Chapter 11

Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen Reflexionen! Hatte Therese diese Gäste zu seiner Begrüßung eingeladen, so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Türen mit Buchs bekränzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmückt hatte, aus dem sie im weißen Kleide mit Blumen in den Haaren ihm entgegengekommen war, aufgeregt fröhlich und das winzige Clairchen ihm hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, daß er wiederkam, Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, — konnte ein Fest von Therese ohne Gäste sein? Er ging durch die Räume, das glückliche Röschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen manierlich einherschritt wie eine jungeDame und zuweilen behutsam zu ihm auflächelte, — ja, er lächelte auch, aber warum fühlte er sein Lächeln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Veränderungen in den Zimmern, die er mit dem Spürsinn seines überreizten Gehirns auf den ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bücherreihen in der Wohnstube und dies, daß sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grünen Kanapee gegenüber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst oft ridikül gewesen, daß er da von der Wand herab sich selber zugesehen hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grünen Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da hätte Therese das Bild wohl hängen lassen können, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier allein gesessen hatte … Er ging umher, ruhelos, trotz der Reisemüdigkeit. Waren es diese kleinen Veränderungen, die die Wohnung so fremd erscheinen ließen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die große englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er öffnete die gläserne Tür und während er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehäuse emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt, die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem 6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, daß die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit über, daß er weg gewesen war?

Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa gedacht, er wollte sich früh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf kühle Kissen betten und dann sollte Therese in der dämmerigen Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzählen und fühlen, daß er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mußte hier in guter Haltung den liebenswürdigen Hausherrn spielen, der Forkel ein wenig die Cour machen und Sömmerring in die ärztlichen Forscheraugen blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand, das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und müde auf dem Tischtuch lag, und während Therese über den Tisch hinüber lachende Rede und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Sömmerring sprühen ließ und der Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief: „Hurtig, Mädchen,der Herr ist wieder da!“ — ja, während der ganzen Zeit fühlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hörte sich zum Essen, zum Trinken ermuntert.

„Bin ich denn auch ein Gast hier?“ dachte er in schrecklicher Benommenheit, — „was ist dies nur? Was blickt mich Sömmerring so an?“

Er trank hastig hintereinander ein paar Gläser Wein. O ja, nun war er zuhause! Er legte den Arm um Therese, fühlte das Beben ihrer Schultern und alle Müdigkeit war dahin. Eine reißende Beredsamkeit entfesseln, die Holländer loben, die Engländer schmähen, die Franzosen in alle Himmel erheben, — Ditters Gassenhauer zitieren und von der göttlichen Miß Siddons schwärmen, — aufspringen, die kleine Spieluhr aus Paris mit dem eingelegten Rosenkränzchen auf dem polierten Deckel herbeiholen, die dem Röschen mitgebracht worden war, sie aufziehen und das kleine Menuett von Rameau tränenden Auges mitsummen, — dann von den indischen Shawls der englischen Damen fabulieren und Therese anblinzeln, auch von einem weißen Kreppflor zum Kleide Andeutungen machen und von einem Teppich, der unterThe Resolutionliegen sollte und kleinen Füßen im Winter zur Erwärmung dienen, — kurzum, gesprächig sein, munter, munter, und Humboldt zum Trinken nötigen! Sömmerring, der vertrug das ja nicht, — aber stand da nicht Huber unter der Türe? „Endlich, endlich, teurer Freund und Bruder!“ Redete ihm Huber zu, doch Platz zu behalten, führte er ihn zu seinem Stuhl zurück, weil er ein wenig taumelte? Saß dieser Huber in seinen prall anliegenden Escarpins und im bordeauxroten Frack nun lächelnd an seiner Rechten und legte die Hand auf seine Schulter, wie Therese es im gleichen Augenblick an seiner Linken tat, und sagte sie da nicht mit überschlagender Stimme: „Huber, Huber, wie ist Ihnen? Da haben wir ihn wieder!“ Warum starrte die Forkel so töricht in ihren Schoß, warum saß Sömmerring so düster da und Humboldt so ratlos? Er, George, würde jetzteinen Scherz machen, man gebe acht. Er hob den Zeigefinger: „Huber, Huber, Sie trugen sich doch sonst so dunkel, ei, ei, sind Sie wie ein Vogelmännchen in der Brunstzeit am schönsten befiedert?“

Es lacht ja niemand sehr, dachte er, mit schweren Augen in die Runde spähend, und gleichzeitig: warum übrigens eigentlich Brunstzeit? „Und singen Sie dann auch?“ fügte er zögernd hinzu. Er erwartetedurchaus keine Antwort, gab den Kreiselbewegungen seines Gehirns nach und versank in ein leeres Vorsichhinbrüten. Endlich wieder zu sich kommend erblickte er Humboldt mit Sömmerring in angelegentlicher Unterhaltung, sah die Forkel schläfrig und vereinsamt und hörte über sich weggehen ruhiges Gespräch zwischen Therese und Huber. „Wenn die Ehemänner des Mittelalters auf Reisen gingen, legten sie ihren Frauen einen Keuschheitsgürtel an, zu dem sie allein den Schlüssel besaßen …“ Oh, mein Gott, hatte er das eben laut ausgesprochen? Nein doch, nein doch, auf welche Gedanken kam er! Er hatte es nicht gesagt, nein doch, sie redeten ja alle ruhig fort, er saß da wie im Theater und hörte zu. Aber, — nochmals! — mein Gott, mein Gott! Ich bin doch selber auf der Bühne, und was ist denn hier nunmeineRolle?

Es war eine Pantomime von fürchterlicher Lautlosigkeit. Dergleichen erleben wir in Träumen. Vorgänge alltäglichster Art spielen sich um uns her ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen, es tanzen Menschen, sie winken sich zu, sie gehen Hand in Hand und trennen sich wieder, — vielleicht pflücken Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht steht irgendwo in einer rätselhaft engen Straße ein Haus in Flammen und aus den Fenstern beugen sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben, und wir stehen gelähmt in der Ferne, — holde und doch schreckliche Masken, die wir nicht deuten können, wandeln an uns vorüber. Es hat alles eine Beziehung auf uns, eine geheime wahnwitzige Bedeutsamkeit, auch die geringste Gebärde, das Fallen einer Apfelblüte vom Baum und das Zerbrechen eines Spielzeugs. Wir stehen und fühlen den Wirbel, der unsere Ebene mit allem, was unser, ach,unser, vonunsernAugen,unseremSchicksalskreis allein bedingter Horizont umschließt, ergriffen hat, einen Wirbel, so rasend, daß wir ihn empfinden wie Stillstand, und nur durch den Luftdruck, der uns dem Atem benimmt, wissen, es geht abwärts, es — geht unter. Wir stehen und warten auf das Zeichen, warten auf den Fall der Apfelblüte oder ein ruchloses Lächeln oder das Nicken eines gigantischen Hauptes, — auf das Zeichen, das wir erkennen, auf das hin wir hineinschreiten werden in die stumme schreckliche Handlung, um unsere Sendung zu erfüllen. —

Durch die innersten Windungen des Labyrinthes führt uns der tödliche Wirbel der Sinnlosigkeit. —

Riesenhaft und drohend in Unberechenbarkeit wankten die Lenker des europäischen Geschicks um den äußeren Umkreis der Szene. Mirabeau versank und mit ihm fiel Bourbon, an ihrer Stelle stieg apokalyptische Ungestalt, die Souveränität des Volkes. Preußen und Österreich ballten ihre Macht zusammen. In der Affaire von Lüttich gab es ein Miniaturvorspiel, eine Ouvertüre, in der alles enthalten war, was die Zukunft bringen sollte. Die Atmosphäre war mit ungeheurer Spannung geladen, Funken zuckten hinüber und herüber, irrten ab, erschlugen in Schweden den König, ließen hier und dort winzige Aufstände aufprasseln und im grünen gespenstischen Schein des Wetterleuchtens uralte Zustände fremd und verwest daliegen, wie Tote, die man vergaß zu begraben. Die Flüchtlinge von Westen mehrten sich und fanden im Kurfürsten von Mainz einencher père et protecteur, der seine Sonne aufgehen ließ über Condé, Artois und allem, was zu ihnen schwur, und der es völlig überhörte, daß es auch die Bezeichnungen einesAbbé de Mayenceund einesGentilhomme parvenufür ihn gab. Studenten und Zünfte prügelten sich und altgediente Professoren bekamen blutige Kopfe, die Pfaffensoldaten, die auf das Volk von Lüttich hatten schießen müssen, kamen heim und nahmen ihren alten Dienst wieder auf, bei den Prozessionen und Hoffesten Spalier zu stehen. Die Lesegesellschaft, zusammengesetzt aus Beamten und Gelehrten, Schullehrern und Kaufleuten, nährte sich nicht mehr allein vomBelles-lettres-Fach und den Naturwissenschaften, sondern von Pariser Flugschriften, und im Universitäts-Kaffeehaus in der Quintinsgasse hob der Kellner Vespery, der sich selbst gern als einen Polyhistor und Tausendsasa bezeichnete, denMoniteurneuesten Datums für seine Günstlinge auf.

Sonst aber, — noch kein Anlaß, sein Leben zu ändern! —

Es gab für George eine neue, vorteilhafte und vielversprechende Verbindung mit der Vossischen Buchhandlung in Berlin. Es gab neben der Ausarbeitung seiner jüngsten Reiseerinnerungen, die dem Publikum allmählich in drei Bändchen unter dem Titel „Ansichten vom Niederrhein“ dargeboten werden sollten, endlose Rezensionen, endlose Übersetzungen, endlose, endlose Lohn- und Frohnschreibereien. Es gab literarisch-politische Erregungen, etwa über Hohlköpfe und Perückenstöcke, die die Revolution angriffen, wie Herr Girtanner in Göttingen oder über einen englischenfat, der sein Licht gegen ihre Schattenseiten leuchten ließ und gegen sie andeklamierte, wie Burke in London, es gabzuweilen einmal Grund, sich selbst als den Mäßigen, Klugen, Gerechten zu empfinden, wenn ein Mann wie Schlosser — oder ein anderer, — die Franzosen verdammte, — gab Gelegenheit, sich als den Sparsamen, Haushälterischen, Zurückhaltenden zu loben, wenn man wahrnahm, wie ein Liebling des Publikums, der so vergötterte Goethe in Weimar, ein Ding auf den Markt zu bringen wagte, wie den „Groß-Kophta“, ein fades Machwerk ohne einen einzigen Gedanken darin! Nun wenigstens war George Forster so ausgelaugt noch nicht, wenn schon noch kein Liebling der Lesewelt. Dies würde bald kommen. Möchten nur die Herren, die für ihre Mädchen, Läufer, Lakaien und Musikanten oder Poeten (siehe den Herzog von Sachsen-Weimar!) täglich Hunderte ausgaben, möchten sie doch nur erst endlich einsehen, daß sie mehr Ruhm davon hätten, wenn sie einen Gelehrten, dessen Werk ihren Namen durch die Jahrhunderte tragen würde, dermaßen unterstützten, daß er vom Joch der Tagesschriftstellerei befreit schreiben könnte, zum ersten: dasDescriptio plantarumder Südsee, und zum zweiten: die Geschichte der Südseeinseln. Weiteres würde sich einstellen. Auf der Suche nach solcher Fürstengunst schrieb man dann an Müller, an Dohm, an Voß, unter ausführlicher Darlegung aller Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hatte, erntete verlegene Gegenbriefe, Ratschläge und verhüllte Ablehnungen und hatte Anlaß, sich gegenüber einer ausgearteten Hierarchie und Aristokratie als Glied einer edleren und besseren Mittelklasse zu fühlen, — keinen Anlaß, sein Leben zu ändern.

