgegnete der Mann, „geht schon in’s Holz?“
„’s wird wohl sein. Du heiliger Josef, was schleppt Ihr denn auf Euerem Rücken daher?“
„’s ist ein Kranker aus dem Walde,“ sagte der Arzt und schritt langsam weiter.
Warum hat er’s den Leuten nicht alles erzählt, daß sie den Räuber verfolgt hätten? – Der Mann kannte sein Pferd.
Im Dorfe selbst begegnete ihm Niemand. In einigen Bauernhäusern hatte man Licht in der Stube, in anderen war es dunkel. Hie und da krähte ein Hahn.
Der Wind hatte nachgelassen, aber Schneeflocken fielen nieder und legten sich dicht und dichter auf die Strohdächer auf alle Pfähle, Brunnentröge und Zaunstangen. Und was sich an den Rücken des mühsam einherschreitenden Mannes schmiegte – kaum war es unter dem Schnee mehr zu erkennen, was es war.
Endlich, gegen Ende des Dorfes, etwas abseits vom Weg, stand ein altes Gebäude aus Stein mit Erker und Thürmchen. Das Dach stand an einzelnen Stellen weit hervor, die Fenster waren groß, aber vergittert. Ueber dem weiten, doch geschlossenen Thor an der Mauer war ein Gemälde, den barmherzigen Samariter darstellend, wie er den unter Straßenräuber gefallenen Mann auf die Schulter ladet.
Diesem Hause ging der Arzt zu und zog am Eingange die Glockenstange.
Bald öffnete sich das Thor und die Schließerin, ein altes Mütterchen, streckte dem Ankömmling die Hand entgegen: „Gott sei Dank, weil Ihr doch endlich nur da seid!“
„Gibt’s was?“
„Ach sonst nichts, aber –“
„Was macht die Kranke?“
„Mein, die ist rechtschaffen passabel, seit Mitternacht hat sie einen guten Schlaf; aber Ihr, was ist Euch denn geschehen? Nein, dieser Schreck, da kommt das Roß allein...“
„Das Roß? Mein Pferd ist gekommen?“
„Jesus Christus, wer hockt Euch denn auf dem Nacken, Doctor?“
„Laßt mich nur erst in die warme Stube und richtet Eis,“ sagte der Arzt.
Jetzt kamen auch andere Leute herbei, Männer, Frauen, theilweise in Binden und an Krücken. Alle schrieen: „Nu schaut’s, da ist er ja; Gott sei Lob und Preis, weil er nur da ist!“ –
Und als der Mann im Zimmer war, ließ er seine Last auf ein Ledersofa gleiten und sagte: „So, Martin, jetzt sind wir daheim. Schau, für dieses Haus hast Du mir oft die Wurzeln und Kräuter gesammelt. Wie ist Dir, hast Du großen Schmerz?“
Martin zitterte und der Arzt nahm ihm den schneeigen Mantel und die nasse Zwilchjacke ab, dann rief er in ein Nebenzimmer, daß man frische Decken und ein Glas Wasser bringe.
„Aber,“ murmelte Martin, „das war doch ein höllischer Lump! Meinen Rock hat er auch!“ Dann nahm er einen Schluck Wasser.
Später sagte er zum Arzt: „Da habt Ihr mich jetzt so weit hergetragen und seid doch um zwanzig Jahr’ älter als ich.“
Und der Morgen, der durch die Fenster strahlte, zeigte es, der Arzt hatte viele graue Haare auf dem Haupte und im Vollbart; sein Gesicht war etwas durchfurcht und sehr gebräunt, und wenn er sprach oder lächelte, so lag auf demselben ein Zug – eigen und merkwürdig – eine wunderbare Handschrift der Seele. Die Gestalt des Mannes war groß und trug ein bequemes Winterkleid aus grauem Loden. Der Nacken war etwas gebeugt – wohl noch von der Last, die er in’s Asyl getragen! –
Im hohen, geräumigen, etwas alterthümlich eingerichteten Zimmer stand ein brauner Kasten. Diesen öffnete nun der Arzt und zog eine Lade heraus, in welcher viele Instrumente aus Messing und Stahl und verschiedene andere Gegenstände waren. Dann verlangte er von den zu- und abgehenden Personen noch dies und das und nahm hierauf dem Wurzelgraber die Binde ab, schnitt das Beinkleid auf und untersuchte, wie es mit dem Fuße aussah, welche Verheerungen sein Schrotschuß angerichtet hatte.
