Chapter 14

»Es waren drei Soldaten,Dabei ein junges Blut,Sie hatten sich vergangen,Der Graf nahm sie gefangenSetzt sie bis auf den Tod!«

»Es waren drei Soldaten,Dabei ein junges Blut,Sie hatten sich vergangen,Der Graf nahm sie gefangenSetzt sie bis auf den Tod!«

»Es waren drei Soldaten,Dabei ein junges Blut,Sie hatten sich vergangen,Der Graf nahm sie gefangenSetzt sie bis auf den Tod!«

»Es waren drei Soldaten,

Dabei ein junges Blut,

Sie hatten sich vergangen,

Der Graf nahm sie gefangen

Setzt sie bis auf den Tod!«

Der junge Leutnant Abeking hatte den Leuten oft zugehört, gern zugehört. Schön waren die Lieder, mehrstimmig, von den starken Kehlen gesungen, deren Ungeschultheit hier nichts das Ohr Verletzendes hatte. In der großen Unbegrenztheit klangen die Sänge weich und getragen.

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn,Ich muß erst meine Herzliebste sehn –Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn,Ich muß erst meine Herzliebste sehn –Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn,Ich muß erst meine Herzliebste sehn –Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn,

Ich muß erst meine Herzliebste sehn –

Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

Das war wie ein Anruf, das pflanzte sich fort von Baracke zu Baracke; das ganze Lager war voll davon. Naturlaute, Sehnsuchtsklänge. Sie wurden eins mit dem Locken des Bächleins, mit dem leidenschaftlichen Liebeskonzert der Frösche.

Nun war auch das Singen verboten. Wer draußen gesehen wurde nach Sonnenuntergang, bekam drei Tage Mittelarrest.

Auch die Offiziere fuhren längst nicht mehr so oft hinunter ins Städtchen, Leykuhlen brauchte sich nicht über unausgesetztes Rädergerassel und spätes Heimkehren bei Nacht zukränken; die Geschichte mit Abeking hatte ihnen die Lust dazu etwas benommen.

Der junge Leutnant war fort. Seine Kopfwunden gingen nicht ans Leben, aber er war doch fort; nicht in seine Garnison zurück, er hatte Urlaub bekommen – auf unbegrenzte Zeit. Und der Abschied würde nachfolgen, das wußten alle mit den Verhältnissen Vertraute. Das legte einen Druck auf die Gemüter.

Kein Mensch wußte zu sagen, wie die Geschichte eigentlich ruchbar geworden war – was wäre denn sonst so Schlimmes dabei gewesen: ein junger Mensch reitet im Dusel einmal zum Liebchen, unvorsichtig, tollkühn, er stürzt – aber nun, nun?! Es war alles zu offenkundig. Es war unmöglich, Abeking konnte nicht bleiben.

Leutnant Schmidt und der Stabsarzt hatten sich bis jetzt noch immer nicht entschließen können, wieder im Schwan zu kneipen. Aber die Neugier plagte sie: was mochte die schöne Helene wohl für ein Gesicht machen?! Es war ein Jammer um den Abeking, ein so netter Junge, ein so lieber Mensch, und Offizier dazu mit Leib und Seele! Was fing er jetzt an? Er saß nun zu Hause bei Muttern. Eine verkrachte Existenz, ein zerstörtes Leben, ehe es noch eigentlich recht angefangen hatte. Als Mann konnte man ihn voll und ganz verstehen: es war ja nur eine Dummheit gewesen, eine verliebte Torheit. Diese Helene, dies Teufelsweib! Daß sie es gewesen war, die der verliebte Junge zu einem Schäferstündchen im Waldesdunkel entführt hatte, von dem er dann, wie im Rausch, davongesprengt war, so blind und toll, daß der Gaul, erregt durch die Erregung des Reiters, wild wurde und scheute, das zirpten alle Spatzen von den Dächern. In den Augen ihrer Freunde hatte die schöne Frau darum aber nicht verloren: im Gegenteil; sie war nun mal so! Und sie hielt schadlos für manchesandere. Was hätte man denn sonst machen sollen, in dieser völligen Weggesetztheit?!

