Chapter 10

„Da du das Honorar mit ihnen teilen mußt, eine etwas sonderbare Ökonomie“, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das beständige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.

„Es wird sich rentieren, meine Teure“, antwortete er kurz. Es war an einem Sonntagabend, und der seltene Fall lag vor, daß keine Gäste anwesend waren. George, der das Röschen auf den Knien hatte und dem Kinde mit kleinen Muscheln Kreise und Figuren auf dem Tisch legte, fühlte in erschrockener Ratlosigkeit eine Unlust, sich auszusprechen, gleichsam das Versagen der Ausdrucksfähigkeit im Zwiegespräch. Er raffte sich auf. Dies sei eine Sache, die Zukunft habe, sagte er. In kurzer Zeit, — nun, möge es auch noch ein, zwei Jahre dauern! würde er alle jene fremdsprachigen Bücher, die er als ein redlich besorgter Volkserzieher in den Händen der Deutschen wünschen müßte, nicht mehr selbst übersetzen, sondern diese Arbeiten denen anweisen, die er der Beschädigung und der Unterstützung für würdig befunden hätte, — würde als Mittelpunkt in diesem Netz der Tätigen sitzen, alle Fäden in der Hand behalten und leiten und nicht nur des Dankes dieser wenigen, sondern vor allem der ewigen Dankbarkeit der Nationen gewiß sein, zwischen denen er Schranken einreißen, Grenzen auflösen würde. „Was ich auf diesem Wege,“ fügte er mit einem kurzen Auflachen hinzu und fuhr sich mit der Hand über die brennenden Augen, „nun ja, etwa seit fünfundzwanzig Jahren tue, seit meinem elften Lebensjahr. Indessen fehlte mir lange der Blick auf den großen Sinn der Sache, jawohl, ich ermangelte des Ausblicks.“

Er schwieg still. Nicht, als ob er eine Antwort erwartet hätte. Er war nur müde. Das Röschen schob die Muscheln hin und her, patschte darauf und warf sie zu Boden. Er hob sie geduldig auf. „Tu das nicht, Röschen, die sind von Larry“, sagte er und summte ein paar Takte vor sich hin. „Larry, Larry“, plauderte das Kind und wirtschaftete mit den runden Händchen weiter. Dann sagte es: „Der Onkel Ferdi kommt heut nicht, der Onkel Ferdi kommt heut nicht …“

„Nein, — er ist in der Favorite“, sagte Therese.

Draußen regnete es. Es war so dämmerig, daß sie kaum ihre Gesichter unterscheiden konnten. Theresens Gestalt, schon ein wenig unförmig,in dem weißen weiten Sommerkleid leuchtete regungslos in dem tiefen Stuhl am Fenster. „Und was wirst du dann tun, — wenn du nicht mehr übersetzest?“ fragte sie plötzlich leise. — — —

Er hatte sich wohl gesagt, daß ein wenig frische Luft nach Abschluß dieses heißen Arbeitstages ihm noch gut tun würde, und darum ging er hier im Staube, den die Equipagen und Chaisen der spazierenfahrenden großen Welt auf der Rheinallee aufwirbelten, ging dem fröhlichen Gedränge heimkehrender Bürger mit ihren Weibern und Kindern entgegen und sah mit trocknen entzündeten Augen auf das Bootgewimmel des abendlich belebten Stromes, in dem die Auen schwammen wie selig umbuschte Eilande, voll Gesang und Tanz. Wohl, hier ging der Hofrat Forster eiligen Schrittes durch das lustige Getümmel eines rheinischen Sommerabends, ließ seinen Schatten in den letzten schrägen Strahlen der Augustsonne seitlich zu seiner Rechten unmäßig lang hinter sich drein schleifen und zuweilen an den dicken Stämmen der alten Linden sich aufrichten, tupfte nach je ein paar Schritten seine Stirn ab, wiederholte es sich: „Ich mache mir Bewegung, dies ist gut!“ und dachte uneingestandenermaßen fortwährend Dinge wie: „Jener Mann dort vorn, — ach nein, Huber ist größer …“ oder: „Dieses Paar dort, endlich, — wieder nichts, — wo bleiben sie nur?“ so daß er bei seinem unablässigen Spähen in die von goldenem Staub erfüllte Ferne der Allee fast an Therese und Huber vorbeigelaufen wäre, die, auf dem schmalen Pfad jenseits der Baumreihe schreitend, nun stehenblieben, — das heißt, Therese blieb stehen und rief ihn an, während Huber, verstört um sich blickend, den Eindruck eines jählings erwachten Schlafwandlers machte. Therese, den langen Kaschmirschal, der sie umhüllte, ein wenig raffend, griff nach seinem Arm, sie schien keine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen zu wünschen, und, indem sie gemeinsam die ersten Schritte nach der Stadt zurück taten und er mit Beunruhigung das leise Beben ihres Armes empfand und Erregung aus ihrem Körper zu sich herübergeleitet fühlte, sagte sie mit einem leeren kleinen Gelächter und einem Seitenblick unter dem weit vorspringenden Rand ihres italienischen Strohhutes hervor zu Huber hin: „Da kommt mein Forster gerade zur rechten Zeit, um teilzuhaben an Ihren überraschenden Neuigkeiten, lieber Freund! Denn dies wurde doch nur zufällig mir allein anvertraut? Höre doch, Georgie …“

George, an ihr vorüberblickend, sah Huber mit einer unerklärlich verzweifelten Gebärde die Hand erheben, wollte Schweigen gebieten, unterließ es aber in dem eigenen Erschrecken über Theresens veränderte Stimme, über die ganze befremdende Art, mit der sie weniger sprach, als plapperte: „Er will sein Verlöbnis mit Dora lösen. Das arme Mädchen, wie soll sie es ertragen? Deformierte sind so empfindlich. Sie kann daran sterben. Ich denke mir, wenn so ein Brief ankommt, so ein grausamer Brief …“

„Aber ich verstehe nicht …“

„Oh mein Freund! Du verstehst es nicht? Dieser junge Mann meint, von einer Leidenschaft zu einer anderen Frau ergriffen zu sein. Er spricht sich nicht deutlich aus. Vielleicht hat er mehr Vertrauen zu dir …“

Therese, wieder von diesem nervösen Gelächter befallen, das einem Schluchzen glich, drängte George zu einer Bank, die am Wege stand. Sie ließ sich nieder, preßte die Hand auf ihre Brust und blickte, die Augen voll Tränen, zur Stadt hinüber. George, in ratloser Verlegenheit, wandte sich an den düster dastehenden Huber und sagte sanft: „Wenn es Sie denn entlasten sollte, sich auszusprechen, Freund, so vertrauen Sie sich uns an. Sie haben an diesem Ort, ja vielleicht auf der ganzen Welt nicht Herzen, die es aufrichtiger mit Ihnen meinen, als das meine und das meines guten Weibes.“

„Sie sehen sie übermäßig exaltiert. Ihr Zustand erfordert Schonung.“ Er ließ sich neben Therese nieder, nahm ihre Hand, die ihm willenlos überlassen wurde, und blickte vorwurfsvoll zu Huber auf, — ein lebendes Bild, o gewiß, hier war zu sehen ein einiges Ehepaar, — indessen, — wovor zitterte sein Herz? Und Huber, dessen Züge zum erstenmal nicht beherrscht waren von dem Ausdruck des Heiteren, Höflichen oder auch des Harmlos-Treuherzigen, oder des Liebenswürdig-Schwärmenden, des Selig-Traurigen, — Huber, die Nasenflügel gebläht, die Lippen und das Kinn vorgeschoben, unkenntlich, er, der Sanfte, in dieser Maske des Zürnenden, dem eine unverzeihliche Schmähung das Recht auf Zorn gab, er stieß hervor: „Lasse man mich doch wenigstens mein Herz allein aus dem Staube aufheben, in den es getreten wurde! — Freundschaft, — o vorzüglich! Aber auf dem schmalen Grat, über den mein Leben jetzt führt, kann ich keine anderen Begleiter mitnehmen, als jene, die in der Luft ihren Pfad suchen, also etwa die Geister der Entschlossenheit und der Entsagungzur Rechten und zur Linken!“ Mit einer brüsken Bewegung sich abwendend, tat er ein paar Schritte, kam zurück, beugte sich zu George nieder, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, und flüsterte rauh: „Bruder! Die Frau, um derentwillen ich mein gutes Mädchen aufgeben wollte, ist nicht nur eines anderen Weib, sondern auch eine infame Kokette!“ Er stürzte davon.

Therese weinte jetzt recht herzlich. George, von den neugierigen Gesichtern der Vorübergehenden gepeinigt, murmelte: „Laß uns gehen!“

Sie nahm das Tuch vom Gesicht, ließ mit überströmenden Augen einen Blick unnahbarer Würde über die Gaffer gleiten, erhob sich, raffte ihren Schal und griff nach seinem Arm.

