Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Am neunundzwanzigsten Juni wurde Josefa auf dem nahegelegenen Frohnheimer Kirchhof zur ewigen Ruhe bestattet. Der Pfarrer von Hoyersbrück, als Freund der Familie, der auch die Kleine getauft hatte, hielt eine warme und ehrlich empfundene Ansprache. Die Worte des Geistlichen wirkten auf Somsdorff wie schreckvolle Anklagen, die er nur mühsam entkräften konnte. Er hatte das Kind einfach ertrinken lassen: dieser abscheuliche Vorwurf, an sich eine Unwahrheit, nahm doch für ihn den Charakter der Wahrheit an, sobald er sich in die Stimmung der letzten paar Tage zurückversetzte. Das fürchterliche »Hätt' ich's geahnt!«, die verwerfliche Reue über die einzige That seines Lebens, auf die er bis jetzt vielleicht Grund hatte, stolz zu sein – kurz, die ganze Gehässigkeit, die ihn erfüllt hatte, trat ihm noch täuschender als zuvor im Gewand einer ursächlichen Verknüpfung mit dem Tode Josefas entgegen und raubte ihm angesichts der geöffneten Gruft beinahe die Fassung.

Gräfin Adele war am Tag der Beerdigung nicht bei klarem Bewußtsein. Gegen Abend begann sie zu delirieren. Die Balustraden des Parkteichs und die Geschichte vomSturmvogel, die Miß Harriet erzählt hatte, spielten im rastlos wirbelnden Chaos ihrer Phantasmen die Rolle von Angelpunkten. Immer wieder sah sie das Kind über die Brüstung klettern, hinabstürzen, vom Sturmvogel gespießt und zerhackt werden, bis dann fremdartige Momente dazwischentraten. Der wirkliche Schauplatz des Unheils, der Fluß mit seinen buschverhangenen, steil abfallenden Ufern, schien aus ihrem Gedächtnis hinweggetilgt.

Am dreißigsten Juni kam ein prächtiger Kranz von Gertrud, begleitet von einer Zuschrift, in der sie dem gräflichen Ehepaar nochmals ihr tiefstes Mitgefühl und die Unwandelbarkeit ihrer Freundschaft beteuerte.

»Ein böses Vorzeichen, Gott behüte uns!« sagte das Kammermädchen, als sie den Kranz über den Arm hing, um die verspätete Gabe nach dem Frohnheimer Friedhof zu tragen.

»Wie so?« fragte Leo von Somsdorff.

»Bei uns daheim geht die Rede: wenn ein Kranz nach dem Begräbnis eintrifft, so bedeutet das noch einen Todesfall in derselben Familie und im nämlichen Jahr!«

»Thorheit!«

»Ja, man weiß nicht … mir ist so bange ums Herz. Auch Karl meint, der Doktor Michalsky mache ein sonderbares Gesicht …«

»Sei'n Sie nicht abergläubisch! Ein sonst so verständiges Mädchen! Thun Sie nur Ihre Schuldigkeit; dann wird alles schon gut werden. Was ich noch sagen wollte … bitte, warten Sie einen Moment! Ich bin gleich wieder hier!«

Er ging in den Park, schnitt eine Handvoll köstlicher Marschall-Niel-Rosen, band sie mit einigen Epheurankenzusammen und gab sie dem Mädchen, das bereits anfing, mit staunender Ungeduld nach ihm auszuschauen.

»So, Frida! Die Blumen hier legen Sie mit auf das Grab, – nicht zu dem kunstvollen Kranz da, sondern ein bißchen abseits … Können Sie beten, Frida?«

»Aber ich bitte Sie, gnädiger Herr! Man ist doch christlicher Leute Kind! Ich noch dazu, als die Tochter eines lutherischen Küsters!«

»Ja, ja, ich zweifle ja nicht! Wenn Sie die Rosen dann hingelegt haben und irgend ein Sprüchlein murmeln, so thun Sie's in meinem Namen! Ich bin leider nicht fromm; aber dem Kinde möcht' ich ein freundliches Wort nachrufen …«

»Gott, ja!« schluchzte das Mädchen gerührt. »Sie war so herzig und süß, die kleine Komteß! Die rechte Hand gäb' ich darum, könnt' ich den armen Engel wieder lebendig machen!«

Somsdorff wandte sich ab. Er hörte den Grafen, der sich bei Karl eifrig nach ihm erkundigte.

Graf Gerold hatte sich seit der Rückkehr von dem Grab seines Töchterchens mit verdoppelter Wucht auf den jüngsthin vernachlässigten Artikel für die »Minerva« gestürzt und ihn nach zweimal siebenstündiger Arbeit glücklich vollendet. Nun sollte sich Herr von Somsdorff über das schwer zu enträtselnde Manuskript hermachen und dem Verfasser ein offenes Urteil sagen.

Somsdorff willfahrte ihm. Der Aufsatz war pedantisch in der Form und inhaltlich überladen, aber vielleicht für ein gewisses Publikum, das gerne mit archäologischen Kenntnissen prahlt, recht geeignet. Somsdorff, zu ernster Kritik nicht aufgelegt, wohl auch gar nicht befähigt, lobtedie Arbeit mit einigen wenig charakteristischen Schlagwörtern, die dem Herrn Grafen indes vollauf genügten.

Nunmehr begannen die Vorstudien für eine zweite, umfangreichere Monographie, bei denen der Graf den Wunsch verspürte, mit »Gleichgesinnten« über die Fragen, die ihn beschäftigten, ernste Debatten zu spinnen. Mehrmals wurde der Pfarrer von Hoyersbrück zu Gaste gebeten. Somsdorff mußte wohl oder übel den breiten Erörterungen Gerolds mit dem geistlichen Münzkenner beiwohnen und sich mit ins Gespräch mischen, obschon die Probleme, die hier aufs Tapet kamen, ihn jetzt gerade am wenigsten interessierten.

Freilich, daß sich der Graf so geflissentlich einbohrte, das begriff sich. Die Numismatik war jetzt für Gerold von Authenried die erlösende Göttin: sie lenkte ihn wohlthätig von der Betrachtung seiner gestörten Häuslichkeit ab. Er mochte das Kind in seiner Art doch wohl geliebt haben. Seit dem Tag des Begräbnisses haftete ihm eine sonderbare Gebärde des Suchens an. Er, der sonst sehr wenig nach der Kleinen gefragt hatte, schritt jetzt häufig mit einer gewissen Unruhe von Gemach zu Gemach, und kehrte dann mürrisch und dumpf in sein Gelehrtenzimmer zurück, wo er mit Vorliebe auch den Abend verbrachte. In den Salons vermißte er augenscheinlich das Walten Adelens. Er hatte sich, wie er einmal zu dem Geistlichen sagte, gar zu sehr an die Frau gewöhnt. Man sollte das nicht. Man wurde ja so ein Sklave der äußeren Verhältnisse. Dabei aß und trank er jedoch mit gewohntem prächtigen Appetit und fand, wie gesagt, die Probleme der Münzwissenschaft, in der er doch nur dilettierte, mit jedem Tage erbaulicher und für das Gesamtwohl der Menschheit bedeutungsvoller.

Nach Verlauf einer Woche war Leo von Somsdorff mit seiner Geduld fertig. Er konnte die drückende Atmosphäre, die über Schloß Authenried lastete, nicht mehr ertragen. Trotz der dringenden Bitte Gerolds, der ihn »so nötig« hatte, bat er um Urlaub. Was sollte er noch in diesen vereinsamten, lichtlosen Räumen? Seine Leidenschaft für die Gräfin hatte, so glaubte er, eine seltsame Wandlung erfahren. Der Tod des Kindes, der da, vom Standpunkt einer gefühlsarmen Logik betrachtet, nur die Hinwegräumung eines Hindernisses bedeutet hätte, schien ihm den letzten Schimmer der Hoffnung endgültig zu vernichten. Die Mutter, die der Gram um den Verlust ihres Lieblings beinah getötet hatte, stand nun auf einer Höhe, zu der ein profaner Wunsch nicht mehr heranreichte. Die Erinnerung an die Verstorbene mußte bei einer Natur von der seelischen Tiefe Adelens eine noch machtvollere Wirkung ausüben, als früher des Kindes lebendige Gegenwart.

Er reiste also.

Zunächst in die Schweiz; im Frühherbst nach den italienischen Seen; Anfang Oktober zurück in die Hauptstadt, wo er sein glänzendes Junggesellenheim in der Boliviastraße bezog.

Von Graf Authenried hatte er ab und zu Nachricht erhalten. Schon im September erfuhr er, daß Gräfin Adele soweit genesen sei, um die letzten paar Wochen vor Eintritt der rauheren Jahreszeit möglichst abgeschieden im Harz zu verbringen. Doktor Michalsky hatte dort, unweit von Osterode, ein Dörfchen entdeckt, das, reizend gelegen, vom großen Strom der Touristen und Badegäste kaum noch bespült worden war …

Beim Empfang dieser Botschaft ward Leo von einerplötzlichen Unrast bewegt. Fast stand er schon im Begriff, seinen Koffer zu packen; aber ein machtvoller Instinkt hielt ihn trotzdem in zwölfter Stunde zurück. Das dumpfe Dahinleben, dem er sich seit seiner Abreise von Schloß Authenried-Poyritz willenlos überlassen hatte, war für ihn Balsam gewesen im Vergleich mit den Stürmen, die ihn dort beinahe zu Boden geschleudert. Er wollte die mühsam erkämpfte Ruhe nicht zwecklos gefährden. Noch war er, nach seiner Meinung, nicht stark genug.

Nachdem er sich in der Hauptstadt kaum wieder eingebürgert, ward ihm die überraschende Kunde, der Graf und die Gräfin würden im Laufe des Monats November dort eintreffen, um sich für immer daselbst niederzulassen. Gräfin Adele könne sich absolut nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie im künftigen Sommer wieder das Schloß und den Park beziehen solle, wo sie so Schweres erlebt habe. Das Anwesen sei veräußert. Als Ersatz dafür gedenke Graf Gerold im Harz eine Villa zu kaufen. Die Wald- und Bergluft thue seiner Gemahlin besonders gut, wie ja der Augenschein lehre. Die Gräfin beginne jetzt wieder aufzublühen, auch hier und da ein Interesse zu zeigen. Sie habe sich anfänglich gegen die Hauptstadt gewehrt. Doktor Michalsky jedoch bestehe darauf. Jetzt, nachdem sie sich soweit erholt habe, seien Zerstreuungen ihr so nötig wie's liebe Brot. Wenn sie auch – selbstredend – der eigentlichen Geselligkeit zunächst fremd bleibe, so müsse sie doch alle verfügbaren Hebel ansetzen, um ihren Geist von der Vergangenheit abzuziehen. Sie solle Theater und Vorlesungen besuchen – Konzerte weniger, da die Musik leicht im entgegengesetzten Sinn wirke. Ja, schon ein Gang durch die menschenbelebten Straßen, ein Vorüberschlendernan den Auslegefenstern der Magazine sei ihr von Nutzen. Die Gräfin habe dem Grafen seltsamerweise den Vorschlag gemacht, dann doch lieber nach Wien, Paris oder Neapel zu gehn. Er aber tauge nicht für die Fremde. Er wurzle zu sehr im Deutsch-Nationalen, wobei, wie er nicht leugne, der Umstand, daß er mit Leo so angenehme Beziehungen habe, mit in die Wagschale falle.

Leo von Somsdorff spürte an seinem Herzklopfen, daß er sich schmählich getäuscht hatte, wenn er die aussichtslose Neigung zu Gräfin Adele verwunden glaubte.

Er las die enggeschriebne Epistel des Grafen zwei-, dreimal durch, als müsse er irgendwo ein Symptom entdecken, das da zu gunsten seiner jetzt neu erwachenden Sehnsucht sprach. Der flüchtige Schimmer von Hoffnung, den er in dem Umstand gewahrte, daß Gräfin Adele sich gegen die Uebersiedelung nach der Hauptstadt gesträubt hatte, brachte ihn so von Sinnen, daß er den Brief des Mannes, den er so schnöde zu täuschen trachtete, wie ein köstliches Billetdoux an die Lippen drückte. Er besaß keine Empfindung mehr für die Widerlichkeit des Kontrastes zwischen dem Sinn dieser unwillkürlichen Liebkosung und der falschen Adresse, an die sie gelangte. So eingehend und scharmant, wie diesmal, hatte der Graf kaum je an Somsdorff geschrieben. Er mußte wirklich für Leo eine Art Faible, wenn nicht gar Freundschaft fühlen. Desto unerbaulicher blieb die Thatsache, daß Leo nach so monatelanger Depression, die nicht arm gewesen an Stunden sittlicher Selbsterkenntnis, nun so plötzlich wieder im alten Strome schwamm.

Ende November hatte der Graf sich vollständig installiert, und nun begann ein Verkehr, der sich von demauf Schloß Authenried-Poyritz nur durch eine gewisse Feierlichkeit des Tones, eine gemessene Vorsichtigkeit des Auftretens unterschied, wenigstens was die Gräfin und Leo von Somsdorff betraf. Es war, als liege noch immer ein Kranker im Haus, den man durch allzu geräuschvolles Offenbaren gewisser Gedanken und Regungen stören könne. Uebrigens wurde der gräfliche Numismatiker äußerlich in diese Gedämpftheit des Tons mit hineingezogen. Wenn er aus einer englischen oder französischen Revue eine Notiz vorlas, eine Studie über das Vorkommen altrömischer Münzen auf Ceylon oder ein kurzes Essay über die Prägeanstalten Venedigs, that er dies weder so laut, noch so eindringlich als bisher; auch heischte er nicht so despotisch die hingebungsvolle Aufmerksamkeit Leos, der seinerseits fast noch zerstreuter war, als an dem Morgen des Unglückstages bei der Vorlesung des Athenäumartikels.

