Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Weihnachten kam so heran – das Fest, vor welchem sich Gräfin Adele so über die Maßen gefürchtet hatte.

Der Gegensatz zwischen dem Einst und dem Jetzt war zu grausenhaft …

Im vorigen Jahr – welch ein schallender Jubel in dem großen Verandasalon! Welch ein heiß flutender Strom der Glückseligkeit unter dem strahlenden Christbaum, wo eine Fülle bunter Geschenke für das jauchzende Kind verschwenderisch ausgestreut lag! An jenem Festabend hattedie Gräfin alles vergessen, was sie gegen das Schicksal sonst auf dem Herzen hatte: die innere Oede, die der gefühlsarme, selbstsuchterfüllte Gemahl ihr zurückließ; die Reue über die kurze Verblendung, der ein so banges Erkennen gefolgt war; den heimlichen Gram über ein Leben, das sie verfehlt hätte nennen müssen, wäre das liebe, lachende, reizende Kind nicht gewesen …

Und nun?

Sie hatte schon bei dem bloßen Gedanken an die demnächstige Wiederkehr dieser Erinnerungen gefröstelt. Am liebsten hätte sie den Tag übersprungen, verschlafen, im Erledigen aufreibender Arbeit aus ihrem Bewußtsein gelöscht.

Aber wie war dies möglich?

Ihr Gemahl hatte so wenig Verständnis für dies nagende Leid, dessen eigentlichster und erster Grund er ja selbst war. An der Seite eines Mannes, den sie geliebt, der sie mit seiner warmfühlenden Seele umfangen, gehegt und beschwichtigt hätte, wäre ja auch das bitterste Weh zum Schweigen gekommen. Das treue Bestreben, sich gegenseitig über die Qual dieser Stunden hinauszuhelfen, würde bei allem Schmerz ein Glück in die Herzen gegossen haben, eine Empfindung tief innerlicher Gemeinschaft, ach, eine unbeschreibliche Wonne, die ihr bis dahin versagt geblieben!

Nein, Graf Gerold verstand sie nicht. Nur mühsam hatte sie ihn von der fürchterlichen Idee abgebracht, einen Baum für sie schmücken zu lassen. Einen Baum, dessen Nadeln ihr mit vergifteten Spitzen die Brust zerfleischt, dessen leuchtende Kerzen ihr das wildpochende Hirn versengt und verglüht hätten.

Wenn er das nicht einmal einsah – wie sollte er mehr begreifen? Rücksichtslos hätte er sie genannt, oderim besten Falle thöricht und selbstquälerisch, wenn sie dabei verharrt wäre, den heiligen Abend für sich in der Einsamkeit ihrer Klause zuzubringen, wo sie doch im Gebet vielleicht eine Entlastung fand. Sie fügte sich also den Anordnungen des Grafen in duldsamer Resignation und wiederholte sich heimlich das Wort Shakespeares, das sie so oft seit dem Verluste des Kindes sich vorgesprochen:

»Die Stunde rennt auch durch den trübsten Tag.«

»Die Stunde rennt auch durch den trübsten Tag.«

Ruhiger, als sie dies selber sich zugetraut, sah sie die Frühdämmerung des vierundzwanzigsten Dezember durch die Gardinen schimmern. Es war ein bleigrauer Morgen, dumpfig, schwer und mit niedrigem Himmel. Nachdem sie sich angekleidet hatte, stand sie wohl zwanzig Minuten am Fenster und blickte hinaus auf die beschneiten Straßen und Dächer. Schwarzästig ragten die Riesenbäume des nahen Volksgartens zum Gewölk auf, und breite Flocken schwebten vereinzelt hernieder wie ein zerstückeltes Leichentuch.

Ihre Gedanken schwebten hinüber nach dem Frohnheimer Kirchhof. Schwermütige Starrheit umspann sie. Es war nicht zu ändern. Es gab so vieles in dieser Welt, bei dem nichts übrig blieb, als einfach mit blutendem Herzen stille zu halten.

Nachmittags gegen vier kam Leo von Somsdorff. Punkt fünf sollte Bescherung sein. Der Graf hatte sich die Notwendigkeit einer solchen durch keine Logik hinwegdemonstrieren lassen. Frauen mit heimlichen Kümmernissen seien Patienten, die man, dem hundertfältig betonten Grundsatz Michalskys zufolge, nicht fragen dürfe. Je rascher man wieder ins altgewohnte Geleise zurückkehrte, um so zweckmäßiger. Es gab auch eine Manier, den Schmerzzu verhätscheln, der unter keiner Bedingung Vorschub zu leisten war.

Somsdorff saß mit Adele im Ecksalon – sie auf dem türkischen Sofa, er auf dem Schaukelstuhl. In der Mitte des Zimmers brannten zwei Kerzen des Kronleuchters, nur mäßige Helle verbreitend. Abseits, von einer gelben Damastdecke verhüllt, lagen die kleinen Geschenke, die Gräfin Adele, auf den Wunsch ihres Gemahls eingehend, für ihn und für Somsdorff bestimmt hatte. Den Aufbau dessen, was er schenkte, wollte der Graf eigenhändig im Hauptsalon vornehmen.

Das Gespräch zwischen Adele und ihrem Gast war nicht sonderlich lebhaft. Zuweilen stockte es gänzlich. Trotz der Schneemassen brach da draußen mit unheimlicher Geschwindigkeit das Dunkel herein, kalt, sternlos, wolkig, als ob sich der Qualm eines ungeheuren Rauchschlots über die Stadt wälze. Der Ausblick durch das unverhangene Fenster neben dem Schaukelstuhl war von beklemmender Unwirtlichkeit. Der Hauch dieser Unwirtlichkeit schien bis herein in das Zimmer zu dringen, um die matt flackernden Kerzen zu streifen und das glänzende Gelb der Damastdecke mit einem Grau zu durchsetzen, das schwer auf die Nerven fiel.

Es schlug fünf. Graf Authenried kam nicht.

Im Gemüte der jungen Frau quoll eine unbeschreibliche Bitternis auf, die ihr jetzt beinahe willkommen war; denn diese Regung erwies sich als Schutzmittel gegen den wühlenden Schmerz, den sie schon kaum mehr bewältigt hatte.

So einsam also stand sie in dieser Welt, so völlig verlassen!

An diesem Abend sogar, der für ein blutendes Mutterherz so verhängnisvoll war, ließ Graf Gerold sich draußendurch eine Geringfügigkeit festhalten – vielleicht durch ein Gespräch über sein Lieblingsthema – und versäumte so die Vollendung seines eigenen Arrangements! Sie hatte ja gar nicht verlangt, daß er ihr Gaben auftürmte; nicht einmal, daß er des Festes, dem heute abend in Millionen von Häusern und Hütten die Menschen glückselige Opfer brachten, irgend Erwähnung that. Das eine aber hätte sie doch wohl erwartet: daß er nicht völlig vergaß, wie es um sie bestellt war, wie trostlos verarmt und verwaist sie sich fühlte, und wie grausenhaft dieses Gefühl sich steigern mußte, wenn er ihr gerade an diesem Abend so recht ins Bewußtsein rief, ein guter Bekannter, ein Zeitungsartikel oder ein müßiges Debattieren über sogenannte Probleme der Numismatik seien ihm wichtiger als seine trauernde Gattin!

Um so erbärmlicher fand sie diesen Verrat, als Gerold nicht wissen konnte, wie völlig ihr Herz ihm entfremdet war. Sie hatte ihn stets mit zartsinniger Aufmerksamkeit behandelt; sie hatte ihm eine Freundschaft erheuchelt, die sie nicht fühlte, weil sie die fromme Täuschung für ihre Pflicht hielt. Das alles war spurlos an ihm vorübergegangen. Der erste beste nichtige Tand interessierte ihn mehr, als das Weib seiner Wahl. Freilich, nur der Verstand, nur die Berechnung hatten ihm ja diese Wahl diktiert: aber die Zeit hätte hier doch eine Wandlung schaffen, hätte sein starres Gemüt nachträglich aufwecken, hätte ihm zeigen können, daß ihm die Frau mehr in die Ehe gebracht als die begehrten Millionen! War sie denn wirklich so ganz ohne jeden weiblichen Zauber, daß sich der Graf nicht einmal zu jener Alltagsliebe emporschwingen konnte, die zu einem Zwanzigstel Neigung, im übrigen Macht der Gewohnheit und Mitleid ist?

Und da saß nun, wenige Schritte von ihr entfernt, ein junger, gefühlsstarker Mann, für sie Zeus und Apollo in einer Person, ein ehrlicher, treuer, mit aller Kraft männlicher Selbstüberwindung begabter Mensch, der sie vergötterte! Diesem Manne gegenüber mußte sie unausgesetzt die Rolle der Kühl-Verständigen spielen, mit so eiserner Konsequenz, daß sie noch bis vor kurzem selber geglaubt hatte, er sei ihr vollständig gleichgültig …

Bis vor kurzem … Nun aber war es mit dieser künstlichen Selbsttäuschung ein für allemal aus.

Ihr Herz pochte. Eilig erhob sie sich. Für ein paar Augenblicke mußte sie jetzt allein sein, wollte sie nicht Gefahr laufen, ihre Empfindungen zu verraten. Und das hätte sie, aufgeregt wie sie war, nicht überlebt …

Sie nahm einen Vorwand und begab sich durch die noch unerleuchtete Zimmerflucht in ihr Boudoir. Fünf Minuten saß sie dort unbeweglich im Dunkeln. Dann machte sie Licht. Die Finsternis war ihr mit einemmal unerträglich geworden. Sie glaubte aus den versteckten Winkeln des kleinen Raumes ein gespenstisches Kichern zu hören. Krause Gestalten quollen vor ihr empor, die bei dem gelblichen Strahl der Kerze in Nichts zerflossen.

Es war die blumenbemalte Kerze auf ihrem Schreibtisch, die sie entzündet hatte. Zu der silbernen Ampel reichte ihr Arm nicht hinauf; den Diener wollte sie nicht herbeirufen.

Halb mechanisch nahm sie nun vor dem Schreibtisch Platz und that, was sie seit Monaten nicht gethan hatte: sie kramte in ihren Papieren. Bald hier, bald da zog sie ein Schubfach auf; Briefe, Zettel, Hefte und Umschläge knisterten unter dem fiebrischen Griff ihrer Finger.

Eine Mappe, außerordentlich zierlich, gerade nur handgroß, lag da zwischen den halb vergessenen Korrespondenzen. Sie schlug sie auf: lose Blätter aus ihrer Mädchenzeit, – eine Art Tagebuch …

Da: »Am siebzehnten Januar …« Das war der Tag ihrer Verlobung …

Sie las.

Freilich, das war nicht der Ton, in welchem die Liebe redet. Sie wußte jetzt besser, was Liebe war. Dennoch – wie völlig anders hatte sich alles gestaltet! Welch ein Bild entwarf sie sich hier von dem Manne, dem ihr kindliches Herz sich zu eigen gab! Hier atmete doch der Geist einer lebendigen Zuversicht, ein klares, ruhiges und freudiges Hoffen, – gleichsam der fromme Entschluß, glücklich zu sein und glücklich zu machen.

Sie zerknickte das Blatt im Schmerz ihrer Enttäuschung wie einen Schmähbrief.

Da auf der letzten Seite, am Tag vor der Hochzeit geschrieben, standen die Worte:

»Er ist so gut und so zartfühlend! Mit jeder Sekunde vertrau' ich ihm tiefer und ernsthafter! Ich glaube, er wird mich zeitlebens auf Händen tragen!«

Das Blut schoß ihr heiß ins Gesicht. Sie nahm die Feder, tauchte sie heftig ein und setzte in großen, zornbebenden Lettern die Worte darunter:

»Ich fluche dem Irrwahn, der mich dies träumen ließ! Heute, am Weihnachtsabend, bin ich allein! Er überantwortet mich in schurkischer Kaltherzigkeit meiner Verzweiflung! Er hat mich elend gemacht! Ich verabscheue ihn!«

Sie fügte die Jahreszahl bei. Die zollgroßen Ziffern waren verrenkt und zersplittert wie die Schrift einer Wahnsinnigen.

Hiernach sank sie erschöpft in den Stuhl zurück und ließ die Feder achtlos auf den kostbaren Teppich fallen.

In diesem Moment ward heftig die Klingel gerissen. Die Bronzeuhr über dem Schreibtisch zeigte halb sechs. Wirre Stimmen ertönten im Korridor, eigentümlich gedämpft und angstvoll.

Gleich danach kreischte es gell auf.

Das war Frida, die Zofe.

»Der gnädige Herr! Der gnädige Herr!« ächzte das Mädchen. »Allgütiger Gott, meine Ahnung! Der Kranz, der unselige Kranz!«

Und dann brummten und flüsterten wieder die fremden Stimmen, bis zuletzt über dem unverständlichen Chaos die bebenden Worte Somsdorffs vernehmbar wurden:

»Laßt nur, ich gehe selbst!«

Gräfin Adele wußte alles im voraus, ehe noch Somsdorff an die Thüre des Boudoirs pochte. Sie hatte ihren Gemahl nicht geliebt. In dieser Minute noch war ihr der Groll des vereinsamten Herzens maßlos übergeschäumt. Trotzdem hielt sie der Schreckensbotschaft, die sich fast buchstäblich mit ihrem Vorgefühl deckte, kaum stand. Somsdorff hatte die größte Mühe, ihr Fassung zu predigen. Sie wollte, nachdem er ihr das Entsetzliche mitgeteilt, auf keine Ermahnung hören. Sie ließ ihn sogar heftig an und gab ihm verstört zur Antwort, sie habe ein Recht, sich hier aufzuregen; sie wolle nicht ewig als Marionette abgeschmackter Gesundheitsrücksichten Ordre parieren.

Graf Gerold hatte sich allerdings verspätet – imKaffeehaus, wo er den Pfarrer von Hoyersbrück traf, der im Begriffe stand, mit dem Sechsuhrzuge nach einer kleinen Station der Nordbahn zu fahren. Dort besaß er Verwandte, in deren Familie er das Christfest begehen wollte. Die beiden Männer hatten sich, wie der Geistliche später erzählte, auch in der That über ein interessante Novum auf dem Gebiete der Münzwissenschaft unterhalten, so daß der Graf den richtigen Zeitpunkt des Aufbruchs verplauderte. Um das Versäumte nun gut zu machen, war er im letzten Moment noch unter dem niedergehenden Arm einer Barriere hindurch geschlüpft und dann in der Eile so unglücklich auf die Schienen gestürzt, daß der Kurierzug, der mit rasender Schnelligkeit dahergebraust kam, über ihn wegging. Als man ihn aufhob, war er bereits entseelt. Der furchtbare Anprall der Lokomotivschaufel hatte den Tod fast augenblicklich herbeigeführt.

Gräfin Adele hatte, trotz allem, was in ihr vorgegangen, jetzt das Gefühl einer gähnenden, unausfüllbaren Lücke. Erst das Kind, dann ihr Gemahl: das überstieg ihre Kraft. Und am heiligen Christabend! Sie hatte wohl Grund gehabt, vor diesem Abend zu zittern … Der geistige Druck dessen, was sie erleben sollte, war schon längst machtvoll am Werke gewesen. Das Kind hatte seinen Papa nach sich gezogen, um in der dumpfigen Erde nicht so allein zu sein …

Der schleunigst herzugerufene Arzt, der bei dem Verunglückten nichts mehr zu thun fand, hatte sich desto mehr mit der zitternden Frau zu beschäftigen. Um die drohende Wiederholung einer ähnlichen Krise, wie bei dem Tode Josefas, zu hintertreiben – Somsdorff hatte ihm diese Antecedenzien kurz auseinandergesetzt – duldete er unterkeiner Bedingung, daß Gräfin Adele, wie sie dies wollte, während der Nacht bei der Leiche die Wache hielt. Das übernahm Graf Gerolds getreuer Diener, während die Zofe beauftragt wurde, die Gräfin thunlichst sofort in ihr Schlafgemach zu begleiten und der Erregten einige Gläser Bromwasser zu verabreichen.

Leo von Somsdorff, der, wie damals auf Schloß Authenried-Poyritz, so auch jetzt über allem ein Auge hatte, trat nach Erledigung mannigfaltiger Anordnungen auch in Adelens Boudoir, verteilte die Hefte und Briefschaften je nach Gutdünken in die verschiedenen Gefächer und schloß auch die Mappe mit den Tagebuchzetteln weg, nicht ohne zuvor das seltsame Blatt mit der schauerlich exaltierten Nachschrift von heute bemerkt zu haben.

Er war indes zu mächtig erschüttert, um lange darüber nachzugrübeln. Die Schattenseiten im Charakter des Grafen, die Sonderbarkeiten und Schwächen traten jetzt auch für Somsdorff ganz und gar in den Hintergrund, während die Vorzüge eine erhöhte Beleuchtung gewannen. Ihm war mit Gerold, so schien es, ein wirklicher Gönner, ein Freund gestorben, der sich ihm stets nur von der liebenswürdigsten Seite, nicht selbstsüchtig noch gemütsroh, sondern beinahe väterlich wohlwollend und erfüllt von den herzlichsten Sympathieen gezeigt hatte. Und so graß und gewaltsam hatte der frische, kräftige Mann enden müssen! Ein schweres, unheilvolles, dämonisches Jahr!


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