Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton behauptete, eine undurchlässige Fettschicht gewachsen war und sie Tran abzusondern begannen, — als sie gleichgültig gegen die Kälte wurden und den Schmutz nicht mehr empfanden, — gut, — als sie anfingen sich wohl zu fühlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut verrecken, warum auch nicht, — und in der Tat, unten im Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei lebendigem Leibe, — da plötzlich, — in diesem Augenblick dumpfer Ergebung erlebten sie es, daß Gott gnädig war, — ja, Gott war gnädig, oder war es eigentlich Kapitän Cook? Er rief sie zusammen, und nach einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Für und Wider der Möglichkeit, Land zu entdecken, peinlich erörtert wurde, — Erörterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz überheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaßungen erwies, — beschloß man mit freudiger Einhelligkeit, für dieses Mal von der Sache abzulassen und den Kurs nordöstlich zu nehmen! Und das Meer öffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine verschwanden böse kroaxend im Nebel … wozu aber von den einzelnen Graden der Entzückung reden? Genüge es doch: manwarentzückt, man lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. März hörte George einen jungen, irischenMatrosen bei der Arbeit singen, — er verstand kein Wort, aber er fühlte etwas seine Kehle beengen und ließ zwei Tränen über Bord fallen, von denen er meinte, sie müßten heiß genug gewesen sein, um die letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte gemacht, — an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und „Land! Land!“ hieß es, — ja, „Land! Land!“ wie in alten Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, daß Herr Forster Mr. Hodges in die Arme schloß, denn sie waren alle sehr glücklich.
Die Männer, die da am 26. März 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie kamen aus Europa, — dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, — verstehen wir es ganz, — aus einem gemäßigten Klima, nicht nur im geographischen Sinn. Sie waren über das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrücke zu beherrschen, einzuordnen, waren kaltblütig, gelassen, Diener einer jungfräulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle Nebel blöder Ignoranz und schnöden Aberglaubens zu zerteilen, einer Göttin überdies, in deren Umgang man vor Rückfällen ins Barbarentum gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Kühle und Klarheit des vollendeten Frühlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener Bläue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blühens, — dies war die Atmosphäre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltesNil admirarientsprach. Nein, sie waren nicht gewärtig erstaunlicher Dinge, was immer sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie würden diese neue Welt und ihr ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrübten Blicken aufnehmen und einordnen, in Systeme einfügen oder für Unvorhergesehenes neue Systeme schaffen. Gerüstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken, geschmeidigen Instrument, zu bewältigen, gab es im Grunde nichts Unvorhergesehenes für sie. Dennoch wurden sie überwältigt, — dennoch, — ja, wer hätte es vermutet?
Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte, die zum erstenmal in die Südsee einfuhren, als die Felsenufer von Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs weiter nordöstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterungfür die Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, — es war kaum der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber genügend, um auf diesem gesammelten Gesicht wie ein Lächeln zu wirken, — dies alles beim Zusammensein während des Essens oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn der eine oder der andere Äußerungen eines rätselhaften Behagens tat, das ihn urplötzlich überkommen hatte, — o, durchaus nicht einzig als Folge des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserfälle, in dessen feuchten Urwäldern voller Schlinggewächse und Farnkräuter man sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem stehenden Gesang der Sturzbäche und unzähliger Drosseln, — nicht allein neu belebt durch die veränderte Nahrung aus wildem, grünem Gemüse und frischen Fischen und Wasservögeln, von denen die Buchten gewimmelt hatten, — durch die Abwechslung köstlich erregender Jagdausflüge und ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das erwachte, unter dem beständigen zärtlichen Fächeln des Südostpassats, vielleicht auch nur eine gewisse Einschläferung unter demselben warmen, holden Blasen, das mit süßem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in Träumereien über das ewige Rom, denen niemand recht zuhörte, denn jeder war in seiner Art geschwätzig geworden und der Mannschaft hatte sich eine geschäftige Aufregung bemächtigt, die sie ganz ohne Branntwein in bester Stimmung erhielt, — waren doch einige unter ihnen, die schon Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wußten, was sich von O’Tahiti erwarten ließ, — nun, und die nicht darüber geschwiegen hatten. Der irische Leichtmatrose, — er hieß Larry, — sang und pfiff den ganzen Tag und immer diese „Rakes of Mallow“; George, bei dem sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines Tages etwas Ähnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nähe Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken breiten Zähne zeigte. Die Sache war die, daß zwischen George und Larry ein unbeschworenes Bündnis bestand, eine Art Anlächelverhältnis auf Gegenseitigkeit, ein stummes Einverständnis, begründet von Larrys Seite auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschäftigungen des Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys eisernen Muskeln,die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt hatte, als er sich den Fuß verstaucht und der brave Bursche außer allerhand Gerät, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fühlte er hier ein körperliches Vertrauen, eine uneingestandene heiße Dankbarkeit, — ja, Larry hatte für ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kümmerte („Nimm dich ein wenig zusammen!“ hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald so entsetzlich naß, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter, — Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermüdlich in die Glut blasend und mit geröteten, rauchgebeizten Augen vergnügt blinzelnd, — Larry, eine vorzügliche Löffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spieß drehend, — Larry, des Nachts unter dem notdürftig schützenden Zeltdach geruhig schlummernd wie in der Mutter Schoß, während George, unmäßig erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, kühl durchschauert vom Nachtwind, namenlos bedrückt durch das unaufhörliche Rauschen der Gewässer, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen gedrängt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und tröstlich, war so beruhigend durchwärmt wie ein großer, zottiger Hund …
So war Larry. Er hatte keine Auffassung für empfindsame Sonnenuntergänge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach Westen wies, während Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die Arme verschränkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken Augäpfeln spiegelnd, — als George verwirrt lächelnd unwillkürlich die Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im Rhythmus großer Gesänge, — mein Gott, wie ward ihm nur diesem aufgerissenen Himmel gegenüber, aus dem Purpur und Safran quoll und in den das Meer feierlich einströmte, das Schiff erklingend mit sich ziehend, — und da löste sich von der Topmastspitze ein schimmernder Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte, spiegelnde Dünung fast streifend, langschwänzig, edelsteinglühend, —well, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zähne. —
Am nächsten Morgen lag O’Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg, gekrönt von schaumigem Rosengewölk, einen sanften Strand voll winkender Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. —
Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, — immerhin, man bewahrte Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkürlich, daß man einen Leibrock trug, eine Schoßweste und tuchene Hosen, lange Strümpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, daß man bekleidet war, daß man das Haar in strammer Tracht gebändigt hielt, daß man es gewohnt war, auf Stühlen zu sitzen, sich beim Essen der Teller und der Bestecke zu bedienen, — daß man eine christliche Moral und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese Wilden zu bemitleiden und zu belächeln, — daß — kurzum, kurzum, — man sein Europäertum besaß, diesen Schatz und Schutz, und es nicht nötig hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenähnliche Tiere von bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und unterwegs erblüht und gereift, eine Versuchung, dies alles übellaunig zu verachten, zu verachten, weiß Gott, dies, daß man auf Stühlen saß und mit Gabeln aß, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoßen. Sie hatten irgendwelche Bücher gelesen, — Cook nicht, der natürlich nicht, aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schöngeist war, soweit die Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu ließ, Forster, selbstverständlich, und sogar George, — Bücher eines Franzosen, jenes Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die ihnen den Blick geklärt hatte für die Windigkeit dieser ganzen sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schöpften, sympathisch über die einfachen Zustände dieser Völker zu philosophieren, — ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man selbstverständlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich jener sanften Gehirne und verlockenden Körper allzu unbedenklich zu bedienen, hatte eine gewisse wehmütige Achtung vor ihnen, empfand einen Abstand, als von Brüdern, die am Sündenfall nicht teilgehabt hatten …
Wie sie da an Bord gekommen waren, täppisch-zutraulich, gleich arglosen jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezauberndenSpiel der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglänzenden Haut, Augen und Nüstern in ständiger witternder Bewegung! „Tayo!“ sagten sie lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, „Willkommen!“ und sie bewegten einen Pisangschoß als grünen Friedenswimpel. Es war nahezu empörend, daß der Kapitän angesichts von so viel harmlosem Vertrauen kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu halten! Indessen erlebte es sich, daß, während Herr Forster zum Beispiel eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnüsse handelte und ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen ließ, daß ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran ging, ihm von hinten die blanken Knöpfe über den Rockschößen behutsam abzusägen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus Feuerstein! O gewiß, er hatte dem königlichen Fremden nicht weh tun wollen, der königliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen, gleich ihnen selbst unbewußt gereiften köstlichen kleinen Früchten hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken Korallchen von dem Rücken des Fremden … Jedoch nun gab es ein zorniges Gebrüll und Herumfahren und etwas wie die Gebärde einer Ohrfeige ins Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses bestand für Herrn Forster in dem Entschluß, nicht mehr ohne sein Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich, ganze Bootslasten voll köstlicher Früchte an Bord gebracht hatte, darunter eine safttriefende Apfelart von ananasähnlichem Geschmack, — das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stünde zu allgemeinster Besitzergreifung frei, und daß das meiste auch wert sei, mitgenommen zu werden. Als der Kapitän nach Sonnenuntergang einige blinde Schüsse abfeuern ließ und damit das Verdeck in kürzester Frist von den anhänglichen Gästen gesäubert hatte, da hatten auch die gefühlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maßregel einzuwenden. George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen den Riffen hindurchkreuzten, lärmend und glückselig ihrem Eiland zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem türkisblauen, grün und golden getönten Himmel lag. Düfte wehten von dort herüber, und eine wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch, so daß er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schüttelte, nur um diesen bezaubernden körperlichenDrang zugleich zu genießen und sich seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen Äpfeln und Bananen wurden zusammengefegt, und den bloßbeinigen Kerlen lief der Saft vom Munde, während doch allgemeine zornige Erregung darüber herrschte, daß die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lüstern wie die Raubtiere geworden, ihre Zähne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzählen müssen, die so zarten rosigen Speck hätten und deren Schinken auf der Zunge zerschmölzen wie junge Grasbutter und schmeckten, — nun, etwa nach Haselnuß. Es erübrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, — kurz und gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloßen Anblick der Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, — was denn sonst? Er stierte gefährlich landeinwärts, er murrte, — die ganze Nacht über war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem Schwärmen und Cook, der die zweite Wache selbst übernommen hatte, kniff die Lippen schmäler zusammen als je. Jedoch geschah es, daß George, als er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach lag, ihn flöten hörte, — es hätte vielleicht niemand außer ihm vermutet, daß dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig verschleierten Sternen der Südsee so süß und glasklar sang, wie daheim eine Grasmücke im Gesträuch, — aber er kannte es, er hatte es zuweilen, — abgerissen, — gehört, als eine Lebensäußerung des Gestrengen, die niemand zu beachten pflegte, — und jetzt lag er, hingegeben an die großen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag und spürte etwas Fremdes, Beglückendes in der Luft, meinte ein Rauschen zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getön, — lag und lächelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte, erlangte sie von König Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen blendend weißen Schurz, sonst war er nackt und rührend in irgendetwas, durch eine sanfte Schönheit, vielleicht dadurch, daß seine Haut heller war, als die seiner Untertanen, daß sein langes Haar nicht gekräuselt, sondernschlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, — ja, er rührte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so offensichtlich fürchtete, nicht nur vor den Europäern mit ihren schwarzen Lederfüßen und dicken Tuchröcken, mit ihren rötlichen Gesichtern und harten hellen Augen, — nein, er fürchtete sich entschieden auch vor den nackten fetten braunen Männern seiner Umgebung, die doch so demütig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart entblößten … König Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die „Resolution“ liegen sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen sprühende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab. Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert und Seine Majestät gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen Kaninchens der Beschäftigung hin, Gestrüpp in kleine Stücke zu zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; König Aheatua horchte entzückt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum Mißvergnügen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte, den begehrten Gegenstand unter der königlichen Basis hervorzuzupfen (— er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb über die Finger —), und lauschte hingerissen, die Augen schließend und den Oberkörper hin- und herwiegend. Der Dr. Sparrmann fühlte sich bewogen, einen nachdenklichen Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so düsteren Umständen verstorbenen Gemahl der großen Katharina, dem Großfürsten Peter, zu ziehen, — hatte jener nicht ähnliche Liebhabereien gehabt und einem Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anlaß zu einem äußerst angeregten Disput darüber, was einem Barbarenfürstennocherlaubt sei und einem europäischen Herrschernicht mehr, — und somit war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun für sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen Insel, — die Herren Gelehrten von ihren höchst geistreich zugespitzten Beobachtungen und die Matrosen, — nun, ohne Zweifel von der Aussicht auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren undwer jener rätselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja,Peppehatte es dem Könige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe war sehr mächtig, hatte ein ebenso großes, ein ebenso wildes Schiff wie Captain Cook, — nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies Schiff, und … Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein zottiges, tierisches Geschöpf, das demütig herbeikroch, als es die Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel zurückgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor Jahresfrist in diesen Gewässern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst schien nicht imstande, Auskunft über sich zu erteilen, war aber außerordentlich bereit, den Fremdenführer für die Matrosen zu machen, und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine Weile gezaudert hatte, — hin ging er mit zur Schau getragener Gleichgültigkeit im Schlenderschritt, die Hände in den Gurt geschoben, auf den Lippen die ewigen „Rakes of Mallow“, und sandte noch einen schiefen Blick zurück zu George, indem er das rechte Auge zukniff. Hierauf warf er plötzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also hin, — und George brauchte sich keinen Grübeleien darüber hinzugeben, wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug berührt worden: sie gingen zu Mädchen, Tänzerinnen etwa, um sich zu belustigen. Dies, — so hatte George aus den Gesprächen der Herren entnommen, — war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen könnte, Larry zu begleiten, und in der Unlösbarkeit dieser Frage lag eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit. Schließlich, — er gehörte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den übrigen Herren, — und diese, — dachten sie auch wohl im entferntesten daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, übertrumpften sich mit Schlagworten, waren witzig, lärmend, ausgelassen, strotzend von Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern überfüllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie leidenschaftlich üppig ausgeprägt,aufgetan und von Frucht und Samen überquellend waren, von den Farben der Blüten, des Himmels, des Meeres und der Wälder, dem innersten Blute der Erde unter dünner bebender Decke scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten ruhigen Majestät ihrer unablässigen Fruchtbarkeit und zog ihr heißes Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Hütte saß und an einer Matte flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen den feuerroten Blumen an ihren Schläfen lächelnd zu den Fremden aufgeschlagen, — er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen glücklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem Maßstab suchend, nach einer Möglichkeit, sich diesem allen anzupassen … Anders Herr Forster. Er war lärmend glücklich. Alle paar Schritte blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht länger bemeistern konnte. Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen ließ! Hier Mensch zu sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Hütte am Boden saß, und als Mittelpunkt einen großen Mann hatte, der wie eine sanfte Hügellandschaft gediegener Fleischmassen voller Fetthöcker, Wülste und Grübchen auf einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gestützt und schläfrig in das Blätterdach der Pisangs blinzelnd, während eine größtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschäftigt war, ihm mit Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Kühlung zuzufächeln, ihm die Fußsohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein breites Maul zu schieben, an der er lange und träge kaute, bisweilen auch in dieser Beschäftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar geschoben und er bettete seine schwammigen Hände, an denen ungemein lange gebogene Nägel glänzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf seinen Magen. Lange Nägel, bemerkte Cook im Weitergehen, gälten hier als ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit langen Nägeln schmückt, besitzt Hände, die für sie arbeiten … Ein neuer Anlaß, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und hiesigen Verhältnissen zu ziehen, ein Gespräch, an dem Herr Forster sich lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rücken haltend und EuropensVergeistigung preisend. Indessen, plötzlich brach es aus ihm hervor, er legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht ohne Treuherzigkeit aus: „Meine Freunde, — etwas, — etwas hat es doch für sich!“ Setzte aber gleich darauf abschwächend mit leichter Beschämung hinzu: „Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so gleichsam ins Maul wächst?“ Eine Frage, die nur der sanftmütige Hodges mit schwimmenden Augen rückhaltlos bejahte. —
„Sieh, mein Sohn, dies ist’s, was mir lebenslänglich gefehlt hat!“ bekannte Herr Forster George einen Abend später, als sie in der Matavi-Bucht Groß-Tahiti gegenüber vor Anker lagen, von einem unüberwindlichen Drang nach Mitteilung übermocht. Die Nacht war unfaßbar schön, bläulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetön, fremdartig, schrill und eintönig, und wiederum heimatlich vertraut, vom Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herüber, — George lauschte bestürzt und Mareiken, die Magd, stand plötzlich vor seiner Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu — langgezogen, klagend — „Anke von Tharau ist’s, dir mir gefällt …“
Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts Wunderbares, — nur, daß er für gewöhnlich nicht sang …
„Was mir lebenslänglich gefehlt hat,“ fuhr der Vater fort, und es war ein Schwanken in seiner Stimme, daß George aufhorchte und versuchte, in dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, — er nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, — „dies, teurer George, war der natürliche Überfluß der Erde. Denn siehst du, ich bin eine armselige Kreatur, laß es mich nur aussprechen, denn ich bin mir dessen wohl bewußt, — eine armselige, eine Kreatur, die viel für ihres Leibes Notdurft braucht.“ Herr Forster schnaufte ein wenig und griff nach einer Banane, — eine Riesentraube lag neben ihnen auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.
„Es ist mir,“ fuhr er bekümmert fort, während er der Frucht behend ihren weichen duftenden Pelz abstreifte, „es ist mir immer unmöglich gewesen, geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Daß ich mich aber immer so plagen mußte, um satt zu werden, siehst du,George, — das hat mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, — aufgerieben, aufgerieben, — wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun hier, mein Sohn, — ach ja!“ Er legte eine schwere heiße Hand auf Georges Schulter und nickte nachdrücklich. „Hier sollten deine Mutter und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine geräumige Hütte bewohnen, uns von Früchten, Fischfang und Jagd ernähren und ihr solltet sehen, was ihr für einen Vater hättet, wenn selbiger sich nicht mehr um das tägliche Brot die Hände schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, — schwielig!“ fügte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend und auch George seinen Betrachtungen überlassend, Betrachtungen, die darin mündeten, daß er sich nach Europa, nach einer volkreichen, wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, — nach Büchern, Gemälden, ja, selbst nach Kuriositätensammlungen und Kaufläden, fast sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-süßlichen Geruch der Tuchballen, — dies alles trotz oder gerade wegen der Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Königs Minos erschien, — welche Vorstellung sich ohnehin längst abgenützt hatte, — als unter dem jenes überfütterten Insulaners im Bananenschatten. Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung als schief erkannte, sie bekämpfte und verwarf, — denn, wer konnte und wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher, scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glück, ihm zu dienen?
Und am Ende, — aber dies fragte sich der kleine George nicht buchstäblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen philosophischen Meditationen hingab, — dies fühlte er nur dunkel, wie man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders möglich zu leben, als im Dienen? — — —
Die Europasehnsucht, dies während einer verzauberten Südseenacht befremdende Heimweh nach einem mißvergnügten Himmel, war am andern Morgen verschwunden, und die nächsten Wochen, ja Monate ließen es nicht wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genuß, sondern zur Arbeit hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, — Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrühe, — so ging man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunächstanzügliche Gesichter und Bemerkungen, höhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen, mißvergnügt wackelnde Häupter, bezeichnend gezuckte Achseln, — war nicht bisher alles mit Muße vor sich gegangen? — jedoch umsonst. Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflüge an Land nahmen den Charakter von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren Feldzügen gegen die selige Unbewußtheit der Inseln, mit so viel Werkzeug und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit Untersuchungen, Messungen, Zählungen, ihre Berge wurden erklettert, auf ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden vulkanischen Klüften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wißbegierig wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine Erdfalte blieb undurchspäht, kein Kräutlein, das sich fernerhin heiter der Einordnung in das System des großen Linné entzogen, keine Fliege, die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut hätte, — sie alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgenügsamen Unerkanntsein in das schattenlose Licht europäischer Magistergehirne hinüberzugehen und dort fortan über ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein zweites, ein zweifellos höheres im Reich des Geistes, das Dasein einer verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend möglich doppelten, lateinischen Namen, zu führen. Indessen blühte, duftete, tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brütete das Leben unter tahitianischer Sonne fort, unbekümmert wie seit seinem Schöpfungstag, unmerklich und lächelnd entwand sich hier wie überall die Natur den Händen ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins, blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.
Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fühlte. „Die Namen, George,“ sagte er einmal schwerfällig, den Blick in eine frisch gepflückte Blume versenkt, „die Namen betrügen uns um die Dinge. Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, Namen zu verleihen, anstatt jedes Geschöpf demütig um seinen Namen zu befragen?“ Und da George ihn nicht ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: „Nun ja, nun ja … Ich zum Beispiel wollte manchmal, ich hätte keinen Namen. Ich bin nun einmal der Herr Forster, und muß der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin?Im Grunde heiße ich vielleicht ganz anders, — nur, daß ich selbst es auch vergessen habe …“
Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der Vater mürrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen Erwägungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglücklich, da er nicht begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein er bestimmt war, an diesem Brocken ungeläuterter Erkenntnis stundenlang mühsam herumarbeiten mußte, bis er schließlich hoffnungslos davon abließ. Wo blieb das königliche Vorrecht des Menschen vor aller andern Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? —
Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht völlig wiedergewonnen, er fühlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrücke der ersten Tage glätteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch füllte sich mit exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen, malerischen Punkten, — auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermüde hinwies, — oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die Schwester König O-Tu’s von Groß-Tahiti, aus Anlaß des Besuches der hohen Fremden zur Nasenflöte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein überaus ansehnliches Stück Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulöser Schlankheit, während die meisten Frauenzimmer klein und fett waren. Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorführungen ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, daß es der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter der Brust ansetzte, mit den weißen Lilienblüten des Huddu-Baumes in den Ohrläppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, — die Arme hielt sie während des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschränkt und die tätowierten Linien um Brüste und Schultern bewegten sich schlängelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, — sonderbar aufregend auf die Männer aus Europa. Auch George war außerordentlich beklommen. Er war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, daß die Prinzessin wahrhaft königliche Würde besitze, fühlte aberselbst, daß dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf träumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so daß er sich beim Erwachen besinnen mußte, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblümten Seidenkleid mit dem bloßen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe an jene sanft drängende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte. Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spirituspräparate, da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener, mit dem Hodges gelegentlich schwärmte und der jetzt ganz prall und glau vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und während George so an Bord beschäftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anlaß, sich an Land rudern zu lassen und dort stundenlang zu verweilen, — ebenso wie die anderen Herren übrigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajüte arbeitete. So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George schöpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er nicht immer wie ein Sendling der Götter heim, mit Ausbeute beladen, beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesättigt und fast ein wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu verstehen, warum der Kapitän dem Vater gegenüber immer noch sein steifes Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur groß und schön und stark und prächtig war, sondern jetzt auch so arbeitswütig wie ein Bauer in der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und außerdem tagaus tagein in der entzückendsten guten Laune, die Gesellschaft mit Späßen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung seines ihm selbst wohlgefälligen Wesens unterhaltend. George war ein wenig bekümmert über diesen ständigen Gegensatz, wie konnte man dem Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch mit strahlenden Augen an ihm und ließ den Blick beseligt zu Cook hinüberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja,diesist er eigentlich! Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war unzweifelhaft, daß der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch behielt er zwar George an seinerSeite, hatte ein halbes Lächeln, einen trockenen Scherz für ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, — ja, er rief ihn gelegentlich in seine Kajüte und ließ sich von ihm bei seinen Berechnungen helfen. Je länger die Reise aber dauerte, desto betonter ward seine Zurückhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten Gelehrtenschaft gegenüber, er schob seine Offiziere und Patton, denWundarzt, zwischen sie und sich. Schließlich hatte er es nicht nötig, sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man würde es ja sehen, wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein würden …
Jeder Tag wareinLächeln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht Arbeit, — eine Arbeit, so aus der Fülle von Kraft und Anschauungsvorrat heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglückend, kaum ermüdend, — so war er Schlendern in Palmenhainen, Plätschern in lasurblauer Bucht, Schwelgen im Duft unerhörter Blumen, üppig in Form und Farbe und unablässig sich erneuernd, während unter ihnen safttriefende Früchte aus dem dunklen Laub quollen, — Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung schöner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus englischem Tuch vorkam, — ob sie schon stahlen wie die Raben, eingestandenermaßen, und ihre eigenen seltsamen Gebräuche hatten, allerdings! Aber dann ließ sich doch immer darüber philosophieren, ob da Sünde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel Paulus in die Südsee, um für die Sündlosigkeit der Heiden einzutreten, — was kann ein toter Apostel dagegen machen? — verzieh man doch auch den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, säugten die Weiber, weiß Gott, Hündchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht gelang, sie vom Andrang des süßen Überflusses zu befreien. So freute man sich seines Ansehens als guter, mächtiger Götter und Besitzer fabelhafter Reichtümer in Gestalt unzähliger Glasperlen, Nägel, kleiner Äxte und Messer, um derentwillen einem demütig gehuldigt und geopfert wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich bettelten, mit in das Wunderland genommen zuwerden. Nun, ab und zu ließ man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea aus Eimeo, der darob ganz überheblich wurde und bei der Landung auf Huahaine bereits wünschte von den Eingeborenen für einen Engländer gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttäuschung nicht eintrat. Zäher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich ihnen auf Bora-Bora anschloß, und es durch sein schlechthin bestrickendes Wesen und außerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig erreichte, daß er an Bord bleiben durfte, selbst als die „Resolution“ am 7. Oktober den Kurs südöstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blüte und Frucht waren Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der südlichen Halbkugel, jetzt lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die günstige Zeit zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es, Abschied von dieser großen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so kühn und verächtlich dem Grauen entgegenstürmte? George hätte sich wohl ganz einer wehmütigen Verdrießlichkeit überlassen, wie sein Papa es hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stück Inselglück dagewesen wäre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, — Mahaine also. Mahaine war außerordentlich schön, lichtbraun, mäßig und sinnreich tätowiert, so daß die eingebrannten Linien nur das Ebenmaß seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Würde, er war ohne Schüchternheit zurückhaltend, er war ernsthaft, sanft und höflich. Er wurde nicht müde, das Schiff von oben bis unten zu durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er überall auf und man vergaß es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewöhnte sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom, ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rücken stehend verharrte und ihm großäugig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales hatte nämlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das ihn sehr peinlich berührt hatte, er war in seiner Hängematte von lindem Schlummer erwacht und hatte Mahaine über sich gebeugt gefunden, wie dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten Zeigefinger zurückzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutetworden, daß der Schlaf der weißen Männer ungeheuer heilig sei. — Er stand stundenlang neben dem Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hände des Mannes, wie sie mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und danngeradeaus auf die rastlos wandernde, schäumende Fläche. Er hielt Andacht vor dem Kompaßhäuschen, dessen zuckende Nadel er für einen mächtigen Gott der weißen Männer ansah, — und hatte er nicht Recht? — er erstarrte in Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck erschien und die Sonnenhöhe aufnahm, — eine feierliche Handlung, mit Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhängen mochte! Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weißen Männer aßen. Er verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rücken drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterließ keinerlei Spuren oder Überreste, nichts, womit ein böser Mensch ihn hätte verzaubern können. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen möglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, — wichtig, wichtig über alle Maßen war es, daß er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die unerhörten Wunder der weißen Männer, daß er endlich einmal die fremden Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dämmern sehen, wenn eine kühne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgründen geführt hatte. Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti, Huahaine und den benachbarten so unerhört selten und kostbar waren!? Auf Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeßliche Reichtümer in Gestalt von Kopfputz und Schürzen aus diesen wundervollen heißbegehrten Federn einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besaß, alle Perlen, Korallchen und Nägel und schließlich sogar ein kleines Messer, bisher sein größter Schatz, für das er sich eben erst sein schönstes Gewand vom Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glühend und zitternd, dies könnte wieder rückgängig gemacht werden, könnte sich auflösen, verschwinden, die Federn samt den Korallchen, — und was dann, Mahaine, nackt und bloß? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da grinste er auch tagelang ganz unmäßig vor sich hin und wurde vor lauter Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkelauf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heißt er löste jene Schürzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und ordnete die Federn nach ihrer Größe in anmutige Sträußchen, die er mit Kokosfaser zusammenband, — was verstanden diese im Überfluß wühlenden Tonga-Tabuaner von wahrer Schönheit? — und wenn jemand zu ihm trat, hob er den Kopf und zeigte in überströmender Wonne alle zweiunddreißig Zähne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte übrigens auch der Kapitän große Vorräte dieser roten Federn einhandeln lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen Handlung, der Tauschverkehr war außerordentlich belebt, Muschelhörner, hölzerne Trompeten, Rohrflöten, Schmuck aus Jadestein, Boghi-Boghi-Mäntel, — alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzückenden. Daneben galten Matten und Gewänder, Waffen und Geräte aus der Südsee auf diesem rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstücke, hatten weit höheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und wenn die Engländer hier bestaunt und gefürchtet wurden wie fremde Geschöpfe, eine unerklärliche Zwischenstufe zwischen Göttern und Tieren, so begegneten die Neuseeländer Mahaine wie einem reisenden Fürsten mit gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, daß in der Südsee ihr Land der höheren Kultur lag, wie ihrearmen Schilf- und Schorfköpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.