»Ich seh et schon, lang dauert et nit, und wir sind wieder am Herunterfahren,« sagte der Rheinländer. Und der Stabsarzt sagte ganz ernsthaft: »Dann wollen wir aber alle drei an Abeking ’ne Postkarte schreiben. Der arme Kerl!«

Vorläufig fuhr nur Scheffler herunter, so oft der Dienst es erlaubte; er war ein sehr verliebter Bräutigam. –

»Bärtes, es ist nicht mit anzusehen,« sagte Josef Schmölder, als er heute heraufkam, den Freund zu besuchen. Er hatte es nicht mehr ertragen können, unten nur von der Ausstattung, von Wäsche – Leibwäsche, Tafelwäsche, Bettwäsche – von Silber und von Möbeln reden zu hören. Scheffler drängte darauf, daß die Hochzeit schon zum Winter sein sollte, aber – »Gott sei Dank, da ist Heinrich doch fest geblieben,« sagte Josef. »Er gibt Hedwig allerfrühestens nächstes Frühjahr fort. Der Herr Bräutigam ist zwar ganz unparlamentarisch geworden, und die kleine törichte Person hat geweint; aber es hilft ihnen alles nichts. ›Mai frühestens, so wahr ich Heinrich Schmölder bin‹, hat er gesagt. ›Und wenn Ihnen das nicht paßt, so lassen Sie’s bleiben!‹ Dabei hat er dem Monsieur ganz unverfroren ins Gesicht gesehen!« Josef lachte. »Das hat mir ordentlich gefallen vom Heinrich – er ist doch ein Kerl! Es sei ihm darum manches verziehen, was er mir an den Kopf geworfen hat, der Grobian!«

Leykuhlen lachte nicht mit. Er war heut nicht wie sonst, seine Frische war fort. Josef glaubte auf dem glatten, braunroten Landmannsgesicht Furchen zu sehen, die ein Kummer gepflügt hatte.

»Was ist das heute mit dir, Bärtes,« sagte er herzlich und sah dem großen Mann, der vor dem Kanapee stand, in dessen ausgesessene weiche Ecke er sich bequem hineingedrückthatte, von unten her in die Augen. »Hast du Ärger gehabt? Du bist auch traurig; das paßt gar nicht zu dir!«

»Er macht zu viel Jedanken,« sagte Frau Mariechen, die aus dem Schrein die buntblumigen Kaffeetassen hervorholte und auf den mit weißer Serviette gedeckten Tisch stellte. Auch sie sah von unten her ihren Mann an; es war eine demütige Besorgnis in ihrem Blick. »Ach, sagen Sie et ihm doch, Herr Schmölder, dat er recht dran jetan hat, die Kirch zu bauen. Und dat er doch nit dafor kann, dat die Krankheit nu auch im Dorf is!«

Wie, war hier auch Typhus? Josef machte ein betroffenes Gesicht. Aber ehe er etwas sagen konnte, sagte Leykuhlen schon: »Wir haben bereits zwei Fäll im Dorf. Vorjestern der Peter Jans, unten in der Lämmerjaß; jestern der Mechernich am jrünen Klee. Torfarbeiter, arme Leut mit vielen Kindern. Und wer kömmt nu an die Reih?« Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich schwer auf den Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand.

Die Frau trat dicht neben ihn, sie legte den Arm um seinen Nacken. »Bärtes, wat machste dir für Jedanken – o, ich kenn se all!« Sie klopfte ihm gegen die heiße Stirn. »Du denkst, wenn die Leut sterben, die Männer von ihren Frauen weg, die Ernährer von ihren Kindern, dann bist du dran schuld, weil wir noch kein Wasserleitung haben im Dorf. Weil die Leut immer noch aus ihren Pötzen trinken. Ach, dat is ja all dumm Zeug!« Sie versuchte zu lächeln; es gelang ihr auch, ihre Stimme klang heiter: »Bärtes, du hast zu schwer Blut! Herr Schmölder« – sie wandte den Blick ihrer klaren Augen jetzt Josef zu – »ich kenn meine Mann jetzt jar nit mehr, er is doch sonst auf ’m Platz, zu juter wie zu böser Zeit. Und er hat doch auch sonst immer jewußt, dat über uns einer is, der alles so macht, wie et jut is. Laß se doch reden, Bärtes, laßse doch schimpfen, laß se doch schreien: en Wasserleitung hätt jebaut werden müssen! Laß se doch, Bärtes! Ich, dein Frau, ich sag dir: recht haste jetan, janz recht!« Sie reckte ihre Gestalt mit dem sonst immer ein wenig geneigten Kopf zu ihrer schlanken Höhe auf: »Recht haste, Bärtes!«

War das eine Energische! Josef hätte das gar nicht von der zurückhaltenden, sonst immer wenig Worte machenden Frau erwartet. Jetzt floß ihr ja die Rede vom Mund – und aus dem Herzen; und das war die Hauptsache. Eine prächtige Frau, auch eine schöne Frau! Das war ihm vordem nie aufgefallen. Aber auf diesem Gesicht mit den einfachen Linien lag jetzt soviel Hingabe, soviel felsenfestes Vertrauen, daß es schön wurde und auch jung, ohne doch eigentlich jung mehr zu sein. Und ihre Stimme klang frisch.

Als Frau Mariechen jetzt ihre Wange auf die Stirn ihres Mannes legte, schien sie des Fremden Anwesenheit völlig vergessen zu haben. »Bärtes,« flüsterte sie in ihn hinein, »Bärtes, sei doch nit esu bang!« Und dann wurde ihre Stimme ermutigend; das Anfeuernde lag noch mehr im Ton als in den Worten. Sie faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen: »Mann, Mann, wer ein rein Jewissen hat, der braucht doch keine Mensch zu scheuen. Und du hast en rein Jewissen, Bärtes, so wahr ein Jott lebt!«

»Deine Frau hat ganz recht, Bärtes,« sagte Josef und nickte dem Freund zu. Er wollte auch Frau Mariechen zunicken, aber sie hatte sich losgemacht und war rasch hinausgeeilt, errötend wie ein Mädchen, dessen Liebesgeständnis ein Unbefugter belauscht hat. »Du hast ’ne famose Frau, Bärtes!«

»Dat weiß ich, dat weiß ich!« Der Bürgermeister lächelte, aber es war nur ein flüchtiger Glanz, der über sein Antlitz huschte. »Sie jlaubt an mich. Sie weiß ja auch, wieich’t jemeint hab – wenn ich nur andere davon auch überzeugen könnt! Oft mein ich jetzt, ich hab doch nit dat Richtge jetan. Jott, Jott –« er verstärkte plötzlich seinen Ton, stützte beide Arme auf den Tisch und den schweren Kopf zwischen sie – »wenn ich dächt, dat durch en Wasserleitung die Typhusjefahr abjewendt wär, ich könnt mir die Haar aus ’m Kopf reißen, dat se noch nit jebaut is!« Er faßte sich mit beiden Händen in die Haare und riß daran. »Ich Esel, ich Schafskopp, ich Doof-Uehl!«[22]Er stöhnte auf und schloß die Augen wie in einem Schwindel.

Es war heiß und still in der Stube, man hörte das Fliegengesumm. »Josef!« Etwas ruhiger geworden, hob der Bürgermeister jetzt wieder von neuem an: »Siehste, Josef, mer meint et so jut und macht et doch immer all verkehrt – und dat macht eso traurig. Is et dir auch als so erjangen?« Fast hilflos sah er den andern an, auf seiner Stirne perlte der Schweiß.

»Und ob!« Josefs Mund verzog sich zu einem leicht-ironischen und doch auch bitter-traurigen Lächeln. »Ob’s mir so ergangen ist?!« Er sagte mehrmals rasch hintereinander: »Immer! Öfter als dir, Bärtes, das kann ich dir sagen. Du bist doch ein anderer Kerl. Dich möchte ich beneiden – jetzt doppelt, weil ich weiß, was du an deinem Mariechen hast. Ich habe niemanden!« Er seufzte. Aber rasch die Bewegung abschüttelnd, die ihn erfaßt hatte, lachte er auf. »Wir leben nun einmal, alter Junge, leben, um alles verkehrt zu machen. Das ist nicht anders. Wie’s uns ergeht, geht es noch vielen; ich könnte dir Exempel von Beispielen erzählen – oh! Aber ich denke, wenn wir wenigstens das Gute anstreben, das, waswir als das Gute erkannt zu haben glauben, das ist doch schon immer etwas!«

»Dat is nit jenug,« sagte der Bürgermeister langsam und stand schwerfällig auf. »Ich will dir wat sagen, Josef! Et jibt en Lied in der Kirch – du kennst et jewiß nit mehr – dat lernt mer auch schon in der Schul. Et heißt drin:

›Unser Wissen und VerstandIst mit Finsternis umhüllet,Wenn nicht deines Geistes HandUns mit hellem Licht erfüllet.‹

›Unser Wissen und VerstandIst mit Finsternis umhüllet,Wenn nicht deines Geistes HandUns mit hellem Licht erfüllet.‹

›Unser Wissen und VerstandIst mit Finsternis umhüllet,Wenn nicht deines Geistes HandUns mit hellem Licht erfüllet.‹

›Unser Wissen und Verstand

Ist mit Finsternis umhüllet,

Wenn nicht deines Geistes Hand

Uns mit hellem Licht erfüllet.‹

Und dat is gewißlich wahr, Josef! Dat is die einzige Erkenntnis, die wir haben!«

[22]Scheltwort: taube Eule.

[22]Scheltwort: taube Eule.

[22]Scheltwort: taube Eule.


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