XII
Überall rührte sich der alte Feind. Die Fälle von Typhus im Lager und die Fälle zu Heckenbroich waren der Anfang; andere folgten nach in den Dörfern, die wie Oasen, grünen Tellern gleich, im roten Heidemeer schwimmen. Da und dort. Noch war es keine Epidemie, wie sie zu früheren Zeiten wohl geherrscht hatte, aber doch ging ein Grausen durch alle Gemüter.
Der Kreisphysikus erstattete Bericht nach Aachen; der Landrat runzelte die Stirn.
Bei der schönen Helene im Weißen Schwan kamen die Herren zusammen; sie waren ganz ein und derselben Meinung, auf Leykuhlen wurde viel geschimpft. Dieser dickschädelige Bauernbürgermeister! Es war kaum zu glauben, daß ein sonst doch ganz intelligenter Mann sich so gegen alle Neuerungen verschloß! Der Kreisphysikus kannte die Bauern: natürlich soffen sie aus den geschlossenen Brunnen! Am grünen Klee, wo das Wasser am schlechtesten war, war ja auchder erste Fall gewesen. Diese unvernünftigen Leute konnten es nicht lassen, sie glaubten es eben nicht; nachts wurde geschöpft, weil es am Tage des Verbotes wegen nicht möglich war, und der Bürgermeister, der doch sicher drum wußte, drückte nicht nur ein Auge, nein, alle beide zu. Unerhört!
Es war an einem heißen Vormittag, als Kreisphysikus und Landrat beim Frühschoppen im Schwan saßen und durchs geöffnete Fenster drüben auf der anderen Gassenseite den Bürgermeister von Heckenbroich vorübergehen sahen. Er ging langsam mit gesenktem Kopf und suchte den Schatten; sein Gesicht war hochrot, das Taschentuch, mit dem er den Schweiß wischte, hielt er in der Hand.
Helene mit ihren Luchsaugen war die erste gewesen, die ihn erspäht hatte. Sie machte »pst!« und winkte ihm mit dem Finger. Er mußte das wohl bemerkt haben, aber er tat, als hätte er nicht Auge noch Ohr. Erst als der Landrat ans Fenster trat, und auch der Kreisphysikus diesem über die Schulter weg rief: »Hela, Leykuhlen! Guten Morgen! Hören Sie denn nicht?« blickte er zum Schwan hinüber.
Die Herren winkten; nun konnte er nicht anders. Unwillkürlich hob er den Kopf: nein, das sollten sie nicht denken, daß er ihnen auswich! Mit ein paar großen Schritten war er über der Gasse; nun stand er unter dem Fenster: »Tag zusammen!«
»Kommen Sie denn nicht herein?«
»Ich bin et nit gewohnt, hier ’ne Frühschoppe zu trinken!« Aber wenn die Herren ihm etwas zu sagen hatten, kam er schon herein. Er trat ein und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
Der schönen Wirtin Augen funkelten; sie machte sich am Büfett zu schaffen und räumte, was sie sonst nie tat, zwischen den Gläsern auf. Das wollte sie doch auch gern mal hören, wie die den Bürgermeister zwischennahmen. Das gönnte sieihm. Es regte sich etwas wie instinktiver Haß in ihr gegen diesen Mann, der ihr abgeneigt war; und daß er das war, das fühlte sie seit langem schon. Was hatte sie ihm eigentlich getan? Er war doch ein stattlicher, ansehnlicher Mann – warum war er denn so eklig gegen sie?! Eine starke Röte stieg ihr in die weiße Stirn: der, der hätte am liebsten alle abgehalten, hier herunter zu kommen! Der, der war gar am Ende dran schuld, daß der arme Junge, der Abeking, geschaßt worden war?! Ob er sie und Abeking wohl auf dem Gaul hatte reiten sehen als verliebtes Pärchen in der Mondscheinnacht?! Mit unsicheren Blicken lauerte sie zu ihm herüber.
Leykuhlen saß das Gesicht ihr zugekehrt, aber er achtete ihrer gar nicht. Das war sie nicht gewohnt, das boste sie gewaltig. Wenn sie ihm nur ordentlich die Hölle heißmachten! Sie hob sich unwillkürlich auf den Zehenspitzen und reckte den Hals lang, ihre Zungenspitze züngelte im Lächeln zwischen den Zähnen vor: aha, jetzt kriegte er’s aber mal!
Der Landrat hatte gesprochen: »Wie steht’s bei Ihnen oben, Bürgermeister? Noch sind mir keine neuen Fälle gemeldet worden, aber mit dem einen Ihrer Erkrankten soll’s ja sehr schlecht stehen. Ist dem so?«
»In der Tat!« Leykuhlen hatte den Rücken von der Stuhllehne gehoben und saß nun da, ohne Lehne, kerzengerade. Aha, ein Verhör! »In der Tat, Herr Landrat, dem Mechernich wird et wohl an den Kragen jehen!« Er tat gleichgültig, aber die Stimme konnte seine innere Erschütterung nicht verhehlen.
»Das ist der Fall am grünen Klee, da, wo die Brunnen besonders schlecht sind, Herr Landrat,« erklärte der Kreisphysikus.
»Ja ja, ich weiß, ich weiß, ich bin ganz genau orientiert!« Der Landrat zog die Brauen hoch. »Es ist sehr bedauerlich. Das brauchte nicht zu sein. Die Familie brauchte nicht des Ernährers beraubt zu werden!« Er wechselte einen raschen Blick mit dem Kreisphysikus und neigte sich dann mit einer impulsiven Bewegung zu Leykuhlen hinüber: »Bürgermeister, Bürgermeister, warum habt ihr nicht längst eine Wasserleitung gebaut?! Nun heißt es wieder: Venn, Venn, Sumpf – aber das schlimmere, viel schlimmere Übel ist eure Verbohrtheit! Ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung. Und Licht, Luft in die Häuser! Die Hecken nieder, die Fenster auf, und Wasserleitung in jedes Haus!«
»Und ein Krankenhaus an den Ort,« ergänzte der Physikus. »Wie oft ist unser städtisches Spital überfüllt, so überfüllt, daß wir unbarmherzig abweisen müssen!«
»Und –« der Landrat wollte noch etwas sagen, um wiederum den Kreisphysikus zu ergänzen, aber der Bürgermeister schnitt ihm gegen alle Regeln der Höflichkeit die Rede ab.
»Ich denk, wenn wir en Wasserleitung hätten, wären wir all so gesund, dat wir kein Krankenhaus mehr gebrauchten,« sagte er ohne allen Hohn, aber mit Nachdruck. Und dann stand er auf: »Nu weiß ich ja Bescheid, nu kann ich wohl jehen, meine Herren!« Er reckte sich in seiner ganzen Größe; dann ließ er seine blauen, jetzt so feurigen Augen rasch nach dem Büfett hinblitzen: wer hatte da gekichert?!
Die schöne Helene wurde dunkelrot. Ein Blick der Verachtung hatte sie getroffen, einer so sprechenden, einer so deutlichen Verachtung, daß ihre Kniee zu beben anfingen. Sie stahl sich zum Türchen hinaus. Draußen im kleinen Gang, der zu ihrem Privatgemach führte, stand sie, zitternd vor Wut, und preßte doch die Fäuste gegen den Mund, um nichtlaut herauszuweinen. Sie schämte sich auf einmal so – warum? Sie wußte es selber nicht. Unklare Empfindungen stürmten auf sie ein. –
Die drei Männer am Stammtisch waren aufgestanden. Es war eine gewisse Kühle in dem Händedruck, mit dem die beiden Herren Leykuhlen verabschiedeten. Er fühlte die Kälte. Den Nacken hielt er steif. Nun noch das Letzte gesagt! Und er sagte mit einem tiefgeschöpften Atemzug, ohne mit der Wimper zu zucken: »Nu willichIhnen auch not wat sagen, Herr Landrat, und Ihnen, Herr Kreisphysikus! Ich bin herunterjekommen, weil, weil – ich hab et dem Doktor mitjeteilt – mich wundert, dat Sie et nit schon zu wissen jekriegt haben – seit heut morgen ist auch ein Knabe vom Weber erkrankt. Der wohnt auch am jrünen Klee. Et wird wohl auch Typhus sein. Morgen zusammen!«
Er ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie riefen ihn auch nicht zurück. Sie standen ein paar Augenblicke da und sahen sich stumm an, und dann setzten sie sich stumm wieder nieder zu ihrem Wein. Aber er schmeckte ihnen nicht mehr.
Bleiern lastete der Himmel über der Gasse. Unter dem bleiernen Himmel schritt Leykuhlen hin. Solange er noch in der Stadt war, behielt er seine aufrechte Haltung bei; aber nun, da die hochgegiebelten Schieferdächer hinter der Felsnase des Burgfelsens untergetaucht waren, veränderte sich seine Haltung. Er sank förmlich in sich zusammen. An der steinernen Brüstung der Straße, hinter der große, rundgewaschene Felstrümmer das Flußbett füllen, stand er still. Ein Zittern war in seine starken Knie gekommen, er lehnte sich gegen das Steinmäuerchen. Sie hatten ihn doch nicht klein gesehen! Aber kein Triumph war in seinem Innern – denn hier war er allein, und hier war er, ach, so klein!
Einen schweren Blick ließ er rundum gleiten. Da wardie liebliche Au, und über die Tannen der Höh guckten die Leyen. Aber heute atmete er hier nicht auf, wie sonst, wenn er der Stadt entronnen war. Heute dünkte ihn der Sommertag unerträglich. Diese Hitze! Hier unten gaben die Talwände noch einigen Schatten, am Wasser war das Grün sogar noch grün, aber oben, oben waren die Matten ja längst gelb, das Gras verdorrt bis in die Wurzeln. Wie sollte das noch werden?! In diesem Jahr gab es keine Weide mehr; und wenn man jetzt schon vom eingebrachten Heu zehrte, womit sollte man das Vieh denn durchfüttern den langen, endlosen Winter? Und wenn die Regierung auch aushalf, wie in anderen futterarmen Jahren, viel Vieh würde doch verkauft werden müssen, losgeschlagen um jeden Preis. Zu helfen stand nicht in Menschenmacht – einzig helfen konnte nur der, der da droben!
Er richtete seine Augen zum Himmel. Wenn er regnen lassen wollte! Tagelang, nächtelang, daß sich der vertrocknete Boden vollsog, daß die Wurzeln noch einmal ausschlugen, daß die Weiden sich neu begrünten, daß die geborstene Erde ihr durstig geöffnetes Maul schloß. Dann konnte noch alles gut werden. Nur Regen, Gott im Himmel, nur Regen!
Die Sonne hatte sich für wenige Augenblicke hinter bleierne Wolken verzogen. Ha, da war sie schon wieder! In geradezu quälender Helle strahlte sie nieder. Es schwamm Leykuhlen vor den Augen, mit einem Seufzer drückte er die Lider zu: und wie sollte es mit der Krankheit werden? In dieser Luft wurde es damit nicht besser. Nun war der Knabe erkrankt, der Dores – war es auch Typhus? Noch wußte man es nicht bestimmt, der Doktor sollte es erst feststellen; aber die völlige Bewußtlosigkeit, in der das Kind lag, ließ wohl kaum eine andere Deutung zu. Der blöde Knabe kroch überall herum, wer weiß, was er sich in den Mund gestopft hatte! Mariechenwar gleich zu den Huesgens gegangen, als Kathrinchen die Krankheit melden gekommen war, und er war herunter zum Doktor gelaufen. Ach, es war doch eine Wohltat, sich wenigstens in etwas zu betätigen! Zu viel, allzuviel hatte er schon versäumt – konnte er es je wieder einbringen?!
Mit heftiger Gebärde riß der Mann die Lider wieder auf, seine Augen fuhren umher: ›Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, seht uns arme Sünder, seht mich armen Sünder zumal, erbarmt euch!‹
Die Hände vor sich gefaltet, die Augen groß und starr geradeaus gerichtet, schritt der Bürgermeister bergan. Ein Kummer war in seiner Seele und ein Verzagen.
Die Sonne gloste ob seinem Haupt, wie ein tiefgefärbtes blaues Tuch spannte sich der Himmel, kein Regen war in Sicht über Heckenbroich; ausgedorrt alles Land, so weit das sehnende Auge reichte. Wie stickiger Dunst stieg’s empor vom Venn, ein Brodem kroch übers Moorland; schwer und befangend legte er sich auf Gemüt und Körper. Müdes Schweigen zwischen Himmel und Erde. Da plötzlich ein Läuten – horch, das ›Angelus‹!
Der Wanderer hielt an. Sieh, da war ja der Turm von Heckenbroich! Und sieh, da war sie auf einmal voll da, sie, die Kirche, die man noch nicht hatte sehen können vom letzten Aufstieg! Zwischen hohen Tannen ragte sie, schöner noch, und viel höher als diese. Vom Dorf war noch nichts zu entdecken, das lag versunken hinter den Hecken, aber hier, im Ausschnitt der Tannen, die wie lebende Pfeiler das schöne Bild einrahmten, stand die Kirche von Heckenbroich, klar und deutlich auf dem Goldgrund der ewigen Sonne und grüßte weit übers Hochland hin.
Mit einem tiefen Aufatmen nahm der vom raschen Aufstieg Keuchende den Hut ab. Er neigte den Kopf; ein Aufleuchtenging dabei über sein bekümmertes Gesicht: da war sie ja, die Kirche, die neue Kirche von Heckenbroich, der Eifler Dom!
Es war am Tage des ewigen Gebetes. Feierabend – Mitternacht – die ganze Nacht hindurch das gleiche murmelnde Beten.
