Das Viktel.
(Eine Hofgeschichte.)
D
Die Hofgeschichte beginnt mit demselben Hofe, auf welchem es an diesem Sonntage so geruhsam und still ist.
Man heißt ihn den Leeshof.
Die Musik klang nicht herüber vom Breitegger-Wirthshause, denn es lagen drei Berge dazwischen. Die Musik wurde dort im Thale aufgefangen von hundert leblustigen Menschen und frischweg vertanzt und verstrampft. Kirchweih- und Erntefest zugleich – da waren Alle dabei, um Gott zu danken in Lust und Jubel, und der Wirth goß Wein dazu.
Im Leeshofe war es das Viktel, welches haushüten mußte. Das Viktel hatte nichts gesäet und nichts geerntet, was soll es beim Tanz? Sie war erst neunzehn Jahre alt, ein Waisenkind ohne Kalbslederschuhe und ohne Liebhaber – was soll sie beim Tanz? Oder – sie wird doch nicht etwa so verdorben sein und einen Liebsten haben wollen, und sich von ihm Wein und was Warmes zahlen lassen, und mit ihm walzen wollen bis tiefnächtig?! Also, was soll sie beim Tanz?
Sie sitzt im leeren Hause allein in der Meierstube auf einem Betschemel, und die Sitzbank ist ihr Tisch, da bessert sie säuberlich ihre Werktagskleider aus und denkt so dabei andie vergangenen Zeiten, und draußen rieselt der Brunnen. Auf den weiten Feldern um den Hof stehen in langen Reihen hin die Garbenschöberchen des geschnittenen Kornes, weiter hin stehen zwischen grünen Gründen weißstämmige Birkenwäldchen bis an den Wockenberg, der sich breit und waldig erhebt, sich in dunkle Schluchten faltet und hoch zu Häupten eine kahle Felsenzinne trägt, welche eine große Fernsicht bietet und von vielen Touristen bestiegen wird. Heute ragt der Berg still, denn Alles, was jodeln und jauchzen kann, ist im Wirthshause zu Breitegg. Die Sonne scheint warm und hold vom nachmittägigen Himmel herab und die Vögel haben Feierabend gemacht.
Und die Viktel saß mitten in der Welt und nähte. Den falben Hanfzwirn hatte sie mit Pfannenruß gefärbt, weil die Joppe grau war, und ihre nußbraunen Augen waren feucht geworden, weil sie an traurige Sachen sann. Sie dachte an ihrer Mutter Sterben. Es war ja heute derselbige Tag wie vor einem Jahre – dazumal ist’s der Samstag gewesen. Die betagte Magd hatte noch die Garbe herausgeschnitten aus dem wallenden Korn. Dann setzte sie sich plötzlich auf die Garbe und rief: „Viktel, geh’ geschwind ein wenig her!“ Die Tochter steckte die Sichel in das Gehalme und kam herbei. – „Viktel,“ sagte die Magd und nahm sie hastig bei der Hand, „Viktel, Dir mag nichts an auf der Welt, Du kannst arbeiten und bist leicht zufrieden. Nur eine Gefahr stellt Dir nach. Meine Mutter hat’s oft und oft gesagt, unser armer Stammen hätt’ so viel heißes Blut – thät’ das Leben verbrennen und oftmalen auch die ewige Seligkeit. Viktel, das Mannerleut’ Gernhaben! hüte Dich und laß Dich nicht verführen. – Jetzt wird’s mir ganz blau vor den Augen – – Kind! – wo bist denn? – Kind!“
Da schrie das Viktel schon nach Hilfe, bis die Schnitter alle zusammenliefen – aber derewigeSchnitter hatte den Menschenhalm geknickt....
Das Mädchen ließ jetzt die Nadel ruhen, legte die Hände gefaltet in den Schoß und betete ein Vaterunser.
Und während diese Ruhe war, verstummte draußen plötzlich das Rieseln des Brunnens. Das Viktel blickte durch’s Fenster hinaus und erschrak. Am Brunnen lehnte, mit einer Hand den Ständer umarmend, mit der andern sich auf den Rand des Troges stützend, der Graber-Schorsch und trank an dem hervorsprudelnden Quell. Das Mädchen schlich auf den Zehenspitzen rasch zur Hausthür und schob den zweiten Riegel vor und duckte sich an den Fenstern, daß sie der Mann, der draußen war, nicht bemerken konnte. Vor dem Graber-Schorsch verschlossen sich die Häuser; er betrat nur solche, deren Thüren er erbrach. An die vierzig Jahre mochte er alt sein, an die zwanzig war er im Arrest gesessen. Diebstähle und Einbrüche leugnete er nicht, denn er war zu verkommen, um darin ein Unrecht zu erkennen. Auch der Mutter des Viktel hatte er aus dem Bettstroh einst das wenige Silbergeld fortgenommen, welches sie von ihrem Vater für das Kind überkommen hatte. Er leugnete es nicht, aber er gab es nicht zurück, weil er es verspielt und vertrunken hatte, er saß es ab, und das Land bezahlte sein Sitzen und die Dienstmagd hatte nichts. Nur eines einzigen Raubmordes konnte er überwiesen werden, und den entschuldigte sein Vertheidiger mit Hunger und Noth und mangelhafter Erziehung und mit Dingen, die sich in solchen Fällen eben gar so schön sagen lassen. So ging der Graber-Schorsch seit einigen Wochen wieder frei herum und suchte Brot und Unterstand, wurde aber überall abgewiesen. Wie er zu dem respektirlichen Anzug kam, den ertrug und in welchem er einem Förster ähnlich sah, wurde von den Leuten wohl besprochen, aber nicht näher untersucht. Die Haare waren heute gut geschnitten, der Backen- und Kinnbart glatt rasirt, der Schnurrbart in Hörnchen aufgedreht. Es war ein großer, sehniger Mann, die lange Rast im Arreste hatte seine Glieder behender gemacht, als sie etwa in mühevoller Arbeit geworden wären.
Als er sich in einem langen Zuge satt getrunken hatte, schien er auch etwas zu Essen haben zu wollen. Er schritt zur Thüre und rüttelte. Dann schlich er spähend um’s Haus, lugte zu den Fenstern hinein und prüfte mit Kennerauge die Vergitterungen. Das Viktel hatte sich aus Angst in den dunkelsten Winkel gekauert und sann auf allerlei Mittel, dem Hause zu entkommen und in der entfernten Nachbarschaft Hilfe zu suchen. Denn, daß die Leute vor Abend vom Tanzfeste nicht nach Hause kehren würden, das wußte sie.
Als der Graber-Schorsch das Einsteigen in’s Haus aufgegeben zu haben schien, blickte er eine Weile in die Richtung gegen Breitegg hin, wo das Wirthshaus war. Dann zog er eine große Brieftasche aus dem inneren Rocksack, durchsuchte alle Fächer, und da er sie leer fand, schleuderte er die Tasche mit einem Fluch zu Boden. Hernach setzte er sich auf eine Bank und sah das Haus an. Als er eine Weile so gesessen war und wer weiß was ausgesonnen hatte, kam des Feldweges ein Fremder heran. Ein junger, schlanker Mann, im Anzuge des Aelplers, aber mit einem zarten Angesichte, auf welchem das Gebirgswetter nicht viel zu verspüren war. Die Brauen und Wimpern der großen, blauen Augen waren so scharf, daß es gar dem Viktel, welches an einer Fensterecke herauslugte, auffallen wollte. Das Haar wucherte in halbgeschnittenen Locken unter dem Jägershutehervor und verlor sich an den Backen herab in einen zarten Flaum. Ein dunkles Schnurrbärtchen umrahmte weich die vollen, rothen Lippen, und die Hände waren so fein und weiß wie die des Herrn Kaplan zu Breitegg, nur noch kleiner. Dieser hübsche „Jägersmann“, der aber kein Gewehr bei sich hatte, sondern ein leichtes Spazierstöckchen, ging rasch auf den Graber-Schorsch zu und fragte, ob hier nicht ein Führer zu haben sei auf den Wockenberg.
Der Schorsch stand auf, musterte den Fremden mit unstetem Auge und antwortete: „O ja.“
„Wie lange Zeit braucht man von hier bis zur Höhe?“
„Drei Stunden.“
„Gut,“ sagte der Fremde, „so kann man bis Sonnenuntergang bequem oben sein, und auf dem Rückweg leuchtet der Mond. Der Führer trägt mir das Seitentäschchen hier, dann wünsche ich einen Bergstock. Ich bin nur für einen Landritt eingerichtet und für die Partie etwas unvorbereitet. Allein, da ein so schöner Abend zu werden verspricht –“
„Werden das Nöthige schon finden,“ sagte der Schorsch und streckte seine Hand nach der Tasche aus, ohne dem Fremden in’s Gesicht zu sehen.