„Du hast es gesehen,“ sagte sie, von Schluchzen unterbrochen, „du hast den Zustand seines Herzens gesehen. Weißt du nun, warum ich dich bat, ihn zu entfernen? Aber du wolltest ja nicht …“

„Ich wollte nicht? Um Gottes willen, soll ich die Schuld haben an diesemdésastre? Und warum weinst du dermaßen, wenn ich fragen darf?“

„George! Ich kann nicht so schnell gehen!“

Er mäßigte seinen Schritt, senkte den Kopf und fühlte eine tödliche Ermattung. Nach einer Weile sagte er:

„Wir werden diesen Menschen nicht aufgeben. Kommt er wieder zu uns, — und ich denke, er wird wiederkommen, — so steht unser Haus ihm offen.“

Therese war stehengeblieben, sie sah mit halbgeöffnetem Munde zu ihm auf, sie drückte die gerungenen Hände gegen ihr Herz:

„Aber begreifst du denn nicht? Aber bist du denn blind?“

George sah zu den Türmen des Domes hin, die im letzten Licht brannten und funkelten. Eine starre Falte stand zwischen seinen Brauen:

„Ich werde nie aufhören, dir zu vertrauen, Therese.“

Müller, an den George im Laufe des Sommers einige ausführliche Schilderungen seiner Lage und seiner Geldschwierigkeiten gerichtet hatte, hatte zwar weder eine Gehaltserhöhung noch eine Zubilligung freien Holzes beim Kurfürsten durchzusetzen vermocht, jedoch war es ohne Zweifel sein Werk, daß der Geheime Hofrat Forster eine neue, geräumigere und schönere Dienstwohnung in den sogenannten Universitätshäusern an der Tiermarktstraße angewiesen bekam. Im Herbst also gab es die erbauliche Arbeit des Räumens und Wiedereinrichtenswie im vergangenen Jahr, erbaulich, weil sie einen Bruch mit überlebten Zuständen vortäuschte und den Beginn eines neuen Lebens. An dem bösesten Tage des Umsturzes, als kein Stuhl mehr zu finden war, um einen Augenblick auszuruhen, und die Blusenmänner geliebte Besitztümer ohne Unterschied mit Eimern und Besen zusammen verfrachteten und davonführten, — in diesem Zeitraum der wankenden Bodenständigkeit erschien plötzlich Huber wie ein lautloser Geist und fragte demütig an, ob er denn nicht den Tag über mit Röschen spazieren gehen dürfe. Empfangen von einem Hausherrn, der im Begriff stand, hinter einem Handwagen dreinzulaufen, der seine kostbarsten Sammelkästen entführte, — die Konchylien, man denke, eine Anhäufung unwägbarer Werte, die in Deutschland vermutlich kein zweites Mal zu finden war, es sei denn bei demanderenBereiser des australischen Meeres, Forster senior in Halle, — begrüßt von einer Hausfrau, deren Unbefangenheit unterstützt ward durch die Aufgabe, mit Hilfe der Demoiselle Dieze die jungen Hühner einzufangen und in einem Korb unterzubringen, gelang es ihm ganz ohne Widerstände, das Ziel seines Begehrens zu erreichen und mit einem verschämt strahlenden Röschen an der Hand das Chaos zu verlassen, wobei sein Gesichtsausdruck dem seiner Begleiterin nicht unähnlich war. Am Abend wurde ein guter Onkel Ferdi von der kleinen Hand nicht losgelassen, ehe er sich mit am Tisch in der neuen Küche niederließ und an dem Reisbrei teilnahm, der Herrschaft und Gesinde um einen riesigen Topf vereinigte. Therese war von einer nicht ganz natürlichen Munterkeit: „À la guerre, meine Freunde,tout comme à la guerre!“ rief sie und bedrohte jeden mit dem Schöpflöffel, der nach ihrer Meinung sich zierte, genug zu essen. Forster, das Röschen auf den Knien, plauderte vergnügt von der Weitläufigkeit der Wohnung, von anderen Tapeten, neuen Möbelstücken, die nötig waren, — „Freilich, — er hat es ja übrig!“ warf Therese ein und nickte Huber hastig zu, — und er verstummte erst, als der wiedergewonnene Freund zum erstenmal sein befangen-glückliches Schweigen brach und erklärte, auch er würde wohl bald umziehen müssen, aus diesen und jenen Gründen. George wurde nachdenklich. Nach Tisch nahm er den andern mit hinauf, ihm im letzten Tagesschein die Räume zu zeigen. Er mußte sich seiner freudigen Gespanntheit entladen, gesprächig, als hätte er Wein getrunken, entrollte er den Stoff, der sich seit dem letzten Zusammensein im Sommer angesammelt hatte. Da waren die Besuche von Humboldt und Campe, — undder letztere bot Anlaß zu einem Exkurs über die derzeitigen Erziehungskünstler Deutschlands, die allesamt übel wegkamen, mochten sie nun Campe, Salzmann oderWillaumez heißen, — da waren die jüngsten Schikanen des katholischen Universitätskuratoriums gegen den protestantischen Herrn Bibliothekar, der doch weiß Gott an Toleranz nichts zu wünschen übrig ließ, wie es sein Aufsatz in der Berliner Monatsschrift bewies, der die Proselytenmacherei entschuldigte, wenn nicht gar in Schutz nahm. Hatte Huber ihn gelesen? Und gehörte er etwa zu den Leuten, die den Standpunkt des Verfassers nicht billigten? O, das gab eine endlose Diskussion! Die Kerze war niedergebrannt und die Mitternacht sang vom Dom, von St. Peter und allen ihren Schwestertürmen, als Huber sich den Weg zwischen dem aufgestapelten Hausrat hindurch zur Straße suchte.

„Er ging wieder wie ein Schlafwandler,“ dachte George, „und ich redete wie ein Traumschwätzer, und hier wird Therese liegen, die Augen groß offen, und wacher sein als wir alle …“

Er öffnete leise die Tür der Schlafkammer und wie er gedacht, fiel der Schein seines Lichtes auf Theresens Gesicht, das ihm aus den Kissen mit reglosem Lächeln entgegenblickte.

„Er blieb ja so lange,“ sagte sie ohne sich zu rühren, als George neben ihr lag.

„Wir hatten höchst angenehme Konversation, — er ist ganz der alte, du kannst versichert sein. Iffland führt nun sein Stück auf, ich fahre mit ihm nach Mannheim.“ Da keine Antwort kam: „Du hast recht, — ich wollte in diesem Jahr nicht mehr reisen. Jedoch dieser Katzensprung, — und es ist Freundespflicht …“

Er drückte das Licht mit den Fingern aus, wühlte sich wohlig in die Kissen und stöhnte behaglich. Sei es Reise, sei’s Umzug, — Veränderung verjüngte sein Herz. Er hustete ein wenig.

„Ich habe ihm, — ich habe Huber die beiden Mansardenzimmer oben angeboten, von denen wir nicht wußten, wie sie verwenden …“

Dies tat ich, fühlte er unter dem rasenden Klopfen seines Herzens voll Verzweiflung, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Weil es besser ist, sich mit der Brust in ein Schicksal zu stürzen, als das Zustoßen des zaudernden Schwertes abzuwarten. Dies tat ich vielleicht, um die Götter durch Demut zu versöhnen …

„Er will es noch überlegen,“ fuhr er fort, die Hände auf die Brust gepreßt, als neben ihm kein Laut Antwort gab. „Ich denke aber, erkönnte es gar nicht besser treffen. Er zahlt für Kost und Logis, er rechnet ganz zur Familie, es wird seinen Gewohnheiten gut tun und unsern Mittagstisch beleben … Nun, ich würde mich freuen.“

„Du hast ihm die beiden Mansardenzimmer angeboten! Mein Gott, — George! — mein Gott …“

„Was denn, — Therese?“

Lachte sie in der Dunkelheit?

„Laß nur gut sein, George, laß gut sein.“

Sie schwiegen. Sie rührten sich nicht mehr. Die Zeit verging. Nach einer bangen Stunde flüsterte er: „Therese!“ und noch einmal: „Therese!“ — Müde kam ein „Ja, George — was ist?“

„Ach, — wenn ich noch ein wenig Baldrian hätte …“

Sie machte Licht. Sie reichte ihm die Tropfen. Er sah ängstlich in ihr Gesicht und fand es müde, still und kühl. —

Der Professor Wedekind, sein Glas in der Rechten, die blauen Augen in dem angenehm geröteten viereckigen Gesicht schiefgeneigten Hauptes und schwimmenden Blickes empor zu dem neuen Kronleuchter erhoben, schloß seine Tischrede: „… und da denn wir Hannoveraner und anderen Ausländer, Protestanten und anderen Ketzer, Kosmopoliten und Freigeister hier unter uns sind — ich bitte denjenigen um Verzeihung, der sich nicht zu uns zählt …“ Die alte Frau Wedekind, Madame Mère genannt, wiegte mit vorgeschobenen Lippen den hochtoupierten Kopf, machte tadelnd kleine Schnalztöne und rollte die Augen nach seitwärts zu ihrem Nachbarn, dem Professor Dorsch hin, — allein Monsieur l’Abbé schien durchaus nicht anders als angenehm berührt, saß zierlich aufgestützt da, meckerte ein wenig und spielte mit Brotkügelchen, — „da wir denn heut zum erstenmal allhier versammelt sind, wo unser großer Freund und Welteneroberer nun hoffentlich die bleibende Statt gefunden, so bitte ich die geneigte Tafelrunde einzustimmen in meinen Ruf: diese Herberge der Musen, dieser Hort der Aufklärung, — das Haus Forster vivat hoch!“

Die Gläser klangen aneinander. Wedekind, der seiner Nachbarin Therese am oberen Ende der kleinen ovalen Tafel die Hand geküßt hatte, kam nun auf halbem Wege George entgegen und ward in heller Rührung umarmt.

„Freunde, ihr wißt, daß ich mit einer schweren Zunge geschlagen bin,“ redete George, über seinen Teller gebeugt und den Fuß seinesGlases drehend, als die Bewegung begeisterter Zustimmung sich gelegt hatte, „ihr seht es mir deswegen auch nach, wenn ich nicht in geziemender Ansprache danke. Aber sagen muß ich es, daß ich, — ich und mein liebes Weib, — daß wir nun nach dem ersten Jahr in Mainz das Gefühl einer Heimat in uns keimen fühlen, und mich dünkt, das liegt weniger an der Gunst des Ortes als an den freundlichen Herzen, die wir uns hier bereitet fanden. Ein stilles Glas der Freundschaft!“

Er suchte Hubers Augen, während er trank, allein Huber, in ein kicherndes Geschwätz der Forkelin verflochten, blickte nicht herüber und George fand sich alsbald ein wenig beschämt von Sömmerrings treuem Hundeblick, in dem ein stiller Vorwurf zu stehen schien. „For ever!“ rief er halblaut über den Tisch, lächelte und nickte.

„Man sollte dem Herrn Geheimenrat eine schwere Zunge gar nicht glauben!“ lispelte die kleine Madame Dieze an seiner Linken und sah demütig zu ihm auf.