Sie füllten das dämmernde Schiff der Kirche, sie knieten auf den schmalen Betbänken, die Hände mit dem Rosenkranz an die leis sich bewegenden Lippen gehoben, und beteten das Gebet der Bittwoche: »Heilige Maria, du Hilfe der Christen, bitte für uns! Ihr Heiligen insgesamt, flehet für uns am Throne Gottes!«
Auf seiner Betbank kniete der Bürgermeister. Wenn die anderen einmal wieder sich niedersetzten, um auszuruhen, kniete er immer noch. Ohn Unterlaß betete er auf dem bretternen Bänkchen, das viel zu schmal war für seine Knie und viel zu niedrig für seine Größe. Er fühlte nicht, daß die gekrümmten Füße ihm abstarben, und daß seine Knie steif wurden. Das Gesicht hielt er in die Hände gedrückt, in seiner Seele schrie es:
›Der du ins Verborgene siehest,der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse,der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte,du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹
›Der du ins Verborgene siehest,der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse,der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte,du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹
›Der du ins Verborgene siehest,der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse,der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte,du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹
›Der du ins Verborgene siehest,
der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse,
der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte,
du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹
Seine Augen schmerzten. Er hob das Gesicht aus den Händen, er bohrte den brennenden Blick durchs Dämmerlicht der Kirche, bis er haftete auf dem Fenster überm Hochaltar, durch dessen Glas die Gestirne hereinleuchteten in unumwölkter Klarheit.
Am Dach der Kirche stand der Mond, nicht silbern, wie sonst, nein, rund und voll und rot, eine zweite Sonne, die die Sonne des Tages ablöste auf ihrer Bahn. Und um sie herstand der Chor der Sterne, flinzelnd vor blankem Glanz, wie sonst nur in eiskalter Winternacht.
›Schöpfer und Herr der Natur,alles zittert, alles dienet dir.Du machst die Wolken zu deinem Wagenund fährest auf den Flügeln der Winde.‹– – – – – – – – – – –– – – – – – – – – – –›Herr Gott, ich bekenne vor dir,daß ich ein Sünder bin.‹
›Schöpfer und Herr der Natur,alles zittert, alles dienet dir.Du machst die Wolken zu deinem Wagenund fährest auf den Flügeln der Winde.‹– – – – – – – – – – –– – – – – – – – – – –›Herr Gott, ich bekenne vor dir,daß ich ein Sünder bin.‹
›Schöpfer und Herr der Natur,alles zittert, alles dienet dir.Du machst die Wolken zu deinem Wagenund fährest auf den Flügeln der Winde.‹– – – – – – – – – – –– – – – – – – – – – –›Herr Gott, ich bekenne vor dir,daß ich ein Sünder bin.‹
›Schöpfer und Herr der Natur,
alles zittert, alles dienet dir.
Du machst die Wolken zu deinem Wagen
und fährest auf den Flügeln der Winde.‹
– – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – –
›Herr Gott, ich bekenne vor dir,
daß ich ein Sünder bin.‹
In das Murmeln der Gemeinde mischte der Bürgermeister laut seine Stimme:
»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn –Herr Gott, laß regnen, laß regnen!Heilige Maria, die Stillung der Stürme,du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«
»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn –Herr Gott, laß regnen, laß regnen!Heilige Maria, die Stillung der Stürme,du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«
»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn –Herr Gott, laß regnen, laß regnen!Heilige Maria, die Stillung der Stürme,du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«
»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn –
Herr Gott, laß regnen, laß regnen!
Heilige Maria, die Stillung der Stürme,
du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«
Er wußte nicht, daß es nicht nur die Worte mehr waren, wie sie vorgeschrieben stehen im Andachtsbuch; er fügte Eigenes hinzu in der Bedrängnis seines Herzens.
Es trieb ihn um bei Tag und Nacht. Es litt ihn nicht im Bett, er konnte ja doch nicht schlafen; vor Morgengrauen schon war er aufgestanden und war hinausgeschritten auf die Höhe des Venns und hatte nach Osten gestarrt, wo die Wolken sich in leuchtendem Purpur färbten. Wenn sie doch, ach, wenn sie doch endlich, endlich einmal nicht mehr so strahlend erstünde, die unbarmherzige Sonne!
Alle Quellen waren versiegt. In den tiefsten Brunnen stand nur noch ein Pfützchen trüben, schlecht riechenden, fauligen Wassers. Kaum daß man das Vieh tränken konnte, es verschmachtete; denn auch kein Hälmchen saftigen Grüns war mehr zu finden. Und in den beiden Torfarbeiterhäusern lagendie Männer noch immer und quälten sich in wilden Delirien. Es war der Krankheit noch gar kein Absehen.
Was war das für ein Leid, was war das für eine Angst! Das Dorf lag geduckt wie unter einem dräuenden Alp. Alles atmete beklommen. Soviel gebetet war noch kaum worden zu Heckenbroich. Aber beklommener denn alle atmete Leykuhlen, er fühlte sich in tiefster Seele betroffen. Mariechen hatte viel zu reden, viel zu ermutigen: ›Mach dir nühst draus, Bärtes, laß sie doch reden! Wat kannst du dafür? Unser Herrjott schickt die Trockenheit und die Krankheit; wir müssen sie nehmen aus seiner Hand!‹ Aber heimlich kränkte sie sich: wie die Undankbaren ihren Mann verkannten! Und er hatte doch alles zuihremBesten getan! In heimlicher Sorge ging sie umher, und nachts tat sie, als ob sie schliefe; aber sie schlief nicht, sie horchte auf ihres Mannes rastloses Wälzen und unruhiges Atmen, und wußte dann nichts anderes zu tun, als inbrünstig bei sich zu beten. Gestern hatte jemand ganz laut draußen vor der Hecke auf den Bürgermeister geschimpft – wer war’s gewesen? Sie hatte es nicht sehen können – das war ja auch gleichgültig – wenn nur er, er es nicht gehört hatte!
Besorgte Blicke warf die Frau auf ihren Mann, der stundenlang jetzt in der Kanapee-Ecke saß, und sich die Zeitung so vorhielt, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Es wollte ihr dünken, als sei das leichte Blatt zu schwer für seine starke Hand. Jesus Maria, wenn er wüßte, daß ihr, als sie zum grünen Klee gegangen war, die Kranken zu besuchen, ein Rudel Kinder nachgerannt war, erst mit schüchternem Gekicher, dann mit dreisterem Lachen, zuletzt mit ungezogenen Redensarten. Das waren freilich nur Kinder, unverständige Kinder, aber sie sprachen das nach, was die Erwachsenen sagten. Wenn es nurregnen wollte, endlich regnen, barmherzig, erquicklich, dann würden sie im Dorf auch einsichtiger werden, und ruhiger!
