Auf dem Marmortisch in Grosvenorstreet lagen am Montag morgen eine Anzahl Briefe und Zeitungen. Aber die alte Klara hätte ebensogut sagen können: „No letters, Madam“, denn das Exemplar hatte kein Zeichen gegeben.
Mariclée suchte sich weiszumachen, daß ihr Mut deshalb nicht gesunken sei. Und nur noch wenige Tage, dann würde es sich ja zeigen; — dann war der Dreißigste. — So lange und keine Stunde länger würde sie sich gedulden.
Zum luncheon hatten sie zwei Dollarprinzessinnen eingeladen. — Ach nein. Dafür dankte sie. Sie wollte ein paar Zeilen schreiben und sie dann hinüberschicken. Das war zunächst ihre Beschäftigung. Und dann? Ja, was wollte sie dann tun? Daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte nicht weiter als an den Marmortisch gedacht und an den Brief, den sie darauf zu finden hoffte und der nicht gekommen war. Ja, wohin sollte sie nun fliehen vor der Ungewißheit, die sie verfolgte? Wie weit würden sie ihre Füße tragen in den Wüstensand der Verlassenheit, dem sie sich anheimstellte?
War es nicht wieder ein Palliativ, sich den kreischenden Stimmen der Multi-Millionärinnen auszusetzen, statt dem höhnisch grellen Widerhall der Wirklichkeit, der anfing, gegen ihre drei Träume so mächtig zu detonieren? Darauf durfte sie jetzt nicht hören. Nein! Sparsam mußte sie jetzt mit ihren Kräften umgehen. Schon schmerzte sie das Tageslicht, schon wandelte sich ihr Herz wie zu einem heißen Stein; das alte Fieber brach von neuem aus; und Asche, Asche mußte sie nun unermüdlich auf ihre Sorge, ihre Zweifel, ihre brennenden Gedanken schütten.
Sie zog sich um und eilte etwas verspätet ins Ritzhotel, in dem die zwei Dollarprinzessinnen wohnten. Die eine war die Tochter eines immens reichen amerikanischenSchlächters, und um ihre soziale Stellung hätte sie manche bayrische Standesherrin beneiden können. Die zwei Damen warteten schon in der Halle, in Gesellschaft eines englischen Offiziers und eines Herrn aus dem Gefolge des Königs, beide sympathisch, unwissend und schön. Indes, — ob geistvoll, ob borniert, im Ritz spielte das keine Rolle, alles war fürs Auge. Die Sinne waren eingelullt wie von Musik angesichts der Leute, die wie heimlich beleuchtete Schatten hier vorüberzogen. Diese Frauensilhouetten so stilisiert, so künstlich, daß tief hineingesetzte, gewagte, ja selbst häßliche Hüte auf diesen einzig auf den Effekt hergerichteten Köpfen einen erhöhten, fast ein wenig perversen Charme gewannen, und das Hohe, das Erhabene, das in seiner edlen Glätte Erhebende war hier derBodendes Lebens; vom deutschen Gedankenhimmel war man hier fern genug, und auf ihn verzichtete man. Auch Mariclée war es da auf ein Weilchen immer, als ob sie ihn nicht vermißte.
So verlief denn ihr Essen recht beschaulich, und sie zog dann noch mit in das Atelier eines jener Modemaler, schlecht und recht, wie es deren zu allen Zeiten und in allen Ländern gibt, um ein Kinderporträt, das eben Furore machte, anzusehen. Es stellte ein kleines Mädchen dar und war ein richtiges Salonstück, hübsch, gefällig und wertlos.
„Ist sie reich?“ flüsterte einer der Herren.
„Aber sehen Sie doch ihre Haarschleife an!“ erwiderte Mariclée, „nur die Bandenden einer Millionärin halten sich so steil aufrecht.“ —
„Dann will ich auf sie warten,“ erklärte er.
Die Dollarprinzessinnen hatten sich indes in ein Gespräch vertieft, über das alles andere vergessen war. Die eine hatte nämlich in Bondstreet einen wundervollen Schlafrock entdeckt; und die andere wollte ihn auch. Der Preis war für die eine der Prinzessinnen (deren VaterkeinSchlächter war) denn doch zu hoch, und so einigten sie sich als gute Freundinnen, daß die eine ihn kaufen wollte, die andere ihn kopieren dürfte. Um wie viel billiger als das Original die Kopie sich belaufen würde, rechneten sie nun auf Schilling und Pence mit einer Präzision und einem Eifer aus, der Mariclée überraschte und verdroß. Sie war noch immer so naiv, bei reichen Leuten eine ihrem Vermögen entsprechende Distanz ihres Zahlensinnes vorauszusetzen, ja diese Distanz recht eigentlich als ihr vornehmstes und beneidenswertes Privilegium anzuerkennen. Sie war deshalb starr über eine so kleinkrämerhafte Genauigkeit und plötzlich von einem solchen Überdruß und Ekel vor diesen gesättigten und tellerflachen Existenzen überkommen, einer Scham, in dieser profanen Bilderwerkstatt mit diesen Müßiggängern herumzustehen, daß sie das Zusammensein mit ihnennicht mehr ertrug und ihnen ganz abrupt unter irgendeinem Vorwand ausriß.
Es war noch früh am Nachmittag. Wohin wollte sie nun? und was war stark genug, ihr eine Ablenkung zu schaffen? Zu Hause konnte sie nicht bleiben, sie mußte ihren Gedanken aus dem Weg. Wie sie da ihre Treppe emporstieg und ihr Spiegelbild ihr entgegentrat, wußte sie’s; heute oder nie würde sie die Fahrt nach Whitechapel unternehmen. Oft schon hatte sie sich ein Herz zu diesem Gange fassen wollen und es immer wieder aufgeschoben. Sie lief auf ihr Zimmer, warf sich rasch in einen dunklen, kurzen Rock und einen Mantel, nahm einen Stock und stürmte wieder davon. Mariclées sich Umziehen war sehr leicht ein sich Verkleiden; wer sie vorhin im Ritz gesehen, hätte sie kaum wiedererkannt in dem weltfremden Wesen, das mit großen, entschlossenen Schritten wie ein Seminarist einherging. Sie bestieg das Dach eines Omnibusses, fuhr erst Piccadilly und die schönen Stadtteile entlang, dann in die City und hinein in eine immer gedrängtere, einzig vom Trafik überfüllte, drückende Welt. Sie wogte, grau in grau, in den sich häufenden Gassen, wie eine im engen Bett hochtreibende Flut.
Auf einem düsteren Platze machte der Omnibus kehrt, und Mariclée mußte umsteigen. Während sie auf einen anderen wartete, verfinsterte sich der Himmel,und es fing an zu regnen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit senkte sich wie ein Nebel auf sie herab. Ein Überdruß hatte sie hierher getrieben. Aber welchen Becher hielt sie sich jetzo hin? Und alle Warnungen ihrer Freunde, ja nicht allein eine solche Gegend aufzusuchen, fielen ihr nunmehr aufs Herz. Aber die Dinge waren nun einmal da, damit man seine Schlüsse daraus zöge, und was für einen Sinn hätte das hier umzukehren? Suchte sie nicht Kontraste, mußte sie nicht eine Ablenkung haben? — Als ein hoher Wagen einherpolterte, stieg sie rasch ein, aber schon dachte sie an ihr Haus in Grosvenorstreet, wo die alte Klara für sie sorgte und sie hegte, wie an den Olymp. Es stiegen jetzt seltsame, äußerst schmutzige Leute ein, polnische Juden, schwatzende Frauen mit großen Ohrringen, ohne Hut, nicht frisiert und schmierig. Und auch die Bevölkerung schien eine ganz andere, viel dunklere geworden. Die Straße, auf die sie jetzt hinaussah, dünkte ihr der richtige Übergang zu dem Orte, zu dem sie fuhr. Sie war sehr breit, mit niederen trostlosen Häusern. Zwei Hansoms, obwohl schon alt und abgedankt, nahmen sich wie degradiert hier aus; und überall mündeten von dieser Straße aus, schwarzen Schlünden gleich, finstere Gäßchen, eng wie zwischen den Lagunen. Jetzt mußte bald die Brücke kommen, denn sie hatte sich eingebildet, Whitechapel läge von der übrigen Welt durch eine Brückegetrennt. Aber da hielt der Wagen, und da stand schon „Whitechapel“, der berüchtigte Name, in grellen Lettern an allen Ecken zu lesen. Es hatte nichts Schreckliches, es war nur schrecklich durch seine Öde; alles Heitere, alles Behagliche verwiesen. Die Häuser zogen sich in schmählicher Gleichförmigkeit wie Reihen von Sträflingen hin. Warum dieser unwürdige Stempel einer ganzen Stadt aufgedrückt? wie ehrlos war eine solche Unfreudigkeit! Welchen Sinn hatte das? Sie blickte umher, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte, und ging dann eine der finsteren Gassen hinab. Doch bevor sie noch ein Dutzend Häuser entlang gegangen war, hielt sie inne; auch ohne die Warnungen ihrer Freunde hätte sie hier gezögert und wäre umgekehrt. Das Herz schlug ihr im Halse; sie erkannte ihre Unvorsichtigkeit. Selbst von