Chapter 3

Christiane schaute sie an.

»Und – er –?«

»Wer?«

»Ludwig.«

Hardi lachte kurz auf.

»Was denn –? Es geht ihm hier ganz gut. Es gibt genug andere, die sich in der häßlichen Polakei die Zähne ausbeißen können. Und auf etwas anderes kommt es doch nicht heraus. – 's ist doch kein Ziel dabei. Die Polen verteidigen nur ihr Recht und ihre Heimat. Das tut jeder Mensch, ich auch. Höre Christiane ... störe mich nicht darin – – rege mich nicht auf ... du weißt ... du weißt doch genug ...«

Sie brach in Schluchzen aus.

»Laß mich doch nur. Ich will Ruhe haben ... bloß Ruhe haben, nichts weiter. Was verstehst du denn davon ... Ich bin ganz verbraucht.«

Das Mädchen trat ein und gab ihr wieder Morphium.

Hardi weinte noch eine Weile, dann wurde sie stiller. Zuletzt sah sie versöhnt zu Christiane auf.

»Es war das Gewitter,« sagte sie.

Das Mädchen brachte sie zu Bett, Hardi schlief ganz allein.

Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.

Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke Klavierspiel des Kindes.

* * *

Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.

Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.

Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es kannten.

Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor Diermann allmächtig gewesen.

Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen Kleide versöhnt.

Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen,keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie war in der Welt übrig.

Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.

Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.

Da war die blonde Mai Friedlein.

Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.

Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen – jetzt lag er schwerkrank in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts mehr.

Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.

Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einemlangen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.

Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.

Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.

Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.

Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.

»Wie frisch Sie aussehen! – – Ja, ja – die Jugend –!«

Die beiden Vögel hatten alte Waschblusen an.

Das war nun bei Mai Friedlein nicht der Fall.

Das Rauschen hatte die Haberkorn schon lange gepeinigt. Jetzt drehte sie sich zu ihr um und sagte mit einem Lächeln:

»Ach, ich dachte wirklich, es käme ein Engel vom Himmel herabgeschwebt.«

»Es ist vielleicht auch einer,« meinte die Jong trocken.

Mai warf ihr einen Blick voll ergebener Selbstironie zu, der ihr sehr gut stand, und sagte nichts. Ihr war keine Schlagfertigkeit gegeben, wenigstens Damen gegenüber nicht. Da stand die Jong immer mit gesträubten Federn vor ihr.

Die Haberkorn lachte glucksend.

»Ganz recht! Ganz recht! Wie der sich nur bloß in unser dunkles Reutterschloß verirren konnte!«

»Er hat vielleicht nur keinen Ausweg gefunden,« sagte die Jong.

Fräulein Haberkorn lachte von neuem, von den Kanarienvögeln scheu beobachtet.

»Hahaha – das kann ich ja nicht wissen. Aber wenn es so sein sollte – suchen Sie nur tüchtig, Fräulein Mai – – ich würde Ihnen herzlich gern dabei helfen – –!«

»Danke, das tu ich schon,« sprach die Jong.

»Wie aufopferungsvoll.«

»Sie haben uns doch gestern alle Lehrerinnentugenden so schön vorgehalten,« meinte die Jong.

Alle wußten, daß die Haberkorn keine Reden halten konnte. Es war ihre schwache Seite. Sie mußte vorher immer ein Brausepulver nehmen.

Die Oberlehrerin begann nervös zu werden.

»Was haben die Herren denn dazu gesagt?« fragte sie.

»Die waren alle begeistert,« antwortete eine aufrichtige Stimme aus der Ecke.

Das war Mielchen Mehlmann. Ein etwa fünfzigjähriges Fräulein mit einem Apfelgesicht, das sich offenkundig bemühte, sehr damenhaft auszusehen. Heute trug sie einen mächtigen schwarzen Spitzenkragen über einem neuen Kleide.

Das gewahrten die anderen plötzlich.

»Sie haben sich ja so fein gemacht, Mehlmännchen?« sagte die Jong gutmütig.

Mai lächelte ein wenig. Das gute Fräulein ließ doch bei der Beckern im Probsteigäßchen arbeiten, und die machte doch alle Taillen schief! Mai Friedlein sah am schärfsten Toiletten und Männer.

Über die anderen Gesichter flackerte es beunruhigt. Wenn es auch nur die Mehlmann, die Gesang- und Handarbeitslehrerin war – besser als die anderen durfte sie sich nicht tragen!

Sie wurde noch einmal beguckt.

»Warum denn nur?« sagte die Haberkorn in merkwürdig schwingendem Tone. Ihre Blicke schillerten wie die der Katzen.

Die gute, ehrliche Mehlmann konnte nicht lügen.

»Nu, wo unser Fräulein Doktor so fein geht,« sagte sie.

Jetzt hatte sie es in doppelter Weise verdorben. Die Seifert sagte mit ihrer ganzen Vortrefflichkeit:

»Liebes Fräulein Mehlmann, auch außer dem Unterricht müssen wir uns einer guten Aussprache befleißigen!«

Die Haberkorn nickte geringschätzig: »Ja, ja, die Provinzialismen.«

Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut wie vom Lande.

»Nu, ich meine –« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun. Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«

»Hm,« machte die Seifert.

Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum zu atmen.

Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er näher.

»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.

Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe –‹, wie er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz hinausgeht.

Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten, dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und – die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie Ritterlichkeit beanspruchten.

Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu rechnen. –

In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten – was dann? Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!

Er richtete einen bösen Blick auf Mai.

Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein sollte!

»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren Jahren – –«

Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein Doktor schon gesehen?«

Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig – was hatte sie gesagt? Er hatte nichts verstanden, obwohl erihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch schaute er ringsum.

Da rief ihm die Haberkorn laut entgegen: »Das – Fräulein Doktor –!«

Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür – da stand aber nur Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.

»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.

Jetzt läutete es.

Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber alle Räume wie ein Feuersignal.

Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!

Ei – da stand ja das Fräulein Doktor!

Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen war.

Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen, Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.

Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre Wimpern zuckten scheu. Analles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen, schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle Waffen und aller Schmuck.

Sie wandte sich.

Da stand jemand.

»Sie wünschen mich zu sprechen?«

Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.

Ein Schreck lief ihr durchs Herz.

»Du –« sagte sie.

Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt, verblichen und geschrumpft.

Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur ›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.

»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«

»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich sollte ... ich weiß ja nicht ...«

Christiane griff nach den Papieren.

»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte – –?«

»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«

»Wo warst du überall?«

»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann –« Ada suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«

»Nach Mainz,« sagte Christiane.

»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst – Schön war's –! Aber da wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.

»Was fehlte dir?«

»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge. Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr schwer. Da ging ich –« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt. Ich hab kein Glück gehabt.«

In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.

»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus, das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen – so hatten die übrigen auch gedacht! Doch – da auf dem einen stand: ›Körperlich sehr wenig geeignet.‹

Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.

»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«

»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar nicht! Wie denn? Was denn? Ichmag doch nichts anderes – ich passe zu nichts anderem – die Kinder immer um mich zu haben – o, das ist schön! Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer wieder aussetzen mußte!«

Sie senkte das Gesicht.

Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet. Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.

Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«

Die Wehrendorf stand auf.

»Wo wohnst du?«

»Im christlichen Hospiz.«

Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur Tür.

Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung, eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts. – – – Es soll zu Ende sein.

Sie eilte ihr nach.

Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen,einer der ärmsten unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang – dann wird sie sich schon hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal gegen deine Pflicht zu handeln.

»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es. Hörst du? Es wird.«

Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.

»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden. Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden, fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt –«

»Es wird mir – schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.

Sie faßte nach Christianens Hand.

Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.

Sie ging – – –

Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie wegen ihrer Nichte.

Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.

Sie zauderte eine Sekunde.

Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbaresKind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«

Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer nur die Frauen gewesen.

»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein – pardon, Fräulein Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und einen Regierungsball –«

»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«

Rasch kam sie auf ihr Thema.

Der Präsident erhob keinen Widerstand.

Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne besuchten die Ritterakademie.

Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.

Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.

»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«

»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken, daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt verloren haben – deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«

Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule, aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,« sagte er liebenswürdig.

Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber – aber – – –

Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.

Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe –?

Ich will schaffen!

* * *

Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten und nicht mehr ganz neu.

Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb. Freiin von Rhane.‹

Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben, jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen. Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der ›weißen Woche‹.

Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als ich. Wenn es – zurücktauchte.

Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten der Generationen.

Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft begrüßt und ihr dann ein wenig beimEinzug ins Reutterschloß geholfen, hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab zu tun.

»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«

»Nervös, wie immer.«

»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten –!«

Christiane zuckte die Achseln.

Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.

Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken Nickelkaffeegeschirr.

Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.

»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen. Ich glaube –« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder eine ... Aussicht.«

Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«

»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt – keine Sorgen – wenn ich es nur so gehabt hätte!«

»Dann will sie es eben – schlechter haben,« sagte Christiane.

»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«

Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«

»Um Gottes willen – wen denn?«

»Die Wehrendorf.«

»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist wirklich kein Raum mehr frei.«

»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich –«

Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.

»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.

»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«

»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch Geld.«

»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten, daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«

»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«

»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere sein, die ihre Eltern gekannt hat. –Weißt du, ich will sie bei der Jong einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu ihr gehen, was meinst du?«

»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.

»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit ihnen aus.«

Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen, flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie das übel.«

»Wie furchtbar.« Christiane lachte.

Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.

Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.

»Ach, Fräulein Doktor, ne – ne« – sie unterbrach sich hastig – »ich wollte nur sagen, das freut mich aber – jetzt müssen Sie doch bei mir eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen –!«

Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur – da ist wieder das dumme Tier, der Kater, hereingekommen –«

Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.

»Marsch – marsch – fort –.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus der Tür.

»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich umgesehen hatte.

»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte Christiane glücklich an.

»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie noch ...?«

»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.

»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein. Immer die besten Kanten!«

»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.

Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein Doktor ...«

»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«

Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt immer über den Balkon zu mir.«

»Wem gehört es denn?«

»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«

Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«

Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider vermutete.

Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und Marmeladebüchsen.

Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...«

Dann wandte sie sich an Christiane:

»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme, probiere ich mal das, mal dies – ich will ja der ausgezeichneten Küche der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor –?«

»Und hier« – mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank – »hier ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich! Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern – Wenn Sie nur hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ... andermal, gewiß, nicht wahr – –?«

Christiane beruhigte sie und stand auf.

Wie war das hier so warm und familienhaft!

»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.

Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.

Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn – die hat doch schon sicher was gemerkt.«

Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater. Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen Fußbodens und leckte sich die Lippen.

Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.

»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich hierher verirrt – ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.« Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.

»Marsch, marsch – –«

Das Tier quietschte leise auf.

»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend, während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das Programm gesprochen. – Ich meine – – vor den Ferien,« setzte sie rasch hinzu.

Christiane sagte nicht viel.

Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte Frauenfeindschaft.

Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen Anstrich erhalten.

Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.

Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.

Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.

»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer seelischen Enttäuschung kämpft –«

Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«

»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.

Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den Finkenaugen.

»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.

»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.

»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, aber ich bringe sie doch nicht weg.«

Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«

Die Jong guckte jäh.

»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft, und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah vor sich hin.

»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«

»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.

Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.

»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann sie schlafen. Nur die Büchermuß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.

Da klingelte es an der Korridortür.

»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.

Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.

Sie war sehr verlegen.

»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein – in den der Damen vom Reutterschloß!«

»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.

»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«

Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz morgen ... nicht mehr wohnen können.«

»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«

Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.

Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick – die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller Zeiten.

Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler – viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten Haaren.

Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch, ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.

Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.

* * *

Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.

Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht, nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.

Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig und verlangend nachgeguckt.

Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.

Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.

Der Präsident war auch anwesend.

Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.

Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!

Ludwig sah auf.

»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache sind es doch Mietskasernen. Wälleund Bäume sind fort, dafür steht ein kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«

Sie schaute ihn an.

»Es ist also noch nichts gewonnen?«

»Nichts,« sagte er.

Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.

Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war geblieben.

Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich nach dem alten Werk griffen.

Aber er sagte nichts mehr.

Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.

Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.

Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.

Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.

Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.

Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut ohne sie fertig wird.

Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.

Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein Aristokrat der Kultur.

Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und wieder ins Irren kam – – Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich geöffnet – –

Er war glatt geworden, sehr glatt.

Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte – Jagd oder wovon redeten sie sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.

Der Assessor von Wratislawski stand leise auf undpirschte sich sacht nach der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.

Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.

»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren –? Ich nehme an, daß Sie von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«

»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«

»Nun – das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn von Wratislawski zu gewinnen – er soll uns über die Reichsverfassung belehren.«

Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«

»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichenGrundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«

Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen waren.

So, tat sie das?

»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht, die da – arbeiten? Die also praktische oder – ich will lieber sagen – unbewußte Frauenrechtlerinnen sind –?«

»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«

»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr Brot verdienen.«

»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«

»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzenwählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger Damen ein wenig helfen –«

Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.

»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine – Wohltätigkeit.«

»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.

»Siearbeiten,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest anblickte.

»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.

Ratlos sah sie sich um.

»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer doch recht einseitig.«

»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken beteiligen.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau – ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach – Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas Geselligkeit und Freude – Erholung –! Grade da müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmlicheWohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt wird.«

Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll Hochmut ringsum.

»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen ...«

Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.

* * *

Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.

»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest –«

»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein gegangen bin?«

Er sagte nichts.

»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen verachten.« Sie lachte.

Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhram Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.

Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.

Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib machten – ach, da gab es keinen Vergleich – –!

Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr warFrische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie war!

Er schritt müde, gebeugt.

An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen – wir wandern aneinander vorbei.

Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber – ich brauche ihn nicht mehr.

Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.

»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstensdashabe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber Erworbene – immer wieder schaue und staune ich – es ist so schön!«

»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.

Er küßte ihr die Hand und ging.

Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.

Ein leiser Schauer überrann sie. Aber sie lächelte noch immer. –

Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.

Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß zurück.

Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von Hardis Zimmer.

Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und das Begehren nach Christiane.

In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde, jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.

Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab – sie richtete sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es nie getan. So – nicht.

Sie war seine Frau.

Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang. Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.

In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.

Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer schonungsbedürftig blieb – es war ja noch Licht da, eine rührende Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.

Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und er alles– begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte keinen.

Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.

Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.

Und er?

Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.

Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel war.

Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles still.

Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und griff einen bekannten Band.

Der Abend – allein – dachte er bitter.

* * *

Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie nicht los.

Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Hustenblieb und blieb und störte nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.

Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes – wie lange reichte es noch? Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt. Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr aus.

Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen – irgend etwas stieg aus ihrer Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln, jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich dann – von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.

Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer, schwarzer – häßlich war er – aber sie schienen sich doch wohl ganz gut leiden zu können –?

Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.

Ach, nun nahte die Schlimmste – die Haberkorn. Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf der Welt, dachte sie.

Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war scharf.

Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch gesehen.

Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.

Ihr ganzes Lebensideal war – die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas – ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer – in ihrem Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt – oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa Cöldt.

Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte – dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der Pension auch kein anderes Zimmer frei.

Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor – wie schön war es, hier zu wohnen – so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor – sie sagte es lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine Frau so weit kommen konnte!

Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie dieGroßen nur guckten. Jetzt lachten sie – sicher über sie – über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte schon manche gelacht.

Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen – die ganze Schar drängte auf sie zu und gab ihr die Pfötchen.

Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei – da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und hinter ihr – erbarm sich der Himmel – die kleine Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen – ja, das war sie.

»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.« Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu: »Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«

Ada konnte nichts weiter sagen.

Die Leiterin ging.

Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis – dort war sie ja kaum zu beobachten! Und Hanni – Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie an das vergangene Jahr dachte – davon hatte niemand etwas gewußt, und es war auch ganz lautlos geschehen – dieses hartherzige, erbarmungslose Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen, engen, klaren Augen vor sich – die hatte keinHerz. Kein Fünkchen Liebe. Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.

Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich groß auf – so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und farbig kamen – wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam, dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.

Da – auf einmal – ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten – da, schon wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.

»Hanni,« sagte sie.

Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde – ein Wort über sie.

Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte – keine Antwort. Die Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.

In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre.

Hoffentlich würde sie sich selbst darum kümmern. –

Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht – keine sehr wohlwollende –! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah – dieser Hochmut! Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!

Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.

Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.

Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden, auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.

Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.

Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen Junggesellenstandpunkt aus.

Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter – eigentlich eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach, schattenhaftstieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.

Die paßte kaum hierher.

Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu necken – er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht vielleicht den Versuch machen wollte – es böte sich ihm doch die beste Gelegenheit – Brr – er erschrak förmlich, wenn er's hörte!

Die Friedlein dagegen, die blonde Mai – eben huschte sie wieder in seiner Nähe vorbei – schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht – ihre Toiletten kosteten sichtlich recht viel Geld und – sie war ihm eigentlich zu schön. –

Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an – sie hielt ihn fest und sprach mit ihm.

Er verbarg seine Aufregung – er hatte nichts verstanden! Diese dunkle Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber es war ihm keine Klarheit geworden.

Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon genug, dachte er.

Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen Mädchenab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein herbstlicher Würzduft herauf. Ah – was war das nur, das ihm die Lungen so zusammenschnürte – was war das – –?

Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg – er verstand ja doch nichts!

Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn – was war denn das – – –

Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu kommen – was – was – – ah – jetzt war es wieder weg!

Er wandte sich – da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete mit den jungen Mädchen.

»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen –«

Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger durchlohte ihn.

»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern bereit, Sie zu vertreten – –«

Er starrte sie an – ihm schien Klarheit zu kommen.

Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.

»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig – mir ist wohl. Ganz wohl.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte sein Blick zum Fenster.

»Mir ist ganz wohl.«

Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist.Wenn nichts in Gefahr ist. Aber jetzt – jetzt – zwei Jahre mußte es noch gehen – die letzte Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!

In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise – nun wußte er's.

Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.

»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich – ruhen Sie sich heute lieber aus.«

Er fuhr herum.

Da stand sie ja noch.


Back to IndexNext