Die Bürgermeisterin kannte ihre Heckenbroicher gar nicht mehr wieder. Aber sie, die sonst mit ihrem Mann alles besprochen hatte, sagte ihm kein Wort davon. Er selber schwieg auch beharrlich. –
Es war eine Nacht, so drückend heiß, daß niemand Schlaf finden konnte. Hinter den Hecken brütete die Schwüle. Leykuhlen und seine Frau saßen noch unten in der Wohnstube beisammen; er saß in der einen Ecke des Kanapees, sie in der anderen. Die Lampe hatten sie nicht angezündet, selbst dies bißchen Licht war zuviel, man hatte nach all der Blendung des Tages eine Sehnsucht, fast eine Gier nach der Dunkelheit. Ach, daß doch Wolken hängen möchten, tief herab, und sich entladen mit Donner und Blitz! Und sei es ein Ungewitter mit heulendem Sturm, wenn nur Regen dabei war, erlösender Regen! Schwül genug war es.
Aber wie sie die Ohren auch spitzten, kein Rauschen war draußen vernehmbar auf den Blättern der Hecke, nicht einmal ein Tröpflein. Der Himmel war verschlossen. So ging es nun schon an die zwei Monate, es gab keinen Regen mehr. Die Welt mußte verdursten.
»Jesus Maria,« sagte die Frau plötzlich und neigte sich gegen den Mann, »hörste nühst, Bärtes? Wär et am End doch am Regnen?!«
Sie irrte sich. Jetzt war wohl ein Rauschen hörbar im Blattwerk der Hecke, aber so tat kein Regenguß. Das waren Hände, Arme, Füße, die sich durcharbeiteten durchs raschelnde Laubwerk, Körper, die sich durchwanden durchs dichte Gefüge. Von der Seite her brach es ans Haus heran.
Wenn jemand was wollte, warum ging er denn nicht vorne herum, offen und ehrlich durchs Heckentor?!
»Still, bis still, Mariechen,« sagte der Mann und legte der Frau die Hand auf den Mund. Sie hatte aufschreien wollen in plötzlichem Schreck.
Ein Stein war oben gegen das Giebelfenster gekracht das vom Mondschein hell beglänzt wie ein Auge über die Hecke lugte. Die Scheibe brach und klirrte. Und nun klatschte es dumpf. Sie warfen mit Kuhdung, mit Dreckfladen, mit allerlei Schmutz und Unrat; was sie gerade aufschnappten von Straße und Hof. Und ein Gequäk und Gekrächz erhob sich, ein Gewieher und Gegrunze, ein Gemauze und Geknauze, als sei die ganze Tierwelt lebendig geworden. Ein Hund bellte, eine Katze miaute, ein Ochse brüllte, ein Esel iate; es war eine Höllenmusik.
Mit beiden Armen hielt Frau Leykuhlen ihren Bärtes umfangen; sie preßte ihn fest an sich: oh, daß sie seine Ohren nur zuhalten könnte, verstopfen, daß er nichts hörte von dem abscheulichen Konzert. Sie brachten ihm eine Katzenmusik, wie man sie nur dem bringt, der sich Ungebührliches hat zu Schulden kommen lassen. Dieses entehrende Ständchen ihm, dem Bürgermeister, von seinen Heckenbroichern selber dargebracht?! Die Frau zitterte, sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. »O Bärtes, Bärtes, mach dir nühst draus!«
»Bis still, Mariechen,« sagte er wieder wie vorhin. Er war ganz ruhig. Seine Stimme klang nicht einmal zornig, nur traurig, als er jetzt das Fenster aufriß und in die Nacht hinausrief: »Jetzt is dat äwer jenug! Nu laßt de Dummheiten! Joht no hehm!«
Einen Augenblick war es still; dann raschelte es wieder in der Hecke. Liefen sie hastig fort, beschämt, hatten sie es doch mit der Angst bekommen?!
Die Frau, die sich neben ihren Mann ins Fenster gezwängt hatte, fuhr plötzlich zurück – klatsch! Ihr Bärtes, o,ihr Bärtes! Eine Ladung Kot war ihm ins Gesicht geflogen, sie wurde noch mit davon bespritzt. Und eine Stimme, – es war nicht zu erkennen, wem sie gehörte, denn sie verstellte sich – äffte ihm nach: »Laßt de Dummheiten, joht no hehm!« Ein wieherndes Lachen erscholl – wieder ein hastiges Rauschen und Rascheln – die Nachtbuben rannten davon.
»Jesus Maria!« Entsetzt drückte die Frau den Kopf an ihres Mannes Brust. Jetzt konnte sie nicht anders, sie mußte laut weinen: daß man ihn so kränkte, ihn!
Er strich ihr über den Scheitel: »Bis still, Mariechen, bis still! Laß se schreien. Wer kann sich an so wat kehren!«
War er wirklich so ruhig, war er wirklich so besonnen, wollte er nicht hinter ihnen drein rennen, sie einholen, sehen, wer es gewesen war?! Sie hob den Kopf und forschte angstvoll in seinem Gesicht. Es war zu dunkel, sie konnte seine Züge nicht erkennen, sie fühlte nur seine Hand, eiskalt trotz der Hitze, schwer auf ihrem Scheitel liegen.
»Jeh nach oben, Mariechen, jeh! Kuck, wat die Nixnutze da anjericht haben!«
Er machte nicht Miene, mit ihr hinaufzusteigen in die Giebelstube. Sie zögerte; aber sein Ton wurde heftig: »Jeh, jeh!« Da ging sie; ungern nur ließ sie ihn hier unten allein.
Mit zitternden Händen schaffte sie oben Ordnung, bis auf die Betten waren die Glassplitter geflogen, Boden und Wände waren beschmutzt; die Buben hatten gut gezielt durch das im Mondschein spiegelnde Fenster. Sie kehrte und wischte, die Kniee bebten ihr, aber sie hätte die Magd nicht zu Hilfe rufen mögen. Gott sei Dank, daß die nach der anderen Seite heraus schlief! Wie sollte die sonst Respekt behalten, wenn sie so was mit angesehen hätte! Eine tiefe Scham kam über die Bürgermeisterin; sie konnte nichts sehen vor bitteren, gekränkten Tränen, die ihr unaufhaltsam überdas heiße Gesicht rollten. Ach, ach, das waren keine Kinderstreichemehr,keine Dummheiten, wie Bärtes sagte, das waren Niederträchtigkeiten! Wer hätte das je von den Heckenbroichern gedacht?! Ihr ganzes Leben war im Dorf verflossen –vierzigJahre sind lang – und nie hatte sie in all dieser Zeit geglaubt, es könnte hier einer sein, der sie so kränke. Nicht sie – ach nein, es war ja nicht um ihrer selbst willen, daß ihr Tränen des Schmerzes, des Zornes und der Scham über das Gesicht liefen, es war um seinetwillen. Was er jetzt wohl machte? Was er wohl denken mochte so ganz allein bei sich?!
Sie rannte hinab, die angezündete Lampe hochgehoben in der Hand. Einen Augenblick zögerte sie vor der Stubentür – drinnen war’s noch dunkel, sie hörte keinen Laut, war er nicht mehr da?! Behutsam drückte sie die Klinke nieder, leuchtete in die dunkle Stube hinein.