Schutzmännern schienen diese höllischen Gassen gemieden. Ein Stoß, und man verschwand auf immer in einem dieser schwarzen, hohläugigen Eingänge. Ein Weib mit einem großen Bündel im Arm hatte sie schon erspäht und trat aus einem Winkel hervor. Wie vor einem Abgrund trat sie jetzt zurück; es saßen ihr mit einem Male tausend Augen im Kopfe, und sie merkte die Gefahr. Sie lief nicht, ihre Füße waren wie Blei, sondern mit angestrengten Schritten und nur einen einzigen Gedanken im Kopf steuerte sie wieder dem Rande der breiten Straße zu, hielt sich an derenEcke wie an einem Geländer fest und sah dann, denn hier glaubte sie sich geborgen, wieder hinab. Zwei Männer schlappten einher, so ganz in ihr elendiges Gespräch vertieft, daß sie nicht aufblickten und Mariclée sie ungestört betrachten konnte. Der eine horchte gespannt, der andere gestikulierte, unsäglich geschäftig, in einem Anzug, der viel zu lang an den Beinen, viel zu kurz an den Ärmeln war, und die Gliedmaßen der beiden, ihre Schritte, die Art, wie sie ihre Daumen, ihre Finger, ihre Lippen bewegten, wie sie lachten, ihre tierisch scharfen und zugleich verblödeten Augen, alles war infam. Mußte man nicht an einen Riß in der Gattung glauben, der solche Menschen vom Menschen schied? Indes war das Weib mit dem großen Bündel im Arm auf Mariclée zugekommen und bettelte sie an. Sie gab ihm schnell einen Penny und rückte weiter weg; allein es hielt sich an ihrer Seite. Da warf Mariclée einen Blick auf das Bündel, aus dem ein sechs bis acht Monate altes Kind zufrieden hervorsah. Dieser Anblick aber war es, vor dem sie alsbald die Flucht ergriff und wie in sinnloser Angst einem Omnibus zulief, der gerade einherfuhr. An jenen beiden Männern war etwas grotesk Harmloses im Vergleich, und lieber hätte sie noch einen ganzen Troß solch niedriger Subjekte einhergehen, wie dieses Kind einhertragen sehen. Allein das Weib mit seiner Teufelsbrut folgte ihr schnell auf den Fersen, löste mitihrem Penny eine Fahrkarte und setzte sich neben sie, als gehörten sie zusammen. Voll Ekel zog Mariclée ihren Rock straffer um ihre Knie, aber dann fielen ihre Blicke wieder auf das entsetzliche Kind, dessen kaum ans Licht gebrachte Züge auch nicht einen Hauch von Unschuld umwehte, das sich vielmehr mit jedem Atemzuge an eine Welt der Verruchtheit und der Verbrechen festzusaugen schien. Diese rüsselhafte Nase, dieses bestialische Kinn behaupteten sich schon mit einer wüsten Sicherheit, als schmiede es ein viel festerer Ring als andere kleine Lebewesen an die Kette der Erscheinungen.
Ein Haß auf dies widerliche Stück Fleisch, ein Verlangen, die Erde davon zu säubern, edle Mütter zu rächen, sei’s nur, um wieder freier atmen zu können, erfüllte sie ganz. Wie duldeten wir die Schmach, solche Kreaturen als unseresgleichen ans Licht hervorkriechen, zeugen zu lassen? Und plötzlich von neuem gebannt, vertiefte sie sich wieder in den Anblick dieser Fleisch gewordenen Gemeinheit, in der ein ewiger Gedanke mit verwegener Deutlichkeit nach Äußerung rang; denn ein abertausendjähriger Funke hatte sich hier zu neuem Leben entzündet. Ja, an solchen Eltern hatte sein verworfenes Feuer Nahrung, seinen niedrigen Herd erzwingen müssen. Denn Blut war Alles. — Die furchtbare Verantwortung für das, was es war, lastete schwerer auf diesem Kindeals auf dem Weib, das es zur Welt gebracht, und schaudernd erfaßte da Mariclée allen Makel der Geburt. —
Das Weib indessen, für Gedankenübertragung nicht empfänglich, wollte den Ausflug an ihrer Seite noch weiter ausdehnen und verlangte wieder einen Penny. Sie aber, in der Verwirrung, der Empörung, gab dem Kondukteur ein Zeichen, der es auf der Stelle auswies, und so stieß sie es von sich.
Bald darauf läutete sie vor ihrem schönen Hause. Die Halle, die steinerne Treppe mit der Rampe aus getriebenem Eisen erstrahlten in dem weißlichen Licht der verschleierten Lüster. Klara öffnete ihr, blickte sie fürsorglich an und verschwand hinter einem Pfeiler im Labyrinth der unteren Gänge. Schweigsam hatte sie einen nichtigen Brief vom Tische genommen und stieg ihre einsame Stiege hinauf, auf der ihr nie ein anderes Wesen entgegentrat als in dem hohen Spiegel ihr eigenes Bild. In ihrem schönen Zimmer brannte die Lampe im silbern umfransten Schirm und warf seelenvolle Scheine auf die blauen Vorhängemit der breiten Borte daran, die Mariclée so liebte. Sie waren jetzt zugezogen; im Kamin loderten Flammen, und das heiße Bad war schon bereitet. Sie las den Brief — eine Einladung nach Brighton für nächsten Sonntag — und warf ihn dann ins Feuer. Nächsten Sonntag — — da war sie nicht mehr hier. Aber etwas anderes, wichtigeres als ihre eigenen Kümmernisse und Sorgen, auch eine andere Trauer als die eigene, lag ihr für den Augenblick im Sinn. Wir deuteten schon darauf hin, daß sie eigentlich nur ein bedingtes Leben hatte und es immer irgendwie entlehnen mußte wie der Schatten sein Dasein dem Lichte. Sie glich einer Orgel, die stumm und tot an ihrem Platze steht, bis sie einer in Betrieb setzt, dann aber die weite Luft durchbraust. Und jetzt waren bei ihr mit solcher Allmacht sämtliche Register gezogen, daß sie den leitenden Sopran, die Stimme ihres Ichs, verschlangen. Sie selbst hörte sie nicht mehr heraus! Im Dunkeln liegend und wie zerschlagen, hoffte sie in dieser Nacht vergebens auf den Schlaf, um die Spannung ihres Hirns zu lösen. Mit aufgestütztem Arm und glühenden Augen starrte sie ins Leere. Sie wurde den furchtbaren Eindruck jenes Weibes nicht los, sie erlebte den Schrecken immer aufs neu, den sie erfahren hatte, als sie den scheußlichen Kopf erblickte, der so zufrieden aus dem Bündel hervorsah. Was war ihr jenes Weib, dessenDasein sie als eine solche Erniedrigung empfand? Es bestand kein Kontakt; Welten trennten es von ihr, und sie begriff die Hartnäckigkeit nicht, mit der ihr Geist daran haften blieb. Aber Mariclée war eine sehr zentrische Natur. Die paar Ideen, die ihr im Kopfe saßen, hatten den Zug nach allem, was sich auf sie zurückführen ließ, und hoben es auf ihre Geleise; es lief nichts nebenher. Daher ihre Talentlosigkeit, ihr absoluter Stumpfsinn für so viele Dinge. Jene paar Ideen waren zu sehr ihre Leidenschaften. Sie stand und fiel mit ihnen, sie gehörten ihr so ganz! Wir sahen sie bei aller Unerfahrenheit in Dingen der Politik so unbeeinflußbar wie in Dingen der Religion. So hatte sie sich in den Kopf gesetzt, daß es für unsere Nationen an der Zeit sei, nunmehr statt der Territorien die Qualitäten ihrer Nachbarn zu erobern, da wir alle anfangen, uns selber langweilig zu werden und uns zu wiederholen.
Und sicher war es ein im Grunde sehr einwandfreies Gefühl, das sie antrieb, die Religion ins Profane zu setzen, und sie wußte genau, warum sie Rokokokirchen mit theatralischen Draperien und die weltlichen Mozartmessen so liebte. Was sie aber jetzt nicht wußte, während sie im Dunkel liegend und mit aufgestütztem Arm ins Leere starrte, das war der Grund, warum jenes Weib mit dem schauderhaften Bündel im Arm ihr Gehirn so aufwühlteund ihr jedes andere Bild verstellte. Was war hier? — welcher Konnex? und sie mühte sich vergebens, den Faden zu erhaschen. — Da mit einem Male leuchtete ihr von einem ganz anderen als dem dogmatischen, ja dem dogmatischen sogar tief entfremdeten Standpunkt die Jungfräulichkeit der Mutter des göttlichsten Menschen ein; — keineswegs als Wunder, sondern als mystische Notwendigkeit. Dies Mysterium — so absurd, sobald man es in Worte kleidete, so widerwärtig, sobald man es als Dogma ausschrie und dem rohen Glauben des ungebildeten Volkes überantwortete — weitete sich ihr da zum glitzernden Strome und erfüllte sie mit unaussprechlicher Genugtuung.
So hatte sie ihn endlich, den Kontrast, nach dem sie dürstete.
Sie war nicht länger böse auf die Dollarprinzessinnen und auf den Modemaler, die sie auf ihrer Jagd nach Sensationen einer falschen Fährte zugetrieben hatten. Denn auch der Modemaler, auch die Dollarprinzessinnen waren gemein.