Wollte der alte Heyne wieder erziehen? Stellte er warnende Beispiele von verschwenderischen Herren aus Göttinger Universitätskreisen auf, mit denen es dann schief gegangen war? Von lauter Herren mit Vorliebe für englische Façons und englisches Mahagoni!? Rang er von ferne die Hände über Georges politische Ansichten, die doch weiß Gott, sich milde genug äußerten, und warnte er, warnte er?! Sprach er von „dem Zentrum des Studierstübchens, von dem aus er ohne zu staunen durch ein klein Fenster oder einen Ritz das Narrenspiel der Welt mit ansähe“? Oh, wußte denn dieser alte Mann, was seine Frau Tochter bei ihrem Lilienleben auf dem Felde verbrauchte und wer im Hause es eigentlich war, der den Ofen des politischen Enragements nicht ausgehen ließ? Ei, da hatte er Anlaß, vom Geist hannöverischer Teegesellschaften zu reden und von dem Geist Englisch-Hannovers im allgemeinen, — von wo aus sich unschwer der Übergang bot, auf denGeist Alt-Englands überhaupt zu kommen und auf alte Geschichten, — Anlaß somit, sich gründlich auszusprechen, keinen Anlaß indessen, sein Leben zu ändern.

Gäste kamen und gingen durchs Haus, durchreisende und die alten in Mainz ansässigen Freunde. Zu dem Kreise um den abendlichen Teetisch gesellte sich zuweilen August Lux, ein junger Rousseau-Schwärmer, der draußen in Kostheim sein kleines Landgut bestellte, ein Kind nach dem andern zeugte und es in seliger Freiheit mit seinen Kälbern und Ferkeln aufwachsen ließ, — zuweilen der Ingenieur Eikmeyer, der Ausbauer der Festungswerke, — es gab unendliches spekulatives Raisonnement, wozu die Nachrichten und Gerüchte des Tages mehr Stoff als genügend boten.

Und da war seit dem Frühjahr 1792 Karoline Böhmer, die verwitwete Karoline, die mit ihrer kleinen Tochter einen Zufluchtsort gesucht hatte und von Therese mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit nach Mainz eingeladen worden war. Oh, Therese hatte ein so starkes Menschenbedürfnis und besaß in Mainz noch immer keine Freundin, denn Frau Forkel kam nicht in Betracht. Was war also Wunderbares an dem Wunsch, Karoline in der Nähe zu haben, Karoline, die nun täglich ins Haus kam und mit der milden Heiterkeit ihres Geistes an allem teilnahm, was die Freunde betraf?

Jedoch es kam auf alles dieses garnicht an. Auf dem Hintergrund der Tage voll Arbeit, Krankheit, Mühsal, voller verschlungener Jahreszeiten mit Blumensprießen, Ernte und Blätterfall, auf dem Hintergrund, in den die Gestalten der Freunde hineingewebt waren wie wandelnde Gobelinfiguren und auf den das europäische Geschehen Widerschein und Schatten warf, auf diesem Hintergrund spielte sich das Folgende ab. —

Es waren zwei zeitlich fast durch ein Jahr voneinander getrennte häusliche Ereignisse, aber für George schmolzen sie seltsam in eins zusammen und er vermochte sie später in der Erinnerung nicht voneinander zu trennen. Sie begannen damit, daß seine Arbeitsruhe gestört war durch eine Beobachtung, die er sich zunächst nicht eingestehen, die er nicht wahr haben wollte und vor der er sich in die Bibliothek zurückzog, um sich dort wochenlang zu vergraben. Immerhin nutzte es nichts, dann bei den Mahlzeiten und abends bis zum Einschlafen den Gesprächigen zu spielen, ja den reißend Geschwätzigen, der sich Mitteilungen des anderen in den kurzen Stunden des Beisammenseins weislich vomLeibe zu halten wußte, nutzte nichts, wenn man sich leidender gab, als man wirklich war, und in Haltung und Gebärde die verzweifelte Bitte ausdrückte, einen mit folgenschweren Mitteilungen zu verschonen. Dies alles ließ sich höchstens sechs bis acht Wochen durchführen und dann, — dann kam eben doch der Abend, an dem es Hohn gewesen wäre, sich dem Augenschein länger zu verschließen, an dem er übrigens plötzlich von Gewissensangst, Pflichten versäumt zu haben, tief beunruhigt fragen mußte: „Ist es an dem, Therese, — ist es denn wirklich an dem?“

Das Besondere war, daß Therese, die ihn in der Erwartung des Röschens und der kleinen Claire immer von ihren Hoffnungen unterrichtet hatte, fast noch ehe sie sich bestimmter Anzeichen erfreuen konnte, ihn bei diesen beiden Kindern ganz seinen eigenen Ahnungen und Wahrnehmungen überließ, daß sie die körperliche Anfälligkeit der ersten Monate in keiner Weise zur Schau trug und ihr Möglichstes tat, durch eine passende Kleidung den wachsenden Umfang ihres Leibes zu verbergen, so daß er von beiden Kindern erst erfuhr, als die Mutter ihr Leben schon fühlte und auch dann erst auf jene Frage hin, die er nicht mehr unterdrücken zu können glaubte. Dies, so stellte er über seine Arbeit gebückt aber stundenlang ohne fortzuarbeiten grübelnd fest, dies war Rücksichtnahme von Therese, ohne Zweifel. Er bewegte den Kopf leise hin und her und stöhnte, begegnete seitlich blickend, als wollte er vor irgend etwas ausweichen oder suchte etwas, seinem in der zurückgeschlagenen Scheibe des offnen Fensters gespiegelten Bilde und starrte erschrocken hin. War er denn das, der den Kopf so zwischen die Schultern zog, der so scharfe Falten von der Nase zum Munde hatte, zu diesem in Qual verzerrten und lautlos geöffneten Munde? Hatte er diese Augen mit der zerknitterten Stirn, den gewulsteten Brauen darüber, diese Augen voll Abwehr, Argwohn und Angst? Oh, abgewandt von diesem trüben Spiegelbild richtete er sich hastig auf, ordnete seine Züge durch ein Lächeln von innen heraus, wie er meinte, und sagte sich von neuem: Rücksicht war es und Rücksicht allein, der Wunsch, ihm Zukunftssorgen so lange wie möglich zu ersparen, Liebe also, für die er zu danken hatte, auf Knien zu danken! Rücksicht jedoch, hatte er seit seiner Heimkehr aus England gelernt, konnte fürchterlich, konnte erstickend, konnte zum Fluch werden. Er begriff es nicht, warum jetzt fortwährend Rücksichten auf ihn genommen wurden, auf seine Appetite, seine Launen, seine Zeiteinteilung, seine Wünsche über Kindererziehung,auf sein Befinden, seinen Geschmack in allen und jeden Dingen, — daß er fortwährend gefragt wurde, ob er zufrieden sei, ob er’s auch anders haben wollte? Daß das Röschen angehalten wurde, auf den Fußspitzen zu gehen und nicht zu plaudern, wenn er Kopfschmerzen hatte, daß das kleine törichte Clairchen dann wenn es schrie in das entlegenste Zimmer verbannt wurde; daß niemand mehr hinging und auf seinem Schreibtisch Ordnung machte, was er sich früher zu hundert Malen umsonst verbeten hatte; daß bei Tisch Gespräche fallen gelassen wurden, wenn er merken ließ, daß sie ihn verstimmten; daß er so viel angelächelt wurde; daß die Umschläge, Einreibungen und Medikamente für ihn immer vorhanden waren. Alles, alles dieses, das er früher entbehrt hatte, bis er die Entbehrung gewöhnt gewesen war, er besaß es jetzt im Überfluß, er ging wie auf Watte, seine Wände waren gepolstert, Therese pflegte ihn und Huber schonte ihn und beide waren so einig darin, daß er geliebt werden müsse. Sie blickten sich an, und dann kam ein Vorschlag, der ihm Freude machen sollte, etwa, ob er nicht einmal wieder auf den Abend die Kupfer zur Südseereise ausbreiten und ihnen erklären wolle, oder die australischen Muscheln zeigen oder aus den „Ansichten“ vorlesen, — sie blickten sich an und dann zog sich Huber zurück, und er blieb mit Therese allein, — sie blickten sich an, und dann überredeten sie ihn gemeinsam zu dem oder jenem, wozu er vorher keine Lust gehabt hatte. Und mit der Zeit blickten sie sich auch garnicht mehr erst an, sondern was der eine meinte, das sprach der andere aus, sie waren aufeinander eingespielt, waren in einem Einverständnis der Liebe zu ihm, wußten ihn zu nehmen, — oh, und er, anstatt dankbar zu sein, anstatt auf den Knien zu lobpreisen für das Himmelsgeschenk, das ihm da wurde, er knirschte, er ballte heimlich die Fäuste, er hätte gerne um sich geschlagen und Luft gemacht — und wußte doch, das wäre wie ein Schlag ins Wasser gewesen oder ein Versinken in Federkissen! Denn sie waren so unangreifbar freundlich, die beiden, ihre Gelassenheit so unzerstörbar, so ruhig der Glanz der Heiterkeit auf ihren Stirnen. Und da hatten sie es nun für gut befunden, ihm vorzuenthalten, daß er wieder Vater werden sollte, — oder nein doch, Therese hatte es für gut befunden, es ihm und aller Welt und somit auch Huber so lange zu verbergen, als es immer nur anging. Er erklärte es sich ja, er verstand, — es waren diese beiden jungen Männer am Tisch, Huber und Mr. Brand mit seiner englischen Prüderie, da durfte selbst er es nicht wissen, ehe es nicht mehr zu umgehenwar, nur damit er durch Fürsorge und Aufmerksamkeiten die Blicke nicht auf sie zöge. So war es, redete er sich ein, natürlich, so war es! Was sollte es auch sonst …

Oh, Huber war der beste, treueste Freund, er nahm wie ein Bruder an allem teil, was seine Forsters anging! Er war es, der in den Nächten, wenn die Entbindungen herannahten, kaum schlief, sich höchstens angekleidet niederlegte oder stundenlang auf- und niederging, — man konnte seine leisen ruhelosen Schritte in der ehelichen Schlafkammer vernehmen. Er war es, der dann zur Hebamme lief, den weiten Weg durch die ganze Stadt zum Cöstrich, den des Nachts keine Magd allein machen wollte, während George am Bette der Leidenden saß, bereit, die erste Hilfe zu leisten, halber Mediziner, der er einmal war.

Dann waren diese Stunden des Wartens, erfüllt vom herben Duft des schnell entfachten Holzfeuers im Ofen, das sausend brannte, vom Geruch nach Fenchel und Baldrian, und unruhig gemacht von der aufgeregten Geschäftigkeit der Mägde. Da war das Stimmchen eines der Kinder, das, im Schlaf gestört, klagend weinte und mählich wieder verstummte. Da war Theresens Flüstern: „daß nur Brand nicht geweckt wird, — sie sollten doch leiser gehen …“ und wenn er dann auf den Fußspitzen auf den Flur gegangen und zur Vorsicht gemahnt hatte, ihr dankbarer Blick und dann wieder ihre Augen geradeaus gerichtet ohne Ziel oder mit einem Ziel im Unsichtbaren, bis von neuem die ratlose Angst hindurchflackerte, um gleich einem Ausbruch unbedingter Entschlossenheit zu weichen, bei dem die kleinen Hände sich ballten, der Kopf zurückgeworfen ward, der ganze Körper sich straffte und so dem Krampf der Wehe begegnete. Sie griff nicht nach seinen Händen, o nein, — aber warum wagte er es denn auch nicht, die ihren zu fassen, warum redete er ihr nicht zu, sich festzuhalten, warum stützte er sie nicht, wie er doch so gern getan hätte, — warum saß er hier und starrte aus einer entsetzlichen Ferne des Herzens hinüber in ihren Kampf? Warum konnte er nicht zu ihr, warum lag diese undurchdringliche Einsamkeit des Stolzes und der Tapferkeit um sie her?

„Therese …“ murmelte er erschüttert, wenn es vorbei war, ja, und sie lächelte ihn an mit einem vergehenden Lächeln von Güte, als sei er es, der gelitten habe. Er legte die Hand über die Augen.

„Wie lange ist er schon fort?“ flüsterte sie.

George sah auf seine Uhr: „Eine Viertelstunde, — noch ein wenig Geduld …“

Draußen schleuderte der Wind Regenschauer gegen die Fensterscheiben, — immer waren dies Frühlingsnächte. Immer murmelte Therese dann etwas wie: „Daß er nun so hinausgelaufen ist mitten in der Nacht“ und „Ist er nicht gut?“ Immer meinte George darauf antworten zu müssen wie auf einen unausgesprochenen Vorwurf, daß er ja doch auch gegangen sein würde, aber wer wäre dann bei ihr gewesen? Immer war dann dies unbegreifliche Lächeln der Güte wieder, die Hand, die seine streichelte und schnell wieder fortging. Dann hastige kleine Worte über häusliche Angelegenheiten, — daß man nicht vergessen möge, den Dachdecker kommen zu lassen, es regnete oben an einer Stelle ins Haus, die Lise würde schon wissen. Daß sein, Georges, englischer Castorhut zum Kürschner müsse, er möge daran denken und keine Visiten mehr damit machen. Daß in der Bodenkammer im Bettkasten obenauf baumwollenes Zeug zu warmen Unterröckchen für die Kinder liege und auch Strickgarn für neue Winterstrümpfchen, — ach, die Lise wisse ja Bescheid, an die Lise könne er sich in allen Fällen halten. Während sie von einer neuen Wehe gepackt verstummte, dachte er, er wisse wohl sehr gut, was sie damit meinte mit diesem „in allen Fällen“, befand es aber für gut, sich nichts merken zu lassen. Sie, erschöpft vom Schmerz, flüsterte noch: „Huber bat mich gestern abend noch, an seinem roten Frack einen Knopf anzunähen, erinnere doch Lise …“ drehte den Kopf auf die Seite und gab sich aufatmend einem leichten Schlummer hin, während er nun, die Wange in die Hand gelegt, reglos in die flackernde Kerze sah. Die sonderbare Abgelöstheit dieser Stunde aus dem Alltag gab ihm eine Art von Trunkenheit, ein Gefühl, überwach zu sein, gab ihm die Täuschung, vor Entscheidungen gestellt zu sein, oh, endlich nackt vor Gott zu stehen, vor Gott allein. In solchen Stunden schien das ganze Leben gerechtfertigt und leicht und süß, von heller weiser Lieblichkeit, wie die Quälereien einer grausamen Geliebten in der Stunde, da sie sich ergibt. In solchen Stunden war die Erinnerung an den König Minos zärtlich und ganz ohne Bitterkeit, obgleich dieser König Minos eben in diesen Jahren wieder begonnen hatte, sich alter Gewohnheiten zu entsinnen und dem Sohn in jedem Briefe seine Einnahmen nachrechnete, um sie mit den eigenen zu vergleichen. In solchen Stunden schaukelte George auf dem Gartenpförtchen zu Nassenhuben und spürte den alten Abendwind der Kindheit vor der dunklen Nacht und alles, was an dem Wege von jenem Garten bis zu dieser dunklen Frühlingsnacht gewesen war, lag in demverzaubernden Schein der Ahnung mehr noch als im verklärenden der Erinnerung. Er träumte sich da einen fabelhaften Strom, Schiffe, von heldenhaften Männern geführt, Meerwunder, unerhörte Vögel, Pisanghaine, Türme, Paläste, Tore, Säulen, Dome, Minaretts aus edelsteinblauem, von Feuer durchglühtem Eis. Er war ein sonderbarer kleiner Knabe unter anderen sonderbaren kleinen Knaben in Deutschland, sie würden alle ihren Weg machen und im Zauberwald des Lebens große Taten tun und ihre kleinen knospenhaften Namen würden blühen. Sein Name unter den großen des Zeitalters, — er lächelte. Über das in seinen Krämpfen schwer atmende Weib hinüber dachte er an den Mann, der sich jetzt aus ihrer Erdverbundenheit zum Lichte rang, — dachte an einen Sohn aus seinem Blut und Geist. — Er schrak auf. Therese, längst erwacht, mit bangen wandernden Augen und in Bedrängung ächzend, hatte geflüstert: „Da kommt er, Gottlob!“ Hatte er die Haustür überhören können? Schritte kamen die Treppe hinauf, da waren Stimmen … „Ja, sie ist es!“ sagte er erlöst und indem er der Wittib Schippel seinen Platz am Bett einräumte, gab er sich selbst in Hubers Freundeshände. Und Huber war der beste sorgende Freund, er ließ Kaffee bereiten, er machte für den Todmüden ein Lager auf dem grünen Kanapee zurecht. George, nun wirklich in Halbschlaf versinkend, erblickte in den Pausen seiner Betäubung immer wieder den langen gebeugten Schatten des andern, der lautlos durch das Zimmer wanderte, stehen blieb, wenn das Jammern der Leidenden anschwellend herüberklang, — diesen Schatten im Zwielicht der abgeblendeten Kerze, der Seufzer ausstieß, die Hand über die Augen legte, stöhnte. „Mein Huber hat ein weiches Herz“, dachte George, flüsterte es sich innerlich eifrig und schnell zu, und beobachtete den andern durch halbgeschlossene Lider unablässig, die Knöchel der ganz verkrampften Hand gegen die Zähne gepreßt. „Mein Huber hat ein weiches Herz, das fremde Leiden rührt ihn allzusehr, — mein Huber hat ein gar zu weiches Herz …“

„Huber! Es ist eine Tochter!“ sprach er, gegen Morgen aus der Wochenstube tretend, — aber süßer klang es ihm selbst im April 1792, als er mit den Worten, — nun, Worten, die er im Überschwang des Augenblicks nicht abgewogen hatte! — an die Brust des Freundes sank:

„Mein Huber! Wir haben einen Sohn!“

Und Huber, — oh ja, er hatte wohl ein weiches Herz, er hatte mitgelitten, aber nun schluchzte er vor Freude und dann lachte er wie geschüttelt,die Arme um Georges Schultern gelegt, den Kopf abgewandt, — lachte und wurde mit einem Schlage wieder tiefernst. Er folgte George an Theresens Bett, sie hatte den Wunsch ausgesprochen, ihm zu danken, der so treu mitgewacht hatte, er stand von ferne, mit hängenden Armen und gesenktem Kopf auf sie hinblickend, die, den Neugeborenen im Arm, zu ihm auflächelte. Und da war kein Wort im Zimmer, aber etwas wie Frage und Antwort, ausgedrückt in einer unhörbaren süßen Musik, die auch George mit einem verborgenen Organ der Seele vernehmen, die er aber nicht deuten konnte, an der er herumrätselte, — und da war es auch schon vorbei, und Huber schlich auf den Zehenspitzen hinaus und er folgte ihm, und da war ein neuer grauer Tag und da lag wartend die Arbeit von gestern, — nein, diese Nacht hatte nicht vermocht, das Leben zu erneuern. — —

An Christian Friedrich Voß, den Verleger, der zum Freunde geworden war, schrieb George, — und er tat dies, als die kleine Tochter Louise schon seit sechs Monaten den guten Platz am Herzen liebender Eltern und Geschwister wieder verlassen und ihn mit einem Bettchen unter dem Rasen des St. Christoph-Friedhofes vertauscht hatte, — George also schrieb am Morgen des 24. April 1792 an den guten Voß in Berlin:

„Ich bin am Sonnabend von meiner Frau mit einem jungen Sohn beschenkt worden. Sie, mein gütiger Freund, werden Anteil an unseren Empfindungen bei dieser Gelegenheit nehmen. Sie sind Empfindungen von gemischter Art; Freude, daß der kritische Zeitpunkt glücklich überstanden ist, daß alles gut geht, Mutter und Kind gesund sind; Freude, daß der Mann, der einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hat, nun auch die Bestimmung näher vor sich sieht, gewisse Ideen- und Gedankenreihen, die in einen weiblichen Kopf nie recht passen, dennoch einem seiner Kinder übertragen zu können und zu sollen; aber dies gemischt mit den Besorgnissen aller Schwierigkeiten, welche sich zwischen jenen Zeitpunkt der vollendetsten Erziehung und diese Aussicht aus der Ferne noch häufen und sie vereiteln können, mit dem Gefühl vervielfältigter Pflichten und vermehrter Beschwerde auf dem Pfad des Lebens, — vor allem mit dem Gedanken, daß das künftige Glück und die Zufriedenheit noch eines Menschen nun wieder von unserm Handeln abhängen muß. — Ich wollte wirklich so ernsthaft nicht werden, lieber Freund, allein was sich jetzt in Kopf undHerzen regt, drängt sich auch wider Willen hervor. Sie halten mir diese Mitteilung meiner selbst zu gute. — Und nun zu unseren Geschäften …“

Der Mann, der „einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hatte“ — gleichviel, ob man jenes glänzende Glück zu keiner Zeit seines Lebens enger hätte umschreiben können, denn mit dem Begriff einer Fata Morgana, dieser Mann fragte sich in den folgenden Monaten zuweilen, ob es denn nun eingetreten sei, daß Sorge und Mühsal ihn vor der Zeit hätten altern lassen, so daß er Jugend und Frohsinn nicht mehr verstünde. Denn er saß in seinem häuslichen Kreis wie ein Fremder, wie ein tagfremder Uhu, den Singvögel umlärmten, in diesem häuslichen Kreise, den ein unbegreiflicher Taumel beherrschte. Ein Glas Wein nach Tagesschluß, gewiß, er verschmähte es nicht, es erwärmte sein langsames Blut, es belebte für eine Stunde seinen ermüdeten Geist, — mußte jedoch Abend für Abend Wein getrunken werden? Kam er nicht aus seinem eigenen Keller, so hatten Huber oder Brand ein paar Bouteillen mitgebracht. Die Fenster standen alle weit geöffnet, milde, duftschwere Mailuft wogte herein, blühende Obstbaumzweige oder Fliedersträuße schmückten das Zimmer und auf dem grünen Kanapee thronten Therese und Karoline und hielten Hof. Wie einst fühlte er jene unerklärliche Wärme von Karoline auf sich ausstrahlen, sah sie heiter, gelassen und anmutig, wo Therese sprunghaft, ungeduldig und von einer sonderbaren Bitterkeit des Ausdrucks war, versuchte zu vergleichen, — und wußte, daß er Theresen angehörte, Theresen allein und für immer, mochte sie sanft und süß sein, wie sie es in jenem ersten Winter in dieser Wohnung gewesen, oder von der geistig aufgeregten Heftigkeit, die sie jetzt ununterbrochen schöngeistern und politisieren ließ und in Betrachtung der neusten Ereignisse in Paris leidenschaftlich Partei ergreifen, — für Frankreich natürlich, für Frankreich und die Freiheit und gegen alle Despoten Europas, den unglücklichen Ludwig eingeschlossen. Karoline ließ dann nicht von ihrem spielenden Lächeln, das jeden streifte und es nicht zu begreifen schien, wieso man sich dermaßen echauffieren könne, da denn doch alles aufs Menschlichste zu erklären sei, — Karoline sprach dann zuweilen ein Wort, das erstaunlich klug und einfach den Gegenstand des Gespräches auf einmal abtat, — Karoline wandte sich manchmal ganz ihm zu, wenn er still und müde dasaß, sie lockte ihnaus sich heraus, sie war geduldig lauschend, war freundlich, — dennoch, in ihrer Gegenwart spürte er stärker als seit Jahren, daß er Theresens bedurfte und Theresens allein. Es war nicht recht von Therese, daß sie die Eifersüchtige spielte, freilich, nurspielte, nur mit kleinen Neckereien, mit verstelltem Schmollen, mit Redewendungen, wie: nun, sie wolle dastête à têtenicht stören, wenn er einmal in ein Gespräch mit der Freundin versenkt war. Es war nicht recht von ihr und entzückte ihn doch und er mußte dann nachher zu ihr kommen und sich mit vielen Worten rechtfertigen, ungeschickten kleinen Worten, die sie ungern anhörte: „Aber ich bitte dich, lieber Freund, — es war doch nur Scherz!“ und „ich gönne es dir doch wahrhaftig …“ Oh, was mißverstand sie nur? oder wollte sie mißverstehen? Sie ließ ihn mit Karoline allein, tauschte Blicke mit Huber, wenn er im allgemeinen Gespräch sich einmal ereiferte und dann ohne es zu wollen, in diese aufmerksamsten und stillsten Augen am Tisch hineinsprach, deren Ausdruck ganz allmählich in Lächeln überging. Er sprach von der „Sakontala“, er träumte redend den Traum von Indien, feurig phantasierend, unerachtet Mr. Brands skeptischen Lächelns über den Rand des Glases hinüber, — ein Deutscher konnte den Wundersamen freilich besser zum Keimen bringen als ein verknöcherter Engländer mit den Voraussetzungen des Warren-Hastings-Prozesses und den gewinnsüchtigen Spekulationen der jungenEast Indian Company, die sich gierig wie ein Geier auf jene unerhörte Beute gestürzt hatte.Deutschlandwar bestimmt, das tausendjährige Herz des erstgeborenen Bruders wieder zu erlösen! Über seinem Schwärmen wußte er doch immer jede Bewegung Theresens und daß sie sich vom Tisch erhoben hatte und mit ihren Schritten Huber nach sich ans Spinett zog, — wußte, daß Huber sich jetzt dort vor den Tasten niederließ und zu ihr aufblickte, die über den Deckel gelehnt,das Kinn in die Hand gestützt, auf ihn einsprach, und versuchte verzweifelt den Gegenstand jenes halb flüsternd geführten Gespräches zu erraten. Sprachen sie denn wieder von dem kleinen Jungen, von seinem kleinen Jungen, mit dem so viel vor sich ging, das er nicht erfuhr, oder nur, wenn man sich allein, ohne ihn aus der Bibliothek, aus seinem Kabinett herbeizurufen, über einen neuen Krampfanfall gesorgt, mit Wedekind, dem Arzt, und mit Huber zur Seite, — aber ohne ihn, den Vater? Der Vater bedurfte der Schonung, der Rücksicht, der Arbeitsruhe. Es gab Stunden, die kämpfte ein wackeres Weib allein mit ihrem Gott durch. Nun ja, — möchtesie doch nur allein mit ihrem Gott und allenfalls mit Wedekind gewesen sein! Wenn der kleine Junge so elend war und wachsbleich, — warum mußte dann abends hier Wein getrunken, gesungen und getanzt werden? Übrigens fühlte er sich gar nicht imstande, seinem dunkeln Widerstreben Ausdruck zu leihen. Wenn sich die Unterhaltung um ihn her in Histörchen und Anekdoten auflöste, wenn Huber anfing, sich zu seinen Arien auf der Laute zu akkompagnieren, wenn die Forkel sich erbitten ließ, den einzigen Tanz zu spielen, den sie beherrschte, dieses ewige Menuett von Gossec, zu dem Karoline dann mit einem unsichtbaren Partner ihre Pas und Komplimente machte, — was hatte er also zu schaffen mit dieser tanzenden lächelnden Dame? — fragte er sich, — wenn dann um Mitternacht Wedekind auftrat, um den Lustbarkeiten ein Ende zu machen, die Forkelin nachhause zu bringen und den einmal angebrochenen Bouteillen auf den Grund zu sehen, wie er sagte, — oh, so saß George in einer Ecke des Kanapees bei der Kerze, scheinbar insJournal des Débatsoder denMoniteurvertieft, im Herzen bitter entrüstet und ratlos, weil sie alle spielen durften und mochten und immer nur spielen, — nur er nicht. Merkte es wohl ein Mensch, nahm etwa Therese es wahr, wenn er aufstand, den einen Leuchter ergriff und in die Kammer ging? Dort stand er an der Wiege, das Licht mit der Hand schützend, und starrte auf das winzige Gesicht, dessen bläuliche Lider sich beim Schlafen nie ganz schlossen, so daß die Iris reglos und erschreckend durch den Spalt schimmerte. Ein Zucken lief mitunter über die blassen Bäckchen hin und durch diese mageren Händchen, die da auf dem Deckbett lagen, ausgestreckt und ergeben, wie die Hände eines leidenden Erwachsenen. Was suchte er denn in den alten faltigen Zügen des Würmchens, warum ging er nicht wieder, da er doch sah, hier war alles in Ordnung? Der kleine George, dachte er langsam mit Erwägung jedes einzelnen Wortes, sieht unter seinen Geschwistern nur der kleinen Louise ähnlich, der kleinen Louise, wie sie dalag und tot war. Warum wurde drüben gesungen, getrunken, gelacht, wenn der kleine George dalag und aussah wie tot? Er tastete sich trotz seines Leuchters durch den Saal zurück, als ginge er durch Dunkel. Plötzlich blieb er stehen, reckte den Arm mit dem Licht hoch und starrte böse und grübelnd hinauf zu seinem eigenen Bilde, zu diesem arglos liebenswürdigen Antlitz da oben, das über ihn wegsah, als hätte es nie etwas mit ihm gemein gehabt. —

Woher dies Feuer der Beredsamkeit? dachte jetzt George zuweilen am Familientisch, — nun, saß Therese neuerdings auf kassandrischem Dreifuß? Sie hatte einen Menschen mit dercocarde tricoloredurch die Gassen gehen sehen, hatte armes Volk untereinander auf die Reichen und die Pfaffen schimpfen hören, hatte sich auf dem Markt über die steigende Teuerung aufgeregt und sich die Schandtaten irgendwelcher Emigranten erzählen lassen, die sich doch wahrhaftig immer mehr gebärdeten, wie die Herren im Lande. Therese also, durch eine Belanglosigkeit angeregt, Therese dozierte etwa so: Der Krieg, der sich da vorbereitete, der schon im Gange war, er war eine interne Angelegenheit der Franzosen, — kein Zweifel bestand für den Einsichtigen! Bruder gegen Bruder kämpfte Frankreich verzweifelt um sein zerrissenes, blutendes, um sein heiliges Herz.

Dies sei sehr richtig bemerkt, mochte Huber hier einfügen. Preußen und Österreich schmeichelten sich zwar in dem Wahn für die Ruhe Europas und somit für das eigene Interesse zu rüsten, indessen …

Indessen, dies lag auf der Hand, — Therese reckte lebhaft ihre kleine feste Hand mit gespreizten Fingern aus und zog sie hastig wieder zurück, als hätte sie ein Geheimnis enthüllt, — auf der Hand lag es, daßl’ancien régime, daßFrankreichin Gestalt seines vertriebenen Adels ein deutsches Heer aufgeboten hatte, umFrankreich, um jenes rabiate Paris zu bewältigen!L’ancien régime, verachtens- und verabscheuenswürdig, — oh, was hatte Huber dagegen einzuwenden? Die kleine Faust fiel leicht und kräftig auf die Tischplatte nieder, denn Huber hatte die breiten schön umrissenen Lippen ein wenig verzogen und bewegte schmerzlich den Kopf, wie von einem krassen Forte peinlich berührt. Hatte der sächsischechargé d’affairesnoch so viel aristokratische Sympathien, daß er kein wahres Wort hören konnte? Huber hob nur abwehrend die Rechte: „Ah,l’ancien régime! Es war nicht ohnecharme!“ Therese, sein verzücktes Gesicht aufmerksam, fast neugierig betrachtend, streckte ihm plötzlich die Hand hin, zärtlich ausrufend: „Huber! Ich verstehe auch diesenpoint de vue! Im Grunde aber sind SieunsererMeinung!“ und fuhr dann fort, im Tone der Seherin darzustellen, wiel’ancien régimenun in der Pose unwiderstehlicher Bravour dastehe, bereit, mit Strömen fremden Blutes jene ridikulen Menschenrechte hinwegzuschwemmen, — während das andere Frankreich in Gestalt eines Heeres schlecht ausgerüsteter und mangelhaft bekleideter Soldaten, deren zuverlässigste Waffe ihr Herz war …

Eines Heeres begeisterter Kreuzfahrer, wie Huber nun von demanderenpoint de vueaus schwärmend einschob, die die heiligen Grabstätten einer großen Vergangenheit zu neuem Leben befreien wollten …

Während diesandereFrankreich im roten Westen unbeirrt seine Kolonnen formierte. Fühlte denn nur sie allein den Boden schon zittern unter dem Marschrhythmus der von Osten und Westen einander entgegenziehenden Armeen, war nur sie allein so prickelnd erregt von der Spannung dieser von Erwartung des Kommenden geladenen Luft, die jetzt über dem Rheinland lag? —

O nein, auch George fühlte diese Spannung. Er fühlte sie, als mündeten alle Strahlen des drohenden Sommerhimmels in der Kuppel seines unseligen Schädels, und hineingerissen in das unwiderstehliche Vibrieren des Lebens, das von Paris ausging, — mochte der Geist dort auch schon den Mord heilig gesprochen haben, — in dieser Stimmung schrieb George an den Schwiegervater, gelassen, als sei er an der Urheberschaft dieser Entwicklungen beteiligt: „Jacta est alea!Wir wollen nun aufhören, von Prinzipien zu sprechen. Die Appellation an das Recht des Stärkeren ist geschehen. Wir wollen sehen, wer der seyn wird.“ —

Der Würfel war gefallen!

Dies war der Grund jener Erregung, die einstweilen zwecklos verlodern mußte. Der Würfel war gefallen, — deshalb, — nun erkannte er es! — galt es, die Nächte aufzusitzen, zu trinken, zu lachen, zynisch und bizarr zu reden. Wenn die Staaten ins Wanken gerieten, so war nichts zu tun, als die Hände sinken zu lassen. Die Sache der Zukunft war es, der man angehörte, einer noch völlig verschleierten, dunklen, ungewissen Sache. Wieder einmal, wenn man sich prüfte, sah man sich selber als den nackten Menschen, dem Schicksal ausgeliefert, und es würde sich darum handeln, der Bestie gegenüber das Ideal zu verteidigen. Indessen lag die Bestie noch untätig da, den Kopf auf den Pranken, tückisch blinzelnd. In einer solchen entsetzlichen Spannung hatte der kleine George vor dreißig Jahren keinen anderen Ausweg gefunden, als den, seine Natur zu vergewaltigen, mit dem Janusch umherzuwildern, Äpfel zu stehlen, Heuschober anzustecken, Hunde und Katzen zu quälen. Oh, er erinnerte sich seltsam deutlich!

Gäste also ins Haus! und ein Oxhoft Nierensteiner im Pfandhaus ersteigert! —

Viele kleine Kinder litten doch an Krämpfen und überstanden es. —

Es lohnte sich nicht, in diesen Wochen viel zu arbeiten, da doch fortwährend Besuch kam und außerdem mehrere Eisen im Feuer lagen, Projekte, die sich auf die Unterstützung des Pflanzenwerkes durch den Wiener Hof, auf eine Anstellung in Preußen, auf eine Reise mit Brand nach dem Süden bezogen. Und es kamen wirklich unaufhörlich Menschen ins Haus, Offiziere, Ärzte, Feldprediger der durchziehenden Truppenteile, die an der Grenze Aufstellung nehmen sollten, — alte Bekannte aus den Casseler Jahren, mit denen man einst denlapis philosophorumgesucht hatte und die Sömmerring ungern wiedersah, — Reisefreunde aus Berlin, aus Dresden, aus Wien, aus Warschau, alles Leute von Welt und von geschmeidiger politischer Einstellungsfähigkeit, keine bramarbasierenden Preußen, Eisenfresser und Despotenbüttel. Es gab ein ungeheuer lustiges Politisieren um den Teetisch herum.

Hatte nun nicht die große Katharina mit ihren Deklamationen gegen Paris Preußen und Österreich endlich auf die Beine gebracht und so weit fort auf die Hasenjagd geschickt, daß sie selbst jetzt in Polen ungestörtes Spiel hatte? Und was sickerte alles von Preußens und Österreichs Absichten über die Teilung der Beute durch, noch ehe der Braten erlegt war? — Es war besser, nicht zu dem kleinen Jungen hineinzugehen, wenn er einmal eingeschlafen war, hatte Therese gesagt. Es störte den kleinen Jungen, — ja, Therese hatte natürlich Recht! —

Ein Glas Wein auf den Abend war gut; zwei Gläser machten sogar heiter. Hörte man auf, die Gläser zu zählen, so stellte sich ein Zustand von Zufriedenheit ein, der auf der Fähigkeit leicht, elegant und interessant zu demonstrieren basierte, einer ungewohnten Fähigkeit, die glücklich machte. Er tat es den anderen gleich, war feurig in der Verteidigung der Neufranken wie Therese, begründete sein Urteil mühelos mit Belegen aus der Historie, wie Huber, fand kleine Scherzworte, nicht wahr, war ein wenig schalkhaft wie Karoline, — spielte mit, kurzum, spielte mit und stand nicht daneben.

Der kleine Junge begann ja auch zu gedeihen. Er hatte ihn heute heimlich aus der Wiege genommen und ihn herumgetragen, als er schrie. Er war in seinem Arm still geworden, er war so warm und süß. Hatte er einmal etwas besessen, was ähnlich gewesen war, ähnlich hilflos, zart, ganz auf ihn angewiesen? Einen kleinen Vogelvielleicht? Sein kleiner Junge war sein Freund, er hatte ihn angelächelt mit diesem bebenden zahnlosen kleinen Munde. Wem glich sein kleiner Sohn doch, wenn er lächelte, — wem glich er doch? —

Archenholz kam auf der Durchreise und brachte mit seinen Berichten aus Paris Hoffnungen auf einen gemäßigten und glücklichen Verlauf der inneren Entwirrung, die jedoch bald von den Berichten neuer Greuel vereitelt wurden. Die Teuerung in dem von Emigranten und Truppen übervölkerten Rheingau wuchs von Tag zu Tag und mit ihr allgemeine rat- und ziellose Erbitterung. Nebenher wurden die Zurüstungen zu dem großenconcert des puissances, das nach der Krönung des neuen Kaisers zu Frankfurt in Mainz stattfinden sollte, heiter und großartig betrieben, als gälte es schon ein Siegesfest. George fuhr in den Krönungstagen mit Huber und Brand nach Frankfurt hinüber, sah den jungen Franz, wie er so gutartig und unschuldig aussehend, die Hauskrone auf dem Haupt zu Pferde in die Kirche zog, und ließ sich von diesem Anblick bis zu Tränen rühren, was er seinem Herzen unbeschadet seiner despotenfeindlichen Grundsätze gönnen zu dürfen glaubte. Dem Schauspiel der fürstentrunkenen Mainzer, der Ehrenpforten, Illuminationen, Feuerwerke, der spalierbildenden Rotröcke, — dem Lärm der Janitscharenmusiken und feierlichen Hochämter indessen ging er aus dem Wege, indem er die guten Freunde Reichardts aus Gotha nach ihrem Reiseziel Koblenz weiterbegleitete, nachdem sie einige Tage unter seinem Dach geweilt hatten. —

Er machte es sich klar, daß er von einer fürchterlichen Müdigkeit befallen war, als er bei der Heimkehr vom Anlegeplatz des Schiffes vor dem Raimonditor durch die Stadt nachhause ging, — daß die Julihitze ihn krank gemacht habe, daß diese entsetzliche Schwermut folglich nicht böse Ahnung, sondern körperlich und im übrigen gegenstandslos sei. Die Straßen waren wie ausgestorben. In Eltville fand ein Volksfest statt, bekränzte Schaluppen mit türkischer Musik waren ihm den Rhein hinunter entgegengekommen. Die große Welt mochte in den Gärten der Favorite feiern. Die fremden Truppen lagerten im Glacis. Wie er so schlaffen Schrittes dahinschritt, den Hut in der Hand, den Kopf gesenkt und nichts empfindend, als eine peinliche Unlust, nachhause zu kommen, eine Unlust, die ihn trotz aller Ermüdung nicht den nächsten Weg suchen ließ, sondern ihn immer wieder durch fremde Straßen und Gäßchen trieb, stieß er am Karmeliterplatz fast mit einem Leichenzug zusammen, der zum St. Christophs-Friedhof wollte, — mitein paar preußischen Grenadieren, die einen kleinen weißen Kindersarg trugen, der mit Rosenketten bekränzt, das traurig-prunkvolle Gefolge eines Priesters mit seinen Knaben und einiger preußischer Offiziere in großer Uniform hatte. George erkannte einen jungen Hauptmann von Eltz, einen geborenen Mainzer in preußischen Diensten, der, wie er wußte, auf dem Weg ins Feld seine Frau und deren Schwester, Töchter eines Generals von Tracht, mit seinem kleinen Sohn für die Dauer der Campagne zu seiner hier lebenden Mutter gebracht hatte. Betroffen verweilend und alles an sich vorüberlassend, stand er noch immer von der Ahnung eines Schicksals durchschauert da, als der Zug und die kleine Schar von Frauen und Kindern, die ihm nachlief, längst verschwunden war, — raffte sich dann plötzlich zusammen, blickte verstört um sich und preßte die Hand auf die Brust. Dies, sagte er sich, nun hastig in der Richtung auf die Große Bleiche hinstrebend und diese Straße hinauf und nachhause zu schreitend, dies war Wirklichkeit, kein Spuk und keine Vision. Es hatte keine Ähnlichkeit mit irgend etwas schon Erlebtem, denn, — so tröstete er sich sinnlos: als wir das Louischen begruben, war es an einem nebeligen Novembermorgen und Huber und ich außerdem nicht in preußischer Uniform. Dies also war nicht die Spiegelung eines mir bevorstehenden Ereignisses. Hier gurren Tauben auf dem Dach, diese Kinder spielen so vergnügt, die Frau dort hängt so friedlich Wäsche auf. Die Leute könnten doch nicht alle so ruhig sein, wenn … Ich bin außer aller Contenance, fühlte er, und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Einem Leichenzug zu begegnen, bedeutet außerdem doch immer Glück. Nun bog er in dieTiermarktstraße ein, rannte fast die letzten Schritte bis zu den Universitätshäusern, ging dann wieder langsamer, drückte zögernd, zögernd die Haustür auf. Wie kühl war doch die Luft im Flur! Ach, natürlich, — welche Einbildungen! Er atmete erleichtert auf, wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet. Er erinnerte sich, daß Therese und die Kinder nun in der Nachmittagshitze ruhten, daß die Mägde in der Küche beschäftigt waren, daß es deshalb so still, so seltsam still im Hause sei. Auch schrie kein kleines Stimmchen, wie er doch, — er war sich dessen sicher, — erwartet hatte. Um so besser, dachte er. Wir werden einen belebten Abendzirkel haben, machte er sich klar, indem er die Treppe hinaufstieg, und besann sich, daß auch der Besuch Herrn von Goethes aus Weimar, der seinen Herzog ins Feld begleitete, in Aussicht stand. Das Gespräch darf nicht auf den „Groß-Kophta“ kommen, entschied erund drückte nun mit einem Gefühl der Kälte in Wangen und Lippen, mit einem Krampf in der Brust die Klinke der Wohnstubentür hinunter.

Er sah: da stand der offene kleine Sarg. Da lag sein kleiner Junge tot. Und da saß Therese vorgebeugt, den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf die Hand gestützt mit einem auf ihrem Antlitz erstarrten Ausdruck irrer Fassungslosigkeit über diesen Sarg ins Leere starrend, und da saß Huber neben ihr, den Arm schlaff um sie gelegt, zusammengesunken, zerschlagen, furchtsam vor sich niederblickend, Tränenspuren auf den Wangen, — da saßen zwei Zusammengefesselte, zwei Miteinanderverurteilte …

Therese hatte sich erhoben. Huber stand auf. Sie schienen beide noch nicht ganz erfaßt zu haben, daß er da war, obgleich sie ihn anblickten. Plötzlich unter diesen Augen, die zwischen ihm und Therese hin- und herglitten in stummer entsetzlicher Frage, legte Huber die Hand über sein Gesicht, machte eine taumelnde Bewegung auf George zu und ging wankenden Schrittes zur Tür.

O nein, o nein, den Abgrund nicht! Den Abgrund zwischen ihnen beiden nicht! War er noch zu füllen mit dem Schutt des Alltags? Reichten die Brücken der großen Ereignisse noch von einem Rand zum anderen?

Wohnten sie denn nicht beieinander, hatten die Mahlzeiten, die Zimmer, die Kinder, die Freunde gemeinsam, gemeinsam die lauten festlichen Abende und die Nächte, Bett an Bett mit dem stundenlangen Belauschen des anderen im Finstern? Oder lauschte Therese nicht so auf ihn, wie er auf ihre Atemzüge, die ihm verrieten, daß auch sie nicht schlief, daß sie … Oh, wartete sie etwa darauf, daß er — nun endlich einschliefe? Aber ihre Hand war sanft gegen ihn gewesen, er hatte alle Pflege gehabt, deren sein kranker Leib bedurfte, er hatte das Lächeln ihrer Augen über sich gesehen und nichts war ihm verwehrt worden. Nicht wahr, jene Stunde, jene furchtbare, am Sarg des kleinen Jungen, sie hatte im höllischen falschen Lichte seiner Ermüdung und Überreizung gestanden, und sie war doch vorübergegangen, wesenlos geworden wie das furchtbare Wort, das er gesprochen hatte, — oder hatte er es nicht gesprochen? Das er hinter Huber drein gesprochen zu haben meinte, der die Türe so entsetzlich sanft geschlossen hatte: „Ihr werdet wohl nicht ruhen, bis auch ich …“ Oh, nein, nicht in seinem Herzen wohnten Worte mit solchen Widerhaken! SeinHerz war sanft, geduldig, wollte tragen. Es tat sich auf, sobald die Sonne wieder schien, und da war die geliebte Frau und da war der Freund und sie beide so voll Milde und Kraft, bereit, ihn, den Schwachen, zu stützen, ihm alles zu verzeihen …

Er war gefaßt. Er arbeitete wieder. Und was arbeitete er? Er faßte die Erinnerungen des glorreichen Jahres 1790 in Kalenderform zusammen, machte aus jenen unvergeßlichenévènementsund den Silhouetten der großen Männer ein allerliebstes Büchlein im Publikumsgeschmack, das mit vorzüglichen Kupfern geziert zur Michaelismesse bei Voß herauskommen sollte. Im übrigen fügte er Bild an Bild zum dritten Bändchen der „Ansichten“, ließ sich von Karolines klugem Zureden bewegen, etwas gefälliger und weniger pathetisch zu schreiben, saß mit dieser guten Freundin und Zuhörerin über neuen Übersetzungsplänen und nahm sich täglich in den Morgenstunden sein Röschen mit ihrem Augustchen zusammen vor, um diesem kleinen Gesindel ein paar Anfangsgründe der Wissenschaften beizubringen. Sie waren keine Knaben, — allerdings …

Es war ihm, als müßte er ganz leise und behutsam weitergehen. Als könnte ein hastiger Schritt, eine heischende Gebärde, — als könnte schon ein ungeduldiger Gedanke die Schneeflocke lösen und mit ihr die Lawine, die alles begraben würde.

Lächeln also. Waren Therese und Huber nicht Kinder, liebenswürdige Kinder? War es nicht gut, mit ihnen zu leben, zu fühlen, daß sie ihn trugen und dennoch seiner nicht entraten konnten, seiner Arbeit bedurften, seiner Erfahrung, seines Rates? Lächeln, oh, und nicht mißtrauen, wenn sie auf den Spaziergängen zurückblieben, wenn sie dann Hand in Hand wie die Träumenden herankamen, — wenn sie in der Abendstunde still zusammen am Fenster saßen. War es nicht Unschuld, wenn sich ihre Hände nicht lösten? Wenn Huber den Blick nicht von Theresens über die Arbeit gesenkten Scheitel ließ, auch jetzt nicht, da George hinzugetreten war? — Lächeln also! Lächeln auch über den Klatsch, den der um des Freundes Ehre so redlich besorgte Sömmerring nicht unterließ, ihm zu hinterbringen.

„Ach, guter Sömmerring, — wir wollen lieber anderer Dinge gedenken! Die Moral des Mainzer Professorenklüngels in Ehren. Aber ich denke, für uns ist anderes maßgeblich …“

Lächeln also! Lächeln auch über jenes Gedicht im letzten Göttinger Almanach, der ihm im Oktober in der Universitätsbuchhandlung indie Hand kam, in dem er blätterte, verwundert, ihn nicht wie jedes Jahr gleich bei seinem Erscheinen von Dietrich zugesandt bekommen zu haben. Er stutzte beim Titel eines der Beiträge, der „Huberulus Murzuphlosoder der poetische Kuß“ überschrieben war, las weiter, las ein kleines, infames Machwerk voller Anzüglichkeiten, las den Verfassernamen Bajazzo Romano, meinte sich zu erinnern, daß Meyer gelegentlich unter diesem Pseudonym veröffentlichte, legte das Bändchen beiseite — und lächelte. Hatte man ihm zu Hause das Buch unterschlagen, um ihn zu schonen? Er sprach mit Karoline darüber, die er gleich darauf in ihrer Wohnung in der Welschen Nonnengasse aufsuchte, um ihr einige Journale zu bringen. Die gute Freundin errötete heftig, — o ja, sie sei mit Therese übereingekommen, den Almanach vor ihm nicht zu erwähnen, da er diesmal durch und durch faul und wurmstichig sei, von pöbelhaften, kleinen Gemeinheiten wimmele, zu denen auch Bürgers Epigramme zählten. Der „Huberulus Murzuphlos“ übrigens, sprach sie nach einer Pause mit verzweifelter Tapferkeit weiter, so wie man eine Wunde berührt, um sie zu heilen, dieser elende Angriff auf den guten Huber sei nun Gott sei Dank durchaus nicht von Meyer, wie sie zuerst mit Entrüstung hätte annehmen müssen, — oh, dazu sei Meyer nicht fähig, sagte George sehr ruhig und — lächelte; er selbst wäre nie auf diese Annahme verfallen, sprach er, bückte sich und rückte an der Schnalle seines Schuhs, — sondern von Bouterweck, der sich für Hubers herbe Kritik seines „Donamar“ in der Jenaischen Literaturzeitung in dieser feinen Weise rächte. Indem sie ihn ängstlich anblickte und — er fühlte es, — gern nach seiner Hand gegriffen und sie gestreichelt hätte, sagte sie ganz zaghaft und leise: „Lieber Forster, nicht wahr, es ist nun alles gut?“ Und als er ihr darauf mit einem kraftlosen Heben und Senken der leeren Hände sein Antlitz zuwandte, bemerkte er Tränen in ihren Augen, murmelte: „Liebe Karoline …“, und wußte es nicht, daß es seine Gebärde war und dieses arme Lächeln seines müden, gealterten Gesichtes, die jene Tränen stürzen ließen. —

Was bedeuteten übrigens auch solche, im Bereich derBelles lettreshin- und hersausenden Giftpfeile in diesen Tagen, da Mainz mehr denn je einem aufgestörten Ameisenhaufen glich, nachdem jener General Custine, der, in Landau stehend, seine Soldaten aus purer Langeweile einmal ein wenig ins Rheingau spazierengeführt und so spazierengehenderweise Worms und Speyer eingesteckt hatte, sich mit dem berühmtenAppetit, der im Essen wächst, Mainz zu nähern begann und gewillt schien, des heiligen römischen Reiches Schlüssel seiner siegreichen Republik zu Füßen zu legen? Es mochte seinen besonderen Reiz haben, die Zurückwerfung der deutschen Armeen, die seit dem für die Koalitionstruppen so unseligen Tage von Valmy eine vollkommene war, mit der Eroberung der Stadt zu krönen, von der das renommistische Manifest des Braunschweigers ausgegangen war. Wer sich für den Geist jenes Manifestes irgendwie auch nur im entferntesten mitverantwortlich fühlte, dem schien das Heranziehen des Bürgergenerals jedenfalls außerordentlich peinlich zu sein und während wenige Meilen nördlich das Zurückwandern der geschlagenen deutschen Truppen über den Rhein begann, setzte über die Schiffsbrücke von Mainz eine sonderbare Piroutchade sich in Bewegung und auf einer unabsehbaren Kette von Wagen aller Art schaffte ein hoher Adel sich selbst und sein bewegliches Eigentum so eilfertig aus der Stadt, daß schon vor dem 10. Oktober die Mainzer Bürgerschaft ganz unter sich war. Denn auch die obere Geistlichkeit und die Emigranten waren nicht zurückgeblieben, beileibe, diese am allerwenigsten. Seine Eminenz hatte die Stadt nächtlicherweise und durchaus unauffällig verlassen, wie es hieß in einem Wagen, an dessen Schlägen die Wappenschilder in aller Eile abgekratzt worden waren, und hatte sich nach dem Eichsfeld begeben, baldigst gefolgt von Ihrer Eminenz, die indessen das Tageslicht nicht gescheut hatte und am frühen Morgen mit allem Pomp und großem Gepäck, gezogen von den vier Apfelschimmeln abgereist war. —

George stand am Morgen des nächsten Tages an der Brücke und sah dem Schauspiel der abrollenden Berlinen und Kaleschen zu, unter denen endlich das Kabriolett kam, in dem Huber mit dem Archiv seiner Gesandtschaft nach Frankfurt fuhr, — nicht aus Furcht, wie er zu versichern kaum nötig gehabt hätte, aber wegen dieser überflüssigen Königlich Sächsischen Staatspapiere, für die er nun einmal verantwortlich war. Da war er hingefahren, in unbegreiflicher Erregung bleicher aussehend, als sich mit dem Anlaß dieses Abschieds vertrug, und hatte fremd und ernst zu George hinübergegrüßt, als er ihn am Brückenkopf stehen sah. George war dann zurückgegangen, als sei der Zweck seines Ausgangs erfüllt: er hatte Huber abfahren sehen. Unerklärliche Befriedigung füllte schwankend sein Herz bis zum Rand. Gewiß, und er gab es sich zu: leichter war es zu lächeln, zulächeln auch in der Vorstellung, daß nun die deutsche literarische Welt aus jenen Bajazzo-Versen hämisch die Runen seines Schicksals zu deuten suchen würde, — leichter war es zu lächeln, wenn Huber einmal für Tage, für Wochen nicht mit am Tisch saß. Es war möglich, mit der Vorstellung zu spielen, daß die Flut politischen Geschehens ihn auf Nimmerwiedersehen entführen könnte, — kamen doch schon wenige Tage nach seiner Abreise kummervolle Briefe von ihm, des Inhaltes, daß er Befehle aus Dresden habe, den gefährdeten Boden von Mainz nicht eher wieder zu betreten, bis die alte Ordnung dort hergestellt, der Kurfürst zurückgekehrt sei.

Therese nahm das so gelassen hin, sie äußerte keine Vermutungen, keine Hoffnungen für die Zukunft, — Therese war blaß, aber heiter, von einer Fassung, der er demütig begegnete. Sie folgte der Entwicklung seiner Pläne mit Aufmerksamkeit und nur mit geringen Einwänden, — gewiß, es war kein übles Projekt, baldmöglichst nach Paris überzusiedeln und dort zunächst als freierhomme de lettres, später im Dienst der freiheitlichen Regierung zu leben. Sie hatte alle Auffassung dafür, daß es nun an der Zeit sei, mit einer langsam gereiften freiheitlichen Anschauung Ernst zu machen, daß es unmöglich sein würde, der alten Mainzer Regierung, die sich so verächtlich gemacht hatte, weiter zu dienen, — falls sie denn wieder ans Ruder kommen sollte. Aber der Hausstand hatte sich so vergrößert in den letzten Jahren, — wie dachte er es sich denn mit dieser Menge beweglichen Eigentums? Die Möbel sollten wieder verkauft werden? Nun ja, —ihrHerz hing nicht an Gegenständen. Immerhin möge er bedenken, daß in irregulären Zeiten die Konjunktur für derartige Verkäufe keine günstige sei. Es war Abend und sie saßen zusammen auf dem grünen Kanapee, Therese untätig in einer Sofaecke lehnend und ihr Armband am linken Handgelenk unablässig hin- und herschiebend. Ihr Blick, nur zuweilen mit scheinbarer Sammlung in seinen Augen ruhend, durchforschte unruhig die Dämmerung der unbeleuchteten Zimmertiefe und hing dann wieder wie plötzlich gebannt in nächster Nähe, an einer Fehlstelle in der Politur des Tisches, die sie spielend berührte, — an einem kleinen braunen Fleck ihres Unterarms.

„George, —“ fragte sie plötzlich, als er schon seit einer Weile von einer Bibliotheksangelegenheit sprach, — „könntest du denn daran denken, zu den Franzosen überzugehen?“

Sie sah ihn von der Seite an, — fast lauernd. Er nahm den Anlaß wahr und holte sehr weit aus. Er sei in Polnisch-Preußen geboren, habe diesen Boden verlassen, noch ehe er wieder in preußische Hände übergegangen sei, und hätte alsdann von seinem elften Jahre an nacheinander, — er zählte es an den Fingern her, — der russischen, englischen, hessen-casselschen, polnischen und nun endlich der kurfürstlich-mainzischen Regierung gedient. Hätte als Gelehrter das ungeheure russische Reich, fast alle Länder Europas und die halbe Erde bereist … Hier flocht Therese ein: „Zwischen deinem elften und zwanzigsten Jahr, — ach, Georgie, du Gelehrter!“ lachte ein kleines, gurrendes Lachen und streichelte spielend seine Rechte. Jawohl, fuhr er mit ernsthaftem Eifer fort, er habe eben auf diese Weise, wenn nicht die ganze Erde, so doch Europa als sein Vaterland betrachten gelernt und die Menschheit als sein Volk, sei zudem nie einer Kirche hörig gewesen, sondern von frühester Jugend an durchdrungen und geleitet von der königlichen Kunst, mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes und mit dem Zirkel der Pflicht in der erdumfassenden Vereinigung aller Guten zum Guten zu wirken, deren Ziele nie andere gewesen wären, als die, die nun auf den Fahnen der glücklichen Neufranken stünden …

„Mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes, mit dem Zirkel der Pflicht …“ wiederholte er sich lächelnd die alten wohlgefälligen Symbole. Therese, die übrigens keineswegs zugehört hatte, obgleich sie mit dem Ausdruck des Lauschens dagesessen hatte, aber dem eines angestrengten Lauschens über seine Ausführungen hinweg, zuckte plötzlich auf, sagte: „Horch!“ und „Also doch!“ sank aber gleich wieder in Gleichgültigkeit zurück, denn das war Sömmerrings Stimme, die jetzt nach dem Geräusch der sich schließenden Haustüre unten im Flur hörbar ward, und Sömmerrings schwerer Schritt, der da die Treppe hinauf kam.

„Sömmerring“, murmelte George, nach der Tür blickend, von einer unerklärlichen Unruhe überschauert, und dachte dabei, diese Tage seien geeignet, einen zum Geisterseher zu machen, immer dächte man, es stünde ein Schicksalsbote draußen oder auch — Huber.

„Da wären wir!“ sagte Sömmerring ein wenig schnaufend, wie er nun im Türrahmen stand, schwarz sich abhebend gegen das Licht des Lämpchens draußen auf dem Flur, „und da bringe ich die wandelnde Hieroglyphe.“ Vollends eintretend ließ er einen hohen, schmalenSchatten hinter sich ins Zimmer gleiten und, — „ja, ich wußte es!“ dachte George, — dies war Huber! Huber, der zögernd in den Lichtkreis des Armleuchters trat, mit hängenden Schultern, den dunklen Blick aus fast weißem Antlitz auf Therese geheftet, die ihn ansah, ja, die ihn ansah und lächelte, George wußte es, — Huber, der nun murmelte: „Ja, — hier bin ich wieder. Ich dachte, ihr könntet meiner bedürfen. Es braucht ja keiner zu wissen. Wem sollte es auffallen? Ich will ein paar Tage verweilen, die Ereignisse abwarten …“

War es möglich, alle diese Dinge zu sagen, als seien sie Zärtlichkeiten? Sömmerring, in seinen gewohnten Armstuhl niedergelassen, sagte mürrisch, indem er seine großen Hände ineinanderrieb: „Was ist da viel abzuwarten? Morgen oder übermorgen sind sie da.“

Huber war in das Dämmer zurückgewichen und lehnte irgendwo an der Wand. Er lachte nervös.

„Fama geht in vieler Gestalt um. Gestern ein Weisenauer Marktweib, heute ein betrunkener Weilheimer Husar. Und der Stephanstürmer stößt ins Horn, die Alarmschüsse knallen, Kriegsrat wird abgehalten und wer ein schlechtes Gewissen gegen die unterdrückte Majestät des Volkes hat, läuft, was er laufen kann. Und Custine ist längst wieder in Landau.“

„Die Stadt ist entvölkert,“ sagte Sömmerring düster, „da!“ Er hob den Finger. Unaufhörliches Wagenrollen kam fernher durch die Nacht.

„Ah bah, — der Adel geht auf Reisen und die Emigranten suchen andere Weideplätze.“ George erhob sich und begann ungeduldig auf und ab zu gehen. „Custine ist nicht wieder in Landau! Warum sollte er auch?“

„Hoffst du, daß er nicht wieder in Landau ist?“ Therese saß, das Kinn in die Hand gestützt, und zog die Augenbrauen hoch.

„Ich hoffe gar nichts. Ich vertraue der Stoßkraft dieser Idee …“

„Welcher Idee?“

„Wie kann man fragen? Der Idee der Freiheit!“

„Esterhazys Armee soll in der Bergstraße stehen,“ sagte Huber sanft, „dies dürfte die Stoßkraft dämpfen.“

„So? Und wenn die Sansculotten morgen vor unsern Toren stehn? Was nützen uns da die Esterhazys in der Bergstraße? Sollen uns unsere dreihundert Mainzer und Weilburger Kerls verteidigen? O Gott, o Gott! O Gott, o Gott! Eine Festung wie Mainz und beisolchen Zeitläuften von Truppen evacuiert! Ist es zu glauben?“ Sömmerring rang buchstäblich die Hände.

„Frankfurt schickt Sukkurs.“

„Wie unterrichtet Sie sind! Dann lassen Sie sich nur sagen und erzählen Sie es den Frankfurtern, daß man hier nicht an Verteidigung denkt, gar nicht daran denkt! Eikmeyer ist imstande und geht Custine mit den Schlüsseln der Festung nach Weisenau entgegen und die Intelligenz der Stadt schreit:Vive la nation!“

„Nun, nun, mein Alter! Und du schreist nicht mit?“

„Oh, hier ist nichts zu scherzen! Ich wünsche meinen Hausstand nicht während eines Erdbebens zu begründen. Und du bist von Demagogen verführt und hast das Gefühl für Maß und Bürgerwürde eingebüßt, — laß dir es sagen, Freund!“

Sömmerring stand im Begriffe, sich zu verheiraten. George nickte ihm mit schwermütiger Freundlichkeit zu. Seine Hand spielte mit dem kleinenglobus terraeaus Kristall, den er wie auch Sömmerring an der Uhrkette trugen, einem rosenkreuzerischen Abzeichen aus der Casseler Zeit. Er zitierte träumerisch die alte Formel: „‚Wenn die Hauptzahl erfüllt sein wird, so wird der Größte der Kleinste und der Herr der Diener seines Dieners und der Knecht seines Knechtes sein … Die Sünden der Profanen werden vor den Augen des Jehova die Wagschale überwerfen und ihr Maß wird voll sein … Ein Hirt und ein Schafstall, ein Herr und ein Knecht — und die Weisen werden gehen auf Rosen aus Eden,‘ — oh, Bruder, war das nicht aufdieseZeit gesagt?“

„Willst du nicht auch wieder anfangen, Tote zu beschwören und den Sternen zu gebieten, ihren Ort zu wechseln? Still, ich will nicht erinnert werden. Der Teufel versucht dich, laß dich warnen und weck den Schwärmer Amadeus nicht auf!“

Forster lächelte wehmütig.

„Fürchte nichts!“ sagte er. „Amadeus ist tot.“

„Hätte ich wieder einen Sohn,“ sagte Therese leise, „er sollte Amadeus heißen, — oderAimé, — Geliebter!“

Das Wort zog bunte Kreise durch den Raum. Die drei Männer lächelten. Therese blickte unbefangen auf, fand Hubers Augen mit einem leidenschaftlichen Triumphieren auf sich ruhn, lächelte verwirrt und sah auf ihre Hände. — — —

Den Prophezeiungen eines veritablenchargé d’affaireszum Trotz hatte die Idee der Freiheit in der Gestalt des Bürgergenerals Adam Philippe de Custine ihre Macht bewiesen und war am 21. Oktober ganz ohne besonderer Stoßkraft zu bedürfen, in einem Tressenrock aus Scharlachtuch, einen gewaltigen Federhut auf demà la chienfrisierten Haupte mit großem Gefolge in Mainz eingezogen. „So sieht er aus, der Wüterich, —mon dieu!“ sagte die kleine Forkel ganz enttäuscht, neben Therese und Karoline in einem Fenster der Bibliothek an der Großen Bleiche lehnend, — „ein Mann mit Haar am Mund, —fi doncund Philipopel!“ Ein stumpfnasiger, ein undämonischer Mann, fand Therese, der wie im Traum zum Ruf eines Attila gekommen sein müsse; er gliche einem gutmütigen Schlächterhund, der allzu reichlich von fettem Abfall lebte.

„Meine Lieben,“ sagte Karoline erheitert, „ich staune über eureespérancen! Seid ihr vielleicht auch enttäuscht über das ausgefallene Bombardement? Lise soll ja gesagt haben: beigewohnt haben möchte ich dem doch einmal, — und so mag wohl auch der neugierige Goethe gedacht haben, als er bei Valmy in den Kugelregen ritt!“

„Ich habe gar nichts erwartet“, sagte Therese hochmütig und zog sich vom Fenster zurück. „Ein Edelmann, der sich dieser Zeit fügt, taugt nichts, — da waren die Emigranten mir lieber!“

„Potztausend!“ Dora Forkel war pikiert. „Und Sie weinten doch vor Entzücken beim Anblick der erstencocardes tricoloresin der Schustergasse, — wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, meine Teure.“

„Und ich werde immer weinen, wo ich sie erblicke als Abzeichen einer großen Gesinnung, einer freiheitsgläubigen Seele … Wir wollen gehen, George, — wir wollen ins Lager gehen und die echten Söhne Frankreichs und der Freiheit begrüßen. Dies ist kein führender, — dies ist eingeschobenerMann!“

Sie lachte schrill. George bot ihr stumm den Arm.

Das Herz voll aufjubelnder Erinnerung an das Volk, das er vor zwei Jahren auf denChamps d’Elyséesein großes Bruderfest hatte zurüsten sehen, ja, möglicherweise in dem Gefühl, hier handele es sich um eine Fortsetzung jenes Festes, in das nun auch er und was um ihn war, einbegriffen sei, — sie waren in größerer Gesellschaft dem Zuge der vors Tor hinausströmenden Bürger gefolgt, — in diesernicht gewöhnlichen Stimmung also, einem Rausch der Menschenliebe, des Freiheitsfrühlings, — konnte sich George nicht enthalten, einem der ersten Söhne der Freiheit, die ihm in den Weg kamen, unter Schwenkung des Hutes ein aufrichtiges: „Vive la république!“ zuzurufen. Der Soldat, ein langer brauner Kerl, auf seine Flinte gelehnt und die Vorübertreibenden nicht eben freundlich musternd, spuckte aus, strich sich den Schnauzbart und rief herzlich: „Sacré! Elle vivra bien sans vous!“ worauf er sich abwandte. In der sonderbaren, ahnungsvollen Bewegtheit seines Gemütes ging das Wort George tagelang nach.Elle vivra bien sans vous!Oh, dies war eine Warnung des Schicksals! Nein, er würde nicht dem Klub, der Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit beitreten, die sich schon am ersten Tage nach dem Einzug der Franzosen um einige allgemein bekannte Revolutionsschwärmer zu kristallisieren begann, um den Dr. Metternich etwa und den Professor Blau, einen der lebenslustigen Priester, denen das Beispiel des Kollegen Dorsch in die Augen stach, der vor einem Jahr in das freiheitliche Straßburg übergesiedelt war und dort die ihm nachfolgende Demoiselle Strohmeier, zu der er allgemein bekannte, anstößige Beziehungen unterhalten hatte, nunmehr ehelichte. Der Kollege Dorsch übrigens kam, noch ehe der Oktober um war, wieder in Mainz an und brachte die geehelichte Strohmeiern mit, desgleichen kam der Professor Böhmer angereist, ebenfalls aus Straßburg und nicht eben zum Entzücken seiner Schwägerin Karoline. Niemand wußte recht, hatte Custine diese Herren wirklich herbeigerufen, wie sie in Umlauf zu setzen nicht unterließen, oder waren sie seinen Spuren gefolgt, kleine Schakale der Fährte des Löwen? Nun, jedenfalls, sie wußten ihrairzu behaupten, waren nicht mehr Dilettanten der Sache der Freiheit gegenüber, sondern verstanden es von Grund aus, eine larmoyante und träge deutsche Bürgerschaft, die am Ende gar noch mit ihrem Despoten zufrieden gewesen war, zu elektrisieren. Dergleichen Leute also, wie jener Metternich, wie der dicke Blau mit Dorsch und Böhmer, zu denen sich etwa noch der Historiker Hofmann und Wedekind gesellten, bildeten den Kern der Mainzer Jakobinergesellschaft, — und, wie gesagt, — George verzichtete. Nicht allein, weil Marianne in Gestalt jenes Getreuen ihm einen Korb gegeben habe, sagte er lachend zu Therese und Karoline. Sei nicht der erste Korb einer Spröden immer mit den Blumen der Hoffnung gefüllt? Nein, — er verzog das Gesicht und schob die Schultern hinund her, — diese Gesellschaft war nicht sein Geschmack. Sie gebärdete sich allzu sehr wie eine Schulklasse, die der Lehrer verlassen hat. Sie war nicht durchpulst von dem ursprünglichen heißen Quell der Empörung. Sie gefiel sich in einer äffischen Nachahmung von Paris, war tollgewordnes Spießbürgertum. Huber, der ihn aufmerksam ansah, meinte zögernd, als taste er im Dunkeln nach der Klinke einer verschlossenen Tür, ob es denn nicht vielleicht gerade aus diesen Gründen die Pflicht eines Mannes von wahrem Weltbürgersinn sei, die große Sache auf deutschem Boden würdig zu vertreten? Dies sagte Huber, indem er nun nicht mehr George, sondern Therese ansah und Therese, den Blick unsicher und fragend erwidernd, nickte plötzlich mit Heftigkeit Beifall: „Freilich, George, — hier kommt es auf den Standpunkt an.“


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