Da lag er auf den Knieen vor dem Tisch, hatte die gefalteten Hände auf den Tischrand gelegt und sein Gesicht auf die Hände. Sie sah nur seinen Rücken, aber sie sah doch, wie heftige Atemzüge ihn erschütterten.
Da zog sie sich leise zurück. Das fühlte sie, jetzt durfte selbst sie nicht stören. –
In dieser Nacht schliefen sie nicht. Aber auch nur wenige im Dorf schliefen. In den Häusern, eingeschlossen hinter den Hainbuchenhecken, war die Luft dick und schwül. Nur Regen, nur Regen! Mit offenen Mäulern lagen die Menschen auf ihren Betten und schnappten nach Luft. Die Kinder greinten, selbst sie fanden keinen Schlaf. Da und dort flinzelte Lämpchenschein, man hörte Stimmen, die Mutter vertröstete die Kleinen. In den dunstigen Ställen brüllte heiser das durstige Vieh. Der und jener schlich vor sein Heckentor und schaute prüfend den Himmel an: zog da nichts auf von Gewölk imWesten? Er blinzelte angestrengt, das harte Bauerngesicht erhellte sich für Augenblicke wie von einem Hoffnungsstrahl; aber enttäuscht sank der Blick gleich wieder: nein, das war kein Gewölk, das Regen brachte. Das war nur ein Rauch, ein Dunst, als sei die Erde ein Feuerherd und pustete den Dampf ihrer Glut zum Himmel.
Es war keine Nacht zum Schlafen. Es war eine Nacht, um wach zu liegen, sich zu wälzen in banger Sorge. – – –
Eine müde, überwachte Stille lag mit dem neuen Tag über Heckenbroich. Feurig ging eben die Sonne im Osten auf, als es auf der Straße bimmelte. Leykuhlen fuhr mit dem Kopf zum Schlafkammerfenster heraus, – er brauchte es ja nun nicht mehr aufzutun – das klang ja, als schellte der Meßner vorm Priester her, der den Leib des Herrn über die Straße trägt?!
Was – wer – wo?! Wer sollte versehen werden?! Der Bürgermeister riß die Augen weit auf, er stierte und starrte. Richtig, da schritt der junge Hilfsgeistliche das Röcklein übergeworfen! Vor ihm her schlorrte der Küster, ungewaschen, ungekämmt, wie einer, den man eilig aus dem Bette geholt hat. Er klingelte mit dem allbekannten Glöcklein.
Mit einem Arm das Fensterkreuz umschlingend, beugte der Bürgermeister sich weit, weit über die Hecke hinüber. Mit Blicken, die seine Augen fast aus den Höhlen drängten, folgte er den Dahinziehenden. Da gingen sie hin, Priester und Meßner – klingling – leise tönte das silberne Schellchen. Da gingen sie und brachten einer scheidenden Seele die letzte Wegzehrung.
Aber wo gingen sie hin – zu wem – ach, wohin?! Leykuhlen wollte rufen und konnte nicht, der Mund war ihm wiezugehalten, nur ein heiser herausgestoßenes ›Herr, erbarme dich‹, brachte er über die Lippen.
Nun waren sie am Eckhaus. Gingen sie nun geradeaus, die Hauptstraße zu Ende, oder schwenken sie links ab zum grünen Klee! Sie schwenkten links ab.
Am grünen Klee lag der Mechernich, mit dem war es schon gestern sehr schlecht gewesen; nun reichten sie ihm die heiligen Sterbesakramente, daß er in Frieden abfahren konnte von dieser Welt. Aber ein verlassenes Weib schrie hinter ihm her, eine Schar kleiner Kinder weinte nach Brot. Ein Schauer überrieselte den Bürgermeister. Und daran sollte er, wirklich er, schuld sein? Wasserleitung – eine Wasserleitung anstatt der Kirche – ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung – die Brunnen taugen nichts! Er hatte es zugegeben, daß sie doch daraus tranken. Gott im Himmel, wie sollte er sich verantworten vor dem höchsten Richterstuhl?!
Gedanke auf Gedanke wälzte sich heran, Vorwurf auf Vorwurf. Der Mann war erdrückt, wie zu Boden geschmettert; mit beiden Händen faßte er sich nach der glühenden Stirn und stöhnte auf. Da innen saß ein sausendes Rad, das sich drehte in unaufhörlichem Schwunge: wenn der Mechernich starb, was machte er dann – und wenn noch andere starben, was dann? Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, er wußte nicht mehr, hatte er recht oder unrecht getan, war er beladen mit einer Schuld oder durfte er ihrer sich ledig sprechen? Sein Geist war verwirrt. O, wer sagte ihm, hatte er recht getan oder unrecht?!
Er krampfte dieHändein einander, der kalte Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes! Herr, erbarme dich, – gib ein Zeichen! Tue deinen Himmel auf, laß regnen! Vater unser – – – gegrüßet seist du, Maria – – – laß regnen, gib mir ein Zeichen – – –o du Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt, erbarme dich!
Der Himmel glühte über Heckenbroich. Und das Venn flammte weit hinaus im leuchtenden Rot seiner höchsten Blüte. Die Luft stand still überm staubbedeckten Scheitel der sonnenflimmernden Dorfstraße. Heute war Sonntag, der Tag des Herrn.
Langsam, wie matte Fliegen, krochen die Menschen zum Hochamt; sie waren in Sonntagskleidern, aber Sonntagsmienen zeigten sie nicht. Niedergeschlagene Gesichter, ohne Hoffnung, ohne Freudigkeit. In einer stumpfen Resignation schleppte man sich zur Kirche. Nun hatte man schon soviele Rosenkränze gebetet, Kerzen gestiftet, Wallfahren gelobt, und alles sollte umsonst sein! Die Weiden waren hart wie Tennen, nie mehr konnte da Gras sprossen. Und der Mechernich lag im Sterben. Ein ängstliches Raunen ging von Mund zu Mund: die Sterbesakramente hatte er bereits empfangen. Wie lange noch, und mit den anderen Erkrankten ging es ebenso. Wer kam dann an die Reihe? Und morgen früh wurde der Dores begraben, der kleine Junge vom Huesgen-Jörres. Da ging der Vater!
Den Kopf gesenkt, den Blick auf die gefalteten Hände niedergeschlagen, schritt Weber Huesgen zur Kirche. Aber es war nicht der Tod des Kindes allein, der sein Haupt senkte. Eine Woche voll rastvoller Arbeit in grenzenloser Hitze lag hinter ihm; neue Runen waren zu denen seines arbeitsverfurchten Gesichts noch hinzugekommen. Regen, ach, nur Regen, Erlösung, Regen! Es trieb ihn in die Kirche, in dem dämmerig gehaltenen hochgekuppelten Raume war’s noch am erträglichsten; daheim weinte das Weib, und die Geschwister schauten mit erschreckten Augen auf die Leiche des Dores, die im Tannensärgelchen auf zwei Schemeln im Schuppen stand, miteiner Girlande geschmückt, die das Kathrinchen gewunden hatte aus Schlangenmoos und blühendem Heidekraut. Der Dores war nicht am Typhus gestorben, den hatte er gar nicht gehabt; die Hitze hatte ihn mitgenommen. Die hatte er nie gut vertragen können. Seit die Sonne alles verbrannte, war auch er verbrannt wie ein flackerndes Lichtlein. Nun war das wächserne Gesichtchen freundlich, die welken Händchen auf der Brust umfaßten das Kruzifixchen, das man ihnen zu halten gegeben hatte.
