Chapter 2

Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen Weg mehr hatten.

Das Feuer war nicht mehr da. – –

Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der Himmel bog sich heran.

Nun war Christiane in einem Schloß.

Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelndenBlick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.

Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.

Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.

Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.

Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach sie fast gar nicht.

Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwochein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.

Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.

Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.

Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.

Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.

Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen – sie las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit den Polen.

Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldernund Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig von Cöldt.

Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. Er lebt.

An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen hatte.

An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. Hardi hatte ein Kind.

* * *

Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension – Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war – und sie selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s–teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s–prechenmüßte, sonst hätten die Kinder keinen Res–pekt vor ihr. Man müßte das lernen.

Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert – zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war – und zusammen waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.

In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten nach.

Fräulein Guste s–prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin etwas zu finden.

Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet.Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.

An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem Anblick nicht erschrecken – sie seien ein bißchen lang. Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.

Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.

Ob Fräulein Dorreyter – Frauenrechtlerin sei?

Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und morgen fing die Schule an.

Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges Zimmer reserviert – die Damen von der Schule wären ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten.Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll von dem Duft einer nahen Räucherei.

Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen Streifen.

Sie erschrak etwas.

Die See.

Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.

Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am Orte. Übrigens s–prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden. Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.

Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.

Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane für die Wohnung ein.

Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom Himmel gefallen.

Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein – in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«

»Kaffee haben Sie mir gebracht –« sagte Christiane, auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.

»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in einer Untertasse.

»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.

Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbarwar, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst rein hielt – sonst hätte sie es nie rein bekommen – mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.

Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der Nähmaschine.

Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.

In der Schule ging es recht gemütlich zu. FräuleinGusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, – was übrigens zu bezweifeln war – so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.

Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.

Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohlsie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.

Einmal gerieten sie auf der Rückreise – sie fuhren über Malmö-Lübeck – in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.

Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.

Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbeder abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie Wasser – – – – –

»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen – – –«

Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte – alles. – –

* * *

Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann wurde ihr das klar.

Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen wollte?

Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.

Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt – jetzt erkannte sie es – –

Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof – –? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!

Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.

Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr anzufeuern – ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! – Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe,und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer – war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem Blick hinaus – – draußen stand die See und hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sichplötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und sah dann auf einmal – Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.

Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.

»Du fährst zur Mutter?« fragte er.

Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und – ihn.

»Ja, ja,« sagte sie.

Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren – alles Ostmarkenleute.

»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.

Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.

Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?

Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen – sie kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.

»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an – ihre Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb – warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes gekommen – – –?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sieja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm – er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht schätzen, das er besaß – wegen des einen, das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler unter Glas – der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß – es war ihm vielleicht – noch mehr – zugefallen. Was wußte sie denn – – –?

Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. – – –

Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, unddas Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war sie selber.

Und Ludwig kam.

Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil sie ihn verstand.

Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.

Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten Gesichter – war einer von ihrem Blut dabei?

Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mitdem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu wissen.

* * *

Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.

Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam das Lernen in Gang.

Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr – es war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.

Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war – sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.

Sie wollte Mensch sein, wie er, und – schaffen.

Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein wenig Verehrer wurde.

Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!

Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abendsam Strand unter Lindenduft gewandelt war – sie hatte es ganz vergessen.

Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.

Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.

Die Herren wurden aber befriedigt.

Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.

Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.

* * *

Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmerwäre sie in eine Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.

Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.

Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.

Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an und dachte von neuem an jene Verse. – Warum war Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung eine – Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.

Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und – Einsamkeit.

Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.

Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an KätheArndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.

Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.

In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.

Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.

Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater Pastor war.

Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her insonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie war.

Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie schuf.

Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.

Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.

Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was anKunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie einen Sommer erlebten.

Sie tasteten an die Welträtsel.

Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war übrig.

Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute,fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität – alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher – es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk –!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet.Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die gleichen Lieder kämen.

Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste war in seiner Wirkung gleich.

Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.

Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und würde dann alles wissen – – – – – –

Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.

Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.

* * *

Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg im Siege!

Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.

In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führendenPersönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und beobachtete mancherlei.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war darin glücklich.

Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr – hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim inMarkburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

Damals. Jetzt – –? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie – als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen –! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs Augen!

Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals geritten war.

Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierunghatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!

Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.

Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und Woche um Woche.

Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das noch kommenmußte. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum gewachsen waren. Sie konnte fort.

Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.

Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.

Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.

Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer Schulreformbücher.

So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.

Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.

* * *

Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.

Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus derStadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.

Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.

Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.

Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors,worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums begrüßte.

Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf festem Boden und verstand.

Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den Landesherrn, zu.

Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral. Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.

Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet –‹

Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.

Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte Christiane.

Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.

Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man ›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer Seite verschwand.

Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.

Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.

Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich dieNeue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.

Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht – –

Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.

Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.

Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel undurchspäht.

Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend ans Herz gelegt hatten.

Es war still.

Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von weitem.

Sie sahen sich an.

Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die›eiserne Wehr‹ über dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne Wort.

»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt angeredet worden.«

Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.

»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.

»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«

Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst. Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.

Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.

Tief unten war sie in aller ihrer Würde.

Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne – Wehr – – –

Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die sie sich errungen hatte.

»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.

Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.

»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.

Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.

Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.

Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen, Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer – Outsider.«

Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf.

»Outsider,« murmelte er.

Er sann vor sich hin.

Zehn Jahre.

Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.

Plötzlich bog er sich ihr zu.

»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«

Sie fuhr zurück.

»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine Hanni – –«

Ihre Lippen zwangen sich. »Wie alt ist sie doch –?«

»Neun Jahre.«

Sein Auge hing an ihr.

»Du sahst sie noch niemals?«

»Noch niemals,« sagte sie. Sie dachte wieder: Als ich fort war – – – –

Jetzt fühlte sie die – zehn Jahre.

»Sie ist groß,« sagte er, langsam vor sich hin erzählend, während die Veränderung seines Gesichtes blieb, »und sehr kräftig. Nur geistig schreitet sie nicht recht fort. Aber das Fräulein hat nichts getaugt, ihm ist gekündigt.«

Christiane fragte: »Wie heißt sie?«

»Das Fräulein? Die kleine Wehrendorf.«

Sie nickte.

Dabei wurde es freier in ihr. Sie richtete sich auf.

»Das Fräulein werde ich mir mal angucken, Ludwig.«

»Wie du willst,« sagte er gleichgültig, »es ist aber nicht viel an ihr dran. Ein Weibtorso. Nirgends beschenkt.«

Sie kannte Ludwig. Ein feines Lächeln verzog ihren Mund.

Das reizte ihn.

»Wann kommst du zu uns? Wir erwarteten dich schon gestern.«

»Vorgestern kam ich an. Da war ich in Frankfurt eben fertig. Ich komme aus einer Arbeit in die andere, Ludwig.«

»Ja, ja. Aber wir –«

Sie sah ihn an.

In seinen Augen wurde ein verschollenes Geflimmer wach. Er wurde wieder jünger.

»Aber – ich –« sagte er.

»Ich komme, Ludwig. Vielleicht heute abend noch. Wie geht es Hardi? Sie schrieb so selten.«

»Dir schrieb sie selten,« sagte er.

Sie schaute ihn mit großen Augen an.

Dabei schlich wieder eine heiße, heimliche Welle von einem zum anderen. Sie wurden still.

Über ihnen hing in strenger Wacht die ›eiserne Wehr‹.

»Ich komme heute abend zu euch,« sagte sie.

Sie gaben sich die Hand und empfanden wieder den uralten Einklang ihres Blutes und die geistige Zusammengehörigkeit.

»Ich komme, Ludwig.«

* * *

Als Christiane allein war, warf sie den Kopf zurück. War sie unwissentlich an einen alten Strudel geraten? War esdasgewesen, was sie heimlich zurückgeleitet hatte, nichts als – das –? Waren noch unerhörte Möglichkeiten, unerhörtes Begehren in ihr, wollte sie noch immer ein – Abenteuer –?

Sie sah wieder die gelben Felder der maiheißen Straßen, die Mühlen, hörte das Traben der Pferde und ritt wieder neben ihm wie einst.

Nein, das war vorbei. – – –

Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!

Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alterund war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.

Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer Anlagen hatte.

Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude war.

Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.

Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den – Rhanes.Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild am Himmel sehen.

Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.

Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut hinaus.

Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel – das war Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich – dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es – wieder ein Zucken, wieder ein Donner – es war da!

Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten – wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald zusammenschlugen – das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.

Ein paar große Tropfen sprangen durch die Äste und verrollten im Staub. Es donnerte wieder, aber schon ferner, es lohte von neuem, aber schon schwächer. Es wurde still. Die Vögel rührten sich wieder, huschten durch das Unterholz, rannten über den Weg. Irgend ein Gelächter scholl durch den Wald. An den Blättern blitzten die Tropfen, darüber kam die Sonne heraus.

Als Christiane aus dem Walde trat, lag schon sanfte Abendruhe über den Feldern. Ein Bahnzug fuhr sacht dahin, die Streckenlichter blinkten. Das Sonnenrot verging.

Sie fand die Villenkolonie und Ludwigs Haus.

Ein kleiner Garten mit vielen dichten Büschen zog sich rings herum, man mußte in ihn hinein und kam von rückwärts ins Haus. Christiane wurde in ein großes Zimmer geführt und erkannte den Salon aus Posen wieder. Nichts war daran verändert.

Jetzt kam Ludwig schon.

»Hardi – –?« fragte sie.

»Sie läßt noch um einen Augenblick Geduld bitten,« erwiderte er, »bis jetzt hat sie gelegen. Jedes Gewitter quält sie furchtbar. – Bitte, hier.«

Er führte sie in sein Zimmer.

Sie sah mit jäher Aufmerksamkeit umher, entdeckte ein schönes Stück Kopenhagner, einen Liebermann an der Wand, gewahrte die Papiere und Akten auf dem Schreibtisch und dann Bücher – ja – Bücher!

Rasch trat sie vor die Eichenschränke und sah die Reihen auf und ab. Er stand hinter ihr. Plötzlich gewahrte sie das alte Bändchen Mereschkowski und spähteaus, ob ihr nicht da und dort wieder sein eigener Name entgegenspringen würde. Aber sie sah ihn nicht. Ihr Blick glitt schließlich unruhig ab.

Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.

»Hanni!«

Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.

Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich eisenstark.

Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.

Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen sei.

Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.

Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.

»Du – –« sagte sie.

Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten sich aber gleich wieder.

»Daß du dich hergewagt hast,« sagte sie halblaut, wie erstaunt.

»Weshalb –?«

»Weil doch ein Gewitter war.«

»Ich war dabei im Walde.«

Hardi zuckte und warf wieder einen Blick auf ihren Mann. Scheu zog sie ihn wieder weg, lachte kurz auf und sagte: »Na .. ja – du ... Wenn ich wie du wäre, könnt ich's vielleicht auch .... Aber ich bin's nicht! – – Christiane, weißt du noch, wie wir früher drüben am Krähenteich die Angler ärgerten? Ja, das waren schöne Zeiten. Dann kam ich zur Schmöckler –«

Ihr Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck. Die Nähe ihres Mannes schien sie zu bedrücken.

Er stand schweigend auf und ging.

Sie horchte ihm eine Weile nach. Dann legte sie den Kopf auf die Kissen. Ihre Haltung wurde allmählich entspannter, gelöster. Nur im Gesicht zuckte noch die Unruhe.

»Ja, das waren schöne Zeiten ... Auch bei der Schmöckler noch ... anfangs. Und dann, als die Muttermich so verwöhnte. Wie gut hab ich's da gehabt. Und da – da mußte ich das tun –« sie richtete sich wieder auf und sah nach Christiane hin. »Was weißt du davon,« sagte sie verächtlich, »was ich gelitten habe!«

»Gelitten,« sagte Christiane leise.

»Ja, ja! – – Und dann erst. Dann – als ich – allein war.«

Sie sah Christiane finster an.

»Als ich allein war!«

Christiane schwieg.

Es war eine Pause.

Hardi atmete rasch. Qualvoll vernahm Christiane diesen raschelnden, schlürfenden Atem.

Sie ist doch wirklich krank, dachte sie.

»Als du abgereist warst,« begann die junge Frau langsam wieder, »vorher hatte ich ihn nicht haben wollen – jetzt hatte ich ihn nicht mehr. Und zurück konnte ich doch nicht. Ich hab daran gedacht. Ich hab mir den Kopf zergrübelt. Brief auf Briefe hab ich der Mutter geschrieben – die hat sie dann alle verbrennen müssen. Aber zurück konnte ich doch nicht. Ich war doch einmal bei ihm. Er hatte doch nun einmal meine Jugend bekommen. Und da – –« ihre Stimme wurde ganz heiser, »da – gab ich ihm das Kind. Ja, das tat ich aus freiem Willen. Ich gab es ihm. Und damit habe ich ihm den Rest meines Lebens gegeben – seitdem wird es nichts mehr mit mir. Kuren über Kuren habe ich gebraucht, bei so viel Ärzten sind wir gewesen – es hat alles nichts mehr genützt. Zuletzt mußte er sich von Posen weg versetzen lassen. Aber auch in Danzig konnteich die Luft nicht vertragen, es ging und ging nicht – da mußte ich hierher. Zur Mutter. Hier geht es wenigstens ...«


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