VII
Gegen die Stunde des Sonnenaufgangs ist es kalt auf dem hohen Venn, mag der Tag auch noch so warm werden. In einer bleichen Kühle, vom Tau genäßt, lagen Strafkolonie und Heiderücken, Weide und Dorf und die ragenden Hainbuchen. Hinter den Hecken hervor tönte das Muhen der eben aus dem Schlaf erwachten Kühe, ein Ochse brüllte, ein Hahn krähte, ein Kalb blökte.
Beim Bauer Adams am grünen Klee war die ganze Nacht Licht gewesen, und auch jetzt, da das ganze übrige Dorf noch schlief, war man dort schon auf den Beinen. Man erwartete den Tierarzt, der Knecht war schon vor Morgengrauen hinuntergefahren, den Dreiborn zu holen. Der Hausherr selber war im Stall aufgeblieben, aber noch zeigte sich kein Absehen der Qual. Sollte die Braune, das schönste Stück Vieh, eingehen? Ihr schmerzliches Muhen ging den Menschen durch Mark und Bein.
Bis hinüber zu Huesgens war es gut zu hören, trotzdem die Stalltür geschlossen blieb und die Hecke, die der stolze Bauer als Trennungsschranke auch an der Nebenseite seines Hofes aufrechthielt, hoch und stark und dicht war. In die schmalen Lücken ihres knorrigen Astgefüges hatten sich die kleinen Huesgens eingezwängt; ihre schmalen Körper schlüpften überall durch. Sie waren früh vom Strohsack geklettert und lauschten nun mit ängstlich-neugierigen Augen. Ihre Kuh, die liebe Maiblum, die sollte auch bald kalben, wenn es der nur nicht auch so schlecht erging wie der großen braunen beim Bauer Adams!
»Du,« sagte das Kathrinchen zum Bruder Tönnes und zum Drückchen und tupfte den kleineren Geschwistern einem nach dem anderen auf den Kopf: »Du, bet dich für oß Maiblum! Wie dat arm Dier sich quäle moß!«
Nebenan ging das dumpfe Brüllen und Angstgestöhn immer weiter und erfüllte die Herzen der lauschenden Kinder mit banger Furcht. Mitunter kam eine Pause, aber dann setzte das Angstgebrüll um so stärker wieder ein.
»De Mathes is der Doktor holle,« sagte der Tönnes. »Mir ha ke Jeld, für der Dokter zu holle!«
Kathrinchen nickte bekümmert: freilich, die Mutter hatte schon so viel gekostet! Sie konnten nichts weiter tun als beten.Unter dem dünnen Schürzchen, das sich im Morgenwind blähte, faltete die Kleine die Hände: ach ja, das würde sie der Bäreb recht ans Herz legen, wenn die heut nach Echternach springen ging für die Mutter und den Dores, daß sie auch mitbetete für die liebe Maiblum! Wie von einem glücklichen Gedanken freudig erregt, ließ das Kathrinchen die Geschwister an der Hecke zurück und lief hinein ins Haus zu Mutter und Schwester.
Drinnen bei Huesgens war rege Bewegung. Auch hier hatte fast die ganze Nacht das Lämpchen gebrannt. Bäreb hatte noch, als sie aus der Fabrik heimgekommen war, die Kirche besucht und dann die halbe Nacht in der Küche aufgesessen, geflickt, genäht und sich gerüstet. Wenn sie auch keinen großen Staat machen konnte mit ihrem Anzug, sauber und ganz mußte der Rock wenigstens sein – wie sollte sie sonst wohl bestehen vorm heiligen Willibrord?! Auch auf die Hosen des Dores, die er immer durchscheuerte bei seinem Rutschen, hatte sie einen neuen Flick aufgesetzt und die Flecken verwaschen und gebürstet, so gut es anging. Kaum eine Stunde hatte sie bei den Geschwistern gelegen, beim Morgenrot weckte sie schon wieder das Brüllen der Kuh von nebenan. Bange Sorge erfüllte ihr Herz: auch die Maiblum war die letzten Tage so unruhig, brüllte so viel und fraß nicht wie sonst! Jesus Maria, es würde doch nicht schlimm werden mit der Kuh?! Es war ihr recht, daß die Geschwister hinausliefen, um an der Hecke zu lauschen. Der Tönnes war schlau, der würde schon dahinter kommen, wie’s mit der Kuh vonstatten ging!
Bäreb vergaß fast ihre Reise darüber und was sie alles vorhatte am heutigen Tag. Mit der Bahn mußte sie heute noch bis Ettelbrück kommen, da hatte die Mutter eine Base wohnen, bei der kam sie wohl unter mit dem Dores für eine Nacht. Und morgen würde sie aufbrechen nach Echternach, so früh, daß sie dort eintraf zu rechter Zeit, schon zur Vorfeier inder Pfarrkirche, die oben an der steilen Treppe liegt, die man Pfingstdienstag hinaufspringen muß. Oh, sie wußte so genau Bescheid zu Echternach, als wäre sie zehnmal schon dort gewesen! Mit großer Sorgfalt kleidete Bäreb sich heute an, wusch und kämmte sich dreimal so tüchtig als sonst. Aber der Dores wollte sich durchaus nicht waschen lassen, sein Geschrei weckte die Mutter.
Frau Huesgen kam angeschlichen im Unterrock; man sah es, wie schwach sie war, sie hielt sich kaum auf den Füßen. Sie weinte, als sie den Dores sich wie ein Tier gebärden sah; er wälzte sich auf dem Estrich und stopfte sich brüllend Sand in den Mund, und was er sonst fand an Unrat. Jesus, barmherziger Heiland, würde es denn nie besser werden mit ihm? Niemals?! Sie jammerte laut.
»Motter,« sagte die Tochter vorwurfsvoll, »ich jonn jo springe!«
Aber Frau Huesgen war heute kleinmütig. Die Kraft, die die wundersame Begegnung ihr verliehen hatte, hielt nicht immer vor; wenn es auch besser, viel besser mit ihr geworden war, heute fühlte sie doch wieder die Schwäche. Das schreckliche Brüllen der Kuh nebenan verstörte sie ganz. Wenn’s mit der Maiblum nun ebenso ging, Jesus Maria! Die war ihr einziges Hab und Gut.
Das Kathrinchen kam herein, hinter ihr her stürmte der Tönnes.
»De Doktor ös do,« kreischte er atemlos, »nu jeht er in der Stall. Ich moß kicke!« Wie der Wind fegte er wieder hinweg, um draußen an der Hecke abermals zu lauschen.
Kathrinchen aber faßte die große Schwester um den Hals und flüsterte ihr eifrig etwas ins Ohr, und Bäreb horchte und nickte verständnisinnig und lächelte dann. Sie lächelten beide. Dann lauschten sie alle; selbst der Dores, als ob er die ängstlicheSpannung, die Erwartung, verstünde, ließ jetzt sein Schreien. – – –
Der Bauer Adams kraute sich in Verzweiflung den Kopf: das Kalb lag verkehrt herum, drum kam’s nicht heraus. Es hatte sich mit den Beinen verfangen, es verletzte die Kuh.