So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es muß gesagt werden, sie zögerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie umschwärmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Hütten der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, — um das Schiff auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, — weiß Gott, es gab der Vorwände genug. In einer Art von blindwütiger Verzweiflung glaubten die Matrosen sich im voraus für die kommenden Entbehrungen schadlos halten zu müssen und ihre Zusammenkünfte mit den eingeborenen Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, — Cook schien nichts zu sehen und zu hören. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, daß diese Weiber so zottig, schmutzbedeckt und übelriechend waren. Ebensowenig liebte er die derben Scherzeseines Vaters und der übrigen Herren, die jetzt in Blüte standen, er gewöhnte sich daran, seine Ausflüge in Begleitung von Larry und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefühl genußreichen Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Körperübungen, verschwendeten überschüssige Kraft in gewagten Unternehmungen und kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvögel zu entdecken. Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hießen ihn, auf einen Strandläufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst, fletschte die Zähne, zielte, drückte ab, — der Vogel hob die Flügel, tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend. Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schuß dröhnte, warf das Gewehr von sich, hielt die Hände an die Ohren und rannte von dannen, den Mund kreisrund geöffnet, aber ohne einen Laut auszustoßen. Von dem Vogel wandte er sich ab, als sie ihn ihm später brachten. Wer konnte wissen, ob er nicht den Göttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine fürchtete diese Götter, und seine neuseeländischen Brüder, die unter einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten ihn. Als man ihm entdeckte, daß diese Brüder einander gelegentlich auffräßen, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm wich, als Neuseeland im Nebel hinter der „Resolution“ versank.
Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte eingedrungen, wo ToghirisVater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug, worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie. Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen. „She is my wife, hold yourtongue!“ sagte er und versorgte sich ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne aßen. Für Toghiri indessen, — nun, es fand sich schon dieser oder jener Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! — Aber sie an Bord zu bringen, wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, — nein, das ging doch nicht! „Sir, sie ist ein wenig verlaust!“ bekannte er, übrigens ohne zu erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm …
Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang die langen dünnen Finger, — konnte es gewagt werden, unter einem so schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, — verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, — wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: „Ach was, jeder ist sich selbst der Nächste!“). Am anderen Morgen jedoch war nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnenentgegen und an ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, — Ergebung. Schweigsam wurde an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, — schweigsam und verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem Boden anordnete. „Whemuatua-tua“, das weiße Land! so stand das erste Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß „der weiße Regen“, und in einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten. George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleicheAurea australisgespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihndiese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des Weltalls trieb, — nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies war’s, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend, wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche bedeckten Tisch hinsah, — der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner eigenen Kajüte anrichten ließ, — aus Gesundheitsrücksichten, wie er einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, — aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder ließ ihn seineeigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters. Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die Karten und Berechnungen neigte. „Ein Narr!“ schalt der Vater, wenn sie abends in den Kojen lagen, — ein vernagelter Narr, der hier nach Land suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen, umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier, die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen, den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt, an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, — es war am 25. Dezember, am Weihnachtstage, und die „Resolution“ lag fast fest, wehrte sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und schütterte, — man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: „Das muß ich doch gleich einmal …“ worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt, sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen. Der ganze Auftritt bildete späterhin eineder furchtbarsten Seiten in Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: „Mein lieber Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer Fortschrittein punctoder Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten darlegen.“ Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und derAurea australisgedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll verweilte, hatte des öfteren „mein lieber Kapitän“ gesagt, und zwar in einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der Südsee hinauslief, — und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt, was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit begonnen, — gedämpfte Satzanfänge wie: „Mein Herr, ich bin zwar von dem Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt …“ hafteten George später ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem „aber, — aber, aber!“ „Muß Sieaberganz ausdrücklich bitten …“ „Nun was denn etwa?“ — „Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, — gefälligst in Ihren Grenzen zu bleiben …“ Dabei war Cook nicht sitzengeblieben, sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die Knöchel weiß anliefen. — „Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht wieder!“ bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste Ruhe zu bewahren, — laut äußerte er aber unglücklicherweise: „George, weißtdu, was Mr. Cook meint?“ wozu er etwas unbehaglich lachte und auf seinem Stuhl herumrückte, — sich dannallerdings zurücklehnte und die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, — bediente sich Redewendungen … nun, Mr. Forster blies sich auf, dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen und — suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein „Unerhört!“ um das andere hervor, und: „George, verlasse das Zimmer!“ — worauf George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich bleich erhob, denn: — „Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit von Ihnen schamlos ausgebeutet werden …“ hatte Cook vorher geschrien, — „Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!“ „Mein Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!“
