Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Doktor Michalsky, ein stattlicher Mann in denVierzigern, trat aus dem Krankenzimmer und begab sich schräg über den Korridor in das kleine Gemach, wo Gräfin Adele, ihr Kind fest an sich gepreßt, voll bangender Ungeduld auf ihn wartete.

»Ich denke, er wird's überstehen,« sagte er ruhig, während er neben der Gräfin Platz nahm. »Die Wunden sind schwer, aber nicht lebensgefährlich. Der Hüftknochen ist scharf gestreift, die Knochenhaut etwa zollbreit zerstört. Von Bruch oder Splitterung hab' ich nichts wahrgenommen. Auch die Verletzung des Oberarms beschränkt sich auf eine tüchtige Fleischwunde, während der Unterarm nur gequetscht ist. Wenn nicht Komplikationen eintreten, hoff' ich in drei oder vier Wochen …«

»Komplikationen?« fiel ihm Adele ins Wort. »Wie meinen Sie das? Welcher Art könnten die sein?«

»Ja, mein Gott, bei solchen Verwundungen ist gar mancherlei denkbar. Da kann Rose hinzutreten, Pyämie, Verjauchung, selbst Starrkrampf. Die Hauptsache ist eine sorgsame Ueberwachung der Pflege, und ängstliche Desinfektion. Was in letzterer Beziehung vorläufig geschehenkonnte, hab' ich gethan. Heute abend um neun Uhr komm' ich wieder. Frau Gräfin haben wohl die Geneigtheit, mich holen zu lassen; der Weg ist weit, und mein ehrlicher Schimmel braucht noch einmal so lang, als Ihre Prachtfüchse.«

»Selbstverständlich!« sagte die Gräfin erregt. »Punkt acht Uhr hält der Wagen vor Ihrem Hause. Uebrigens fällt mir da ein: sieben Uhr fünfzig kommt ja der Zug von Zeschau, mit dem mein Mann zurückkehrt. Ich schicke den Landauer an die Bahn und bitte den Grafen, Sie mitzubringen. Sie setzen ihm dann wohl gleich auseinander, was sich ereignet hat. So ersparen Sie mir die Notwendigkeit, all diese Einzelheiten noch einmal durchzusprechen. Ich schaudere, wenn ich nur daran denke.«

»Das begreift sich,« versetzte der Arzt. »Frau Gräfin sehen wirklich erschöpft aus. Essen Sie was – eine Kleinigkeit – und trinken Sie ein Glas Portwein! Man muß sich zwingen, Frau Gräfin! Na, und die kleine Komteß? Wie geht's denn, Püppchen? Gib mal die Hand! Wir scheinen uns, Gott sei Dank, rascher zu fassen, als die Mama. Das glückliche Vorrecht der Kindheit!«

Er nahm seinen Hut vom Teppich.

»Also, es bleibt dabei,« sagte er aufstehend, »Ihr Herr Gemahl holt mich ab. Morgen bin ich ohnedies in der Nähe; dann sehen wir weiter. Apropos: wünschen Sie eine Pflegerin?«

»Für die Besorgung der Wunden?«

»Nein. Die Verbände rührt niemand an, als ich selbst. Aber fürs übrige. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich in der Nacht Fieber einstellt. Ich glaube, Herr von Somsdorff wird ein ungeduldiger, schwer zu behandelnder Patient sein. Jedenfalls muß bis auf weiteres bei ihm gewacht werden …«

»O, dann ist die Pflegerin überflüssig,« sagte die Gräfin mit herzentquellender Wärme. »Es versteht sich von selbst, daß ich dies Amt übernehme …«

»Wenn Sie glauben, daß Ihre Kraft ausreicht …«

»Sie wird und sie muß ausreichen! Bitte, sagen Sie nur, was alles zu thun ist! So kann ich doch einen Teil meiner Schuld an den Retter meines geliebten Kindes abtragen!«

»Ich habe den Diener, der ja ein ganz verständiger Mensch ist, gut instruiert, – zum Ueberfluß ihm auch die wichtigsten Punkte aufgeschrieben …«

»Ich danke Ihnen. Karl ist in der That ein sehr anstelliger Kopf, der mich im Notfall schon ablösen wird. Und Frida, mein Kammermädchen! Sie sehen, wir haben hier Personal genug …«

»Und Miß Harriet!« rief die kleine Josefa.

Die Gräfin lächelte.

»Auf die zählen wir nicht!«

»Vielleicht mit Unrecht,« meinte der Arzt.

»Nein, nein! Ich kenne sie besser. Nicht, daß meine vortreffliche Harriet kein Mitgefühl hätte. Aber der Takt, der unerbittliche Takt … Sie verstehen mich!«

Doktor Michalsky zog die mächtige Stirn hoch und zuckte die Schultern.

»Dagegen ist nichts zu wollen,« sagte er spöttisch. »Gnädige Gräfin, ich habe die Ehre! Adieu, Komteßchen! Ja keinen Lärm machen! Ich glaube, er schläft!«

Der blinkende Hochradwagen mit den zwei goldroten Prachtrennern führte den Arzt pfeilschnell dahin, während Adele, das Töchterchen zärtlich umfangend, noch immer wie halb gelähmt in den Polstern des Sessels lag, wo sie den kurzen Bericht Michalskys entgegengenommen hatte. Soverharrte sie wohl eine Stunde lang. In der That, Leo von Somsdorff schlief; Karl, der Diener, saß bei ihm und hatte noch immer nicht auf die Klingel gedrückt, zum größten Verdruß der Zofe, die nach Verwindung des ersten Schrecks geradezu darauf brannte, sich an der Lagerstatt des Verwundeten nützlich zu machen.

Als Leo sich regte, begab sich Adele, von Frida begleitet, ins Krankenzimmer, während Miß Harriet die kleine Josefa nach der Veranda führte. Das heiße Dankgefühl ihres Herzens nicht mehr in Worte kleidend, fragte die Gräfin mit ruhiger Milde, ob der Patient einen Wunsch habe.

Leo verneinte. Er hatte die Augen nur halb geöffnet. Die Lippen bewegten sich kaum; er bot den Anblick traurigster Hinfälligkeit.

Gleich danach verlangte er Wasser.

Der Diener füllte aus der jetzt eben hereingebrachten taubeschlagnen Flasche ein Glas, mischte ein Viertel Fruchtsaft darunter und überließ es der Gräfin, den Dürstenden zu erquicken. Mit der einfachen Sicherheit einer barmherzigen Schwester hob sie dem Todmüden das Haupt und hielt ihm den Trank an die Lippen, den er begierig hinabsog. Dann strich sie ihm sorglich die Kissen zurecht, ohne ihn zu erschüttern, sanft und gewandt, als hätte sie jahrelang diese Obliegenheiten geübt, gab der Zofe die Weisung, im Nebenzimmer ein Fenster zu öffnen, so daß die warme, erquickende Mailuft in köstlichen Wellen durch die portierenverhangene Thür strömte, und ließ sich dann von dem Diener das Blatt mit den Notizen des Arztes zeigen.

»Sie können jetzt gehen, Karl,« sagte sie endlich. »Sehen Sie zu, daß Sie ein paar Stunden vorweg schlafen.Diese Nacht müssen Sie Wache halten. In der folgenden lös' ich Sie ab, ich und Frida. Für heute abend bestellen Sie ein Gedeck mehr. Sie wissen, um neun kommt der Arzt. Miß Harriet lasse ich bitten, weitab in den Garten zu gehen, und dann später ins kleine Eckzimmer; die Veranda muß frei bleiben, man hört hier sonst jedes Wort! Ueberhaupt: allen im Hause empfehlen Sie Ruhe an, peinlichste Ruhe! Der Koch soll die Fenster schließen, der Gärtner den Springbrunnen abstellen …«

Der Diener verneigte sich.

