Sundborn, am Heiligabend 1898.

Sundborn, am Heiligabend 1898.

Gerade am Heiligabend, und gerade hier in Sundborn will ich diesen Text zu den Bildern aus meinem lieben Heim in Dalekarlien beginnen. Ich denke dadurch etwas Weihnachtsstimmung hereinzubekommen und Dich, lieber Leser und Beschauer, in Deiner frohesten Stimmung anzutreffen. Um es so wagen zu können, Dich für mich und das Meine zu interessieren.

Ich habe Dich ja so lieb! Du wirst bald merken, daß es gerade das Interesse dafür, wie Du es hast, ist, welches mich veranlaßt, die hier vorliegenden Bilder herausgeben zu lassen. Nimm es nun auf, wie Du willst, jedenfalls, ichmußsie Dir zeigen. Sei mein Freund! Dann wirst Du mich weniger anmaßend, und meine Betrachtungen weniger sentimental finden.

Also! Wenn ich jetzt so bei Dir an Deine Stimmung appelliere, muß ich gestehen, daß ich selbst ein klein wenig mißgestimmt bin, denn, bei näherer Betrachtung sehe ich soeben, daß meine Kinder viel zu viel „Julklapps“ bekommen. Damit werden sie verwöhnt unddasist nicht gut. Ich erhielt während meiner ganzen Kindheit nur ein einziges Weihnachtsgeschenk, das aber war mir zeitlebens von Nutzen, denn aus ihm erwuchs in meinem kleinen, vertrockneten Herzen die Tugend der Dankbarkeit:

Vater, Mutter und ich saßen eines Heiligabends in dem einzigen Zimmer, welches wir besaßen, vor dem Kaminfeuer. Viel Armut war darin zu finden, aber keine Mißgunst. Mutter betrachtete die sogenannten „besseren“ Leute, als seien sie in der Tat so etwas wie höhere Wesen, denen es ganz selbstverständlich gut gehen müsse, Vater dagegen fand alles um sich herum so ausgezeichnet, wie es nicht besser hätte sein können; und wäre er plötzlich — na, sagen wir mal — zum Staatsminister ernannt worden, so würde ihn „diese kleine Veränderung“ weder erstaunt, noch sonderlich beglückt haben.

Die Mutter des Künstlers

Die Mutter des Künstlers

Weil uns so gänzlich alles Weihnachtliche fehlte, so fing der Vater, wohl in der Absicht, uns dennoch etwas in Weihnachtsstimmung zu versetzen, an, von seiner Heimat in Sörmland zu erzählen. Er erzählte, wiewirim fünfzehnten Jahrhundert den Bauernhof „Hammarby“ gegen „Klein-Löfhulta“ eingetauscht hatten: „Von der alten Fräulein Lillie“ sagte er so ruhig, als sei es gestern gewesen. Von wem er es selbst wußte, weiß ich nicht. Er erzählte weiter, daß der See früher bis zu der uralten Kirche reichte und meinte, das sei ihm auch ganz klar, weil er einst, noch als kleiner Knabe, dort einen, in einen Stein festgenieteten eisernen Ring gefunden habe, einen solchen, an dem Schiffe festgekettet wurden, so daß ja als sicher anzunehmen sei, daß unsere Vorfahren Wikinger gewesen wären.

(Diese anmutige, behende Art, seine Vorfahren anzudeuten, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der grundlegenden Absicht dieses Buches. Auch dieses soll dartun, wie beim schwedischen Bauern die Anhänglichkeit an Heimat und Scholle zu tief wurzelt, als daß es möglich wäre, sie selbst durch den neuesten amerikanischen Patentpflug auszuroden.)

Während er noch so halblaut plauderte, tat sich die Tür ein wenig auf, um dann sofort wieder zuzuschlagen. Aber ich hatte doch gehört, daß etwas hereingeworfen wurde, und meinen Augen war das Vorüberhuschen des Rockes einer Dragoneruniform nicht entgangen.

Auf dem Fußboden lag ein kleines Paket mit der Aufschrift „Carl“ und es enthielt ein Bonbon, ein stattliches Bonbon, ein königliches, mit Fransen aus Seidenpapier und mit einem, in Spiralform darauf geklebten Vers. Es war ein Begräbnis-Bonbon. Und deshalb war der Vers sehr trostreich.

Seitdem steht der Name von Sergeant Erbsmann mit goldenen Lettern in flammender Schrift auf der reinsten Seite meiner Erinnerungen.

Und jetzt sitze ich selbst und verteile Weihnachtsgaben im eigenen Nest. In diesem Nest, von dem ich erzählen will.

Zunächst etwas darüber, wie es mein wurde.

Vor einigen Jahren machten mein Schwiegervater und ich eine kleine Reise nach Dalarna, um Siljan herum. Dann aber führte uns ein kleiner Abstecher nach dem Heimatort meines Schwiegervaters, Sundborn, wo zwei alte Schwestern von ihm in einem ihm gehörenden Häuschen wohnten.

Es war ein kleiner, häßlicher, unansehnlicher, auf einem Schlackenhügel gelegener Bau. Man nannte ihn „Klein-Hyttenäs“, zum Unterschiede von dem, dem Nachbarn gehörenden „großen“ Hyttenäs. — Das bißchen Erde, auf dem Kartoffeln gebautwurden, war von anderswo hierher gebracht worden, und nur eine Hand voll Lehm ermöglichte es einigen Fliedersträuchern, den Duft und die Pracht Persiens über das Ganze zu verbreiten. Das Hüttlein steht unweit derjenigen Stelle, wo der Sundbornsbach eine Biegung macht, und wo er sich eine Kleinigkeit erweitert. Ein schmaler, abschüssiger Fußpfad führt unmittelbar zum Wasser, und dort liegt ein alter Nachen, um anzudeuten, daß hier „der Hafen“ sei. Neun schlanke Birken hatten unaufgefordert in der Schlacke Fuß, d. h. Wurzeln, gefaßt und sie machten in der Tat nicht den Eindruck, als litten sie hier unter Langerweile. Auch den beiden Alten konnte man keine Not ansehen. Zwei Muster von Ordnung. Und hatten doch nicht mehr, als sie so gerade zum Leben brauchten. Im Hause war alles sauber und nett. Die Möbel vom einfachsten Schlage, altmodisch und haltbar, ein Erbstück ihrer Eltern, die auf einem Gut in der Nähe gewohnt hatten.

An dieser Stätte überfiel mich das herrliche Gefühl der Abgeschiedenheit vom Lärm und Getriebe der großen Welt, so, wie ich es nur einmal vorher empfunden hatte. Und das war in einemfranzösischenBauernhof gewesen.

Als mein Schwiegervater mir daher vorschlug, mir im selben Dorf ein nicht zu großes Gut zu kaufen, lehnte ich mit absoluter Bestimmtheit ab, und begründete das, indem ich ihm erklärte, daß sich nur etwas, was diesem kleinen Idyll gleiche, für einen Künstler eignen würde.

Einige Jahre später starb die eine der Schwestern. Die andere mochte nicht allein so einsam wohnen bleiben, und da erinnerte sich mein Schwiegervater meiner damaligen Äußerung, und schenkte mir das Haus mit allem, was darin war.

Dafür soll er bedankt sein! Es tut mir in der Seele leid, daß dieser Ehrenmann starb, ehe er sehen konnte, wieviel Segen seine Gabe brachte. Denn sie hat viel zu unserm Glück beigetragen. Dort ist gezimmert und gemauert worden, jeden Sommer, soweit die Zeit und der Geldbeutel es zuließen. Meine Arbeit floß so leicht, ich hätte fast gesagt im Takt mit den Axtschlägen und dem Hämmern der Zimmerleute aus dem Dorf. Jedes Brett, jeder Nagel, jeder Wochenlohn kostete mich einen kummervollen Seufzer, aber ich dachte, kommt Zeit, kommt Rat. Das Hausmußteich so haben, genau so, wie ich habenwollte, sonst hätte ich mich nie darin wohl gefühlt, und daß meine Arbeit darunter hätte leiden müssen, war mir klar.

Das Ergebnis dieser Umgestaltung meiner Hütte ist es, welches ich Euch zeigen will. Euch, die Ihr zum Teil größere Landhäuser besitzen möget als ich. Zum Teil vielleicht auch nur Luftschlösser. Es geschieht nicht in eitler Absicht, zu zeigen, wie ich es habe, sondern weil ich meine, hierbei so verständig zuwege gegangen zu sein, daßes, wie ich glaube, als — soll ich riskieren, es geradeaus zu sagen? —Vorbilddienen könnte — (so, jetzt ist es raus!) für Viele, welche das Bedürfnis haben, ihr Heim in netter Weise einzurichten.

Hier ist es, ein Haus, welches nicht viele Taler wert war, und dessen Möbel noch wertloser waren. Die „Renovierung“ (klingt das nicht großartig?) wurde durch geradezu lebensgefährliche Hiebe auf das jährliche Einkommen — welches mitunter so, manchmal aber auch anders war — bestritten.

Und jetzt ist die Hütte fertig — glaube ich.

Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.

Der liebe Gott hat mich in reichstem Maße mit den guten Gaben des irdischen Lebens gesegnet. Meine Frau ist sicher einer von seinen Engeln, der meinetwegen soweit irdisch wurde, als erforderlich ist, um einem einfachen Haushalt vorzustehen und dafür zu sorgen, daß die Kinder ordentlich und sauber sind.

Doch, wenn sie, Karin, in später Dämmerstunde in einer Ecke kauert, und kaummehrvon ihr zu erkennen ist als die runden, träumenden Augen, welche still, aber tiefernst zu mir herüberblicken, so voll von ewiger, unveränderlicher Liebe, da ... da stürze ich zu ihren Füßen, berge meinen häßlichen, kahlen Kopf in ihren Schoß und fühle, wie ich mit ihr fortschwebe, still und sanft, in reine Luftschichten, in Gefilde, wo nur Friede herrscht, wo das Grün im hellsten Schimmer steht, wo eine Silberflut durch die herrlichste Landschaft flieht, wo die Luft nicht durch dieSonneerwärmt und erleuchtet wird, sondern durch Gottes, des Vaters strahlendes Lächeln.

Karin.

Karin.

Da wandern selige Geschöpfe in unschuldsvoller Nacktheit, schön und rein, wie die Blumen. Bei diesem oder jenem glaube ich irgend etwas wiederzufinden, irgend einen Zug, etwas, ich weiß nicht was, was ich glaube gesehen zu haben bei ... Ist es nicht? ... Ja ... nein .:: wie eigentümlich!

Die wunderbarsten Akkorde ertönen, die diese Gestalten bald zum Lächeln, bald zum Weinen bringen. Mitten in dieser Glückseligkeit sehen wir sie zu uns herabsinken und ihre Blicke fragen: „Woher? Daher? Wir waren so grenzenlos unglücklich dort, wo nur Haß und Bosheit regieren! Oder zehrende Langeweile! Und ihr, ihr lächelt das Lächeln der Seligen?“

Karin, deren Augen auchredenkönnen, war gerade im Begriff, etwas zu antworten, worüber ich mich sicher gefreut, und was mir geschmeichelt hätte, als ein durchdringendes Heulen aus dem Jammertal uns rasch in die gute Stube zurückrief. Es war Kersti, unser jüngstes Kind, die wild schreiend hereingestürzt kam.

Da war irgend etwas, was sie habenwollte. Ob es der Mond oder ein Stück Zucker war, weiß ich nicht mehr, nur, daß Karin das Gör in die Küche warf, „bis sie wieder lieb wäre“. Brita, die diese Strafe grauenhaft fand, heulte. Und Lisbeth kam herein, Laute von sich gebend, die nie enden zu wollen schienen. Bei Suzanne, die auch nur ein Mensch ist, tropften schwere Tränen auf die Schürze herunter, Ulf schluchzt nun ein für allemal ohne Grund und Ursache, und Pontus, der keine richtigen Tränen herausbringt, schneidet Gesichter — in einer höchst unangenehmen Weise. Mitten in diesem ganzen Elend geht Lisbeth in die Küche heraus, kommt mit Kersti an der Hand zurück, und führt sie mit festem Schritt und den Blick streng und resolut auf uns gerichtet, zu ihrem Platz am Eßtisch.

Es war nämlich Abendbrotszeit. Niemand wagte, die Sache weiter zu berühren — denn Lisbeth ist ein Charakter. Nach kaum fünf Minuten strahlt die ganze Familie in Glück, Friede und Einvernehmen. Kersti fragt, ob Papa ein von ihr gedichtetes, schönes Lied hören will, ähnlich wie sie immer zu dichten pflegt:

„Und der Kuckuck er ruft,auf der Wiese so blau.“

„Und der Kuckuck er ruft,auf der Wiese so blau.“

„Und der Kuckuck er ruft,auf der Wiese so blau.“

„Und der Kuckuck er ruft,

auf der Wiese so blau.“

Jetzt küßte ich Karin vor all den Gören. Mögen sie denken, was sie wollen.

Einst sagte ich in einem verzweifelten Augenblick meines Lebens zu mir selbst: „Es muß doch spaßhaft sein, weiter zu leben, um zu sehen, wie es später wird.“

Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen.

Als ich einst einem guten Freund, Kamerad und ehemaligen Schüler die Bilder dieses Buches zeigte, sagte er: „Du hast das Rätsel des Lebens gelöst!“ Das verstand ich nicht sogleich, aber einige Jahre später schlug ich mir mit der Hand vor den Kopf und sagte: „Ja, das hab ich!“ Und zwar als ich mich verheiratete!

Wenn — o, möge es so werden! — die verheirateten Leute ein klein wenig Freude an diesem Buche haben, so soll es andererseits den Unverheirateten zum großen Nutzen dienen!

Junggeselle! Es gilt das Leben! Löse eine Fahrkarte nach Falun. Dort wirst Du von Johann und meinem kleinen wohlgenährten „Braune“ abgeholt. Nachher darfst Du ganz ungestört in meiner ländlichen Equipage sitzen und Dich der schönen Landschaft von Dalarna erfreuen, die Du durchfährst. Da die Fahrt wenigstens ein und eine viertel Stunde dauert, hast Du Zeit genug. Du darfst Dich mit Johann unterhalten und erfährst, daß Du „Sveden“ berührst, den Ort, wo Svedenborg geboren wurde, und wo Linné seine Hochzeit mit Sara Morea feierte. Dann fährst Du hinauf und herunter über ein paar langgestreckte Hügel, und wenn Du ein praktischer Mann bist, so wirst Du Dich über die gut gepflegten Wälder freuen oder darüber, wie gleichmäßig und schön der Hafer steht. Bist Du aber eine gefühlvolle Seele, so lugehinein zwischen die Baumstämme und erfrische Dein an Staub gewöhntes Auge, indem Du Dir den mit weichem Moos bewachsenen Waldboden ansiehst, auf dem die kleinen Elfen sich tummeln und tanzen zwischen dem Preißelbeerkraut und den Waldblumen. (Dies aber geschieht erst spät am Tage.)

Dann kommst Du (vorbei am Krokfors — dem Anwesen, auf dem die letzten drei Generationen der Vorfahren meiner Frau lebten —) zum Bach herunter, der Dir murmelnd zuruft: „Eile Dich doch, sie warten auf Dich mit dem Essen.“

Endlich poltert der Wagen über die Brücke in das Kirchdorf Sundborn.

Unter Euch braust der Fluß, der die Holzflöße nach Korsnäs und Runn herunterbringt.

Der Wagen holpert herein zwischen altem Gerümpel und dampfenden Düngerhaufen, über des Nachbars Hof durch die kleine grüne Gartenpforte, die Hühner, halb besinnungslos, aus ihrem Mittagsschlaf aufschreckend.

Johann hält vor der Veranda, wo Kapo, der Ordnung halber, etwas knurrt, aber Euch gleich den Rücken kehrt, um seinen Freund Braune zu begrüßen. Dann machst Du es genau so, wie alle andern Leute, anstatt uns zu umarmen, stehst Du und begaffst die Wandmalereien über dem Schrank, worin die Feuerspritze verborgen ist, und mit mildem Gesichtsausdruck liest Du den lieblichen Vers über der Haustüre:

„Sei willkommen, Lieber Du,Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

„Sei willkommen, Lieber Du,Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

„Sei willkommen, Lieber Du,Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

„Sei willkommen, Lieber Du,

Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

Nun gehst Du in einen kleinen Vorplatz hinein, wo es Dir kaum möglich sein wird, zwischen all den Kindersachen einen Haken ausfindig zu machen, auf dem Dein Überzieher Platz hätte. Wirf ihn Helena zu, sie wird ihn Dir irgendwo hinlegen, wo Du ihn nie wiederfindest.

Du wirfst einen Blick auf Dein angenehmes Gesicht im Spiegel, „striegelst“ Dein Haar mit der Bürste, und entledigst Dich durch Stampfen des äußerlichen Schmutzes dieser sündhaften Welt. Du wählst eine der drei Türen. Natürlich die, die zum Eßzimmer führt. Du machst sie auf und begegnest einem „Gottes Friede“, das an der Wand geschrieben steht.

Durch die Glastüren des Schrankes siehst Du all das Tischgerät blinken und strahlen. Auf dem Büfett stehen Reihen von Flaschen und Krügen, die eine Auswahl Deiner Lieblingsgetränke enthalten. Karin kann dies nicht leiden, aber ich finde immer, daß es so gediegen und solide aussieht. Über dem Schrank hängen drei Teller, bemalt von Liljefors und Kreuger.

Jetzt ist der Tisch gedeckt, die Kinder stehen ungeduldig wartend hinter den Stühlen und Dein Platz neben mir auf dem Sofa erwartet Dich.

Ulf betet salbungsvoll (wir glauben, daß er mal Prediger wird):

„Gott, gib jedem Kinde seine Nahrung, fleißigen Männern und Frauen ebenfalls!“

Da Du ein sehr fleißiger Mensch bist, so ißt Du dementsprechend. Und darüber freuen wir uns alle. Du genießest, was das Haus zu bieten vermag, und obwohl dieses oder jenes anders ist, als Du es gewohnt bist, läßt Du es Dir gut schmecken, und daran tust Du recht. Jeden Sonntag essen wir zum Frühstück sogenannte „Flottmölja“, hier in Dalarna ein allgemein bekanntes Gericht, bestehend aus in Milch gekochtem „Knäckebröd“, gemengt mit einer Sauce aus Ziegenkäse und Gott weiß, was die Köchin alles hineingetan hat. Als Fleisch ißt man gebratenen Speck dazu oder ebensolchen grünen Hering.

Aber es kann auch sein, daß man Dich mit einem Essen anzuführen versucht, welches auf italienische Manier zubereitet ist. Dieses lernten die Frauen von der Signora Bellio, als sie sich mal einige Wochen hier oben bei uns ausruhte. Und Du bekommst Zwiebeln zum Hammelbraten auf französische Art. Du darfst Gesichter schneiden so viel Du Lust hast, aber muckse Dich nicht! Bei unssollst Du unserEssen haben. Damit basta! Ich war kürzlich bei einem sehr netten jungverheirateten Ehepaar eingeladen; bei dem Abendessen hörte ich jemand sagen: „Es ist keine Frage, daß die junge Frau gut kocht, wenn sie bloß die verwünschte Muskatblüte weglassen möchte beim Spinat.“ Nein siesollgerade dies Gewürz inihremEssen haben, ebenso wie sie in allen andern Dingen ihren eigenen Geschmack haben sollen, geradeso, wie ihr eigenes Wesen, so daß man auch merkt, daß man beiihnenist. Nur wenn das Essen nicht sauber oder nicht mit Sorgfalt zubereitet ist, oder nicht mit einem freudigen Herzen dargeboten wird —, dann darfst Du Dich beschweren.

Übrigens — da von Essen und Trinken die Rede ist: — fanden wir da kürzlich ein altes Buch mit dem schönen Titel „Adelige Übungen, viertes Heft, mit dazugehörigen Kupferstichen, gedruckt in dem Sal der Königlichen Buchdruckerei. Niclas Wankyfs Druckerei. Anno 1690“. Darin stehet zu lesen: „Usus Globorum, das heißt: Den Nutzen, den man von den Globen in der Astronomie und der Geographie hat: Von Skantz Oeconomia oder Wirtschafts- und Landwirtschaftsbuch: Ärztebuch, Gartenbuch und zuletzt Kochbuch.“

Karin beabsichtigt, Dir nach einem Rezept des letzteren ein Gericht zu kochen. Das Rezept ist folgendes:

„Kraft-Brühe.Nimm 3 Rebhühner, 2 Kapaune, das Viertel eines Schafes, eine Kalbskeule, schneide von allen das Fett ab, zerschlage die Knochen der Vögel, lege alles zusammen in eine Zinn- oder Kupferflasche, ohne irgendwelche Flüssigkeit, tue den Deckel fest darauf und verklebe ihn mit Brotteig. Laß das Ganze in einem Kessel voll Wasser kochen, sieh aber zu, daß der Deckel der Flasche nicht ins Wasser kommt. Wenn man nicht alles verderben lassen will, nimm die Flasche heraus, wenn es 12 Stunden gekocht hat, siebe es durch ein Leinentuch und drücke den Saft gut aus.“

Karin meint, daß es im ganzen einen Teller Suppe geben wird: aber wenn Du diese Suppe erst verzehrt hast, denke ich, wirst Du heben können, was Du willst, wenn es auch noch so schwer wäre. Sicherlich wirst Du leise in das Tischgebet einstimmen:

„Gestärktverlasse ich den Tisch,hab’ Dank, o guter Vater.“

„Gestärktverlasse ich den Tisch,hab’ Dank, o guter Vater.“

„Gestärktverlasse ich den Tisch,hab’ Dank, o guter Vater.“

„Gestärktverlasse ich den Tisch,

hab’ Dank, o guter Vater.“

Apfelblüte.

18 Jahre!

med „klängingen“

Wenn die Kinder im Bett waren und die Dienstmädchen sich auf ihr Kämmerchen neben der Waschküche verzogen hatten, pflegten Karin und ich uns im Eßzimmer besonders wohl zu fühlen. Ich las ihr etwas vor, während sie die Löcher und Risse flickte, die im Laufe des Tages in den verschiedenen Kleidungsstücken der Gören entstanden waren. Jetzt, seitdem ich ein gar zu unwohnliches Garderobenzimmer zu einer Art Atelier umgemodelt habe, sitzen wir meistens dort. Es liegt in einer Reihe mit den beiden Schlafzimmern, und von da aus kann Karin ihre Kleinen hören, wenn sie aufwachen und eines beruhigenden Wortes, eines Kusses oder einer Abreibung bedürfen, sofern ihnen zu heiß ist, um einschlafen zu können.

An den sonnigen, regenfreien Tagen essen wir unter der großen Birke hinter dem Wohnhaus. Weißt Du, diese Birke ist das schönste von allem! Wenn dieser Baum nicht wäre, hätte die ganze Besitzung gar keinen Wert für mich. Er gibt einen so herrlichen Schatten, und es ist dort gerade so ein ganz klein wenig zugig, so viel, daß sich weder Mücken noch Motten dort wohlfühlen.

Die Manieren sind dort noch ungezwungener, und die Kleinen mit den bloßen Füßchen verzehren dicke Milch mit einem Eifer, der himmlisch ist. Und wie sie sich unterhalten und herumtummeln! Wenn Karin jemand klar machen will, wie wundernett es ist, sich mit der munteren Schar abzugeben, pflegt sie mit leuchtenden Augen, voll Überzeugung zu sagen: „Es macht viel, viel mehr Spaß, als ins Theater zu gehen!“

Als ich heute mit hausväterlicher Würde zwischen ihnen saß und so erbaulich wie möglich versuchte, ihnen auseinanderzusetzen, daß es Gottes Fügung war, daß der einfache Soldat Bernadotte aus Pau König von Schweden und Norwegen wurde, und daß dies sicher auf einem Blatt im Buche des Schicksals vorher bestimmt gewesen sei, sagte Lisbeth mit einer unnachahmlichen Schulterbewegung: „König? Ah, man verheiratet sich ganz einfach mit einer Prinzessin und die Sache ist fertig!“

Es ist ja gewiß recht dumm, aber man muß darüber lachen. Und so sind sie immer. In der Schule fragte der Lehrer, was man unter „Schmarotzer“ verstehe — nach meiner Ansicht nichts, was man den Kindern beizubringen braucht! — Keiner in der Klasse konnte diese Frage beantworten, außer Pontus, der einen Finger hochhielt (das Schäfchen) und sich dann äußerte: „Ja, das sind solche, die immer im Sommer zum Besuch kommen, wenn man auf dem Lande wohnt“ ... Als mir dies erzählt wurde, lachte ich wahrlich nicht.

Ein anderes Mal gab Lisbeth folgendes zum besten: „Ich hatte gestern Namenstag undPontusheute, wir sind beinahe Zwillinge.“

Also — um auf meine Hütte zurückzukommen, können wir ja auch so tun, als wäre draußen ein Platzregen und wir müßten in der „guten Stube“ Kaffee trinken.

Diese Stube ist der Tempel der Faulheit.

Hier auf dem Sofa hat vorhin ein Mann seine vor Faulheit gebrochenen Glieder ausgestreckt und sowohl seinen Körper als seinen Geist in wonnigem Nichtstun gedehnt; und dieser Mann schämt sich jetzt, hier einem — nehmen wir an —großenPublikum solches zu beichten.

Es ist mir wahrlich, wenn die Gewissensbisse zuweilen sehr schlimm sind, ein großer Trost, zu wissen, daß mein Hundnochfauler ist als sein Herr.

Außer der Faulheit und der Treue teilt er mit mir noch eine Eigenschaft, nämlich seine Vorliebe für Hühner. Er kann kein Huhn sehen, ohne sofort hinter ihm herzulaufen, und trotz meiner energischen Kommandorufe, welche meine ganze Willenskraft und meinen vollen Zorn in sich vereinen, ist das Huhn mit einem Biß ins Jenseits befördert. So, als hätte es nie existiert.

Ich versuche jedesmal, ihm die Untugend durch eine gehörige Tracht Prügel auszutreiben. Aber es hilft nichts. Da sagte mir so ein Weiser, wie sie uns mitunter auf unserm Lebenspfade begegnen, daß es nichts leichteres gäbe, als dem abzuhelfen.

„Binde dem Hund das totgebissene Huhn um den Hals, und wenn es da gehangen hat, bis es anfängt, übel zu riechen, da, glaube ich, hat der Hund für alle Zeiten den Geschmack an Hühnern verloren.“

Kaum war der Rat erteilt und von mir angenommen, als ich die wilde Jagd in Hauptmann Linderdahls Hühnerhof hörte. Es war ein außerordentlich fettes, gesprenkeltes Huhn, welches sein Leben hatte hergeben müssen. Ich befolgte den Rat des Weisen, und führte das arme Hundevieh so ausgestattet an einer Kette durch das ganze Dorf. Hin und wieder gab ich ihm einen kleinen Hieb, um ihm meine Absicht begreiflicher zu machen.

Etwas so Jämmerliches sah die Welt noch nie. Die ganze Bevölkerung war Zeuge dieser schandbaren Prozession. Das Huhn zwischen den Vorderbeinen, mit eingezogenem Schwanz und düsterem Blick, so wurde der Hund vorwärts getrieben. Das Jungenspack jubelte. Mein Herz krümmte sich. Endlich, zu Hause angelangt, wurde er an die Kette gelegt.

Als ich nach einer Weile herauskam, um mich voller Grausamkeit in aller Stille an seiner Schmach zu weiden ... war das Huhn bis auf den letzten Rest verzehrt, und Kapo kam auf mich zu voller Dankbarkeit, mit dem Schwanze wedelnd, um mir verständlich zu machen, wieausgezeichnetihm das Huhn geschmeckt habe.

Du reizender Kapo! Du verwöhnter Liebling der Familie!

Kapo

Da Suzanne gerade im Salon ist bei ihren geliebten Blumen, nehme ich die Gelegenheit wahr, eine oft an mich gerichtete Frage zu beantworten, nämlich die, ob meine Kinder „Talente besitzen“. Gar keine! Sie sind, Gott sei Dank, so wie die Leute im allgemeinen. Anfangs glaubte man, daß Suzanne eine Künstlerin werden würde. Diese Meinung kam auf, nachdem sie dieses und ähnliche Bilder vollbracht hatte:

Seitdem haben alle die andern Kinder auch Figuren gezeichnet, und immer sollten sie Papa und Mama vorstellen.

Als ich klein war, zeichnete ich nur Offiziere und Birnen, das war wohl das, was mir am besten gefiel. Und mit diesem Fünkchen Talent habe ich es allmählich soweit gebracht, daß ich richtige Bilder male, die mir meine Freunde abkaufen.

Bitte, sei so gut und tritt näher in mein Atelier! Wenn ich jemand da hineinkomplimentiere, so geschieht das nur aus purer Höflichkeit und mit dem geheimen Wunsch, daß Betreffender irgend einen Grund finden möge, dieser EinladungnichtFolge zu leisten.

Denn es ist für beide Teile angenehmer, wenn ich bei der Atelierbesichtigung nicht zugegen bin, damit die Leute ungestört und nach Herzenslust darin kritisieren können. Sie dürfen meinetwegen herzlich gern „finden“, so viel und was sie wollen.

Es ist unmöglich, allen zu gefallen. WerdenVersuch macht, der gefällt keinem, schrieb mir mal der selige Professor Scholander. Also, Du wirst mir eben so lieb sein, auch wenn Dir meine Kunst kein Vergnügen bereitet, aber sei um alles in der Welt nichtbös, weil ich nicht ganz nach Deinem Geschmack malen kann; — so etwas war auch schon da. — Denn dann finde ich, daß Du ein wenig dumm und sehr ungerecht bist.

Zurzeit ist es kein Risiko, einen Blick hineinzuwerfen. Es steht weiter nichts drin als eine alte Studie von Lisbeth und eine Skizze zu einem der Wandgemälde für die Mädchenschule in Gotenburg. Es ist die alte Anna, die dort als Modell für eine Hausfrau aus dem fünfzehnten Jahrhundert sitzt.

Die Anna gehört nicht zu meinen Verehrerinnen, sie findet, daß ich sie so alt „abmale“: und sie ist dochnurneunundsechzig Jahre alt (wie sie sagt).

Ihr verdanke ich die Entdeckung, daß die Hütte ihr Gespenst hat. Eigentlich muß man Kapo die Ehre dieser Entdeckung lassen. „Denn die Tiere sehen, was unseren Blicken verborgen ist,“ so sagt wenigstens Anna. Während der langen Wintermonate, die wir in Stockholm verbringen, wird die Hütte von Anna und Kapo versorgt undbewacht. Eines Nachts fuhr Kapo aus dem Schlaf, zitternd, bellend und winselnd, und das, was die Alte da über den Fußboden schreiten sah —, ja, das war das Gespenst der Hütte! Jetzt kennt und weiß es die ganze Gemeinde; und hat seitdem um die Weihnachtszeit, während der wir stets in Sundborn sind, irgend einer der Dorfbewohner etwas bei uns zu suchen, so benutzt er sicherlich die kurze Zeit am Tage, wo es noch hell ist, um die Hütte nicht nach Eintritt der Dunkelheit betreten zu müssen.

Ja, auch ich habe das Gespenst wohl bestimmtgehört. Abergesehenhab’ ich es nie.

Als ich meinen Kindern einmal erzählte, daß es aussehe wie eine alte magere Frau, in einer Mütze mit langen Bändern unter dem Kinn — uhh — mit, man weiß nicht was — uuhh — in ihrer gestreiften Schürze, da schrieen sie mir alle, wie aus einem Munde entgegen: „Nein, so sieht es ganz undgar nichtaus.Es ist ein schwarzer Mann mit glühenden Augen!“ Ich muß wirklich gestehen, daß ich mich furchtbar schämte darüber, daß ich so wenig über das Aussehen meines eigenen Gespenstes orientiert war! Meinetwegen darf es ja freilich aussehen wie es will; ich sage nur, „Gott segne es, weil es so viel dazu beigetragen hat, die Poesie der Hütte zu erhöhen“.

Aber, wir wollten uns ja im Atelier umsehen: Du siehst einen alten gestützten Tisch, der einige Jahrhunderte hindurch wohl noch ausreichen wird. Auf dem kolossalen, alten Lehnstuhl dort, der sicherlich wenigstens zwei Jahrhunderte hinter sich hat, habe ich gesessen und alle die Bilder gezeichnet für „Sehlstedts Lieder“ und Victor Rydbergs „Singoalla“. Er leistet einem ordentlich Gesellschaft, denn er spricht und räsonniert während der ganzen Zeit, die man dasitzt, vor sich hin. Er hat die gleichen Eigenheiten und Manieren, wie die meisten Alten.

„Du warst ein Windhund und Durchgänger, Carl Larsson,“ sagt er, „glaube nur, ich weiß schon Bescheid über Deine Vergangenheit. Du bist ein ganz verwöhnter Schlingel, der immer gelobt wurde, statt etwas auf die Finger zu bekommen. Und wie unverschämt Du ältere Leute wie mich behandelst! Es geschieht Dir ganz recht, wenn Du jetzt getadelt wirst, gerade, wenn Duversuchst, etwas Ehrbares aus Dir zu machen. Und jammerst Du auch etwas, so verringert das doch keineswegs Deine große Schuld. Sei dankbar für die Schläge, Tunichtgut!“ ...

Ho, ho, ist das ein alter Nörgler. Mitunter wird er so unangenehm, daß ich fortgehen muß. Dann wird er ganz still und verlegen. Im Grunde genommen mag er mich wohl doch ganz gern leiden. Das habe ich gemerkt, wenn ich zuweilen in einem Augenblicke tiefsten Mißmuts meinen Kopf an seine eine Seitenlehne legte, denn da fühlte ich es so weich und sanft. Und deutlich hörte ich ihn dann murmeln: „Weine Dich ruhig aus, mein Junge, aber nimm Dich in acht, daß es niemand merkt!“

Vielleicht ist es unfein von mir, das Verhältnis zwischen dem alten Lehnstuhl und mir der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber nein, wieso!

Am Paneel läuft ein Wandfries entlang, der das Leben des Erlösers darstellt. Es ist ein im vorigen Jahrhundert gemaltes Bauerngemälde aus der Provinz Halland.Alle Personen außer Christus selbst, in der damaligen Tracht jenes Landes. Es besitzt dieselbe ursprüngliche Naivität und Grazie wie Giottos Fresken, aber für mich hat es ein weit höheres Interesse.

Diese schwedischen Bauernmaler aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind es, die mir, ich gestehe es offen ein, als Vorbild dienen. Denke zum Beispiel an die alten Gemälde, die man in den Bauernhöfen hier in Dalarna oder in Norrland findet. So ein tiefes, ernstes Gefühl, gepaart mit einem so drastischen, gesunden Humor. Und welch’ nationales Stilgefühl! Sie sind für mich ein weit kostbarerer Schatz, als es die Erzgrube von Gellivara jemals für jemanden werden kann.

So, jetzt machen wir kehrt. Du wunderst Dich über die hohe Säule an dem Sofa. Das ist mein Farbenschrank, richtig schlau eingerichtet, mit Fächern und Namen der Farben versehen; obendrauf sitzt ein Mann, nach meiner Zeichnung von Tischlermeister Bergström ausgesägt. Auf die Schiebetür habe ich mein Teuerstes (meineKarin) gemalt.

Seit einiger Zeit bin ich damit beschäftigt, mir einen richtigen, großen Kasten von Atelier zu bauen, mit Nordlicht und viel Platz, damit man sich ordentlich darin bewegen kann. Seitdem nun dieses seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen ist, nennt man das neue nur nochdasAtelier. Das, in dem wir uns jetzt befinden, hat nach und nach einen ganz anderen Charakter angenommen und ist der Arbeitssaal der Kinder geworden. Die Jungens hobeln und hämmern, und Suzanne webt darin.

Hier pflegen wir den Weihnachtsheiligabend zu feiern. Und dann ist hier echte Weihnachtsstimmung, mit den beiden Alten und all den Kindern und den netten Dienerinnen und dem braven Johann. Und hier sitze ich wie ein Patriarch und verteile alle „Julklapps“. Von allen für alle. Im Kamin knistert und knastert das lange Klafterholz, und mitten im Saal steht die schönste der Tannen, die wir am Morgen aus dem Walde geholt haben.

Du herrliches Weihnachtsfest hier oben im hohen Norden. Wie rein und heilig du bist!

Kiefer

Übrigens bei dieser kleinen Vignette will ich Dich einen Augenblick mit hinausnehmen auf den Hof. Da war, als wir hierher kamen, nicht viel Grünes zu sehen. Aber ich schaffte die Schlacken hier und da beiseite, kaufte gute Muttererde, womit ich die Gräben ausfüllte, und setzte Pflänzlinge von Birken, Linden, Kastanien, Weiden, Weißdorn, Berberitzen und anderen „dummen Ziersträuchern“, Erlen, Holunder, Faulbaum, Espen, ja sogar Eichen, Apfelbäume, Jasmin, Rosen, Stachel- und Johannisbeersträucher, eine kleine Fichte und eine kleine Kiefer. Diese kleine Zeichnung stellt die zuletzt genannte dar, wie sie im Winter aussieht, geschützt durch einige lange Klafterhölzer. Alle sind gut gediehen, nur diese eine nicht. Sie steht jetzt im achten Jahr und lebt ihr kleines, elendes Leben, aber sie ist mein liebstes Kind. Jeden Morgen besuche ich sie zuerst, um zu sehen, ob sie nicht über Nacht etwas gewachsen ist.

Anna und die Köchin sind zwei Potentaten, denen es schwer wird, sich unter einer Decke wohlzufühlen. Unter der Küchendecke nämlich.

Die Alte will im Winter dort in der Wärme wohnen, und wenn ihr Bett herausgeschleppt wird und Emma hineinzieht, wird es ihr jedesmal von neuem schwer. Darüber sind sie sich aber einig, daß die Küche der einzige, noch „vernünftige Raum“ im Hause ist. Diese Küche ist nämlich außerordentlich stillos, aber sauber und für ihre Zwecke einigermaßen gemütlich geordnet. Eines Winters sollte während unserer Abwesenheit etwas renoviert werden, da nahmen sie die Gelegenheit wahr, den alten, aus gewaltigen Steinblöcken gemauerten Herd beiseite zu schaffen, um statt dessen diesen lächerlich-jämmerlichen Eisenkasten hinzustellen, geschmückt mit Ornamenten, schaurigen, gefühllosen Schnörkeln, und (— schöner Gedanke, woher bekamst du ihn, du Bosinders Mechanische Werkstatt?) — Thorwaldsens „Nacht!“

Diese Eisenblechbepanzerung statt des alten, gemauerten Herdmantels! — Zuerst, als ich diesen Vandalismus entdeckte, war ich alles andere, als gut gelaunt. Um die heiligen Steine des Herdes zu retten, baute ich aus ihnen zwischen zwei Kirschsträuchern im Garten eine Bank und einen Tisch, wo wir im Sommer unsern Nachmittagskaffee zu trinken pflegen.

In der Küche seht ihr meine älteste und meine jüngste Tochter mit Buttern beschäftigt. Denke mal an, wie gut für Suzanne, Kerstis sichere und feste Unterstützung zu genießen! Willst Du wissen, wie das kleine Kätzchen heißt? Es heißt Hans.

Das Frühstück der Siebenschläferin.

Das Frühstück der Siebenschläferin.

In der Küche.

In der Küche.

Lebende Bilder.

Lebende Bilder.

Die entzückendsten Szenen aber spielen sich im Schlafzimmer der Kinder ab. Karins Vergleich mit dem Theater war kein Zufall.

Über dieses Zimmer äußerte sich einst Tante Emmy, als ich (um mehr Luft zu bekommen) das feine platte Dach herunter gehauen, ein Seitenfenster zugebaut, kleine Fensterscheiben in der Vorderwand angebracht und die fast neuen Tapeten mit einem weißen Anstrich versehen hatte, daßsieauf keinen Fall in einem solchen Gefängnisloch schlafen möchte.

Nein, Tantchen, wiederhole das nicht noch einmal!

Ihr seht doch, daß es auf dem Bilde ein Sonntagmorgen ist. Es heißt, eswurdeein solcher. Mein geliebtes Weib war soeben nach einer schweren und ernsten Krankheit vom Tode errettet. Sie hatte die Kinder wieder zu sich hereinbekommen; und da so alles wieder Glück und Freude war, verbreitete dieser Glücksschein seinen goldenen Schimmer sowohl über die Kinderschar wie über die Wände und die Decke.

Das leuchtet Euch doch gewiß ein.

Unter der Hütte hausen Ratten und eine Ameisengemeinde. In der Dielenfüllung führen Bienen das Regiment. Ihren Ein- und Ausgang bewerkstelligen sie dadurch, daß sie zwischen zwei Wandbalken hin- und herlaufen.

Gleich nach unserer Übersiedelung nach hier hing ich drei Starenkästen in die Bäume, und sehr bald war der in der großen Birke von einem Starenpaare bevölkert. In zwei von den Kästen nisten zu unserer Freude diese netten Vögel regelmäßig im Frühjahr. Den dritten hat Sperlingspack erobert.

Wo aber die Fledermäuse hausen, die abends um unsere Hütte flattern, weiß ich nicht.

Ich wußte nicht recht, wo ich diese Zeichnung hinbringen sollte, aber mein Lieber, Du gestattest, daß ich sie hier einschiebe. Sie stellt meine Frau dar, wie sie mir die Haare schneidet da draußen auf dem Schlackenhügel, so im Spätherbst, wenn wir nach Stockholm zurückzukehren gedenken und ich so aussehe, daß niemand in meiner Gesellschaft die Eisenbahn benutzen kann.

Eben als ich dieses schrieb, zogen Donner und Blitz über das Dorf Sundborn hin. Es war ein richtiger Platzregen, und das war ein Segen nach der langen Dürre. Jetzt bestrahlt die Sonne mit ihrem weichen, warmen Glanz das nasse Laub, welches sich so schön abhebt von der noch grollenden schweren Gewitterwolke, die noch immer hinter dem Wättberg steht.

Ich nehme Papier, Tintenfaß und Feder mit, um unter der großen Birke fortzufahren.

Was möchtet Ihr nun wohl noch wissen?

Alle Gedenktage werden bei uns in der gleichen Weise gefeiert. Frühmorgens, spätestens um fünf Uhr, fängt es mit Pulverdampf und Böllerschüssen an.

Die Jungens aus Bjus und des Müllers Svea spielen auf Gitarre und Geige das Lied vom „Neck“, welches Anna Sundin, die im Dorf die schönste Stimme hat, mit ihrem Gesang begleitet.

Einst wurde auch ich so gefeiert an einem Olofstag. Ich war ganz unvorbereitet, denn wer in aller Welt konnte ahnen, daß jemandem dieser, mein überzähliger Name bekannt sei, und daher hatte ich auch meine Gefühle nicht in eine auf einen solchen Belagerungszustand gerichtete Stimmung versetzt. Ich heulte, und es pochte in mir vor Bewegung, als mir eins der Kinder einen von Mama gedichteten Vers vortrug, worin die Rede davon war, wie edel, wie über alle menschlichen Begriffe erhaben ich sei, o ... wir wollen lieber nicht davon reden.

Es ist keine Kleinigkeit, etwas über Wände, Fenster und Decken zu schreiben. Deshalb empfinde ich es als eine Erholung, mit Dir einen Spaziergang durchs Dorf zu machen. Wir hätten ein Stück den Bach herunter rudern können und zusehen, wenn die Kinder baden. Da ist eine gute Badestelle. Der Platz heißt „das Lärmeiland“ und gehört mir jetzt als Eigentum. Seit jener Zeit, in der ich frühmorgens die Jungens direkt aus den Betten dort hinaus mitnahm (wir ruderten hinüber — zuerst warf ich die Kinder, dann mich selbst in die Tiefe —) ist es die allgemeine Badestelle für die ganze Gegend. Im Sommer krabbelt und wimmelt es da drüben den ganzen Tag von nackten schönen Gestalten. Sie machen sich ein Sprungbrett, und es klatscht und plumpst und spritzt hoch auf; sie klettern hinauf in die Kähne, balancieren dort einen Augenblick, fallen pardautz ins Wasser und kommen pustend, schreiend und lachend wieder heraus.

Und meine beiden Nachen sind während des ganzen Tages verliehen, verliehen nach Reih’ und Ordnung an die Jungens und an die Mädels.

Am 15. August fängt das Krebsfischen an. Dann ist es, als sei neues Leben in uns gekommen. Alle Netze und Angelruten sind bereit, und wenn die Uhr Mitternacht schlägt, rudere ich hinaus, das Wetter mag sein wie es will, und in tiefschwarzer Nacht versenke ich die Netze in dasnochschwärzere Wasser, schlafe dann bis fünf Uhr, um welche Zeit die größeren Kinder geweckt werden; und dann ziehen wir die Netze ein, während die Sonne wie einEierkuchen über den Schilfwipfeln aufsteigt.


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