Frau Adams hielt sich die Schürze vor und weinte wie bei einer Leiche. »Eso ’n fing Kuh, oß fingste Kuh! Jesesmarijusep!«
Ihr Gejammer machte den Tierarzt nervös. »Schmeißt Euer Frau eraus!« sagte er grob zu dem Bauer.
Das tat der nicht mehr wie gern. Hatte er ihr nicht schon zehnmal gesagt, sie sollte in die Stube gehen?! Er selber war auch kaum fähig, andere Hilfe zu leisten, als daß er im dunklen Stall die Laterne hielt und dabei stand mit leis sich bewegenden Lippen, während der Doktor und der Knecht an der stöhnenden Kuh hantierten.
Der Dreiborn war ein geschickter Mann, geschickter als mancher Menschendoktor. Aber während er fast blindlings sein Geschäft verrichtete, denn zu sehen war kaum etwas bei dem erbärmlichen Lichtgefunzel, räsonierte er laut: längst hätten sie ihn holen müssen, aber immer erst kamen sie, wenn’s zu spät war! Diese Bauern, diese verdammten Dickschädel, nichts weiter konnten sie als beten und plärren! »Halt dat Licht ruhig,« brüllte er den Adams an, »wenn Ihr so dermit wackelt, komm ich nit zu Stand. Wat hatt Ihr dann mit der Kuh jemacht? Dat Kalb stirbt ab, dat krieg ich nu un nimmer lebendig eraus. Dämliches Bauernpack!«
Der kleine Mann pustete vor Wut; er war komisch anzusehen, aber heute hatte der große Bauer doch Respekt vor ihm. »Mir han nühstjemaat, mir han nur jebet,« sagte er ganz kleinlaut.
»Äh wat, jebet – nur jebet, dat is et ja jrad!« Dreibornpustete immer zorniger; er war ein aufgeklärter Mann, ›ein Mann der Wissenschaft‹, wie er sich selber nannte. »Leben wir im neunzehnten Jahrhundert oder im Zeitalter des dunkelsten Aberglaubens? Fast möchte man dat Letztere meinen. Aber so seid Ihr, alles wird bebetet, un dann seid Ihr ruhig: so, da sorgt nu der liebe Jott für! Der hätt viel zu tun, wenn der Euer Jeplärr immer hören wollt. Heut betet Ihr um Regen und morgen wollt Ihr schon wieder Sonnenschein, oder umjekehrt, – akkurat wie Ihr’t braucht. Dat wär ja ne nette Jeschicht, wenn Euer Beten immer jehört werden würd! Paßt auf, lernt wat, nützt die Zeit und stellt Euch auf Euch selber – dat andere all is Unsinn!«
Der Knecht riß das Maul auf und grinste dumm: das war was ganz Neues, was er da zu hören kriegte! Der Bauer kniff die Lippen zusammen, am liebsten hätte er dem Dreiborn eins auf den Mund gegeben: sich so was anhören zu müssen, noch dazu im eigenen Stall! Aber seine kostbare Kuh stöhnte so kläglich; er konnte nur schweigen und still die Heiligen bitten, ihm das Anhören dieser Gottlosigkeiten nicht als Sünde anzurechnen. – – –
Es war um die zehnte Stunde, als Dreiborn den Hof am grünen Klee verließ. Das Kalb hatte er nicht mehr retten können, die Kuh hoffte er jedoch durchzubringen; aber das arme Tier war gewaltig matt. »So’n Unverstand, so’n Unverstand,« brummte er vor sich hin, als er aus der Hecke trat, und brummte noch immer weiter, als er sie schon längst hinter sich hatte.
Schon geriet er in den Strom der Kirchgänger, und das besserte seine üble Laune nicht. Mit seinen scharfen Augen musterte er die einzelnen Gestalten. Da, der zitternde Alte, der am Stecken schlorrte, täte auch besser, sich daheim ins Bett zu legen! Und da die Frau, die alle Augenblicke niederkommenkonnte, gehörte auch nicht mehr in die überfüllte Kirche! Und hier die Kinder, Dreikäsehochs, die sollte man lieber draußen herumspringen lassen beim schönen Sonnenschein, als ihnen mit unverständlichem Singen, mit barem Unsinn den klaren Kinderverstand zu verwirren!
Den Kopf vorgestreckt, die Augen herausgedrückt, hochrot im Gesicht, rannte der Cholerische weiter.
Die Leute grüßten ihn, sie kannten alle den Doktor Dreiborn. Schon manches Stück Vieh hatte er ihnen gerettet, aber sonst war er ein komischer Herr! Sie tippten auf die Stirn und warfen sich bedeutsame Blicke zu, als er vor ihnen herlief mit seinen dicken Beinchen, die Hände, die den Hut hielten, auf den Rücken gelegt, nur durch ein kurzes Nicken die Grüße erwidernd, die ihm zuteil wurden. Nach jedem scharfen Blick, den er um sich warf, räsonierte er aufs neue halblaut vor sich hin.
Der unterbrochene Strom der Kirchgänger, aus dem es ihm nicht gelang, herauszukommen, versetzte ihn in immer größere Erregung. Dieses verdammte Gerenne! Konnten sie nicht ruhig daheim bleiben und ihre Wirtschaft beschicken? Aber das Vieh konnte brüllen, die Kinder weinen, der Vater bettlägerig sein, die Mutter im Sterben liegen, wenn die Glocken zu läuten anfingen, mußte gelaufen werden!
Der Bürgermeister kam ihm gerade zu paß. Leykuhlen war eilig, Mariechen war schon voraufgegangen, aber nun hielt der Tierarzt ihn am Rockknopf fest. Es gab kein Loskommen.
Leykuhlen kannte den Mann seit Jahren schon und schätzte ihn als tüchtig in seinem Beruf, nun aber wurde er ungeduldig. Ins feierliche Getön der Glocken hinein, in die Lautlosigkeit der andächtigen Waller, die wie Wellen dem Felsen der Kirche zuströmten, sprudelte der ihm seine ganze törichteLebensauffassung ins Gesicht! Er aber wollte sich nicht den heiligen Pfingsttag verkümmern lassen. »Ich muß jehen, ich komm sonst zu spät,« sagte er und suchte sich freizumachen.
Aber der andere hielt ihn fest: »Ich sag Ihnen, Bürjermeister, Sie sind auch so en Art Doktor: für die geistigen Schäden unserer Gemeinde sind Sie verantwortlich wie ein Arzt für die Gebrechen des Körpers. Sie müssen ran! Sie haben doch auch an der Wissenschaft Brüsten jesogen, nu immer ran un die Leut aufjeklärt, damit wir kein Heer von Idioten züchten, sondern von denkenden Wesen!«
»Da fangen Sie nun erst mal beiIhrenPatienten mit an, Herr Tierarzt,« sagte Leykuhlen. Jetzt nahm er den kleinen Viehdoktor nur noch komisch: nein, über den konnte man sich wirklich nicht ärgern! Er legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und patschte ihn scherzhaft: »Un ich sag Ihnen, Dreiborn, behalten Sie Ihre Weisheit für sich oder tragen Sie die Ihren Ochsen un Kühen vor – wir sind hier kein Rindvieh!« – – – – –
Derweilen saß die Bäreb im Eisenbahnzug und fuhr durch Gegenden, die sie längst nicht mehr kannte. Das war wohl noch Venn, aber nicht mehr so, wie es sich um Heckenbroich dehnte. Die Ginstersträucher, die jetzt um die Ley und am Truppen-Übungsplatz überall wie goldene Flammen leuchteten, standen hier schwarz, so weit das Auge sehen konnte. Hatte man sie angebrannt, um sie dann umzugraben, mit ihrer Asche den Weideboden zu düngen? Nein, auch die vielen kleinen Schonungen waren angekohlt, die Nadeln, sofern noch welche an den Tännchen hafteten, dürr und rostbraun. Über dem Strich Venn, den ein Waldbrand abgerast hatte, flimmerte ein Sonnenglast, der ihn noch viel trauriger machte.
Bäreb seufzte: es war doch viel schöner um Heckenbroich. Hier gab es ja gar kein Weideland mehr!
Langsam keuchend und bimmelnd kroch der Zug immer bergan, immer noch weiter so hinauf bis St. Vith. Da hieß es ein paar Stunden warten. Bäreb hatte nichts davon gewußt, daß sie umsteigen mußte; alle Mitfahrenden in der vierten Klasse waren ausgestiegen, sie aber saß noch immer geduldig am einen Ende der Bank, ihr Bündel zu Füßen, den Dores auf dem Schoß. Es war ein Glück, daß der Schaffner noch einmal in den Wagen sah.
»Echternach?« hatte sie schüchtern gefragt. Sie war des Fahrens schon herzlich satt. War es noch weit bis dahin? War man nun bald da?
Der Mann hatte sie ganz empört angeschrieen: »Aussteigen,« und hatte sie am Arm gegriffen, sie gerade noch herausgerissen, sie und das Kind und das Bündel, ehe der Zug abfuhr, der sie mit davongeführt hätte, weiß Gott, wohin in die fremde Welt.
In den Wartesaal traute sich Bäreb nicht, da mußte man was verzehren; auch schrie der Dores, den das »Aussteigen!« des Schaffners erschreckt hatte, so mörderlich, daß sich das Mädchen gar nicht in Menschennähe wagte. So ging sie den Bahnsteig zu Ende bis zum Güterschuppen, setzte sich da auf eine der umherliegenden Kisten, lehnte den Rücken gegen die beschienene Schuppenwand und sonnte sich.
Allmählich beruhigte sich der Dores; sie gab ihm zu essen aus ihrem Bündel, und er beschmierte sich ganz und gar, aber er war doch wenigstens zufrieden. Unbekümmert um das Fremde, was um ihn war, kroch er zu ihren Füßen im Kies des Bahnsteigs, steckte von den weißen Steinchen, die in der Sonne blinkerten, in den Mund, probierte, ob das ein Zückerchen sei, spuckte den Stein dann wieder aus, um ihn wiederum ins Händchen zu nehmen und zur Schwester emporzuhalten: »Pä,pä!« Das war sein gewöhnlicher Ausdruck für alles, was ihn verwunderte oder erfreute; mehr sagte er nicht.
Bäreb wurde sehr müde; nun spürte sie doch die durchwachte Nacht. Sie liebkoste den Bruder und versuchte, mit ihm zu spielen, aber der Schlaf war stärker als der gute Wille. Wie im Traum hörte sie plötzlich die Mutter sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister schreien – vor ihr lag das Haus hinter der Hecke – ein Gefühl der Wohligkeit durchrieselte sie, die Augen fielen ihr zu. – – –
Als sie erwachte, lag der Dores vor ihr im Kies und schlief. Die Sonne war fort, aber auch ihr Zug.
»Nach Echternach, nach Echternach?!« Der Mann mit der roten Mütze, gegen den sie verzweifelnd anrannte, zuckte die Achseln: ja, da hätte sie eben besser aufpassen müssen, der Zug dahin war schon eine Weile fort!
»Jesus Maria!« Sie brach in heiße Tränen aus: was nun?! Ach, sollte sie nicht lieber umkehren? Es ging doch gewiß noch ein Zug zurück nach Heckenbroich. Aber dann schämte sie sich und nahm sich zusammen: sie mußte ja springen gehen, sie hatte so vieles zu erbitten, sie durfte nicht umkehren. Ganz vernünftig erkundigte sie sich, ob’s denn nicht noch einen weiteren Zug nach Ettelbrück gäbe? Ei gewiß, auf den Abend noch. Da ward sie wohlgemut. Ach, wenn sie nur hinkam, wenn sie nur hinkam! Keinen Gedanken mehr schickte sie zurück in die verlassene Heimat, all ihr Sinnen, ihr Herz und ihren Verstand richtete sie voran.
Sie hatte ein Büchlein bei sich, das »St. Willibrordus Büchlein«, enthaltend das Leben des Heiligen, die Gebete zu seiner Verehrung und zur Wallfahrt nach Echternach. Das hatte die Frau Bürgermeister der Mutter für sie gegeben. Nun las sie darin. Sie las vom heiligen Willibrord, dem Vorbild der Demut, dem Muster des Gehorsams; vom Glaubenseiferdes heiligen Willibrord, von seiner Liebe zu Gott und seiner Nächstenliebe, von seinem Gebetseifer, von seinem Bußgeist, von seiner Sanftmut und endlich von der reinen Absicht des heiligen Willibrord bei allen seinen Werken. Mußte das ein guter Heiliger sein! Sie las mit leuchtenden Blicken, las sich immer mehr und mehr in die feste Überzeugung hinein, daß er allen half, die zu ihm kamen nach Echternach. ›Heiliger Willibrord, bitt für uns‹ – das schwebte ihr immerfort auf den Lippen.
Sie hatte ihren alten Platz auf der Kiste wieder eingenommen und las eifrig, halblaut jedes Gebet, das sie herausbuchstabierte, leise mitmurmelnd. Erst als ihr die Sonnenstrahlen nicht mehr aufs Büchlein fielen, merkte sie, daß es Abend ward.
Es war kühl hier auf dem Bahnsteig der höchstgelegenen Station; von allen Seiten konnte der Wind ankommen, hohe Zäune aus Latten mußten die Schienenstränge schützen gegen die Schneewehen des Winters. Es tat nicht gut mehr, auf der Kiste zu sitzen. Nun Bäreb nicht mehr vom heiligen Willibrordus las, fühlte sie sich auf einmal allein und verlassen; der Dores war doch so gut wie niemand.
»Pä, pä,« sagte er jetzt und riß sie am Kleide. Sie gab ihm eine Semmel, dann hob sie ihn auf aus dem Kies und ging langsam mit ihm zum Bahnhofsgebäude. Es half nichts, nun mußte sie doch in den Wartesaal hinein, es war für das Kind zu kalt und zugig draußen. Ein Glück, daß der Dores heute so lieb war; er hatte sich noch nicht seine Hosen beschmutzt, er spielte mit ein paar Steinchen ganz stillvergnügt und schrie nicht.
Den Bruder an sich pressend betrat sie den Wartesaal. Sie konnte nichts sehen vor Qualm und Tabaksrauch; mitniedergeschlagenen Blicken tappte sie zum entlegensten Plätzchen.
Mit großen Augen starrte der Dores drein. »Pä pä,« sagte er wiederholt und riß die Schwester am Ohrzipfel. Ein Soldat hatte ihm vom Nebentisch mit einem Bierglas gewinkt. Er strebte hin, er wollte einmal trinken: »Pä, pä, pä!«
Die Soldaten, die um den Tisch saßen, lachten laut. Es waren vier muntere stramme Kerle, die Urlaub hatten über die Pfingstfeiertage und die sich nun freuten, nach Hause zu kommen. »Komm, komm her,« sagte der eine und winkte dem Kind mit dem Finger.
»Pä, pä, pä!«
Bäreb konnte den Jungen kaum halten, er wollte von ihrem Schoß, und als sie ihm wehrte, biß er sie.
»Fräulein, lassen Sie doch das Kind,« sagte der Soldat. Und als sie den strampelnden Jungen doch nicht losließ, war der hübsche Soldat mit zwei Schritten bei ihr im Winkel zwischen Ofen und Wand und nahm ihr eins, zwei, drei, das Kind vom Schoß und ließ es an seinem Bierglas trinken. Ei, wie der Bengel schmatzte! Die Vier wollten sich ausschütten vor Lachen.
Bäreb wurde blutrot. Aber böse konnte sie doch nicht sein: die waren ja so freundlich! Verstohlene Blicke ließ sie zu dem Tisch hinübergleiten.
»Fräulein, wohin reisen Sie dann?« fragte wieder einer.
Sie wollte erst nicht antworten, aber dann besann sie sich: das wäre doch zu grob, die hatten ihr ja nichts getan. So antwortete sie verschämt-leise: »No Echternach!«
»So, Sie wollen wohl springen da?«
Sie nickte.
Die Soldaten zwinkerten sich zu; drei von ihnen hattenLust, zu lachen, aber der vierte, der allerhübscheste, sagte ernsthaft: »Aber, Fräulein, da kommen Sie heut abend ja jar nit mehr hin!«
Ja, das wußte sie wohl! Sie erzählte von ihrem Malheur mit dem Zug. Ach, es tat ihr so gut, mit einem freundlichen Menschen zu sprechen! Sie genierte sich gar nicht mehr; das waren ja welche, die ihre Heimat kannten. Sie waren vom Platz.
Es dauerte nicht lange, so saß Bäreb bei den Soldaten am Tisch. ›Kommen Sie nur eraus, aus Ihrem Loch da,‹ hatte der hübscheste gesagt. Einer so freundlichen Aufforderung hatte sie nicht widerstehen können. Und Durst hatte sie auch. Sie ließen sie alle einmal trinken. Der Dores wanderte von Schoß zu Schoß. Ei, es war doch ganz schön, auf Reisen zu gehen! Das Bunt der Uniformen, das Rot der Kragen, die blanken Knöpfe zogen Bärebs Blicke unwiderstehlich an. So nah hatte sie noch nie einen Soldaten gesehen. Und als der allerhübscheste sagte, nun wäre er ganz zufrieden, den ersten Zug, der aus der Lausegegend hier fortfuhr, wo man nachts frieren und mittags braten müßte, versäumt zu haben, lächelte sie glücklich und litt es, daß er den Arm auf ihre Stuhllehne legte und ihr näher rückte.
Schade, daß sie nichteinenWeg zusammen hatten! Nur eine Strecke konnten sie noch zusammen fahren.
Bäreb fühlte eine lebhafte Freude: Gott sei Dank, nun brauchte sie nicht so ganz allein in die Dunkelheit hinein! Die Lustigkeit der Vier steckte sie an; solch eine Fröhlichkeit hatte sie noch nie kennen gelernt in ihrem Leben. Die berauschte sie ganz. Zu Haus war man so anders, da hatte man immer zu sorgen und zu bedenken, man war still und ernsthaft. Als habe sie nicht vor sechs Stunden noch das Kreuz der Marienley über die Tannen ragen sehen, so war ihr jetzt zumute. Daslag jetzt alles so weit, so weit. Sie hörte nicht mehr die Mutter sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister spektakeln – der Arm des Burschen, der bis jetzt auf ihrer Stuhllehne geruht hatte, legte sich nun um ihre Schultern. Sie trank aus seinem Glase und lachte aufgeregt. Sie wurde so hübsch in ihrer strahlenden Freude, daß alle Vier ihr zutranken: »Prost, Schätzchen,« und sich darum rissen, aus wessen Glas sie trinken sollte. Sie machten ihr Komplimente, die feinsten waren es nicht; aber sie nahm’s nicht so genau damit. Wer sie unterm Tisch auf den Fuß trat, den trat sie wieder, und wenn einer zu ihr sagte: »Du, Mädchen, ’ne Kuß krieg ich aber von dir,« antwortete sie frischweg: »Morjen öm dies Zitt,« und zeigte lachend ihre gesunden Zähne.
Hätte das ein Mensch von der Kleinen gedacht, daß die so fidel sein könnte! Erst hatte sie kein Auge aufgeschlagen, nun ging sie auf jeden Spaß ein. Sie fragten neckend: »Fräulein, dat is doch Ihre Jung?«undsie antwortete blitzgeschwind, gar nicht um die Antwort verlegen: »Dafür bin ich noch vill zu jung. De Dores es als sibbe un ich achzehn, ich hatt jrad minge Namensdag!«
Wer hätte gedacht, daß hinter den Hecken von Heckenbroich so was stecken könnte! Die Vier, die lange mit keinem Mädchen poussiert hatten, zeigten sich heftig entflammt; besonders der hübscheste, Lohgerber seines Zeichens, machte ihr Augen, daß es Bäreb überrieselte in einem Schauer von Glück.
›Heiliger Willibrord, bitt für uns,‹ betete sie heimlich. Wenn der es zu allem noch vermochte, daß sie einen hübschen und braven Schatz von der Wallfahrt mitbrachte?! –
Das war eine Fahrt durch die dämmerig und mild werdende Höhenlandschaft zwischen Venn und Ardennen! Der Dores schlief auf der Bank, und Bäreb bekam soviel Schönesund Liebes zu hören, daß ihr die Ohren summten und der Kopf schwirbelig wurde. Aber es war ein seliger Schwirbel. Sie erwachte auch noch nicht aus ihm, als die Vier in Ulflingen ausstiegen, um ihre Straße zu ziehen. Die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit den geschlossenen Augen, wie in die Ferne lauschend, gehoben, saß sie ganz still. Noch immer fühlte sie die verliebten Küsse, die sie ihr aufgedrückt hatten, noch immer hörte sie das schmeichelnde Flüstern: ›Lieb Mädchen‹, ›Schön Schätzchen‹, ›Allerschönst Bärbchen auf der Welt‹! Sie saß kerzengerade auf der Bank. Jesus, sie hörte in süßem Schrecken das alles noch – und dazwischen: ›Heiliger Willibrord, bitt für uns – heiliger Willibrord – heiliger Willibrord!‹
Nein, das war keine Täuschung mehr! Längs des Bahnstrangs hin, auf dem der Zug jetzt langsamer fuhr, rannte es mit eiligem Beten. Sie fuhren in einen Bahnhof ein, die Türen der vierten Klasse wurden aufgerissen, herein stürzte sich in Hast ein Menschenschwall. Man trat sie auf die Füße, man stupste den kreischenden Dores von der Bank; alle fanden nicht Platz, man drängte sich, man stand fast aufeinander, es war schon spät Abend, man mußte bis Ettelbrück, um morgen beizeiten in Echternach zu sein.
Bäreb erschrak: das waren ja so viele, so viele Menschen, es war ja fast gar kein Platz mehr für sie da! Man bedrängte sie hart. Auf einem Knie hielt sie den Dores, auf dem andern saß ihr ein dicker Mann. Eine Frau mit riesigem Kropf ihr gegenüber stieß mit dem großen Henkelkorb, den sie auf dem Schoß hatte, immerfort gegen sie an. Selbst im Rücken spürte die Eingeklemmte das Gedränge. Man lehnte sich von hinten fest gegen sie, man drängte sie so fast vom Sitze herab. Sie klebte nur mehr noch am Bankrand. Und so ungebärdig war der Dores noch nie gewesen. Er strampfte der Frau mitdem Kropf mit seinen Füßen gegen den Henkelkorb, und diese fing an, sich empört zu beklagen.
»Haald Eier Könd doch bei Euch, Framensch! Es dat en Manier, fremde Leit zu troten, ei’m de Saachen zu runjenieren, dat Sonndagsklaad?! Esu’n Biwak, esu’n frech Könd!«
Bäreb verstand die Frau nicht recht, die sprach anders, als man daheim zu sprechen pflegte, aber sie merkte doch, daß die Frau mit dem Kropf ihrem Doreschen böse war. »Bis still, Doresche, bis still,« flüsterte sie dem Bruder ins Ohr und hielt seine strampelnden Beinchen mit ängstlicher Hand fest. Der Traum war verflogen. Sie hätte weinen mögen, fassungslos, hilflos; aber der heilige Willibrord machte ihr wieder Mut. Sie hörte ringsum seinen Namen. Alle Mitreisenden sprachen von ihm. Es waren einige darunter, die waren schon voriges Jahr oder vor Jahren bei ihm gewesen, und sie belehrten jetzt die Neulinge, die zum ersten Mal zu ihm gingen. Oh, der Wunder, die da geschahen, waren unzählig viele!
Der dicke Mann auf Bärebs Knie, der schwerer war wie ein Sack von zwei Zentnern Gewicht, wußte was zu erzählen: nach einer Krankheit war er so dünn geworden, so dürr wie eine Hopfenstange. Das Fleisch war ihm von den Knochen gefallen, kein Essen schmeckte ihm, so schwach war er geworden, daß er nicht mehr allein gehen konnte. Selber springen hatte er nicht können, aber seine Frau war hingefahren nach Echternach und war für ihn gesprungen, und als sie wieder heimkehrte von der Pilgerfahrt, da hatte er ihr schon entgegengehen können bis vor das Haus, und Fleisch hatte er auch wieder ein paar Pfündchen gekriegt, so daß er doch nicht war wie lauter Knochen. Das nächste Jahr hatte er wieder springen lassen – das heißt, seine Frau war nicht hingefahren,die war gestorben derweil – aber er hatte jemanden dort gedungen, zwei Mark kostete das. Geholfen hatte das auch wieder sehr!
Bäreb schielte ihn von der Seite an: ja, der war gut bei Leibe!
»On eweil,« fuhr der dicke Mann ganz glücklich fort, »eweil sein eich kerngesund, eich sein stark on dick. Eweil giehn eich zum Dank sälwer springen!« Er pustete und rang nach Luft, die hastige Erzählung hatte ihm gänzlich den Atem genommen, förmlich blaurot wurde sein glänzendes Fett; er wischte sich immer wieder den Schweiß ab.
Pah, das war noch gar nichts! Die Erzählung des Dicken schien den Hörern noch gar nicht so wunderbar, die wußten noch ganz anderes zu berichten. Es war einmal eine gewesen, die war lahm und krumm und litt grausige Schmerzen, die ließ sich tragen an des Heiligen Grab und betete daselbst fünfzigmal die Litanei zum heiligen Willibrord, und da konnte sie auf einmal ihre Glieder wieder bewegen und sprang sogar mit in der Prozession im nächsten Jahr. Und ein Jüngling aus Steinheim, der mit allen Gliedern geschlenkert hatte, den Kopf nicht hatte in die Höhe halten können, sondern ihn baumeln lassen mußte bald rechts und bald links, der war voriges Jahr auf der Stelle, als er nur das braune Bußkleid des Heiligen, das hinter Glas beim Altar der Pfarrkirche hängt, angesehen hatte im stummen Gebet, geheilt worden. Den würde man sicher auch dieses Jahr wieder zu sehen kriegen, aber kerzengrad aufrecht und ohne Schlenkern.
Bäreb riß Augen und Ohren auf. Den Mund konnte sie kaum mehr zubringen, ein Ruf wollte sich ihm entringen, ein Schrei der Entzückung und der inbrünstigen Bitte: ›Heiliger Willibrord, bitt auch für uns!‹ Den Dores drückte sie fest, ganz fest an ihr heftig pochendes Herz: ach, die garstigenKrämpfe, die er zuzeiten so oft gehabt hatte, und die auch jetzt noch zuweilen wiederkehrten, diese Krämpfe, die ihm alle Glieder durcheinander warfen, in denen er die Daumen einkniff, die Augen verdrehte, die Zähne aufeinanderbiß, diese Krämpfe würden ihn nun bald nicht mehr plagen! Er würde bald nicht mehr so blöde dreinschauen, ein gesunder Junge würde er sein, wie die Brüder auch. Auch der geschwächten Mutter wurde wieder neue Kraft gegeben – ach, und alles, alles wurde gut! –
Bäreb hatte die hübschen Soldaten, ihre zärtlichen Worte und das Glück, das sie dabei empfunden, jetzt gänzlich vergessen. Ihre schwarzen Augen ließ sie rundum gehen in dem dunklen, verqualmten, nur von einer erbärmlichen Deckenflamme notdürftig beleuchteten Waggon. So viele, so viele, und allen sollte der Heilige helfen oder hatte ihnen schon geholfen! Sie spähte in jedes Gesicht: wenn sie doch weiter erzählen möchten! Sie hörte so gern zu.
Die Frau mit dem Kropf und dem Henkelkorb riß den Mund weit auf: das war alles noch nichts gegen das, was sie wußte! Sie kam von Roth, in ihrem Dorf waren reiche Leut – ein großer Bauer und seine Frau – zwanzig Kühe hatten sie auf der Weide, vier Pferde im Stall, eine richtige Ackerwirtschaft – und denen ihre Tochter war blind. Aber sie waren mit der nach Echternach gefahren und hatten ihr mit dem Wasser des St. Willibrordusbrunnens die Augen gewaschen, hatten auch ein Dutzend Flaschen am Brunnen gefüllt und mit heimgebracht und sich darangehalten, dem Mädchen alle Morgen und Abend die Augen damit zu waschen. Am dritten Morgen schon sprach das Kind: ›Ich sehe was glimmern‹ – das war die Sonne, die sah es wie hinter grauen und dichten Wolken. Am dritten Abend aber sprach es: ›Ich sehe was flimmern‹ – das war die Sonne, die goldig-rotunterging. Am vierten Morgen sprach es: ›Es tut mir weh in den Augen, was sticht da so?‹ – das war die Sonne, die vom Himmel strahlte. Am fünften Morgen sprach es: ›Ich sehe es flammen, was brennt da so?‹ Am sechsten Morgen sprach es: ›Ich sehe was leuchten – ah, wie ist das so schön!‹ Aber am siebenten Morgen schrie es laut: ›Ich sehe, ich sehe – da steht sie, die Sonne!‹
›Seit dat sich zujedraon hat in unsem Dorf, giehn mir ahl nao Echternach,‹ schloß die Frau. ›On eweil giehn eich aach für zo springe. Kucktelhei!‹ Sie band das Tuch ab, das sie um den Hals trug, und entblößte ihren ganzen schrecklichen Kropf: ›Dän gänn eich eweil quitt! Bitt für uns, heiliger Willibrord!‹
Irgend eine Stimme hob mit der Litanei des heiligen Willibrord an, und bald vereinten sich alle Stimmen im Wagen:
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein Zertrümmerer der Götzen,Heiliger Willibrord, eine Zierde der römischen Kirche –«
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein Zertrümmerer der Götzen,Heiliger Willibrord, eine Zierde der römischen Kirche –«
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein Zertrümmerer der Götzen,Heiliger Willibrord, eine Zierde der römischen Kirche –«
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!
Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,
Heiliger Willibrord, ein Zertrümmerer der Götzen,
Heiliger Willibrord, eine Zierde der römischen Kirche –«
und immer noch weiter:
»Heiliger Willibrord, eine Blume der Demut,Heiliger Willibrord, ein Spiegel der Reinigkeit,Heiliger Willibrord, eine Lilie der Keuschheit,Heiliger Willibrord, ein Muster der Geduld,Heiliger Willibrord, ein Heil der Kranken,Heiliger Willibrord, ein Vater der Armen,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, eine Blume der Demut,Heiliger Willibrord, ein Spiegel der Reinigkeit,Heiliger Willibrord, eine Lilie der Keuschheit,Heiliger Willibrord, ein Muster der Geduld,Heiliger Willibrord, ein Heil der Kranken,Heiliger Willibrord, ein Vater der Armen,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, eine Blume der Demut,Heiliger Willibrord, ein Spiegel der Reinigkeit,Heiliger Willibrord, eine Lilie der Keuschheit,Heiliger Willibrord, ein Muster der Geduld,Heiliger Willibrord, ein Heil der Kranken,Heiliger Willibrord, ein Vater der Armen,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, eine Blume der Demut,
Heiliger Willibrord, ein Spiegel der Reinigkeit,
Heiliger Willibrord, eine Lilie der Keuschheit,
Heiliger Willibrord, ein Muster der Geduld,
Heiliger Willibrord, ein Heil der Kranken,
Heiliger Willibrord, ein Vater der Armen,
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
Bäreb wunderte sich im stillen, wie die Leute das alles so auswendig wußten. Ja, so mußte man’s können! Wenn nur ein wenig mehr Licht im Wagen gewesen wäre, sie hättegern ihr Büchlein hervorgeholt und daraus die Litanei mitgebetet, so aber mußte sie sich darauf beschränken, nachzumurmeln, was die anderen vorbeteten.
»Heiliger Willibrord, ein Schild deiner aufrichtigen Verehrer,Heiliger Willibrord, ein mächtiger Fürsprecher im Himmel,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, ein Schild deiner aufrichtigen Verehrer,Heiliger Willibrord, ein mächtiger Fürsprecher im Himmel,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, ein Schild deiner aufrichtigen Verehrer,Heiliger Willibrord, ein mächtiger Fürsprecher im Himmel,Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord, ein Schild deiner aufrichtigen Verehrer,
Heiliger Willibrord, ein mächtiger Fürsprecher im Himmel,
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
In demütigem Glauben, in Liebe und Hoffnung wendete Bäreb ihr Herz dem Heiligen zu.
Die Fahrt wurde ihr gar nicht lang. Als ob das gemeinsame Gebet sie alle miteinander bekannt gemacht hätte und freundlicher und verträglicher gesinnt, so wurden die vorhin Rücksichtslosen teilnehmender. Der dicke Mann sagte: »Exkusört, eich drücken Euch wohl,« und rutschte zur Seite, und die Frau mit dem Kropf stellte ihren Henkelkorb zu Boden und zog dafür die Beine des Dores, der gern schlafen wollte, sich auf den Schoß: »Lägt dat schwer Könd noren unscheniert heihin – esu – der Läng lang, dat dat arm Könd eweil ebbes Schlaof kriet!«
Die Sterne standen am Himmel. Je weiter sie abkamen von den Eifelhöhen, desto weicher wurde die Luft. Es fuhr sich schön mit dem Bummelzug in die Sternennacht hinein. Der Dores schlief, der Bäreb Kopf war dem Dicken nebenan auf die Schulter gesunken; er ließ sie ruhig da liegen.
»Ob dat dat Könd von dem Mädche lao is?« fragte eine Neugierige und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Dores hin.
»Ihr seid wohl geckig?« Der dicke Mann wurde ordentlich grob. Sah sie denn nicht, was für ein junges Blut das noch war, die konnte doch nicht so einen Jungen schon haben? Er taxierte ganz richtig: das war ihr Brüderchen, das brachte sie hin zum heiligen Willibrord, man sah’s ja gleich aufden ersten Blick: der Junge war krank, er hatte seinen richtigen Verstand nicht.
Alle setzten die Augen ein. Viel neugierige Blicke hefteten sich auf das schlafende Geschwisterpaar. Bäreb mit ihrem hübschen Gesicht, das noch schmaler erschien in der Müdigkeit, mit den schwarzen Wimpern, die wie Schatten auf den Wangen lagen, fand Gnade vor den Augen der Männer. Den Frauen gefiel der Dores besser, trotz seines dicken Kopfes und der hängenden Unterlippe. Sie bedauerten ihn: warum war seine Mutter nicht bei ihm? So eine ledige junge Person weiß ja gar nicht mit einem Kind umzugehen. Wie ungeschickt sie es hielt – da – beinahe hätte sie’s fallen lassen! Bäreb hatte von den hübschen Soldaten geträumt, unwillkürlich hatte sie die Arme geöffnet, der Dores wäre ihr vom Schoße gerutscht, hätten nicht barmherzige Hände zugegriffen. Und so lange wurde nun am Dores gezupft und gezogen, zurechtgerückt und gestreichelt, bis er die müden Augen aufriß, die fremden Gesichter entsetzt anstarrte und in ein lautes Gekreisch ausbrach. Das wollte nicht enden, trotz allen Zuredens. Die freundlich Besorgten wurden zuletzt unwillig, und die arme Bäreb wußte nicht, wo hinsehen vor Verlegenheit. Sie fühlte, wie der Junge sie durchnäßte in seiner Angst – ach, wären sie nur erst an Ort und Stelle!
Da – der Zug verlangsamte jetzt seinen Lauf, er pfiff und verschnaufte sich – Ettelbrück! Der Schaffner riß die Wagentüren auf. Gottlob, Ettelbrück, Ettelbrück! Aber Echternach noch so weit! – – –
Es war einmal vorgekommen, daß Leute, die gelobt hatten, zu springen vorm heiligen Willibrord, ihr Gelübde nicht hielten. Da wurden ihre Kinder und ihr Vieh im Stall von einer Krankheit befallen, in der sie die Köpfe warfen und mit den Gliedern schlenkerten, unfreiwillig alle die Sprüngeund Bewegungen machen mußten, alle Gebärden der Springer zu Echternach.
Aber wenn Bäreb auch diese Erzählung nie gehört hätte, sie wäre doch ihrem Gelübde nicht untreu geworden; sie wäre nicht umgekehrt und wäre es ihr noch viel schlechter ergangen als heute nacht. Es war viel zu spät gewesen, die Base der Mutter aufzusuchen, alle Häuser von Ettelbrück lagen dunkel in der Ferne, man sah nirgend ein Licht mehr glänzen. Wie die meisten der Wallfahrer war auch sie auf dem Bahnhof geblieben; in eine Herberge zu gehen, kostete zu viel, und wo wäre denn auch eine gewesen? Sich der Frau mit dem Kropf anzuschließen, die noch in den Ort hineinging, traute sie sich nicht, sie hielt sich lieber an den Dicken, der war so gutmütig; er kaufte ihr sogar am Morgen, als sie fröstelnd und übernächtig recht erbärmlich dasaß, am Büfett einen tüchtigen Kornschnaps. Sie wollte ihn erst nicht annehmen, sie hatte noch nie Schnaps getrunken; aber nun trank sie doch, und er tat ihr gut. Wenigstens glaubte sie so; denn daß ihr der Kopf schwer wurde, das kam nicht vom Schnaps. Das kam von all dem Ungewohnten, von dem schlechten Schlafen auf der Bahn, von der Hitze und Fülle im Wartesaal. Selbst auf den Boden hatten sich welche hingestreckt, das Bündel unter dem Kopf.
Wenn Bäreb geglaubt hatte, das seien schon viele Menschen, die sich im Wartesaal versammelt hatten, so wurde sie jetzt noch eines anderen belehrt. Draußen auf dem Perron: Menschen, Menschen, Menschen. Hier kam wohl die ganze Welt zusammen?!
Seit es Morgen war, rasselten immer wieder neue Züge auf dem Bahngeleise vor. In den Wartesaal war nicht mehr hineinzukommen, draußen auf dem Bahnsteig stand es Kopfan Kopf. Mit Fahnen, mit Kreuzen, mit ihren Musikchören und ihren Geistlichen standen da ganze Dorfgemeinden.
»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,Heiliger Willibrord, ein besonderer Schützer hiesiger Gegend!«
»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,Heiliger Willibrord, ein besonderer Schützer hiesiger Gegend!«
»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,Heiliger Willibrord, ein besonderer Schützer hiesiger Gegend!«
»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,
Heiliger Willibrord, ein besonderer Schützer hiesiger Gegend!«
Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord, wohin man sah, wohin man hörte. NureinGedanke belebte all diese Köpfe, all diese müden Gesichter, all diese Seelen: Echternach.
Bäreb sah auch manchen Kranken, vor dessen Anblick ihr grauste. Es kamen Blöde und Taube, Stumme und Lahme, Blinde und mit Geschwüren Behaftete; und solche, die äußerlich nicht so ihre Krankheit zeigten, zeigten ihr Leid doch in blassen, abgezehrten, verhärmten Gesichtern. Bäreb ging abseits, um all das nicht zu sehen. Oh, so schlimm war es mit ihrem Dores doch noch nicht! Sie küßte ihn, und er patschte sie mit den welken Händen ins Gesicht; je näher sie Echternach kamen, desto lieber wurde er.
Besonders eine war in der Menge, vor der es Bäreb graute; sie wußte nicht recht, warum, aber es gruselte sie. Und doch glitten ihre Blicke immer wieder hin in ängstlicher Neugier. Was fehlte der nur?! Die sah ja so gesund aus, stark und dick; sie mochte im gleichen Alter mit ihr stehen, aber sie hatte mehr Fleisch an sich. Auf einer Seite wurde sie von ihrer Mutter geführt, einer behäbigen Bäuerin, auf der anderen von einer ältlichen Frau, wohl auch einer Anverwandten.
Mit unruhig-flackernden Augen sah das Mädchen um sich, es drängte immer voran, die Frauen konnten es kaum zurückhalten. Und in Absätzen schrie es ganz laut: »Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Beinahe wäre es unter die Räder gekommen; vor den nun einlaufenden Zug drängte es sich hin, es wollte durchaus zuerst hinein, vor allen anderen. Es konnte es gar nicht abwarten.
In einem Tumult, der etwas Beängstigendes hatte, stürmten die Wallfahrer die Coupés. Es war ein Durcheinanderschreien, ein Trappeln, ein Stoßen, ein Stürmen, ein Drängen, ein Drohen, ein Brüllen, ein Schelten und ein Sich-beklagen, daß Bäreb selber nicht wußte, wie sie eigentlich auch in einen Wagen gekommen war. Zu ihrem Schrecken sah sie das Mädchen sich gegenüber. Es hatte starke hellblonde Zöpfe um den Kopf liegen und war gut gekleidet – ei, war die blaue Taille fein mit dem Sammetbesatz, und der Rock mit den Volants! Das Mädchen war eigentlich sehr hübsch. Es lächelte Bäreb an, aber diese traute sich nicht, wieder zu lächeln: Jesus Maria, das blonde Mädchen lächelte wohl freundlich, aber seine Augen blieben so leer dabei, als wären die Gedanken weit weg.
Mit großer Gesprächigkeit fing die Mutter, die behäbige Bauerfrau, eine Unterhaltung an. Sie fragte Bäreb, ob sie auch springen wolle zu Echternach? Sie und ihre Angela und die Base Piette wollten auch springen; sie kamen aus dem Luxemburgischen, der Knecht hatte sie gefahren bis zur Bahnstation, sie hatten Wagen und Pferd. Die Angela war krank. Von Kind an war sie anders gewesen als andere Mädchen, selbst bei den lieben Nönnchen, wohin man sie zwei Jahre in »Penßjohn« getan hatte, war es nicht besser geworden mit ihr. Einen teueren Arzt in der Stadt hatte man auch zu Rat gezogen, der hatte die Krankheit mit einem gelehrten Namen benannt.
»Aber dat is all nit wahr, uns Anschela« – die Frau dämpfte die Stimme und raunte der lauschenden Bäreb ganz geheimnisvoll ins Ohr: »der is wat angedahn!«
Bäreb riß ihre dunklen Augen weit auf und hielt sich unwillkürlich zurück, daß der Atem der Blonden sie nicht streifte. Sie hatte wohl schon gehört, daß, wenn die Kühe keine Milchgaben, man sagte, denen sei was angetan. Aber bei Menschen, o nein, das hatte sie noch nicht gewußt! Scheu richtete sie ihre Augen auf das Mädchen.
Das war aber sehr vergnügt; es schwatzte in einem fort und preßte mit beiden Händen seine blaue Taille herunter, damit sie straff und glatt über der vollen Brust saß. Ab und zu betete es auch ein Sätzchen. Aber dann wurde sein rundes, blühendes Gesicht jedesmal ein ganz anderes. Zwischen den Brauen grub sich eine tiefe Falte ein, die vollen Lippen wurden schmäler und erschienen blässer, die flackernden Augen hoben sich empor und starrten unbeweglich auf einen Punkt:
»Herr, erbarme dich unser,
Christe, erbarme dich unser!«
Die Blonde stöhnte laut, ihre Züge verzerrten sich wie bei einem heftigen Schmerz; sie schlug sich an die Brust, unruhig scharrten ihre Füße.
»Heiliger Willibrord, bitte für uns!« –
Leiernd fielen Mutter und Base ein: »Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!«
Unwillkürlich fing auch Bäreb mit an; wenn alle beteten, sollte sie da nicht mitbeten? Der ganze Wagen, alle Leute, die darin saßen, nahmen Teil.
Wie eine Vorbeterin, mit erhöhtem Ton, begann das Mädchen aufs neue. Es hatte etwas Heißes, etwas gewaltsam mit sich Fortreißendes, Bäreb konnte nicht widerstehen. Mit Mühe nur hielt sie an sich; wenn sie sah, wie das Mädchen an allen Gliedern zuckte, wie es sich bäumte in seinem Gebet, konnte auch sie kaum ruhig bleiben. Aufspringen hätte sie mögen von der Bank, wie jetzt das Mädchen tat, hineinschreien in das Rasseln und Schnauben des Zuges, es überbieten mit der Stimme:
»Heiliger Michael,Heiliger Gabriel,Heiliger Raphael,Heiliger Josef,Heiliger Petrus,Heiliger Paulus,Heiliger Thomas,Heiliger Philippus,Heiliger Bartholomäus,Heiliger Matthäus,Heiliger Markus,Heiliger Stephanus,Heiliger Laurentius, Vincenzius, Fabian und Sebastian,Alle heiligen Chöre seliger Geister, bittet für uns!«
»Heiliger Michael,Heiliger Gabriel,Heiliger Raphael,Heiliger Josef,Heiliger Petrus,Heiliger Paulus,Heiliger Thomas,Heiliger Philippus,Heiliger Bartholomäus,Heiliger Matthäus,Heiliger Markus,Heiliger Stephanus,Heiliger Laurentius, Vincenzius, Fabian und Sebastian,Alle heiligen Chöre seliger Geister, bittet für uns!«
»Heiliger Michael,Heiliger Gabriel,Heiliger Raphael,Heiliger Josef,Heiliger Petrus,Heiliger Paulus,Heiliger Thomas,Heiliger Philippus,Heiliger Bartholomäus,Heiliger Matthäus,Heiliger Markus,Heiliger Stephanus,Heiliger Laurentius, Vincenzius, Fabian und Sebastian,Alle heiligen Chöre seliger Geister, bittet für uns!«
»Heiliger Michael,
Heiliger Gabriel,
Heiliger Raphael,
Heiliger Josef,
Heiliger Petrus,
Heiliger Paulus,
Heiliger Thomas,
Heiliger Philippus,
Heiliger Bartholomäus,
Heiliger Matthäus,
Heiliger Markus,
Heiliger Stephanus,
Heiliger Laurentius, Vincenzius, Fabian und Sebastian,
Alle heiligen Chöre seliger Geister, bittet für uns!«
Die blonde Angela schrie alle Engel und Erzengel, alle Jünger des Herrn, alle Propheten und Märtyrer, alle heiligen Bischöfe und Beichtiger, Priester und Leviten, Mönche und Einsiedler in unendlicher Reihe auf sich herab.
Es schwindelte Bäreb. Wie war es möglich, die ganze Litanei zu allen Heiligen im Kopf zu behalten?! Sie fing an, das Mädchen zu bestaunen. Auch die anderen Waller hefteten bewundernde Blicke auf die Beterin. Wahrhaftig, das war keine Kranke, das war eine besonders Begnadete!
Die Mutter, die erst verlegen dareingeschaut und versucht hatte, durch ein Zupfen am Ärmel die Tochter zu leiserem Beten zu bestimmen, verzog nun den Mund in geschmeicheltem Stolz. Ja, das war wahr, ihre Angela war ein sehr frommes Kind, die sollte auch ins Kloster gehen, sowie sie gesund war. Und wenn’s auch ihre einzige Tochter war, die gelobte sie Gott. Jetzt ermunterte sie die Tochter zu weiterem Beten noch.
Wo die nur all diese Worte her hatte?! Das war ein Schwall, ein Erguß, ein Strömen, ein Fließen von heiligen Worten, daß es schier betäubte. Bäreb, der schon am Morgen der Kopf schwer gewesen war, fühlte ihn immer schwerer werden. Sie war wie im Rausch, wie am Tage vorher, da die hübschen Soldaten ihr soviel Verliebtes ins Ohr geflüstert hatten. Gestern so wie heut – heut so wie gestern! Sie konnte gar nicht mehr klar denken.
Wo war der Tag geblieben? Die Stunden waren so rasch verronnen wie ein Traum. War das Echternach? Ja, das war Echternach.
Willenlos, gedankenlos war Bäreb der führenden Menge ins Städtchen hineingefolgt. Sie sah nicht, wie lieblich das lag zwischen Gärten, in denen Apfel- und Birnbäume eben abgeblüht hatten und Kirschbäume schon sich rötende Früchte zeigten, die daheim nie reiften.
An die Spitze der einziehenden Wallfahrer hatte sich ein Musikkorps gestellt, dahinter reihten sich die Gemeinden; die geistlichen Hirten ordneten ihre Herden. Viele, viele gläubige Schäflein aus vielen Ortschaften, aus Nähe und Ferne; Staub auf den Kleidern, aber im Herzen Seligkeit. Nun war es erreicht, zu Fuß und zu Wagen, mit Not und Ermüdung, mit Anstrengung und Kosten. Hier war gelobtes Land, hier war man endlich in Echternach!
Das vorderste Musikkorps spielte, andere Musikkorps wollten nicht zurückbleiben – jede Gemeinde hatte ihren Ehrgeiz – sie spielten zum Einzug das Willibrorduslied, und tausend Kehlen stimmten jubelnd an: