Karin.

Sundborn, im Sommer 1902.Karin.

Sundborn, im Sommer 1902.

Streng genommen, wäre ich vor fünfzig Jahren geboren. Aber mein eigentliches Dasein fing im Jahre 1882 an. Denn da trafen wir uns in Frankreich, Grèz-par-Nemours: Karin und ich.

Singdudelidudelidudelidej!

Ein lang aufgeschossener Norweger und ich lebten ein glückliches Kameradschaftsleben, als einzige Skandinavier zwischen den anderen Ausländern, dort in der kleinen Künstlerkolonie, als wir von Madame Laurent hörten, daß eine Schar Malerinnen zu uns herauskommen wollte. „Dann laufen wir weg!“ sagte ich zu Lundh; abererwollte sie sich erst ansehen.

Wir gingen nach dem Bahnhof, um ihnen zu begegnen. Es waren zwei „Fuhren“. Wir begrüßten sie, und sagten einige freundliche Worte. Als wir auseinandergingen, sagte ich zu Lundh, daß es schade sei, daß Fräulein Bergöö eine solche Kartoffelnase habe.

Bei mir zu Hause machte ich Versuche, die senkrechte Wand hinaufzulaufen — und ichtates auch.

Da wurde mir klar, daß ich in Karin Bergöö verliebt war.

Darauf folgte so viel. Der Sommer verging, mitwenigMalerei, aber viel Esserei, Tanz und ... vielem, vielem noch.

Und dann kamen die Kostüm- und Maskenfeste. Auf einem solchen sollte der lange Lundh der „Letzte der Mohikaner“ sein. Er hatte sich zwei Pferdeschwänze gekauft und dachte, daß diese gemeinsam mit einer Schwimmhose und roter Farbe die Erscheinung, wie man zu sagen pflegt, „illusorisch“ machen würde. Ich sollte den Freundesdienst der Bemalung übernehmen. Es war Pastellmalerei.

Während dieser Arbeit vertraute mir der eingebildete Mensch an, daß die kleine Karin Bergöö ihn angesehen habe, mit Blicken ...

Ich war gerade mit seinem Rücken beschäftigt, so daß ermeine Blickenicht sehen konnte. Jetzt bemalte ich ihn nicht länger, sondern wechselte die Technik undzeichnetemit Kreide. Ich wählte die blauen, weil es die härtesten waren, und drückte sie erbarmungslos hinein in seine zarte Haut, aber dieser Teufel ertrug die Martern wie ein echter Indianer. Nun ja, wenn sein armer Leib auch litt, was war seine Pein gegen die Qual meiner Seele!

Immerhin muß dies meinem Wesen etwas, ich weiß nicht was, verliehen haben, wodurch die Sache ihrem Ziele näher gebracht wurde, denn gerade bei diesem Maskenfest bekam ich eine Ahnung davon,werder rechte war.

Lundh war es jedenfalls durchaus nicht.

Als Karin mir einige Tage später (auf ihre niedliche Art) einen Antrag machte, gab ich ihr mein Jawort.

Und dann malten wir die „mère Morot“ zu gleicher Zeit.

Die Schuppen fielen mir von den Augen! Bis dahin hatte ich keine Form in mein sogenanntes Talent hineinbekommen, aber jetzt schuf ich, wie ich annehme, gleich ein kleines Meisterwerk.

Denn ich erhielt einen Preis für das Bild, ein Kaufangebot vom französischen Staat und durch Vermittelung meiner Freunde Birger und Pauli wurde es telegraphisch an Pontus Fürstenberg verkauft.

Für das Geld kaufte ich mir eine Uhr, und für das, was übrig blieb, fuhr ich nach Hause und verheiratete mich. — —

Karin war schon seit vielen Monaten zu Hause, um die Handtücher zu säumen. Und da wurden wir in den Kirchen aufgeboten — und der Freier kam nicht. Die Frist war fast verstrichen, und es wurde fraglich, ob das Aufgebot nicht wiederholt werden müßte.

Aber endlich kam ich in gewaltigem Staat und herrlicher Pracht, mit goldener Uhr, blauer Weste und ebensolchen Beinkleidern.

Mein Schwiegervater, ein Kaufmann, warf mich heraus, weil er glaubte, ich sei ein Handlungsreisender, und diese Menschensorte war ihm verhaßt; aber ich klammerte mich fest an den Türpfosten und sagte, wer ich sei. Ungern ließ er mich verweilen.

Wenn ich jetzt das Bild dieses jungen einfältigen Mädchens betrachte, ist es mir unbegreiflich, wie ich mich in so eine verlieben konnte.

Aber das kam wohl daher, daß ich damals selbst noch jung und dumm war.

Gewiß hatte sie schon zu jener Zeit ein wenig Lieblichkeit an sich, und im übrigen wählt man seinen Lebenskameraden wohl immer „nach Gefühl“. Aber, wenn ich diese Karin mit jener vergleiche, für die ich jetzt noch, nach fast zwanzigjähriger Ehe schwärmen kann, daß ich fast verrückt werde: Ja dann.

Von Jahr zu Jahr wird es hiermit schlimmer.

Die Altertumsforscher verwundern sich so, wenn sie finden, daß die von den Männern am heißesten geliebten Frauen stets im Alter zwischen vierzig und sechzig Jahren standen.

Ich verstehe das so gut. Karin ist jetzt dreiundvierzig Jahre alt, und wenn sie sechzig wird, ist meine Liebe wahrscheinlich lästig.

Weil dann noch die Eifersucht hinzukommt.

Es ist mir doch noch in dunkler Erinnerung, daß sie niedlich war. —

Und daß ich mein junges Weib im Brautstaat auf das Fleckchen Erde hinstellte, wo ich mich zum ersten Male im Leben glücklich fühlte, und wo sich die ersten grünen Sprossen an der bis dahin siechen Pflanze meiner Künstlerbegabung zeigten, in Laurents Garten in Grèz-par-Nemours Dep. Seine und Marne, das wird Euch sicher verständlich sein.

Dorthin begaben wir uns unmittelbar nach der Hochzeit. Dort, wo ich meine Braut in meinem eignen Reich empfing, war es wie im Märchen. Die alten Männer und Frauen standen die Dorfstraße entlang voller Erwartung an ihren Gartenpforten, und die Pensionäre der beiden Künstlerpensionate mit Bewohnern aus aller Herren Länder gaben ein großes Fest. Essen mit Tanz, Bowlen und Toaste. Spada sang: „Ah che dolore, ah Mama mia...“ und „der Sarg“ (Coffin war sein englischer Name) röchelte: „John Browns body lays at mouldering in the grave...“

Aber in der Nacht klang unter unseren Fenstern das schwedische Quartett: „Welche Blitze aus den Augen Brunhildens ...“ und auf mir ruhten Karins dunkle ernste Kuhaugen ...

Gott gab mir mein liebes Weib Karin. Und sie gab mir die kleine Suzanne. — Mein Leben war jetzt ebenso licht und freudig wie der Haarschopf der Kleinen.

In einer Ecke des Ateliers stand versteckt das Randstück eines kassierten Bildes, welches ich einst im Verdruß in Stücke geschnitten und unter Freunde und Bekannte verteilt hatte. Aber ein Stück behielt ich selbst. Als bitteres Andenken. Unter anderem war ein Rokokostuhl darauf gemalt. Darauf kleckste ich das Bild des kleinen lachenden Würgels, festgehalten von ihrer Mutter.

So setzte ich diesen lichten Punkt auf einen Hintergrund von Sorge, als Ausdruck jubelnden Glückes!

Im Schlafzimmer der kleinen Mädchen.

Im Schlafzimmer der kleinen Mädchen.

Das neue Buch.

Das neue Buch.

Im Atelier.

Im Atelier.


Back to IndexNext