George, ihr zugewandt und versichernd, freilich sei es an dem und auf dem Katheder versagten ihm gar die Worte den Gehorsam, indessen, wenn er das eine oder andere Gläschen Liebfrauenmilch getrunken habe, wie soeben …

„Ei, so würd’ ich mir an des Herrn Geheimenrats Stelle des öfteren ein Gläschen Liebfrauenmilch verschreiben! Der selige Dieze nannte das medizinieren …“

George unter solchem Geplänkel der alten Dame dachte, daß die geblümte Tapete, daß die neuen punktierten Mullgardinen samt den zwei schmalen façettierten Pfeilerspiegeln und dem kleinen Kristallkronleuchter diesem Zimmer wahrlich einen Anstrich festlicher Vornehmheit verliehen, — dachte: „Therese sieht heut abend so bleich …“ dachte, die englische Mahagonistanduhr will immer noch nicht wieder schlagen, sie muß auf der Reise gelitten haben, sie muß einen andern Platz bekommen, — dachte in irgendeinem Zusammenhang: „Unsinn, Spener wird den Vorschuß schon abgesandt haben …“ und wieder: „Therese sieht heut abend so bleich …“

„Kann ich dir etwas besorgen, meine Liebe?“ rief er, sich halb erhebend, denn er bemerkte plötzlich, daß sie suchend umhersah. Aber da stand schon Huber neben ihr, empfing lächelnd einen geflüsterten Wunsch, glitt hinaus, kehrte wieder, verbeugte sich von seinem Platz aus ein wenig, bekam ein dankbares Lächeln, — die Marie erschien,brachte der Frau Rätin das Schnupftuch, das hastig benützt wurde, — oh, darum handelte es sich! — Huber bekam einen zweiten lächelnden Blick und er, George, nun auch ein Nicken, das Tüchlein verschwand im Brustausschnitt … George nahm ein paar Schlucke, dachte erschöpft: „Sömmerring trinkt zu viel, er ist schon ganz traurig geworden,“ und fühlte seinen Geist plötzlich belebt wie von einem Sporenstich durch einen Satz über Paris, den Dorsch da unten sprach. Paris, — o, freilich wohl, Paris!

„Geht es Ihnen auch so, Freund, daß Sie meinen, leichter atmen zu können, seit die Spannung dort oben sich entladen hat?“

Dorsch spähte mit seinem kleinen nackten Gesicht um den mächtigen Vorbau von Madame Mère herum.

„Ei, Verehrtester, tragen Sie ein so feines Instrument für den Luftdruck der Zeit in der Brust? Es ließ sich dies alles voraussehen, ja, mit der Uhr in der Hand vorausbestimmen.Mon dieu, nein, ich kann nicht behaupten, daß ich vorher litt und nun leichter atme.“

„Oh, Sie meinen, ich affektiere den Geisterseher und Mesmeristen, aber bei Gott, dies nicht! Ich war nie ein Politikus, mein Allerbester, ein jeder, der mich kennt, wird es Ihnen bezeugen …“ und George warf einen lächelnden Blick hinüber zu Sömmerring, der die Augen zur Decke hob und die Hand abwehrend bewegte, — „ich war also auch nie ein bewußter Beobachter der Machtströmungen und fürstlichen Machenschaften.“ —

„Aber was gibt es denn Interessanteres als mitzudichten an demtheatrum mundi?“

„Ah bah, mich langweilt das, so lange ich denken kann. Kein braverer Untertan als ich, so lange die Sache meines Fürsten die Sache der Menschheit und der Menschlichkeit ist! Hört sie auf das zu sein …“

„Dann nimmt unser Forster den Stab in die Hand und sagt:ubi bene, da Vaterland, ho ho!“ rief Wedekind kräftig, und von seinem Gelächter klirrten die Gläser auf dem Tisch. Therese bot erschrocken die Schale mit Obst noch einmal an und sagte in unterdrücktem Tone zu Sömmerring: „Wie kommen wir nur auf diese leidigen Themata? Der eine gerät ins Schwärmen, der andere verfällt auf Grobheiten.“

„Daß sie jetzt auch immer auf den Fürsten herumhacken müssen!“ schmollte die Demoiselle Dieze und gebrauchte den Fächer.

„Ich pflege mich nie politisch zu enragieren, sondern immer nur menschlich,“ fuhr George mit einem kalten Blick in die Richtung desselbstzufrieden schmunzelnden Wedekind fort, „habe da freilich mehr als mancher andere Anlaß gehabt, Despotismus und Ungerechtigkeit am eigenen Leibe zu erfahren.“

„Mein Gott, Sömmerring, so bringen Sie ihn doch auf etwas anderes! Gleich wird er bei England angelangt sein!“ murmelte Therese, und ihre Augen wanderten gleichzeitig hilfesuchend zu Huber hinüber.

„O, ein Europa ohne Fürsten, — welch eine Szene ohne Saft und Kraft, ohne Farbe und Musik!“ rief dieser bereitwillig.

„Nein doch, Huber! Sie sollen doch lieber von Stalaktiten oder Meteoren reden als von Fürsten!“ lachte Therese vorgebeugt halblaut, während George, die Stimme erhebend, ohne irgend welchen Einwurf zu beachten, fortdozierte:

„Der Einzelne, meine Freunde, der hervorragende Einzelne, der sich seiner symbolischen und stellvertretenden Bedeutung für die Menschheit bewußt ist und an vorgeschobenem Posten heftiger unter dem Druck der Knechtschaft leidet, als das arme dumpfe Volk, — nun dieser Einzelne, als der ich mich fühle, wie jeder unter uns im Namen der Menschheit sich fühlen sollte, — hat der nicht ein Recht, aufzuatmen, wenn irgendwo der Wille zur Freiheit seine Ketten sprengt und hervorbricht, um sich auszubreiten wie ein fressendes Feuer?“

„Aber was ist Freiheit?“

„Lieber Huber, Sie sind der Mann der skeptischen Seufzer! Was ist Schicksal? fragten Sie neulich …“

„Wir sollten,“ ließ sich Dorsch, nunmehr ganz verborgen hinter dem Bollwerk von Madame Mère, mit krähender Kathederstimme vernehmen, „wir sollten doch weniger über den Willen zur Freiheit als über die Freiheit des Willens disputieren!“

„Wenn Sie nur Ihren Kant anbringen können! Hier handelt es sich nicht um die Grundelemente der Vernunft …“

„Dann freilich …“

„Sondern um die Bedingungen, unter denen unsere Vernunft sich ihrer göttlichen Natur erst bewußt werden kann.“

„Ist sie göttlich, so ist sie unbedingt.“

„Mein Gott, Sie wollen mich nicht verstehen. Nehmen Sie einen Menschen von guten Anlagen, man hat ihn von Jugend aus unterdrückt, seine Kraft ausgenutzt, sein Blut gesogen, — was sag ich? — hat ihn mit Füßen getreten, ihm alle Bildungsmöglichkeiten unterbunden, ihn nur zu Fertigkeiten abgerichtet, die sich lohnten, um vonder Hand in den Mund zu leben, hat Belohnungen unterschlagen, die ihm zukamen, — — o, meine Freunde, dies ist ein Gleichnis und ich spreche von dem französischen Volke, das gewiß nun bald dazu kommen wird, über die Freiheit des Willens nachzudenken, nachdem sein Wille zu dieser Freiheit sich einmal manifestiert hat.“

In das betretene Schweigen hinein, das auf diesen Ausbruch folgte, sagte Madame Mère angstvoll:

„Der Herr Geheimerat glaubt aber doch nicht, daß wir in unserm Deutschland ähnlichehorreurserleben könnten wie in Paris?“

„Ach,chère maman, dazu sind wir Deutschen doch viel zu geduldig und langweilig!“

„Silence, Dorothée!“

Frau Forkel ließ eine unehrerbietige Zunge sehen, kicherte und knackte weiter Nüsse auf, mit denen sie ihre Nachbaren Huber und Dorsch versorgte.

Therese, mit einem starren Gesichtsausdruck auf diese vergnügte Gruppe am Tischende ihr gegenüber blickend, sagte langsam, als machte das Sprechen ihr Mühe:

„Und wir Deutschen lassen Worte das Handeln ersetzen und die Schwärmerei ins Große löst den Willen zur Tat ab …“ Sie hob die Tafel auf. Im Nebenzimmer, dem Zimmer des grünen Kanapees und des Mahagonibureaus, stand die neue gläserne Servante, deren Inhalt bewundert werden mußte. George schloß auf und holte mit zärtlichen Händen die Figur der Chinesin aus der Berliner Porzellanmanufaktur heraus.

„Lassen Sie sehen, Freund!“ Dorsch, mit der Stielbrille vor den Augen, tänzelte angeregt näher. — „Ah, diese satten Farben, dieser sanfte Schmelz! Vortrefflich, exzellent! Eine kostspielige Liebhaberei! Aber sehr schön! Sehr artig! — ‚Sie haben Sauereien geschrieben, Heinse, — aber sehr schön, sehr artig!‘ hat unsere Eminenz neulich zu dem Verfasser des ‚Ardinghello‘ gesagt, — ha ha!“ Er blickte beifallsfreudig in die Runde. Huber machte ein hochmütiges Gesicht. Eine dünne kleine Stimme wurde plötzlich hörbar und übertönte klagend die Unterhaltung, die Professorin Dieze erhob lauschend den Zeigefinger und Madame Mère, neben ihr auf dem grünen Kanapee, nicktegerührt:

„O, — die jüngste Demoiselle!“

„Ich sehe, was es gibt!“

Huber hatte mit einem beruhigenden Lächeln über die Schulter zurück das Zimmer verlassen, noch ehe Therese sich hatte erheben können.

„Ein brauchbarer Page,“ bemerkte Frau Forkel irgendwo in die Luft hinein.

„Sie haben wohl einen recht angenehmen Hausgenossen an ihm?“

Madame Mère hatte Blick und Haltung eines Großinquisitors.

„Er liebt die Kinder so, — o, ich danke Ihnen, mein Lieber, — Lise ist in der Kammer, sagen Sie? Ja, ich danke Ihnen — und — wollten Sie nicht mit Fiekchen noch ein wenig musizieren?“ —

George, mit Wedekind, Sömmerring und Dorsch am Spieltisch sitzend, hob den Kopf, als Huber begann, auf dem Spinett zu präludieren. Fiekchen hielt den kleinen Göttinger Almanach in der Hand, das herausgetrennte Notenblatt stand vor Huber. Und Fiekchen sang:

„O Jüngling, warum liebst du mich?Wie gern, wie willig liebt’ ich dich, —Doch, ach, du kennst mein Los!Ich fühl’, obschon du mir’s verhehlst,Nur allzu oft, wie du dich quälst,Und wein’ in meinen Schoß.

„O Jüngling, warum liebst du mich?

Wie gern, wie willig liebt’ ich dich, —

Doch, ach, du kennst mein Los!

Ich fühl’, obschon du mir’s verhehlst,

Nur allzu oft, wie du dich quälst,

Und wein’ in meinen Schoß.

Ach, ziehe nicht vor meinem BlickDen deinen so betrübt zurückUnd schone meiner Ruh’!Oh, wäre dieses Herz noch mein,Es sollte dein auf ewig seinUnd meine Hand dazu.“[1]

Ach, ziehe nicht vor meinem Blick

Den deinen so betrübt zurück

Und schone meiner Ruh’!

Oh, wäre dieses Herz noch mein,

Es sollte dein auf ewig sein

Und meine Hand dazu.“[1]

[1]„Das Mitleiden“ von W. G. Becker, Göttinger Musenalmanach 1788.

„Hm, — auch ein Seufzer nach Freiheit!“ meinte Wedekind und spielte aus.

„Zu dem die Demoiselle meines Wissens keinen Anlaß hat, —au contraire, sie scheint mir eher der Freiheit müde zu sein,“ bemerkte Dorsch mit einem pfiffigen Blick auf den mürrisch-teilnahmslosen Sömmerring.

George dachte zum drittenmal an diesem Abend: „Therese sieht so bleich“, und dachte: „das Wochenbett hat sie allzusehr angegriffen …“ Er brachte Verwirrung in das Spiel und verlor, weil er die Augen und seine Gedanken immer wieder zu der kleinen Gestalthinüberwandern ließ, die da so hilflos in dem großen Lehnstuhl kauerte. — —

„Wann habe ich sie denn je genug geliebt?“ dachte George und ging leise durchs Haus, als läge irgendwo ein Schlafender, der nicht geweckt werden durfte. Seit dem Herbst, — ja, seit die kleine Claire auf der Welt war, versicherte er sich, — war Therese verändert, war in ihrem Wesen etwas Neues, das ihn ratlos machte und erschütterte, eine Geduld war da, eine Sanftmut, eine Bereitschaft für ihn, auf die zu hoffen er längst aufgegeben hatte, — oh, und er begriff nicht ganz, aber er war namenlos gerührt, die Tränen kamen ihm zuweilen, wenn er ihr stilles Wirken vernahm und die kleinen Lieder hörte, die sie vor sich hinsummte. Andere singen aus Fröhlichkeit, wußte er, Therese singt wohl aus einer unendlichen Wehmut des Herzens, und weil sie nicht weinen will, — aber er dachte nicht weiter, höchstens kam ihm die Erinnerung an die endlosen Lieder der Wolgaschiffer. Er war sehr krank in diesem Winter, das alte skorbutische Übel war wieder da und durchwühlte seinen Körper, ausbrechend in strömenden Katarrhen, schmerzhaften Anschwellungen aller Gelenke und Migränen, die ihn nahezu erblinden ließen in rasender Pein. Aber war es nicht gut, sich pflegen zu lassen? Anerkennung zu ernten dafür, daß man trotz aller Bresthaftigkeit am Schreibtisch saß, dafür, daß man der Geplagte, der Unermüdliche, der Tapfere war? Sie waren wohl alle drei ein wenig krank, auch Huber, der so lautlos kam und ging und so blaß war und still wie der Mond, gar nicht mehr genialisch hereinstürmte und trüb und wild in den Ecken lehnte wie einst. Es war fast unmöglich zu denken, daß er einmal bei den Mahlzeiten nicht dabeigewesen war, fand George, denn es gab nun doch eine Art des Ideenaustausches, der mit einer Frau nicht zu unterhalten war, so anmutig und unentbehrlich Theresens Einfälle auch waren. Es gab einen aufmerksamen Hörer am Tisch, einen, dessen stumme, unbedingte Bewunderung einstmaliger und gegenwärtiger Leistungen zu einem Bestandteil der häuslichen Atmosphäre wurde, ohne die nicht mehr recht zu leben war. Man hatte einen Berichterstatter vom Hof im Hause, der nun wahrlich dastheatrum mundiaus erster Hand genoß und mit der Wiedergabe seiner Eindrücke nicht sparsam war; man konnte also den großen Herren ein wenig in die Karten sehen, und das war außerordentlich lehrreich. Im übrigentauschte man seine schöngeistigen Korrespondenzen aus, und die Briefe Jakobis und Lichtenbergs, Körners und Schillers boten Anlaß zu den erbaulichsten Gesprächen. Der Ablauf des Tages war unerschöpflich an Dingen, der Erörterung wert; es war nicht nötig, von sich selbst zu sprechen. Bisweilen geschah es wohl, daß Huber schon am Teetisch anwesend war, wenn George, vor Müdigkeit taumelnd, aus seinem Kabinett herüberkam. Doch da waren die Herren Thümmel und Hermes, sonderlich aber der Herr Lafontaine mit seinen allerliebsten Erzählungen von der „Gewalt der Liebe“, oder die unschätzbare Madame Naubert mit ihren lehrreichen und poesievollen Romanen, zum Exempel dem „Alf von Dulman“. Dies waren die Herrschaften, die George immer antraf, wenn er das Zimmer des grünen Kanapees betrat und Huber dort schon am Teetisch bei Therese fand, und hörte er nicht schon vom Saal her, — das Zimmer des immer noch neuen und heimlich sehr geliebten Kronleuchters führte den Namen eines Saals, — die monotone Stimme des Vorlesers, so vernahm er die Töne des Spinetts, an dem Huber saß und leise spielte. Ja, dieses war gewiß: man hatte sich untereinander wohl vieles zu erzählen, man hatte sich aber wenig zu sagen. Ein langes Schweigen löste sich zuweilen in ein Lächeln auf, es lächelte Therese, die vielleicht lange ins Licht gesehen hatte, und beugte sich wieder über ihre Arbeit, es lächelte Huber und sah aus wie ein ertappter Knabe, es lächelte dann auch George vor sich hin. Dies alles war sehr gut, fand er. Denn was konnten Menschen einander Besseres erweisen, als sich so zu schonen, wie sie es gegenseitig taten, miteinander den Weg zu gehen, den weiten, weiten Weg, und über die Beschwerden des Tages hinweg nach dem verborgenen Ziel zu spähen? —

So war der April gekommen, und sichtbar über den Horizont stieg die Verwirklichung eines Projektes, das seit Monaten in Briefen und Unterhaltungen hin und her gewendet, nach allen Seiten erwogen und vorbereitet worden war, des Planes einer Reise in die Niederlande, nach England und nach Frankreich, auf der George als Mentor den jüngeren Bruder Wilhelm von Humboldts, Alexander, begleiten sollte. Es war unmöglich, die Vorzüge einer solchen Reisemöglichkeit für ihn zu übersehen, indessen ward George nicht müde, sie immer von neuem aufzuzählen, als müßte er sich verteidigen, daß er an solche Unternehmungen dachte, allein und ohne die Absicht, Therese mitzunehmen. Jedoch, die Kinder, — nicht wahr? Und die in diesenZeiten nicht wieder einzubringenden Kosten, die den Luxus einer bloßen Vergnügungsreise verboten. Er hingegen, er flog eben aus, wie die Biene, die Honig sucht, Beobachtungen, die Stoffe zu ganzen Büchern enthielten, würde er einsammeln, an Ort und Stelle Eindrücke der großen französischen Umwälzung einheimsen, in den Londoner naturhistorischen Kabinetten die notwendigsten Studien zu dem großen Werk über Pithekologie machen, das er mit Sömmerring dann alsbald in Angriff nehmen würde, einem epochemachenden Werk über die Verwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt …

„Und dasDescriptio Plantarum? Und die Geschichte der Südseeinseln?“ hatte Therese bei der Erwähnung dieses Reisezweckes einmal ganz beiläufig gefragt.

Dafür würde er Verleger und Unterstützung in London eher finden als in Deutschland, und nur der Aussicht auf eine erfolgreiche Drucklegung bedürfe es noch, um dieses Buch zur Kristallisierung zu bringen, da denn sein Material längst fertig daläge! Ob sie etwa geglaubt hätte, er ließe dies Lieblingskind seines Geistes einfach fallen? O, sie hatte gar nichts geglaubt, — sie hatte nur so gefragt. „Und warum dieser Seufzer?“ Aber sie hätte wirklich nicht geseufzt, ihres Wissens nicht, — sie hätte nur an den alten Herrn, an seinen Vater denken müssen. Und George, weit entfernt davon, den Gedankengängen nachzuspüren, die von seinen Projekten zu dem König Minos geführt hatten, sagte eifrig: „Du hast recht, — auch um seinetwillen ist es von Wichtigkeit, daß der Name Forster in London wieder genannt wird und an die Gewissen schlägt!“

„Ja, hoffst du denn immer noch?“

„Mein Kind, der, der sich seines Rechtes bewußt ist, hofft nicht, er weiß!“ — — —

Am Nachmittag des ersten Mai kam der kurfürstliche Leibarzt Geheimer Rat Hofmann dem in Begleitung des Legationssekretärs Huber gemächlich die Tiermarktstraße in der Richtung der Großen Bleiche hinaufschlendernden Hofrat Forster entgegen, grüßte und sagte mit dem Pathos des ironischen Plebejers: „Ich bin gewürdigt worden des Anblicks vonIhrerEminenz, der Baronin von Coudenhoven. Sie saßen mit Erlaucht der Gräfin Ingelheim in einem karmoisinroten Staatswagen, wurden von vier fetten Apfelschimmeln gezogen und geruhten nicht, den Staub zu ihren Füßen zubemerken, welch selbiger doch eine gewisse Vertrautheit mit jedem Hühnerauge dieser Füße nicht verleugnen kann. Ich bin gewürdigt worden des Anblicks so vieler Schönborns, Bassenheims, Eltzens, Greiffenklaus, Wolffs, Dünewalds, daß meine geblendeten Augen schmerzen und ich nun wahrlich überzeugt bin: der Frühling ist da — denn ein hoher Adel fährt wieder spazieren!“

„Die erste Piroutchade!“ rief Huber mit hochgezogenen Augenbrauen vergnügt und spähte nach der Großen Bleiche hin, wo an der Mündung der Tiermarktstraße vorüber ein ungemein buntes Gedränge von Menschen und Wagen sich schob. Pünktlich mit dem ersten Mai nahm die Hofgesellschaft den angenehmen Zeitvertreib der Korsofahrten wieder auf, und eine schillernde Schlange von Karossen, Piroutchen und englischen Kutschen wand sich die schönste und breiteste Straße der Stadt hinauf und hinunter, während die promenierende Bürgerlichkeit den Vorteil dieser großen Modeschau und der Musik der beiden Kapellen genoß, von denen die eine im Schloßgarten, die andere auf dem Münsterplatz unverdrossen blies und fiedelte. „Die erste Piroutchade!“ sagte Forster mürrisch, „also ist die Große Bleiche nicht passierbar!“ Er machte auf dem Absatz kehrt.

„Ich meine doch, wir sollten versuchen, hindurchzukommen!“ Huber blickte zögernd zurück. „Wir vermeiden den Umweg und — es ist ein so heiteres Bild …“

„Ersparen Sie es mir! Nehmen Sie an, das Gedränge sei meinem schmerzenden Kopf zu viel.“

„Nehmen Sie an,“ fuhr er fort, nachdem er den Stock heftig aufsetzend ein paar Schritte getan hatte, „ich ertrüge diesen Anblick des Müßiggangs im großen jetzt nicht.Vulgus stultumfreilich betrachtet so ein Schauspiel als sein gutes Recht, — er ernährt den Adel und will das prächtige Tier, das er sich hält, nun auch einmal in Freiheit dressiert vorgeführt haben.“

„Ihre Hypochondrie, Verehrter, läßt Sie die Sache sehr schwarz sehen oder schwerer nehmen, als sie es verdient. Reisen Sie! und reisen Sie bald! Das ist mein Rezept für Ihre Grillen.“

Hofmann, den Bambus zwischen den auf dem Rücken gefalteten Händen, schritt breit, aufrecht und schmunzelnd neben dem Gebückten. Sie überquerten den Tiermarkt und schlugen die Richtung zum Dom ein. „Ich kann gleich ein paar notwendige Kommissionen machen,“sagte George tonlos zu Huber, und wischte sich die Stirn ab, „wenn man doch einmal unterwegs ist …“

„Unsere braven Kurmainzer zumal,“ dröhnte Hofmann weiter, „fassen die Sache nicht anders als im wackeren Untertanenverstand auf und finden es natürlich, daß der Fürst wie ein Fürst lebt und der Bürger als Bürger.“

„Sie haben da eine recht moderierte Anschauung. Sollten Sie bei Ihrer exponierten Stellung noch nie unter dem Undank der Großen gelitten haben? Was sagten Sie soeben von — Ihrer Eminenz, wie Sie so witzig bemerkten? Und Seine Eminenz —il a le besoin d’être ingrat, hörte ich raunen. Denken Sie an Müller …“

Müller war nach einigen Auftritten mit dem Kurfürsten, die der Öffentlichkeit nicht entgangen waren, drauf und dran gewesen, aus dem Kabinett auszutreten und nur mit Mühe bewogen worden, zu bleiben, — wie es verlautete, durch den Einfluß seiner schönen Gönnerin von Coudenhoven.

Hofmann, stirnrunzelnd, erwiderte nachlässig die Grüße einer Studentengruppe, um gleich darauf den Hut sehr tief und devot vor einem Offizier in goldüberladener Uniform zu ziehen, der mit einer kurzen Gebärde abwinkte.

„Der Baron Erthal hat, seit er den Kurhut errungen, der Welt nicht nur zwei Gesichter gezeigt, wie der hochselige Janus, sondern mindestens deren sechs. Als er antrat, nannte das Volk ihn nicht unbegründet ‚das fromme Herrchen‘, sobald er aber fest im Sattel saß, fing er an, die Masken nach Bedarf zu wechseln, und heut ist er imstande, Ihnen etwas daherzufreigeistern, daß einem Maul und Nase offenstehen bleiben. Der alte Emmerenz Joseph, das war ein anderer Kerl …“

Der Geheime Rat Hofmann tat bei diesen Worten einen unerwarteten Schritt zur Seite und war auf einmal nicht mehr vorhanden. Forster, verwirrt um sich blickend, gewahrte einen knienden Mann, einen gebeugten breiten Rücken, darauf der schwarz umwickelte Zopf lag, ein unbedecktes Haupt: hinter vorangetragenem Kruzifix, von weihrauchfaßschwenkenden Chorknaben umgeben, war ein Priester mit dem Allerheiligsten aus einer Seitengasse gebogen. Die Fußgänger wichen zur Seite, Damen, Bauern neben ihren Gemüsekarren, Kinder, Soldaten, Bürgersfrauen sanken am Straßenrand hin wie niedergemäht.

„Schabbesdeckel runner! Verfluchter Jud!“ rief ein Schusterjunge hinter Huber und Forster drein.

„Ich muß zum Buchbinder Chulmann, auch zum Sattler Hebensperger,“ sagte George leise und nervös, „was meinen Sie, Therese wird ungeduldig werden im Gärtchen? Wollen Sie vorangehen? Ach nein, verlassen Sie mich nicht, allein bin ich den leibärztlichen Opinions nicht gewachsen.“

Er nahm Hubers Arm, fast als wollte er sich stützen.

„Und da kommt sein Namensvetter …“

Sie tauschten eine zeremonielle Begrüßung mit dem Professor der Geschichte Hofmann, der, im langen blauen Schoßrock und hohen Schaftstiefeln, kurz, breit und stämmig, von einigen Schülern umgeben, aus der Richtung der Universität her ihnen entgegenkam.

„Erthal, wollte ich nur sagen, ist von einem Kaliber mit dem starken Mann von Lüttich, für den unsere braven Burschen sich nun bald die Köpfe blutig schlagen lassen dürfen,“ sagte der Leibarzt ein wenig schnaufend, sie wieder einholend und auf einen Trupp Soldaten in feldmarschmäßiger blauer Montur deutend, die, von einer Übung auf den Schanzen kommend, die Beine ungeheuer mutig gen Himmel warfen.

„Haben Sie einmal preußisches Militär gesehen, — Infanterie des alten Fritz? Ich kenne nun doch die Soldateska aus mancher Herren Länder, aber das Bild, wenn die Wache unter den Linden in Berlin aufzieht, wird nirgends annähernd erreicht. Fleischgewordene Kantsche Philosophie …“

„Und doch schickt Preußen die Pfaffensoldaten gegen Lüttich vor!“

„Hach, mein Lieber, das ist Politik! Zudem — es ist nicht mehr das alte Preußen! Denken Sie daran, wie die Liga Wöllner und Bischofswerder den Berliner Hof unterwühlt und reden Sie nur wieder vom Zauber der Kirche, der erhalten bleiben müßte, wie neulich!“

„Sie haben mich wieder einmal so gründlich mißverstanden!“ Huber geriet in sanfte Erregung.

„Sie meinen, das wären keine Pfaffen? Oh, mein Freund! Ihnen fehlen da Einblicke! Das sind die Pfaffen in der Potenz!“

Mitten auf dem Fruchtmarkt blieb Huber stehen und rief mit einer beschwörenden Bewegung: „Hören Sie mich an! Lassen Sie es mich noch einmal auseinandersetzen!“

„Die Herren müssen gestatten, daß ich mich verabschiede! Ich habe Dienst.“ Hofmann schwenkte den Hut und steuerte mit großzügigerEindeutigkeit auf ein kleines Kaffeehaus im Schatten des Domes zu. Huber redete leidenschaftlich: „Ich sprach davon, daß wir in Tagen des gestörten Gleichgewichtes leben, des gestörten Gleichgewichtes zwischen Macht und Masse. Zwischen diesen beiden Schalen der Wage hat der Geist den Ausschlag zu geben, und wir, wir freien Männer vom Geist sind es, die ebensowohl die Rechte des Volkes gegen die Machthabenden, als jene Macht der Regierenden und der Kirche gegen die unverständigen Anläufe des Pöbels in Schutz nehmen müßten …“

„Jawohl, — und Sie sprachen vom Zauber der Kirche. Fabelei, mein Lieber!“

„Lassen wir diesen Punkt. Immer, wo Macht und Masse einander glücklich und gleichmäßig durchdrangen, hat der Geist vermittelt. Es gab solche Zeiten. Ihr Niederschlag liegt in den Werken der Künste vor uns und zeugt von dem gesunden Verhältnis der Volksschichten untereinander. Ich wüßte nicht, wo das besser zu observieren wäre, als in einer Stadt wie Mainz!“