„Mein Herr, Sie, — ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender Poltron!“
„Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!“ — dies etwa waren die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens, wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte George ihn wohl noch ein paarmal: „Unerhört!“ murmeln, alsdann aber zu seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und anmutig wie nur je schnarchen, — kein Zweifel, der große Mann schlief, schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem dampfen und zogKleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen. Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind rückwärts … Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, — dennoch ohne Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, — dieses Lebens, das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte, viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum, soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen, mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er, George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, — ein Glück, daß sie untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott, kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich, sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und Demütigung. „Ja, ja, und du bist schuld!“ flüsterte er, in aller Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch unter dem Eindruck der Worte Cooks, „den Sie schamlos ausbeuten …“ — er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine Seifenblase, abhängigvon dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge. Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein bluttropfendes Herz in der andern Hand … Betäubender Urweltslärm brach wie eine Sturzsee über ihm zusammen. — — —
Auch eine solche Nacht, — auch Fiebertage gingen vorüber. —
Cook berannte den Pol wie ein Stier. — Aber Land wurde nicht gefunden. —
Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine gleichgültig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die Natur, mehr noch, stumm und zäh, gegen die hohnvoll sich überlegen dünkende, unausgesprochene Überzeugung des Gelehrtentisches, gegen den dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war, oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, — diesen Kampf mit anzusehen, wäre für einen, der dem Kapitän so bedingungslos ergeben war, wie George, und der sich doch nicht befähigt fühlte, ihn zu unterstützen, unerträglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer Lähmung seiner Empfindung, mit der Hülle ergebener Schwermut wie einst, als die „Mütterchen Elisabeth“ ihn und den Vater von Petersburg nach London trug, — als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, — nun ja, das waren Erinnerungen. Er beherrschte überhaupt ein ungeheueres Aufgebot von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Muße genug sie heraufzubeschwören, und fand eine Art von bitterem Behagen darin, sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prüfen, immer unter dem Leitwort: „… den Sie schamlos ausbeuten …“ — ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem Ergebnis, daß des Kapitäns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar abgetötetem Gefühl, übersah er seine Lage scharf und klar und — fand sich damit ab.
Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis, George, die erste Bedingung, um handeln zu können! Indessen, — du begnügtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchenWaffen vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wußtest du nichts von leidendem Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch wühlenden Plänen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von ihm, gefaßt und blaß, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest dich auch seelisch von ihm ab, daß er von nun an nie wieder dein volles, aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und — gingest weiter im Joch, — George, George, du bist in der Tat sanftmütig und freundlich, bist liebenswürdig, — oh, jawohl, in der Tat, nur allzu liebenswürdig, kleiner George! — — —
Ende Januar setzte Cook eine Sitzung an, zu der Offiziere und Gelehrte am frühen Morgen zu erscheinen hatten, noch ungefrühstückt, was Herr Forster ungeheuer übel nahm, so daß er am Abend zuvor, nachdem Bligh den Befehl mitgeteilt hatte, polternd verkündete: Fiele ihm gar nicht ein …! Dächte auch gar nicht daran …!! Er lag auch noch in der Koje, als George bereits schattenhaft lautlos aufgestanden und entschwunden war, dann erschien er aber doch in der Kajüte, genau eine halbe Minute, nachdem Cook seinen Platz an der Spitze der Tafel eingenommen hatte, sagte: „Na, guten Morgen!“ stellte gekränkt fest, daß auf seinem Stuhl Wales säße, und verankerte sich sodann umständlich auf dem einzig freigebliebenen Sitz, Cook gerade gegenüber, von wo aus er sich aufmunternden Blickes umsah und fragend äußerte: „Nun, und …“ Cook, der ihn völlig übersah und überhörte, — freilich sah er niemand an, — gab in gedämpftem Ton einen kurzen Bericht über die bisherigen Ergebnisse der zweiten Polarfahrt, ließ diesen Bericht von Bligh, — nicht etwa, wie das vorige Mal von einem der gelehrten Herren, nun, war das nicht kennzeichnend?! — um einige Zahlenangaben ergänzen, räusperte sich sodann trocken und sagte, ohne seinem versteinerten gelben Gesicht irgendeinen Ausdruck zu geben: „Da unser Bemühen, in diesen Breiten Land zu entdecken, bis dato keinen Erfolg gezeitigt hat, geben wir dies Bemühen nunmehr auf, uns unsrer Verantwortung gegen Leben und Gesundheit von Untertanen Seiner Majestät voll bewußt.“ Und, nachdem er noch eine knappe wissenschaftliche Begründung seiner Handlungsweise gegeben hatte, — nichts von Erdblutströmungen, nichts von magnetischen Strahlungen kam darin vor, — fügte er beiläufig hinzu, daß die „Resolution“ den Kurs seit einer Stunde nordöstlich genommen habe. Hierauf hieß es: „Ich habe die Ehre, meineHerren!“ und wahrhaftig und ohne auch nur von ferne abzuwarten, ob nicht einer seiner ihm von der Regierung beigegebenen Berater etwas zu äußern habe, verließ er steif, doch eilfertig hinkend den Raum, — er litt seit Wochen böse an einem rheumatischen Anfall, — gefolgt von seinen Offizieren, von denen Blandey, der zweite Leutnant, alsbald zurückkehrte, und, in der Tafelrunde frühstückend, in achtungsvoller Haltung taub gegen den erregten Meinungsaustausch seiner Umgebung blieb.