»Gnädige Gräfin sprechen zu keinem Unverständigen. Als ich noch in Stroßhaida bei den Dragonern stand, lag der Herr Rittmeister, mein vortrefflicher Herr, volle sechs Wochen in Lebensgefahr – ein Schuß in die Lunge – und ich allein hab' ihn gepflegt mit dem gnädigen Fräulein, der Schwester nämlich, was aber nur so ganz nebenher war; denn sehr lange hielt sie's nicht aus, und bekam schließlich Migräne und Rückenschmerz. Ich kenn' die Geschichte, und wie's da förmlich an einem Haar hängt. Will's den Leuten schon eintrichtern, besonders dem Koch, der wirklich thut, als wär' er mit seinen Kasserollen und Löffeln allein im Haus.«

»Ich verlass' mich auf Sie.«

»Aber was ich bemerken wollte: die gnädige Gräfin müssen doch auch gewissermaßen an Ihre eigene werte Person denken. Wie Frida sagt, haben Frau Gräfin noch nicht gespeist. Es ist ja wahr, bei solchen Entsetzlichkeiten vergißt man Gott und die Welt, geschweige denn das Diner. Der Koch ist natürlich wütend, der jungen Erbsen wegen, auf die er so protzt, und weil er die Zunge selbst eingepökelt hat; von seinen Hähnchen gar nicht zu reden. Mirkann's ja gleich sein, denn ich stehe nicht sehr mit dem François. Aber wenn die Frau Gräfin befehlen, könnt' ich denn doch eine Kleinigkeit …«

Adele sah nach der Uhr.

»Wahrhaftig, schon beinahe vier! Ich ahnte das nicht. Sie haben recht, Karl! Miß Harriet soll mit der Kleinen zu Tisch gehen. Mir bringen Sie eine Tasse Bouillon. Nichts weiter! Höchstens dann später vielleicht den Kaffee.«

»Und Frida?« murmelte Karl mit einem fürsorglichen Blick auf das Kammermädchen.

»Frida kann ja gleich mit Ihnen gehen. Sobald sie gegessen hat, kommt sie zurück.«

Die beiden entfernten sich. Adele trat leise an die Portiere und sah nach der Bettstatt, wo Leo, die Augen geschlossen, wieder entschlummert schien. Sie seufzte tief, schlich dann bedächtig zum Fenster und sah eine Weile hinaus nach dem Teich, wo noch der armsdicke Wasserstrahl rauschend gen Himmel stieg, bis er dann plötzlich in sich zusammenbrach und verstummte. Die ganze lichtüberströmte Natur da draußen schien dies Verstummen mit zu empfinden. Alles veränderte sich, alles verlor gleichsam die Seele. So mußte es sein, wenn ein teures, leidenschaftlich geliebtes Leben, dessen beglückende Gegenwart man bis dahin als selbstverständlich betrachtet, dessen Verlust man nie für möglich gehalten hat, plötzlich erlosch.

Adele zitterte. Ach, um ein Haar wäre das unermeßliche Weh, das sich ihr jetzt hier nur symbolisch darstellte, ja in Wahrheit ihr Schicksal gewesen! Die kleine, süße, blonde Josefa! Ihr Ein und Alles! Der Angelpunkt ihres Daseins!

Noch nie hatte die Gräfin mit so erschöpfender Klarheit gefühlt, was sie in diesem Kinde besaß.

Die Stirn wider den Fensterrahmen gepreßt, überließ sie sich einer verzweifelten Selbstschau.

Mit dem üblichen Maßstabe einer weiblichen Existenz gemessen, war ihr Dasein von Grund aus verfehlt.

Die Ehe mit Gerold von Authenried glich einer Wüstenei. Das siebzehnjährige Mädchen, von den Verwandten gedrängt, selbst ein wenig bestochen durch allerlei Aeußerlichkeiten und fest überzeugt, daß Gerold sie anbete, hatte sich übereilt.

Zu spät mußte sie die Entdeckung machen, daß die liebenswürdige Art, mit der Graf Authenried sich ihr angepaßt, ihre kleinen Phantastereien genährt, ihren harmlosen Eitelkeiten geschmeichelt hatte, ebenso Maske war, wie der Ausdruck von Bonhomie, der alle Menschen so lange über den wahren Kern dieses Charakters täuschte, bis ein entscheidender Augenblick die sympathische Hülle hinwegschob.