„Wollt Ihr selbst mit mir gehen?“
„Ja,“ murmelte der Schorsch.
„Ihr seid wohl der Besitzer dieses schönen Gehöftes?“
„Geht mich nichts an. Wenn der Herr wünscht.... den Stock schneide ich im Walde.“
Die Beiden gingen weiter – der Graber-Schorsch voran, der junge Fremde hinten d’rein.
Das Viktel stand hinter dem Fenster und zitterte. Sie hatte jedes Wort vernommen, sie hatte dem Fremden in’s Gesicht geschaut so lange, bis derselbe plötzlich seinen Blickgegen das Fenster hin wandte; am schimmernden Glase prallte dieser Blick zurück, und doch schoß er wie ein Blitz in das Herz des Mädchens, dem es heiß bis in alle Finger- und Zehenspitzen fuhr...
Eine Weile war sie wie betäubt dagestanden, dann sprang sie hin, riß die Thür auf und eilte den beiden Männern nach. Erst draußen auf freiem Stoppelfelde holte sie dieselben ein. Der Schorsch schleuderte ihr einen wilden Blick zu, aber sie griff nach der Hand des Fremden, daß dieser still stand und fast erschrocken war vor dem schönen, blondlockigen Mädchen, das so plötzlich neben ihm stand.
„Halt’ mir’s der Herr nicht für übel,“ sprach sie heftig athmend, „kennt Ihr ihn nicht?“
„Wen, mein Kind?“
„Den da!“ sie streckte ihren Finger gegen den Schorsch aus und rief: „Zu tausend Gottes Willen, Herr, mitdemgeht nicht auf den Berg!“
„Du Luder, Du verdammtes!“ knirschte der Schorsch und wollte über das Mädchen herfallen.
„Halt!“ rief der Fremde und stieß ihn zurück; da fuhr der Andere wuthentbrannt in sein Kleid, im nächsten Augenblicke knallte ein Pistolenschuß und der Graber-Schorsch floh in wilden Sprüngen hin gegen das Birkengehölze. – Als der Rauch verflogen war, stand der Fremde todtenblaß, so daß das Mädchen aufschrie: „Heiliger Gott, hat er Euch was gethan?“
Er war heil, aber ihr war der Aermel zerrissen und sie blutete am Arm. Als der Fremde das sah, riß er sein Halstuch los, um die Wunde zu verbinden.
„Na freilich, als ob’s was wäre!“ rief das Mädchen, „laßt’s ein wenig bluten, ist gut für das Kopfweh. – Aberso ein Lump da! Ja, gleichschauen thut’s ihm – der hat schon Leut’ umbracht! Schaut, da ist eine Brieftasche, die hat er früher weggeworfen. Ich will was Schlechtes heißen, wenn das nicht ein Blutflecken ist da d’rauf!“
Selbstverständlich, die Partie auf den Wockenberg war aufgegeben. Der Fremde kehrte mit dem Mädchen zum Hofe zurück, dort setzte er sich an den Kopf des Brunnentroges und mußte trotz ihres Sträubens die Wunde sehen, und legte ein schneeweißes Taschentuch darüber, daß kein Tröpfchen mehr hervorfloß. Hierauf stellte er allerlei Fragen an das Viktel, das mit jeder Antwort verlegener wurde, bis es endlich tief zu Boden sah und schwieg.
Und als es so war, zog der Fremde ein Ringlein vom Finger, steckte es an ihre zitternde Hand und sagte: „Wir sehen uns heute nicht das letzte Mal. Einstweilen trage dieses Kleinod als Andenken an den Mann, dem Du aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hast. Ich habe heute sonst nichts, um es Dir zu lohnen, mein schönes Kind. Gott mit Dir!“
Rasch ging er davon, schritt zum Thale, bestieg sein Pferd und ritt fürbaß.
Die Leute kamen heim vom Tanze, waren schläfrig, suchten das Bett und begannen am andern Tag die Woche wie immer. Auch das Viktel arbeitete wieder auf dem Felde und war die Emsigste und war die Stillste. Zur großen Verwunderung des Hofes kam ein Arzt aus dem Bezirksstädtchen angefahren, der sich nach dem verwundeten Mädchen erkundigte und sich überzeugte, daß der Arm des Viktel fast heil war. Hingegen trug sie den Herzfinger der linken Hand in einer Binde.
Was ihr daran geschehen sei? fragte sie eine Genossin.
„In die Sichel hab ich närrischer Weise gegriffen,“ antwortete das Mädchen, „ist aber nichts.“
Da streifte sich beim Garbenbinden zufällig einmal die Hülle vom Finger und die Genossin sah daran keine Wunde, sondern ein goldenes Ringlein mit einem funkelnden Steine. So mußte es die Viktel nun wohl gestehen, daß ihr jener fremde Mann, welchen sie dem Schorsch abgejagt hatte, einen Ring an den Finger gesteckt, den sie nicht mehr herabbringe. Aber sie gestand nicht, daß sie fort und fort an den Fremden denken mußte. So gut und so lieb hatte noch kein Mensch mit ihr geredet, als dieser Mann. Er hatte mit einer so wunderlich weichen Stimme ihren Namen ausgesprochen und kein Mensch auf der Welt hat solche Augen wie er; seitdem sie in dieselben hineingesehen, kamen ihr alle anderen Augen vor wie von trübem Glase. Sie hatte keine ruhige Nacht; so lange sie wach war, dachte sie nur an ihn, und als sie schlief, sah sie ihn. Sie sah es, wie er von dem Graber-Schorsch den Wockenberg hinangeführt, beraubt und in den Abgrund gestürzt wurde; bei seinem Sturze zuckte sie auf und erwachte. Dann wieder legte er seinen Arm um ihre Gestalt und sie fühlte, wie er den Ring an ihren Finger schob.
Ein Knecht war im Hofe, der flüsterte dem Mädchen einmal zu, er habe gehört, sie bringe den fremden Ring nicht vom Finger. Er wolle ihr ihn herabziehen. Sie fragte scharf, was ihn ihr Ring kümmere?
„Ah, nichts,“ war die Antwort.
„So gehe weiter!“
Er war abgewiesen.
Da kam eines Tages an die Viktoria Zimmermann eine Zuschrift. In gar seltsam höflicher Weise, wie man etwa zu einer vornehmen Frau sprechen mag, wurde sie eingeladen,in die Residenz zu reisen und in der Schloßstraße Nummer Eins vorzusprechen und ihren Namen zu nennen. Reisegeld lag dabei, welches fünfmal so viel ausmachte, als was eine Hin- und Rückfahrt kosten konnte.
„Viktel, Viktel!“ sagten die Leute, „da steckt was dahinter. Du machst Dein Glück. Es wird vom fremden Mann sein, ganz gewiß. Das war kein gemeiner Mensch, der Ring ist vom feinsten Gold und hat einen Karfunkel, der auch in der finstern Nacht, wenn Du die Hand unter der Decke hast, glänzen muß wie ein Stern. – Wann fährst denn schon in die Stadt?“
„Wer hat gesagt, daß ich fahre?“ antwortete sie. „Will wer mit mir reden, so hat er nicht weiter zu mir, als wie ich zu ihm. Ich geh’ Keinem nach; mir brennt das Geld in der Hand; thät’ ich nur seinen Namen wissen, daß ich es kunnt zurückschicken.“
„Hast schon recht, Viktel,“ sagte der Leeshofer, „hast ganz Recht, wie Du denkst. Der Mensch muß sich selber werth machen.“
Und sie ging nicht. Um so größer aber war in ihr die Unruhe; und es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr immer wieder dem linken Herzfinger zurieselte und am Ringlein neu erglüht zurücksprang.
Der Graber-Schorsch war seit jenem Sonntage in der Gegend nicht mehr gesehen worden, doch hörte man, er zöge mit allerlei Strolchen und werbe eine Bande. Andere wollten wissen, er sei schon wieder eingefangen worden und man werde ihn ehbaldigst hängen. Am Frauentage im September auf dem Kirchplatze ging der Gerichtsbote auf den Leeshofer zu und fragte, ob in seinem Hause nicht eine sichere Viktoria Zimmermann wohne? Dieselbe habe unverzüglich in dieResidenz zu fahren und sich in der Schloßgasse Nummer Eins zu melden. So stand es auch in der gerichtlichen Zuschrift, die der Bote übergab.
