IV

IV

»Et is ’ne Skandal,« sagte Bürgermeister Leykuhlen zu seiner Frau, als er auf dem Ledertuchsofa in der Stube den Sonntagsnachmittagskaffee trank.

Sie sagte nichts, sie strich ihm nur ein Stück Blatz, schenkte ihm noch einmal ein und setzte sich dann auf ihren Stuhl am Fenster. Da lag auf dem Nähtisch, sorgfältig in sauberes Leinen eingeschlagen, die Altardecke, die bald fertig sein mußte; an der sie stickte, oft halbe Nächte, damit die aufliegen konnte zu Pfingsten, wenn die Waller auszogen zu den Prozessionen nach Heimbach und Mariawald oder anderswohin zu heiligen Orten. Aber heute stickte sie nicht, so sehr es auch drängte; heute war Sonntag, heute hielt sie ein Andachtsbuch in den Händen.

»Et is ’ne Skandal, Marieche,« sagte Leykuhlen wieder, und dann, als sie noch nichts darauf erwiderte, zum dritten Male: »’ne Skandal, Marieche!«

Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick an: mit was war es denn ein Skandal? Sie wußte nicht genau, meinte er damit seinen jetzt ständigen Ärger mit dem Landrat, oder seinen Ärger mit den Gemeindeältesten, oder ärgerte ihn draußen das Wagenrollen und Hufegeklapper auf der früher stets so sonntäglich-stillen, nur zur Zeit des Hochamts- oder des Vesperläutens belebten Straße?!

Eben rasselte schon wieder ein Wagen vorüber, er streifte fast die Hecke.

»Dat Fraumensch!« Der Bürgermeister fuhr vom Sofa auf. »Zapperlot, sind se denn all jeck?«

Seit das Lager oben voller Militär lag, war dieses Vorbeirasseln des Bürgermeisters steter Ärger. Was ging es ihn an, wenn die Herren sich unten volltranken und ihre Taler ausgaben, als wären es Pfennige?! Aber das wurmte ihn, daß hier im Lande Eine sich finden ließ, die den Herren so gefällig war, daß die es sogar riskierten, sich die Hälse zu brechen, wenn sie toll und voll durch die Nacht heimritten oder -fuhren. Leykuhlen lachte zornig auf: das fehlte noch, daß sich noch mehrere fänden, die es der da unten nachmachten! Ach ja – er seufzte – es war leider nicht mehr so wie früher! Im Rücken die Sträflingskolonie – von der einen Seite das Lager – von der anderen die Helene – eine böse Umzingelung für Heckenbroich! Daß der Teufel alle miteinander hole!

»Du mußt nit eso auf dat Lenche kiefe, Bärtes,« sagte die Frau. »Janz allein is dat nit schuld. En lustige Flieg war die als in der Schul. Aber hätten wir dat Lager nit herjekriegt, so wär dat doch nit mit ihr jeworden. Dat Militär is dran Schuld. Unsren Mädcher kucken se auch als nach. Un die?!No, du sollst emal sehen, wat dat is, wenn die Soldaten hier langs kommen! Alles am Tor! Un die Kerls lachen und pfeifen und werfen Kußhändcher, un uns Mädcher machen ’ne Hals – eso lang! Du mußt et dem Herr Pastor sagen, dat de ens davon predigt. Wo Militär hinkommt, da is auch leicht Malheur!«

»No, Marieche! Hätten wir den Militärübungsplatz nit hier oben und nit dat viele Jeld für unser Land jekriegt, wir hätten auch unsre neue Kirch nit bauen können, unsre schöne neue Kirch. Dat war uns ja, wie ’ne Jnad von Jott, dat viele Jeld. Un da hat jeder jern jejeben für den heiligen Zweck – aus freien Stücken, aus Dankbarkeit. Un wat mein Vater sich immer jewünscht hat, un wat er immer zu mir jesagt hat, als ich noch ’ne dumme Jung war – ›En neue Kirch, et is en Schand, dat wir noch kein neue Kirch han!‹ – un wat dein Vater, unser alter Bürjermeister, anjestrebt hat zeit seines Lebens, dat hat sich nu realisieren lassen, dat haben wir jetzt!« Er war über dem Sprechen rot geworden in einer freudigen Erregung.

Ja, freilich, die Kirche war schön, die war ein Werk, auf das man stolz sein konnte. Weit hinein ins Land ragte sie, ein stolzer Dom, stattlicher als manche Stadt sie aufwies, aber – ein leichtes Sinnen ging über der Frau Gesicht – hatte man denn nicht auch in der alten und kleinen Kirche gut beten können? Sie stand auf und legte mit einem Lächeln ihrem Mann die Hand auf die Schulter: »Bärtes, wenn ich drüber nachdenk, die heilige Jungfrau, die Heiligen all haben uns auch in der alten Kirch gehört!«

Da sah er sie ganz bestürzt an: das sagte Mariechen?! Die kam ja bald mit dem Landrat überein, der ihm immer und immer zu hören gab, wieviel vernünftiger es gewesen wäre, lieber eine Wasserleitung zu bauen, eventuell ein Krankenhausoder anderes Gemeinnütziges. Er lachte bitter auf: »Für das viele Geld!« sagte der Landrat! Gelangt hatte das Geld doch nicht, Schulden waren doch noch übrig geblieben vom Kirchenbau. Aber Strich darunter und gesehen, wie man die Schulden abgezahlt kriegte mit der Zeit! Er ärgerte sich heut fast zum ersten Mal über sein Mariechen: wie konnte sie so etwas Dummes sagen?!

Er verließ die Stube und ging eilenden Schritts über den Kirchplatz hinüber zum Pastorat. Beim Pastor, hinter der dicken Mauer, hörte man das verdammte Wagengerassel nicht so. –

Nicht nur zu Wagen und zu Pferd, auch zu Rad und zu Fuß kamen die Herren vom Platz die lange Dorfstraße herunter. Man mußte hinunter, auf jeden Fall, es war zum Blödsinnigwerden oben auf der Heide; rein stumpfsinnig wurde man bei dem steten Einerlei. So viel man auch schon vom Truppenübungsplatz hatte munkeln hören, so trostlos hatte man es sich doch da nicht vorgestellt. Das war ja ein Sibirien, eine Verbannung. Nichts als Venn, endloses Venn, Moor und Himmel. Und die Mädchen, die man ab und zu bei Ritten durch das Dorf vor Augen bekam, waren blöd und unzugänglich, stupide Kreaturen. Ein Glück nur, daß die lustige Witwe unten auf einen guten Keller hielt und auch auf die nötige Laune. Sie setzte zwar etwas reichlich an, mit der Zeit würde sie recht fett werden, auch konnte sie mitunter fast lästig sein in ihrer Liebenswürdigkeit, aber –! Wenn die Helene nicht wäre, weiß Gott, man hätte sich aufhängen können am krummen Ast. Ein Teufelsweib, so blond sie war, und so naiv sie auch tat! Achtung, sonst kam man ihr nicht wieder aus den Krällchen!

Egon von Scheffler gab dem kleinen Abeking einige Verhaltungsmaßregeln. Sie hatten sich zusammen mit einem Stabsarzt und mit einem Leutnant, dem AbkommandiertenSchmidt von den Deutzer Kürassieren, das Break vom Wirt an der Bahn gemietet; sämtliche Krümperwagen waren längst voraus vergriffen gewesen. Der Wirt würde zwar wieder gehörig schinden – oh ja, es kam heute schon waszusammenmit der Rechnung bei Helenchen, aber – na, man mußte den Leuten doch was zu verdienen geben! Nicht nur Manieren, auch Geld brachte man in diesenentlegenenErdenwinkel. ›Das Militär ist ein Hauptfaktor der Zivilisation!‹ Exzellenz hatte das neulich in seiner Rede beim Liebesmahl im Kasino sehr energisch betont.

Abeking hatte anfänglich ein wenig beklommen dagesessen, er hatte weder soviel Geld wie der reiche Schmidt, der Sohn eines Großindustriellen, noch war er so leichtlebig wie der Adjutant von Scheffler. Aber die Sonne schien hell, Sonntag wars, und man konnte sich doch nicht gut ausschließen, wenn die so viel älteren Kameraden aufforderten. Und dann – zwar hätte ers sich nicht einmal eingestanden – sein Herz klopfte, wenn er des schönen Weibes im Weißen Schwan gedachte. Es verdroß den jungen Leutnant immer, wenn er die anderen in so leichtem Ton von ihr sprechen hörte. Der Respekt verbot ihm, ihnen über den Mund zu fahren, aber, weiß Gott, kalten Blutes hätte er Scheffler zuweilen niederknallen können, respektloser konnte man ja von einer Viehmagd nicht reden! Wenn ihnen Helene nicht salonfähig erschien, warum rannten sie denn alle hin?! Mochten sie doch wo anders hingehen und ihm das Feld allein überlassen!

»Warum starren Sie denn so finster drein, Abeking?« fragte Scheffler und lachend sagte der Kürassier: »Er ist schon eifersüchtig!«

»Keine Spur!« Der junge Leutnant bemühte sich, das ganz ruhig zu sagen, aber er warf die Lippen auf wie ein schmollender Knabe. Die beiden Gewitzten lasen ihm die Gedankenvom Gesicht ab wie aus einem offenen Buch. Heiliges Kanonenrohr, Abeking war wirklich ernsthaft in die Helene verliebt. Wie finster er immer die Brauen zusammenschob, wenn von ihr die Rede war, und Blicke schoß er, die Dolchstößen gleichkamen!

Nun machten sie sich ein Vergnügen daraus, immer wieder und wieder von Helenchen zu reden. Alle die Liebhaber, die sie schon gehabt hatte, – Militär und Zivil, – wurden der Reihe nach aufgezählt. Der Stabsarzt hatte auch zu ihnen gehört; jedenfalls ließ er sich’s ruhig gefallen, als man in der langen Reihe auch seinen Namen nannte, und widersprach nicht. Hier oben war wenigstens das eine Gute: hier, fern aller Zivilisation, brauchte man sich nicht den gleichen Zwang auferlegen, wie anderswo.

»Abeking,« schrie Scheffler laut, um sich im Rasseln der Räder, die mit einem furchtbaren Lärm über die schlechtgepflasterte Dorfstraße rollten, verständlich zu machen, »nichts für ungut, einen famosen Geschmack haben Sie aber doch entwickelt! Beichten Sie mal, wie weit sind Sie denn mit ihr gekommen? Schreibt sie Ihnen auch schon Briefchen? Vorigen Sommer, der Radebruk, konnte ein paar Dutzend aufweisen!«

»Radebruk – Radebruk?!« stammelte der Eifersüchtige nach und sah wild um sich.

»Ja wohl, Radebruk, Hauptmann von Radebruk! Sie wissen doch, der bei den Saarlouiser!«

»Der –?« Abeking atmete erleichtert auf. »Der ist ja verheiratet!«

»Na, wenn schon!« Scheffler brach in ein Gelächter aus, und dann wechselte er mit den anderen beiden Herren Blicke: oh diese Unschuld! Aber sie sagten nichts mehr, kränken wollten sie den jüngeren Kameraden denn doch nicht.

Nun waren sie auf weicherem Boden, das Rädergerasselhatte aufgehört, das Dorf lag ihnen im Rücken; in großen Kehren schlängelte sich die Chaussee zwischen mächtigen Tannen und Mattengrün hinab zur Au. Noch verdeckten die Riesentannen den ragenden Schornstein der Schmölderschen Fabrik. Schroff, scheinbar noch von keinem Fuß betreten, reckten Felsklippen ihre grauen Fratzen vom Waldhang jenseits; silbern, in Sprüngen und Sprüngchen, plätschernd, murmelnd, glucksend hüpfte ein Forellenbach zu Tal. Die Landschaft war wild und doch lieblich, aber keiner der Herren im Wagen hatte heute ein Auge dafür.

Selbst Abeking nicht; wenn er auch nicht schlief, wie der Stabsarzt, und gelangweilt gähnte, wie Schmidt und Scheffler, die eine Zigarette nach der andern ansteckten. Er überlegte, wie er es anfangen sollte, mit der schönen Helene einmal allein zusammen zu sein. Ob er’s versuchte, die andern zu überdauern? Aber wie kam er dann wieder herauf, ins Lager zurück? Nun, so schlimm würde das nicht sein, zu Fuß einfach. Er verkrümelte sich eben ein bißchen, ließ sich nicht eher finden, als bis die anderen abgefahren waren – um Eins spätestens hatte Scheffler dem Wirt versprochen, ständen seine Gäule wieder im Stall – nun, und wenn sie dann alle glücklich weg waren, dann – dann –! Er hatte sie ja ewig nicht unter vier Augen gesprochen; seit dem Tode ihres Mannes überhaupt noch nicht. Er hatte ihr einen Kondolenzbrief geschrieben, ein schweres Stück Arbeit – kondolieren konnte man ihr ja eigentlich nicht, es war doch eine Erlösung für sie, daß sie den Säufer losgeworden war – aber sie hatte ihm nicht darauf geantwortet. Hatte er sie etwa beleidigt dadurch? Sie war doch sonst stets für Offenheit, eine ehrliche Natur, die sich gab, wie sie war, nicht besser, nicht schlechter. Das imponierte ihm ja gerade so.

Ein Husten Schefflers und ein Schimpfen von Schmidtschreckten ihn aus seinen Gedanken auf; auch der Stabsarzt fluchte. Sie waren in eine Wolke von Staub geraten; wie graues Mehl flog er, von Rädern und Hufen aufgewirbelt. Hier mußte die reine Völkerwanderung gewesen sein. Und nun kam auch noch ein Tuten den Berg herab. Wie ein Ungetüm sauste ein belgisches Automobil hinter ihnen drein, kaum daß der Bauernbursche auf dem Bock noch zur Seite lenken konnte. An den entsetzten Pferden flog es vorbei im Hui. Unwillkürlich waren die Herren im Wagen aufgesprungen: das fehlte auch noch, ein Auto! Und natürlich auch zur Helene – verdammt! Sie schimpften laut hinter dem Automobil drein, das längst nicht mehr zu sehen war, ihnen nur einen pestilenzialischen Benzingestank hinterlassen hatte.

»So fahren Sie doch, Kerl, fahren Sie zu in drei Teufels Namen!« brüllte der Adjutant den Kutscher an.

Der Wallone antwortete nicht, er tat, als verstände er kein Deutsch; ganz gemächlich setzte er sich wieder in Fahrt. Lange nach dem Automobilisten kamen sie im Städtchen an.

Im Weißen Schwan war es sehr lebhaft. Die tiefen Fenster des Speisesaals standen geöffnet, die Gardinen blähten sich im Zugwind; Tür und Fenster gegeneinander auf, denn es war drinnen voll und heiß. Es hatten schon welche zu Mittag gegessen und waren jetzt, zwischen Mokka und Maibowle, beim Skat; andere wollten noch dinieren, viele bestellten schon Abendbrot. Und zu trinken, alle zu trinken.

Ein Aushilfskellner im schmierigen schwarzen Jackett und der Hausknecht mit groben Fäusten rannten gehetzt hin und her. Jean, das Faktotum, das jeden Gast kannte, empfing mit vertraulichem Nicken die Wünsche der Kunden.

»Unverschämter Kerl!« murmelte Scheffler, als der Kellner die Achseln zuckte: »Bedaure sehr, Herr Oberleutnant, hier ist alles besetzt,« zugleich aber mit bedeutungsvollem Augenzwinkernauf ein verstecktes Türchen neben dem Büfett wies.

»Dreister Halunke!«

»Wie der Herr, so’s Gescherr,« sagte der Stabsarzt. Aber sie stapelten doch durch das versteckte Türchen in einen engen und dunklen Gang und durch diesen auf das heimliche Zimmer los.

Es war nicht leer, wie sie dies Privatgemach der schönen Helene zu finden erwartet hatten. Der kleine Sofatisch war in die Mitte gerückt, sechs Einjährige zwängten sich darum. Und zwischen ihnen, dicht Schulter an Schulter, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, die schöne Helene. Eine Riesenbowle stand auf dem Tisch, der Sektkühler auf dem Boden – aha, die mußten es sich hier ja schon recht wohl haben sein lassen!

Vor dem musternden Blicke der Offiziere sprangen die sechs auf wie ein Mann. Hand an der Hosennaht, den Hals steif wie in Eisen, standen sie so stramm, wie sie nur konnten. Ihre vom Wein geröteten Gesichter wurden jetzt noch röter.

Der Adjutant winkte ab, aber er tat es mit geheimer Wut: grüne Jungens, wie konnten die sich unterstehen, sich hier so breit zu machen! Ein zorniger Blick streifte die Wirtin.

Helene saß auf ihrem Stuhl und lachte, lachte, daß sie sich schüttelte. Der Schreck von den armen Jungens! Haha, das war zum Totlachen, das war ein Spaß! »Hahahaha!« Sie konnte gar nicht aufhören mit Lachen. Keine Spur von Verlegenheit zeigte sie; Schefflers zornigen Blick mit einem ganz harmlosen erwidernd sprang sie jetzt auf und auf die Neugekommenen zu: »Tag zusammen, Tag, Tag!« Dann machte sie den Einjährigen einen Knix und zeigte ihnen lachend ihre weißen Zähne: »Adjüs, meine Herren!« Ihnen den Rücken kehrend und die Zungenspitze zwischen den Zähnen vorstreckend, sagte sie dann ziemlich laut: »Jott sei Dank, die Jüngeskens wurden mir als langweilig. No, Kinder, nu kommt!«

Die Tür mit dem Fuß aufstoßend und ihre Freunde vor sich hinausschiebend, schwatzte sie: »Laßt mir aber die armen Jüngeskens in Frieden, die wollten sich auch emal ’ne jute Tag machen. No, Herr von Scheffler, sind Sie bös mit mir, Sie kucken mich heut ja jar nit an?« Sie wollte sich an ihn heranmachen.

Er raunte verlegen und ärgerlich: »Ruhig doch! Du bist ja schon beschwipst!« Und laut sagte er: »Gehen wir lieber, meine Herren, hier ist ja kein Platz. Sehen wir zu, wo anders unterzukommen!«

Das wollte Helene nun um keinen Preis zugeben. Ehe sie ihre Herren gehen ließ, schmiß sie lieber die Einjährigen, die dummen Jungens, heraus, so leid es ihr auch um die tat, und so gut die auch verzehrt hatten. Ihre Herren Offiziere ließ sie nicht: »Nee, nee, nee!« Fast weinend verstellte sie ihnen den Weg.

Abeking fühlte den Ärger hinschmelzen, den er empfunden hatte, als er sie so intim mit den Einjährigen hatte sitzen sehen. Aber Scheffler und Schmidt blieben hart, bis der Stabsarzt einen Vergleich vorschlug: »Die Helene hat in unsere Stube Fremde reingelassen, Einjährige noch dazu, zur Strafe darf die Helene sich heut an keinen anderen mehr kehren, sie muß sich verpflichten dazu. Bei uns sitzen bleiben muß sie, ’nen Schwank aus ihrem Leben erzählen – was, Helenchen, das paßt Ihnen so? Und trinken soll sie mit uns, ’ne Pulle Sekt trinken, was?«

»Och, warum denn nit? Jern!« Die hübsche Frau lachte hell auf. Sie blitzte mit ihren kecken Augen ihren einstmaligen Verehrer zärtlich an: »Wahrhaftigens Jott, der dicke Stabsarzt is doch noch der allernettste, jar nich jleich so krabitzig wie jewisse andere Leut!« Sie machte ein Mäulchen.

Der junge Leutnant hätte ihr am liebsten einen Kuß daraufgedrückt – so lange hatte er keine weichen Lippen unter den seinen gefühlt. Nervös zwirbelte er an seinem schüchternenSchnurrbärtchen,sein hübsches Gesicht wurde knabenhaft rot.

Scheffler und Schmidt aber waren gewiegte Diplomaten, so leicht ließen sie sich nicht herumkriegen, da mußte die Helene erst noch ganz andere Seiten aufziehen.

Es war ein langes Parlamentieren auf dem engen, fensterlosen Gängelchen zwischen Privatgemach und Eßsaal. Keiner konnte den anderen recht sehen. Aber Abeking glaubte zu fühlen, daß Helene sich dichter an ihn drückte, als suche sie bei ihm den nötigen Beistand. Verstohlen legte er den Arm hinter sie und legte ihn leicht um ihre Taille; da trat sie ihm bedeutungsvoll auf den Fuß. Der ganze enge Gang war voll von ihrer Wärme, ihre Röcke raschelten, ihr gekraustes Haar kitzelte ihn unter der Nase.

»Na, denn man los,« sagte Scheffler und stieß die Tür nach dem Eßsaal auf. »Blödsinnige Luft hier in dem engen Loch!«

Abeking fand das gar nicht.

Aber wo sollten sie nun Platz nehmen? Helene schlug den Tisch draußen an der Haustür vor, der war noch frei, aber Scheffler sagte ziemlich unverblümt: »Verrückt! Ich werde mich doch nicht mit d..« das ›dir‹ unterdrückte er noch rechtzeitig, räusperte sich und verbesserte: »mit meinem Wein auf die offene Gasse setzen!«

Helene hatte wohl gemerkt, was er eigentlich hatte sagen wollen, sie bekam einen roten Kopf, aber sie zeigte keinerlei Empfindlichkeit. Sie rief den Hausknecht, und er mußte die großen Efeuwände herbeischleppen, die, in Ermangelung eines Gartens, mit ihrem verstaubten Grün die Wände eines winzigen dumpfen Höfchens maskierten. Jetzt wurden sie vor dem Tisch auf der Gasse ausgestellt, man saß dahinter wie in einerversteckten Laube. Und sogleich war die nötige Stimmung hergestellt.

Der übelgelaunte Scheffler ließ seine Mißstimmung fahren. Schmidt erzählte Anekdoten aus seiner Vaterstadt Köln, nicht gerade salonfähige, aber höchst scherzhafte. Der Stabsarzt, ein Pommer, blieb an Derbheit nicht zurück; es waren gepfefferte Geschichten. Der kleine Leutnant verwunderte sich eigentlich, daß Helene darüber so lachen konnte. Nun, sie war eben noch recht naiv, verstand er doch sogar die Pointen nicht einmal alle.

Um die hochgegiebelten alten Schieferdächer mit ihren vorgebauten Bodenluken, zu denen einst der überall auch jetzt noch vorhandene Krahnen die Warenballen aufgehißt hatte, fingen die Fledermäuse an zu flattern. Sie hatten hier Schlupfwinkel genug. Lauter schien der Fluß in seinem engen Bett, eingepreßt zwischen Fels und Häuserzeile, dahinzugrollen. Oben auf der Kirchhofsley lag noch Sonnenglanz, man sah die Kreuze der Gräber scharf-umrissen in den Aether ragen; hier unten in der Gasse vor der Wirtshaustür war es schon ganz dämmerig. Das helle Gesicht der Frau über dem schwarzen Trauerkleid schimmerte nur mehr wie ein weißer Fleck.

Den jungen Offizier fröstelte es plötzlich wie damals, als er hier zum Begräbnis gewesen war – sterben, ah, schrecklich! Ob denn keiner an den einstmaligen Wirt mehr dachte? Der lag nun dort oben, und seine Frau lachte hier unten. Noch nicht viel länger als ein Vierteljahr war’s her – wie rasch man vergessen wird! Er dehnte sich mit einem Seufzer, lehnte im Stuhl hintenüber und starrte in die Höhe, am hohen Giebel des Schwan, um den wieunruhigeGedanken im Zickzackflug fortwährend dunkle Fledermäuse flatterten, empor, und weiter hinauf in den dunstigen Abendhimmel. Der Abendstern zeigtesich im Gewölk, aber er rutschte fort, hinter das alte Burggemäuer. Kein Stern stand über diesem Haus.

»Sind Sie müd, Herr Leutnant?« Helene legte ihm die Hand auf den Arm.

Er war blaß geworden; nun erschrak er: »Ah, Pardon, was sagten Sie?«

»Ob Sie müd sind?« Ganz nah reckte die Frau ihr lächelndes Gesicht an das seine, aus nächster Nähe sah er ihre glitzernden, schimmernden Augen. Unterm Tisch fühlte sie nach seiner Hand. Er preßte die ihre mit heftigem Druck und behielt sie in der seinen.

Was fehlte ihm denn? War er schon betrunken oder war er plötzlich toll geworden? Die älteren Kameraden sahen nach ihm hin.

Abeking war aufgesprungen. Das Sektglas hochhebend, den Kopf hintenüber geworfen, rief er laut: »Ein Pereat den Toten! Wir leben und lieben – prost, schöne Frau, auf Ihr Spezielles!«

»Pröstchen, pröstchen!« Die Sektgläser klingelten.

»Sie sind ja en ganz höll’scher Kerl,« sagte der Pommer.

Helene fühlte sich sehr geschmeichelt, sie zeigte ihre weißen Zähne: das war mal ein netter Junge, den sie wohl leiden mochte!

Sie waren schon mit der zweiten Flasche zu Ende. Helene klatschte in die Hände, da erschien auch bereits die dritte, in Eis gekühlt.

»Wenn das so weiterjeht, sind wir all voll bis Mitternacht,« sagte der Kölner.

»Ich empfehle mich für ein halbes Stündchen, meine Herren!« Scheffler stand auf. »Ich muß noch einen Besuch machen. Ich habe es versprochen. Ich muß mich erkundigen, wie den Damen Schmölder ihr neulicher Besuch zur Besichtigungdes Lagers bekommen ist!« Er grüßte leicht die Kameraden, drohte Helene mit dem Finger und ging dann davon, schneidig, eine elegante Offizierserscheinung. Seine schlanke Gestalt verschwand schnell im dunkelnden Gäßchen.

Der Stabsarzt und Schmidt spöttelten hinter ihm drein: der ging auf Freiersfüßen! Na, der Schwiegervater in spe würde auch keine besondere Freude haben, wenn er mit dem roten Kopf ankam! Und so spät war’s, acht Uhr fast! Aber freilich, hier brauchte man’s nicht so genau zu nehmen – Entfernung, Dienst, Überbürdung selbst am Sonntag – es ließen sich so viel Entschuldigungen finden. Die Leutchen freuten sich am Ende immer noch, wenn der schöne Adjutant von Scheffler erschien!

»No,« sagte Helene und warf die Lippen auf, »dat weiß ich doch noch nit so jenau. Der Heinrich Schmölder is lang nit so dumm, als wie ihr denkt. Helau!« sie legte den Daumen auf die Nase und spreizte die übrigen Finger der Hand. »Der weiß janz jenau, dat et auf sein Portemonnaie abjesehen is! Der Ladewig, der Ladewig –« sie fing plötzlich an zu singen – »de hat dat jrößte Portemonnaie!«

Keiner machte »sst!« Nun Scheffler fort war, nahmen sie gar keine Rücksicht mehr; die Helene hatte sowieso schon einen Spitz, und dann war sie am alleramüsantesten. Bald war die dritte Flasche Sekt geleert. Nun trank man Bowle.

Währenddes saß der Adjutant bei Schmölders. Die Familie hatte sich eben zum Abendbrot setzen wollen, er wurde eingeladen, mitzuspeisen. Es gab Rehbraten; Herr Schmölder hatte das Reh selber geschossen, er war ein großer Nimrod. Oben der Waldbestand um die Fangeuse war sein eigenes Revier, leider nur ein zu kleines; er hätte gern alles andre drum herum noch dazu gepachtet. Aber ein Teil des Forstes gehörte dem Fiskus, der andere der Gemeinde Heckenbroich, und mitden Kerls war ja nichts zu machen, die forderten ja jetzt eine Pacht – eine Pacht! Schmölder zitterte vor Ärger, als er dem Offizier von den habgierigen Bauern erzählte.

»Und da is der Leykuhlen dran schuld, niemand anders als der – für ein Butterbrot hat sie mein Vater früher jehabt – aber der, der möchte Jott weiß wieviel Jeld zusammenschrappen für seine Jemeinde! Nur um die Schulden zu bezahlen, die sie haben von dem verfl..... Kirchenbau her!«

»Aber Schmölder!« Ganz erschrocken starrte ihn seine Frau an; es war ihr schrecklich, daß ihr Mann so sprach.

»No ja, ja,« – er lenkte ein, als er das entsetzte Gesicht seiner Frau und die flehenden Blicke seiner Tochter sah – »na, was ich sagen wollte! No, ja, seit die Bauern oben die Riesenkirche jebaut und sich deswegen Schulden auf den Hals jeladen haben, soll ich der dumme Peter sein, der sich von ihnen über den Löffel barbieren läßt. Aber ich biet nit mit bei der Jagdversteigerung – sie werden ja sehen, wie sie sitzen bleiben!«

»Das ist aber doch schade, zu schade, um die famose Jagd!« Herr von Scheffler bedauerte lebhaft. Er hatte es sich schon so fein ausgedacht, mit dem Schwiegervater auf diesem großartigen Terrain zu jagen. Betroffen sah er auf seinen Teller nieder: das war entschieden eine Lockung weniger. Aber dann dankte er mit verbindlichem Lächeln der Frau des Hauses, die ihm noch einmal Rehbraten anbot: »Danke sehr, gnädigste Frau – o nein, ich esse gar nicht wenig, aber bei der Hetzerei oben gewöhnt man sich eben das Essen ein wenig ab. Man hat ja nie Zeit!«

»Haben Sie denn soviel zu tun, Herr Oberleutnant?« fragte errötend Hedwig. Sie errötete heute in einem fort. Ohne jeden Grund, wie Josef feststellte. Sonst mochte er die junge Nichte gern, sie hatte sich mit offener Zuneigung ihm angeschlossen,aber heute gefiel sie ihm nicht. Wie konnte ein Mädel wie Hedwig, das mal gewiß seine drei, vier Millionen kriegte und vor allem ein gutes, hübsches Kind war, gleich so den Kopf verlieren, wenn eine bunte Jacke mit aufgewichstem Schnurrbärtchen auf der Bildfläche erschien?! Das war doch zu dumm! Er nahm sich vor, ihr einmal ins Gewissen zu reden. Aber vorderhand war nichts zu machen.

Wenn auch beide Vettern Schmölder mit ziemlich verdrossenen Mienen die brillante Unterhaltung des Leutnants über sich ergehen ließen – er sprach von Bällen, von Ritten, von Vorgesetzten, von Kameraden, von Pferden, von Avancement – die Tochter errötete, lächelte und strahlte. Und auch die Mutter schien lebhaftes Wohlgefallen an dem hübschen Offizier zu finden: das war doch kein oberflächlicher grüner Junge mehr, das war ein ernsthafter, tüchtiger, liebenswürdiger Mensch, aus gutem Hause, und trotz seines Adels strebsam und solide gesinnt!

Scheffler empfahl sich bald nach dem Abendbrot. Er bedauerte unendlich, aber er mußte fort: morgen in aller Frühe schon Dienst, er hatte nur nicht versäumen wollen, in der ihm so knapp bemessenen Zeit den Damen wenigstens seine Aufwartung zu machen. Mutter und Tochter gaben ihm das Geleit bis zur Gartentür.

Der Vater war abgerufen worden; der Verwalter oben von der Fangeuse war da, er hatte den Herrn Schmölder dringend zu sprechen verlangt.

Josef war hinter den Damen hergeschlendert. Kein Mensch kümmerte sich um ihn; er kam sich überzählig vor.

Am Himmel, den man hier nur wie in einem Ausschnitt sah zwischen Tannen, Felsen und alten Giebeln, flimmerten jetzt die Sterne. Dies reich bestickte Tuch würde sonst sein Auge entzückt haben, heute sah er es nicht an. Der Garten,der im Schutze der Felswand, die jeden Mittagssonnenstrahl auffing, grünte und blühte und duftete in fast südlicher Fülle, war eine Oase mitten im herben Eifelland; aber heute steckte Josef seine Nase nicht in die üppigen Fliederbüsche. Den roten Piruszweig, der sich über den Weg streckte, stieß er unsanft beiseite. Er war verdrießlich, unangenehm von allem berührt; so tödlich gelangweilt vom Geschwätz am Abendtisch, daß er am liebsten auf und davon gelaufen wäre. Aber wohin? Kein Geld, keine Stellung, kein Platz, der sein eigen war – es war zum Verzweifeln. Und das Geschwätz ging an der Gartentür noch immer fort! Zornige Ungeduld übermannte ihn. Es war ein Aufbäumen in ihm gegen die Enge, gegen die Kleinlichkeit, und doch fühlte er’s mit heftiger Schmerzlichkeit: nie, nie kam er wieder hier heraus! Hier wurde er festgehalten durch eigene Schuld, hier war er begraben mit Haut und Haar, mit allem, was in ihm war an höherem Flug, und er selber hatte sich die Grube gegraben. Drin liegen bleiben mußte er nun, verrotten bei lebendigem Leibe. Dieses verdammte Geschwätz!

Des Leutnants Rede ergoß sich. Cousine Schmölder sagte nur zuweilen: »ah« und »oh« und »wie nett!«, und das kleine Mädchen lachte glückselig-verlegen dazu.

Josef drehte kurz um und ging ins Haus zurück. Lieber den Garten missen, als sich so die Laune verderben lassen! Pfeifend, die Hände in den Taschen seines braunen Sommerjacketts, schlenderte er ins Wohnzimmer.

Da saß Heinrich auf dem Sofa in seiner alten grünen Tuchjoppe, und der Mann von der Fangeuse stand vor ihm und drehte verlegen seinen Hut in den Händen.

»Also, kurz, warum kündigt Ihr mir?« sagte Schmölder knapp. »Macht nit so viel Worte – also warum?«

»Herr Schmölder, Ihr müßt entschuldigen, et wird mirschwer, Uech zu kündige, Herr Schmölder. Ich war ooch janz jern oben, ich hatt nühst zu klage. Äwer dat Settche will’t nu absolut nit mieh, et saat, et wär him zu afjeleje do. Un der Schollweg is zu wiet für ose Jung. Im Winter kann hä jo jar nit hinjonn. On zu Ostere kömmt oß Mädche ooch in Scholl. Drei Jahr hammer et do owen usgehaalde, länger als de vürige do is bliewe. Do is keen Dorf on keen Huhs, kee menschliche Seel! Bis Heckenbroich is et so wiet, un jut drei Stund hammer no ’r Kirch. Nit ens Erdäppel könne mer trecke,[6]de Säu wühlen alles up. On de Hirsch kömmt bis in ’ne Jart[7]– Herr Schmölder, Ihr wißt doch noch, dat Ihr selwer eine jeschosse habt aus oser Kammerfenster? Nix för unjut, Herr Schmölder, ich hätt Uech nit jekündigt, äwer dat Settche will absolut nit mieh bliewe. Et saat, wir sind zu wiet von Kirch on Scholl, dat jeht nit mieh, mit dene Köngd!«

»Zum Kuckuck, so laßt se doch nit nach Kirch un Schul jehen,« schrie Schmölder. Er fuhr den Mann an, als habe er was verbrochen. War das eine Art, ihm zu kündigen, einfach weil es dem dummen Weibsbild nicht mehr paßte? Nun ging die Sucherei wieder von neuem los! Einen Menschen mußte er doch da oben im Moorhaus haben, der Obacht gab, sonst fiel die Bude noch über Nacht mal zusammen. Und wenn er zur Jagd heraufkam, im Winter auf Sauen, im Sommer auf Böcke, im Herbst auf Hirsche, da wollte er doch sein Bett gemacht haben, geheizt und den Kaffee gekocht. Die Frau vom Jilles hatte das immer besorgt, auch die Rehleber, mit Tannennadeln gespickt, auf Weidmannsart zu braten verstanden! So genau Heinrich Schmölder sonst mit dem Gelde umging, hier wollte er etwas springen lassen.

»Ich will Euch wat sagen, Jilles,« lenkte er ein, »ich will Euch zulegen, pro Monat zehn Mark, macht auf’t Jahr hundertzwanzig – einhundertundzwanzig Mark! Mann, dat ’s en Wort! Und die Frau soll auf Christtag en anständig Präsent von mir kriegen, und Ihr und der Jung Buckskin zum Anzug. So, un nu is et jut!«

Er schien die Sache für abgemacht zu halten, aber der Mann von der Fangeuse räusperte sich und blieb noch stehen. In hülfloser Verlegenheit zerknüllte er seinen Sonntagshut. Über sein hartes Gesicht zuckten Begehren und Abneigung: einhundertundzwanzig Mark, das war ein Stück Geld! Er sah nieder an seinem ärmlichen Rock und gedachte einer Kuh, die er zu Heckenbroich in einem Stall gesehen hatte und die zum Verkauf stand.

»Herr Schmölder,« sagte er gedrückt, aber nach und nach wurde seine Stimme sicherer, »ich kann nit, wahrhaftigen Jott nit, et jeht nit. Dat Settche kriet dat arm Dier.[8]Nit Kirch, nit Laden, nit Straß, zweimal die Woch nur der Briefdräger, als dann on wann emal ’ne Camis’;[9]sonst keen Mensch! On kömmt ens einer, muß mer de Dür noch verschließe; wir sind eso nah an der Jrenz – en halw Stund bis Belligen – wer weiß, ob et nit einer von denen is!« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter und machte ein verächtliches und zugleich doch verängstetes Gesicht. »Von denen do! Seit die im Venn sin, könne wir nit mieh ruhig schlaafe. Kömmt letzt ’ne Kerl, stößt de Dür up on saat: ›Jude Morje!‹ On ob er en Flasch Bier krieje könnt! Modderselig allein war dat Settche zo Huhs, die kriet ’ne Schrecke. On, Herr Schmölder,de Kerl wollt nit jonn!« Er machte eine Pause und sah erwartungsvoll seinen Herrn an: was würde er nun sagen?!

»Nun – und?« Josef, der, am Büfett lehnend, alles mit angehört hatte, beugte sich interessiert vor. »Nun?!« War das wirklich so ein armer Teufel von Sträfling gewesen, hatte es einer riskiert, auszurücken, der Grenze zuzueilen durch dick und dünn?!

»Et war ’ne Torfstecher, ich kam drüber heem,« sagte der Mann. »Äwer et konnt doch jrad so jut einer von denen do sein, so ’ne Räuber und Mörder. Nee, nee, Herr Schmölder –« ganz energisch schüttelte er den Kopf und ließ all seine Schüchternheit fahren, – »sucht Uech ’ne angere. ’n Awend zosammen!« Er setzte seinen zerknüllten Hut auf und trabte rasch aus dem Zimmer.

Heinrich Schmölder öffnete schon den Mund, ihm noch einmal nachzuschreien, aber dann besann er sich: ein Schmölder bittet doch so einen dummen Kerl nicht?! Wenn der Esel nicht wollte, nahm er sich eben einen anderen Verwalter. Aber selbst für Geld und gute Worte ging keiner so leicht aufs Moor hinauf. »Da haben wir’t,« sagte er grimmig laut und schlug auf den Tisch, daß der Aschbecher stäubte, »mußt uns die verdammte Rejierung auch ihre Verbrecher so auf die Nas’ pflanzen – en Unverschämtheit! Natürlich, wegen der Nachbarschaft bleibt mir der Jilles nit! Un verdenken kann ich et ihm nit emal. Dem Landrat werd ich aber meine Meinung sagen, der soll mir noch kommen mit seiner Kolonisation! Wat fang ich nu an?«

»Heinrich, setz mich doch hin,« sagte Josef rasch. Es war über ihngekommenwie eine Erleichterung.

»Dich –?!« Schmölder sah den Vetter an, als habe er gesprochen: ›Setz mich auf den Mond!‹ »Laß doch die Dummheiten,« sagte er unwirsch. »Ich mach jetzt nit Spaß, ich binwirklich in Verlejenheit. Janz leer stehen kann ich die Bude nit lassen, un hin jeht mir so leicht keiner!«

»Heinrich, es ist mein Ernst!« Josef war näher herangetreten und legte ganz entschlossen und kräftig die Hand auf den Tisch. »Setz mich dahin, ich gehe mit Freuden!«

»Och, du bist ja verrückt!« Heinrich sah Josef an und lachte dann unbändig: »Wieder janz de Josef! Immer wat Neues, und dann kein Bestand! Nee, da laß du die Finger von. Die Fangeuse hat et an sich. Schon mein Alter hat seine Not jehabt, un jetzt werden die Leut ja mit Jewalt raffiniert jemacht – da will sich keiner bejraben. Schnee im Winter, zum Ausschaufeln hoch, ewige Stürme; dat braust von der belgischen See her, aus Nordwest, im Winter wie im Sommer fast immer egal. Und im Frühjahr Wasser im Venn fast bis an et Haus, du kannst kahnfahren!« Er lachte noch einmal amüsiert auf, fast vergaß er seinen Ärger darüber. »Du hast jar kein Ahnung, mein Sohn!« Mit einem geringschätzigen Blick maß er des Vetters schlanke, etwas schwächliche Gestalt. »Bist du überhaupt schon mal oben jewesen auf der Fangeuse? Nicht?!« Josef hatte verneint. »No, dann halt’s Maul jefälligst!«

Josef zuckte zusammen: wie grob der Heinrich wieder war! Er fühlte, wie der andere ihn mißachtete, und das tat ihm weh.

»Am liebsten schlüg ich die Barack los mit allem, wat drum und dran is, die janze Fangeuse! Viel wert is dat sumpfige Dreckloch doch nit. Wenn nur nit die Jagd da so jut wär! Und wer würd se mir auch abkaufen?!«

»Heinrich, ich sage dir noch einmal, ich ziehe hinauf,« sagte Josef bestimmt. Es war ihm plötzlich heilig ernst um seinen Entschluß, und je mehr der andere ihn höhnte, desto ernsthafter wurde es ihm darum. »Ich fühle mich hier höchst überflüssig. Und ob ich das Gnadenbrot nun da oder dort esse,kann dir doch gleich sein. Mir aber wird es nicht so – so –« er suchte nach einem Ausdruck – »nicht so drückend sein, wenn ich weiß, daß ich doch irgend etwas dafür leiste. So gut wie ein anderer kann ich auch aufpassen dort. Und ich fürchte mich nicht. Heinrich, laß mich doch!« Es war ihm, als hinge seine Seligkeit davon ab. Die Fangeuse – Fangeuse – die Sumpfige, wie geheimnisvoll das klang! Nein, ihm graute nicht vor Sumpf und Einsamkeit. Ihm würde es eine Erlösung sein, nur Moor und Tannen und segelnde Vennwolken um sich zu sehen – endlich einmal keine Menschen im Alltagskleid! Seine Stimme wurde immer dringender: »Ich bitte dich, versuche es doch mit mir! Ich bitte dich herzlich! Heinrich, du sollst sehen, da halte ich aus, das ist was für mich. Ah,« – er atmete tief auf – »endlich das Rechte! Ich liebe die Natur, ich verstehe die Natur, sie beruhigt mich, sie beglückt mich!« Er redete sich immer mehr in Begeisterung hinein, sein Gesicht rötete sich, die Augen leuchteten ihm. Wie er so im Lampenschein dastand, den Kopf frei gehoben, den Blick wie suchend in die Ferne gerichtet, erschienen seine Züge fein und edel und merkwürdig jung.

»Dat is all exaltierter Blödsinn,« sagte Heinrich Schmölder trocken, »daraus kann nix werden. Du mußt schon wo anders Beglückung und Beruhigung suchen!« Das plötzlich matt und blaß werdende Gesicht vor ihm ließ ihn seinen Spott aufgeben. Diesmal tat ihm der Josef ordentlich leid. »Alter Jung, red dich doch nit in so wat erein! Wenn du jern en bißchen eraus willst, kannst du ja mit der Sophie und der Hedwig diesen Sommer vierzehn Tage nach Ostende reisen. Sie wollen absolut hin, Toiletten sehen. Jeh meinetwegen mit, chaperonniere sie! Ich danke, ich bleibe lieber hier. Wat denkst du denn eigentlich, wer soll dir denn auf der Fangeuse haushalten? Du mußt doch essen und trinken. Un wer solldir dat Bett machen und die Stub kehren? Dat kannst du doch nit? Und wenn ich komm zur Jagd, wer soll mir dat Bett machen und mir wat zu essen kochen, he? Dat kannst du doch auch nit!«

»Nein, das kann ich nicht.« Kleinlaut ließ Josef den Kopf hängen. »Selbstverständlich müßte ich eine Person haben, eine Magd, die das alles besorgt.«

»Such dir eine!« Heinrich Schmölder lachte schallend auf. »Und wenn du eine hast, dann komm wieder zu mir, dann kannst du auf die Fangeuse ziehen. Mir soll et recht sein!«

[6]ziehen.[7]Garten.[8]wird melancholisch.[9]Grenzjäger.

[6]ziehen.

[6]ziehen.

[7]Garten.

[7]Garten.

[8]wird melancholisch.

[8]wird melancholisch.

[9]Grenzjäger.

[9]Grenzjäger.


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