Ein Kind weniger! Der Weber seufzte. Er war ein liebevoller Vater; aber daß der Herrgott den Dores zu sich genommen hatte, das war mehr eine Gnade als eine Heimsuchung zu nennen, wenn die Annelies auch jetzt noch bitterlich weinte. Sie würde sich trösten. Sie hatte nun einen Engel im Himmel, der Fürbitte tat. Aber warum die Bäreb sich so arg anstellte?! Ordentlich ärgerlich war Jörres Huesgen auf seine Älteste. Statt der Mutter bei der Hand zu sein, kniete sie immer bei der Leiche, starrte sie an mit vom Weinen verschwollenen Augen und schluchzte dann auf, so heftig, daß es ihr fast das Herz abstieß. Freilich, Leben und Sterben ist ein ernstes Ding – wurde das die Bäreb erst jetzt gewahr?
Der Weber seufzte, als er beim Summen der Orgel auf der Betbank niederkniete, und trocknete sich mit dem roten Sacktuch den Schweiß ab. War das eine Hitze! Selbst hier war heut nicht die Kühle zu finden, die so wohltat, wie in einem tiefen Keller, wenn draußen die Sonne glühte. Auch in die Kirche war die Schwüle gedrungen. Ein erstickender Dunst lastete im Raum, dessen Wölbung heute niedriger schien.
Und um den Weber seufzten und schwitzten noch viele; die Leiber der knieenden Andächtigen dampften. Matt die Stimme des Priesters am Altar, fast erstickt durch die dicke Luft, matt die Responsorien des Dieners, matt der Gesang vom Orgelchor,kraftlos, ohne Frische und Fülle, und matt auch die Gebete. Hier schlief eine, dort schlief einer. Diese war auf die Bank zurückgesunken, legte den Kopf hintenüber und schnarchte mit offenem Mund; jener schlief gar im Knieen, das Haupt war ihm haltlos aufs Gebetbuch genickt. Geknickten Blumen gleich hingen die bunt-betuchten Köpfe der Frauen. Jetzt wurde eine gar ohnmächtig, es gab für Minuten ein Scharren, ein Poltern, man schaffte sie hinaus. Dann wieder die vorige bleierne, lähmende Stille.
Der alte Pastor bestieg die Kanzel, heute ließ er es sich nicht nehmen, selber in der Predigt zu seiner Gemeinde zu sprechen; es war eine schwere Zeit. Er redete mit zitternder Stimme von der weisen Anordnung Gottes, die alles, was da lebt, mit Segen erfüllt, die zur Zeit Regen und Sonnenschein gibt, die aber mit Entziehung des Segens heimsucht, wo sie Reue erwecken will und bußfertige Gesinnung.
Die Gemeinde hatte das Bußlied gesungen:
»O Gott, streck aus dein milde Hand,Erfüll mit Segen Leut und Land,Halt ab in gütger VaterhuldDie Strafen für die Sündenschuld!«
»O Gott, streck aus dein milde Hand,Erfüll mit Segen Leut und Land,Halt ab in gütger VaterhuldDie Strafen für die Sündenschuld!«
»O Gott, streck aus dein milde Hand,Erfüll mit Segen Leut und Land,Halt ab in gütger VaterhuldDie Strafen für die Sündenschuld!«
»O Gott, streck aus dein milde Hand,
Erfüll mit Segen Leut und Land,
Halt ab in gütger Vaterhuld
Die Strafen für die Sündenschuld!«
Der Bürgermeister neigte sein Haupt tiefer und tiefer. Er wagte nicht aufzusehen; es war ihm, als müßten sich aller Blicke vorwurfsvoll auf ihn richten, als nagelten sie ihn alle fest mit ihren müden, umschatteten Augen.
Es brauste vor seinen Ohren, es hämmerte in seinen Schläfen, es siedete ihm in den Adern. Er hörte nichts mehr von dem, was der Pastor noch weiter sagte, er hörte nur immer das Schellchen des Meßners, der vor dem Priester her zum Sterbenden schritt. Mußte der Mechernich wirklich sterben? War er am Ende schon tot?! Zwischen dem Tönen des Schellchensvernahm er die Sterbeseufzer, das Jammern des Weibes, das Weinen der Kinder. Ströme von Schweiß rannen Leykuhlen über den Leib. Von einem Schwindel gepackt, wollte er die Augen schließen, aber es riß sie ihm wieder auf, er mußte sehen, alles das sehen, was er, er angerichtet hatte.
– – ›Ich begreife nicht, wie ein sonst so intelligenter Mensch sich so gegen alle Neuerungen verschließen kann‹ – ›Eine Wasserleitung ist das Allernotwendigste, wir werden den Typhus sonst hier nie los‹ – so, oder ähnlich doch hatten sie gesprochen. Schon lange, ach lange schon waren sie an ihm. Aber er hatte die Kirche gebaut. Er hatte die Gemeinde dazu bewogen. Hätte er sie nicht ebensogut zu etwas anderem bewegen können?! Sein, ja sein war die Schuld!
Wie ein Kranker wankte Leykuhlen aus der Kirche. Er bemerkte nicht, daß die Grüße, die ihm sonst ehrerbietig und willig zu teil wurden, heute ganz anders waren. Man grüßte, weil es eben sein mußte; keine Freundlichkeit erhellte diese Grüße. Die Bürgermeisterin hielt sich dicht neben ihrem Mann, ihr war, als müsse sie ihn schützen, wie gestern abend; und doch fiel jetzt kein Stein.
Die reichen Bauern, der Adams und der Zumstädtchen, kamen jetzt zusammen an ihnen vorüber; sie taten, als sähen sie den Bürgermeister nicht. Sie gingen stracks hinüber auf die andere Straßenseite und sprachen so eifrig auf einander ein, als hätten sie den wichtigsten Handel zu bereden. Sie waren grimmig. Nun hatten sie schon ein paar Mal den Dreiborn nach oben holen müssen – was das kostete! – und andere im Dorfe hatten ihn auch holen müssen.