„Ah so?“ meinte der Leeshofer, „jetzt kann ich mir denken, um was es sich handelt. Ein Zeugenverhör, gewiß des Graber-Schorsch wegen. Ei ja, Viktel, da mußt Du freilich gehen, da bleibt nichts Anderes übrig.“
Das Mädchen war innerlich tief enttäuscht. Also nur zu Gericht sollte sie und aussagen, wie der Schorsch den Fremden führen wollte und auf sie geschossen hat. – Und wenn man sie auch des Ringes wegen verhören wollte? Der geht nimmer vom Finger.
Man wünschte ihr viel „Glück und Gesund“, sie fuhr in die Residenz. Sie hatte in ihrem Leben noch keine Stadt gesehen, und als sie auf dem großen Bahnhofe ausstieg und die schwere Pracht um sich sah, und die Menge von Menschen und Wagen, und den Lärm hörte, da blieb sie stehen wie eine Bildsäule, schloß die Augen und dachte: „Jetzt, Viktel, jetzt nimm Dich zusammen.“
Die Schloßstraße erfragte sie leicht, es war die vornehmste Straße, die mit ihrer Herrlichkeit und mit ihrem bunten Leben mitten durch die Stadt zog.
„Jetzt möchte ich nur wissen,“ sagte der Mann, den sie sich als Führer gedungen hatte, „was das schön’ Dirndl in Numro Eins zu thun hat? Gewißlich den Liebsten aufsuchen, der etwan dort auf der Wacht steht?“
„Ich muß zum Gericht,“ beschied das Viktel, das mit dem rothen Handbündelchen neben ihm herging.
„Zum Gericht? Ei so, so. Da wirst Dich aber im Weg irren, Dirndl; in Numro Eins weiß ich kein Gericht.“
„Wasdenn?“
„Numro Eins ist das Schloß, wo der Prinz drinnen wohnt.“
„Na, sei so gut!“ rief das Mädchen und blieb stehen. Als jedoch der Führer die Vorladung las, sagte er: „Es ist richtig, Du mußt in’s Schloß!“
Sie gingen weiter – das Viktel stets mitten auf der Straße, so daß es fortweg in Gefahr war, von den Wagen niedergefahren zu werden. Sie sah und hörte kaum, was um sie vorging; sie dachte nur an das Schloß und an den Prinzen und an ein Märchen vom Prinzen und der Schäferin, welches sie von ihrer Mutter gehört hatte. Und sie seufzte auf: „Wer weiß, wie das mit mir ausgeht!“
Plötzlich weitete es sich und der Führer geleitete das Landmädchen über einen großen Platz, der mit viereckigen Steinplatten gepflastert war. Vor ihnen erhob sich ein Palast mit hundert Fenstern und gemeißelten Figuren an den Wänden und Zinnen. Sie schritten durch das weit offene Flügelthor eines hohen, vergoldeten Gitters in den innern Hof, wo an der Pforte die Wache mit aufgepflanzten Gewehren stand, so daß das Viktel davor erschrak und anfangs glaubte, diese Soldaten stünden da, um Jeden niederzumachen, der in das Schloß treten wolle. Sie bedankte sich beim Führer und bezahlte ihn; dann nahm sie ihre Vorladung in die Hand und hielt dieselbe, langsam vorschreitend, der Wache entgegen. Die Männer standen da, wie von Holz geschnitzt. Im inneren Thorbogen erschien jetzt etwas, bei welchem dem Viktel zum Erschrecken und zum Lachen zugleich war. Ein Mann, der das Gesicht voll Bart hatte und einen versilberten Pelz trug und einen goldenen Stab mit einem mächtig funkelnden Knopf in der Hand hielt. Dieser Mann – das Mädchen war ungewiß darüber, ob es nichtschon der Prinz wäre, daher machte es einen tiefen Knix – besah das Papier und wies das Mädchen über eine breite Treppe hinauf, die mit einem buntfarbigen Teppich belegt war. Die junge Dienstmagd aus dem Leeshofe wußte nicht recht, wo man da gehe, einestheils that ihr der weiche Teppich leid, darauf zu treten, anderntheils waren an beiden Seiten die Steinstufen so glatt, daß man ausgleiten konnte. So stieg sie mit einem Fuß auf den Teppich und mit dem andern auf den nackten Marmor. Ihr Herz pochte heftig, aber sie war entschlossen, sich durch nichts irre machen zu lassen und aufrichtig zu sein. Wenn der Mensch – so dachte sie – nichts Schlechtes auf dem Gewissen hat, so kann ihm auch im Prinzenschloß nichts geschehen.
Im Saale trat ihr ein dickes, schwarz gekleidetes Herrchen entgegen, das eine sehr hohe Glatze und einen kurzgeschnittenen weißen Vollbart hatte. Sein Gesicht war roth und blatternarbig, seine Nase weidlich kupfern, aber seine grauen Aeuglein blickten klug und sanft. Er blieb vor dem Mädchen stehen, setzte die Füße mit den funkelnden Stiefeln ein wenig auseinander, legte die Arme auf den Rücken und sagte mit freundlicher, aber immerhin etwas schnarrender Stimme: „Also Sie sind die Lebensretterin! Die Viktoria Zimmermann aus Breitegg!“
„Ich heiße so und bin aus der Breitegger Pfarr’,“ antwortete das Viktel, „aber wenn der Herr Du zu mir wollt’ sagen, so wär’s mir lieber.“
„Kann gern’ geschehen, Du fein’ Mädel,“ lächelte das Herrchen, „und jetzt komme einmal mit mir da herein; kannst ein wenig Toilette machen, wenn Du willst, ich werde Dich hernach zu Seiner Hoheit führen.“
„Wassoll ich da machen?“ fragte sie, als sie mit ihm in ein schönes, lichtes Zimmer trat. Plötzlich blieb sie mitten auf dem Boden stehen und starrte auf ein Gemälde hin, das an der Wand hing. Es stellte in Lebensgröße das Haupt jenes Mannes dar, der ihr vor ein paar Wochen den Ring an den Finger gesteckt hatte.
„Meiner Tag!“ hauchte sie, „jetzt was ich derschrocken bin! G’rad wie lebig! G’rad wie lebig! –Wer ist er denn?“
„Der da auf dem Bildniß? Den sollst Du ja kennen; hast ihm doch das Leben gerettet. Deshalb ließ er Dich kommen. Es ist der Prinz.“
„Jesus, Maria und Josef!“ rief sie, „’leicht will er mich heiraten gar!“ – Es war ein Aufschrei. Aber der kleine Herr schmunzelte und streichelte ihre bebende Hand, mit der sie sich an einer Stuhllehne stützte. –
Eine Viertelstunde später stand das junge Bauernmädchen auf dem Teppiche des fürstlichen Gemaches. Wohin sie blickte, goldene Pracht, dazwischen Vasen mit üppigen Rosen und aufrankendem Laubwerk und in allen Wänden, aus Goldrahmen schauend, sah sie ihr ärmliches Bild. Ihr war angst und bang. Da erschien der Prinz. Er war in Militäruniform und hatte an der Brust ein Sternchen. Das sah sie nicht, sie sah nur sein Angesicht – es war dasselbe mit dem süßen Blitz des Auges, mit dem tiefen und weichen Laut des Mundes. Er schritt rasch auf sie zu, faßte ihre Hand und sagte: „Willkommen! Wir sind ja alte Bekannte, aber Sie müssen nicht übel von mir denken, mein Kind, daß ich Sie amtlich holen ließ, sonst wären Sie ja nicht erschienen und ich bin doch so sehr Ihr Schuldner geworden.“
Sie entgegnete nichts, schlug das Auge zu Boden und nur einmal zuckte es glühend zu ihm auf.
„Nun erzählen Sie mir einmal,“ sagte der Prinz und machte eine leichte Geste mit der Hand, wobei er die ihre losließ, „erzählen Sie mir, Viktoria, wie geht es Ihnen, ist die Wunde am Arm schon ganz heil? Habt Ihr noch so gutes Wetter zu Breitegg? Ich hoffe, jener Mensch wird doch wieder in Gewahrsam sein.“
Sie sah ihn fragend an, worüber sie ihm eigentlich zuerst Antwort geben solle. Aber ohne eine solche abzuwarten, bat er, daß sie in ein Nebengemach trete, und begleitete sie. Im Nebengemache rauschte eine junge, schlanke Dame in rosaseidenem Kleide.
„Hier, meine Theure,“ sagte der Prinz zur Dame, „stelle ich Dir das Bauernmädchen, den Schutzengel Deines Emerich vor!“
„Grüß’ Sie Gott, meine Liebe!“ sagte die Dame mit einem glockenreinen Stimmchen, warf einen flüchtigen Blick auf die rauhe Hand des Mädchens, an welcher der Ring funkelte, schritt, die beiden Arme vorstreckend, auf das Viktel zu, und neigte ihr Haupt leicht gegen deren Wange, daß es von Ferne aussah wie ein Kuß. „Ich habe Ihnen viel, sehr, sehr viel zu danken. O, nehmen Sie Platz.“
Blaß, wie eine Sterbende, sank das Mädchen auf einen rothen Sammtsitz; das hohe Paar richtete die freundlichsten Worte an sie; plötzlich aber stand sie auf; „ich hab’ da nichts zu suchen,“ hauchte sie und wollte davon.
Die Dame hielt sie zurück. Dem Prinzen wurde ein Besuch gemeldet. „Ich sehe Sie noch, meine Gute!“ sagte er, drückte ihr rasch und fest die Hand und ging aus dem Gemache.
Das arme Mädchen hätte ihm mögen nachrufen: Bleib’, laß’ mich hier nicht allein! –
„Das, was ich Ihnen schulde, wackeres Kind, ist nicht mit Gold zu bezahlen,“ sprach nun die Dame, „Sie sind wohl arm, wie Alle Ihres Standes; Sie haben von mir eine sorglose Zukunft zugute; dieselbe ist Ihnen durch eine für Sie hinterlegte Summe bereits gesichert. Vor allem bin ich bewogen, Ihnen den Ring abzulösen, den Ihnen mein dankbarer Gemahl als Pfand gegeben hat. Nehmen Sie als erstes und heiligstes Zeichen meiner Erkenntlichkeit dieses Kreuz.“ –
Sie wollte dem Mädchen ein goldenes Kreuzchen um den Hals hängen, dieses wehrte mit beiden Händen ab und rief: „O Gott, nein! Was brauch’ ich noch voran ein Kreuz, hab’ eh hinten eins.“
Die Dame machte ein Lächeln, weil sie glaubte, die Bauernmagd rede im Spaß; bei dieser jedoch war es harter Ernst. „Ich bin kein Prälat nicht,“ sagte sie trotzig, „ich bin eine dienende Dirn und weiß es gleichwohl, daß es nicht kann sein, aber den Ring, den er mir einmal hat angesteckt, den geb’ ich nimmer her.“
„Ich bitte zu bedenken, meine Liebe,“ hauchte die Dame, „daß mir gar viel an dem Kleinode liegt!“
„Mir auch,“ stieß das Mädchen heraus und biß die Lippen zusammen.
„Daß es der Verlobungsring ist, den mein Emerich von mir erhalten hat.“
„Das kann schon sein,“ versetzte das Viktel, „aber Euer Mann ist er nicht. Ich weiß es recht gut, daß unser Prinz noch nicht geheiratet hat.“
„Ich muß bitten!“ sagte die Dame und erhob sich. Das Mädchen blieb sitzen, richtete sein Gesichtchen ernst und traurig zu dem blassen Antlitze der Fürstin und sprach: „Es ist nichtrecht, daß ich es sage, aber es ist auch nicht recht, daß Ihr unverheirateter Weise so beisammen lebt. So gut wie Ihr, kann ich ihn jetzt auch lieb haben, und –“
Die Dame strich rauschend durch das Gemach; dem Mädchen knickte sein Haupt ein, es verdeckte das Gesicht mit beiden Händen und rief: „Es kann nicht sein! Ich hab’ ihn so viel lieb!“ und schluchzte laut.
Die Fürstin eilte auf sie zu, legte ihr weiches Händchen auf die Schulter der Weinenden und sagte mit Beklommenheit: „Thörichtes Kind!“
In ihren Augen selbst glänzte eine Thräne. Wie fand sie die Liebe zu dem Manne, derihrGlück war, begreiflich, verzeihlich! Hier liebte nicht das Bauernmädchen den Prinzen, sondern das Weib den Mann. Die Fürstin haßt ja alle Nebenbuhlerinnen, wie es jedes Weib thut und nicht anders kann – aber das kindliche Geständniß dieses armen, jungen Wesens, das unter seinem Schmerze zusammenschauert, rührte sie.
„Viktoria,“ sagte sie sanft, aber im Tone, wie man zu einem Kinde oder zu einem Irrsinnigen spricht: „Du hast einen schönen Namen, Du wirst siegen über eine Leidenschaft, die Dich zugrunde richten müßte. Du wirst einen braven Mann finden, der Dich glücklich macht, wie Du es verdienest.“
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn es ungeschickt war,“ versetzte das Mädchen und wischte sich die Thränen aus den Augen, „bin gleichwohl so gescheidt, daß ich weiß, ein armes Dienstbot kunnt nicht taugen für so einen Herrn. Nur den Ring geb’ ich nimmer.“
„Aber, meine Gute –“
„Wenn ich ihn nur nicht wieder gesehen hätt’! Ich bin in Euer Haus gekommen zu meinem Verderben!“
„Ich sage Dir noch einmal, Du sollst von heute an ein sorgenfreies Leben haben, sollst nicht mehr in den harten Bauerndienst, sollst selbst eine wohlhabende Bäuerin sein. Nur denke nicht, mein Kind, und vergesse für alle Zeit – ich wünsche es – und streife das fremde Gold von Deinem Finger, dann wirst Du froh sein.“
„Nein!“ schrie das Mädchen, „den Ring gebe ich nicht mehr. Der Ring ist verwachsen mit meinem Fleisch und Blut.“
Die Fürstin, ihrer kaum mehr mächtig, hastete bebend nach der Linken des Mädchens. Dieses riß aus und rief: „Und wenn Ihr mir den Finger abschneidet, ich kann ihn nicht lassen!“ Da trat der Prinz wieder ein und traf beide Frauen weinend. Das Viktel aber sprang auf, wies mit dem Finger auf den Eintretenden und sagte: „Den hätten Sie gefunden ermordet auf dem Wockenberg, wennichnicht wär’ gewesen. Aber dafür verlang’ ich nichts; daß ich ihn abgehalten, ist Christenpflicht gewesen. Nur der Ring ist’s! Weilermirdengegeben hat, gehört er mein. Ich kann mir nicht helfen!“ – Mit diesen Worten stürzte sie dem Ausgange zu.
Die Fürstin sank auf einen Fauteuil und hauchte: „Das ist mein Unglück.“
„Was ist vorgefallen?“ fragte er.
„Sie giebt ihn nicht zurück!“
„Lasse sie, Angela, lasse sie,“ beschwichtigte der Prinz, „es ist ein albernes Wesen.“
„So sprichst Du heute, Emerich. Weiß ich aber, was war und was kommen kann? Ach, der Verlust dieses Ringes ist mir eine böse Bedeutung.“
„Was war, meine Einzige, das habe ich Dir schon zur Genüge mitgetheilt,“ versetzte er.
„Ich finde es nicht gut für einen Fürsten, sich allzu harmlos unter das Volk zu begeben,“ sagte sie.
„Ich stimme Dir bei, Angela, nur dünkt es mich langweilig, immer und immer den Herrscher spielen zu sollen. Ich sehne mich zuweilen, Mensch zu sein draußen in der Natur. Ach, warum soll der Fürst immer gefangen sein, umringt und bewacht! Die Krone, die sie mir in kurzer Zeit auf’s Haupt drücken wollen – ich gebe sie wohlfeil!“
Unmuthig sprach er diese Worte; die Fürstin streichelte ihn: „Du bist so gut, Emerich, aber Du bist ein Schwärmer. Blicke mir doch wieder einmal in’s Auge!“
Er that’s mit einem hastigen Blick und sagte: „Warum soll ich Dir nicht in’s Auge sehen können, meine Liebe! Ich hoffe, daß ich Alles, was ich persönlich thue oder lasse, jederzeit werde verantworten können.“
„Warum siehst Du so eilig wieder in die leere Luft hinein, Emerich? Genirt Dich mein Blick?“
„Ja, Angela, ja! Wenn ich in Dein schönes Auge schaue, so kann ich nicht denken und sprechen; der Gedanke ertrinkt in diesem See, verbrennt in dieser Sonne.“
„Galanter Mann! Indeß würde ich von Deiner Liebe noch tiefer überzeugt sein, wenn Du an meiner Seite bliebest, anstatt wie ein Waldmann im Gebirge herumzustreifen und Dich verschiedenerlei Gefahren auszusetzen.“
„O laß’ mir doch meine Freude an den Bergen, oder theile sie mit mir, mein Kind.“
„Ich begreife das Vergnügen nicht, zwischen den Bergen zu sein und auf Mörderhände zu warten.“
Der Prinz lächelte und versetzte nicht ohne Schalkheit: „Diesmal macht weniger der Mörder, als der Schutzengel meiner Theuersten bange. – Nein, nein, jener Landritt warnicht der erste und wird nicht der letzte sein. Daß ich einmal in Gefahr war, Verbrecherhänden anheimzufallen, wird mich nicht ängstlich machen. Wenn der Mann wirklich eine böse Absicht hatte – was allerdings unstreitig ist – so hatte er sie nicht gegen den Fürsten, sondern einfach gegen die Geldtasche.“
„Ich begreife, mein Herz, das Gefühl der Dankbarkeit, das Du zu jener Stunde der Befreierin aus der Gefahr entgegengebracht hast, auch ich werde der Vorsehung mein lebelang danken, jedoch bedauere ich, daß Du der Magd den Ring verpfändet.“
„Mein süßer Engel,“ versetzte nun der Prinz und legte ihr Händchen zwischen die seinen, „Du weißt nicht, wie mir damals zu Muthe war. Hätte ich Der, die mich dem Leben, die mich Dir erhielt und die für mich blutete, Geld geben sollen oder die Taschenuhr? Nein, nein. Nur das Theuerste, was ich bei mir trug, war gut genug.“
„Du solltest nicht belehrt werden dürfen darüber, was es bedeutet, wenn ein Mann einem Weibe den Ring an den Finger steckt. Nun belehrt Dich die Bauernmagd.“
„Angela!“ sagte der Prinz sehr leise, aber ernst.
Sie sah ihn scheinbar ruhig an und entgegnete: „Welch’ ein vorwurfsvoller Ton! – Ich begehre von ihr den Ring zurück.“
Sie verließ das Gemach. Er stand und blickte ihr nach und murmelte: „Ich liebe die eifersüchtige Frau; aberDeineEifersucht, Angela, ist niedrig. – Wäre es möglich! Wäre es denkbar, daß Du recht hättest? So wärest Du es selbst, die meinen Sinn nach dem armen Mädchen wendet. – Sieh Dich vor, Angela, Ringe sind zu ersetzen, Herzen nicht! – Ich gab ihr den Reifen, so sei und bleibe er ihr Eigenthum.“
Das kleine blatternarbige Herrchen, mit welchem das Viktel bei der Ankunft im Schlosse gesprochen hatte, war Geheimsecretär des Prinzen und hieß Magister Flaus. Er war Meister in Welt- und Hofkünsten, die rechte Hand des Prinzen, die linke der Fürstin, und die Schnürchen der meisten beweglichen Puppen ringsum gingen in seiner Faust zusammen.
Bei Magister Flaus sprach nun so höflich und unterthänig, als in der Eile möglich, der Leibkutscher des Prinzen vor, ein strammer, kräftiger Kerl, der eben erst von den Uhlanen für den fürstlichen Privatdienst ausgehoben worden war.
„Was soll mit ihr geschehen?“ fragte dieser.
„Mit wem?“ fragte der Magister.
„Mit der Bauerndirn. Vor etlichen Minuten ist eine Bauerndirne die Treppe herabgelaufen; sie muß in den Gemächern der Hoheiten gewesen sein. Sie that gar absonderlich und kam mir nicht recht richtig vor.“
„Sie soll angehalten werden.“
„Habe ich gethan.“
„Warum Er?“
„Ist mir gerade angesprungen.“
„Wo ist sie jetzt?“
„In der Wachtstube.“
Magister Flaus gab Befehl, daß die junge Bauernmagd einstweilen bewacht werde; er würde dann die Sache untersuchen.
Und eine Stunde später trat der Magister aus den Appartements der Fürstin, wohin er gerufen worden war, und beschied den Kutscher zu sich.
„Er heißt Jonas Strigel?“ fragte der kleine Herr.
„Allemal,“ antwortete der Bursche und pflanzte seinen Schnurrbart auf.
„Sag’ Er mir einmal, Jonas Strigel, wieso hat Er die fliehende Bauerndirne abgefangen?“
„Ist mir eingefallen, sie könnte ’leicht was gestohlen haben.“
„War das der einzige Grund? Weiß Er nicht, daß dafür die Wache am Thore steht?“
„Das Mädel hat ganz getaumelt, wär’ arg zu Boden gestürzt, wenn ich sie nicht hätte gehalten.“
Aber der Herr Magister war auch mit dieser Begründung nicht zufrieden; er lugte so schief und zwinkernd in das Gesicht des Kutschers und sagte schmunzelnd: „Die Kleine ist nicht übel!“
„Sauber ist sie!“ stimmte der Bursche hastig bei.
„Das wär’ Eine –“
„Ja!“ rief der Kutscher.
„Zum heiraten.“
„Wohl, wohl, Herr Magister. Sie nähme mich, ich sah ihr’s an.“
„Der tausend, da seid Ihr ja schon im Reinen. Na, gratulir’! Hat auch Geld, das Mädel. Hat Er an ihrer Hand den Brillantenring gesehen, Jonas?“
„Der Teufel hol’ mich, nein. Ich hab’ nur alleweil in die Larve ’glotzt.“
„Ganz vernünftig,“ gab der Magister bei, „der Ring ist auch nicht ihr Eigenthum; sie erhielt ihn als Pfand von einem Herrn. Aber nicht so, wie Er denkt, Er schlechter Junge, Er! Wird’s schon noch erfahren, wie das war. Nun will die Landschöne den Ring nicht mehr vom Finger lassen, während dem Verpfänder daran liegt, ihn zurück zu erhalten. – Jonas,“ das Herrchen klopfte dem stattlichen Burschen, so gut er gelangen konnte, auf die Achsel. „Er ist ein gescheidter Mann und genießt unser Vertrauen. Wollt’ Er’s übernehmen, dem Mädel den Ring vom Finger zu kriegen?“
Der Kutscher drehte an seinem Barthörnchen, lugte mit halb geschlossenen Augen so vor sich hin und antwortete endlich: „Warum nicht!“
„Bis morgen müßte es geschehen sein und hat Er mir den Ring persönlich zu übergeben. Begriffen?“
„Ganz wohl, Herr Magister!“
„Und reinen Mund gehalten!“
„Verstatte mir, ist sie noch in der Wachtstuben?“
„Ei, Närrchen, wer wird so ein laubfrisch Ding in der Wachtstube lassen! Sie befindet sich im Untergebäude in den Kammern der Küchenmädchen.“
„Die weiß ich!“ Der Kutscher machte seinen militärischen Gruß und ging.
„Apropos, Jonas!“ rief ihm der Magister Flaus nach, „abernurden Ring.“
Das arme Viktel, die junge Magd aus dem Leeshofe, saß in einem kahlen Zimmer des fürstlichen Schlosses, stützte die Ellbogen auf ihr Handbündel und starrte wie verloren auf den Boden hin. Kaum wußte sie, wie sie aus der Wohnung der schönen jungen Frau hierhergekommen war. Ihr wirbelten vor den Augen alle Farben, sie erinnerte sich nur dunkel, daß sie unterwegs auf der Treppe von einem baumlangen Menschen angehalten und gekost worden war, und daß sie in der Soldatenstube Einem die Faust in’s Gesicht geschlagen habe. Was es in einem solchen Schloß für sündhafte Leute giebt! – Dann war sie in dieses Zimmer gebracht worden. Ein Tisch stand da; sollte sie heute hier essen? Sie hat keinen Hunger. Ein Bett war hier; sollte sie die heutige Nacht darin schlafen? Das Fenster ging in einen Hof hinaus, ringsum lauter Mauern. Schon dämmerte der Abend.
Sie kam sich vor wie eine Gefangene. Was wollte man mit ihr? War der Fremde, den sie damals am Leeshofe gesehen hatte, also der Prinz? Und er hat eine Geliebte und diese will den Ring von ihr zurück haben? – Auch der Trotz ist jetzt da. Und wenn sie ihr den Kopf abschneiden, so macht sie die Hand zur Faust, daß der Ring nicht herabgeht. – Was hat diese Frau für ein giftiges Auge! Und er hat sie, das Viktel, wieder so freundlich angesehen und schier so lieb mit ihr gesprochen wie dazumal. Sie verlangt, sie mag von ihm nichts, als den Ring. –
So waren ihre Gedanken. Dann kam ihr zu Sinn, es warte in diesem Palaste nichts Gutes und sie solle trachten, hinauszukommen. Am Thore stehen Soldaten mit langen Messern. Wenn sie nur ein einziges Wort mit dem Prinzen sprechen könnte, sie glaubt es nicht, daß er ihr Böses anthun lassen will. Ihre Brust strebt lebhaft nach Athem; die Luft ist hier gerade so wie laues, faules Wasser – man erstickt.
Als es finster geworden, wurde das Zimmer von der Laterne beleuchtet, die zum Fenster hineinschien. Um diese Zeit war’s, daß das Viktel sein Bündelchen fester band und leise das Zimmer verließ.
Am dunklen Gange begegnete ihr Jemand, der sie fragte: „Wer ist das?“
„Ka Mensch braucht Spinat! mannig’s Tag’s ist’s just, wie wann’s verhext wär’!“ rief das schlaue Mädchen und fand als Gemüseverkäuferin richtig den Weg in’s Freie.
Sie lief weit die Straße hin und sie athmete auf. Die zahllosen Lichter wollten sie blenden, hier stieß sie an eine Mauer, dort an einen Laternenpfahl oder an einen der ruhelos hin- und herwogenden Menschen. So taumelte sie hin. Sie fragte nicht, nach welcher Richtung, nach einer Seite mußtedie Straße doch aus der Stadt führen – und sonst wollte sie nichts. Je öder und dunkler die Gassen wurden, desto freier fühlte sie sich; endlich lief sie zwischen langen Gartenmauern hin, hier noch ein Haus und dort noch eines, hier noch eine Laterne, dort noch ein Fensterschein, hier noch ein Fußgänger, dort noch ein Wagen, dann von all’ dem nichts mehr, und sie stand auf freier nächtiger Heide, über sich den weiten Himmel mit Mond und Sternen.
Sie setzte sich auf einen Stein, um zu rasten, und sagte: „So, jetzt weiß ich’s, wie’s in der Stadt ausschaut.“
Sie nahm Brot aus ihrem Bündel und aß es; es war noch Brot von daheim. Im Steine des Ringleins glühte das Mondlicht, fast funkelte er lebhafter als das Gestirn des Himmels.
„Wie finde ich jetzt heim?“ fragte sie sich.
Dann stand sie wieder auf und ging und ging. Nur weit weg von der Stadt, wohin sie kam, deß fragte sie sich nicht. Plötzlich sah sie neben der Straße eine hohe schwarze Gestalt. Sie blieb stehen und blickte d’rauf hin; auch die Gestalt schien gegen sie gerichtet zu sein, regte sich aber nicht. So lange standen Beide, bis es dem Mädchen endlich einfiel: Gespenst, du bist zuletzt gar nicht lebendig! Sie nahm sich ein Herz und trat auf die Wiese hinaus und stand vor einem Schober getrockneten Klees, wie solcher an Stangen aufgespießt zu werden pflegt.
Das ist mir gerade recht, dachte das Viktel, der Klee gehört zwar nicht mein, aber ich werde ihn auch nicht fressen, ich werde nur darin liegen, bis es Tag wird. – Sie zerstörte den Schober mit kundiger Hand und machte sich ein Bett, legte sich auf Klee und hüllte sich mit Klee ein und sagte: „So, in Gottesnam’!“
Allein nach solchem Tage ging das Einschlafen nicht so leicht wie daheim nach dem Heuen oder Kornschneiden. – Morgen, so dachte sie, hab’ ich ja wieder mein gutes Bett. Aber eine närrische Fragerei wird das sein von den Leuten. Was ich Neues thät’ wissen? Zu was sie mich gebraucht hätten? Ob ich was kriegt hätt’? Nichts werde ich erzählen; braucht’s kein Mensch zu wissen, daß sie mir den Ring wieder haben wegnehmen wollen. – Geld, weiß Gott, wie viel Geld, hat sie mir geben wollen. Ich brauch’ kein’s, ich verdien’ mir meine Sach’ schon selber, und jetzt schlaf’ ich. –
Der Schlaf läßt sich nicht befehlen. Das Mädchen drückte die Augen fest zu, aber sie gingen immer wieder auf und schauten in den Sternenhimmel hinein. Eine Sternschnuppe um die andere flog hinab. „Gott tröst’ alle Sterbenden!“ sagte die Ruhende. – Im Grase zirpten noch Heimchen. Hunderte von Thierchen waren auf der Wiese und umkreisten das Mädchen; das Viktel ahnte nichts von dem, was für diese Nacht in den Mauern des Prinzenpalastes ihretwegen geplant worden war. – Da fiel ihr jetzt ein: Wenn schlechte Leute des Weges kämen und sie mich hier gewahrten im Klee! In der Nähe einer solchen Stadt giebt es gewiß allerlei Gesindel. Wenn der Graber-Schorsch daherginge! .... Sie faltete ihre Hände über die Brust und flüsterte das Gebetchen, welches sie als Kind von ihrer Mutter gelernt hatte: „In Gottesnam’ schlafen, sechs Engel werden mir wachen, zwei zu Haupten, zwei zu Füßen, zwei zur Seiten, Unsere liebe Frau wird ihren Schutzmantel ausbreiten. Amen.“
Bald nachher erschraken die Heimchen vor ihrem Schnarchen.
Der Peter fuhr früh in der Morgendämmerung aus, um Klee einzuheimsen. Schon von weitem sah er die kahle Stange ragen und fluchte über das Gestrolche, welches ihm schon wieder einen Schober auseinandergeworfen habe. Als er dem Haufen in die Nähe kam, wurde es in demselben lebendig und ein bildhübsches Dirndl sprang aus dem Klee hervor und lief davon.
Der Peter sprang ihr nach, erwischte sie, und das Viktel hatte glühende Augen und rief: „Wann Du nicht auslaßt, so kratz’ ich!“
„Kratz’ zu, kleine Hex’! Was hast Du denn in meinem Klee gemacht?“
„Geschlafen.“
„Weißt Du’s, daß der Peter in seinem Klee nicht umsonst schlafen läßt? Komm! Wir wollen zu zweit suchen, ob ein vierblätteriger dabei ist!“
„Laß aus, sag’ ich, Du großmäuliger Dingling, Du! Ist denn in dieser Gegend jedes Mannsbild vom Teufel besessen! Auslaß’!“
Der Peter hatte einen Biß in der Hand; eine so ungemüthliche Dirn ließ er laufen.
Als er den Klee auf den Leiterwagen faßte und wahrnahm, wie derselbe noch warm war, wollte er dem Mädchen neuerdings nachlaufen; zum Glück war es schon weit davon.
Sie blickte rings um und sah von Ferne die Thürme der Stadt. Sie fragte an Häusern nach dem Wege in ihre Gegend und fand sich bald zurecht.
Als es schon Mittagszeit war und ihr Schuhwerk schneeweiß vor Staub, sah sie vor sich auf der Straße einen Mann am Stocke mühsam dahinschreiten. Er war in bäuerlicher Kleidung, trug aber eine Soldatenmütze, hinter welcher dasdunkle Haar kurz und glatt geschnitten und der Nacken frisch rasirt war. Bald sah sie: ein noch junger Mann mit falbem Schnurrbärtchen, aber abgehärmt und blaß im Gesichte.
„Kein gutes Wandern, wenn’s so heiß ist!“ redete sie ihn an. „Wie weit denn?“
„Bis Wernsdorf, wenn’s geht,“ war seine Antwort.
„So, da gehen wir ja eine Weil’ miteinander.“
„Werde wohl nicht mitkommen können,“ sagte er, sein blaues Auge blickte sie gar offen und traurig an.
„Ich gehe ja auch gerne langsam, wenn ich einen Kameraden habe,“ meinte sie, „hat Er im Fuß was?“
„Jetzt nicht mehr,“ antwortete er, „ist aber eine Bleikugel drinnen gesteckt, vom Feldzug her – und das thut Einen höllisch geniren.“
Sie sagte nichts darauf, ging still und langsam neben ihm her und dachte allerhand.
– So ist’s, wenn der Mensch großen Herren dient, der Eine geht mit Schand und Spott aus, der Andere mit einer Blessur.
Sie mußte so laut gedacht haben, daß es der Invalide hören konnte, denn er sagte nun: „Welcher hohe Herr hätte denn einen Nutzen an meinem durchschossenen Fuß? Ich bin freiwillig gegangen, wie ich gesehen hab’, der Feind wollt’ in unser Land einbrechen. Und wenn ich ein Bettelmann sollt’ bleiben mein Lebtag lang, so wird’s mich nicht gereuen, daß ich gegangen bin.“
Sie blieb stehen, schaute ihn an – es war ein schöner Kopf, seine Augen brannten nicht, wie der Blitz, sondern wärmten, wie Sonnenschein.
„Narrheiten,“ sagte sie, „wer wird denn ein Bettelmann bleiben! Wo ist Er denn daheim?“
„Ja,“ antwortete er, „daß weiß ich selber nicht recht. Gebürtig bin ich in Wernsdorf, und seit neun Jahren habe ich in Oberkirwald als Holzknecht und auch sonst herum gearbeitet, und da hab’ ich gehört, wollten mich die Wernsdorfer nicht mehr gern behalten, weil sie sagen, das Heimatsrecht wäre verjährt.“
Das gab ihr wieder zu simuliren, denn, wie wir schon bemerkt haben mögen, das Viktel war kein Weibsbild, welches blos sprechen, sondern welches auch denken konnte. Schau, dachte sie, das ist auch spaßig, der hat keine Heimat und hat sich doch für seine Heimat anschießen lassen.
„Geh,“ versetzte sie jetzt, „bist schon nicht bös’, wenn ichDusag’ – geh’, häng’ Dich ein in meinen Arm, thust Dich gleich leichter.“
„Wenn Du schon so gut bist,“ sagte er und hing sich ein wenig an ihren Arm, „mich lust’s zwar gar nicht nach Wernsdorf, aber Deinetwegen gehe ich gern mit Dir, weil wir schon so Bekanntschaft machen. Wie heißt denn, Dirndl?“
„Viktoria Zimmermann heiß’ ich und bin Dienstmagd auf dem Leeshof in Breitegg, wenn Du’s weißt.“
„Recht gut weiß ich’s, bin letzt Jahr dort im Pfarrhof Knecht gewesen. Wenn Du etwan vom Johann Schmied einmal was gehört hast.“
„Ja Du, vom Sehen aus kommst mir eh bekannt vor,“ versetzte sie, „und sind des Pfarrer-Hansels wegen nicht einmal zwei Weibsbilder raufend worden?“
„Hast auch gehört davon? Na, Dummheiten waren es. Ich hab’ von all zweien gar keine mögen. Und jetzt, denk’ ich, werden sie meinetwegen nicht mehr viel raufen. Den Krüppel mag Keine.“
„Na, das wär’ nicht schlecht!“ rief das Viktel und war recht roth im Gesicht, dann setzte sie leiser bei: „Du kriegst leicht Eine.“
„Sapperlot,“ sagte er jetzt, „was Du für einen vornehmen Ring am Finger hast! Da ist ja gar ein Edelstein drinnen!“
„Ist mir nichts drum,“ antwortete das Viktel, „wenn er Dir gefällt, Hans, so zieh’ ihn herab...“
Was doch die Menschen thöricht sind, gerade oft, wenn ihnen das schönste Glück lacht.
Ein junger Prinz zu sein, dem man alsbald die Krone aufsetzen will, eine schöne maienfeine, liebesglühende fürstliche Braut zu haben – ich wollte mir nicht viel Besseres wünschen. Prinz Emerich wollte es eigentlich auch nicht, aber eben, weil der Mensch nicht Herr seiner Wünsche ist, so ist er nicht Herr seines Glückes. Prinz Emerich war sich’s vielleicht gar nicht bewußt, was er wollte, oder gestand sich’s nicht ein. Das half ihm aber nichts, er fühlte sich unbehaglich, unzufrieden.
Mit erneuter, erzwungener Lebhaftigkeit wandte er sich zu Angela, der Eifersüchtigen, Leidenschaftlichen, dem Weibe mit diesen zwei Fehlern, die sonst den liebenden Mann zu entzücken pflegen.
Ihre Eifersucht hatte zuerst das Gespenst genannt, das seither nicht mehr ganz von ihm gewichen war. Es neckte und ängstigte ihn mit lieblichen Träumen. Er sagte es laut und sagte es still, er habe nur die Fürstin lieb, aber sein Herz loderte an ihrer Glut nicht auf, wie sonst, er dachte an –
Ja wohl, er dachte an jenes Wort seiner Braut, der hingegebene Ring hätte kein gutes Bedeuten. Jenes einfältige Kind – es ist ja doch noch ein Kind – kennt nicht einmal denGeldeswerth des Ringes, der ihr an Gold zehnmal aufgewogen wird, und es giebt ihn nicht vom Finger. Sie denkt nicht an den Mann, aber sie will seinen Ring, und ahnt es nicht, was von ihm an diesem Ringe hängen geblieben ist...
Als der Winter vorbei war mit seinen glänzenden Festen und glänzenden Qualen, mit dem starren goldenen Joche des höfischen Lebens, unter welchem Mancher seufzt, aber Alle lächeln müssen – jene in Rosen maskirte Last, welche der Menschheit ewiger Dämon, der Keinen wahrhaftig glücklich sein läßt, tückisch dem Reichen aufgebürdet hat – als die „Saison“ vorbei war und der Frühling hereinlächelte über die Mauern der Stadt, da fühlte Prinz Emerich in sich die Sehnsucht erwachen nach den Bergen. Hinaus in die stille, einfache, große Natur und zu jenen schlichten Menschen, deren Tugenden größer sind, als die der Vornehmen, weil sie selbstloser sind; deren Fehler und Laster unschädlicher sind, als die der Großen, weil es ihnen an Macht gebricht.
Und eines Tages bestieg er sein Roß und ritt incognito davon. Warum er gerade die Richtung nach Breitegg einschlug? War es die von Ferne blauende Höhe des Wockenberges, die ihn reizte? Als er unterwegs auf den Fluren die jungen, anspruchslosen Blümlein sah, da dachte er wieder an das Viktel. Das war jenes von Eifersucht erweckte, liebliche Gespenst. Aber sie hatte für ihn geblutet. – Die Zeit her nicht allzu selten, wenn sein Sinnen unbewacht war und er sich dem stillen Hinschwärmen übergab, war ihm das Bauernkind eingefallen, das seinen Ring trug. Allmählich hatte seine dichterische Seele ihr anmuthiges Bild umgestaltet und vervollkommnet zu einer jener reizenden Schäferinnen, von denen die alten Sänger erzählt haben, und für die er schon als Knabe eine wunderliche Zuneigung gefühlt hatte.
Das schwarze Hengstlein trabte flink dahin, als wüßte es den Weg, den sein Herr meinte. Die Hügel erhöhten und bewaldeten sich und der Wockenberg kam immer näher; das Blau seiner Wälder bräunte sich und seine Felsenzinnen wurden schärfer und schärfer. – Oft sehnte sich Prinz Emerich nach einsamen Höhen. Die gesellschaftliche Höhe, auf der er stand, wollte ihn nicht befriedigen; es schien ihm, als wäre von ihr aus der Blick auf das Leben ein gar umnebelter und verschobener. Ihm verlangte nach freier, reiner Höhe, um mit dem klaren Auge des Denkers und dem warmen Herzen des Menschen die Welt zu betrachten. Er kannte den hohen Werth der Kunstblume: Civilisation, aber er suchte und liebte auch das verborgene Veilchen und das Dornröschen in der Wildniß.
Hinter der mit jungen Buchen besetzten Schlucht, welche aus der Hügelgegend in das Bergthal von Breitegg führt, sah unser Reiter neben dem Wege einen Mann, der auf dem Feldhange mit einer Haue emsig in die Erde Löcher schlug und in jede dieser Vertiefungen etwas hineingleiten ließ. Der Mann trug eine Soldatenmütze.
„He,“ rief der Reiter dem Arbeiter zu, „was macht Ihr da?“
Der Andere zog seine Mütze und antwortete: „Ackerbohnen setzen.“
„Gehört der Acker Euch?“
„Das nicht. Hab’ ihn in Pacht, bis die Bohnen zeitig sind.“
„Und seid Ihr ein Freund von Bohnen?“
„O, das wohl, wenn sie nicht von Blei sind.“
Das Pferd war ungeduldig, aber der Reiter zähmte es, daß es stand, und er sagte zum Arbeiter: „So scheint, daß Ihr auch mit Bleibohnen Bekanntschaft gemacht habt?“
„Mag wohl sein, Herr. Da drinnen“ – er deutete auf den Schenkel – „hat eine gesteckt. Habe den letzten Feldzug mitgemacht.“
„Ei, da sind wir ja Waffenbrüder!“
„So! Auch dabei gewesen? Gewiß bei den Dragonern. Na, das freut mich. Wollt’ der Kamerad nicht ein wenig Rast halten? Da, wie die Straße um den Berg biegt, steht gleich mein Häusel. Meine Alte kann Ihm mit Buttermilch aufwarten und der Rapp – ei ja, ein sauberes Thier! – mag ’leicht einen Schippel Heu; ich komme bald nach, will voreh just mit der Handvoll fertig werden.“
Der Reiter nahm die Einladung an, bog um den Berg, hielt vor dem Häuschen und sprang vom Pferde. Als er sich bückte, um durch die niedrige Thür einzutreten, stand das Viktel vor ihm. Er erschrak, sie nicht.
„Herr Hochheit,“ redete sie ihn an, „das gefreut mich, daß Er uns auch einmal heimsucht.“
„Wie!“ rief der Prinz, „da finde ich ja meinen Schutzgeist!“ Sein erster Blick war auf ihre Hand, sie trug ein Ringlein, aber nicht das seine.
„Ist vorbei,“ entgegnete sie, „wer wird denn von so Sachen so lang’ reden! Wenn der Herr Hochheit niedersitzen möcht’! Ist halt Alles so viel ungeräumt bei uns. Jetzt muß ich aber geschwind meinen Mann herheißen.“
„Wenn es der Bohnensetzer ist,“ sagte er, „der kommt bald nach, hab’ schon mit ihm gesprochen. – Also, verheiratet, Viktel!“ Er sagte das Wort leise und weich und blickte ihr in’s Auge. Aber jetzt that ihr sein Blick nichts mehr.
„Ich hab’ einen braven Mann kriegt,“ entgegnete sie, „von Wernsdorf ist er gebürtig. – Ja, und jetzt fällt mir was ein.“
Sie eilte in eine Nebenkammer, kehrte bald wieder zurück und hielt zwischen den Fingern einen in weißes Papier gewickelten Gegenstand.
„Das gehört dem Herrn,“ sagte sie, „ich brauch’ es nicht.“
Er nahm den Gegenstand und schälte ihn aus dem Papier, es war der Brillantring. – Er verbarg seine innere Bewegung und sagte ganz gelassen: „Sie giebt mir das zurück und denkt nicht daran, daß es mich kränken könnte?“
„Bitt’ halt um Verzeihung,“ antwortete das Viktel, „ich red’, wie ich’s versteh’, aber ich sag’, auf’s Kränken darf man nicht allemal schauen. Es ist recht närrisch von mir gewesen und ich will es dem Herrn Hochheit seiner Frau Braut tausendmal abbitten, daß ich dazumal den Ring nicht hergegeben hab’. Wenn Ihr Euch miteinander einmal versprochen habt, so gehört der Ring dem Herrn und der Herr gehört ihr und da hilft Alles nichts. – Thu’ ihn jetzt der Herr Hochheit nur einstecken, daß Er ihn nicht verliert, und ich bedank’ mich für den guten Willen.“
Bei Hofe lernt man ein gutes Benehmen für allerlei Gelegenheiten und Verhältnisse. Aber in dieser Sache wußte der Prinz nicht, was er sagen und thun sollte. Er hielt den Ring lange in seiner Hand und betrachtete das Viktel. Nun aber war’s seltsam. Ein unsichtbarer Faden, der sich so allmählich gesponnen, der bisher sein Herz so eigenartig beunruhigt und ihn in diese Gegend gezogen hatte, war nun plötzlich wie abgeschnitten. Er begriff nicht, wie er an dieses Bauernmädchen so oft hatte denken müssen. Es war, wie alle anderen hübschen Dirnchen auch sind. – Aber – und das fiel ihm nun ein – dieEitelkeit! Wie maßlos muß die Eitelkeit eines Mannes sein, wenn sie selbst einem Fürsten gefährlich werden kann, welcher weiß oder zu wissen glaubt,daß eine Bauerndirne in ihn verliebt ist! – Ob denn nicht doch die Eitelkeit ein gutes Theil zur wirklichen Liebe beiträgt? – Nun sie einen Andern nahm, ist’s in ihm kühl. Er sah sie an und gestand sich nur noch das Eine: Konnte sie auch nicht so schön sein, als sie in ihrer Abwesenheit ihm die Phantasie gestaltet hatte, so war sie doch eigentlich schöner als vor einem Jahre. Die Farbe ihres Gesichtes war zarter und ein wenig weißer, ihr Auge schien größer und noch milder, ihre Lippen lächelten weicher und ihre Locken schmiegten sich noch ungezwungener um das Köpfchen, wie damals. Auch waren die Formen ihres Körpers gerundeter.
Dann betrachtete der Prinz das ärmliche, aber reinlich gehaltene Häuschen und sagte nun: „Warum habt Ihr nur keinen größeren Hof gekauft?“
„Das Kaufen ist leicht gesagt,“ meinte sie.
„Ihr zieht es vor, das Geld auf Zinsen liegen zu lassen.“
„Wir haben keins.“
„Es ist doch bekannt, daß bei Eurem Gerichtsamte eine Summe für Dich hinterlegt wurde?“
„Ich bedank’ mich recht,“ sagte sie, „aber für den Rath, daß der Herr nicht mit dem Schorsch auf den Berg gehen sollt’, will ich nichts nehmen. Unsereins braucht auch oftmals guten Rath und kann ihn nicht zahlen.“
„Doch für den Blutstropfen.“
„Ist lang’ verheilt. Gießen ja auch die Soldaten ihr Blut aus und kriegen nichts dafür.“
„Also für den Ring, den Du hier zurückgiebst.“
„Schon gar nicht,“ rief sie und ging einige Schritte von ihm weg, „für den Ring schon gar nicht.“
Nun trat mit seinem steifen Fuß der Hans ein, der Bohnensetzer.
„Das Roß steht draußen in der Sonn’ und hat nichts zu fressen,“ verwies er, „das hätt’ beim Militär nicht sein dürfen! – Na, Herr Kamerad, thu’ Er sich kamod machen, den Rappen will ich schon besorgen. Hast keinen Wachholdernen mehr daheim, Viktel?“
Er meinte Branntwein, sie aber war erschrocken über seine Rede und sagte leise: „Kennen wirst ihn doch, den Herrn! Nicht! Jesus und Josef, das ist ja der Herr Hochheit, der Prinz!“
Jetzt starrte der Hans auf den Reitersmann, dabei zog er langsam seine Mütze ab.
„Laßt das,“ versetzte der Prinz, „wir haben Anderes zu besprechen.“
„Ist mir eh gleich so rar gewesen!“ rief nun der Hans drein, „hab’ ja beim Tambach-Defilé die hohe Ehr’ gehabt; haben sich aber Eure Hochheit seither den Bart weggeschnitten! Na, bitt’ gehorsamst.“
Sie redeten noch ein Weilchen hin und her. Der Prinz genoß eine Schale Ziegenmilch. „Besseres,“ meinte das Viktel, „können wir nicht aufwarten.“
„Ihr beschämt mich tief, wenn ich mich erinnere, welche Gastfreundschaft der Viktoria in meinem Hause zu Theil geworden ist. Ein bischen ist sie jedoch selbst daran Schuld, sie lief auch so davon.“
„O heilige Maria, wie bin ich froh gewesen, als ich vom Schloß draußen war!“
„Ich hatte die Absicht, Dich zu bewirthen –“
„Um’s gute Essen ist mir nicht viel.“
„Und Dich den Herrschaften vorzustellen.“
„Na, na, die Schloßherrschaften, die kenn’ ich schon,“ eiferte das Viktel, „den Herrn Hochheit nehm’ ich aus, aber die andern Männer sind all’ nicht viel werth.“
Es ist hierauf Einiges angedeutet worden, wobei Prinz Emerich Mühe hatte, seinen Zorn zu unterdrücken. Dann aber sagte er, das junge Weib an der Hand fassend: „Du bist eine vernünftige Frau, so wirst Du den Hof nicht nach seinen niedrigen Elementen beurtheilen. Es giebt auch im Palaste gute Menschen, die Euch schlichten Landleuten näher stehen, als Ihr glaubt, weil sie ganz wie Ihr streiten und leiden, weil auch dort, trotz aller goldenen Pracht, nur zwei Dinge sind, die glücklich machen können, das gute Gewissen und die Liebe. – Euch, Ihr lieben Menschen, ist wohl Beides beschieden; ein Drittes ist wünschenswerth, und ich wünsche daher, daß Ihr es annehmt. Will diese hübsche und stolze Frau ihre gute That nicht für Geld gethan haben, so wird es der Mann, der wacker für sein Vaterland stritt und davon ein Wundmal durch sein Leben trägt, nicht hindern dürfen, wenn ihm sein Fürst eine Ehrengabe reicht. Freut Euch die Landwirthschaft, so hoffe ich, daß ich im nächsten Jahre auf meiner Wanderung in Euern Großbauernhof einkehren kann.“
Der Hans sagte zum Viktel: „Wenn er es uns schon so gut meint, warum sollen wir es nicht dankbar annehmen? Brauchen wir es nicht, so wird’s unserem Bübel taugen, wenn es ein Großbauernsohn ist.“
Sie nahmen es an. Der Prinz schüttelte Beiden wacker die Hände, bestieg sein Roß, ritt heimwärts und liebte seine Fürstin.