Aber war jenes Weib, dem es verlangte, an Mariclées Seite Londons schöne Stadtteile zu befahren, nicht auch symbolisch für die Gärung, die sich in diesem Lande bereitete? Wer die „Liaisons Dangereuses“ liest, dem wird vor allem eines klar: der Zusammenbruch einer Gesellschaft und eines Regimes,das unmöglich noch weiter auf die Spitze getrieben werden konnte. So liegen zwischen dem Frankreich der Valois und dem der Revolution noch wahre Kontraste, zwischen der Revolution und Trianon aber nur mehr wahre Extreme. Wer aber im letzten Dezennium Englands Werdegang verfolgte, fühlt auch hier die Unausbleiblichkeit eines Umschwungs. Um in London rohen Kontakten zu begegnen, muß man sie aufsuchen, wo sie noch relegiert sind: in den Slums; und diese Slums schreien zum Himmel, es ist wahr. Viele glauben, daß sie durch die jetzt herrschende Partei vielleicht etwas gemildert, daß es aber dann gewiß mit dem Aufwand und der Pracht Londons vorbei sein wird. Schon jetzt sähen sich viele Reiche so schwer betroffen, daß sie gezwungen seien, ihre Häuser in der Stadt zu schließen. Aber wenn die Dämme, welche das sordide London von dem prunkenden scheiden, durch die neue Strömung niedergerissen und verwischt würden, wäre es in seiner Schönheit, seinem eigensten Reize gemordet. Denn das Gewaltige, das Drückende, das Süperbe an London ist die interessante Blässe seines Angesichtes, es sind die tiefen Schatten, aber dann wieder die edle, köstliche Glätte der Stirn, die göttliche Sicherheit des Blicks. Verödeten hier die Straßen und Paläste der Reichen, so stünden die Londoner Armen ihrer blauen Blume, ihrer einzigen Romantik beraubt. Schon war es auszudenken. AnDublin konnte man ja sehen, welche Physiognomie Paläste annehmen, deren Räume Schustern und Flickschneidern zu Parteiwohnungen zufielen. Es waren rein ästhetische Gründe, die eine sozialistische Strömung in diesem Lande befürchten ließen. Wieviel einzigartige, altvererbte, herrische Pracht stand hier gefährdet? aber Mariclée fühlte wohl, daß Londons drückende Aura von nichts anderem herrührte als von jenen Slums, die wie eine Schuld darauf lasten und sich wohl einmal als das Verhängnis dieser Stadt erweisen würden. Denn in keiner anderen eröffneten sich der Ungleichheit menschlicher Daseinsbedingungen untröstlichere Perspektiven.
In Griechenland sollen durch die vielen Abholzungen und durch den Suez-Kanal die klimatischen Verhältnisse eine gänzliche Änderung erfahren haben. Wälder waren schön und nützlich, Brennholz war notwendig. In der Tat; es war für das Klima von ganz Europa von größter Wichtigkeit, was sich da in diesem Wetterwinkel der Kultur vollziehen würde.
„Ich werde Samstag abreisen,“ teilte sie am nächsten Morgen der alten Klara mit und sagte hiermit, was sie wohl jetzt zwanzigmal des Tages dachte: am Samstag würde sie der Tortur ein Ende machen. Es war wieder kein Brief vom Exemplar gekommen. Dafür erkundigte sich ein belgischer Arzt, den sie kürzlichkennen gelernt hatte, ob er ihr seinen heutigen Vormittag zur Verfügung stellen dürfe. Erhielt er bis zehn Uhr keine Absage, so würde er sie abholen. Sie schickte Klara an das Telephon, um sich entschuldigen zu lassen, aber er war nicht mehr zu Hause. Mochte er immerhin kommen. Es war ja so gleichgültig. Auch aus Weimar hatte sie einen Brief: Was denn mit ihr sei? Von ihren Freunden wisse keiner etwas von ihr. War sie denn verschollen?
Ja verschollen fühlte sie sich allerdings, in ihrer Unfähigkeit, auf solche Zurufe zu erwidern. Ganz verschollen einem Lande, das sie in ein paar Tagen wiedersehen würde. Und ein Schauer lief ihr durch alle Glieder.
Es war wie in einem Märchen. Einerseits: die Wirklichkeit, die Wahrscheinlichkeit, die Tatsache der schlechten Zeitungsnachricht und ihres unbeantworteten Briefes und andererseits? — — ja andererseits ein im Karren gezogener Schimmel, ein von links erblickter Neumond und der gläserne Berg ihrer drei Träume. Es war schon sehr komisch. Da fehlte nur noch die Windmühle des Don Quichote. Mariclée fuhr erschrocken auf. „I leave on saturday“, wiederholte sie der alten Klara, die eben eingetreten war. „Yes, Madam, I am sorry, Madam“, erwiderte diese und meldete den Arzt.
Ihre Züge belebten sich nicht, als sie ihm entgegenkam.Aber er kannte sie zu wenig, um die Abneigung zu lesen, die so deutlich darin lag; denn sie war ungehalten, daß er so ohne weiteres bei ihr erschien. Sie hatte diesen beweglichen Herrn mit seinem regelmäßigen Gesicht und seinem langweiligen Bart bei sehr guten Freunden angetroffen, ihn aber ihres Wissens nicht aufgefordert, sie zu besuchen. Sie war in solchen Dingen sehr zurückhaltend, vollends in einem fremden Hause.
Welche Galerie wünschte sie zu besichtigen. „Gar keine,“ erwiderte sie. In ihr war jetzt nicht mehr die Stille, eine Statue, ein Bild, auch nur eine getriebene Phiole würdig aufzunehmen. Auch war ihr dieser da nicht der richtige Gefährte. Ach nein! Dann schon lieber unter die brüllenden Löwen, die kreischenden Kolibris, die Wildkatzen und die Flamingos. Und sie schlug ihm den zoologischen Garten vor, den sie noch nicht besichtigt hatte.
So verließen sie denn zusammen das Haus. Das Wetter änderte sich jetzt mit jedem Tage und die Luft war heute nebelig und feucht. Im Richmond Park fröstelten die Bäume und wußten nichts mehr von Sommer. Fast niemand in dem großen London war bei dieser Witterung auf den Gedanken verfallen, den traurigen Garten aufzusuchen, welcher die Tiere aller Zonen versammelte. Ein schlechter Scherz für ihren Gefährten, der sich jetzt der Patienten erinnerte, die erhätte besuchen sollen. Aber er erwies sich als ein sehr kundiger Führer und Mariclée überschüttete ihn mit Fragen. Die Eisbären waren heute munterer als die Antilopen, und die Giraffen hingen die Hälse. „Eigentlich ist es doch ein furchtbar grausames Potpourri,“ sagte Mariclée, als sie von den Schlangen hinüber zu den Papageien wandelten, die ärgerlich auf ihren Stangen saßen und mit wegwerfendem Schnabel über das schlechte Wetter schimpften. Und sie wanderten hin und her, denn Mariclée war unermüdlich. Vor dem schwarzen, desolaten Käfig eines Steinadlers aber blieb sie wie gebannt, vertiefte sich in die Wesenheit des gefangenen Tieres und in sein herrisches, glanzloses Auge. Man wußte ja nie im voraus, was sie gleichgültig lassen, was sie ergreifen würde. Und nun war sie ins Herz getroffen vom Blick dieses Vogels, der so beharrlich wegsah von den Menschen, wie ein gefangener König, der es verschmäht, seine Henker anzusehen. So starrte der Adler trüben, abgewandten Auges geradeaus; der kleine Kopf stak zwischen dem göttlich kühnen Flügelpaar und regte sich nicht. Und vor diesen grandios gezeichneten Flügeln, vor diesem trüben Auge zog sein entschwundenes Reich an ihr vorbei. Ein unendlicher Himmel, die fernen zackigen Alpen taten sich ihr auf. Bergseen, die in der Tiefe blitzten, Klüfte, Täler und Auen und darüber selig kreisend, mit der Sonne, den Wolken verwandt,diese weltbeherrschenden Schwingen, die sich nur mehr ausbreiteten, um eine schmachvolle Enge zu messen. „Es ist zu entsetzlich,“ schrie sie auf und umklammerte mit kalten Fingern die Eisenstäbe des Käfigs. Der Adler sah beharrlich nach einer anderen Seite hin und weg von den Leuten, die da zu ihm hineinsahen, der Arzt aber zog seine Uhr. Er hatte genug. Was für ein sentimentaler Tor war er gewesen, daß er sich von einem sinnlosen Interesse, einer ganz ungerechtfertigten Sympathie hinreißen ließ und seinen Vormittag opferte, seine Kranken im Stich ließ, um diesen lächerlichen Spaziergang zu unternehmen? So viel alberne Fragen hatte ihm ja sein Lebtag noch kein Frauenzimmer gestellt. Und ihr Äußeres hatte er so bestechend gefunden und sie für begabt und geistreich gehalten; sie war ja kein bißchen hübsch und zum Weinen dumm. Von nichts hatte sie einen Begriff und alles wollte sie wissen. Wie denn das sei mit den Pestbazillen und wie sie aussähen und ob man sie dann in Flaschen aufhebe und was der Unterschied sei zwischen Bazillen und Mikroben und was ansteckender sei? Und ob ein Allopath nie einen Homöopathen zu einer Konsultation hinzuzöge und warum nicht? und „nein, wirklich?“ und so in einem fort. „Ich fürchte sehr,“ sagte er, „daß meine Zeit jetzt um ist, da ich meine Sprechstunde nicht versäumen darf.“
„Aber natürlich nicht!“ rief Mariclée. „Ich habe Sie schon viel zu lange in Anspruch genommen. Es tut mir so leid.“ Und sie steuerten wieder dem Ausgang zu. Es war aber ein anderes Tor als das, durch welches sie gekommen waren. London (was man in London nicht für möglich halten möchte), London war hier wirklich zu Ende. Man sah keine Häuser mehr, nur eine Straße und von weitem im nebeligen Tag eine seltsame Kutsche, die nur sehr langsam sich näherte.