Gerold war überhaupt der Liebe nicht fähig. Kalte Berechnung, herzloser, grausamer Egoismus, starre Gemütlosigkeit – das waren die Grundzüge seines Wesens. Der überschwengliche Bräutigam hatte sich nach der Hochzeit fast ohne Uebergang in den frostigen Mann verwandelt, der sich selber genug ist, der keines mitfühlenden Herzens bedarf, um des Lebens froh zu werden. Durch gehäufte Beobachtung war Adele zu dem gräßlichen Resultat gelangt, daß sie das Opfer einer elenden Spekulation geworden. Der Graf war, zum Teil wohl infolge der übermäßigen Summen, die er blindlings für seine Sammlung vergeudete, seit Jahren verschuldet: die glänzende Mitgiftder reichen Patrizierstochter, die überdies als Universalerbin einer entfernten Verwandten viele Millionen eignen Vermögens besaß, zog ihn mit einem Schlag und für immer aus der Verlegenheit. Und gerade der Wahn, daß der Graf, der ganz allgemein für einen der reichsten Aristokraten galt, nur sie selber begehre und nicht ihre äußeren Glücksgüter, hatte bei dem hundertfältig umworbenen Mädchen den Ausschlag gegeben! Er schien so gut, so ehrlich, so vollständig frei von verletzenden Nebengedanken!

Im übrigen war ja an der Behandlung, die der Graf seiner jungen Frau angedeihen ließ, nichts Ernstliches auszusetzen. Er verstieß nie gegen die Form, wenn sein Gebaren auch reichlich den Eindruck machte, als sei die Höflichkeit, ja der mitunter scherzhafte Ton, den er anschlug, nur die Wirkung einer in Fleisch und Blut übergegangenen guten Erziehung, etwas rein Mechanisches ohne Sinn und Gefühl. Niemand im ganzen Schloß ahnte denn auch, wie schmerzlich Adele unter dem Druck dieser inneren Beziehungslosigkeit litt, wie schwer sie mit ihrer eigenen Mißstimmung kämpfte, wie oft sie einen gewaltsamen Anlauf nahm, sich der Lüge zu zeihen, ihren Gemahl vor der Anklage, die doch so zweifellos war, zu entschuldigen und durch Güte und Freundlichkeit das zu erobern, was ihr mit jedem Jahr mehr zu entschwinden drohte: die menschliche Teilnahme Gerolds an ihrem Geschick und an dem ihres Kindes. Alles umsonst. Ihre Sanftmut, ihr stummes, geduldiges Werben glitt an ihm ab, wie das Wasser am Pelze des Eisbären. Er merkte wohl gar nicht, wie sich die Trauernde mühte; vielleicht auch ward ihr Bestreben wirkungslos durch die geheime Verachtung, die immer und immer wieder in ihrem Herzen emporquoll undmanches Wort minder versöhnlich färbte, als sie es wünschen mochte.

Den Blick auf die Fläche des Teiches geheftet, der jetzt glatt wie ein Spiegel die ganze Vegetation und den tiefblauen Himmel zurückwarf, forschte Adele gramerfüllt in dem Buch dieser zahlreichen mißglückten Versuche, die sie ja freilich seit vielen Jahren schon eingestellt hatte. Längst war sie an die Unabwendbarkeit ihres Schicksals gewöhnt. Ja, es schien, als hätte sie sich halbwege damit zurechtgefunden. Ihr Kind, ihr süßes, angebetetes Kind ersetzte ihr, was ihr das Leben sonst an Herzensfreude und Glück versagt hatte. Josefa war ihr Gedanke bei Tag und bei Nacht. Dies liebe Geschöpf gegen alle Rauheiten des Daseins zu schirmen, seine Erziehung ängstlich zu überwachen, sein Herz mit allen Banden der Zärtlichkeit an sich zu fesseln: das galt ihr für den alleinigen Zweck ihres Lebens. Ernster und strenger, als dies sonst wohl zu ihrer Jugend gepaßt hätte, arbeitete Gräfin Adele an ihrem eignen Charakter, stets im Hinblick auf dieses geheiligte Ziel. Sie wußte, daß der unmittelbare Eindruck des Beispiels kräftiger wirkt, als die Schattenhaftigkeit noch so häufig gepredigter Lehren; sie ahnte etwas von dem machtvollen Nachahmungstriebe der Kindheit auch im Gebiete des Fühlens und Anschauens.

Und jetzt, wie sie so dastand im Bewußtsein der kaum überwundnen Gefahr, wiederholte sie sich das Gelübde, ihrem Kind eine Mutter zu sein, deren geheimste Gedanken in die schuldlose Seele des Lieblings einströmen dürften, ohne sie zu entweihen. Kein Groll gegen das Schicksal, keine Mißstimmung gegen den Mann, der sie so wenig begriff, sollte in ihrer Brust mehr Raum finden.War sie nicht glücklich trotz alledem? Füllte das Kind sie nicht vollständig aus? Und mußte nicht der Gedanke, daß sie in Demut und Schweigsamkeit ihre Pflicht that, die heitere Klarheit, die sie Josefas halber so manchmal erkünstelt hatte, allgemach in Natur verwandeln? Ja, es gab einen Frieden, der höher und herrlicher war denn alle Vernunft, eine Gleichmäßigkeit des Empfindens, dem selbst die Bitternis langer, trüber Erfahrungen nichts mehr anhaben konnte.

Sie schloß die Hände wie zum Gebet. Tiefträumerisch regten sich ihre Lippen. So völlig war sie versunken, daß sie jählings zusammenschrak, als der Verwundete jetzt leise zu stöhnen begann. Eilig huschte sie über die Schwelle und beugte sich vor, um zu lauschen. Somsdorff beruhigte sich wieder. Er schlief noch. Aber sein Antlitz, das bis vor kurzem noch bleich und blutlos gewesen war, hatte sich merklich gerötet. Ein Zucken ging um die Augen; die Hand des unbeschädigten Armes, der auf der Decke lag, glitt von Zeit zu Zeit knisternd über die schwarzblaue Halbseide.

»Das Wundfieber ist im Anzug!« seufzte Adele. »Gott schütze ihn!«

Sie kam sich vor wie eine Frevlerin, daß sie im Ueberschwang ihrer Mutterliebe auch nur minutenlang mehr an sich selbst und Josefa, als an den Mann gedacht, der sich so hochherzig für die Kleine geopfert hatte. Im Geist bat sie ihn fußfällig um Verzeihung. Wie gern hätte sie diese Hand, die den rettenden Schlag geführt, voll Inbrunst geküßt, wie man die Hand eines Beichtvaters küßt, wenn er dem Beichtkind die Last einer quälenden Schuld von der Seele genommen! Aber da stieg eine Erinnerung vorihr auf, die sich während der letzten Stunden gleichsam versteckt hatte: das Bewußtsein, daß er von Sympathieen geredet, deren Lebhaftigkeit sie in dieser Form nicht zu dulden gewillt war. Das vertrat ihrem Eifer sofort den Weg. Und sie durfte ja auch seinen Schlaf nicht stören, diese unheimlich dumpfe Rast, die ihr manchmal nur wie die Regungslosigkeit eines tödlich Erschöpften vorkam. Jetzt besonders war ihr zu Sinne, als ob der Verwundete sehe und höre, aber zu schlaff sei, um seine Wimpern zu heben.

Ein lautes Aechzen riß sie aus dieser Betrachtung. Somsdorff hatte den Kopf ein wenig zurückgeworfen; die Züge des sonst so regelmäßig geschnittenen Angesichts waren schmerzlich verzerrt. Dann fiel der Kopf wieder nach vorn. Der Atem des Kranken ging schwer und beklommen.

Adele flößte ihm, mit einer Bewegung der Abwehr gegen die Hilfsbereitschaft der Zofe, ein paar kühlende Tropfen ein.

»Danke!« hauchte er fast unhörbar. Ein müder Blick streifte sie, fahl und bleich wie der letzte Schimmer eines verlöschenden Herbsttages. Dann schloß er die Lider, seufzte und ließ die Stimmung, die ihn beseelen mochte, in einem fast unmerklichen Beben der Mundwinkel ausklingen. Dies herzzerreißende Lächeln rührte die junge Frau fast zu Thränen.

Adele genoß an diesem traurigen Nachmittage kaum einen Bissen. Das Kammermädchen, das nach Verlauf einer Stunde heraufkam, setzte sich mit ihrer Näharbeit in das Krankenzimmer, während die Gräfin im Seitengemach unruhig das Sinken der Sonne und das Wachsen der Schatten über dem Teich verfolgte, ab und zu von dem elfenbeingeschnitzten Regal ein Buch herabnahm, ein paar Zeilen durchflog, ohne zu ahnen, was sie gelesen hatte, unddann wieder auf den Standplatz am Fenster zurückkehrte. Sie meinte, dies Harren und Warten mit dem Blick auf den Park daure nun schon seit Wochen: so oft hatte sie die nämlichen Gegenstände mit rein mechanischer Aufmerksamkeit durchmustert, sich voll Ueberdruß abgewandt und dann von neuem begonnen.

Endlich brach so die Dämmerung herein. Josefa kam scheu an die Thür, um ihrer Mama gute Nacht zu sagen.

Adele küßte sie leidenschaftlich.

»Ehe du einschläfst, bete für unsern Freund!« raunte sie ihr ins Ohr. »Bitte den lieben Gott, daß er ihn bald gesund macht!«

Das Kind nickte.

»Miß Harriet will auch beten,« sprach es nach einer Weile und schmiegte sich zärtlich an seine Mutter.

Man klopfte. Karl trug die Lampe herein und setzte sie auf den Ebenholztisch neben dem Diwan. So fiel nur ein handbreiter Lichtstreifen durch die Portiere, der für die längst feiernde Frida ausreichte, den Verwundeten zu beobachten.

Nun rollte der Wagen vor. Adele erhob sich, um ihrem Gemahl und dem Landarzt entgegenzugehen.

»Schöne Geschichten!« sagte der Graf, noch eh' er den Gruß Adeles erwidert hatte. »Das ist ja mehr als infam! Ich werde beim Fürsten Verwahrung einlegen! Solch eine Lotterwirtschaft! Aber ein ganzer Kerl ist der Somsdorff, das muß ihm der Neid lassen. Gehn Sie nur, Doktor! Hoffentlich macht sich die Sache! Es wäre doch zu fatal, wenn er bis Ende Mai nicht wieder flott wäre. Sie wissen, unser Kongreß in Bonn …«

»Daran wird leider wohl nicht zu denken sein,« brummte Michalsky.

»Verwünscht! So muß ich allein fahren! Und Somsdorff – nein, es ist wirklich wie ausgesucht!«

Der Arzt stieg die Treppe hinauf, während die Gräfin ihren Gemahl in den kleinen Salon begleitete, wo er sich keuchend in einen Sessel warf.

»Ein Unglückstag!« stöhnte er, mit dem Taschentuch über die Stirn fahrend. »Erst das Malheur in Zeschau – der größte und beste Teil der Sammlung verkauft – nach England – noch eh' die Auktion beginnt … ich glaube, man braucht sich die augenscheinliche Schwindelei nicht gefallen zu lassen … Dann auf der Rücktour ein Achsenbruch – zwanzig Minuten Verspätung – und nun die Bescherung da mit dem Somsdorff! … Es fehlte jetzt nur, daß dich der Schreck wieder acht Tage rabiat machte, wie damals bei der Erkrankung deiner Mama. Weiß Gott, du siehst aus … fehlt dir etwas? Sprich nur! Ich mach' dir ja keinen Vorwurf!«

»Ich bin etwas angegriffen: aber das geht schon vorüber.«

»Gott sei Dank! An dem einen Patienten hab' ich ja mehr als genug. Nichts regt mich so auf und stört mich so im Verfolg meiner Studien, als der Gedanke: dein Haus ist ein Lazarett. Und für die nächste Zeit hab' ich enorm zu thun. Auf dem Kongreß in Bonn – ich weiß nicht, ob Somsdorff dir schon gesagt hat – na, du interessierst dich zwar nicht dafür …«

»Doch, Gerold. Aber was hast du nur? Du bist so erregt …«

»Das macht der Verdruß über die schändliche Spitzbüberei in Zeschau. Denke dir nur, eine Sammlung mit Prachtstücken ersten Rangs, griechische, römische, altitalienischeSeltenheiten vom höchsten Wert – und dieser elende Kniff, der mich einfach beraubt! Denn das alles war mein; ich hätte die Mitbieter unbedingt aus dem Felde geschlagen! Nun, es ist mal geschehen, und da hilft kein Lamento! Ja, du hast recht; ich bin wohl zu ungestüm …«

»Wenn's dich erleichtert, Gerold …«

»Pah, man soll seinen Aerger nicht mit nach Haus schleppen …«

»Was ist das mit dem Kongreß in Bonn?«

»Am sechsten und siebenten Juni tagt dort die Hauptversammlung der Numismatiker, – Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener,tutti quanti! Leipold in Breslau – weißt du, der alte Herr mit den Blatternarben, den wir im Schwarzwald kennen gelernt – hat mir den Zutritt vermittelt. Infolge eines sehr liebenswürdigen Briefes von Beaulieu-Sarcenet kam mir nun plötzlich der Einfall, auf dem Kongreß einen Vortrag zu halten. Das Material zu dem, was ich plane, liegt mir seit lange vor; aber ich muß nun ergänzen, Belegstellen aufsuchen, ordnen – kurz, es ist eine riesige Arbeit für die beschränkte Zeit, und da heißt's, den Kopf oben behalten! Ich hatte darauf gerechnet, Somsdorff ein wenig heranzuziehen; er hat die unschätzbare Gabe des Ueberblicks; er findet sich schnell zurecht; er hätte mir mancherlei abnehmen können … Das ist nun alles vorbei! Ein wahrer Jammer! Leipold hat mir auch eine Karte für ihn geschickt … ich wollte Somsdorff damit überraschen … Ja wohl! Der Mensch denkt, und Gott lenkt! Wären die Sechzehnender Seiner Fürstlichen Durchlaucht nicht …«

Adele sah ihn mit ihren großen, herrlichen Augen verständnislos an. War's denn zu glauben? Das Kinddieses Mannes hatte vor wenigen Stunden in Todesgefahr geschwebt; ein Freund des Hauses hatte dies Kind unter Preisgebung seiner eignen gesunden Glieder gerettet und lag jetzt droben vielleicht in den letzten Zügen – und Gerold von Authenried sprach mit wachsender Lebhaftigkeit von Beaulieu-Sarcenet, von Leipold in Breslau, von der Idee eines numismatischen Vortrags auf dem Kongreß zu Bonn! Mit keiner Silbe hatte er nach Josefa gefragt; kein Wort des Dankes für die Gnade der Vorsehung war ihm noch über die Lippen gekommen. Sein ganzer Kummer beschränkte sich, wie es schien, auf den Verlust eines erwünschten Helfers und Reisebegleiters.

Die Gräfin verspürte ein eigentümliches Frösteln. Es war, als lege sich ihr eine starre, eiskalte Hand aufs Herz und drücke es langsam und stetig zusammen.

»Willst du dich umkleiden?« fragte sie endlich, da sie im Speisezimmer das Klirren des Tafelgeschirrs hörte.

»Natürlich. Man ist ja verstaubt wie ein Müllerknecht. Das war ja ein Qualm im Coupé …«

»Doktor Michalsky bleibt doch zu Tisch?«

»Ich hab' ihm gesagt, er solle nur gleich übernachten. Morgen in aller Frühe versorgt er dann unsern Patienten und was er hier sonst in der Nähe hat … So spart er zwei Touren. Er war damit einverstanden.«

»Gut. So will ich das Nötige anordnen.«

»Thu' das! Und nicht wahr, sobald die Geschichte da droben in Ordnung ist … Du verstehst mich? Kein langes Erörtern mehr mit dem Doktor! Ich habe seit zwei nichts genossen, außer dem elenden Kaffee im Görlitzer Hof. Ich verkomme vor Hunger!«


Back to IndexNext