„Drei Körner stecken d’rin, Martin, aber wir werden sie schon heraus kriegen; ein wenig schmerzen wird’s wohl, aber ’s ist gleich vorüber.“
„Schmerzen, meint der Herr? Nein, wenn ich an Anderes denke, schmerzt sonst gar nichts. Ich thu’ Euch’s nur früher erzählen, wie’s gekommen ist, Doctor!“
„Hernach, hernach, lieber Freund, jetzt ist hohe Zeit, daß wir daran gehen.“
„Werdet das wohl selbst am besten verstehen, aber wenn’s nun so gäh mit mir sollt’ gar werden! – Ich will’s doch früher erzählen.“
„Wirst mir noch Alles erzählen, Martin, aber jetzt mußt Du ruhig sein.“
„So glaubt mir doch, daß ich Euch nicht angefallen hab’. Ich weiß gar nicht, wie das gewesen ist.“
Der Arzt reichte dem Wurzelgraber die Hand, dann begann er die Operation.
Sie war lang und mühvoll. Martin klammerte seine linke Hand krampfhaft an die Lehne des Sofas und die rechte hatte sich tief in seine Locken eingegraben. So lag er da, starr und ruhig – er bebte nicht, er klagte nicht; nur einmal, als das Eisen im Beine krachte, zuckten seine Lippen, aber dann drückte er sie fest zusammen, bis Alles vorüber war und der Arzt sagte: „Jetzt, mein Lieber, wird’s gewonnen sein; hast Dich brav dabei gehalten. Jetzt wirst Du eine Suppe essen und dann schau, daß Du einschlafen kannst, bis Mittag komm’ ich wieder zu Dir.“
Nach diesen Worten ging er und schrieb einen Brief an das Kreisgericht, den er sogleich durch einen eigenen Boten absandte.
„Schläft sie immer noch?“ fragte später der Doctor.
„Vor einer halben Stunde hat sie die Augen aufgeschlagen und nach Euch gefragt,“ berichtete die Wärterin,„seitdem schläft sie wieder. Aber jetzt sagt uns doch, das Roß hat Euch wohl abgeworfen? Gerade wie der Tag anbricht, kommt es allein in den Hof, es ist halb wild und der Peter mag’s völlig nicht in den Sattel bringen.“
Sofort erzählte der Doctor, wie er gestern im Laufe des Nachmittags dringende Krankenbesuche gehabt habe, wie er erst am Abend nach Dernau kam, dort ein paar Stunden ruhte, und wie er gegen Mitternacht aufbrach, um nach Hochdorf zu reiten, der Kranken wegen, die in der Krisis liegt. – Wie er nun im Schneesturm, fest in den Mantel gehüllt, durch den Wolfswald so dahin traben läßt, dabei schier einschlummert, bleibt das Pferd plötzlich stehen und er wird nach rückwärts zu Boden gerissen. Noch schießt er sein Pistol gegen eine Gestalt ab, aber schon drückt ihn ein Mann fest in den Schnee, entreißt ihm die Börse und die Uhr und flieht mit dem Pferde davon. Erst jetzt gewahrt der Beraubte den Verwundeten, den Martin, der vor einiger Zeit wegen einer sonderbaren Geschichte in den Arrest kam. Wie das zusammenhängt und wie der arme Bursche in die Hände von Spitzbuben gefallen ist, das müsse sich erst aufklären.
So erzählte der Doctor und dann ließ er mehrere Bauern von Hochdorf entbieten, in den Wolfswald zu gehen und die Gegend zu durchsuchen.
Im ersten Stock des alten Hauses war eine große Stube mit vielen Schränken und Betten und zwei grünen Kachelöfen, in welchen es recht lebendig knisterte.
Die Betten waren einfach, aber sehr reinlich und zu dieser Morgenstunde alle bereits geschichtet. Neben den Betten auf Lederstühlen saßen alte, krüppelhafte Männer und Weiber und sie sprachen leise zusammen und Jedes hatte eine kleine Beschäftigung.
Ein einziges Bett an einer Ecke war mit einer weißen Blache verhangen, daneben stand ein Tisch mit Tassen und Fläschchen.
In diese Stube ging nun der Doctor, nachdem er unten eine Fleischbrühe zu sich genommen hatte.
Wie er eintrat, humpelten Alle von ihren Plätzen herbei und gaben ihm die Hand. Er drückte jede und sprach freundliche Worte. Dann ging er zum Bett, das mit einer Blache verhangen war.
Langsam zog er diese seitwärts.
Im Bette lag ein Mädchen. Es lag da wie eine Leiche, eine Hand über der Brust, bleich das junge, liebliche Antlitz, mit geschlossenen Augen und losen, reichen Haaren. Das Mädchen, wie es dalag im Dunkeln, war schön wie eine weiße Blume in der Waldschlucht – wie eine Mondnacht.
Lange hielt der Doctor den Vorhang seitwärts und sah hin, und endlich beugte er sich langsam nieder zur Schlummernden, zu ihrem Mund, um zu fühlen, ob sie athme.
Und sie athmete.
Jetzt faßte er sanft ihre Hand und jetzt bewegte sich diese und das Mädchen schlug halb die Augen auf.
„Nothburga, hast Du jetzt geschlafen?“ sagte der Mann leise.
„Ah,“ hauchte die Kranke überrascht, „jetzt seid Ihr doch wieder da. Nein, ich hab’ nur so geträumt, – es kommt mir immer noch vor, ich seh’ ihn liegen mit der großen Wunde.“
„Ich werde Dir eine Schale Mandelmilch reichen, das beruhigt; schau, Du wirst jetzt bald wieder gesund sein.“
Nothburga richtete sich mit Hilfe des Arztes auf und trank einige Tropfen von der Mandelmilch. Dann blickte sie den Mann treuherzig an und sagte: „Und jetzt hätt’ ich Euch wohl wieder gern gebeten, daß Ihr Zither spielt.“
Der Doctor lächelte. Sogleich lächelte die Kranke auch, denn sein Lächeln war für die Menschen immer das, was ein Sonnenstrahl für die Veilchen ist.
„Ja, wenn ich Dir, liebes Kind, damit eine Freude mach’, so werde ich spielen. Mutter Anna, Ihr holt mir wohl gerne die Zither von meiner Stube, sie hängt neben dem Bücherschrank; der Schlüssel steckt an der Thür.“
Und ein altes Mütterlein, das nur die rechte Hand hatte – die linke nahm ihm vor Jahren der Doctor ab – humpelte jetzt fort und kam bald wieder mit dem Instrument zurück.
Auch alle Anderen waren leise herbeigekommen und stellten sich um das Bett und das Tischchen, an dem nun der Doctor saß und die Saiten stimmte.
Endlich tönten diese zusammen in harmonischem Vielklang, und als ein Liedchen zu Ende war, fragte der Mann etwas schalkhaft: „Gefällt das der Nothburga?“
Die Kranke lächelte und er spielte weiter.
Aber plötzlich brach er das Spiel wieder ab und heiter zu den alten Männern und Frauen gewendet, sagte er: „Was thätet Ihr sagen, wenn die Nothburga Frau Doctorin würde?“
Da lachten sie Alle und meinten: „Der Nothburga wäre das schon zu gönnen.“
„Ei, das wäre wohl kein Glück für die Nothburga. Ich bin ein Vierziger und bin grau und griesgrämig; ich gehöre hin, wo die Krankheit ist, und Nothburga blüht erst auf und gehört zum Leben. ’s wird schon Einer kommen, der das mitbringt, werde nur erst gesund, Nothburga!“
„Ach, so lang’ ich ihn noch liegen seh’ mit der großen Wunde,“ entgegnete das Mädchen leise und langsam, „und so lange sie den Martin nicht wieder zurückgeben und sagen: er ist unschuldig, so lang’ kann ich nicht mehr gesund sein.“
Der Doctor griff wieder in die Saiten, sang ein heiteres Lied und einen Jodler dazu, so recht derb und lustig, daß die Weiber sagten: „Na, und jetzt ist er wieder wie ein Bauernbursch oben im Gebirg.“
Nur das Ende war nicht so. Das letzte Ausklingen eines Jodlers hat ein so eigenartig, innig Lustiges, daß es nur der geborene Aelpler recht hervorsprudeln und austrillern kann; ein Anderer kann es nicht, das letzte Ausklingen gelingt ihm nicht.
Endlich erhob sich der Doctor und sagte zu Nothburga: „Und jetzt muß ich ein wenig arbeiten; die Josefa bleibt bei Dir. Bevor ich fort nach Dernau geh’, komm ich schon noch einmal. Wenn Du dann endlich etwas stärker bist, werde ich Dir was Lustiges sagen. Die Mutter Anna trägt mir wohl wieder die Zither auf meine Stube?“
Dann ging er, um sich nach Martin umzusehen.
Als er die Treppe hinabstieg, eilte ihm schon die Schließerin entgegen: „Ach, man meint, man findet Euch gar nicht, Herr, kommt doch gleich hinab in den Hof, sie haben einen Todten gebracht!“
Und als der Doctor hinab kam in den Hof, da standen unter einem Vordach Leute, die lebhaft miteinander sprachen und Alle nach einem Fleck hinsahen.
Dort, auf zwei ineinander geflochtenen Baumästen lag der Todte. Es war das Leichentuch noch darauf, das der Wald und der Winter ihm geschenkt hatte; man wollte nichts an der Leiche anrühren, nicht einmal den Schnee herabfegen, so lange nicht der Arzt kam.
Als dieser nun dastand, traten drei Bauernbursche, wie sie ihm am Morgen im Walde begegnet waren, heran und sagten: „Haben heut’ einen traurigen Fund gemacht!“
„Wir sammeln dürres Gefälle zu Brennholz,“ erzählte einer der Burschen, „und waten so im Schnee herum. Sagt auf einmal der Georg – Du, sagt er, da liegt auch ein nutzes (beträchtliches) Stück, das müssen wir heraus ziehen. Und wie er den Haken in den Schnee haut, sagt er: Das ist ja gar kein Holz! – Nein sag’ ich, was wird’s denn sonst sein? und hau auch in den Schnee. Jesus, schreit d’rauf der Georg, eine Menschenhand! und – ’s war nicht anders. Rechtschaffen g’schreckt hat’s uns und wir haben Keiner wollen angreifen. Sagt noch der Poldl: Ziehen wir ihn nur in Gottesnamen heraus, muß halt erfroren sein; zuletzt ist er gar nicht todt, er ist noch völlig weich. Und so haben wir ihn aus dem Schnee gezogen, haben ihm gleich Schuh’ und Strümpf’ herab gerissen und die Füße gerieben. Und wir haben ihn gerüttelt und noch stärker gerieben – nein, was wir gearbeitet haben! Aber ’s war halt aus und vorbei. ’s ist ein wildfremder Mensch, wohin sollen wir ihn denn tragen als in’s Armenhaus? Wir haben noch gerathen und hin und her geredet; der Doctor ist heut’ dort, haben wir gesagt, und der wird schon wissen, was zu machen ist. Ein rechtschaffen trauriges Geschäft! – Und da haben wir ihn jetzt.“
Sofort besichtigte der Doctor die Leiche. Es war ein junger Mann mit langen blonden Locken. Augen und Mund waren halb offen, von dem linken Mundwinkel über die Wange war eine röthlich braune Eiskruste – der Verunglückte mußte aus dem Mund geblutet haben. Hände und Füße waren blau angelaufen. Das Beinkleid war von grauer Leinwand, der Rock aus Loden. Um den Hals hing der Leiche eine Sackuhr mit zerbrochenem Glase.
Ohne ein Wort zu sagen, löste der Doctor die Uhr ab und legte sie nebenhin auf ein Brett. Dann untersuchte er Schädel und Hals.
„Erfroren ist der Mann nicht,“ sagte er, „es zeigt auf einen Fall, es ist das Genick gebrochen.“
„Du ewiger Heiland!“ schrie die Beschließerin plötzlich, „Doctor, das ist ja Euere Uhr und der ist gewiß Euer Räuber!“
„Mag wohl sein,“ sagte der Mann ruhig, „tragt jetzt die Leiche in die Todtenkammer, alles Andere werde ich schon besorgen. Den Gotteslohn für das Hertragen aber müßt Ihr Euch wohl beim Gericht holen.“
Und die Bursche hoben die Leiche und trugen sie in die Todtenkammer.
Der Arzt ging in das Zimmer, wo Martin war. Dieser lag in mehrere Decken eingehüllt auf dem Ledersofa und schlief.
Der Doctor stand sehr lange vor dem Schlafenden und sah ihn an. – Beide, die noch vor wenigen Stunden gemeinsam auf Verbrecherpfaden wandelten, schlafen nun. Beide sind gerichtet. Der Eine wird nicht mehr erwachen; sein Staub, der den Menschen einst Uebles gethan, wird Blumen und Rosen bringen. – Der Andere wird wieder erwachen zu seinem alten, elenden Leben, und sein Leben wird noch elender sein, als bisher. Elend am Geist, ist er nun auch elend am Körper – elend zum Erbarmen, unglücklich und immer unglücklich, bis zum Sterben. Und hat er nicht das Recht zu einem hellen, freudigen Leben wie jeder Andere? –
Langsam schritt der Doctor über die Treppe, ging in seine Stube und schloß sich ein. Zitternd klangen die Saiten in das Gemüth des Mannes: