Achtzehntes Kapitel

Darüber konnte ja am nächsten Morgen kein Zweifel sein, daß es Herbst war. Die alte Klara gab ungeheuer viel auf das Wetter. Wenn sie das Frühstückheraufbrachte, verfehlte sie nie hierüber Bericht zu erstatten, und zwar stets mit dem entsprechenden Mienenspiel: der guten Botschaft voll, wenn die Sonne schien, besorgt, wenn sie sich nicht zeigen wollte, und kopfschüttelnd, wenn es goß. Mariclée hatte von ihrem Bette aus den Blick auf zwei Fenster, wovon das eine groß offen stand, so daß sie beim Aufwachen über die jeweilige Witterung bestens orientiert war, aber sie tat nie dergleichen, da die Alte den meteorologischen Vortrag als ihres Amtes zu erachten schien.

„A very cool day indeed, Madam,“ verkündete sie heute, „and no sun.“ Sie schloß das Fenster und zündete im Kamin ein Feuer an.

Mariclée war etwas gerädert von dem langen Fahren auf den harten Sitzen des Stellwagens, und ihre Augen schienen wie nach einem Fieberanfall etwas glanzlos und erweitert. Aber sonst zeigte sie sich wieder sehr vernünftig. Es war immerhin gut, daß sie bei aller Verstiegenheit jederzeit imstande war zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückzukehren, und sich in den Alltag, ob sie ihm noch so weit davonlief, wieder zu schicken. Es galt jetzt die nächsten drei Wochen so erträglich zu gestalten, als es sich mit ihren beschränkten Mitteln vereinen ließ, dennvorherwürde sie das Exemplar keinesfalls sehen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Sie kannte ihn viel zu gut, um nicht zu wissen, daß er den Moment derMöglichkeit sie noch zu sehen aufs äußerste hinausschieben würde, weil ihm an dieser steten Möglichkeit eines Wiedersehens vielleicht mehr gelegen war als an dem Wiedersehen selbst.

Am liebsten hätte er sie nie aus seiner Nähe gelassen, weil sie ihn am meisten entbehrte, wenn sie mit einer Möglichkeit ihn zu sehen rechnen konnte und dann ausschließlich an ihn dachte. Er wußte, daß ihr zwar kein anderer Mensch, daß ihr aber mancheDingemehr galten als er. Für eine Idee hätte sie ihn jederzeit verraten und ihn über ein allgemeines Interesse aus dem Auge verloren und vergessen, ja vergessen, selbst ihn!

Der Sinn für die Unwichtigkeit des Einzelnen und die Relativität der Dinge ging ihr nie ganz verloren; hier lag der tragische Zug ihres Wesens: sie war nicht zu umschreinen und sehr früh unfähig gewordenrestlosin einem Manne aufzugehen. Auf ihre geistige Welt hatte er nicht den leisesten Einfluß. Denn was ihre geistige Position wert war, wußte sie. Sie hatte sich zu führerlos zu ihr durchgerungen und in geistigen Dingen zu bittere Not gelitten. Wenn sie aber den Stolz des Mannes eingehandelt hatte, so war ihr der Stolz der Frau in die Brüche gegangen. Sie fragte sich nicht, als sie jetzt einen Generalkassensturz vollzog, ob denn der ganze Spaß die Opfer wert war, die sie bringen mußte, noch ob er sich mit ihrerWürde vertrug. Sie wäre jederzeit zu einer Reise um die Welt bereit gewesen, um eine halbe Stunde mit dem Exemplar zu verbringen. Seine Verheiratung änderte an ihrer Haltung nicht das mindeste. Ihre Eifersucht war von ihrer Weisheit und ihrem stets regen Überblick so überboten, daß sie es sich zutraute auch die Eifersucht der anderen zu entwaffnen. Solche Dinge nahm sie gar nicht wichtig. Kurz sie war ein Original.

Daß sie aber mit nichten diejenige war, die sie unter anderen Umständen und in einer anderen Epoche geworden wäre, bedarf keines Wortes. Sie war als ein Kind ihrer Zeit vom heutigen Manne gezeichnet. Das Bestimmende für ihre eigenartige Entwicklung war, daß sie sich schon sehr früh von jener Gattung Männern umringt sah, die, kurz umschrieben, keine épouseurs sind, und daß sie gerade solche Typen am stärksten fesselte. Dies war ihr Schicksal; in unseren Tagen durchaus kein seltenes. Als dann dieser Kreis von „Verehrern“ von dem klassischen Liebhaber gesprengt wurde, war es schon zu spät; und ob sie es auch bedauerte, konnte sie nicht mehr zurück. Jene Utopien, die Tolstoi vor 20 Jahren in seiner Kreuzersonate zu Forderungen zu erheben wagte, sind, wenn auch in einer ganz anderen als der moralischen Tonart, im Unterbewußtsein der jüngeren Generationenrege, vielfach zur Tat und unverkennbar zur Neigung geworden. Indem sie keinem gehörte, behielt Mariclée, wie sie glaubte, auf irgendeine mystische und geheimnisvolle Weise auf alle liebenswerten Männer ein Recht. Zwischen der Eingrenzung oder der Einsamkeit blieb keine Wahl. So wuchs sie denn wie ein halb sublimer und halb absurder Protest ins Leben hinein. In einer Welt, in der man alterte und starb — die zwei einzigen Dinge, die sie nie vergessen konnte — tat sie nicht mit. Ja, alterte und starb sie darum weniger? „Ja, weniger,“ war jedesmal auf diese vernünftige Frage das sinnwidrige Echo ihres Herzens.

Kurz, jene Keime, die sonst in der Frau erstickt zu werden pflegen, und denen der Mann nicht Zeit läßt, ja die er vielmehr zu zertreten und mit anderen Trieben aufzupfropfen und zu kreuzen bestrebt ist, sie hatten bei ihr in eben jenen den Frauen gegenüber so sehr passiven Männern Nahrung gefunden und durften durch Mariclées eigene Geistigkeit, sowie durch manch äußere Umstände begünstigt, mit der ganzen Hitze einer sehr elementaren, jedoch sehr umgewerteten Leidenschaft emporschießen und sich entfalten.

Als sie mit dem Exemplar zusammentraf, war die Natur in ihr schon so stilisiert, daß sie auf den Wogen eines grenzenlosen Meeres, in dem sie unter anderen Konstellationen zweifellos versunken wäre, sicheren Fußes wandelte. Wenn aber das Band, dasdie Beiden vereinte, aus solchen Paritäten geflochten war, daß keine Zeit, keine Mißverständnisse und keine Eifersucht es zerreißen konnten, so hinderte das nicht, daß eine Welt von Dingen täglich daran zerrte und es verhöhnte. In der Theorie war sie ja eine große Utilitarierin; ihr wahres Leben ahnte niemand. Sie verbarg ihren Idealismus wie einen Höcker (und das war er ja auch) und schnürte ihn so geschickt ein, daß kein Mensch außer dem Exemplar sie darauf taxiert hätte. Was aber ihr Dasein recht eigentlich zu einer Prüfung machte, war, daß sie bei aller Verstiegenheit nicht in den Wolken lebte, sondern haarscharf erkannte, wie diese Welt beschaffen war, was vor ihr galt, und was nicht, und es ihr manchmal recht hart fiel, ihre Position, die jeder praktischen Lebensführung Hohn sprach, nicht nur vor sich selber, auch dem Exemplar gegenüber zu behaupten. Geradeweilsie ein Teil von ihm war, jener Teil seines Wesens aber, den er mit schonungsloser Konsequenz verneinte. Insbesondere sein Herz hatte er mit einer harten Kruste künstlichen Eises überzogen, die er eifersüchtig bewachte und um so fester zufrieren ließ, wo sie einmal nachzugeben drohte. O, sie kannte ihn gut! Noch zuletzt, als sie in Paris zusammentrafen, hatte sie deshalb mit ihm gehadert. Die Tuilerien auf und abgehend, waren sie schon mehrmals vor einer dem Louvre zugewandten Statue vorübergegangen, deren Nacktheit sie entzückte.

„Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen,“ hatte sie gesagt. „Für den Genuß haben Sie den Enthusiasmus hingegeben, und für einen solchen Handel waren Sie zu gut. Sie sind nicht glücklich.“

„SindSiees?“ hatte er mit leichtem Spott gefragt „und sollten Sie Ihre Argumente nicht vorsichtiger wählen?“ „Ich bin allerdings nicht glücklich,“ erwiderte sie da und wollte etwas geltend machen, aber zugleich war ihre Stimme, wie die Saite einer Violine, jäh entzwei gerissen, so daß sie schnell verstummte, da sie nur mehr über gebrochene Laute verfügt hätte. Denn bei ihr war ja das Eis so jämmerlich dünn, daß der leiseste Druck genügen konnte es einzutreiben. So gingen sie eine Weile stumm nebeneinander her; hinter den Champs Elysées schlugen goldene Wolken wie flammende Verheißungen am Himmel auf und wie immer war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zusammenschmiedete, daß sie nach einem Rhythmus und wie eine Gruppe wandelten, denn in Wahrheit waren sie Eins. Sein krasser und ungeheuchelter Egoismus war für Mariclée nur eine Lappalie, mit der man nicht ins Gericht ging. Zwar zog er durch die stillschweigende aber unerhörte Dreistigkeit, mit der er Leute, die ihm mißfielen, ablehnte, einen Ring von Feinden, wohin er auch kam. Aber die paar Freunde, die er überall besaß, hielten dafür blindlings zu ihm, denn loyaler war keinZweiter; und nie war er ein Feigling, nie ein Verräter; im Ganzen ein so reiner Typ, daß er — für die Phantasie — dem Tod kaum eine Angriffsfläche zu bieten hatte.

Was Mariclée indes von der flüchtigen Begegnung, die sie mit ihm gehabt hatte, denken sollte, wußte sie noch immer nicht. Es war das Präludium gewesen, und erst die Fuge würde sie über das Stück, dessen Tonart sich ja in Bälde zeigen mußte, aufklären. Vorerst, dies wußte sie, würde sie weder von ihm hören, noch hegte sie den Wunsch ihm zu schreiben. Der Feuerzauber auf dem Stellwagendach war gründlich verblasen, und sie gestattete sich keinen Gedanken daran, vielmehr begrüßte sie alles, was sie davon ablenkte und zerstreute.

Als sie übrigens ihre Bilanz aufstellte, seufzte sie ein um das andere Mal. Infolge ihres verlängerten Aufenthaltes stand sie finanziell recht schlimm. Für unvorhergesehene Fälle, sowie für die Heimreise hatte sie erst eine reichlich bemessene Summe von ihrer Barschaft abgehoben und als unantastbar in ihren Koffer gesperrt. Dann erst zählte sie zusammen, was ihr zum Leben für die drei nächsten Wochen blieb. Es war herzlich wenig. Für Ausflüge in die Umgegend so gut wie nichts. Wenn sie sehr sparsam umging, konnte sie sich wohl hin und wieder ein Theater leisten und für die Abende, die sie zu Hauseblieb, hatte sie den wundervollen Flügel, der im Saale stand, umringt von verhängten Spiegeln und Bildern und den verschleierten Lüstern und Kandelabern, die so feierlich hinter ihren weißen Umhüllungen erstrahlten. Mariclée liebte die Musik über alles. Ohne den schönen Flügel hätte ihr wohl vor ihrer Einsamkeit gebangt. Doch was für ein Gefährte war die Musik!

Bevor sie ausging, telephonierte sie an den Botschaftsrat.

„Ich fahre heute auf zehn Tage nach Schottland,“ hörte sie ihn sagen. „Treffen wir uns doch um zwei Uhr im Berkeleyhotel. Es liegt in Ihrer nächsten Nähe und für mich auf dem Wege.“

„Es paßt mir sehr gut,“ erwiderte Mariclée.

Wie war sie froh, daß sie ihn noch erreicht hatte, sehr froh, als sie ihn in seiner nachdenklichen und schnellen, aber nie eiligen Weise die Straße heraufkommen sah, sehr froh um die Ablenkung. Sie nahmen an einem der kleinen Tische Platz, rechts saß ein fabelhaft elegantes junges Paar, links ein dicker ältlicher Herr.

„Der könnte wirklich Maier heißen,“ bemerkte sie.

„Er heißt auch wahrscheinlich so,“ meinte der Botschaftsrat.

„Er paßt gar nicht nach London,“ sagte sie kopfschüttelnd, „warum der wohl hier sein mag?“

„Es wäre viel interessanter zu wissen, warumSiehier sind?“ versetzte er lachend, und sah sie von der Seite an.

„O! um den Engländern auf den Busch zu klopfen,“ erwiderte sie lebhaft. „Ich bin noch lange nicht zu Ende mit ihnen. Es gibt doch kein Volk, dessen Eigenheiten so auf die Spitze getrieben sind. Ein Deutscher, der so deutsch wäre, wie ein Engländer englisch sein kann, ist undenkbar. Wir stellen nie in dem Grade eine Rasse, höchstens etwas Typisches dar. Aber hier! welche Bodenzuständigkeit, mein Gott! man denkt an eine Algensorte. Von Jahr zu Jahr werden sich die Leute hier untereinander ähnlicher. Haben Sie schon bemerkt, daß in allen Teehäusern über ganz England dieselben paar Kuchensorten tagaus tagein gebacken werden, so daß also die Mittelklasse überall ganz genau dasselbe ißt, höchst schauderhaft.“ Und sie fing wieder die englische Gotik zu verwünschen an.

„Wo ist hier Innigkeit?“ fragte sie. „Wenn man da an Nürnberg denkt oder an Wien! Erinnern Sie sich jener kleinen Kirche: Maria am Gestade? wie sangesfroh, welches Jubilieren, welche Seligkeit in den schlanken Mauern. Hier muß man sich schon an die glatten, großfenstrigen Fassadenreihen gewisser Wohnhäuser halten, die gerade in ihrer ewigen Gleichförmigkeitso vornehm und gewaltig wirken. Die englische Gotik aber ist rudimentär und finster, wie ein Blutgerüst, wenn man sie mit der unsern und der französischen vergleicht.“

„Waren Sie in Oxford und Cambridge?“ fragte er. „Das müssen Sie sich aber wirklich ansehen, bevor Sie mit der englischen Gotik so samt und sonders aufräumen! und vergessen Sie ja nicht nach Winchester zu fahren. Übrigens sind hierzulande vor allem die normannischen Bauten zu besichtigen. Dort werden Sie finden, was Sie suchen, ohne es weder in Deutschland noch in Österreich anzutreffen,“ und er nannte ihr diesen und jenen Ort, der nur in drei Stunden, während der andere in zwei, der dritte gar nur in einer Stunde von London aus mit der Bahn zu erreichen war.

Es ging Mariclée auf die Nerven, von all diesen Ortschaften zu hören, die sie doch nicht aufsuchen konnte.

„Was ist interessanter?“ fragte sie, „Oxford oder Cambridge?“

„Sehen Sie sich nur beides an,“ riet er. „Und fahren Sie an einem schönen Tag die Themse hinab. Sie werden es sehr genußreich finden.“

„Ich will auch Whitechapel kennen lernen,“ sagte Mariclée, die nach einem anderen Thema suchte.

„Aber ja nicht allein! Unter keinen Umständenohne einen Detektiv mitzunehmen,“ warnte er. „Ich kann Ihnen eine vorzügliche Adresse geben.“ Er riß einen Zettel aus seinem Blockbuch und reichte ihn ihr hin, und sie tat, als ob sie ihn aufbewahren würde. Ich werde allein gehen oder gar nicht, dachte sie. Meine paar Schillinge helfen mir wahrlich zu keinem Meilenstiefel. Wieviel normannische Bauten werden da für mich heraussehen? — Sie war recht verstimmt.

„Warum so schweigsam?“ sagte er nach einer Weile. „An was denken Sie?“

„An den schönen Flügel, den ich in Grosvenorstreet habe,“ sagte sie und wandte ihm ein liebenswürdiges und heiteres Lächeln zu. Wenn sie sehr einfache Dinge sagte, die sie doch nur selber verstehen konnte, mußte sie lachen. Draußen stand sein Auto mit seinem Diener und seinem Gepäck, um ihn zur Bahn zu befördern.

„Wo darf ich Sie absetzen?“ fragte er.

„Vor einer Bank. Ich habe nur mehr deutsches Geld.“

Sie verabredeten sich für einen Abend der kommenden Woche, und in Haymarket stieg sie aus.

„Geben Sie acht, daß Sie Ihr Geld nicht verlieren.“

„Keine Gefahr,“ sagte Mariclée. „Ich habe mir innere Brusttaschen anfertigen lassen, genau wie anden Herrenjacken.MeineErfindung,“ fügte sie stolz hinzu.

„Ja, wenn uns die Frauen etwas nachmachen, so nennen sie das erfinden.“

Lachend winkte sie ihm noch einmal zu. Aber in dem Blick, den er ihr nachwarf, lag fast etwas wie Besorgtheit. Sie sah so schutzlos aus, — als müßte ihr in dieser großen Stadt unbedingt etwas zustoßen, wenn niemand sie behütete.

Gegen Abend schien sich das Wetter immer aufzuklären. Mariclée war den ganzen Tag nicht nach Hause gegangen, sondern schwärmte umher. Als sie endlich müden Fußes heimwärts zog, prangte Piccadilly längst in seinem trivialen Lichterornat, und es war Zeit auf die Suche des Restaurants zu gehen, das ihr noch zu entdecken blieb. Denn in das gestrige wollte sie nicht mehr zurückkehren. Wer dort nicht in großer Toilette auftrat, fiel doch etwas aus dem Rahmen. Zwar einschönesLokal mußte es sein. Sie lebte — nicht zu Unrecht — der Meinung, daß sie sich nirgends so wohlgemut ein bescheidenes Essen zulegen konnte, wie in einem teuren Restaurant, denn wer in teuren Restaurants verkehrte, den taxierte man nicht auf Sparsamkeit, wenn er noch so sparsam bestellte, wurde also nicht daran erinnert, sondern durftevergessen. . . . und darin lag ja für sie die Pointe.

Noch irrte sie unschlüssig umher, als sie in Transparenten den Namen eines Weinkellers funkeln sah, vor dessen Eingang ein mächtiger und gallonierter Schweizer Posten stand. Neugierig trat sie ein, ging eine Treppe hinab und betrat einen niederen, nicht übergroßen, aber eleganten Saal, in dem nicht die übliche grelle Beleuchtung vorherrschte, die sie haßte, sondern jedes der runden Tischchen von einer flotten, mit roter Seide umschirmten kleinen Lampe beschienen war. In der Mitte spielte eine Kapelle, frisch aus Oberbayern oder Niedersachsen importiert, für ein sehr zahlreiches, gut situiertes, wenn auch gemischtes Publikum. Leer stand nur ein Erker mit zwei Tischchen, gleich beim Eingang.

Mariclée nahm eins derselben in Beschlag. Ein Kellner stürzte schnellbereit herzu. Aber der Mensch mißfiel ihr. „Ich habe meine Wahl noch nicht getroffen,“ sagte sie eisig. Sie winkte einem anderem, dessen schönes Äußere ihr sofort aufgefallen war. Von dem wollte sie bedient werden. Aber vorerst studierte sie die Speisekarte: die war allerdings reich an Fährnissen und die Preisliste eine ganze Bank von Klippen. Aber Mariclée wußte sie geschickt zu umschiffen. Sie bestellte das billigste Fischlein, das hier emporschwamm, verlangte mit lässiger Stimme Tee und bemerkte im verwöhnten Tone, daß sie kein Brot zu sehen wünsche, sondern Toast. Heikler konnteman nicht mehr sein. Der Jüngling, der sie jetzt bediente, sprach ein sehr einwandfreies Englisch, dennoch hörte Mariclées empfindsames Ohr den Akzent heraus, sah ihm mit leblosen Augen ins Gesicht und sagte auf Deutsch: „Aber bitte schleunig.“ Da leuchtete das Gesicht des armen Jungen auf, er flog wie der Wind, fragte im reinsten Westfälisch nach ihren Wünschen und brachte ihr alles selbst. In so flüchtigen und beiläufigen Begegnungen konnte sie außerordentliche Devotionen auslösen, da sie infolge ihrer geschärften Sinne bei den Leuten deren Grad alsMenschenblitzschnell herausspürte und ohne eine Muskel zu verziehen, durch eine undefinierbare Höflichkeit den Menschen in ihnen salutierte. Im Scheine ihrer roten Lampe las sie jetzt ihre Abendzeitung, die sie draußen von einem Ausrufer gekauft hatte, bis ihr das Essen serviert wurde. Man saß in diesem Erker halb im Schatten, halb im Licht, alles übersehend und selbst unbemerkt. Die Kapelle spielte recht brav. Es war das Restaurant ihrer Träume; das Publikum nicht ganz leicht zu qualifizieren; erstklassige Boheme, wie es schien, hin und wieder eine zu Ehren gelangte Kokotte und hauptsächlich Fremde. Sehr international, sehr gut im Stil, sehr lautlos, scherte man sich hier doch den Teufel um jene Art von „High life“, von der im Berkeley oder Ritz kein Pardon gegeben wird. Die Damen, die hier eintraten, erschienen zwarmeist im Gesellschaftskleide und mit Herren, trotzdem fiel Mariclée in ihrem Straßenanzug, besonders, wenn sie hübsch in ihrem Erker blieb, in keiner Weise auf. Von dem Tage an kam sie täglich, saß immer in demselben Erker und am selben Tisch, der immer leer war, als sei er für sie reserviert, und immer von dem gleichen Kellner bedient; und sie aß immer, was er ihr vorschlug. „Was soll ich nur essen?“ hatte sie einmal gefragt. Es war so langweilig sich das jedesmal auszudenken, besser gesagt, auszurechnen. Seitdem wußte er es immer für sie, er stellte ihr jeden Tag ein Menü zusammen, das wie durch Zufall stets dieselbe Summe betrug, hier blieb sie oft Stunden hindurch, meistens mit einem Buch, oder sie kritzelte ein paar Briefe, während die Musik ihre Stimmung unterhielt, oder sie vertiefte sich in den Anblick der Leute, die in ihrer Nähe saßen, wie ein Kind in ein Bilderbuch. In ihr steckte ja auch ein ganzes Stück Kaffeehausbummler und alten Sonderlings. Denn nie war ein Mensch weniger aus einem Guß.

So verlebte denn Mariclée in ihrem schlafenden Palast wie von unsichtbaren Händen bedientund in tiefer aber phantastischer Stille ihre Londoner Zeit; der schöne Rahmen ihrer Einsamkeit hielt den Spleen von ihr ab, und der tosende Hintergrund des ewig fluktuierenden Londons hielt sie belebt, ja hatte sogar etwas von einem berauschenden, fast ein wenig gefährlichen Trank. Wenn sie am Flügel saß in dem weiß verhängten Saale, der im Licht der verschleierten Lüster so blaß und so verschwiegen schimmerte, oder in der Halle vor dem großen, unverhüllten Spiegel vorüberflickerte, kam sie sich manchmal vor wie ein Gespenst, das in diesem Hause umging, von seiner Leere angezogen, und sie malte sich aus, wie ein Mensch, der sie hier plötzlich sähe, bebend vor ihrem Anblick zurückträte, und wie sie keine Stimme fände ihn von seinem Grauen zu befreien, und die Brücke bis zu ihm, so nah er ihr stünde, nicht zu schlagen vermöchte, weil sie nicht mehr lebte . . . . Sie malte sich das aus, weil sie es sich so lebhaft vorstellen konnte; denn wie schon angedeutet, war sie so geartet, daß an der großen Tafel des Lebens, obwohl, oder vielleichtweiljeder Platz für sie so denkbar schien, nicht für sie gedeckt und sie bei der Tischordnung übergangen wurde. Sie saß etwas abseits an einem Katzentischchen, wo ihre Beziehung zum Genuß ebenso ausgesprochen blieb wie ihre Distanz. Sie war nicht resigniert, da sie niemals mit den Dingen abschloß, und das Unwiderrufliche ihr noch lange nicht als unentrinnbar galt. Vielmehrerachtete sie ihr äußeres Dasein als eine so dürftige Schale, die von einem ganzen Strom von Möglichkeiten, die von ihr ausstrahlten, so wenig auffing, daß sie es verschmähte mit einem so schlecht bemessenen Quantum sich abzufinden. Sie kam zu ganz anderen Schlüssen: „Man lebtnichteinmal,“ deduzierte sie. So war sie nicht resigniert, sondern zuckte die Achseln und wareinverstanden. Es gab so viel andere Dinge. Was aber eine eventuelle Sinnlosigkeit derselben betraf, so lag es nicht in ihrer Natur sie ernstlich in Betracht zu ziehen. Dazu war sie viel zu glaubensselig. Vielmehr hatte sie sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß sich für sie die Grenze zwischen Lebenden und Toten bedenklich verwischte und verschob. So konnte sie fortfahren, sich mächtig über jemanden zu ereifern, ob er auch längst dahin war, und ihre Antipathie war deshalb nicht geschmälert. Andererseits hatte sie manche ihrer Beziehungen, die unbestimmt und gestört oder unterbrochen gewesen waren, durch den Tod des Betreffenden gefestigt und geklärt gefunden, und sie hätte den Tod am liebsten mit einer Blendlaterne abgebildet, so grell und deutlich war der Schein, den er auf das Antlitz dessen, den er traf, gerichtet hielt. Es war seltsam, daß Mariclée, die das Leben so vielfach als Hemmung empfand und die befreiende Aktion des Todes so wohl erfaßte, ihn trotzdem mit einem so glühenden Hasseverfolgte, denn „verfolgte“ war komischerweise das Wort.

Im großen ganzen war sie sich wohl bewußt, daß der Aufenthalt in dem weitläufigen und stillen Palast wiederum nicht das richtige für sie sein konnte, denn sie wurde immer versonnener. Die alte Klara war sich über ihre Schutzbedürftigkeit bald klar geworden. Diese treue alte Seele, zur Kindsfrau wie geboren, fing an sie ganz als ihren Pflegling zu behüten und zu hegen. Es geschah oft, daß Mariclée, wenn sie nicht an den Hausschlüssel erinnert wurde, ihn mitzunehmen vergaß, so daß sie läuten mußte, wenn sie heimkam. Das Augenmerk der Alten galt dann immer ihrem Aussehen: „You look tired, Madam,“ sagte sie oft und blickte sie fürsorglich an. Dadurch wurde Mariclée erst an ihre Müdigkeit gemahnt, und es fiel ihr auf, wie verlassen sie war. Wer schützte sie? Wer hatte je auf ihre Müdigkeit geachtet? oder eine Bürde von ihren Schultern gehoben? wen kümmerte ihre Müdigkeit. „Yes, I am tired, Clara,“ sagte sie.

London war noch leer, aber schon gab es genug Leute, die auf ein paar Tage oder ein paar Stunden in der Stadt auftauchten, wie Wellen her und wieder weggetrieben. Denn sein Londoner Stadthaus als Taubenschlag zu halten, ist ja strikte Mode. Je großartiger es ist, desto intermittierender wird es bewohnt,desto sicherer steht es vom Freitag bis zum Montag leer und die vielen, in allen schönen Vierteln zur Miete oder zum Verkauf ausgebotenen Häuser hatten in der Tat etwas leis erschreckendes, wie erste welke Blätter im sommerlichen Laub.

Eines Morgens — es war ungefähr eine Woche später — entschloß sie sich, kurzerhand nach Oxford zu fahren. Aber kaum war sie dort angekommen, als sie ihre Energie zusammennehmen mußte, um nicht sofort kehrtzumachen, mit dem nächsten Zug wieder zurückzufahren und sich schleunigst in ihre Grosvenorstreet wieder zu vergraben, so schwer fiel ihr, angesichts der toten Straße, die sich von der Bahn aus hinzog, und deren Ende nicht abzusehen war, die Tatsache, daß das Exemplar ihr noch nicht geschrieben hatte, aufs Herz. Ein barscher Wind wirbelte ihr Staub in Mund und Augen, und im kreidigen Licht rollte träg ein Trambahnwagen wie der verkörperte Alltag einher. Vielleicht ist es aus Koketterie, daß sich Oxford dem Ankömmling so öde und schmucklos kündet. Erst als sie in das Herz des alten Städtchens eindrang, wurde sie wie von einem Zaubermantel dahingetragen, und ihr Sinn fing sich an den windschiefen Giebeln, den schwermütigen aber unbeugsamen Glockentürmchen weltweiser Klosterhöfe. Als dann nachmittags die Sonne schien und das Flüßchen von Magdalens College rötete und über Addisons Allee eine purpurneFahne schwenkte, vergaß sie sogar, daß sie keine gelben Blätter ertrug, denn das goldene Laub schien nur in Schweigen versunken, um tausend Gesängen zu lauschen. Sie stand, erhobenen Hauptes und selbst vom Glorienschein dieser herbstlichen Sonne umwoben, als dicht vor ihr ein Häuflein Studierender heranrückte. Es waren wohl nur die paar ganz fleißigen, die sich schon eingefunden hatten, denn die Ferien waren noch nicht zu Ende. Sie gingen im Gespräch um einen älteren Mann (offenbar einen Lehrer) geschart, und aus ihren Mienen war ersichtlich, daß sich ihr Eifer gerade auf ein wissenschaftliches oder philosophisches Thema konzentrierte. Sie stutzten, als sie Mariclées ansichtig wurden, starrten sie ein wenig verwundert an und zogen schweigend an ihr vorüber. Erst als sie ihr den Rücken gedreht hatten, nahmen sie das Gespräch wieder auf, und sie sah, wie einer der Schüler, dem älteren Manne zugewandt, lebhaft gestikulierte, während dieser ihn reden ließ und aufmerksam zuhörte. Ach! — Ihr war niemals ein Mentor beschieden gewesen! —

Es zog sie wieder ins Haus, um noch einmal durch die Höfe und Gänge und Säle von Magdalen College zu streunen. Hie und da lagen Bücher und Hefte, sonst war alles leer. Als sie zu einer Pforte gelangte, über der zu lesen war, daß fremde Besucher hier umzukehren hatten, reizte es sie natürlich hineinzugehen.Denn Mariclée hielt sich stets für befugt, wenn es irgend anging, solche Inschriften zu mißachten. Der Eingang war nur verboten, aber nicht verschlossen; sie drang nun in Gänge vor, in welchen sich die Studentenzellen aneinanderreihten, und in ein Winkelwerk von kleinen Treppen, Erkern und Stufen und stand plötzlich vor einer Türe, die halb offen stand und den Blick in ein reizvolles und lauschiges Zimmer gewährte. Sie sah einen Kamin, in dem hohe Flammen loderten, eine Teekanne, einen seidenen Flaus, ein vergittertes Fenster mit einem Rosenstock, das auf die Säulengänge des Klosterhofes hinausging, viele Bücher und die Lehne eines tiefen Sessels, in dem ein Jüngling weit zurücksaß, lesend, oder rauchend, oder sinnend, sie wußte es nicht, denn sie sah nur einen braunen Scheitel und eine weiße Stirn. Das andere verdeckte die Tür. Aber die Stimmung dieses Raumes, die roten, von der Sonne beschienenen Rosen am vergitterten klösterlichen Fenster, der Jüngling und das Bild seines Lebens an dieser privilegierten und weihevollen Stätte, bannten da Mariclées ewig schweifenden Geist in sehnsuchtsvolle Träumerei. Denn hier war etwas, was sie an der Wurzel packte, so daß sie sich auf ein Weilchen der Last und Zweifel, die ihr Herz täglich schwerer drückten, nicht mehr entsann. Denn der Grund, warum sie so abseits und so vereinzelt im Leben dastand, lag ja nur darin, daß gewisseSaiten, die bei anderen nur sporadisch oder nur leise anklingen, der eigentlicheGrundtonihres Wesens waren. Denn die Abnormität ihres ganzen Gefühlslebens beruhte ja nur darin, daß sie bei einem Dinge oder einem Menschen, der sie zur Leidenschaft hinriß, viel weniger dachte: „O gehörte er mir!“ oder: „O wäre ich sein“ als „O wäre icher“. Ihre Identität war so locker geschraubt und, wo sich ein Anlaß bot, stets so bereit in die Brüche zu gehen, daß sich gewisse Lücken im Register ihrer Begriffe ergaben und sie nicht recht verstand, was wir mit unserem so begreiflichen Wunsch nach der Kontinuität unseres Bewußtseins sagen wollen, weil ihr nichts so willkommen war, als von diesem Bewußtsein abzusehen, ja sie nie so sehrsie selbstwar, als wenn sie auf ein Objekt stieß, mit dem sie ihre Identifikationen feierte. Dies war ihr Ideal der Vereinigung. Und darum stand sie jetzt wie ein weiblicher Faust an der Schwelle dieses Jünglings eine Weile still und konnte sich nicht von ihr trennen und empfand sein Leben und Sein und seine männliche Jugend als etwas so Holdes und Begehrenswertes, daß eine namenlose Sehnsucht sie an seine Nähe ketteten.

„Wer da?“ rief er plötzlich und sprang auf. Da erschrak Mariclée, als wäre sie eine Nachtwandlerin, die im Mondschein auf einer Dachzinne lustwandelt, und bevor er Zeit hatte die Türe zu erreichen, ranntesie wie der Wind die verbotenen Gänge entlang, floh, ohne sich umzusehen, die Treppen und Erker hinab, stob wie der Wind ins Freie und auf die Straße hinaus dem nächsten Wagen zu, der sie geradewegs zur Bahn und ihrem Zuge zurücktrug.

Als sie gegen Abend die Glocke ihres geliehenen Palastes zog, eilte ihr die alte Klara aus ihrem verborgenen Revier entgegen. Sie hatte längst bemerkt, daß Mariclées erster Blick stets auf den Marmortisch gerichtet war, der in der Halle stand und auf dem die tagsüber eingelaufenen Briefe lagen. „No letter, Madam,“ berichtete sie.

Wir wollen während der drei folgenden Wochen nur flüchtig bei Mariclée verweilen. Sie ist dem Leser in ihrer geringen Stetigkeit so wohl vertraut, daß er sich ohne Mühe vorstellen wird, wie sie ihre Londoner Zeit verbrachte. Immer seltener war sie vor dem Flügel des weißverhängten Saales anzutreffen, vielmehr suchte sie sich selber auszureißen und es litt sie immer weniger im Hause. Zum Glück hatte der Botschaftsrat seinen ersehnten Urlaub noch immer nicht erhalten, denn die Gespräche mit ihm waren ihr ein rechter Trost, und sie faßte dann ihre Eindrücke in langen Monologen zusammen. Trotz Oxford hatte sie sich für die englische Gotik nicht erwärmen können, zudem sie sich dort an einem übelrestaurierten Turm stieß, der in ihrer Erinnerung das Bild des Städtchens beherrschte. Wenn sie an Oxford dachte, sah sie mit der ihr eigenen Parteilichkeit in erster Linie jenen Turm.

Die Angst mit ihrem Gelde nicht auszureichen hielt sie von weiteren Ausflügen ab. Durch einen Abgeordneten war sie jedoch glücklich ins Parlament eingedrungen und glaubte dort den wahren Grund gefunden zu haben, warum England keine Musik besaß. Seine Sprache war zu moduliert, zu reich an Intonationen; schön gesprochen war sie die herrlichste der Welt; sie schloß die Musik aus, wie jene Gedichte, die sich nicht komponieren lassen, weil sie an sich zu klangvoll sind. Diese Wahrnehmung hatte sie bezeichnenderweise im Parlament und nicht im Theater gemacht; das Pathos ist in der Tat keiner Sprache so gefährlich wie der englischen. Sie kam enttäuscht von einem „König Lear“ zurück, den man in Deutschland viel stilvoller gab, ohne in den Zwischenakten neueste Operettennummern herunterzududeln. Was sie sonst an neueren Stücken sah, war alles von Übel. Hatte sie mit den Londoner Theatern kein Glück, oder war die geistige Nahrung wirklich so bescheiden angesetzt? Sie mußte unwillkürlich wieder an die drei Kuchensorten der tearooms denken. Hier wie dort dieselbe Genügsamkeit. Doch vomWesendieses Volkes blieb sie nach wie vor entzückt. „Ich habe eine Entdeckunggemacht!“ verkündete sie dem Botschaftsrat, „aber diesmal eine wirkliche! Wissen Sie, was die Engländer vor allen Dingen sind? was sie weit mehr sind als wir Deutsche, von den Franzosen nicht zu reden?“

„Nun was sind sie denn?“

„Sie sind im hohen Grade sentimental.“

„Ja, das ist sehr wahr,“ sagte er.

Aber eine Woche später konnte man diese Entdeckung in allen Morgenblättern lesen, die Aufregung der Engländer war sogar nicht gering, ja sie standen förmlich auf dem Kopf deswegen, und sie war die Sensation des Tages. Nur hatte Herr Delcassé das Patent darauf, denn er war es, der sie in einer öffentlichen Rede über England den erstaunten Franzosen zur Kenntnis brachte. Mariclées Entrüstung war komisch anzusehen. „Sie sind mein Zeuge!“ rief sie an jenem Abend ihrem Jugendfreunde zu und warf das Blatt erbittert hin, „wer hat das zuerst gesagt? aber ich darf die gescheitesten Lichter aufstecken. Sie fallen alle kopfüber unter den Scheffel.“

Es war ihre letzte Zusammenkunft, denn er hatte den ersehnten Urlaub endlich in der Tasche. Mariclée war es jetzt auch recht, daß er von der Bildfläche verschwand, denn die dritte Woche war nicht mehr fern. Bei diesem Gedanken überlief sie ein so tieferSchauer, daß sie schnell von Krieg und Frieden sprach und das Gespräch gewaltsam auf die Ereignisse des Tages lenkte.

Die zweite Woche neigte ihrem Ende zu, als sie in der Zeitung las, die Ärzte hätten das Exemplar an die südlichste Küste Englands geschickt, um sich dort von einem neuerlichen und besorgniserregenden Rückfall zu erholen. Da warf sie das Blatt hin und schrieb ihm schnell entschlossen: sie würde noch drei Tage zugeben, aber länger könnte sie ihre Abreise nicht hinausschieben, und sie setzte Tag und Datum ihrer Abreise fest. Auf seine Gesundheit ging sie mit keinem Worte ein. Er konnte das ja nicht leiden.

Dann schrieb sie an ihre Freundin, daß sie statt am 27. September gerne erst am Morgen des 30. führe, um mit Freunden in Paris zusammenzutreffen, die sich nicht früher dort einfinden konnten. Man schrieb jetzt den 20., warum sie gerade den 30, genannt hatte, wußte sie nicht. Es geschah ganz blindlings — hauptsächlich, um einen Schluß zu machen.

Denn sie fühlte, daß sie es nicht viel länger ertrug so ins Ungewisse hinein auf ihn zu warten. IhreKräfte hielten nicht mehr stand, gerade weil sie so gewaltsam mit ihnen verfuhr, sich immerwährend zwang bald für dieses, bald für jenes mit Feuereifer Partei zu nehmen und an alles zu denken, nur nie an das, was sie ganz erfüllte und Ziel und Zweck ihres Hierseins war. Dieser stets unterdrückte Gedanke war jetzt wie zu einem Fieberherde geworden, der immer stärkere Schauer in ihre Adern aussandte und sich nicht länger ausschalten ließ.

Mariclée verließ das Haus, um ihre zwei Briefe sofort in den Kasten zu werfen und bog dann, wie gewohnheitsmäßig, in Piccadilly ein. Es war Mittag, und der Tag lag vor ihr leer wie eine Wüste. Die kleine Zeitungsnotiz in ihrer kahlen Trostlosigkeit schwebte vor ihren Augen, nichts anderes klang in ihren Ohren. Aber was war da zu sagen? Er verschmähte es von jeher über Dinge, die unerbittlich waren, eine Silbe zu verlieren. Es war seine hochmütige Art sich mit ihnen auseinander zu setzen. So hatte er auch nie Abschied von ihr genommen, wenn sie auseinandergingen, als sei er der grauenvollen Unsicherheit des Lebens, die nur ein höhnisches Achselzucken verdiente, stets eingedenk. So gab er jetzt wohl das Spiel verloren, ohne ein Wort. Er hatte ganz recht. Sie blieb stehen und starrte in einen Laden. Was für schöne Blumen! dachte sie. Azaleen, mächtige Büsche langstieliger, kaum erschlossener roterRosen, wie schön, wie lebendig! Warum sterben wir? — Und plötzlich entschloß sie sich da nach Hampstead zu fahren. Die guten Leute, die sie dort einmal so freundlich aufgenommen und erfahren hatten, daß sie wieder in London sei, waren wiederholt gekommen, um sie aufzufordern, sie hatte immer zugesagt und war nie hingegangen. Sie konnte London nicht verlassen, ohne sie aufzusuchen. Und sie nahm den undground, kam aber schon bei der nächsten Station wieder ans Licht. Nein! sie konnte keine Menschen sehen, mit denen sie sprechen mußte. Würde sie denn eine Stimme haben? Sie fühlte, wie unsicher sie in ihrem zugeschnürten Halse saß, und den Flor, der wie Nebelstreifen immer wieder über ihre Augen zog. Dem Botschaftsrat, der sie für den Abend erwartete, hatte sie schon abgesagt. Was kümmerte sie der? Von der Welt, in der sie wandelte, zur seinigen führte kein Steg, keine Brücke mehr. Ein Sturm hatte alles mit fortgerissen und alle mühseligen Dämme durchbrochen! Denn nicht für einen Augenblick konnte sie mehr vergessen. —

„Vielleicht stirbt er,“ sagte sie ganz laut und riß die Augen auf. Sie winkte einem Hansom. Der Kutscher schüttelte den Kopf. Da stieg sie rasch in einen Omnibus. Er war voller Leute. Ja, hier wollte sie bleiben. Sie wollte Menschen um sich haben, viele fremde Menschen, mit denen sie nichtzu reden brauchte, zu ihnen hinrücken, wie eine Frierende an den Feuerstoß. Waren sie nicht tausendmal besser als ihr erbärmliches Los?

Zwar fand sich dieser düstere Ideengang in den munteren Mienen zweier Dämchen, die ihr gegenüber saßen, nicht eben bestätigt. Die eine sah jetzt zum Fenster hinaus, stieß die andere und machte sie auf irgendeine Straßenerscheinung aufmerksam, worauf sie sich beide zugleich gegenseitig anstießen, indem sie hocherfreut verständnisinnige Blicke wechselten. Und mit einem Male kehrte sich die ganze Reihe der Wageninsassen derselben Richtung zu und die übrigen reckten die Hälse, um zu sehen, was es gab.

Mechanisch folgte Mariclée diesen neugierigen Blicken und sah einen Schimmel, der in einem großen Karren stehend, von zwei Pferden gezogen, herannahte. Also das war die Sensation. Es mußten schon recht leere Köpfe sein, die hier zusammensteckten, daß ein so nichtssagender Anblick sie alle so erfüllte. Besonders die beiden Dämchen sahen ganz enthusiasmiert hinaus, als könnten sie sich an diesem dumm und geduldig dreinschauenden Pferd gar nicht genug sehen. Aber nun erinnerte sich Mariclée, daß es in England als ein großes Glückszeichen galt, einem solch einhergezogenen statt einherziehenden Schimmel zu begegnen. Daher die Stimmung, die im Wagen entstanden war. Konnte man sich etwas dümmeres denken?Da mit einem Male gedachte sie der Briefe, die sie vorhin in den Schalter geworfen hatte und die wohl jetzt, vielleicht in eben diesem Augenblicke, ausgehoben wurden. Und der Gedanke durchzuckte sie: wie, wenn er doch käme? . . Sie war also auch nicht besser.

Tags darauf traf ein sehr herzlich gehaltenes Telegramm ihrer Freundin ein. Vom Exemplar nichts. Da ließ sich Mariclée von einem jungen Ehepaar auf ein paar Tage nach Haslemere entführen und machte die Freitag auf Montag Mode mit. Sie war mit der übrigens sehr hübschen Frau von früher her sehr gut bekannt, eine jener Amerikanerinnen, vor deren triumphierender Mitgift die Türen der Londoner Salons sich wie magisch in ihren Angeln drehen. Mariclée war ganz zufällig auf der Straße mit ihr zusammengetroffen, und nun fuhr sie in Charles Street vor, duldete keine Absage, keinen Widerspruch und keine Bedenken, sondern half ihr eilig zusammenpacken, um sie gleich in ihrem Auto mitzunehmen. Dabei machte sie bestürmende Augen, wie ein Kind. Ihr Teint war sehr matt, und eine rote Locke, die sich unter ihrer seidenen Haube gelösthatte, hing ihr ins Gesicht. Mariclée, die sehr oft nicht wußte, was sie selber wollte, ließ sich überrumpeln. Einesteils graute ihr wieder vor der Einsamkeit, eine Unterbrechung und eine andere Umgebung war ihr willkommen. Sie schärfte beim Abschied der alten Klara ein wohl auf ihre Briefe zu achten (sie ließ sich keinen nachsenden, aus Angst, er könnte verloren gehen), am Samstag gedachte sie sie unter irgendeinem Vorwand anzurufen, Sonntag kam sowieso keine Post, und am Montag früh würde sie ja zurückkehren.

So fuhr sie denn mit.

London lag bald hinter ihnen. Ein rauschender Wind wehte von der Hampsteader Heide herüber, und den fernen Tiefen entstiegen blaue und violette Wolkenbänke. Himmel und Erde schienen sich auf dieser Insel näher anzugehen als andernorts. Mariclée, in ihre Wagenecke gedrückt, machte sich die Bemerkungen über ihr müdes Aussehen wohl zu nutze, indem sie nichts sprach. So war sie allein. Die Straße, die sie fuhren, drang in einen starken Wald und als wieder das offene Land vor ihnen lag, war die Welt von der ersten Pracht der Dämmerung wie neu umhangen. Mariclée nahm sie losgelösten Sinnes und in ungestörter Einsamkeit, als wäre sie ein Flieger, in sich auf. Selbst wenn sie etwas sagte oder sagen hörte, drang es nicht bis zu ihr, so sehr hatte sich ihrKontakt mit der Natur verstärkt. Es war, als tauschte sie Blicke mit den Dingen, die sie sah. Ein reiner Himmel überhing die Hürden, und gerade vor ihr, flimmerte da nicht die silberne Sichel des Neumonds zu ihrer Linken und traf sie wie ein unerwarteter Gruß? . . . .

In dem Hause ihrer stürmischen Freundin fand sie eine sehr lebensfrohe Gesellschaft vor und plauderte an diesem Abend mit Männern, die einhergingen und sich hielten wie Götter, und sich glichen wie Brüder. Es war seltsam, wie gut sich Mariclée mit solchen Leuten vertrug, und wie leicht sie selbst auf ein Weilchen die Nachdenklichkeit von sich zu bannen und dieselbe Geste anzunehmen wußte wie diese Menschen, die über alle Güter dieser Welt verfügten und von den Slums wußten, wie man von der Milchstraße weiß. Aber während sie sich selbst auf ihrer Bühne bewegte, merkte sie plötzlich, wie schmal sie war; und sie maß sie, so oft sie sie selber beschritt, mit einem halb überlegenen, halb abenteuerlichen Gefühl, weil sie über ihre Ein- und Ausgänge so wohl orientiert war und über die Pfade, die abseits von ihr führten, und in welcher Richtung eine gewisse Folterkammer der Sorgen lag, deren Schatten nicht bis zu dieser Bühne gelangten. Denn nicht einmal die Kulissen derselben durften diese Bevorzugten in der Regel betreten, sondern waren streng an die paar glänzendenBretter gewiesen, um als ein Blendwerk für andere heraußen zu stehen. Sie erkannte auch, warum das Geld nun einmal alles andere war wie ein Lebenselixir, so daß sich im Verkehr mit den sehr reich Geborenen leicht eine gewisse Dürftigkeit ergab, indem ja ein ganzes Paradies bitterer und süßer, vornehmer und ergreifender, feiner, edler, komischer und kurzweiliger Dinge bei ihnen wegfiel, und man sie mit ihnen nicht besprach, weil sie nichts davon wissen und sie in ihrem gemütlichen wie in ihren gemütsvollen Nuancen nicht verstünden. Und Mariclée, die auf ihre Armut doch so erbittert war, wurde stets von einer stolzen Neidlosigkeit überkommen, wo sie sich mit Millionären zusammengeworfen sah, als sei es irgendwie vornehmer, ihnen nicht zuzugehören.

An diesem Abend tanzte, rauchte, lachte und flirtete sie, schwirrte mit federleichten Schritten über den Saal und brachte es zustande und es tat ihr wohl, sich in ein anderes Wesen hineinzuträumen und zu vergessen, wer sie war. Unter den Gästen befand sich eine junge Frau in einem fabelhaften blauen Atlaskleid, mit schwarzen Reflexen wie hineingemalt. Sie pflegte von Freitag auf Montag ihrem alternden Gatten auszureißen und hatte die an sich recht simple Methode ein Achselband, das sich nie verschob, zurechtzurücken und eine Locke, die sich niemals löste, aus der Stirn zu streichen. In absehbarer Zeit würdesie ja diese Geste verlernen müssen. Infolge der schönen Dinge aber, auf die sie deutete, war sie vorläufig noch berückend. Mariclée, die an ihr vorübertanzte, fing einen unvorsichtigen, verheißungsvollen, um Erfüllungen wissenden Blick auf, folgte im Fluge seiner Richtung und sah zwei andere Augen, die sich füllten wie das Herz einer Nelke, ein Hin und wieder, blitzartig schnell und nicht einzuholen.

„Solche Blicke zu werfen!“ dachte die tanzende Mariclée. Warum hatte sie sich um diese Kunst betrügen lassen, sie, die niemand etwas schuldete? Der Wortlaut der Zeitungsnotiz brauste jetzt wieder in ihren Ohren. Was war da noch zu hoffen? — Vielleicht trug man ihn die Treppen auf und nieder, wie vergangenes Jahr. Vielleicht hatte man ihm ihren Brief nicht nachgesandt, vielleicht war er zu krank ihn zu lesen.

Sie warf sich in einen Stuhl und ihr Partner setzte sich zu ihr. Er war ihr Tischherr gewesen und sein Äußeres hatte sie mehr frappiert als seine Worte. Wenn nur unsere deutschen Männer so aussähen! dachte sie. Welche Gestalt, welche Zeichnung. Er erzählte ihr jetzt vom Burenkrieg und daß er so viele Kameraden dort verlor. Und er haßte die Deutschen.

Mariclée schüttelte den Kopf. „Woher stammt unsere heutige Unrast, unser die ganze Welt umspannendesHeimweh?“ seufzte sie. „Halbheit ist überall und rückständig sind wir alle. Auf die Dauer ist heute jeder Ort verschlagen und dem Gefühl entlegen.“

„Oh!“ räumte er auf. „I dont find that at all.“

Mariclée lachte und sah ihm ins Gesicht.

Aber wo war die Dame in dem schweren Atlaskleid, das flammende Blau mit den schwarzen Reflexen fehlte im Bilde wie der starre Guß des Rockes, glatt wie Erz, der ihre edlen Maße besang.

Der Saal lag im Erdgeschoß, ein paar weit auslaufende, breite Marmorstufen führten direkt in den Park, das Wetter war so milde, daß die Flügeltüren offenstanden.

„Sie haben die berühmte Fontäne im Park noch nicht gesehen?“ sagte ihr Partner nach einer Weile, „darf ich sie Ihnen zeigen?“

„Jetzt?“ rief sie erstaunt. „Es ist ja dunkel.“

Sie glaubte ein leises Befremden in seinen Augen zu lesen, und weil ihr nichts so verhaßt war, als für eine Naive zu gelten: „Wo ist sie denn?“ setzte sie schnell hinzu.

„Wollen wir gehen?“ fragte er. Und Mariclée nahm ihren Umhang, der irgendwo in der Ecke des Saales lag. Er war von breiten Bändern wie ein Schäferhut gehalten und sie warf ihn über ihre schöne Achsel. Wie sie, halb ihrem Begleiter zugewandt, dieStufen hinunterging, hoben sich ihre Umrisse mit verräterischer Leichtigkeit von der hell erleuchteten Türe ab. Denn der kühne Mangel an Gewicht und Schwere, der ihr inneres Wesen kennzeichnete, lag auch in ihren Linien. Sie drangen jetzt in die stillen Alleen ein, und wovon hätten sie gesprochen, wenn nicht von Liebe. Mariclée, die sich sehr gerne über dieses Thema unterhielt, äußerte mit ihrer modulierten Stimme Dinge, die sie nie geäußert und nie gedacht und die sehr durchdacht und kundig klangen. Den Brunnen hörte man schon rauschen. Er lag in einem weiten flachen Rasenviertel, und ein hoher Strahl, den er emporsandte, fiel müßig plätschernd zurück. Das Merkwürdige daran war sein effektvolles à l’italienne, in einer offenen Balustrade mündendes Bassin, und daß man wie aus einer Waldespforte unerwartet zu ihm trat.

Aber noch unerwarteter war der Anblick, der sich ihnen hier darbot; ein zweites Paar: die Dame im schweren Atlaskleid, die sich küssen ließ. Mariclée wollte zurücktreten, aber die beiden verfolgten schon ihren Weg weiter in den Park sichtlich ohne eine Ahnung, daß man sie gesehen hatte.

„Ich bin froh,“ sagte Mariclée leise, „daß wir keine Störenfriede gewesen sind.“ Eigentlich hatte sie große Lust zu lachen. Er indessen lachte nicht, noch sprach er, und sein Gesicht schien schärfer und lebendiger geworden.Da graute ihr. Es war, als zögen sich eiserne Maschen um ihr Herz, und als senkte sich ein unsichtbares Visier über ihre umschatteten Züge. Aber zum Unglück versah sie sich der Putten nicht, die an den Eckstufen der Balustrade kauerten, glitt aus und wäre gefallen, hätte sie nicht ein starker, schnell bereiter Arm gehalten. Sie fand ihr Gleichgewicht sogleich wieder, aber statt ihr seine Stütze zu entziehen, trat er härter an sie heran und drückte sie an sich. Da, im Nu sich bäumend, wandte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein Antlitz zu, das für sich selber sprach, grau, fahl und schroff, wie eine Bergesfurche, einen Blick voll Abneigung, ja voll Haß. Und er ließ sie los, als wäre sie eine Schlange.

Aber Mariclée hatte sich schon gefaßt.

„Ein Springbrunnen ist doch wirklich nicht der geeignete Platz,“ sagte sie mit erkünsteltem Spott; „daß es uns ginge, wie den beiden vorhin, die unsere Schritte nicht hörten. Was dächte man!?“

„Was dachten wir?“ sagte er.

„Aber da war doch anzunehmen“ . . . . . sie brach schnell ab. „Ich bin die wildfremde, gestern erst Gekommene. Ist das deutsch? würde man fragen, ja schlimmer: man würde lachen.“

Sie konnte ihm doch nicht gestehen, daß sie selber es war, der solche Dinge, über die sie so schön theoretisieren konnte, in der Praxis unmöglich erschienen,weil sie durch ihr Geschick von je darum betrogen wurde und sie unwiederbringlich hinter ihr lagen, ohne daß sie sie je erfuhr.

„Wollen wir gehen?“ fragte er.

Aber Mariclée hatte jetzt Augen wie ein Luchs. Bevor sie mit ihm durch diese schwarze enge Waldespforte weiterzog, mußte sie ihm etwas Geschicktes, Trennendes zu sagen finden. Aber die rechten Worte standen ihr nicht zu Gebote.

Aus dem Rasen-Viereck stach eine weiße Steinbank hervor. Ein wenig hinkend, als könnte dies ihre Kontenance verstärken, ging sie darauf zu.

„Bleiben wir doch einen Augenblick,“ schlug sie vor. Von ihrer Abneigung, ihrem schnell bereiten Haß wußte sie nichts mehr. Sie begriff so wohl, daß man mit diesem Manne ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate glückliche Zeiten lebte, und daß man ihm nicht widerstand. Es ging ihr nur wie an jenem Tage bei Selfridge: aus irgendeinem Grunde durfte sie wieder nicht mittun und mußte vom Tanzboden herab.

So wenig subtil er war, hatte ein Etwas in ihrer Haltung sein Mißtrauen doch erregt.

„Haben Sie jemandem die Treue geschworen?“ fragte er mit leisem Hohne. „O ich bin selbst die Hintergangene!“ lachte Mariclée. „Meine Moralitäten haben keine moralische Basis.“

Zwischen den schwarzen Tannen sahen die Sterne mit fast böser, fast bedrohlicher Nähe herab.

„Ungeliebt hinabzufahren,“ ja das war ihr schwermütiges Verlangen geworden. Aber warum log sie und machte sich schlecht? als sei es schmählich zur Treue an sich selbst gezwungen zu sein? Sie atmete auf, als jetzt unter der dunklen Waldespforte die Dame im Atlaskleid mit ihrem Gefährten sichtbar wurde. Etwas eilig rief und winkte sie ihnen von ihrer Bank aus zu.

„Hatte ich nicht recht?“ sagte sie dann leise. „Wer bürgt uns, daß sie uns die Diskretion vergolten hätten, die ihnen von uns widerfahren wird?“ und sie sah ihn mit einem trügerischen Lächeln an, als sei ihr nur die Gelegenheit nicht günstig genug gewesen.

Aber auch die Dame war sehr froh um die Begegnung. Es machte sich doch viel besser zu viert zurückzukehren!

Das große, luftige Turmzimmer, welches Mariclée in diesem Hause bewohnte, hatte sie gleich auf den ersten Blick merkwürdig angeheimelt. Irgendwie hatte es Stimmung, man wußte nicht warum.Von der schönen Landschaft allein, mit welcher der weitausspringende Erker gleichsam in unmittelbarem Kontakte stand, konnte sie nicht herrühren, denn die blumigen Vorhänge waren jetzt zugezogen, und doch behielt das Zimmer seinen eigentümlichen Zauber. Mariclée öffnete die Fenster und stieß die Läden zurück. In London hing die Nacht so totenstill, man fühlte nur die unbewegte, vom Ruße ewig durchsickerte Luft. Wie strömte sie hier! Wie rauschte der Nachtwind auf weiten Flügeln einher! Oder war es der Morgenwind? Man trennte sich so spät in diesem Schlosse. Selbst jetzt saßen unten noch einige beisammen, ein greller Lichtstrahl ergoß sich vom Saale aus über den Rasen und den sandigen Vorplatz und Stimmen drangen herauf. Smartness war hier das Hausgesetz; das einzige, auf das es ankam. Smartness bis zum Point d’Honneur, bis zur fixen Idee. Es war schon fast nicht mehr smart, so smart zu sein; aber für ein oder das andere Mal, von Freitag auf Montag fand Mariclée ein solches Leben unterhaltlich und wert gekannt, wenn auch nicht gelebt zu werden. — Auf ihrem Bette lagen, wie üblich, wieder eine Anzahl Bücher, und gewohnheitsmäßig versuchte sie zu lesen, streckte aber alsbald den Arm nach der zierlich umschirmten Lampe aus, um sie auszudrehen, und schlief augenblicklich ein.

Plötzlich, wie auf einen inneren Stoß hin, undvon einem leisen, unerklärlichen Schrecken erfüllt, riß sie die Augen auf. Sie lag jetzt im Dunkeln, den Blick auf die weite Sternenbahn, die vor den offenen Erkerfenstern still feierlich vorüberzog. Und in der Ferne, und schon wie abgekehrt, der wissende, erbleichte Mond.

Sie war so schläfrig gewesen. Warum war sie so schnell erwacht? des kühlen Luftzuges wegen, den sie spürte? O nein! — ihre Wangen, ihre Hände fieberten. Welch holder Dämon war an ihr Lager hingetreten und hatte ein Bild entfacht, entschwundene Hoffnung wieder zu beseelen? Ein Bild: weiter nichts. Aber Mariclée war etwas von einer Sibylle; und es konnte nicht anders sein, als daß die Gabe zu träumen in ihr erstarken durfte und jener „leere Raum“, den es nicht gibt, in ihr entstand, der allein sich eignet, den Reflex des Künftigen und jene vorausgeworfenen Schatten aufzunehmen, welche als die sicheren Herolde den Dingen vorauseilen, die noch nicht geschehen und schon unentrinnbar sind. Aber das Bild? — — Das Bild war einfach ein Riesenleuchter gewesen, aus welchem unvermittelt, ohne daß eine Kerze darin stak, eine Flamme aufschlug, warm, grell und ohne Rauch. Diese Feuergarbe aber war es, deren beglückender Hauch Mariclées kummervolles Herz zum Stocken brachte, daß sie leise aufgeschreckt den Atem anhielt und erwachte.

Aber sie überdachte nichts, denn der Schlaf hielt sie jetzt im Banne. Das Grün, Braun und Grau war noch ein und dieselbe nächtliche Wand: unsichtbar fiel der hohe Brunnenstrahl hernieder, und Baum und Hügel hoben sich von der dunklen Luft nicht ab. Nur die Umrisse der Putten und der Statuen des Gartens fingen schon an, sachte um ihr Dasein zu ringen, wie das Weiß der Wände in Mariclées luftigem Zimmer, das weiße Kleid, das vom Stuhle hing und ihr weißes Bett. Und plötzlich, wie bei einer Puppe, die, aufgerichtet, ihre Lider zurückschlägt, standen wieder ihre Augen auf einen inneren geheimnisvollen Ruck hin offen. Sie sah ihre Hand, die mit geisterhafter Blässe von der weißen Decke herabhing. Sie war kalt von der Luft, aber es hatte noch eine andere Bewandtnis mit ihr. Welches Band? welche Erinnerung? Und dann? was weiter? . . . . . aber sie brauchte nicht lange zu suchen. Soeben hatte sie Rosen in Menge gehalten, diese Hand, die jetzt so leer herabhing, und sich nach Rosenstöcken ausgestreckt und nach Rosen gegriffen, die sich nicht wehrten, sondern deren lange Stiele ihr gleichsam in die Finger folgten, daß diese sie schon gepflückt hielten, bevor sie sie noch brachen. Es waren langstielige, halb erschlossene, heftige Rosen, wie die, welche Mariclée vor zwei Tagen in einem Londoner Schaufenster bewundert hatte. Mit der Linken hielt sie einen großenBusch solcher Rosen an ihr Herz, während die Rechte, die jetzt so leer von der Decke herabhing, immerzu nach neuen roten, dornenlosen Rosen griff und noch ganz erfüllt schien von ihrer Blätterfülle, ihrem Atem, ihrer duftenden Seele, so lebendig war das Bild, sowesenhaftjene Rosen gewesen. Und jetzt durchlief ein Schauer Mariclées Adern. „Ich werde ihn sehen,“ dachte sie, und schloß die Augen, wie um noch einmal zu dem entschwundenen Pfade zwischen den geträumten Rosenstöcken zurückzufinden. Draußen aber ballten sich jetzt die Schatten und schoben zusammen wie zum Streit und begannen den Rückzug. Die Wipfel spürten schon die Helle des nahenden Tages, der Steg unterschied sich vom Strauche, und die Wege kannten sich wieder aus.

Da zum dritten Male taten sich vor Mariclée die hörnenen Tore des Traumes, die uralten, mitleidig auf, sie einzulassen, und wiesen sie zu einem Flusse hin, der unter einem sonnigen Himmel seinen blau leuchtenden Strom in Eile dahintrieb. Sie aber ging bange und traurig am Ufer entlang, ohne den Grund ihrer Schwermut zu wissen. Dennoch ging sie leichten Fußes ihren schönen Pfad. Weiße Wolken überzogen die Sonne und tönten das Licht zu jener seelenvollen, süßen, herben, holden Fülle ab, mit der nur ein österreichischer oder deutscher Himmel Wege, Wälder, eine Tanne, einen Felsen überhängt.Und immerzu steigerte sich das magische Leben der Landschaft. Mit einem Male verengte sich der grünende Pfad, ein Strauch fing sich an ihr Kleid und hielt sie zurück. Sie wandte sich, um ihn loszumachen, da hingen an den Spitzen der nackten braunen Hecke kleine goldgelbe Strahlenblumen von einem so balsamischen Duft, daß sie leise erschreckend den Atem anhielt und erwachte.

Zugleich aber fielen jetzt die Fesseln des Schlafes von ihr; sie fuhr empor und stürzte ans Fenster und grüßte mit weiten Augen den silbernen Himmel, das Herz von Hoffnung so geschwellt, daß es hinaustrieb mitten in einglückliches Meer. —

Es war einer jener strahlend schönen Tage, wie sie der September mitunter zur Nachfeier des Sommers noch aufbringt. Während die Gäste, um Golf zu spielen, sich ziemlich nach allen Richtungen entfernten, nahm Mariclée den Augenblick wahr, schlich sich davon und zog die leere, sonnenbeschienene Landstraße hinab, um mit ihren drei Träumen allein zu sein; denn sie hallten noch so mächtig in ihr nach, daß sie in ihnen wie in einer Wolke einherging. Die warme, rauchlose Flamme, die aus dem Leuchter schlug, wellte in ihr empor, und sie dachte an die Rosen, den Fluß und die braune Hecke mit den kleinen, balsamisch duftenden Blüten. Im Sarntal hatte es einmal ein Fluß so eilig gehabt, sie erinnerte sich wohl. Undweißes Geball hatte sich immerzu vor die Sonne gestellt und mit ihrem Lichte gespielt.

Wie man sich manchmal an einem Wochentage mit der Empfindung trägt, daß es Sonntag sei, so war ihr an diesem Septembermorgen immer, als sei es März; Ende März, in der Gegend von Meran. Dort sprossen solche gelben Strahlenblüten an den Spitzen der Hecken; und Mariclée hielt inne vor einem Strauch, den eine laute Biene umsummte; ihr war, als müßten sie hier hervorbrechen, goldgelb, balsamisch und mit derselben Plötzlichkeit wie in der vergangenen Nacht. Aber der Strauch war welk, seine Blätter still und müde und bereit zu fallen; — es war ein Mißton mitten in ihrer Stimmung voll seltsamer Weihe, als sie sich darauf besann. „O Gott!“ dachte sie erschrocken, „wie bin ich von der Wirklichkeit verlassen!“ — Aber dann fand sie oder besserverlorsich wieder. Die Sonne, vor welcher die Hirngespinste der Nacht bis in den fernsten Winkel des Gedächtnisses spurlos zu verwehen und verblassen pflegen, schlug die ihrigen nicht in Flucht. Vielmehr traten sie jetzt mit der Schärfe und Deutlichkeit des Schattenrisses hervor.

Wie sie da im mittäglichen Schein einsam ihres Weges zog, dachte sie glücklichen Herzens an ein Wiedersehen, und es war für sie ausgemacht, daß es nahe bevorstand. Nichts beirrte sie in dem Glauben.Es machte sie nicht stutzig, daß sie es in ihrer gegenwärtigen Verfassung so schlecht ertrug, mit Menschen zusammen zu sein und ihre Stimmen zu hören oder mit ihnen zu sprechen. — Als sie jetzt eine Gruppe, die ihr vom Schlosse zu sein schien, von ferne auftauchen sah, machte sie eilig kehrt, bevor sie von ihr erblickt werden konnte.

„Wem laufen Sie denn davon?“ rief ihr da eine lachende Stimme zu. Und das Liebespaar der Fontäne, das unbemerkt hinter ihr hergegangen war, vertrat ihr den Weg. Die Dame trug jetzt ein luftiges Strandkleid, und er, mit weißen Schuhen und einem lichtgrauen Hut, hatte sich ihr nicht minder hochsommerlich angepaßt.

„Ich wollte es nur mit jenem Wäldchen versuchen,“ erklärte Mariclée, „es wird wirklich zu heiß auf der Straße.“ Und sie deutete auf einen schattigen Weg, der dem Parke zuzulaufen schien und den beiden im Rücken lag; denn sie dachte nicht anders, als daß es ihnen auch nur willkommen wäre, allein weiter zu gehen; die aber nahmen sie sofort, wie auf Verabredung, in ihre Mitte. (Es machte sich doch viel besser, zu dritt wieder aufzutauchen!)

„Nein! uns entwischen Sie nicht!“ rief die Dame im Strandkleid. Und jetzt regnete es auf Mariclée neugierige Fragen ein, die sich natürlich alle auf die Deutschen und Deutschland bezogen. Da zäumte sieihr stets gewilltes Paradepferd und predigte über ihren im ganzen Lande mit Zischen aufgenommenen Text, auf dem sie immer beharrte: Die Liebe der Deutschen für England. Auf die Wahrheit dieses Textes kam es ihr auch gar nicht an, sondern auf die für sie unumstößliche Tatsache, daß unsere nationalen Eigentümlichkeiten sich zu sehr zugespitzt hatten, um eine weitere Steigerung zuzulassen. So konnte man vor allen Dingen nicht mehr französischer, nicht mehr englischer werden . . . . . . Mariclée suchte die Zukunft Europas nicht auf dem Wasser, sondern im Blut. War es denkbar, daß in einem täglich kleiner werdenden Erdteil stammverwandte Völker, deren so geteilte Qualitäten der endlichen Kreuzung dringend bedurften, allen Ernstes daran dachten, sich zu bekriegen?

Es war jedoch, als trieben die Beiden ein neues Spiel mit ihrer Leidenschaft, indem sie als Variante ihres gegenseitigen Interesses ein gemeinsames vom Zaune brachen. Mariclée war zu dünn besaitet, um es nicht herauszufühlen; sie kam sich zwischen den Beiden vor wie der Block unter dem Schaukelbrett und mit einem Male ließ sie los, hörte auf, den unbewegten Mittelpunkt zu bilden, störte das Gleichgewicht und unterbrach das Spiel. Plötzlich aufblickend, ergriff sie den Arm der Dame, hing sich ein und sagte nichts mehr. Sie fühlte sich heimisch zwischendiesen Beiden und es lag nun einmal nicht in ihr zu moralisieren. Den Nächsten auf seine Moralität hin zu prüfen war ein Unterfangen, für das ihr Talent und Interesse gleicherweise fehlten. Die Moralität des anderen war alles, nur kein Standpunkt. Wie seine Lunge, sein Pulsschlag oder seine Post, war sie nur für ihn selbst unendlich wichtig und existierte nur für ihn. Sein Glück aber, das Glück, wo immer sie es gewahrte, das existierte auch für sie, mit dem hielt sie Gemeinschaft, und das steckte sie an. Denn das Glück, während es währte, hatte geradezu etwas, das der Zeit zu gebieten schien und sie irgendwie gänzlich überbot, so daß ihr Herz sich daran fangen konnte und seinen Rhythmen hingab.

Auf der Schattenseite des Hauses warteten indes ein paar Gäste, in tiefen Korbstühlen vergraben, auf die Rückkehr der anderen und sahen lächelnd das seltsame Trio einherziehen.

„Cornelia und mein Vetter, die schon wieder von dem deutschen Mädchen nach Hause gebracht werden,“ bemerkte eine Dame. „Es ist doch zu spaßhaft für Worte!“

„Sie hat eben eine Mission,“ sagte ein Herr; „verirrte Schafe zu suchen und heimzutragen; das ist doch sehr schön.“

„Arme Cornelia!“ lachte eine Dritte. „Warum stieß sie das Fräulein nicht in den Bach?“

Mariclée übersah von weitem die Situation.

„Ich wurde gefunden und in die Mitte genommen,“ verkündete sie.

„Sie rissen mir aus,“ sagte jetzt ihr gestriger Partner verbindlich, doch ohne sich um sie zu bemühen.

„Nein, Sie ließen mich im Stich,“ gab sie lächelnd zurück. Sie wußte ganz gut, daß sie es mit ihm verdorben hatte.


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