George, — er blieb nicht taub, — George, er litt tief, ahnungsvoll erfaßt habend, was diese Stunde Cook gekostet haben mochte. Ein „Hat er’s endlich eingesehen, der Dickkopf?“ seines behaglich kauenden Papas haftete wie die Nachempfindung eines Schlages an ihm in fast körperhafter Erinnerung. —
So trieben sie nordwärts, — nordwärts ohne den beschleunigten Rhythmus freudiger Erwartung im Blut zu spüren wie damals, als sie das erstemal an den Rätseln des Poles abgeglitten waren, nordwärts, nur mit dumpfer Befriedigung, mit der mürrischen Hoffnung auf wärmere Luft, auf eine Nahrung, die nicht stank und von Würmern wimmelte. Cook lag seit Wochen in seiner Kabine, nicht imstande, ein Glied zu rühren, niemand außer dem Doktor und Bligh bekamen ihn zu sehen und mit innerem Grauen nahm George wahr, wie in diesen Wochen die Ausstrahlung des Geistes, die von der Kapitäns-Kajüte ausging, schwächer und schwächer ward, gleichsam als würde diese Kraft von dem, der sie aussandte, wieder eingesogen, weil er selbst ihrer bedurfte. Anfang März, ja, da starrte das Schiff von Schmutz, Abfälle und gefrorener Unrat lagen überall in den Gängen, man glitt darüber aus und die Luft war verpestet. Kein Mensch beklagte sich darüber, — waren sie denn nicht selber …
„Now, Lady George“, sagte Patton eines Morgens, als er mit gewohnter Todesverachtung zum ersten Frühstück seinen Haufen Sauerkohl hinunterschlang, ohne ihn viel zu besehen. Dies war nun einmal seine Pflicht, als ärztliche Leuchte an Bord mit gutem Beispiel voranzugehen, und sah man nicht den Erfolg? Er stopfte die langen Fäden des heilsamen Gemüses mit Gabel und Messer nach in den Mund und blickte dabei mit gerunzelter Stirn über seine Hornbrille zu George hinüber, — wer war der Gesundeste an Bord geblieben? „Also, Master George, da ist ein Bursche im Logis, er wird’s nicht lange mehr machen, — er wünscht Sie zu sehen. Habe den HerrnVater vorgeschlagen, als geistlichen Beistand …“ er warf Forster einen schiefen Blick zu, — „indes, der Junge ist nun einmal darauf versessen, gerade Sie …Poor fellow!Der Rotkopf ist’s, mit dem breiten Maul, war immer fidel, — jawohl, der Irländer!“
Larry! George tastete sich an den Wänden zum Mannschaftsraum hinüber, die Knie versagten ihm und eine würgende Übelkeit stieg ihm im Halse hoch, als die beißende Raubtierhöhlenluft aus der Tiefe ihm entgegenquoll. Da schaukelte ein qualmendes Öllämpchen irgendwo in der Finsternis, er folgte dem Schein, der über ein paar Hängematten hin und her zuckte, in denen regungslose Gestalten lagen. Nun, wo war Larry? George starrte schauernd in die gedunsenen Gesichter, deren Augen ihm blicklos zugewandt waren, von einer trüben Haut beschlagen wie tote Fischaugen, — o Gott, er kannte keine von diesen — diesen Leichen! Aber da ging eine schwache Bewegung über das eine Gesicht, die geborstenen schwärzlichen Lippen, von zahnlosen blauroten geschwollenen Kiefern gesprengt, schienen sich noch ein wenig weiter zurückziehen zu wollen, es war die verzerrte Spiegelung eines Lächelns, kein Zweifel, dieser da, mit der Absicht des Lächelns, das war Larry und — er hatte Larrys Haare! „Larry, — ich — ich hatte dich nicht vergessen!“ stammelte George erschüttert und neigte sich über den Kranken. Dabei fiel ihm quälend ein, — was — was war nur einmal so ähnlich gewesen, so als hätte er dies schon einmal geträumt? Und auf einmal sah er sich in einer hügeligen Sandwüste, schmeckte heiße salzige Luft, beugte sich — nun ja, über den Janusch, der da heulte, der sich gehen ließ wie ein Tier, — ach, das war es, dies Gefühl, sich nun — auf alle Fälle — um des anderen willen selbst überwinden, sich niederbeugen, ihn anrühren zu müssen, obgleich dieser da — sehr übel roch. „Mensch, Bruder, — Larry!“ dachte George in Verzweiflung und legte seine Hand auf den schrecklichen Fleischklumpen, der aus dem Hemdsärmel hervorquoll. „Larry, was kann ich für dich tun?“ fragte er leise und bekümmert. Larrys Linke lag auf seiner Brust und schlug die grobe Decke mühsam zurück, ohne daß er in der erbarmungslosen Kälte erschauert wäre, — er fühlte wohl nicht viel Unterschied mehr zwischen dem Grad seiner Blutwärme und dem dieser fürchterlichen Grabesluft, — und dann zerrte er an einer Schnur, die ihm um den Hals hing, — wo die Schlüsselbeine spitz hervortraten. Er öffnete die Hand ein wenig und zwei Amulette wurden sichtbar, — und nun wieder dieses Lächeln, dieses entsetzliche,und zugleich ein heiserer, rauher Ton, — nein, das war nicht die Stimme derRakes of Mallow, jene vergnügte Metallstimme von den Inseln her. „Toghiri!“ röchelte es da mühsam und noch einmal zupfte die Hand an der Schnur.