Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Der Verlust ihres Gatten bedeutete für die Gräfin zunächst einen Absturz aus den Höhen der Selbstbeherrschung, die sie während der letzten zwei Monate mühsam erklommen hatte.

Nach einiger Zeit jedoch gab sie der scheuen Erwägung Raum, daß es für ihr umdüstertes Herz doch vielleicht eine Zukunft gebe.

Somsdorffs Liebe hatte sich glänzend bewährt. Mit keiner Silbe sprach er von dem, was er im stillen so heiß ersehnte. Die Gräfin jedoch, für die er jetzt nur der beratende, tröstende, gütige Freund schien, fühlte deutlich heraus, wie seine Neigung trotz dieser äußeren Zurückhaltung täglich an Tiefe zunahm. Sie war ihm dankbar für sein taktvolles Schweigen, das ihr Frist gab, sich an die Lage der Dinge erst zu gewöhnen und so den Mut zu finden, einem Gefühle, das ihr bis jetzt wie verbrecherisch vorgekommen und das nun plötzlich erlaubt war, allgemach Raum zu geben. Sie erkannte wohl, daß die Leidenschaft, die er für sie empfand, nichts mehr gemein hatte mit der banalen Verliebtheit des Weltlings, der eine Frucht nur begehrt, weil sie verboten ist. Jeder Zug seines Wesens sprach von der Wandlung, die er seit vorigem Jahr durchgemacht hatte; jeder Blick, mit dem er der teuren Gestalt folgte, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ließ es erkennen, daß Leo sich gar kein höheres Glück träumte, als ihren dauernden Vollbesitz.

So kam denn, was der Natur der Dinge nach kommen mußte. Eines Abends im Mai warb er um ihre Hand, und Gräfin Adele sagte mit überquellender Innigkeit »Ja«.Reichliche Thränen stürzten ihr heiß über die Wangen; hundert Erinnerungen überwältigten sie; der Schmerz um Josefa schien neu zu bluten: dann versank sie in wehmütigsüße Mattigkeit. Sie liebte ihn ja! Sie hatte die Glut ihrer Neigung so lange zurückgedrängt! Und sie brauchte um seinetwillen das fromme Gedächtnis ihres verklärten blondlockigen Engels nicht aus dem Herzen zu reißen! So mußte sie endlich, nach so erschütternden Stürmen, ruhig werden und ihres Glückes froh: das Kind selber würde im Himmel für seine Mutter beten.

Man kam überein, keine Verlobungsanzeigen zu verschicken, sondern nach Ablauf des Trauerjahres die Hochzeit in aller Stille auf einen noch festzusetzenden Tag im Februar oder im März zu rüsten und die Verwandten und Freunde durch die vollendete Thatsache zu überraschen.

Einen Moment lang hatte die Gräfin bei dem Gedanken an diese demnächstige Ueberraschung das peinliche Vorgefühl, als möchte irgend wer, dem die Beziehungen Somsdorffs zu dem gräflichen Hause vor dem Hinscheiden Gerolds bekannt gewesen, eine Bemerkung wagen, deren Fassung ihr sehr undeutlich vorschwebte, deren Sinn aber darauf hinauslief: »Das war ja vorauszusehen!« – Doch unterdrückte sie diese Regung als überängstlich. Alle Welt wußte, daß ihr verstorbener Gemahl und nicht etwa sie für Leo von Somsdorff so außergewöhnlich geschwärmt hatte. Somsdorffs Verkehr aber mit ihr damals im Schlosse war doch höchstens von Gertrud Mettenius und Friedrich von Steinitz beobachtet worden, die beide vollauf mit sich selber zu thun hatten; vielleicht auch von dem Major. Zudem – was lag daran? Somsdorff hatte sich nie dasgeringste erlaubt, was die Vermutung erwecken konnte, er hege mehr Interesse für sie, als für den Grafen, – abgesehen von den wenigen tollkühnen Worten, die nur ihr zu den Ohren gedrungen. Und sie hatte ihn dann ja sofort belehrt, daß er im Ton sich vergriffen – und doppelt eifrig war er nach diesen Vorkommnissen bemüht gewesen, ihr keinerlei Anlaß zur Klage zu geben … Die Leute schwatzten ja stets … Mochten sie reden, wenn nur sie – die Gräfin – ein gutes Gewissen hatte!

Obgleich der Sommer nun vor der Thüre stand, konnte Adele sich immer noch nicht entschließen, die Stadt zu verlassen. Die alte Dame, die seit dem Tode des Grafen ihr Heim teilte – Fräulein von Rauch, eine entfernte Verwandte von ihr – hätte es zwar vollkommen ermöglicht, daß sie auf Reisen gegangen wäre, wie dies der Arzt wünschte. Der Gedanke jedoch, sich von Leo trennen zu sollen, war ihr zu schrecklich, und mit ihm zusammen zu reisen, das ging doch trotz der Anwesenheit jener Dame nicht wohl an.

So ward es Juni, ohne daß sich die Lebensführung Adelens geändert hätte. Man hielt sich nach wie vor äußerst zurückgezogen, verbrachte jedoch die unvergleichlichsten Nachmittage unter den Buchen, Eschen und Ahornbäumen des Gartens, der, selbst zwar nicht umfangreich, mit der Rückseite an den prinzlich hohenbrandischen Park stieß und so für den Blick eine höchst imposante Erweiterung erfuhr. Das liebenswürdige Fräulein von Rauch ging dabei nur so viel ab und zu, als sie für schicklich hielt, störte übrigens auch durch ihre Gegenwart niemals den warmen, ruhigen Goldton des Glückes, der jetzt bei Gräfin Adele mehr und mehr die Anwandlungen der Trauer und Wehmut verdrängte.

In Leos Wesen lag etwas eigentümlich Verhaltenes; selbst seine Stimme nahm teil an dieser beinah' gekünstelten Gleichmäßigkeit. Das alles jedoch war nur der Ausdruck jener unendlichen Wonne, die – aus Angst vielleicht vor dem Neide der Götter – nicht laut werden will. Die schweren Ereignisse der Vergangenheit lagen dem jungen Manne noch in den Gliedern wie der letzte nervöse Druck eines furchtbaren Schreckens.

Man sprach viel und eingehend von Leos Zukunft.

Er hatte die Absicht gehegt, die Laufbahn des Diplomaten endgültig aufzugeben, um sich nun ganz und gar seinen historischen und volkswirtschaftlichen Studien zu widmen.

Adele, die halb unbewußt hinter den »Studien« ein ähnliches, Herz und Geist absorbierendes Steckenpferd witterte, wie es die Numismatik für Graf Gerold gewesen, hatte ihn umgestimmt. Die Vorzüge einer praktischen Thätigkeit waren so mannigfach, und just die Carriere des Staatsmannes dünkte ihr außerordentlich reizvoll. Gelehrte und Künstler stehen dem Weib gegenüber wesentlich anders da, als die Männer der That. Sie finden oft schon nach kurzer Frist mehr Genüge in ihrem Beruf, als der Gattin genehm ist, während der Mann, den die Welt schüttelt und stößt, doppelt gern zu dem Herzen der Frau flüchtet.

Sie sagte das nicht, aber sie gab es ihm sehr geschickt ein. So hatte er Schritte gethan, um die kaum erst gelösten Fäden aufs neue zu schürzen, was ihm nicht schwer ward; denn seine Talente waren unzweifelhaft, und bis hinauf an den Thron besaß er die einflußreichsten Verbindungen.

Schon in kürzester Frist konnte er mitteilen, daß erentweder für Madrid oder für Konstantinopel bestimmt sei, was eine Reihe unerschöpflicher Diskussionen und Plaudereien eröffnete und die eingehendste Beschäftigung mit Spanien und dem osmanischen Reich veranlaßte.

Am fünfundzwanzigsten Juni hatte sich Leo nochmals beim Minister vorzustellen, aller Voraussicht nach, um eine definitive Entscheidung zu hören. Die junge Frau erwartete ihren Verlobten unmittelbar nach dieser Audienz zu Tisch.

Kurz vor halb zwei – man speiste um vier – ließ sie anspannen, um in die Stadt zu fahren. Sie hatte noch Einkäufe zu besorgen; vor allem auch frische Blumen als Tafelschmuck, die sie persönlich aussuchen wollte. Es war ja doch ein bedeutsamer Tag, der auf lange hinaus ihre Zukunft bestimmte; man mußte ein übriges thun.

Wie Adele dies dachte und sich dabei wohlig in die Kissen des Wagens zurücklegte, fiel ihr ein, was sie den ganzen Vormittag über vergessen hatte, obgleich sie sonst mehr, als Leo dies wünschte, im Bann der Erinnerungen stand: daß nämlich übermorgen sich jenes fürchterliche Ereignis jährte, das ihr die süße, kleine Josefa entrissen. Ihr Auge umwölkte sich. Sie machte sich einen Vorwurf daraus, daß ihr ein Blumengeschenk für den Lebenden vorschwebte, eh' sie das längst schon geplante Blumengeschenk für die Tote bestellt hatte. Sie schwankte sogar, ob sie den Einfall, die Tafel zu schmücken, nicht aufgeben sollte. Bald aber fand ihr bewegtes Gemüt einen Ausweg. Der Mann, den sie so heiß und so innig liebte, der da allein auf der weiten Welt im stande gewesen war, sie nach dem Verlust ihres Kleinods – zuerst als Freund und jetzt als zukünftiger Lebensgenosse – aufrecht zu halten, er durfteum keinen Preis hier verkürzt werden. Das wäre ihr vorgekommen wie eine Beraubung. Ihm also die prächtigen Festblumen, die von der Hand des Gärtners sorgsam genährt und gezüchtet waren. Am Abend wollte sie dann im Hausgarten still einen Kranz winden, nicht reich und nicht prunkvoll, sondern zusammengestellt aus den wenig gepflegten Rosen des einzigen Beetes …

Nun ward ihr freier ums Herz. Eine milde Versöhnlichkeit stieg in ihr auf. Sie staunte nicht mehr wie vorhin, daß sie je wieder froh geworden; sie glaubte, das sei der Wille Gottes, der ja für alles Weh einen Balsam habe und nach so tiefen Erschütterungen ihr doppelt freigebig seinen Trost spende.

Von dieser Stimmung beseelt, erblickte sie, als der Wagen jetzt anhielt, das etwas hager gewordene Antlitz ihrer ehemaligen Freundin Gertrud. Adele zuckte ein wenig zusammen. Gertrud von Steinitz war flüchtig errötet und hatte sich abgewandt. Sie kam aus dem nämlichen Magazin, das die Gräfin betreten wollte. Adele jedoch, die alles Unausgeglichene ebnen, alles Verworrene schlichten zu müssen glaubte, rief sie mit Namen und bot ihr freundlich die Hand.

»Wie geht's?« frug sie ein wenig unsicher. »Wir haben seit lange nichts mehr voneinander gehört.«

»Lediglich deine Schuld!« erwiderte Gertrud und warf die Lippen auf.

»Mag sein! Verzeih mir! Ich war so leidend, so aufgeregt …«

»O, ich weiß ja, was du mir höchst ungerechterweise vorwarfst! Es hat mich bitter gekränkt! Aber ich war denn doch in all meiner Nichtsnutzigkeit ein bißchen zu stolz, um dich aufzuklären!«

»Kranke sind immer ungerecht,« sagte die Gräfin erglühend. »Es war wie eine fixe Idee … Und dann, wie du so gar nichts mehr von dir hören ließest, dachte ich natürlich erst recht … Ich wundre mich nur, wie dir's zu Ohren gekommen …«

»Dafür sorgen die Dienstboten. Auch beim ehrlichsten Willen kann man sich ihre Aufdringlichkeit nicht vom Leibe halten. Aber das macht die Geschichte nur um so peinlicher. Es war geradezu unerhört von dir!«

»Nochmals: vergib mir!«

»Wenn dir was daran liegt, meinetwegen! Im Grunde ist ja alles so gleichgültig! Jetzt entschuldige mich …«

»Wo willst du hin?«

»Das weiß ich selber noch nicht.«

»Wohnt ihr jetzt hier?«

»Für ein paar Tage. Mein Mann hat geschäftliche Konferenzen. Er behauptet das wenigstens, und so muß ich's wohl glauben.«

»Du scheinst nicht glücklich zu sein,« fuhr Adele heraus.

»Pah! Wer ist glücklich in dieser Welt?«

»Ich!« wollte die Gräfin sagen, dankerfüllt gegen die Vorsehung, die ihr nach so unsäglichem Leid Ruhe und Rettung gewährt hatte. Sie unterdrückte jedoch diesen warmquellenden Ausbruch. Es kam ihr herausfordernd und nicht eben zartfühlend vor, so mit der Gnade des Himmels Staat zu machen. Auch hätte sie ihre verblüffende Antwort erläutern müssen, und dazu verspürte sie keine Lust.

»Hast du denn wirklich so große Eile?« fragte sie nach einer Pause, als Gertrud ihr kühl zwei Finger entgegenstreckte, um Abschied zu nehmen.

»Weshalb?«

»Nun, ich wollte dich … Du erklärtest vorhin, es sei lediglich meine Schuld, wenn wir einander so fremd geworden! Ich bin zwar heute und für die nächsten Tage so schwer in Anspruch genommen, daß ich dir nicht einmal sagen darf: ›Komm und besuche mich‹. Aber ein ganz klein wenig möchte ich diese Schuld doch gut machen. Weißt du was? Ich unterlasse hier meine Einkäufe und was ich sonst an Besorgungen vorhatte, und hole nur drüben etwas im Blumengeschäft. Dann fahren wir nach dem Volksgarten. Du erzählst mir, wie's dir gegangen ist, sagst mir, daß du mir wieder gut bist, und ich bring' dich in dein Hotel!«

Gertrud zögerte einen Moment. Dann sagte sie achselzuckend:

»Na, schön! Ich steige einstweilen hier ein und dirigiere den Kutscher …«

Nach fünf Minuten trat Gräfin Adele aus der spiegelnden Glasthür des Blumengeschäfte und nahm an der Seite Gertruds Platz. Eine Verkäuferin, die ihr gefolgt war, trug einen großen Korb mit wundervollen Azaleen, den der Bediente vorsichtig auf die Polster stellte.

»Habt ihr Geburtstag heute?« frug Gertrud, während der Wagen dahinsauste.

Sie dachte an den Geburtstag des Grafen. Bei ihrem ewigen Hin- und Herreisen hatte sie nicht einmal Kunde von seinem Tode erhalten. Vielleicht wußte ihr Mann davon. Aber der hatte so massenhafte Bekannte, daß es auf einen mehr oder minder nicht ankam. Zudem sprachen die beiden Ehegatten seit ihrer Heimkehr nach Deutschland nur das Notwendigste. Die Trauerkleidung der Gräfinsetzte Gertrud von Steinitz ausschließlich auf Rechnung des Kindes.

»Nein,« sagte die Gräfin ausweichend. »Aber nun laß uns von dir sprechen! Wie lebst du? Wie findet ihr euch zurecht?«

»Gar nicht!« versetzte Gertrud. »Die Antwort bezieht sich auf beide Fragen, auf das Leben wie aufs Zurechtfinden. Ich vegetiere nur noch! Die lustige Gertrud von ehedem ist so müde geworden, so halt- und kraftlos … Im übrigen …«

Die Thränen traten ihr in die Augen.

»Armes Kind!« seufzte Adele und nahm die Hand Gertruds. »Wie lange seid ihr verheiratet?«

»Noch kein Jahr. Aber du weißt ja selbst: diese Männer brauchen höchstens drei Monate, um sich als das zu entpuppen, was sie in Wirklichkeit sind: als elende, herzlose Egoisten.«

»Sprich leiser!« mahnte die Gräfin mit einem Blicke auf Karl, der augenscheinlich herunterhorchte.

»Meinetwegen darf es die ganze Welt hören,« flüsterte Gertrud. »Wirst du mir glauben, daß Friedrich schon auf der Hochzeitsreise mich schmählich betrogen hat?«

»Kind, du bist eifersüchtig! Die Eifersucht aber hat schlechte Augen!«

Gertrud wiegte den Kopf.

»Die Sache ekelt mich an; ich erspare mir also die Einzelheiten. Du würdest sonst rasch begreifen, daß hier die Möglichkeit eines Irrtums ausgeschlossen erscheint. Dabei ist der Mensch ein Tyrann, ein Tyrann – ich verstehe mich manchmal selbst nicht! Mein einziger Trost beruht darin, daß ich mir sage: die andern sind gerade so!Da gibt's keine Ausnahme! Ich danke noch Gott, daß er nicht Urkunden fälscht und keinen Giftmord begeht!«

»Gertrud!«

»Liebste Adele, ich sehe die Welt so, wie sie ist! Du freilich in deinem rosenroten Idealismus, du glaubst noch an alles, an Tugend, an Liebe, an Freundschaft, obgleich dein Leben doch auch nicht arm an Erfahrungen ist!«

»Ja, Gertrud! Ich glaube, daß in der Seele der meisten Menschen der Keim des Guten und Edlen schläft, und daß es oft nur die Schuld der verständnislosen Umgebung ist, wenn dieser Keim nicht geweckt wird.«

»Das sind so Redensarten. Früher hab' ich mir's auch eingebildet … Genug davon! Der Aerger macht mich noch krank! Wenn ich nur erst mal über dies Stadium hinaus wäre und anfinge, die ganze Geschichte mehr auf die leichte Achsel zu nehmen! Dann hätt' ich gewonnenes Spiel!«

»Wie so?«

»Nun, ich fände dann Mut und Stimmung, ihm heimzuzahlen! Weißt du, ich gehöre von Temperament nicht zu den frommen Dulderinnen, die lautlos dahinschmachten, während ihr Peiniger schandbare Orgien feiert! Ich bin nur eingeschüchtert, auch körperlich etwas heruntergekommen – und leider Gottes noch immer etwas verliebt … Er hat eine Art, die mich kettet, trotz alledem! Das muß ich erst mit Gewalt ausmerzen. Dann aber – wenn mir dann einmal so ein Freund kommt, wie dir damals der Leo von Somsdorff, dann werd' ich den Teufel thun und ihm ausweichen!«

»Wie meinst du das?« fragte die Gräfin errötend.

»Ach, thu' nur nicht so!«

»Herr von Somsdorff war in der That mein Freund. Wenn du meinst …«

»Ich vermute nur, was ich weiß. Uebrigens sprach ich mehrmals mit Friedrich darüber – kurz nach unsrer Verheiratung. Damals tauschten wir unsre Gedanken noch aus. Nun, und Friedrich, wenn ich auch sonst kein gutes Haar an ihm lasse, in Liebesgeschichten kennt er sich aus, und sein Scharfblick im Wittern unerlaubter Verhältnisse ist geradezu großartig. Um Gottes willen, versteh' nicht falsch! Er hat nicht im Traume daran gedacht, dir etwas nachzusagen! Im Gegenteil, es war ja auf hundert Schritte zu merken, daß du den Somsdorff abfahren ließest! Ein glücklicher Liebhaber – der gebärdet sich anders! Daß er aber in dich vernarrt war bis zur Tollwut, und daß du von diesem Zustand genau unterrichtet warst – um das zu erkennen, brauchte man nur die Augen zu öffnen.«

»Wär's möglich …?«

»Es ist so, liebste Adele! Du fingst es nicht gerade sonderlich schlau an, muß ich dir sagen! Man merkte sogar, wie Friedrich behauptet, daß du stark mit dir kämpftest! In höchst auffälliger Weise nahmst du die Zuflucht zu deinem Kinde …«

Die Gräfin zuckte.

»Ach, vergib, daß ich hier eine Wunde berühre, die noch zu bluten scheint,« raunte Gertrud erregt. »Aber da's mir denn doch einmal beifällt, weshalb soll ich nicht frei von der Leber sprechen? Das Kind war dir damals eine Art Talisman, der dein Herz vor Verirrungen schützte. Vielleicht auch war es die pure Einbildung, wenn du meintest, solchen Talisman nötig zu haben. Offen gestanden, ich selbst hatte nicht sonderlich acht darauf. Friedrichaber, und noch mehr sein Papa … ach, das sind geriebene Patrone! Erst später hab' ich mir's dann aus ihren Reden zusammengeklaubt. Der Somsdorff merkte, daß ihm das Kind bei der Verfolgung seiner Don-Juanprojekte im Weg war, und so erklärt sich's … Pfui, pfui, was sind doch die Männer für nichtswürdige, erbärmliche Kerle!«

»Gertrud! Ich sagte dir, Herr von Somsdorff sei mir ein Freund gewesen, ein lieber, teurer Freund …«

»Ja wohl! Ein Freund, der deine Josefa ruhig ertrinken ließ!« platzte Gertrud heraus. »Ein Freund, der die Hände kaltherzig in den Schoß legte, weil ihm dies Unglück just in den Kram paßte!«

»Bist du von Sinnen?« rief Adele so laut, daß der Bediente sich umdrehte.

»Ich rede die Wahrheit! Ich würde sie ihm kurzer Hand ins Gesicht schleudern und wäre denn doch begierig, ob er den Mut fände, mich Lügen zu strafen! Weshalb soll ich's verschweigen! Vielleicht hat er ja selber den Irrtum bei dir genährt, als sei ich schuld gewesen, ich, die ich bei Gott … Nein, du sollst wissen, daß sich dein Schmerz und dein Groll damals in der Adresse vergriff! Herr von Somsdorff, der ein ausgezeichneter Schwimmer ist, weißt du, ein Virtuose, nicht nur, was man gewöhnlich so nennt – Herr von Somsdorff saß in Lebensgröße gemütlich am Ufer und sah mit zu, wie die Kleine hinabstürzte; aber er rührte sich nicht! Damals hielt ich ihn nur für feige; jetzt aber weiß ich, daß es gemeinste Berechnung war … Aber was hast du denn? Lieber Himmel, ich dachte, du seiest so weit gefaßt, um das hören zu können …! Hätt' ich geahnt …«

»Sprichst du die Wahrheit?« fragte die Gräfin tonlos. »Oder willst du bloß Rache nehmen für die erlittene Kränkung? Ich beschwöre dich, Gertrud: sprichst du die Wahrheit?«

»Was sonst? Aber ich sehe, du regst dich ganz fürchterlich auf! Sei doch verständig! Wir beide werden die Welt nicht ändern! Streng genommen war Somsdorff ja nicht verpflichtet, sein Leben zu wagen … Und eine Gefahr lag ja immer noch vor …«

»Ich kann's nicht glauben, ich kann nicht! Gertrud, verzeih, ich fühle mich elend zum Sterben! Ich muß nach Hause! Nein, ohne dich! Thu mir die Liebe an, nimm eine Droschke und fahr' allein ins Hotel! Du ahnst ja nicht …«

»Ich kann dich unmöglich in diesem Zustand allein lassen!« murmelte Gertrud.

Trotzdem stieg sie, dem flehenden Blicke Adelens gehorchend, bei der Viktoriaallee aus. Sie zuckte die Achseln, wie's ihre Gepflogenheit war, wenn sie Gemütsbewegungen gegenüberstand, die sie nicht teilte, drückte der Freundin die Hand und schritt ein wenig verstimmt zu der nächsten Haltestation.

Adele fuhr inzwischen auf dem kürzesten Wege nach ihrer Wohnung.


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