„Wir müssen links gehen,“ sagte der Arzt. „Ich bin ein schlechter Führer gewesen; hier sind wir ganz aus der Welt.“
„Was kommt denn da drüben für ein Wagen auf uns zu?“ fragte sie und strengte ihre Augen an.
„Mit dem können wir nicht fahren, das ist ein Wagen, der die Toten über Land fährt.“
„O!“ sagte Mariclée erschrocken (Aber Gott sei Dank! er fuhr ihnen ja entgegen).
Der Arzt schaute sich um.
„So, jetzt bin ich wieder im Bilde,“ meinte er. „Wir gehen nach jener Seite hin, der Mauer entlang, und kommen so bald auf den Platz.“
Aber wenn sie das taten, so hatten sie ja den Wagen im Rücken; er fuhr ihnen dann nach. Nimmermehr!
„Wir müssen uns hier leider trennen,“ sagte sie. „Ich gehe nach rechts.“
„Nein, nein! durchaus nicht,“ entgegnete er lebhaft. „Das wäre ein großer Umweg. Sie dürfen sich mir anvertrauen. Ich bin schon öfter hier gewesen und kenne die Gegend.“ Und er wollte voraus gehen. Aber nicht einen Schritt tat Mariclée nach dieser Richtung hin. Sie fühlte sich in ziemlicher Bedrängnis aber keinen Augenblick unschlüssig.
„Herr Doktor,“ sagte sie sehr förmlich, „ich danke Ihnen für Ihre Führerschaft, es war sehr gütig, mir Ihren Vormittag zu widmen, ich fürchte, daß ich Sie nur allzu lange aufhielt. Und nun adieu, auf Wiedersehen. Hier müssen sich leider unsere Wege trennen. Ich gehe nach rechts.“
„Wie meinen?“ sagte er. Seine Augen waren ganz klein geworden, und seine Nase trat jetzt mächtig hervor.
Mariclée sah ein, daß sie ihm eine Erklärung geben mußte. „Nun ja,“ gestand sie, „ich bin abergläubisch. Wenn wir nach links gehen, fährt jener Wagen, der uns entgegenfährt, hinter uns her, und das möchte ich vermeiden.“
„Ich muß meine Sprechstunde einhalten und habe mich schon verspätet,“ erwiderte er eisig.
„Aber gewiß, natürlich!“ rief sie, „Sie dürfen keinerlei Rücksichten auf mich nehmen. Ich finde mich schon zurecht. Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten,“ sagte sie fast flehentlich.
„Dies kann nicht Ihr Ernst sein,“ versetzte er.
„Doch, doch! ich bin einmal so!“ versicherte sie.
„Aber Sie müssen nicht so sein!“ gab er ihr zurück, unfähig, seine Gereiztheit länger zu bemeistern. „Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut. Sie können nicht allein die Landstraße umherirren; ich habe aber keine Zeit mehr. Dies ist zu unvernünftig. Bitte, kommen Sie jetzt!“
Aber da kam er ganz an die Unrechte. Es war jetzt an ihr, sich über einen so unritterlichen Ton zu ärgern. Sie fand eine Dame, als die Schwächere, stets so wohl ermächtigt einem Herrn gegenüber, dem sie in keiner Weise verpflichtet war, zu tun, was ihr beliebte, daß er alsbald im Unrecht war, wenn er dies Recht in Frage stellte. Und was hatte ihr denn dieser zu befehlen? Sie hatte ihn doch nicht gerufen après tout. Was maßte er sich an?
„Adieu, Herr Doktor,“ entließ sie ihn. „Ich bedaure unendlich, aber hier kreuzen sich unsere Wege.“
Und sie machte es jetzt wie der Steinadler und sah von ihm weg. „Wie Sie wünschen,“ erwiderte er, zog den Hut und entfernte sich, gefolgt von dem Wagen, dem sie jetzt entgegen ging. Sie erreichte auch ihrerseits bald einen Platz, von dem aus ein Omnibus in die Stadt zurückfuhr. Der Umweg war nicht so schrecklich. Sie stieg auf das Dach und genoß ihr Alleinsein. London schien im Nebel einwenig zusammenzurücken und schaute heimlicher drein. An den Straßenenden, die man sonst nicht übersah, lagerte er wie ein Ballen zusammengerollt. Und siehe da, während Mariclée auf ihrem Dach so dahin fuhr, tauchten aus dem Nebel, wie aus einer weißen Decke, wiederum zwei schwarze, reich behangene und betrottelte Pferde empor, die ihr einen gläsernen Wagen, darin ein brauner Sarg mit silbernen Beschlägen lag, entgegenzogen. Und als sie die letzte Strecke zu Fuße ging und von Oxfordstreet in Daviesstreet einbog, da, o mein Gott, noch einmal kam ein solch düsterer Wagen auf sie zu und versperrte ihr den Weg. Ein Strahl der Hoffnung, ja des Jubels durchzuckte sie. Sie eilte nach Hause, riß atemlos an der Klinge. Die alte Klara sah in ihr müdes Gesicht und fing den gespannten Blick ihrer Augen. „No letter, Madam“, berichtete sie.
In den Tagen, die nun folgten, kam Mariclée mit sich selbst arg ins Gedränge. Zwar fühlte sie sich im Besitz der verschiedenen Omen, deren glückliche Vorbedeutung sie für wohl erprobt erachtete, aber sie mußte sich dieselben immer wieder ins Gedächtnisrufen, da sie vor dem Sinnfälligen allzu deutlich versagten. Diese Aufgabe wurde stündlich schwerer. Denn weder schrieb das Exemplar, noch stand ein Wort über ihn in den Zeitungen. Es war als hätte er nie existiert. Und stündlich erforderte es einen stärkeren Nervenverbrauch, ihren Mut und ihre Erwartungen rege zu erhalten und an den guten Ausgang einer Schlacht zu glauben, deren Streitkräfte sie aus so imaginären Mitteln besorgen mußte. Hinter ihrem sonderbaren Stab verschanzt, ignorierte sie ihrerseits die Wirklichkeit so gut sie konnte, aber was waren das für Reitergeneräle, die sie den herausfordernden Tatsachen entgegenschickte.
Stundenweise behauptete sich ihre Zuversicht noch sehr gut. Das geschah meist des Abends. Sie aß dann wie üblich in ihrem Erker, bestellte, was ihr der Kellner vorschlug, und verbrachte Stunden im Schein ihrer rot umschirmten Lampe, las, kritzelte ein paar Briefe und ließ sich von der spielenden Kapelle in ihren Hoffnungen bestärken. Die Musik gab ihr ja immer recht. Aber des Morgens, wenn sie lang vor Tagesanbruch mit offenen Augen müde da lag und fieberhaft auf die Schritte der alten Klara horchte und diese endlich, endlich die Diensttreppe heraufkam und bei ihr klopfte und das Frühstücksbrett hereinbrachte, auf dem der Brief nie lag, den sie erwartete; — dann, o dann erfüllte sich ihr Zimmer mit einemso kalkigen Tagesschein, sein milchiges, rußiges Weiß negierte so unerbittlich, was sie noch hoffte, und dann konnte es wohl sein, daß sie das Gesicht wieder in die Kissen vergrub und ihr Dasein verwünschte und nicht mehr wußte, wie sie es aufnehmen sollte mit diesem mörderischen Morgenlicht, aus dem ihr nur ein ewigesNein, nicht nur für alles, was sie vertrat, auch für alles, was siewar, entgegenströmte. In Wirklichkeit entsprach es ja nicht ihrem Wesen, so zu sein; es drängte sie nur die Not, ihre Fahne auf Halbmast zu hissen.
Ob sie indes auch fortfuhr mit dem Vernunftwidrigen zu paktieren, so verriet doch ihr äußeres Gebaren nichts von ihrer inneren Zerrissenheit. Sie machte ein paar Einkäufe, erkundigte sich nach den Schiffen, wählte ihre Reiseroute, beantwortete ihre Briefe. Einer ihrer Bekannten wünschte von H. B., dem Parlamentarier und Schriftsteller von Ruf, das Übersetzungsrecht zu erlangen. Er wandte sich an Mariclée, die in London vielleicht ausfindig machen könnte, wo der Mann steckte, und sie hatte alsbald Erkundigungen eingezogen und ihm dann geschrieben. Auch ein paar Besuche machte sie. Die alte Dame, die sie in Glenford so bemuttert hatte, war seit kurzem wieder in der Stadt, und Mariclée ging zu ihr, sich zu verabschieden.
„Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen so blaß undangegriffen aus!“ sagte die gütige Alte und sah ihr mit ihren schon etwas erblindeten Augen ins Gesicht. Und dann kam die Tochter dazu und fiel ihr um den Hals und die Herzlichkeit der beiden Damen tat ihr wohl, denn sie war so allein. Aber mitten drin durchfuhr sie ein Frost, von einer Unruhe gepackt riß sie sich los, warf sich in ein Auto und fuhr wieder heim. Jetzt, jetzt! hatte er sicher geschrieben! sicher lag jetzt ein Brief von ihm in dem Kasten, oder er hatte angerufen und das Telephon gellte durch das Haus und vielleicht war Maud nicht zugegen und die alte Klara hörte es nicht.
Aber es lag kein Brief für sie in der Halle, und es hatte niemand nach ihr gefragt.
Auch der Donnerstag Morgen brachte nichts als die Antwort des Parlamentariers, der ihr seinen Besuch für den Nachmittag in Aussicht stellte. Nur das Exemplar antwortete nicht. Die Spannung zwischen Zuversicht und Zweifel zehrte sie auf; sie lebte nur mehr von einer Post zur anderen. Aber morgen, Freitag, würde sichbestimmtetwas ereignen. Sie würde ihn sehen, bevor sie London verließ. Es war nicht anders denkbar. Hatte sie der böse Traum, der sie an Bord des Schiffes heimsuchte, als sie nach England fuhr, etwa betrogen? Wie erschrak sie damals. Und wie genau war er der vorausgeworfene Reflex all der Prüfungen gewesen, die damals ihrer warteten.
Gegen Abend ließ sich der Parlamentarier bei ihr melden, und sie ging in den weiß verhängten Saal, ihn zu empfangen. Die geschäftliche Frage war schnell erledigt. Mariclée hob dann eine kleine Erzählung: „Das Gasthaus zum Löwen“ hervor, die er geschrieben hatte und die eine sehr hochgegriffene Auffassung der Unsterblichkeit zu ebenso kindlich gewagtem, wie entzückendem Ausdruck brachte. Und war es, daß er sich angeregt fühlte, weil sie, die Fremde, Ferne, gerade jene paar Seiten seiner Werke herausgriff, auf die er am meisten Wert legte und die ihn am stärksten enthielten, er erhob sich, ging auf und nieder und sprach sich aus. Er war noch jung, sehr Mann von Welt und mütterlicherseits Franzose. Das Ideelle in ihm erstrebte jederzeit das Knappe und die Form. Allem Vagen war er abhold; auch für das Unendliche vindicierte er den Zirkel und die Linie. Als Mariclée auf Oxford zurückkam und wie sehr sie die jungen Leute beneide, die sich in jenen unvergeßlichen Stübchen aufs Leben vorbereiten durften, brach er in Klagen über die heutige Erziehung aus. Die wahre Hauptsache für diese bevorzugten Jünglinge, die wahre Vorbedingung für ihren Oxforder Aufenthalt, sei das Geld, ein hoher jährlicher Zuschuß. Man konnte sich kaum eine Jugend denken, die weniger versprach, zu starken, überwindenden Naturen, wie England sie brauchte, heranzureifen. Selbst vondiesem weihevollen Ort ebbte die geistige Atmosphäre wie der Idealismus zurück. Eine verweichlichte Generation wüchse in dem ehrwürdigen College heran. „Wie pessimistisch Sie sind!“ sagte Mariclée.
Sie hatte von seiner schönen Frau, seinen jungen Söhnen und seiner Stellung im Leben und in der Welt gehört. Aber weil der Mensch ganz ohne Kummer nicht auskam, hatte dieser hier die Zukunft seines Landes zu seiner Kümmernis erhoben. Der Tor! Sie hörte nicht mehr auf seine Worte hin. Eine Wunde, die sie sich verheimlicht hatte, war durch seine Anwesenheit in diesem Saale aufgerissen worden. Und im Nu stand ihr Gesicht von Tränen überströmt. Neidlos ließ sie den anderen ihr Glück! Aber einen anderen als diesen Fremdling hatte sie hier im Saale zu sehen gehofft, mit dieser Hoffnung war sie in dies Haus gezogen. Hatte sie so Unmögliches verlangt? Und unbeweglich, gesenkten Hauptes saß sie jetzt da, versteinert und von ihrer Betrübnis wie von einem Nebel umhüllt und sprach kein Wort. Ihr Besucher aber hielt plötzlich im Reden inne und sah in dem stillen, weißverhängten Saale umher.
„Bei wem bin ich hier eigentlich?“ fragte er.
Da erschrak sie und blickte auf und nannte mit der heiseren Stimme einer Kranken den Namen der Freundin, welche ihr dies Haus geliehen hatte.
„Aber es dunkelt,“ fügte sie hinzu, erhob sich undging zur Türe, um das Licht aufzudrehen; ein wenig zögernd zwar, wegen ihres verstörten Gesichtes. Er kam ihr aber zuvor und nahm Abschied, bevor die verschleierten Lüster erstrahlten.
Mariclée wartete, bis die Mittagsstunde vorüber war, dann ging sie aus. Sie bog wie gewöhnlich in Piccadilly ein, aber statt wie sonst an den Läden vorüberzugehen machte sie heute allerlei Einkäufe. Weder nach Cambridge noch nach Brighton, noch nach den Orten mit den normannischen Bauten, die ihr der Botschaftsrat genannt hatte, war sie gefahren; denn das Geld für „unvorhergesehene Fälle“ hatte sie nie anzurühren gewagt. Jetzt warf sie es hinaus. Es gab ja keine unvorhergesehenen Fälle für sie mehr. Sie schenkte sich ein altes Döschen, vor dem sie oft stehen geblieben war, hielt sich eine Weile bei einem Taschner auf und kaufte sich einen silbernen Spiegel. Nur von dem Blumenladen, in dem wieder große Büsche heftiger Rosen prangten, wandte sie sich ab. Warum nur die Rosen, von denen man träumte, so viel herrlicher waren als die wirklichen? Aber sie hielt sich bei diesem Gedanken nicht auf.
Er hatte ihr nicht geschrieben, und ihre Hoffnung war dahin.
Wie vernünftig sie mit einem Male geworden war! Sie faßte die Dinge ganz grob und höhnisch ins Auge, wie sie der graue Tag jetzt zeigte. Im Spiegel eines Auslagefensters, der eine Schar von Hüten zur Vervielfältigung brachte, sah sie sich von Profil und etwas in die Länge gezogen einhergehen; und jene alte Behauptung fiel ihr ein, daß an jedem Menschen eine Ähnlichkeit mit einem Tiere nachzuweisen sei. Sie, mit ihrem langen Kopfe, glich sicherlich einem Pferde und was an Dummheit in ihr lag, war richtige Pferdedummheit. Nicht wo das Tor, sondern wo die Bretterlatte stand, just da rannte sie an und wollte hindurch. So hatte sie geglaubt, von Sachlagen absehen, ein so ausgemachtes Faktum wie die Ehe des Exemplars einfach ignorieren zu können. Er selbst belehrte sie nun durch sein Schweigen, daß es unzulässig war, sich den Dingen gegenüber nicht zu verhalten.
Mariclée blieb bald vor diesem, bald vor jenem Laden stehen, lediglich weil ihr der Mut fehlte, ihre Schritte zu lenken. Wohin sollte sie sich auch wenden? Lagen ihr nicht alle Länder, alle Meeresstraßen, die weite Welt verschlossen, da keine Wege mehr zu ihm führten? Irgendwie entglitten ihr da die Zügel. Es war nicht mehr die reinliche Scheidung ihrer Gedanken,deren sie sich sonst so mächtig zeigte. Trieb ihr der eine Zorneshitze durch alle Adern, so konnte sie gleich darauf vor Bangigkeit erstarren. In wilder Unordnung, bald in Flucht geschlagen, dann wieder im Ansturm, schossen sie jetzt von einer Bahn in die entgegengesetzte und prallten jäh wieder zurück.
Auf Mariclées seltsames und nicht ganz ungefährliches Doppelleben wurde ja schon hingewiesen. Das Stürmische und Elementare ihrer Natur, von ihrer starken Gedanklichkeit getrennt, hatte jene merkwürdige stille Bucht in ihr erzeugt, in der Kommendes sich zu spiegeln vermochte, wie heranziehende Wolken in einem Teich. Es war nach ihrer Meinung nur folgerichtig, daß der Traumsinn sich in ihr entfaltet hatte. Daran konnte auch der heutige Zusammenbruch nichts ändern, daß es ihr bisher nie widerfuhr, aus der Legion von Bildern, die an ihrem schlafenden Gehirn vorüberzogen, das hohle herauszugreifen oder auf das Bedeutsame nicht zu merken. Denn dieses ließ im Vorüberziehen das unbewegte Etwas, das sie in sich hegte, wie magisch beschattet und von einem Echo umhallt, das sich noch immer als untrüglich erwies. Ja nichts anderem dankte sie wohl letzten Endes jenen seltsam saturierten Unterton, jene Fülle und Resonanz, die ihr Wesen gleichsam mit einer Oktave bereichert hatten; alles Dinge, diesich zwar der Äußerung entzogen, zu denen sie aber nichtsdestoweniger zurückgriff und die ihre Atmosphäre kreierten. Aber war sie jetzt nicht zertrümmert, jene magisch beschattete „stille Station“, und waren nicht alle Wege, die zu ihr liefen, verschüttet? Es hatte sie einmal ein junger Mann zu Tische geführt, mit dem sie übereingekommen war, daß zu glauben oder nicht zu glauben vor allem Temperamentssache sei. „Ich fühle mich zwar hin und wieder zu glauben versucht,“ sagte er, „aber es sind nur Momente und es entspricht nicht meiner Natur. Nie bin ich so sehr ich selbst“, und dabei leuchtete sein Auge fast fanatisch auf, „als indem ich mich jeder, auch der vagesten Unsterblichkeitstheorie verschließe.“ Es war jedenfalls viel leichter, sich eine elegante Maske zu bewahren, indem man den Glauben, als indem man die Skepsis in sich selbst unterdrückte. Denn nicht glauben war ein Glaube wie ein anderer!
Bei ihr war es umgekehrt. Sie hatte sich so weit eingelassen mit ihrer Glaubensseligkeit, sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß Momente absoluten Nichtglaubens, wie sie jetzt für sie gekommen waren, sie ihres Seins förmlich entwurzeln und ihr die geistige Fassung rauben mußten. Sie blickte umher und die Häuser, die Läden, die Wagen, die Passanten, der Regen, der herniederrauschte, allesPositivenahm eine unerbittliche Richtermiene an. Vor allen Dingen,die sich feststellen ließen, war sie als zu leicht befunden und konnte nicht bestehen. Die Schecks, die sie hielt, hatten am Tage der Abrechnung keine Gültigkeit; es war der Ruin. Ein wilder Überdruß brach über sie herein. Doch wie? was ging in ihr vor? So durfte sie nicht aus den Fugen geraten. Nun ja, sie hatte ihre Kalkulationen auf eine falsche Basis gestellt, aber davon erholt man sich. Sie würde den Verlust wettzumachen, ja daraus zu lernen wissen. Aber ein Entsetzen, ein tiefer Schwindel erfaßte sie. So durfte sie jetzt nicht denken. Warum gab sie den Tag verloren, bevor er zu Ende war? Warum hielt sie nicht stand? O wie unwert zeigte sie sich des Außerordentlichen, das sich heute noch ereignen konnte! Und so war denn wieder das Unwahrscheinliche, an das sie sich jetzt klammern, die in der Luft hängende und abgebrochene Stelle, auf die sie ihren Fuß setzen konnte, das morsche Seil, das sie selbst ausgeworfen, an das sie sich in letzter Stunde halten mußte, um nicht zu zerschellen.
Es war zwei Uhr. Sie ging in das Berkeleyhotel. Es war ja vollkommen gleichgültig, wo sie heute aß. Sie fuhr einige Male mit der Gabel in ihrem Teller herum, doch ohne sie zum Munde zu führen, weil sich etwas in ihrem Halse so energisch dagegen sperrte, und schob den Teller beiseite. Wenn nichts geschah, wollte sie heute abend fahren. Geschehen? — — — wassollte geschehen? Aber war er ihr nicht entgegengeeilt an jenem Unglückstage, als sie ihm das falsche Datum zu wissen gab? O hier war etwas, das sich nicht reimte. War es denkbar, daß er sie heute ohne ein Wort verloren gab? Denn daß sie dann für immer aus seinem Leben glitt, wußte er genau. Sie stützte den Ellbogen auf und starrte ins Leere. Der Kellner trat herzu, verbeugte sich diskret und nannte eine andere Platte. „Nein, nichts mehr;“ doch als er Kaffee vorschlug, nickte sie, und er stellte ein braunes Kännchen vor sie hin, das dreimal ihre kleine Tasse füllte. Sie leerte es ganz, zahlte und ging. Draußen standen viele Hansoms, auf die der Regen herniederklatschte; die paar Minuten bis zu ihrer Wohnung erschienen ihr so weit, das Gehen eine so aufreibende Qual. Sie stieg ein und war gleich darauf zu Hause.
Als sie aus dem Wagen sprang, verhing sich ihr Kleid so ungeschickt, daß ein mörderischer Riß den dünnen Stoff fast bis ans Knie zerfetzte. Obwohl es aber das bleuardoise Kleid war, auf das sie so große Stücke hielt, achtete sie kaum darauf und zog hastig die Glocke. Den Schlüssel vergaß sie jetzt fast jedes Mal. Klara, die ihren triefenden Schirm entgegennahm, hatte nichts zu vermelden, als daß ein abscheuliches Wetter sei und daß es regnete. Der Marmortisch war leer.
„Wenn möglich,“ sagte Mariclée, „möchte ich heute noch den Nachtzug nehmen.“
Klara erbot sich, beim Packen behilflich zu sein.
„Danke ein wenig später; ich werde rufen.“
Sie sah noch die Alte hinter einem Pfeiler der unteren Gänge verschwinden, dann stieg sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer. Nicht eher brach es über sie herein.
Auch war es nicht, obwohl sie laut lachte und sprach, wie wenn ein Wahnsinniger irr daherredet, der sein eigenes Lachen nicht weiß, sondern wie jemand, der noch einen Gefährten bei sich hat, den er zum besten hält und dessen groteske Figur er durchschaut.
Über ihr nasses und zerrissenes Kleid stolpernd, warf sie es ab, riß einen ärmellosen, langen Umhang vom Haken und ging im Zimmer umher.
„Sieh da!“ rief sie, „welch spaßhafte Reise! Ist sie zu Ende? sind die Koffer gepackt, oder gibt es noch etwas zu träumen?“
Und sie öffnete die Türe, als beengte sie der Raum, und ging wieder mit leichten, beschwingten Schritten die Treppe hinab und herauf, durch den weiß umhängten Saal und ins Zimmer zurück. Mit ihren bloßen Armen, den schlanken, fast überlangen, focht sie in der Luft, und immerzu summend, oder lachend, oder sich selbst apostrophierend, strich sie durch das Haus. Auf einige Stunden gehörte es ja noch ihr,die Alte würde sich nicht ungerufen zeigen, und niemand schaute ihr zu. So gewährte sie dem Sturme, der über sie her war. So beugt sich ihm der Baum und streicht sein weites Geäst, wie gefaltete Segel, wenn ihm inmitten seines aufgewirbelten Laubes die Sinne vergehen; und so gab auch sie sich ihm preis, ja wie ein von Winden gepeitschter Baum, bald sich neigend, bald hoch aufgerichtet, ließ sie sich endlich wie ein gefällter Stamm quer über ihr Bett hin stürzen.
Und dann fuhr sie wieder empor, weil es sie von neuem durch die Säle und Gänge dahintrieb. Etwas in ihr war ins Wanken geraten und sie fühlte jene Hirngespinste, die sie mit so vermessener Willkür in die reale Welt hinüber zog, mit den feinsten Fasern ihres Ichs unheilbar verstrickt. Was sie da aufgebaut hatte, war sie selbst, und aus den eingestürzten Trümmern mußte sie sich jetzt selber hervorziehen. Sie hatte sich mit dem Absurden zu weit engagiert (dies war Menschen wie Dingen gegenüber ihr Fehler), vom Absurden entlehnte sie Name und Stand; Absurditäten waren ihr Rückhalt.Sie selberwar sinnlos, wenn das Absurde sie nicht länger schildete. Mit einem Wort, sie fühlte sich ihres geistigen Inhalts beraubt. Die bereichernde Oktave war nur ein gerissenes Pedal, ein dröhnender und lächerlicher Mißklang. Inmitten dieses Wirrsales suchte sie vergebens nach einem Halt. Da alles trog, fiel jetzt auch jene grundloseZuversicht von ihr, als sei das Befinden des Exemplars, trotz der beunruhigenden Zeitungsnachricht, ganz beruhigend. Hatte es ihr nicht der Mond zugeblinzelt, und hatten es ihr nicht ihre Träume versichert? und dies und jenes? — hatten sich nicht seit jenem sorgenvollen Tage alle Dinge übler Vorbedeutung, wie auf ein geheimnisvolles Kommando hin, von ihren Blicken ferngehalten? Wohl nur, damit ihr endlich die Augen aufgingen und sie endlich die richtige Lehre zöge?
Sie hielt plötzlich inne. Und wiederum geschah es, wie wenn der Sturmwind mit einem Ruck aussetzt, als sei er in die Erde gefahren und erstickt. So schlug plötzlicheineSorge all ihre Gedanken in Bann. Wie stand es mitihm? . . . . Vielleicht wußten es die Leute in seinem verlassenen Stadthaus. Sie hatte niemals angefragt, weil eine begreifliche Scheu sie zurückhielt, aber auch weil sie es besser zu wissen vermeinte. Nun wählte sie rationellere Mittel, um sich zu erkundigen. Denn sie wollte Gewißheit.
Schon stand sie unten (das Telephon war in der Halle angebracht) und verlangte die Nummer.
„Wer da?“ hörte sie alsbald eine männliche Stimme.
Es war zu schnell; sie erschrak und es entstand eine Pause.
„Sind die Herrschaften hier?“ fragte sie dumm.
„Ja, sie sind hier.“
Wie? hörte sie recht?
„Hier?“ sagte sie bebend; „der Herr ist hier?“
„Der Herr ist in Cornwall.“
Ihr Sein hing an der Stimme, die da herüberdrang, wie an einem ausgeworfenen Seil.
„Er ist nicht hier?“ fragte sie.
„Nein, in Cornwall.“
„Sagten Sie nicht, er sei hier?“
„Die anderen Herrschaften sind hier. Der Herr ist in Cornwall.“
Sie hing das Rohr wieder ein; sie wußte kein Wort mehr zu sagen und fragte nicht, wie es ihm ging. Was frommte es ihr, dies heute zu wissen? Wer gab ihr morgen Ausschluß über sein Befinden? War er für sie nicht tot? Die Augen saßen ihr wie Feuerbälle tief in den Höhlen und brannten vor Sehnsucht.
„Welch ein Ende!“ rief sie laut. Da schreckte sie ein Geräusch, schnell verhallte Schritte dicht hinter ihr. Wer hatte sich hierher geschlichen, ihre Jammergestalt zu belauschen? Aber niemand trat hinter den Pfeilern zurück, die kahlen Mauern waren schattenlos geblieben, die Halle war leer.
Nur draußen auf der Straße war einer gekommen, vor der Pforte stehen geblieben und wieder vorübergezogen. Etwas Weißes schimmerte durch den Kasten: ein Brief aus Cornwall.
„So sehe ich mich denn, so leid es mir ist, am letzten Tage noch genötigt, von meiner Londoner Reise abzusehen und direkt nach Southampton zu fahren, um mich morgen früh um zehn Uhr mit der „Adriatic“ einzuschiffen. Denn auch ich verlasse morgen England“ . . . .
Es war kein langer Brief: die übliche nüchterne Fassung und die Worte abgezählt wie in Telegrammen. Warum lag da Mariclées Kopf plötzlich wiehingeschlagenauf dem Marmortisch? Was war anders geworden? welcher Vorhang zerrissen? welches Tor gesprengt? War’s ein chiffrierter Brief, der anders lautete, als er hieß? standen Dinge zwischen den Zeilen, die nursieentziffern konnte? Nein! Nichts. — Er war keiner, der dunkle Worte schrieb oder Rätsel zu lösen aufgab. Aber ebensowenig lag es in seiner Natur, etwas Unbedachtes zu äußern, und das Zwecklose war ihm so konträr wie einer Katze das Schwimmen. Wenn er ihr mitteilte, daß seine Abreise für denselben Tag wie die ihrige festgesetzt sei, und ihr Schiff und Stunde angab, so geschah dies, damit sie ihre Folgerungen daraus zöge. (Sie kannte ihn zu gut!) Es geschah weder, um sie zu rufen (so radikalen Maßnahmen war er spinnefeind) noch um ihr zu sagen: „Tue dies,“ wohl aber: „es ist das einzige, was sich eventuell noch tun ließe.“ Und indem er es in ihre Hand gab, machte er nicht nur das Unmöglichemöglich, er setzte sie wieder in Amt und Würden ein, was sie erst für wohl überlegt erachtet, und was sich dann mit Spott und Hohn wider sie gekehrt hatte, war wieder der richtige Weg. Ach! hätte sie doch standgehalten und sich dieser frohen Wendung würdiger gezeigt! Sie war wieder ganz in ihrem Element, wieder von der Zauberluft umflossen, deren sie bedurfte, um zu atmen. Wie ein Fischlein, das noch eben jämmerlich im Sande zuckte und das ein gutes Geschick in die Wellen zurückwarf. Ihr Plan, blitzschnell gefaßt, saß ihr schon fertig im Kopfe. Wie gewagt, wie schwierig er auszuführen war, wollte sie jetzt nicht bedenken: das kam später. Vorerst durfte sie keinen Augenblick verlieren, vielleicht kam alles schon zu spät. Sie flog auf ihr Zimmer, um sich anzuziehen, konnte sich aber an Schnelle nicht genugtun, so daß sie ihre Sachen, die ihr doch zur Hand lagen, nirgends sah. Nichts zeigte sich als eine dünne Bluse mit kurzen Ärmeln, und wo steckten denn ihre Handschuhe? War denn alles verhext? sie fand nur ein altes, zerrissenes Paar, das sie weggeworfen hatte, fuhr aber zugleich in ihren Mantel, ließ die Handschuhe fallen und hob in der Eile nur den einen auf. Himmel! und wo war ihr Schirm? Richtig! den hatte ihr Klara abgenommen.
„Klara! Klara!“ rief sie in den Gang. Aber bis die ihre Treppe heraufkam, das war zu lang! sovielZeit durfte sie nicht verlieren. Ohne zu warten griff sie rasch nach ihrem weißen Sonnenschirm; der grüne (zwar lehnte er in der Ecke) war einfach unauffindbar! und stürmte die Treppe hinab, auf die Straße. Klara sah nur mehr ein paar aufgerissene Schubfächer, in denen blindlings alles durcheinander lag, als hätte ein Affe darinnen getobt. Mariclée war längst unterwegs. Sie ging nicht, sie rannte. Kein freier Wagen fuhr ihr entgegen, und sie ließ sich nicht Zeit, sich nach einem umzusehen. Wenn sie nur nicht zu spät kam! Wenn nur das Schiff in einem französischen Hafen einlief! Wenn sie nur genügend Geld besaß! Sie ahnte ja nicht, was auch die kürzeste Fahrt auf einem großen Dampfer kostete. Vielleicht das Zehnfache! was wußte sie? Ach, warum hatte sie das unnütze Döschen gekauft und den sinnlosen Spiegel und heute morgen soviel Geld hinausgeworfen! Hier war er jetzt, der „unvorhergesehene Fall“, um dessentwillen sie auf so viele Dinge verzichtet und sie nicht gesehen hatte. Und nun? — Ein Glück, daß sie sich beim Taschner nicht entschloß. Barmherziger Himmel! wenn sie auch noch das Köfferchen gekauft hätte. Sie lief mit ihrem weißen Sonnenschirm unter dem strömenden Regen Piccadilly entlang. Die Leute drehten sich um, und es wunderte sie gar nicht. „Es ist mir ganz egal,“ dachte sie. „Wer kennt mich?“ Aber es war wirklichkein Aufzug. Und dieses Ärmelarrangement! Die der Bluse waren an sich kurz, besonders die des Mantels reichten nicht bis zur Hand. Die eine, im defekten Handschuh, welche den Schirm hielt, trug in höchst uneleganter Weise das Gelenk und eine unbedeckte Spanne des Armes zur Schau. Die andere hing rot und verfroren herab. Bei Cooks zögerte sie einen Augenblick, bevor sie eintrat, und erwog, ob sie den Schirm nicht lieber preisgeben und draußen vor der Ladentüre stehen lassen sollte; dann ging sie doch mit ihm hinein. Wußte sie denn, wie die Würfel für sie fallen würden? und vielleicht mußte sie besten Falles bis ins Allerkleinste sparen und brauchte den Schirm zum Heimweg. Im übrigen war sie jetzt zu größeren Opfern bereit. Sie zog ihre bloße Hand möglichst weit zurück, so daß es aussah, als ob sie keine hätte, trat an den nächsten Schalter hin und erkundigte sich, ob die Dampfer, die von Southampton nach Amerika fuhren, unterwegs in einem französischen Hafen anhielten.
„Das kommt ganz auf den Dampfer an.“
„Ich meine die ‚Adriatic‘.“
„Bitte sich auf Schalter 10 zu informieren.“
„Ich möchte gerne morgen mit der ‚Adriatic‘ nach Frankreich fahren,“ sagte sie dort, „falls sie in einem französischen Hafen hält.“
Der Hüter von Schalter Nr. 10 war ein Allesbesserwisser.
„Das wäre höchst unpraktisch,“ erklärte er.
„Ach, das macht nichts!“ sagte Mariclée.
„Da wählen Sie die Route Dover-Calais . . .“
„Aber nein!“ unterbrach sie ihn. „Ich will nach Southampton, kann ich von dort aus nach Frankreich?“
„Es ist nicht üblich,“ sagte er mißbilligend, „und außerdem natürlich auch teurer.“
„Um wieviel ist es teurer.“
„Um, das Doppelte.“
„Nur!“ rief sie strahlend.
Der Kommis glotzte sie verständnislos an.
Wir sagten schon, daß Mariclées Äußeres ein sehr unterschiedliches und trügerisches war. Hin und wieder realisierte sie den Typ einer dem Luxuszug soeben entstiegenen Straniera di distinzione und dies, wo immer sie sich auch befand, denn ganz heimisch war sie ja in keinem Lande. Aber heute, mit ihrem triefenden Sonnenschirm, ihrem alten, zu kurzen Handschuh und dem ungefähren und eilig aufgesetzten Hut, ließ ihre Erscheinung jenes sehr bestimmte Etwas, das die retuschierende letzte Hand einer Jungfer verleiht, entschieden vermissen.
„Kann ich mit der ‚Adriatic‘ nach Frankreich fahren?“ fragte sie jetzt mit schlecht verhehlter Ungeduld.
„Ich weiß es nicht,“ erwiderte der Kommis, „bitte sich an Schalter 16 zu wenden.“
„Hält die ‚Adriatic‘ in einem französischen Hafen?“ fing Mariclée auf Schalter 16 wieder an. Würde sie es denn nie erfahren?
„Jawohl; in Cherbourg,“ drang es wie aus einer Engelsposaune zu ihr. Ah! sie wußte es ja!
„Kann ich bis Cherbourg mit diesem Schiffe fahren?“
„Bedaure: unsere Liste ist seit einer halben Stunde geschlossen. Wenn Sie aber in Dover . . .“
„Ach nein! ich will nicht nach Dover, er ist doch in Southampton,“ rief sie mit flackernder Stimme. „Ich möchte Freunden, die mit der ‚Adriatic‘ fahren, das Geleite bis Cherbourg geben,“ verbesserte sie und sank in einen Stuhl. Was tat sie? wie benahm sie sich denn? Auf Schalter 16 hatte sie es aber mit einem ebenso gefälligen wie taktvollen Menschen zu tun, der, ohne eine Miene zu verziehen, auf einen Ausweg sann. „Ein Billett für die ‚Adriatic‘ kann ich Ihnen leider nicht geben, wenn Sie aber auf gut Glück morgen früh mit dem Extrazug der Passagiere nach Southampton fahren, so könnte es immerhin sein, daß Sie für die kurze Strecke an Ort und Stelle noch zugelassen werden. Aber Sie müßten es eben riskieren. Und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie keinerlei Gepäck mitnehmen dürfen.“
Er reichte ihr einen Zettel — für sie ein kostbares Blatt — auf dem in rotem und schwarzem Druck alle Verhaltungsmaßregeln für die Passagiere der „Adriatic“ verzeichnet standen.
„Würden Sie meine Koffer nach Paris befördern?“
„Gewiß, sehr gern.“ Und er verwies sie nochmal an einen anderen Schalter, wo ihr ein Graubart mit einer Hornbrille alle nötigen Aufschlüsse erteilte. Und dann verließ sie das schalterreiche Lokal. „Was für ein prachtvolles Institut!“ dachte sie.
Aber die alte Klara, die auf ihr stürmisches Läuten herbeieilte, war wirklich entsetzt über den Schirm. Zum Glück hatte sie auch etwas zu vermelden. Die Tochter ihrer Freundin war hier gewesen, um Mariclée zu besuchen. Sie wohnte gleich um die Ecke und ließ sie bitten, noch vor sechs Uhr zu ihr zu kommen, da sie später schon wieder fortführe. „Ich will sogleich hin,“ rief Mariclée, „und ich fahre erst morgen früh, Klara, und meine Koffer werden morgen früh von Cook geholt. Wir brauchen uns um gar nichts zu kümmern.“
Sie lief hinauf sich umzuziehen, aber auf ihrer Uhr war es schon nahezu sechs. Da rückte sie nur ihren Hut zurecht, nahm andere Handschuhe und eilte wieder fort. Sie war mit dieser Tochter ihrer Freundin während ihres vorletzten Aufenthaltes inGlenford nur flüchtig zusammengetroffen, liebte sie aber sehr. Denn sie tanzte so hübsch, war fabelhaft elegant, witzig und graziös, eigentlich immer bereit, die Dinge nicht eben ins Lächerliche, wohl aber ins Muntere zu ziehen, und es hatte Mariclée frappiert, daß sie bei starker Äußerlichkeit einen Grad von fine-feeling und innerem Ernst besaß, von dem sie selber noch nichts wußte. Indes war sie über ihren Besuch ziemlich erstaunt. Denn sie standen ganz außer Kontakt, Mariclée wußte von ihr nur, daß sie kürzlich geheiratet und außer ihrem Londoner Hause auch ein wundervolles Besitztum geerbt hatte. Kurz, sie hatte sie zwar sehr reizend gefunden, aber vergessen und sich besonders von ihr vergessen geglaubt. Sie hieß Dorothy. Nur gut, dachte sie, daß ich den Namen noch weiß.
„Endlich!“ rief Dorothy, als Mariclée bei ihr eintrat. „Ich gab dich schon auf,“ und schloß sie in ihre Arme.
Dorothy hatte, um sie zu empfangen, einen Hut aufbehalten (oder aufgesetzt?), dessen kühne Schweifung ihr wirklich sehr beglückend stand. Es gibt schöne Brünetten, die aussehen, als ob ein Mondenstrahl sie beschiene, Blonde, die etwas Sonnenlichtes an sich haben, Dorothy aber schien von der wechselvollen Helle einer Kaminflamme beleuchtet, so tief war das Leben, das ihr Gesicht und die Linien ihrer Gestalt umstrahlte.
„Laß mich dich anschauen, und schau mich nicht an, ich komme so verhetzt zu dir!“ sagte Mariclée. Es war ihr sehr arg, daß sie in der Eile schon wieder zu kurze Handschuhe angezogen hatte — und daß schon wieder ein Stückchen Arm aus dem Mantel hervorsah — und Dorothy hatte sich so schön gemacht! Sie war so stilvoll in ihrem engen Rock, der ihre, wie aus Elfenbein gemeißelten, so geistvoll schmalen Hüften (es gibt so stupide Schlankheiten) so edel zur Geltung brachte. „Woher wußtest du denn, daß ich hier bin?“ fragte Mariclée. „Ich wußte nichts. Ich sah dich heute mittag im Berkeley. Als ich auf dich zugehen wollte, warst du weg. Ichmußtedich aber sehen.“ „Mochtest du mich denn?“ fragte Mariclée verwundert.
„Aber ich liebte dich doch innig,“ rief Dorothy, „und nun fährst du morgen auf eine Woche mit mir!“
„O nein!“ sagte sie fröstelnd. „Ich muß morgen nach Cherbourg.“
Sie dachte des morgigen Tages. O was dächten ihre Freunde, die sich ihr so treu und so vertrauensvoll erzeigten, wenn sie von ihrem Plane Kenntnis hätten und wenn sie wüßten, welch unmögliche Situation sie herbeizuführen sich bereitete.
„Was hast du?“ fragte Dorothy.
Von den Aufregungen des Tages saßen ihr dieAugen tellergroß in den tief umschatteten Höhlen und sie war so plötzlich erbleicht. „Ich ärgere mich über meine kurzen Handschuhe,“ sagte sie lachend. Aber mit einem Male vertiefte sich ihr Gespräch. Und wieder staunte Mariclée über den Gehalt, den seelenvollen Ernst dieses Dämchens, das aussah, als lebte es nur für seine untadeligen Kleider. Als sie von ihr schied, folgte sie ihr noch bis unter das Tor ihres Hauses. „Gott schütze dich!“ rief sie ihr plötzlich mit so spontanem Nachdruck zu, daß Mariclée stutzte. „Wie sie das sagte!“ dachte sie betroffen, aber es widerfuhr ihr ja nicht selten, daß Freunde, die Abschied von ihr nahmen, sich wie von einer Sorge um sie überkommen fühlten.
Eine Stunde später saß sie ratlos inmitten ihrer ausgestreuten Sachen „Es hilft uns nichts, Klara,“ sagte sie, „wir müssen das grüne Leinenkleid heraußen lassen.“ Das bleuardoise war ja hin, das, welches sie trug, nicht hübsch genug; außerdem aber hatte sie nur Sommerfähnchen mit. Selbst wenn sich morgen, wider Erwarten, ein strahlend schönes Wetter einstellen sollte, war das grüne Leinenkleid für den 30. September nicht mehr am Platz; goß es aber und war es kalt und stürmisch wie heute, so konnte sie ja als verirrter Sommertag auf dem windumbrausten Schiffe ihres Effektes sicher sein. Nun, dachtesie grimmig, dann paßt es ja vortrefflich zu der Situation, die ist ja auch unmöglich.
Sie dachte ja keinen Augenblick daran, von ihrem Vorhaben abzustehen, aber einesteils war ihr die ganze Sache dennoch gräßlich. Sie kam sich vor wie am Vorabend einer Schlacht. Es war der Kampf mit dem Goliath der Konvention, mit dem sie es morgen aufzunehmen hatte. Gnad Gott mir armen David! dachte sie. Was hatte ihr doch die scherzhafte Dorothy so inbrünstig nachgerufen? „Gott schütze dich.“
Der alten Klara war sie indessen beim Packen nur im Wege; spät wurde es auch, am besten sie ging essen. Bevor sie aber das Haus verließ, trat sie ans Telephon, die Frau ihres Freundes anzurufen. Denn dies gehörte mit zu ihrem Plan. Es ging nicht an, daß sie meuchlings auf dem Schiffe vor ihr erschiene. Sie mußte vorher Kenntnis davon haben. Diesmal antwortete eine Jungfer. Ihre Herrin war beim Ankleiden. Da atmete Mariclée auf und hing, ohne ihren Namen zu nennen, das Rohr wieder ein.
Und dann verbrachte sie ihren letzten Abend wie üblich vor einem rotumschirmten Tischchen ihres unterirdischen Restaurants und aß, was ihr der Kellner vorschlug, und wenn die Kapelle ihre Weisen spielte, dann dachte sie an ihr morgiges Glück und ihre überstandene Not und wie alles sich zuletzt so wundersam gefügt hatte. Aber während der Pausenüberfiel sie Bangigkeit und Furcht, und sie war ihrer Sache, ja ihrer selbst nicht mehr sicher.
Setzte dann die Musik wieder ein, so schöpfte sie wieder Mut.