Er ließ seinen schwärmerischen Blick von dem zierlichen Tempelbau der Domprobstei zärtlich hinüberschweifen zum Dom, der rötlich angestrahlt von der sinkenden Sonne war. Sie gingen weiter. Forster, nachdem er für eine Minute die Universitätsbuchhandlung am Speisemarkt betreten hatte, fand beim Herauskommen den Freund gleichsam mit neugeschwellter Brust und bebend wie ein ungeduldiges Roß vor, seufzte ein wenig und ergab sich in die Rolle des Zuhörers. Vorüber an den Gemüse- und Blumenständen des Marktes gingen sie durch die Schuster- und Quintinsgasse zum Brand, unter den grauen und rötlichen Häusern mit den geschweiften Giebeln hin. Über den geschnitzten, messingbeschlagenen Haustüren flammten durchbohrte Herzen, glühten in Nischen hinter schmiedeeiserner Vergitterung rubinrot die Geheimnisse der ewigen Lämpchen. Goldene Heilige von aufgeregter Inbrunst rangen an den Eckhäusern in der Höhe des ersten Stockwerks Beterhände unter kleinen Schutzdächern, — da war am Brand die Maria, überschattet von der Taube des Heiligen Geistes, hingebend wie eine Leda, und doch anders, schmerzlicher, — Gottvater von oben sah so ruhevoll zu. George dachte fremd: „Dies alles ließe sich beschreiben etwa wie die Szenerie einer Südseeinsel“ und — „Wie, wenn ich nun Bilder aus den Niederlanden, aus England und Frankreich so schriebe, als stellte ich in Europa unerhörte Dinge dar, nieerblickte Wunder, — wir haben das Sehen verlernt, das ist wahr!“ und hörte währenddem Huber begeistert reden:

„Auf diesem Boden haben alle Volksschichten die Denkmäler ihres schönen und gesunden Einvernehmens hinterlassen, — in Kürze gesagt: hier hat das Volk als Begriff einer höchsten Einheit sich wundervoll und allseitig manifestiert. Fürsten und Geistlichkeit, — oder drücken wir es so aus: fürstliche Geistlichkeit, es mag seine Vorzüge haben, wenn diese beiden zusammenfallen, — Adel und Bürgertum haben in ihren Palästen und Wohnhäusern, in Kirchen und Zunfthallen, in den schönen Toren und Brunnen, in der geistvollen Anlage der Festungswerke die auf lange Zeit hinausredenden Zeugnisse für ein heiteres In- und Miteinanderwirken niedergelegt. Dies alles ist freilich Vergangenheit …“

„Sie meinen also ungefähr, es sei ein chemischer Prozeß im Gange, der die Elemente von Macht, Masse und Geist voneinander schiede und sie isolierte …“

„So daß der heutige Zustand das vergebliche Bemühen der drei Faktoren bezeichnet, sich neu zu durchdringen, — und die Irrwege des Geistes, der fortwährend Verbindungen eingeht, die das Gleichgewicht, anstatt es wieder herzustellen, nur noch mehr stören. So meine ich es!“

„Sehr gut! Sehr gut, in der Tat! Denken wir uns diese Bemühungen des Geistes in den Anstrengungen des edlen Mirabeau verkörpert, so ist Ihre Theorie glücklich illustriert. — Aber hier sind wir bei Hebensperger. — Nun, Meister, was ist mit meinem Mantelsack, ich brauche ihn in wenigen Tagen!“

„Gehorsamer Diener den Herren, ganz gehorsamer Diener!“

Im grünen Schurzfell, umwittert von herbem Ledergeruch und den Gerüchen nach Lack und Wagenschmiere, kam der Eifrige die Stufen von der Haustür herunter.

„Da steht man nun und sieht nach dem Himmel und freut sich über das Wetterle, Gnaden, Herr Hofrat, der Petrus ist halt ein guter Mann und weiß, daß der neue Staatswagen vom Hebensperger in der Piroutchade mitfahren tut. Mit Ihro Gnaden der Frau Gräfin von Ingelheim, Herr Hofrat! Auf englischen Federn, Herr Hofrat! Karmoisinlack und vergoldetes Gestell, goldfarbener Samt auf den Polstern — und karmoisin Blümchen, — man tut vor lauter Vergnüge lache, wenn man den Wagen sehen tut! Aber halten zu Gnaden,Herr Hofrat, wenn ich der Herr Hofrat wäre, mit dem Mantelsack tät ich doch keine Reise mehr tun! Da hätt’ ich Auswahl auf Lager, — englisches Leder, Herr Hofrat! Wenn der Herr Hofrat sich einmal hereinbemühen täten …“

George sagte errötend und schnell: „Gleichviel, wie das Ding aussieht, Meister! Ich kann nicht ohne es reisen. Flick Er den Schaden aus und schick Er mir auch den Koffer in zwei Tagen!“

„Wenn der Herr Hofrat befehlen … Aber da hat der Lehrbub im Futter etwas gefunden, vielleicht ein Souvenir, — sieht freilich aus wie eine geweihte Münze …“ Er lief ins Haus und kam mit einem kleinen Gegenstand zurück, den er in Georges Hand gleiten ließ, — ein rundes Metallplättchen mit verwischtem Gepräge. Huber beugte sich interessiert darüber.

„St. Patrick,ora pro nobis!“ las er, — „wie kommen Sie zu Irlands Heiligen? Ein zeitgemäßer Schutzpatron, allerdings, denn: die Freiheitsliebe der Irländer wird immer lauter, — wo stand das doch neulich gleich?“

George, in tiefes Sinnen versunken, reichte Larrys Souvenir an Toghiri dem Meister zurück: „Lasse Er es wieder einnähen, Meister,“ sagte er langsam, — „es gehört wohl dazu …“

Der Wackere blickte ihm kopfschüttelnd nach:

„Irgendwo spinnen tun die Ketzer doch alle …“

„Aber nun wollen wir eilen!“ George straffte seine Gestalt und schlug eine schnellere Gangart an. Die späte Nachmittagsstunde äußerte ihre Wirkung in seinem Befinden, ohne daß er sich klar darüber wurde, er pflegte erst gegen Abend völlig zu erwachen. Vom Rhein her kam ihnen der Wind angenehm fächelnd entgegen, George konnte es auf einmal nicht erwarten, Wasser zu sehen. Sie durchschritten das Tor beim eisernen Turm und George nahm den Hut ab, als grüßte er die stille Majestät des Stromes, die wimpelfrohe Fahrt der Schaluppen, Lastkähne und Segelschiffe, die ernste Lieblichkeit der Auen und drüben das sehnsüchtige Blauen der Taunusberge. An die Brüstung der Raimondi-Schanze gelehnt sprach er zaudernd, als suche er die Worte in seinem Gedächtnis zusammen: „So sollte man wohnen, — so, — einen Strom vor den Fenstern, den Tanz der Möwen, das Schwanken der Rahen vor Augen, — es wäre ein Surrogat der Meeresferne, der Reise …“

„Und Träume eine Ablösung des Handelns, würde Therese sagen, — nicht ich, mein Teurer!“ ergänzte Huber, verlegen lachend.

„Sie ist von ungeheurer Spannkraft, von rätselhafter Energie, Huber, nicht wahr? Es ist nicht immer leicht, ihr zu genügen, aber geben Sie acht! Lassen Sie mich nur erst zurück sein!“ Er schob den Arm wieder in den des Freundes, sie gingen dem Gartenfeld zu, wo Therese mit den Kindern sie in dem kleinen Mietgärtchen erwartete. George pfiff den Ruf der Schiffer auf dem Strom nach, inbrünstig und falsch. Reiseunruhe zuckte ihm im ganzen Körper.

Als sie in den Heckenweg einbogen, räusperte Huber sich. „Sie wünschen also nicht, lieber Forster, daß ich mir für die Monate Ihrer Abwesenheit ein anderes Logis suche? Oh, mein Gott, Sie sehen mich erstaunt an, — es könnte doch sein, nicht wahr, es wäre doch möglich, daß Ihre Güte es nicht selbst fordern wollte, und dennoch, der Wunsch Ihres Herzens wäre mir Befehl …“

Er verwirrte sich unter dem stillen Blick des anderen.

„Mein Freund, — ich verstehe Sie nicht,“ sagte Forster langsam.

Das Röschen sprang ihnen jubelnd entgegen, die Magd kniete auf einem Beet und schnitt Spinat, Therese saß in der frisch umgrünten Bohnenlaube, die kleine Claire an der Brust, und lächelte ihnen zu. Ach, dieser Abend lag im wehmütigen Lichte des Abschieds. Dies enge Gärtchen, sonst von ihm gering geschätzt und vernachlässigt, wie war es traut und heimatlich, eben weil es eng war! Wie blühten die Apfelbäume und wie blaute der klare Himmel so rosig-weiß umgittert durch ihr Gezweig! Wie hatten Kirschen und Stachelbeeren so lobenswert angesetzt, und wie die Erbsen keimten, wie die Salatstauden standen, — es war doch ein Staat! Der Vater würde nun mit dem Schiff wegfahren, das große Wasser entlang, und in ferne, fremde Länder, erzählte George dem aufhorchenden Kinde, die warme kleine Hand in seiner und auf den schmalen Pfaden zwischen den Rabatten spazierend. Bis er wiederkäme, würden die Kirschen rot sein und vielleicht auch schon aufgegessen. — „Ich hebe Ihnen welche auf, Papa, die allergrößten!“ beruhigte das Röschen, — das kleine Clairchen würde ein viel dickeres Clairchen geworden sein und Röschen würde den Papa am Ende ganz vergessen haben und nicht wiedererkennen. Das Kind sah ernsthaft zu ihm auf: „Wird denn so schnell alles anders, Papa?“

„Zuweilen doch, Röschen, zuweilen …“Er wandte an der Gartenpforte um, die Gedanken um all die Möglichkeiten plötzlicher Veränderungenkreisend, die bevorstehen könnten, wenn es ihm denn gelingen sollte, Gelegenheiten wahrzunehmen. Der Garten war eng, der Garten war traut, — aber die Welt so weit und das Große noch nicht getan. Und da blickte er zu Therese hinüber in die Laube und sah sie dort sitzen, das Kind in den Armen und sah Huber an ihrer Seite und wußte nicht, was er sah und was ihn so erschreckte. „Sie sehen so — geborgen aus“, dachte er ratlos und kam zögernd näher, als Therese rief: „Kommst du denn gar nicht zu uns, Lieber?“ —

Übrigens war es nicht seine Art, einen solchen Augenblick ahnungsvoller Erkenntnis grübelnd im Gedächtnis zu tragen. Er vergaß ihn in der nächsten Stunde, und um so schneller und gründlicher, als die Reisevorbereitungen umfangreich waren und ihn ganz in Anspruch nahmen. Sein erstes Reiseziel war Aachen, dort bei Jakobi würde er den jungen Humboldt treffen. Und nun völlig von seiner nächsten Umgebung abgelenkt im Gedanken an den liebenswürdigen Schüler, der ihn erwartete, schon empfindend, wie der leere Raum im Wissen und in der Erfahrung des andern die eigene Fülle, den eigenen Überfluß unwiderstehlich ansog, bereits in der nächsten bunten wechselnden Zukunft lebend, nahm er es kaum wahr, daß Therese, stiller noch und sanfter, als sie es in den letzten Monaten gewesen war, unter dem Abschied unverhältnismäßig litt. Ihr Weinen am letzten Abend erschütterte ihn. Er saß am Schreibtisch, um noch einige amtliche Briefe zu erledigen, und fühlte auf einmal, daß sie, die sich bisher im Hintergrunde des Zimmers mit dem Koffer beschäftigt hatte, neben ihm kniete. Weiter schreibend tastete er mit der Linken nach ihr, legte die Hand auf ihren warmen Nacken, spürte das Beben ihres Körpers und legte erschrocken die Feder hin.

„Was ist dir, Kind?“

Er versuchte ihren Kopf aufzurichten, sie aber preßte die Stirn nur noch fester gegen ihn, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ unter fortwährendem Weinen minutenlang keine Worte hören, als „Georgie! — Ach, Georgie! — Bleibe doch bei mir, Georgie!“ so daß er schließlich ganz ratlos stammelte, es sei doch nun alles vorbereitet und beschlossen, und er käme doch auch wieder, und sie sei doch hier auch gar nicht so allein. Ehe er aber dazu kam, die Freunde aufzuzählen, die ihr in seiner Abwesenheit zur Seite stehen könnten, sagte sie stockend: „Lieber, lieber Georgie! Laß mich doch nach Gotha fahrenmit den Kindern, zu den guten Reichardts! Ich weiß ja, nach Göttingen ist es zu weit, und der Vater fand es selber zu teuer, — aber Gotha, weißt du, Gotha, das ginge doch und Amalie würde sich so freuen …“

Da er schwieg, hob sie endlich den Kopf und blickte scheu zu ihm auf. Er sah gequält vor sich nieder. „Das hätte doch alles langer Hand vorbereitet werden müssen, Therese. Nun kommst du so in elfter Stunde … Die weite Reise mit dem kleinen Kind … Und hier der Haushalt mit den Dienstboten … Nein, ich verstehe es nun doch nicht ganz.“

„Nicht, Georgie?“

„Du sollst dich ja auch hier nicht langweilen. Fahr mit Lise und den Kindern nach Eltville und auf die Auen, so oft ihr wollt, geh einmal in die Komödie, du vernachlässigst das Theater ja ganz. Lade dir öfters Leute ein! Ach, und gute teure Freundin, — ich werde dir ja so viele Briefe schreiben! Nun?“

Er versuchte, sie lächeln zu machen. Tränen in den Wimpern und auf den Wangen blickte sie ihn tief, ernst, zweifelnd an. Dann erhob sie sich seufzend, indem sie sich auf sein Knie stützte, legte den Arm um seinen Nacken und blieb neben ihm stehen.

„Ich soll also hier bleiben, Georgie, — du willst es, — ich soll?“

Er schwieg. Er malte langsam an einer Adresse. Dann sagte er: „Ich weiß dich hier im besten Schutz der Welt.“

„Etwa in Hubers?“ fragte sie schnell.

„In deinem eigenen, Therese, in dem unserer Kinder“, sagte er leise.

Sie sah ihn mit bebenden Lippen an und hob die Hände mit einer hilflosen beschwörenden Gebärde. Aber sie blieb stumm. —

Er flog also wie beabsichtigt einer Biene gleich durch Brabant und die Niederlande, das heißt, er war der Reisende mit den offenen Augen, dem empfänglichen Herzen, das Notizbuch in der Linken, den Stift in der Rechten. Zuweilen glaubte er wahrzunehmen, daß die Empfänglichkeit des Herzens vollkommen abgelöst sei durch die Routine des Kopfes, Eindrücke abzufangen, einzuordnen und zu verarbeiten. Zuweilen glaubte er zu erkennen, daß nicht eigener, sondern der Enthusiasmus des jungen Humboldt ihn beflügelte und ihm kurze Stunden des Rausches verschaffte. Indessen hütete er sich wohl, derSache auf den Grund zu gehen. In London, wo man beinahe fünf Wochen verweilte, fühlte er sich auf Schritt und Tritt begleitet von dem Schatten des Verfassers eines gewissen Schriftchens, das den Titel einesTableau d’Angleterretrug, in den letzten Jahren auf dem Kontinent ziemlich viel gelesen worden war und den Anspruch erhob, ein getreues Portrait der königlichen Insel zu sein. Es war nicht eben von Zuneigung, nicht einmal von Anerkennung, kaum von Gerechtigkeitsliebe getragen, das Schriftchen, es war geradeheraus gesagt, eine hämische Karikatur, und es war durchgesickert, sein Verfasser sei ein Herr Forster, ein Deutscher mutmaßlich, und wahrscheinlich einer von den Forsters, die mit auf der „Resolution“ in der Südsee gewesen waren. Es half einem gar nichts, daß man das böse Schriftchen laut für ein obskures Machwerk, ein elendes Pasquill erklärte. In diesem Schatten also, den der König Minos von Halle aus zu werfen verstanden hatte, war die Atmosphäre in London trotz der Junisonne frostig und kalt. Es war nicht ratsam, bei dieser Witterung den Samen zärtlich gehegter Hoffnungen und Ansprüche neu auszusäen. England schien Forster sen. und Forster jun. gegenüber ein besseres Gewissen zu haben als je, ja, es schien sich ungerechtfertigterweise in dem Bewußtsein zu wiegen, Nattern an seinem Busen genährt zu haben. So glaubte George durchzufühlen. Da er aber die ganze Zeit über kläglich an seinem hinfälligen Körper litt, so ist anzunehmen, daß er überempfindlich war und auch den Einfluß des großen Sir Joe Banks überschätzte, von dem er an Therese schrieb, daß er die Südsee gepachtet habe und keinem Buchhändler erlaube, irgendein Werk über diese Breiten in Verlag zu nehmen, das nicht seinen Namen auf dem Titelblatt trage. Jedenfalls bestand der Ertrag des Londoner Aufenthaltes in wenig mehr als in einer Abmachung mit einem großen Bücherjuden, ihm die neuesten Erscheinungen auf allen Gebieten des europäischen Buchmarktes monatlich zuzusenden, ein gewissermaßen negativer Ertrag, der vielleicht in etwas wett gemacht wurde durch die Gewinnung des jungen Mr. Thomas Brand zum Schüler und Pensionär. Dieser blonde Jüngling mit der Aussicht auf den Titel und die Würden eines Lord Dacre würde, solange seine Sehnsucht, Deutsch zu lernen, anhielt, einen lieblichen Strom blanker Guineen durch das Haus Forster leiten. Aber George war entsetzlich niedergeschlagen, als er von Dover abreiste. Er ging auf dem Verdeck des Schiffes auf und nieder, dankte dem Himmel, daß Humboldt in derKajüte Korrespondenzen erledigte und er nicht zu sprechen brauchte, und brütete ohne Aufhören und ratlos und mit gelähmten Gedanken über dieser unfaßlichen Versteinerung des Herzens.

„Italien,“ dachte er, — „Griechenland, — Indien!“ Ja, der Süden könnte ihn vielleicht noch einmal verjüngen. Und da war doch ein kleines Glück, eine wunderlich schöne Perle, die er mitnahm aus England, das war die Bekanntschaft mit denAsiatic Researchesdes William Jones, in denen jene seltsamen Spekulationen „On the Gods of Greece, Italy and India“ standen, verborgene Pforten entriegelnd in den glatten Mauern, die seit Jahrtausenden die Völker voneinander schieden. Uralte Stammbaumgemeinschaft erschloß sich: wer zu den gleichen Göttern fleht, stammt von den gleichen Vätern her. Und diese Offenbarung Deutschland mitteilen zu dürfen, war das nicht ein Ergebnis seiner Reise, besser als Gold, — war nicht jenes kleine Buch in seinem Mantelsack, die indische Sacontala in der englischen Übersetzung von Jones, die er ins Deutsche übertragen wollte, ein Fenster in Weltweiten, daß er berufen war aufzustoßen und so den Deutschen einen alten Horizont zu sprengen? Ach, für Minuten von Trübsal befreit, vom Aufflammen niedergesunkener Gluten befeuert, dachte er doch gleich verächtlich und bitter: was fragt Deutschland nach mir? Deutschland lagert träge am Rand seiner Meere, es fährt nur aus, um Schellfisch und Hering zu fangen. Noch nicht zu sich selbst erwacht, ohne Kern und Kristall, will es auch nicht wachsen, sich nicht dehnen, die Erde erobern und ihr seinen Geist aufprägen. Deutschland ist froh, wenn es satt wird und Stoff zu Spekulationen hat. Ob ich ihm den Stoff bringe oder ein Chinese, das ist gleich, sie nehmen alles aus Gottes Hand. Ich bin kein Engländer, ich bin kein Franzose. Nicht Volk noch Vaterland braucht mich als Waffe, als Pfeil, als Handhabe einer Sehnsucht. Was ich tue, tue ich auf eigene Verantwortung, ein Einzelner unter Vereinzelten. Die Hand am Hut, den flatternden Mantel eng um sich zusammenraffend sah er zum Horizont. Gut, — wer keinen Dank erhält, ist niemand etwas schuldig. Schiffsboden ist mein Vaterland — undthe Rakes of Mallow for ever! Ein Wandermönch der Wissenschaft, ein Zigeuner der Forschung … Er ging mit breit gestellten Beinen umher und pfiff, das Herz voll Wehmut und Trotz. Auf einmal sah er, daß Humboldt vorn am Bug stand, die Arme vor der Brust gekreuzt, den Kopf zurückgeworfen, das unbedeckte Haar dem Winde preisgegeben. Derund sein Preußen, fühlte er vergrämt. Oh, war das Neid? Und plötzlich war er ganz erweicht, er wandte sich ab, Entsagung gab ein Lächeln. Jüngling, flüsterte er vor sich hin, — oh, Jüngling, Bruder, Freund — und Erbe! —

Er nahm aus Paris den Abglanz mit, den das große Feuer der begeisterten Vorbereitungen zum Föderationsfest in sein Herz geworfen hatte, er sah von den Höhen von Chaillot aus auf dem Marsfeld ein Volk vom König herab bis zum Bettler dieses Fest singend zurüsten, auf daß esschöngefeiert werden könne, und so nahm er die Überzeugung mit, daß dies Volk würdig sei, die Sache der Menschheit zu vertreten. Er sah es nicht, oder er wollte es nicht sehen, daß dies nicht mehr war, als eine Verkleidung des alten monarchischen Schäferspiels zu demokratischer Flötenbegleitung. Er labte sich schwärmerisch an dieser ungeheuren Idylle, er überhörte den schneidenden Rhythmus des „Ça ira“ und schüttelte den Kopf über den schweren Ernst, den er auf den Zügen des vergötterten Mirabeau lagern sah. Im übrigen hatte er seine Geschäfte, Besuche und Studienvorsätze mühselig genug unter namenlosem Widerwillen abgewickelt, gehemmt von Anfällen fürchterlicher Zahnschmerzen und einer Schwermut, die er ratlos halb mit der Sehnsucht nach dem Meer, von dem er sich diesmal mit unerklärlichem Leid losgerissen hatte, teils mit dem Heimweh erklärte, mit dem unstillbaren Bedürfnis nach Therese und den Kindern, — mit zwei einander widersprechenden Gefühlen also, durch die ein Dämon seinen Busen zu spalten versuchte. Er hatte unter diesen grauen Schieferdächern gelitten wie ein lebendig Begrabener und segnete jeden Abend, der sich zwischen ihn und jene Stadt legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straßburg. VonSpeyer an waren sie nur noch zu Vieren in der Postkutsche, Humboldt, er, ein Jude, der in Geschäften reiste, und ein Unbekannter im grauen Habit, der zumeist schlief und sein Reiseziel nicht verriet.

„Er gleicht dem Herrn Selten aus ‚Sophiens Reise‘,“ sagte Humboldt halblaut zu George, „er sieht ebenso edel und geheimnisvoll aus. Den Juden hätten wir auch, fehlen nur noch ein paar artige Frauenzimmer, um die Gesellschaft komplett zu machen.“

Die Juliglut wogte glastend über dem Land, die reifen Kornfelder rauschten golden und schwer, die Obstbäume, überladen mit Frucht, ließen die Äste bis zur Erde hängen. Der Jude, mit unermüdlichen Mausaugen alles abschätzend, was irgend Handelswert haben konnte,und zwischendurch seine Reisegefährten beobachtend, begann alsbald, den Kurfürsten von Mainz über die Hutschnur zu loben, ihn einen weisen Herrn, einen gerechten Herrn, einen Herrn, der nicht verachtete die Handlung und das Geschäft, zu nennen und dabei George so listig anzublinzeln, daß dieser keinen Zweifel hatte, einen Mainzer Stadtjuden vor sich zu haben. „Gott Israels! Wie blüht sein Land! Wie mehren sich seine Güter!“ Da er nun von den Reichtümern des Domkapitels überging zum Glanz des kurfürstlichen Hofes, sich erstaunlich vertraut mit allerhand innerpolitischen Mainzer Vorgängen zeigte, zum Exempel mit der Entlassung des Geheimen Hofrats Müller, zu der es ja nicht gekommen sei, — „Gott sei’s getrommelt und gepfiffen! Taugt er sich mehr, der Herr von Müller, als alle Dalberg, Albini und Sickingen zusammen!“ — da er sodann anfing, die Universität zu loben, „die grausam grauße Gelehrtenschul“ und wieder sagte, der kurfürstliche Herr sei so tolerant, beschützte die Ketzer und Juden, so war George darauf gefaßt, sich in jedem Augenblick bei Namen genannt zu hören und im Hinblick auf den Reisenden in der Ecke, der soeben einmal erwacht war und ärgerlich den pulverigen Staub von seinem Rock abklopfte, erwartete er die Lüftung seines Inkognitos mit einer gewissen lustvollen Spannung. Denn Journale, ja Journale las die ganze deutsche Welt, — und wer war da noch nicht auf den Namen George Forsters gestoßen, — wenn er ihn denn sonst nicht kannte? Indes verließ der Jude sie plötzlich in einem größeren Dorf, wo sie kurze Rast machten, nicht ohne beim Abschied auf seinen Packen zu klopfen und George zuzuraunen: „Wenn die Frau Gemahlin einmal hat Bedarf in feine und andre Tücher, einfärbig und meliert, in der Wolle gefärbt, — frage der Herr Hofrat nur nach dem Isaak Bär aus Weisenau, — kennt ihn jedes Mainzer Kind und weiß, der Bär kauft ein mit Profit und verkauft zum eigenen Schaden.“

Der Fremde aber erwies sich bald als ein Armeelieferant aus Wien, ein Pole, der in österreichischen Diensten reiste, unzufrieden mit den Zeitläuften war und Krakau für den besten Ort der Welt erklärte. Und warum er nicht am besten Ort der Welt geblieben sei?

„Was will man machen,messieurs? Wir Polen haben kein Vaterland mehr …“

Über Wilna und Wien, — nein, der Fremde las augenscheinlich keine Journale und hatte keine Beziehungen zur Gelehrtenwelt! — kam man im Bogen zurück auf den Juden, da der junge Humboldtsein liebenswürdiges Gesicht in schwere Falten legte und ernsthaft erwog, warum diese Nation gleichzeitig solche Wunderblumen hervorbringe wie den Mendelssohn der „Morgenstunden“ und solche Knorze, wie den ausgestiegenen Reisegenossen. Der Fremde wiegte den Kopf und meinte, hier liege der gleiche Unterschied vor, wie zwischen den weisen Chassidim in Galizien und den schmutzigen polnischen Pracherjuden, begann nun ein wenig von den Chassidim zu erzählen, und am Ende kam man in eine ganz lebhafte Diskussion über die Eigenschaften des auserwählten Volkes, die den Weg angenehm verkürzte.

„Und schließlich, — was will man ihnen vorwerfen,“ sagte Alexander von Humboldt feurig, „bleiben sie nicht Menschen wie wir auch? Sind sie nicht die besten Untertanen, wo sie Wurzel schlagen dürfen? Was würde aus uns, wenn man uns das Vaterland nähme, von Ort zu Ort jagte, ausnutzte, verfolgte …?“

Der Pole lachte kurz auf. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’! Was will man machen,messieurs?Jeder Heimatlose wird zum Juden!“

George Forster starrte in die untergehende Sonne. — — —

Die ersten kühlenden Atemstöße des Abendwindes kamen vom Rhein her über die Felder. Es roch nach reifem Korn, nach Staub, nach Leder und Pferden. Die Kutsche schwankte, das eintönige Geräusch der knirschenden Federn, der ächzenden Räder, der trottenden Hufe, war so einschläfernd. Eine Stunde vor Mainz etwa raffte George sich zusammen, machte es sich klar, daß er nun nachhause kam und sich zu freuen hatte, — rätselhafter Druck auf seinem Herzen, der Freude nicht aufkommen lassen wollte! — bürstete an sich herum, erfrischte Gesicht und Hände mitEau de lavandeund sank schließlich wieder in hoffnungsloser Ermüdung vornübergebeugt auf seinem Sitz zusammen.

Auf einmal fuhr er auf, starrte auf die Straße, blickte verstört um sich, sprang auf, lehnte sich aus dem Wagenschlag, die Strecke zurückblickend, die sie gekommen, setzte sich wieder, fuhr mit der Hand über das Gesicht und lachte.

„Wie man so lebhaft träumen kann! Schlief ich denn überhaupt?“

„Ich weiß es nicht sicher.“ Der junge Humboldt hielt mit Pflaumenessen inne und betrachtete ihn interessiert. „Träumten Sie denn schön?“

George sagte langsam:

„Es kam uns eine Kutsche entgegen. Therese saß darin — und die Kinder. Aber das Clairchen schon groß, wie zweijährig. Und noch eine Frau fuhr mit, die ich nicht erkannte. Ich dachte, wie schön, da sind sie mir entgegen gefahren! Aber indem fuhr die Kutsche sehr schnell an uns vorüber, Therese sah geradeaus und niemand sah mich an …“

Er schüttelte den Kopf und blickte tief beunruhigt auf Humboldt. Der murmelte verlegen: „Sonderbar? Nun, es war eben ein Traum und“ … er lächelte, — „unsere Sehnsucht beflügelt die Imagination.“

„Es war aber ganz anderes Wetter, es war Herbst, — oder Winter …“

Der Postillon blies und durch das neue Tor rasselte der Wagen hinein auf das Pflaster von Mainz.

Gewiß, er wäre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Sömmerrings im braunen Schoßrock und die leichtgeschürzte der Madame Forkel in überblümtem Mousseline da nicht seine Haustür flankiert hätten, wie die Penaten der Heiterkeit und des Fleißes. Auf alle Fälle wäre Humboldt zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, —einenFremden hätte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des guten Huber, der aus Delikatesse an derTable d’hôteim Hôtel National speiste, um das Wiedersehen nicht zu stören. Immerhin hätte sich der guterzogene Reisegenosse vielleicht früh zurückgezogen, und wenn dann eben Sömmerring und die Forkel nicht dagewesen wären …


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