Außer Leo von Somsdorff verkehrten nur wenige und dazu seltene Gäste im Hause des Grafen. Adele verspürte noch durchaus keine Neigung zu repräsentieren. Um so öfter besuchte sie die großen Theater, zumal wenn Schauspiele und Konversationskomödien in Scene gingen, während sie vor der Tragödie eine mit ihrem früheren Geschmack nicht vereinbare Abneigung hegte.

Von Gertrud hatten die Authenrieds noch im Harz die Vermählungsanzeige erhalten und dann nichts weiter gehört, als daß die neugebackene Freifrau von Steinitz nach einer kurzen Hochzeitreise in Groß-Nieder-Wartha gelandet war und nun das prächtig eingerichtete Herrenhaus total auf den Kopf stellte. Es mußte nach dem, was dem Grafen zufällig durch einen Vetter zu Ohren kam, eine ganz tolle Wirtschaft sein, lustig und farbig, einperpetuierlicher Karneval. Die Nachbarn trieben es übrigens gerade so. Die Mehrzahl der dortigen Grundbesitzer hauste auch während des Winters auf ihren Gütern; sie gaben Fest über Fest, so daß die Landstraßen von den hin und her fliegenden Karossen und Schlitten nicht leer wurden.

»Um so besser!« sagte der Graf zu Leo. »Es wäre fatal gewesen, hätte das junge Paar sich etwa hier in die Hauptstadt verirrt. Meine Frau spricht ja nicht weiter davon; aber ich weiß positiv: sie hat eine förmliche Idiosynkrasie gegen die vormalige Pensionatsfreundin.«

Gräfin Adele »sprach nicht weiter davon«. Sie sprach überhaupt nicht von der Vergangenheit. Ihre Beziehungen zu Leo von Somsdorff trugen jetzt wirklich den Charakter einer stillen, sturmlosen Sympathie. Er las ihr vor, wenn der Graf, wie dies nicht selten geschah, »fachwissenschaftliche« Briefe schrieb oder im Klub ein paar Stunden lang Poker und Baccarat spielte. Zum Abendthee – Punkt neun Uhr – war er dann spätestens wieder zurück und bedankte sich mit überhöflichem Eifer bei seinem »Freund«, der sich so »ehrlich bemühte«, die junge Frau zu zerstreuen und aufzuheitern.

Somsdorff hatte bei diesen Redensarten die klare Empfindung, als ob der Graf ihn verspotte. Das Blinzeln, das ihm gelegentlich über die Wimpern flog, schien halb Mitleid, halb Ironie zu sein.

»Du armer, dummer, verliebter Kerl« – so legte sich Somsdorff dies Blinzeln zurecht – »du bildest dir ein, durch solche Aufmerksamkeiten und Ritterdienste ihr Herz zu erobern! Ja, wenn sie anders wäre! Siehst du, ich bin so ruhig, so ruhig! Während du deine Zwecke zu fördern glaubst, förderst du nur die meinen! Du hilfst,ihre Gedanken von dem ewigen Weh der Erinnerung ablenken! Du trägst so mit dazu bei, daß sie endlich wieder in jenen normalen Gemütszustand kommt, der leider Gottes für mein Behagen so nötig ist!«

Ehedem hätte Somsdorff bei dieser Erkenntnis getobt. Jetzt war er mit dem Gefühl peinvoller Demütigung, das ihn heimsuchte, schnell fertig. Es hatte so kommen sollen. Vielleicht war das nur die gerechte Strafe für seine Thorheit, die immer noch halb an der sündigen Hoffnung der ersten Tage hing.

Allmählich keimte ihm so der Entschluß, im Ernste das durchzuführen, was er damals auf der mondscheinbestrahlten Veranda nur als Komödie geplant hatte: jeden Gedanken unerlaubter Natur niederzukämpfen und dieser bewunderungswürdigen, herrlichen Frau das zu sein, was man auf Erden so selten findet, wie Rosen im Hochgebirg: ein echter, wahrhaftiger Freund.


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