Der Tierarzt war noch röter geworden als sonst und hatte noch mehr mit den Augen gekugelt als gewöhnlich, und hatte noch mehr räsonniert, als zu anderer Zeit: was verlangten sie denn, wie sollte das unvernünftige Vieh gesund bleiben, wennder vernünftige Mensch sich krank säuft?! Er ereiferte sich sehr: weiß der Himmel, er wollte lieber Kaffern und Hottentotten kurieren, als Eifler Vieh. Was nutzte ihm alles, was er gelernt hatte, was war überhaupt die ganze Wissenschaft nutze, wenn ihr hier eine solche Borniertheit entgegengesetzt wurde? ›Ihr seid schwarz, schwarz bis in die Knochen – dat is euer Malheur!‹ Zu anderen Zeiten hätten die Bauern über ihn gelacht: was ereiferte sich der Viehdoktor denn so?! Oder sie hätten sich auch geärgert: so einer, der doch auch aus der Eifel stammte und nun in keine Kirche mehr ging, so einer, der seinen ganzen Glauben verloren hatte überm Studieren! Aber in der Stimmung, in der sie jetzt waren, hörten sie ihn an; sie verstanden ihn nicht ganz, aber das hörten sie doch heraus, daß der Dreiborn, derimmerhinein kluger Mann zu nennen war, und ums Vieh gut Bescheid wußte, nicht zufrieden war mit dem, wie es so war. Nein, sie auch nicht! Ganz und gar nicht!
Völlig erschöpft kam Leykuhlen heim. Schwer ließ er sich in seine Kanapee-Ecke fallen und stützte den Arm auf. Als die Frau ihn etwas fragte, schüttelte er nur den Kopf verneinend; weitere Antwort gab er nicht.
Jesus, ihr Mann wurde doch am Ende nicht auch krank?! Mit tränenden Augen stand die Bürgermeisterin in der Küche und blies das Feuer an. Die Magd konnte nicht damit zurechtkommen, es wollte heute nicht brennen; die Sonne gloste über dem Schornstein, die drückende Luft schlug jedes Dampfwölkchen, das aufsteigen wollte, wieder hinab in den Kamin. Die Küche war voll von Rauch und vom brenzlichen Gestank des langsam schwelenden Torfes. Immer wieder stocherte die Frau im Feuerloch, ganz mechanisch, ihre Gedanken waren nicht bei diesem Werk. Sie merkte es nicht einmal, daß sie in eine Wolke von beißendem Dampf gehüllt stand, daß sie nichts sehen konnte vor Rauch und Tränen. Die Magd war dem erstickendenQualm entwichen,die Frau war allein.»Jesus,« seufzte sie aus tiefster Seele, »Jesus Christus erbarm dich!«
Da wurde hastig die Tür aufgerissen. Der, um den ihre Gedanken kreisten in unablässiger Sorge, war plötzlich bei ihr mit zwei Schritten, mit seinen alten, kräftigenSchritten.Er faßte sie um den Leib. »Mariechen, Jott sei Dank!« Es war wieder etwas in seiner Stimmen von frischem Klang. »Denk ens an, Mariechen, mit dem Mechernich steht et besser. Dat war die Krisis. ›Den kriegen wir durch,‹ sagt der Doktor. Eben war er bei mir. Haste ihn nit jehört?«
Sie hatte nichts gehört, keinen Wagen, keinen fremden Schritt im Flur, sie war so ganz in ihren Sorgen befangen gewesen. »Wahrhaftig?« fragte sie, noch ungläubig, und blinzelte ihren Mann an.
»Mit Jottes Hilf,« sagte er ernst. Aber dann drückte er sie an sich in einer jähen Aufwallung des Gefühls: »Jott sei jelobt, Mariechen, ich kann et dir nit sagen, wie jlücklich ich bin! Wenn der Mechernich durchkömmt, dann« – er lächelte sie an – »Mariechen, dann stift ich die Uhr, die noch fehlt an der Kirch. Wenn et dir recht is, Mariechen?!«
Ob es ihr recht war!
Seit der Mechernich am grünen Klee die letzte Ölung empfangen hatte, war es besser geworden mit ihm. Merkwürdig, und doch nicht merkwürdig! Vor dem Häuschen des Torfarbeiters standen die Leute und besprachen den Fall mit einer von ihrer sonstigen Verschlossenheit und Ruhe stark abstechenden Lebhaftigkeit. Ja, als das heilige Öl seine Stirn salbte, da hatte er die Augen, die er geschlossen gehalten hatte seit Tagen schon, auf einmal wieder aufgemacht. Und er hatte gesprochen, ganz vernünftig, gar nicht mehr wirres Zeug. Er hatte die Frau erkannt und die Kinder und hatte ihnen dieHand gegeben – nicht zum Abschied, nein, zum Willkommen. Und gesagt hatte er, daß er wohl gewußt hätte, es sei nicht gut, im Venn von dem Wasser zu trinken, daß sie aber einen so argen Durst gekriegt hätten beim Torfaufsetzen in der großen Hitze, und daß sie gedacht hätten, es würde ihnen schon nicht schaden, die Soldaten hätten ja auch getrunken, oft schon da oben im Venn.
Also die Brunnen waren doch gut?! An denen hatte es nicht gelegen, daß der Mechernich und der Peter krank geworden waren. Venn-Wasser hatten sie getrunken, von dem rostigbraunen, mit Schaumblasen bedeckten, das oben in den Gräben steht, und vor dem man oft, sehr oft schon, ernstlich gewarnt worden war. Ei, wer nicht hören will, muß fühlen. Recht war ihnen eigentlich geschehen, ganz recht, warum hörten sie nicht auf das, was ihnen gesagt wurde?! Aber dem Leykuhlen war Unrecht geschehen. Wahrhaftig. Die Brunnen waren doch gut – gutes, reines, gesundes Wasser! Sie fühlten alle Scham. Wozu denn auch eine Wasserleitung?! Das Geld für die brauchte man wahrlich nicht herauszuschmeißen, wenn man selber so gute Brunnen im Dorfe hatte! Ein befreiendes Lachen ging durch Heckenbroich.
Als die Bürgermeisterin am Nachmittag aus der Vesper kam, fühlte sie, wie schnell sich die allgemeine Gesinnung geändert hatte. Die Grüße waren ehrerbietig, fast ehrfurchtsvoll. Wieder streiften sie viele Blicke, aber jetzt waren sie nicht unfreundlich, wie am Vormittag, es war wieder etwas von der alten vertraulichen Zuneigung in ihnen. Noch steckte in der Kirche die ganze Schwüle, die der Vormittags-Gottesdienst mit seiner Überfüllung darin zurückgelassen, aber man hatte sie jetzt nicht mehr in ihrer ganzen Unerträglichkeit empfunden. Ein befreiender Windstoß war in die bange Schwüle gefahren: die Brunnen waren gut, das Wasser von Heckenbroich war gesund,der Bürgermeister hatte doch recht getan, wer da von Wasserleitung noch redete, sprach dummes Zeug!
Es war ein Sonntagnachmittag, wie ein solcher lange nicht zu Heckenbroich gewesen war. Die Bauern schritten wieder ihre Weiden ab; sie hatten bisher nicht den Mut dazu gefunden. Am Ende stand’s doch nicht ganz so schlimm, wer weiß, wenn man jetzt bald Regen bekam, schlugen die verdorrten Wurzeln doch noch einmal aus. Die Witwe Höfen trieb sogar ihre Kuh auf ihr Stückchen Grasland, und das Tier fand doch noch ein Hälmchen zum Rupfen. Viele prüfende und sehnsüchtige Blicke richteten sich zum Himmel auf; alle Wetterkundigen ließen sich vernehmen. Aber noch war kein Regen in Sicht; wenn der kommen wollte, wehte der Wind ganz wo anders her, und dann stand das Kreuz der Marienley nicht so fern in goldigem Blinken, dann ragte es nah, zum Greifen nah, hob sich schwer aus den blauschwarzen Tannen auf einem weißwolkigen, unruhigen Hintergrund. Noch war nicht an Regen zu denken.
Wie immer versank die Sonne flammend im roten Venn, der Himmel glühte bis zum fernsten Streifen mit Rosen- und Goldgewinden. Purpurne Dämmerung sank nieder auf Heckenbroich.
Es kam die Nacht, heiß, unerquicklich, heute vielleicht noch dunstiger als all die Nächte vorher. Die Ferne blinkte nicht so golden, sie war mit einem grauen Hauch überzogen.
Und doch schliefen die Leute von Heckenbroich. Eine Ermattung war übers Dorf gekommen, die Ermattung der Beruhigung: wenigstens das Wasser war gesund, wenigstens die Brunnen waren tauglich!
Auch Leykuhlen schlief, nach vielen schlaflosen Nächten von einer tiefen Ermüdung befallen. Als Mariechen das Lichtausblies, hatte er noch mit ihr sprechen wollen, aber die Worte verloren sich ihm.
Es war ein köstlicher Traum, der seine Gedanken verwirrte – ah, wie es rauschte, so sanft und lind! Himmlische Musik! Es rauschte, als wollte es regnen. Er schlief, erquicklich wie lange nicht, von feuchtkühlenden Lüften bestrichen; vom gleichmäßigen Rauschen war sein Ohr umschmeichelt. Er lag und atmete tief und gleichmäßig, die Stirn glatt und erhellt im beglückenden Traum. Er hörte nichts vom hellen Ausruf seiner Frau; erst als sie ihn kräftig rüttelte, wachte er auf. War es schon Morgen?!
»Bärtes, et regent! Hör, wie et am Regnen is!«
Da war er mit gleichen Füßen auch schon aus dem Bett. Das war kein Traum. Es rauschte nicht nur in den Lüften, als wollte es regnen, nein, es regnete wirklich schon rauschend nieder in gleichmäßig-eindringlichem Fluß. Kein Donner und Blitz, kein plötzlicher Guß, der rasch wieder aufhört, wie er gekommen: das war Landregen. Der Himmel ohne Licht, alle Sterne verkrochen. Regen, Regen, Erlösung, Segen!
Beide Arme in den Regen hinausstreckend, gab der Mann seine offene Brust den schweren Tropfen und den kühlenden Lüften preis. Was nutzte alle Wetterkunde? Die Wetterkundigen hatten noch lange keinen Regen prophezeit, und nun war er doch da, ungeahnt gekommen über Nacht, weil er, der die Wolken macht zu seinem Wagen und dahinfährt auf den Flügeln der Winde, weil er geboten hatte, und siehe, es geschah!
Leykuhlens Blick flog hinüber zu den dunklen Umrissen der Kirche. Schimmerte da nicht schon ein Glanz? Nein, es war nur das Dämmern der ewigen Lampe, die rötlich durchs schwarze Fensterglas glimmte!
Er fuhr in die Kleider. Auf der Straße war es schon lebendig. Das war ein Geschwatz und Gelächter, ein Rufen und Laufen, ein Rappeln, ein Schleppen mit Kübeln und Fässern im Morgengrauen. Die Leute fingen den Regen auf. Nur notdürftig waren sie bekleidet, aber mit Wonne ließen sich Männer und Weiber naß regnen bis auf die Haut. Das war ein Genuß. So hell hatten die Stimmen lange nicht geklungen. Man patschte durch die dunklen Regenpfützen, man öffnete die Stalltüren, ließ auch dem Vieh einen Mund voll der köstlichen Luft zukommen; trat einer in eine der Pfützen, die sich mit Zauberschnelle gesammelt hatten, so daß sie hoch aufspritzte, wurde sein Gelächter erst recht hell.
Ein Bann war gelöst. Die Dürre, die so lange Zeit mit eisernem Reifen Land und Leute umspannt hatte, war gewichen. Wie befreit dehnte sich die Brust und das Herz in ihr. Es regnete, es regnete!
Als Leykuhlen hinter seiner Hecke hervortrat, bemerkten sie ihn gleich: de Burjermeester, de Burjermeester! Sie umringten ihn. »Et räent, Hähr Burjermeester, et räent jo! Dat is jot!« In den rauhen Stimmen war’s wie ein Jauchzen. Sie begrüßten ihn, sie machten sich an ihn heran; die Männer schüttelten ihm die Hände, die Weiber schwatzten auf ihn ein, es war ihnen allen die Zunge gelöst. Daß sie ihm noch am gestrigen Tage ernstlich gegrollt hatten, das wußte kein Mensch mehr. Sie sahen ihn an, als sei er der, der den Regen gemacht hatte.
Leykuhlen stand unbedeckten Hauptes inmitten seiner Getreuen. Der Regenwind schnob daher und spielte mit seinen Haaren. Es überrieselte ihn, er empfand die Kühle wie einen heiligen Schauer. Sein Herz war übervoll einer gewaltigen Freude: da war ja der Regen! Und das Zeichen, das er begehrt hatte! Über ihn rann der Guß und badete ihm Gesichtund Seele. Er mußte an sich halten, seine Würde wahren, sonst hätte er laut herausgeschrieen wie ein Knabe, in höchstem Jubel: die Brunnen waren doch gut, und er hatte doch recht getan! Gott sei Dank! Er neigte die Stirn, die der Regen wusch; er fühlte den Finger Gottes.
Zur Kirche! Schon läutete es zur Messe. Die Fenster wurden helle vom ersten scheuen Morgenschein, der das feuchtdampfende Land, die triefenden Hecken, die getränkten Matten nun noch deutlicher zeigte. Wie mit freundlichen Augen lugte die Kirche von Heckenbroich; ihre Türen öffneten sich weit. Es eilten die Männer, die Frauen, die Alten und die Jungen, das ganze Dorf strömte herbei.
Weit ins morgendämmernde Land hinaus durchs offengebliebene Portal brauste Orgelklang. Der Bürgermeister hatte nicht erst beim Pastor angefragt, eigenmächtig hatte er den Lehrer auf den Chor hinaufbeordert, der Bälgetreter mußte eilends herbei, nun hieß es, alle Register gezogen. Es rauschte und brauste mit Jubelgetön: Gott den Dank, allen Heiligen den Preis. Der Bürgermeister selber mit all seiner Lungenkraft intonierte dasTe deum laudamus: