Zweiter Vorgang.
Der Raum ist leer. Sein Licht erhält er zum Theil von einer im Treppenraum angebrachten rothen Ampel, dann aber, und zwar hauptsächlich, durch die offenen Thüren linker Hand aus dem Seitengemach. Hier sitzt man, wie das Klingen der Gläser, das Klappern und Klirren von Tellern und Bestecks verräth, bei Tafel.
(Ida, gleich darauf Wilhelm aus dem Nebengemach).
Ida: Endlich!(einschmeichelnd.)Du mußt doch nun an Vater denken, Willy! sei mir nicht böse, aber wenn Du Vater etwas — abzubitten hast, dann mußt Du doch nicht warten, biserzu Dirherunter. . . . . . . . . .
Wilhelm: Wollte Vater zu Tisch ’runterkommen!
Ida: Versteht sich! Mama hat ihn . . . .
Wilhelm(umschlingt und preßt Ida plötzlich, mit impulsiver Leidenschaftlichkeit stürmisch an sich).
Ida: Ei . . . . . ach — Du — wenn Jemand . . . . mein Haar wird ja . . . . . .
Wilhelm(läßt die Arme schlaff an ihr heruntergleiten, faltet die Hände, senkt den Kopf und steht, jäh ernüchtert, wie ein ertappter Verbrecher vor ihr).
Ida(ihr Haar ordnend): Was für ein stürmisches Menschenkind Du doch bist.
Wilhelm: Stürmisch nennst Du das. — Ich nenne es — ganz — anders . . . . . . . . .
Ida: Aber Willy! — warum denn nun auf einmal wieder so niedergeschlagen? unverbesserlich bist Du doch.
Wilhelm(ihre Hand krampfhaft fassend, den Arm um ihre Schulter legend, zieht er sie hastigen Schrittes mit sich durch den Saal): Unverbesserlich. Ja, siehst Du! das eben . . . . . ich fürchte ja nichts so sehr, als daß ich . . . . . als daß alle Deine Mühen um mich vergebens sein könnten. Ich bin so entsetzlich wandelbar!(auf die Stirn deutend)da hinter ist kein Stillstand! Schicksale in Secunden! mich selbst fürcht’ ich. Vor sich selbst auf der Flucht sein: kannst Du Dir davon einen Begriff machen? Siehst Du, und so fliehe ich — mein Leben lang.
Ida: Am Ende . . . . ach nein das paßt nicht — —
Wilhelm: Sag’ doch!
Ida: Manchmal . . . . ich hab’ mir nur schon manchmal gedacht . . . . wirklich, es ist mir manchmal so vorgekommen, als ob — sei nicht böse — als ob garnichts da wäre, wovor Du fliehen müßtest. Ich habe selbst schon . . . .
Wilhelm: O Du, das glaube nicht! hast Du Robert beobachtet, hast Du gesehen?
Ida: Nein — was?
Wilhelm: Hast Du bemerkt, wie er mich begrüßte? Der, siehst Du, der weiß, daß ich vor mir fliehen muß, der kennt mich. Frage den nur, derwird Dich aufklären! Damit droht er mir nämlich. Du, Du, das weiß ich besser. Gieb nur Acht, wie er mich immer anblickt! Ich soll Angst kriegen, ich soll mich fürchten. Ha ha ha, — nein, lieber Bruder, so erbärmlich sind wir denn doch nicht. Und nun siehst Du wohl ein, Ida, daß ich das nicht zulassen darf, — ich meine, Du darfst Dir keine Illusionen machen über mich. Es giebt nur eine Möglichkeit: ich muß offen sein gegen Dich. Ich muß es soweit bringen . . ., Ich ringe darnach. Wenn Du mich ganz kennst, dann . . . . Ich meine wenn Du mich dann noch erträgst . . . . oder wenn Du — mich noch lieben kannst . . . . dann . . . . das wäre ein Zustand . . . . dann würde etwas in mich kommen . . . . was Muthiges, Stolzes sag’ ich Dir . . . . dann lebte doch Einer, und wenn sie mich Alle verachteten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .(Ida, voller Hingebung, schmiegt sich an ihn.)
Wilhelm: Und jetzt . . . . jetzt werde ich Dir auch . . . . bevor ich zu Vater hinaufgehe . . . . Du weißt was ich meine?!
Ida(nickt).
Wilhelm: Jetzt sollst Du . . . . Ich muß es über mich gewinnen Dir zu sagen, was mich — mit meinem — Vater . . . . Ja, Ida, — ich will’s thun . . . . . . . . . . . . . . . . .(Arm in Arm schreitend)Stelle Dir vor! ich war hier zu Besuch . . . . nein — so kann ich nicht anfangen. — Ich muß weiter zurückgehen. — Du weißt ja,als ich mich damals schon eine lange Zeit selbst durchgeschlagen . . . . . . . . das hab’ ich Dir wohl noch garnicht erzählt?
Ida: Nein, . . . . aber ruhig . . . . nur ja nicht unnöthig . . . . rege Dich nur nicht auf, Willy!
Wilhelm: Siehst Du das ist wieder so ein Fall: ich bin feig! ich habe es bis jetzt nicht gewagt, Dir von meiner Vergangenheit zu erzählen . . . . auf jedenfall ist es auch ein Wagniß. — Man wagt etwas, — auch vor sich selbst . . . . einerlei! wenn ich das nicht mal über mich brächte, wie sollt’ ich’s dann fertig bringen — zu Vater hinaufzugehen?!
Ida: Ach, Du! quäle Dich nicht! — jetzt stürmt so vielerlei auf Dich ein.
Wilhelm: Du hast wohl Furcht? — wie? Du fürchtest wohl Dinge zu hören . . . .?
Ida: Pfui, pfui, so mußt Du nicht sprechen!
Wilhelm: Nun also — dann stelle Dir vor: hier oben wohnte Vater. Bis er Mutter nahm hatte er einsam gelebt, und so wurde es bald wieder; er führte sein einsames Sonderlingsleben weiter . . . . . . . . Mit einem Mal verfiel er dann auf uns — Robert und mich, um Auguste hat er sich garnicht gekümmert. — Volle zehn Stunden täglich hockten wir über Büchern . . . . Wenn ich das Kerkerloch sehe — heutigen Tags noch . . . . . . es stieß an sein Arbeitszimmer. Du hast’s ja gesehen!
Ida: Der große Saal oben —?
Wilhelm: Ja, der — Wenn wir in diesen Raum eintraten, da mochte die Sonne noch so hellzum Fenster ’reinscheinen, — für uns war es dann Nacht . . . . Na siehst Du — da . . . . da liefen wir eben zur Mutter . . . . Wir liefen ihm einfach fort — und da spielten sich Scenen ab —: Mutter zog mich am linken, Vater am anderen Arm . . . . Es kam soweit: Friebe mußte uns hinauftragen. Wir wehrten uns, wir bissen ihm in die Hände; natürlich half das nichts, unser Dasein wurde nur unerträglicher . . . . . . . . . . . . . Aber widerspenstig blieben wir, und nun weiß ich, fing Vater an uns zu hassen. Wir trieben es so lange, bis er uns eines Tages die Treppe hinunterjagte. Er konnte uns nicht mehr ertragen — unser Anblick war ihm ekelhaft.
Ida: Aber Dein Vater — das giebst Du doch zu? — eine gute Absicht hat er doch gehabt mit Euch. Ihr solltet eben viel lernen, wie . . . .
Wilhelm: Bis zu einem gewissen Grade mag er ja auch damals eine gute Absicht — vielleicht gehabt haben. Aber wir waren ja zu der Zeit erst Jungens von neun oder zehn Jahren und von da ab, hört die gute Absicht auf. — Im Gegentheil: damals hat er die Absicht gehabt, uns total verkommen zu lassen. — Ja, ja! Mutter zum Possen . . . . Fünf Jahre lang waren wir im verwegensten Sinne uns selbst überlassen . . . . Banditen und Tagediebe waren wir . . . . . . . . . . Ich hatte noch etwas, ich verfiel auf die Musik. Robert hatte nichts — Aber wir verfielen auch nochauf ganz andre Dinge — deren Folgen wir wohl kaum jemals verwinden werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schließlich schlug Vater wohl das Gewissen. Es gab fürchterliche Scenen mit Mutter. Am Ende wurden wir doch aufgepackt und in einer Anstalt untergebracht. Und als ich mich an das Sklavenleben dort nicht mehr gewöhnen konnte und davonlief, ließ er mich einfangen und nach Hamburg schaffen; Der Taugenichts sollte nach Amerika . . . Der Taugenichts lief natürlich wieder davon. Ich ließ Eltern Eltern sein und hungerte und darbte mich auf meine eigene Faust durch die Welt. Robert hat ungefähr die gleiche Carrière hinter sich.
Aber Taugenichtse sind wir deshalb in Vaters Augen doch geblieben . . . . — später war ich einmal so naiv eine Unterstützung von ihm zu fordern — nicht zu bitten! Ich wollte das Conservatorium besuchen. Da schrieb er mir auf einer offenen Postkarte zurück: Werde Schuster. — Auf diese Weise, Ida! sind wir so eine Artself made man— aber wir sind nicht besonders stolz darauf.
Ida: — Wahrhaftig Willy . . . . ich kann wahrhaftig nicht anders . . . . ich fühle Dirwirklich Allesnach; aber — ich kann augenblicklich nicht ernst . . . . Sieh mich nicht so fremd an, bitte, bitte!
Wilhelm: O Du, — das ist bitter — und nicht zum Lachen.
Ida(ausbrechend): ’S einJubelgefühl, Wilhelm!ich muß Dir sagen . . . . es mag selbstsüchtig sein, — aber ich freue mich so furchtbar — daß Du, das so brauchen kannst . . . . Ich will Dich ja so lieb haben, Wilhelm! . . . . Ich sehe so mit einem Mal Zweck und Ziel. Ach, ich bin ganz confus! Ich bedaure Dich ja so sehr. Aber je mehr ich Dich bedaure, je mehr freue ich mich. Verstehst Du, was ich meine? Ich meine . . . . . . ich bilde mir ein, — ich könnte Dir vielleicht Alles, was Du entbehrt hast . . . . alle Liebe, die Du entbehrt hast, mein ich, könnte ich Dir vielleicht reichlich . . . .
Wilhelm: Wenn ich’s nur — verdiene, — Du! — denn nun kommt — etwas, — was mich allein — betrifft . . . . . . . . . . . . Vor Jahren . . . . nein — es ist . . . . Ich kam nämlich später hie und da besuchsweise zur Mutter. — Mach’ Dir’ mal klar, Ida! — wenn ich so das ganze Elend wiedersah . . . . mach Dir ’mal klar wie mir da — zu Muthe werden mußte.
Ida: Deine Mutter — litt wohl — sehr?
Wilhelm: In manchen Dingen, denk’ ich ja heut’ anders über Mutter. Immerhin, die Hauptschuld trägt Vater doch. Damals kam mir’s vor, als ob er Mutter widerrechtlich hier gefangen hielte. Ich wollte gerade, sie sollte sich von ihm trennen.
Ida: Aber — das konnte Deine Mutter — garnicht, das, —
Wilhelm: Sie folgte mir ja auch nicht. Sie hatte nicht den Muth. — Nun — mit welchenAugen ich Vater ansah . . . . nun, das kannst Du Dir vielleicht denken.
Ida: Sieh’ mal Wilhelm! — Du warst vielleicht doch nicht ganz gerecht gegen Deinen Vater . . . . Ein Mann . . . .
Wilhelm(ohne Ida’s Einwurf zu beachten): Einmal — beging ich — die Thorheit — einen Freund von mir . . . . Unsinn Freund . . . . flüchtiger Bekannter, — ein Musiker . . . . Ich brachte ihn also mit hierher. Das war eine Auffrischung für Mutter. Sie spielte nämlich — eine Woche lang —, täglich mit ihm vierhändig . . . . . . . . Da also . . . . haarsträubend . . . . so wahr wie ich vor Dir stehe —; kein Schatten einer Möglichkeit! — und am Ende der Woche — schrieen es ihr — Dienstboten — in’s Gesicht.
Ida: Verzeih’! . . . . Ich . . . . Um was —?
Wilhelm: Mutter! . . . . Mutter sollte . . . . Meine Mutter sollte . . . . Sie sollte — denke Dir! sie wagten es ihr offen vorzuwerfen, daß sie — ein schlechtes — Verhältniß — mit . . . . das heißt! ich stellte die Person zur Rede . . . . frech . . . . der Kutscher hätte es ihr gesagt . . . . ich zum Kutscher und der . . . . der . . . . der will es . . . . der sagt mir geradezu, ich habe es vom Herrn . . . . vom Herrn selber — . . . . Natürlich . . . . wo werde ich ihm denn so was glauben?! — oder — wenigstens — sträubte ich mich — bis — ich — ein Gespräch — belauschte, — was Vater — im Stall . . . . im Pferdestall mit dem Burschen — hatte, —und — Du kannst mir — glauben: — die Hände — starben — mir — ab, — wie ich — ihn da — über meine — Mutter — reden hörte.
Ida: Sei doch nur . . . . Laß Dich doch nur . . . . reg’ Dich doch blos nicht sofurchtbarauf. Du bist ja ganz . . . .
Wilhelm: Ich weiß nicht mehr . . . . Ich weiß nur . . . . Es steckt etwas in uns Menschen . . . . der Wille ist ein Strohhalm . . . . man muß so etwas durchmachen . . . . Es war wie ein Einsturz . . . Ein Zustand wie . . . . und in diesem Zustand befand ich mich plötzlich in Vaters Zimmer. — Ich sah ihn. — Er hatte irgend etwas vor — ich kann mich nicht mehr besinnen was. — Und da — hab’ ich ihn — buchstäblich — mit — diesen — bei — den Händen — ab—ge—straft.(Er hat Mühe sich aufrecht zu erhalten).
Ida(Ihre Augen stehen voll Thränen, die sie trocknet. Bleich und erschüttert starrt sie einige Augenblicke auf Wilhelm hin, dann küßt sie still weinend seine Stirn).
Wilhelm: Du — Barmherzige.
(Man hört die Stimme des Doktors von der Treppe her.)
Wilhelm: Und nun, — wenn je!(Er rafft sich auf, Ida küßt ihn nochmals. Er hat krampfhaft ihre Hand gefaßt. Wie die Stimme des Doktors schweigt, hört man fröhliches Gelächter aus dem Nebenzimmer.)
Wilhelm(mit Bezug auf das Lachen, wie auch auf das Kommen des Doktors, den man die Treppe herunter steigen hört.): Ihr habt eine wunderbare Macht!(Ein Händedruck beiderseitiger Ermuthigung, dann trennt sich Ida von Wilhelm. Bevor sie abgeht, kehrt sie noch mal um, faßt Wilhelms Hand und sagt:)Sei tapfer!(ab.)
Dr.Scholz:(noch auf der Treppe.)Ä! großer Unsinn! . . . . rechts Friebe! — ä! Ellbogen . . . . nicht halten, nicht halten! Donnerwetter!!!
Wilhelm(je weiter der Doktor herunterkommt, um so aufgeregter erscheint Wilhelm. Seine Farbe wechselt oft, er fährt sich durch die Haare, athmet tief, macht die Bewegungen des Klavierspielens mit der Rechten etc. Hierauf ist deutlich wahrzunehmen, wie Strömungen für und wieder in ihm kämpfen, — wie er in seinem Entschluß wankend wird. Er scheint fliehen zu wollen, da bannt ihn das Hervortreten des Doktors. Er hat eine Stuhllehne gefaßt, um sich zu stützen und steht zitternd und bleich da. Der Doctor ist ebenfalls, zu seiner vollen imponirenden Größe aufgerichtet stehen geblieben und mißt seinen Sohn mit einem Blick, der nacheinander Schreck, Haß und Verachtung ausdrückt. Es herrscht Stille; Friebe, der den Doctor stützend und ihm vorleuchtend ebenfalls eingetreten in, benützt dieselbe, um sich davonzuschleichen, ab in die Küche. Wilhelm scheint einen Seelenkampf physisch durchzuringen. Er will reden, die Kehle scheint ihm zu versagen, es kommt nur zu lautlosen Bewegungen der Lippen. Er nimmt die Hand von der Stuhllehne und schreitet auf den Alten zu. Er geht unsicher, er taumelt, er kommt in’s Wanken, steht, will auf’s Neue reden, vermag es aber nicht, schleppt sich weiter und bricht die Hände gefaltet, zu des Alten Füßen nieder. In des Doctors Gesicht hat der Ausdruck gewechselt: Haß, Staunen, erwachendes Mitgefühl, Bestürzung.)
Dr.Scholz: Junge . . . . mein lieber Junge! mein . . . .(er sucht ihn bei den Händen zu erheben.)Steh, doch nur — auf! . . . .(er faßt Wilhelm’s Kopf, der schlaff hängt, zwischen beide Hände und kehrt ihn sich zu.)Sieh’ mich . . . . Junge . . . . sieh’ mich doch ’mal — an. Ach, was ist denn — mit . . . .?
Wilhelm(bewegt die Lippen).
Dr.Scholz(mit bebender Stimme): Was . . . was . . . sagst Du zu mir? ich . . .
Wilhelm: V . . . Vater — ich . . . .
Dr.Scholz: Wie — meinst Du —?
Wilhelm: Ich — habe Dich . . habe Dich . . . . h . . . h . . .
Dr.Scholz: Unsinn, Unsinn! jetzt nicht von solchen . . . . .
Wilhelm: Ich bin — an Dir — zum Verbrecher . . . .
Dr.Scholz: Unsinn, Unsinn! ich weiß garnicht, was Du willst? alte Sachen sind alte Sachen. Thu mir die einzige Liebe, Junge! . . .
Wilhelm: Nun — nimm’s von mir! nimm — die Last von mir!
Dr.Scholz: Vergeben und vergessen, Junge! vergeben und vergessen . . . . .
Wilhelm: Dank . . . .(er athmet tief auf, das Bewußtsein verläßt ihn.)
Dr.Scholz: Junge! was machst Du mir denn für Sachen! was . . . . .
(Er hebt und schleppt den Ohnmächtigen allein bis in einen in der Nähe stehenden Lehnstuhl. Bevor er ihn niedergesetzt hat, kommenIda,Robert,Auguste,Frau ScholzundFrau Buchnerhastig aus dem Nebengemach,Friebeaus der Küche.)
Dr.Scholz: Wein! schnell etwas Wein!
Ida(geht und ist sogleich mit Wein zurück).
Frau Scholz: O Gottogottogott! Wasser! . . gleich mit Wasser besprengen!
Dr.Scholz(flößt ihm Wein ein).
Auguste: Was war denn?
Ida(bleich und in Thränen, legt ihre Wange an die Wilhelms): Wie eiskalt er sich anfühlt.
Frau Scholz: Ueber was hat sich denn der Junge blos so aufgeregt, das möcht’ ich blos wissen: . . . das ist mir doch rein . . . .
Robert(ihre Hand fassend und zugleich ihre Rede abschneidend, verweisend): Mutter!!!
Frau Buchner: Besprengen, besprengen, Herr Doctor!
Dr.Scholz: Pst, pssst, habt Ihr . . haben Sie vielleichteau de Cologne?
Frau Buchner: Ja(sie giebt ihm ein Flacon), bitte.
Dr.Scholz: Danke(er bestreicht dem Ohnmächtigen die Stirn).
Ida(zum Doctor): Es ist — doch hoffentlich . . . nicht wahr? nur . . .(sie bricht in Schluchzen aus)ach er sieht so schrecklich rührend aus, wie . . . . . wirklich wie — todt sieht er aus.
Robert(tröstet Ida).
Frau Scholz: Wie der Junge blos schwitzt!(sie wischt ihm die Stirn.)
Wilhelm(gähnt).
Dr.Scholz: Pst.(er und Alle blicken mit Spannung auf Wilhelm.)
Wilhelm(räuspert sich, dehnt sich, öffnet und schließt die Augen, wie ein Schlaftrunkener, legt den Kopf wie zum Schlaf zurück.)
Dr.Scholz(hörbar): Gott sei dank!
(Er richtet sich auf, wischt sich die Stirn mit dem Taschentuch und mustert gerührt und halb verlegen seine Umgebung. Ida ist ihrer Mutter unter Lachen und Weinen um den Hals gefallen. Robert steht kaum Herr seiner Bewegung mit gefalteten Händen da und läßt seine Blicke abwechselnd über alle Anwesenden hingleiten. Auguste geht, das Taschentuch zusammengeballt vor dem Munde, hastig auf und ab, und hält jedes Mal im Vorübergehen einen Augenblick vor Wilhelm inne, um ihn forschend zu betrachten. Friebe geht auf den Zehenspitzen ab. Des Doctors Blick trifft den seiner Frau. Schüchtern und gerührt wagt sie sich näher, faßt leise seine Hand und klopft ihn auf den Rücken.)
Frau Scholz: Alterchen —!
Auguste(ahmt die Mutter nach, umarmt und küßt dann den Vater, was dieser geschehen läßt, ohne seine Hand aus der seiner Frau zu nehmen.)
Auguste(an seinem Halse): Mein Herzensväterchen!
Robert(plötzlich entschlossen tritt er auf seinen Vater zu und schüttelt ihm die Hand).
Frau Scholz(giebt des Doctors Hand frei und führt ihm Ida zu).
Dr.Scholz(blickt erst Ida dann Wilhelm an und richtet einen fragenden Blick auf Frau Buchner).
Frau Buchner(nickt bejahend).
Dr.Scholz(macht eine Gebärde, die etwa ausdrückt: ich will nichts verreden, ich kann mich vielleicht täuschen. Hierauf streckt er dem Mädchen seine Hand entgegen).
Ida(kommt, nimmt seine Hand, beugt sich darauf nieder und küßt sie).
Dr.Scholz(zieht seine Hand gleichsam erschreckt zurück).
Wilhelm(seufzt tief auf. Alle erschrecken).
Auguste(in der Thür zum Nebengemach winkt Frau Scholz, dann ab).
Frau Scholz(macht dem Doctor Zeichen, die besagen: man solle sich in’s Nebengemach begeben, des Patienten wegen).
Dr.Scholz(nickt bestätigend und entfernt sich Hand in Hand mit Frau Scholz behutsam).
Frau Buchner(der Ida bedeutet hat, sie wolle bei Wilhelm bleiben, ebenfalls ab in’s Nebenzimmer).
Robert(leise): Fräulein Ida, würden Sie . . . möchten Sie mir wohl die Wache diesmal überlassen?
Ida(freudig überrascht): Herzlich gern!(Händedruck ab in’s Nebengemach.)
Robert(rückt einen Stuhl neben den Wilhelm’s und läßt sich, den Schlafenden beobachtend, darauf nieder. Nach einem Weilchen zieht er seine Tabakspfeife aus der Tasche, um sie in Brand zu setzen, erinnert sich aber zur rechten Zeit der Gegenwart des Patienten und steckt sie sogleich wieder ein).
Wilhelm(seufzt, streckt die Glieder).
Robert(leise und behutsam): Wilhelm.
Wilhelm(räuspert sich, schlägt die Augen fremd und verwundert auf und sagt nach einer Weile — als hätte ihn die Anrede Roberts erst jetzt getroffen): — Ja!
Robert: Wie ist Dir denn jetzt?
Wilhelm(nachdem er Robert eine Weile nachdenklich angeblickt hat, mit schwacher Stimme): Robert? — nicht?
Robert: Ja — ich bin’s . . . Robert . . wie geht’s Dir denn?
Wilhelm: Gut(räuspert sich)ganz gut — jetzt.(er lächelt gezwungen, macht einen schwachen Versuch, sich zu erheben, der fehl schlägt.)
Robert: O, Du! das ist doch wohl noch ein Bischen gar zu zeitig, nicht?
Wilhelm(nickt bejahend, seufzt, schließt erschöpft die Augen). . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wilhelm(schlägt die Augen groß und ruhig auf und spricht leise aber klar): Was ist denn eigentlich passirt? — hier? —
Robert: Ich glaube, Wilhelm! es wird das Beste sein, wir lassen das vorläufig auf sich beruhen . . . . . Die Versicherung geb’ ich Dir: etwas . . . ich jedenfalls hätte es niemals für möglich gehalten.
Wilhelm(vergeistigt): — Ich — auch nicht.
Robert: — Wie soll man denn auch . . . ä! Kohl! das war ja auch absolut nicht vorauszusehen! — aber es ist eben doch vorgefallen.
Wilhelm: Ja — nun fällt mir — nach und nach . . . es — war — lieblich!(seine Augen füllen sich mit Thränen.)
Robert(mit leisem Beben in der Stimme): Ein sentimentales Weibsbild ist man doch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . So viel steht wieder ’mal bombenfest: man hat wieder ’mal so in’s Blaue ’nein verdammt. Gekannt haben wir den Alten doch nicht, — das können wir doch wohl nich’ gerade behaupten.
Wilhelm: Vater? — nein! wir sind ja Alle — so blind, so blind!
Robert: Das — weiß Gott! — sind wir . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wilhelm: Wie mir das vorkommt! — wunderfremd. Er liebt uns ja! der alte Mann ist ja so himmlisch gut!
Robert: Daskanner sein, und das wußte ich bis jetzt nicht.
Wilhelm: Mir dämmert manches! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Robert: Mit dem Verstande — und so — sieh ’mal — hat ich das ja längst erfaßt. — Alles istgeworden. Verantwortlich hab’ ich Vater nicht gemacht. — Heißt das, schon seit Jahren nicht mehr. — Nicht für mich, überhaupt für Keinen von uns. Aber heut hab’ ich’sgefühlt; und das ist, kannst Du glauben, noch ganz was andres . . . . . . . . . . . . . . . . Ehrlich, mich hat’s geradezu aus dem Gleichgewicht gebracht. — Als ich ihn so sah — so um Dich bemüht . . . förmlich, wie ein Schlag war mir da! — und nun muß ich mir immer sagen: — warum ist denn das nun nicht . . . . . na warum denn nicht? es ist doch jetzt in uns lebendig geworden, es war doch also in uns — warum ist es nicht schon früher hervorgebrochen? In Vater, in Dir — und in mir wahrhaftigen Gott auch? es war doch in uns! Und nun hat er das so in sich hinein gewürgt — Vater mein ich — na und wir ja auch — so viele Jahre lang . . . . .
Wilhelm: Das ist mir nun aufgegangen: ein Mensch kehrt nicht nur jedem seiner Mitmenschen eine andere Seite zu, sondern er ist thatsächlich jedem gegenüber von Grund aus anders . . . . . . . .
Robert: Warum muß denn das so sein zwischen uns! warum müssen denn wir uns nur immer und ewig abstoßen?
Wilhelm: Das will ich Dir sagen: Herzensgüte fehlt uns! nimm z. B. Ida! Was Du Dir erklügelthast, das lebt in ihr. Sie sitzt nie zu Gericht, Alles greift sie so weich, so mitleidig an — die zartesten Dinge — das schont so, verstehst Du! das . . . und das glaub’ ich ist es . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Robert(manlig werdend, sich erhebend): Wie ist Dir jetzt so? —
Wilhelm: Recht frei ist mir doch jetzt . . . .
Robert: Ä — was nutzt das Alles! . . . . Ja — was ich wollte — sagen? vielleicht wird’s doch gut mit Euch!
Wilhelm: Was denn?
Robert: Na, wie denn? Du und . . . na, und Ida natürlich.
Wilhelm: Vielleicht! . . . Die Beiden haben eine Macht — auch Frau Buchner — aber doch Ida hauptsächlich. Ich habe gedacht, das könnte mich retten . . . . . . . . . . Zuerst wehrte ich mich ja . . . . . . . . . . . . . . .
Robert(gedankenvoll): Das haben sie! — sie haben eine Macht und deshalb . . . . . anfänglich — offen gesagt, hab’ ich’s Dir verübelt.
Wilhelm: Das fühlte ich wohl.
Robert: Na, nimm ’mal an: ich hörte von einer Verlobung, und nun sah ich Ida; treppauf, treppab sang sie und so fröhlich — ohne eine Idee von . . . .
Wilhelm(erhebt sich): Ich verstand Dich ja auch, ich gab Dir ja sogar recht, was willst Du!
Robert: Nu ja doch! — ich bin ja auch . . .es ist ja auf diese Weise ganz was anders. — Ich muß ja zugeben . . . wie gesagt . . . überhaupt . . ganz frisch schon?
Wilhelm: Vollkommen.
Robert: Dann kommst Du wohl also bald?
Wilhelm: Ich will nur noch . . . . geh doch einstweilen Du!
Robert: Schön!(geht, kommt zurück)hör ’mal Du! ich kann nicht anders, ich muß Dir sagen, Deine ganze Handlungsweise — Vater gegenüber — und auch — überhaupt, ist hochachtenswerth. Ich hab’ Dich auch so — überfallen förmlich — mit meiner verfluchten Bornirtheit. Man . . . . hol’s der Teufel! Ich habe seit langer Zeit wieder zum ersten Male so ’ne Art unabweisbares Bedürfniß, verstehst Du! mich selbst anzuspucken. Das genügt Dir doch, wie? — na, Du wirst mir doch nun auch die Liebe thun und — wenn ich Dich . . . . ja wohl, gekränkt habe ich Dich ununterbrochen, seit Du hier bist. Also — es thut mir leid! hörst Du!
Wilhelm: Bruder!(sie schütteln sich mit Rührung die Hände.)
Robert(zieht ruhig die Hand aus der Wilhelms, bringt seine Tabackspfeife hervor, entzündet sie, pafft, und sagt dabei vor sich hin): Acrobaten — seele! — pf! pf! naitem.(Hierauf wendet er sich zum Gehen. Bevor er die Thüre des Seitengemaches ausklinkt, spricht er über die Schultern zu Wilhelm:)Ich — will sie Dir herausschicken!
Wilhelm: Ach — Du laß doch! . . . . na — wenn Du . . . .
Robert(nickt bejahend, verschwindet in der Thür. Ab.)
Wilhelm(athmet befreit auf. Volle Freude über das Geschehene bemächtigt sich seiner.)
Ida(kommt aus dem Nebenzimmer, fliegt in seine Arme): Willy!!!
Wilhelm: — Jetzt — jetzt . . . . Du . . . . Ihr . . . . Ihr beiden goldnen Seelen habt mich losgekämpft. Jetzt — ein ganz neues Leben! . . . . Du glaubst nicht, wie mich das hebt! ordentlich groß stehe ich vor mir da! — O Du! das merke ich jetzt erst — das hat doch furchtbar auf mir gelastet . . . . Und nun fühl’ ich auch Kraft! Kraft fühle ich, Du! — verlaß Dich d’rauf, ich erreiche es nun doch noch! ich werd’s ihm zeigen, was der Taugenichts kann! ich werde Vater den Beweis liefern. Ich werde ihm beweisen, daß etwas in mir lebt: eine Kraft, eine Kunst, vor der sie sich beugen sollen . . . . die starrsten Köpfe werden sich beugen, ich fühl’s! — das hat mich nur niedergeknebelt, glaubst Du! es kribbelt mir in den Fingerspitzen, glaubst Du! . . . . Ich möchte schaffen, schaffen! . . . .
Ida: Siehst Du, so ist’s recht! nun endlich hast Du Dich wiedergefunden. — Liebster, ich möchte jauchzen. — Jauchzen möcht ich. — jubeln . . . . Siehst Du, wie ich recht hatte; nichts ist erstorben in Dir! es schlief nur! Es wacht Alles wieder auf, sagt’ ich Dir immer. Es ist aufgewacht, siehst Du nun! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
(Sie umarmen, küssen sich und schreiten dann in einander verschlungen in stummer Glückseligkeit durch den Saal.)
Wilhelm(bleibt stehn, schaut mit glücklichem Staunen in die Augen seiner Braut, dann läßt er den Blick weiter schweifen, rings herum durch den Raum und sagt): In diesen eiskalten Mauern . . . . wie Frühlingszauber ist das!
(Einige Küsse; eng verschlungen stumm im Glück schreiten sie weiter.)
Ida(singt piano mit schelmischer Beziehung auf etwas in der Vergangenheit; etwas, wie: nun, siehst Du wie recht ich hatte.)
Wenn im Hag der LindenbaumWieder blühet,Huscht der alte Frühlingstraum . . .
Wenn im Hag der LindenbaumWieder blühet,Huscht der alte Frühlingstraum . . .
Wenn im Hag der LindenbaumWieder blühet,Huscht der alte Frühlingstraum . . .
Wenn im Hag der Lindenbaum
Wieder blühet,
Huscht der alte Frühlingstraum . . .
Frau Scholz(tritt ein, gewahrt die Beiden, will sich schnell wieder entfernen).
Ida(hat es bemerkt, bricht ihr Lied ab, fliegt auf Frau Scholz zu). Nicht fortlaufen, Schwiegermuttelchen!
Frau Scholz: I warum nich’ gar! Ihr könnt mich ja garnicht brauchen.
Wilhelm:(umarmt und küßt seine Mutter und hilft sie mit hereinziehen).
Frau Scholz(launig): Du bist wohl nich’ recht gescheidt. Ihr seid wohl . . . Ihr reißt mir ja . . .
Wilhelm: Ach was, Mutter! das ist ja jetzt Alles einerlei — Mutter! Du siehst einen anderen Menschen vor Dir(zwischen Mutter und Braut, beider Hände haltend.)Komm, altes Mamachen; — seht Euch in die Augen! — so — gebt Euch die Hände!
Frau Scholz: Närr’scher Kerl!
Wilhelm: Küßt Euch!
Frau Scholz(nachdem sie sich mit der Schürze über den Mund gefahren): Na, dummer Kerl! — das . . . . da ist doch weiter nichts dabei . . . . da brauchst Du uns doch nicht . . . . gelt Ida!(sie küssen sich lachend).
Wilhelm: Und nun Friede!
Frau Scholz: Nich berufen, Junge!
Friebe:(eine dampfende Punschterine tragend, aus der Küche in das Nebengemach).
Wilhelm: Oho!!! — na dann also . . . Friebe! ist er gut?
Friebe(im Vorübergehen): I, von det Zeich kenn’n Se mer dreiste wat vorsetzen, da bring ick ooch noch keen’n Schluck nich ieber de Lippen.
Wilhelm: Nich’ möglich, Friebe!
Friebe: Friher, ja — jetzt, bin ick — längst abjeschmissen. Jetz’ trink ick — nur — mehrschtentheels — b. — bitt’ren Schnaps(ab).
Ida(hat Wilhelm die Cravatte in Ordnung gebracht und den Rock zurecht gerückt): So nu . . . .
Wilhelm: Schon gut, Du! — ist Vater heiter?
Frau Scholz: Er erzählt so. — Manchmal versteht man’s garnicht.
Wilhelm: Das Herz pocht mir doch wieder!
Frau Scholz: Wenn nur Robert nich’ so viel tränke.
Wilhelm: Ach Mutter heut . . . . heut ist das ja Alles einerlei! heut . . . .
Ida: Nun komm schnell, eh Dir erst wieder . . .
Wilhelm(zu Frau Scholz): Gehst Du mit?
Frau Scholz: Geht nur, geht!
(Ida und Wilhelm ab in’s Nebenzimmer.)
Frau Scholz(. . . steht, sinnt nach, streicht sich mit der Hand die Stirne und begiebt sich zu Folge eines plötzlichen Einfalls an die Thür des Nebengemachs, wo sie lauscht.)
Friebe(tritt durch eben dieselbe Thür ein. Man merkt nun deutlich: er ist angeheitert): Frau Doktor!
Frau Scholz: Was wollen Sie?
Friebe(pfiffig geheimnißvoll): Ma hat sei Wunder, Frau Sch—olzen.
Frau Scholz(zurückschreckend): Sie haben — zu viel getrunken! Sie . . .
Friebe: Ick — lauer’ schon — uf alle Arten, det ick . . . . det ick und ick wollte Sie wat mittheilen.
Frau Scholz: Na ja, ja, ja! sagen Sie nur schnell, was Sie zu sagen haben.
Friebe: Na, ick meen man blos . . . .
Frau Scholz: So reden Sie doch nur, Friebe!
Friebe: Ick meen man blos! — det is doch nich taktmäßig. In diese F . . . . . Funktion — da sind ooch all noch ville Sachen — wo ick ooch verschweigen muß . . . . ick meen man blos — IhrMann— der kann’t unmeejlich mehr lange machen . . . .
Frau Scholz: O Jesis, Jesis, Friebe! hat er denn . . . . o Jesis! hat er denn geklagt? is’ er denn krank?
Friebe: Na, uff so wat — versteh ick mir doch?!
Frau Scholz: Ueber was klagt er denn?
Friebe: Ick sollt’ ja — aber — nich’ — sagen.
Frau Scholz: Is’ es denn ernst?(Friebe nickt bestätigend.)Er kann doch aber nich’ vom Tode gesprochen haben?
Friebe: Er hat sich — sogar — noch mehr — sone Sachen bedient, aber . . .
Frau Scholz: Na nu drücken Sie sich doch endlich deutlich aus. Trinkt der Mensch . . . .!
Friebe(aufgebracht): Ja ick . . . . na Järtner — un’ Schuhwichser . . . . un’ was da allens vorfallen duht . . . . nee! — ick brauch mir det nich’ . . . . in jede Funktion . . . . das . . . . in diese Funktion kommt — allens vor — aber nee! . . . . da haben se — det Janze . . . . . . . . klar . . . . punkt! . . . .(er macht kehrt, ab in die Küche).
Frau Scholz: Der Mensch ist verrückt geworden.
Ida(im Hin durch die Thüre des Nebenzimmers, diese hinter sich zudrückend. Sie ein klein wenig wieder öffnend, ruft sie ins Gemach zurück): Warten, Herrschaften! ruhig und folgsam warten!
Wilhelm(sich hineindrängend): Ich will Dir ja nur helfen.
Ida: Aber sonst Niemand!
(Ida und Wilhelm entzünden die Christbaumlichte.)
Frau Scholz: Du! — hör ’mal! — Wilhelm!
Wilhelm(beschäftigt): Gleich, Mutterchen! — wir sind gleich fertig.
(Der Christbaum, die Girandolen und der Kronleuchter stehen im Licht. Ida nimmt eine große Decke, welche über die Geschenke auf der Tafel gebreitet war, von diesen herunter.)
Wilhelm(tritt zur Mutter).
Ida(ruft durch die Thüre des Seitengemachs): Jetzt.
Frau Scholz(ist im Begriff Wilhelm etwas mitzutheilen, als sie durch den Eintritt desDr.Scholz gestört wird. Es folgen nun: Auguste, Robert und Frau Buchner.)
Dr.Scholz(vom Trinken geröthetes Gesicht. Mit affektirtem Staunen.)Ah! ah!
Frau Buchner: Feenhaft!
Auguste(befangen lächelnd.)
Robert(umgeht, die Pfeife im Munde, erst befangen, dann mehr und mehr ironisch lächelnd, den Raum).
Ida(hat Wilhelm, der darob äußerst betreten ist, zu dem Platze geführt, wo seine Geschenke liegen): Lach’ mich nicht aus, Willy!(sie hält ihm die Börse hin.)
Wilhelm: Nein aber, Ida! — ich hab’ Dich doch gebeten . . . .
Ida: Ich hatte sie ’mal für Vater gehäkelt. Das letzte Jahr vor seinem Tode hat er sie viel getragen. Da dacht’ ich . . . .
Wilhelm(unter den Blicken der Beobachter mit steigender Verlegenheit): Ja wohl . . . so so . . . vielen Dank, Ida!
Robert: Die Dinger müßten nur praktischer sein.
Frau Scholz(durch Frau Buchner ebenfalls an den Tisch geführt): Aber was machst Du denn nur für Geschichten? ich kann Euch ja garnichts . . . . ich hab’ ja garnichts für Euch(vor einem gehäkelten Tuche)nein . . . nein . . . ne Du — thu mer die Liebe! das hast Du für mich gehäkelt? ne sag’ mer nur —fer mich alte Frau? na da dank’ ich Dir auch vielmals schön(sie küssen sich.)
Frau Buchner: Ach ich — freu’ mich nur, wenn Dir’s gefällt.
Frau Scholz: Prachtvoll! — wundervoll — wunderschön! wie viele Zeit und Mühe! ne! . . . .
Ida: Auch für Sie hätt’ ich was Herr Robert! Sie dürfen mich aber nicht auslachen!
Robert(über und über roth werdend): Ä — zu was denn!
Ida: Ich hab mir’ gedacht — IhreTabakspfeife— die wird Ihnen nächstens die Nasenspitze verbrennen — und da hab ich mich Ihrer erbarmt und noch gestern schnell . . . .(sie zieht eine neue Tabakspfeife, die sie auf dem Rücken gehalten, hervor und überreicht sie ihm)da ist das Prachtstück!
(Allgemeine Heiterkeit.)
Robert(ohne ihr die Pfeife abzunehmen): Sie scherzen, Fräulein!
Ida: Na ja! aber mit dem Schenken ist’s mir bitter Ernst.
Robert: Ach nein doch, nein doch, das glaub’ ich nicht!
Frau Scholz(entrüstet leise zu Wilhelm): Robert istunausstehlich!
Ida: Aber nein, wirklich!
Robert: Sehen Sie — dies Ding da . . . . ich habe mich so d’ran gewöhnt . . . . i, und Sie scherzen ja auch wirklich nur!
Ida(die Augen voll Thränen. Ihren Schmerz bemeisternd und mit zitternder Stimme): Nun — ja — wenn Sie — meinen(sie legt das Geschenk auf den Tisch zurück).
Frau Buchner(hat während des letzten Gesprächs mehreremals leise Ida gerufen: nun eilt sie auf sie zu): Idchen — hast Du denn vergessen?
Ida: Was denn Mama?
Frau Buchner: Du weißt doch!(Zu den Uebrigen)nun sollen sie noch etwas zu hören bekommen.
(Ida, froh auf diese Weise ihre Bewegung verbergen zu können, folgt ihrer Mutter, die sie an der Hand gefaßt hat, in’s Nebenzimmer.)
Frau Scholz(zu Robert): Warum hast Du ihr die Freude verdorben?
Wilhelm(geht, die Enden seines Schnurrbartes nervös kauend, unruhig umher und wirft ab und zu drohende Blicke auf Robert.)
Robert: Was denn? wie denn? ich weiß garnicht, was Du willst?
Auguste: Na, freundlich war das allerdings nicht gerade.
Robert: Laßt mich doch zufrieden! und überhaupt: was soll ich denn damit.
(Gesang und Klavierspiel, aus dem Nebenzimmer dringend, unterbricht die Sprechenden. Alle blicken einander erschrocken an.)
IdasStimme: