George glaubte zu verstehen. Mit bebenden Fingern berührte er die kalte, schweißige Haut, knüpfte die Schnur los. „Toghiri bringen?“ fragte er kopfnickend und hielt nun beide Heiligtümer dem Sterbenden vor die Augen, — ein Schutzstein aus grünem Jade war’s und eine Münze mit der Mutter Gottes auf der einen und St.Patrick auf der anderen Seite. In Larrys Augen trat ein Ausdruck beseligter Dankbarkeit und dann schloß er sie, — nicht um zu sterben, nein, nur zufrieden, verstanden zu sein, — ja, das war nun erledigt, er brauchte sich nicht weiter abzumühen an dem Bewußtsein, daß noch etwas geschehen müsse, etwas, das ihm immer wieder entglitt, — was, — was war es nur? Nun durfte er vergessen. Noch einmal hob er die Augendeckel schwer, die Lippen zuckten, — George verstand, dies war der Abschied. „Fare well, Larry!“ sagte er stockend und suchte seinen Weg hinaus, in der Dunkelheit stolpernd und ganz stumpf vor Kummer.
Übrigens lebte Larry noch tagelang und sie waren längst hinaus aus dem Bereich der Treibschollen und Pinguine, ja, graue Meerschwalben, die um die Masten strichen, schienen Land zu verkünden, als sie eines Morgens eine steife Puppe, in Segeltuch gehüllt und mit einer Kanonenkugel beschwert, vom Achterdeck aus versenkten. Bligh sprach ein eintöniges Vaterunser hinter der Leiche drein und George stand dabei und sah Mahaine hinter einer Taurolle mit großen entsetzten Augen hervorlauschen. Und nachher lehnte er an der Reeling, starrte stundenlang in das Gewander der Wogen und pfiff dieRakes of Mallow, — falsch, er wußte es, — aber dennoch, — immer wieder. —
Die Osterinseln waren das erste Stück Land, das ihnen der freie Ozean stumm darbot, wie er sie vor Jahrzehnten dem Jakob Roggewein hingehalten hatte. Mahaine bemerkte in seinen rätselhaften Aufzeichnungen: das Volk ist gut, aber die Insel sehr elend, während George sich unter anderen Bemerkungen aufschrieb, daß die großen Hüte aus Flechtwerk, die in zwei breiten Krempen auf die Schultern fielen, den Frauen ein „leichtfertiges, buhlerisches Aussehen“ gäben. Dies schrieb er gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen nieder, irgendwelche verzweifelten Absichten im Herzen, daß, wenn sie nur erst wieder auf Tahiti wären … Jawohl, er war entschlossen, —wenn anders sich sein Zustand von bedingungsloser Verzweiflung und vorbehaltloser Gleichgültigkeit gegen alles, was eine lange Kindheit über ungestört in ihm geblüht hatte, — wenn man dies als Entschlossenheit bezeichnen kann. Er trug einen wütenden Ekel in sich herum, gegen das verschmutzte Schiff, in dessen Planken man gezwungen war auszuharren, gegen dies ewige, ewige Wasser, gegen das Essen, das er aß, das Bett, in dem er schlief. Er haßte alle Fahrtgenossen und wußte, daß sie sich untereinander haßten, daß sie sich nicht mehr sehen konnten, sich verachteten, im Geiste anspien, — er hörte das alles aus ihren fortwährenden widerwärtigen Zänkereien, ja, diesen „wissenschaftlichen Disputen!“ — er haßte den eigenen ungepflegten, verkommenden Körper mit all den abscheulichen Merkmalen des Skorbuts, er haßte, — oh, nicht zuletzt und am wenigsten, — den Vater, der infolge mangelnder Bewegung fett geworden war und so unantastbar gesund blieb (was er auf das Pfeifenrauchen schob, er pries tagaus, tagein seine Weisheit, sich so wohl mit Tabak versehen zu haben. Wie haßte aber George auch diesen süßlichen Qualm, in dem er Tag und Nacht geräuchert wurde!). In dieser Stimmung also faßte George Entschlüsse, — ja, Entschlüsse, die im Grunde nichts anderes waren als ein der Versuchung weinerlich Nachgeben und darauf ein tage- und nächtelanges Umhertaumeln zwischen fieberhaften Vorstellungen. Jedoch genügte es, daß Cook wieder auftauchte, ausgemergelt wie ein Gespenst seiner selbst, aber in der alten Straffheit und einen kalten Willensglanz in den eingesunkenen Augen, einen Blick, unter dem die Sauberkeit des Schiffes und die äußere Regelmäßigkeit des Dienstes sich hoben, ohne daß es irgendwelcher Anschreierei bedurft hätte, — oh, man wußte wohl, was man Jimmy schuldig war, und erfüllte es ohne weiteres, eigene Wege an Land vorbehalten, — es genügte für George, diesen Blick auf sich ruhen zu fühlen, um an schlechtem Gewissen fast zu sterben, innerlich doch aufschluchzend vor Befriedigung in dem Gefühl, daß dieser Mann ihm rückhaltlos vertraute, ihn für seinesgleichen hielt, wahrhaftig, daß er, George, außer den Offizieren der einzige war, mit dem er unbefangen sprach, und der einzige an Bord überhaupt, mit dem er scherzte. Cook war seine Rettung, jawohl. Und seine Aufmerksamkeit für den Kapitän bekam etwas Unruhiges, Fieberndes, er warf sein Inneres auf ihn wie auf einen Felsen, um es aus dem anstürmenden Meer der Versuchungen zu retten, — ach, der Versuchungen zum Haß, zum Aufruhr der Seele und des Körpers,die ihn so maßlos unglücklich machten, weil ihre Anforderungen, er fühlte es wohl, eben über seine Kraft gingen. Als sie in der bösen See, in der Gegend der flachen Inseln, kreuzten, wo Roggewein die afrikanische Galley eingebüßt hatte, bemerkte Bligh bei Tisch, daß diese Gewässer voller Untiefen „das Labyrinth“ genannt würden, und schreckhaft sprang bei diesem Wort eine Erinnerung in George auf, der er noch nachhing, während die anderen über die Berechtigung dieser Bezeichnung stritten. „Auf Kreta aber, einer Insel mitten im Ägäischen Meer, hauste der Minotauros, eingeschlossen in die Schneckengänge des Labyrinthes,“ und, — o nein, — er hatte sie nicht vergessen, die Wanderungen vor dem Einschlafen, süß und schaurig, denn drinnen heulte der Minotauros, er selbst aber war sehr klein. Jetzt aber, — er horchte auf, Hodges bestritt, daß etwas ein Labyrinth genannt werden könne, dem eben dieser Minotauros fehle, und Dr. Sparrmann spießte fein wie einen seltenen Schmetterling die Bemerkung auf die Nadel, daß man ja nie wissen könne, ob denn nicht doch ein Minotauros vorhanden sei, da ja ein solcher Minotauros bis zuletzt eine unbekannte Größe zu bleiben pflege. „Allerdings, allerdings,“ übertrumpfte ihn Wales, sein Kinn hastig reibend, „es ist wie mit dem Tode, teuerster Doktor, der in jedem Leben hockt …“ „Ihr werdet euch wundern,“ sagte hier Mr. Forster und sagte außerdem „hö, hö!“ was sein ihm eigenes, nicht jedem durchaus angenehmes, etwas fettes Lachen war, „ihr werdet euch wundern,“ wiederholte er, indem er breitbeinig aufstand, „wenn ihr euer Labyrinth durchwandert habt! Was sitzt darin? Was ist der Minotauros? Eine Überraschung, ein Osterei, — hö, hö — duselbst, mein teurer Freund, du selbsten sitzest drin, bereit dich zu zerreißen, hast dich vor dir selbst gefürchtet dein Leben lang …“ und nachdem Mr. Forster diese merkwürdige Erkenntnis mit einem sonderbar vergnügt ins Leere gerichteten Blick und ruckweise vorstoßendem dicken Zeigefinger stehend von sich gegeben hatte, verließ er die Kajüte, nicht ohne nochmals „hö, hö“ gemacht zu haben, — sehr zum Ärger von Mr. Wales, der Nase und Mund vornehm-verächtlich hängen ließ.
George aber war betroffen, — war erschüttert. — —
Er wollte an Bord bleiben, als sie endlich wieder vor Tahiti lagen, er schützte Arbeit vor, die während der Fahrt zu lange geruht habe, er schützte Schmerzen in seinem immer noch geschwollenen Fuß vor, er hätte sich am liebsten wie ein Tier verkrochen, — indes sah Cook ihn mit durchdringenden Augen an, die auch hier unter dem flammendblauen Himmel nichts von ihrem Polarglanz verloren, und sagte: „Sie gehen mit mir, George!“ in einem Ton, der an Selbstverständlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Und so ging er mit an Land und duldete, was ihn elend machte, den Anblick dieses heißen nackten Lebens, an dem er nicht teilhaben zu dürfen glaubte, denn hier war Cook, der durch das alles mit verächtlich geschürzten Lippen hindurchging und der ihn schweigend verworfen haben würde, wenn er sich hätte gehen lassen, — und dies wäre unerträglich gewesen, denn er bewunderte, er liebte Cook. Liebte er ihn? Oder — haßte er zuweilen auch diesen, haßte ihn um seiner unerschütterlichen hochmütigen Tugend willen, wegen jenes Auftrittes in der Kajüte, als Cook den Vater züchtigte und anspie, und damit ihn selbst? Denn tief, tief fühlte sich George doch mit dem Vater verbunden und wußte es, ohne es sich einzugestehen, daß er geringer war als dieser, in irgendeinem Betracht geringer, und deshalb mit Recht abhängig von ihm, und sei er zehnmal moralisch vorzüglicher. Ja, —haßteer manchmal auch Cook? Oh, er wußte es nicht, wußte nichts mehr, als daß er grenzenlos unglücklich war. Er hatte keine Spielgefährten mehr, um mit ihnen den körperlichen Überschuß auszutoben, Larry war tot und Mahaine, — Mahaine hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt als hinzugehen und zu heiraten, natürlich, denn dieser Herr, weitgereist und im Besitze so vieler roter Federn, war den stammverwandten Tahitianern unbeschreiblich merkwürdig und begehrenswert. Gleich in einer der ersten Nächte ward er zur Königin Porea „zur Aufwartung“ befohlen, und als er sich von dieser Strapaze erholt hatte, warf er sein Auge auf eine unschöne kleine Insulanerin, die indessen die Tochter eines Eri war und ihm eine erhebliche Mitgift an Land und Ansehen einbrachte, — allein den Tau-Tau, den Leibeigenen, der ihm von nun an folgen und ihn bedienen mußte! Mahaine also ward mit einem Schlage ansässig und bürgerlich, verzichtete auf alle weiteren Reisegelüste und dachte nicht mehr daran, mit nach England zu gehen. Er legte es George nahe, — „Teori“ nannte er ihn und „Teori“ sagte lockend das braune kindliche Mädchen, das er mitbrachte, und lachte den Fremden mit breiten weißen Zähnen an, — seine Schwägerin Tehamai zu heiraten und sich ebenfalls auf Tahiti niederzulassen, — ja, im Eifer nahm er Georges Hand und führte sie über Tehamais feste warme Glieder, sprachlos verwundert, als der Freund sich losriß und ihn samt seiner vorzüglichen Ware ohne ein Wort stehen ließ. Schließlich, schließlich ging ja alles vorüber, vorübergingen auch die Tage auf den Sozietätsinseln, wo das Schiffsvolk sich noch einmal in allen Freuden der Südsee wälzte, vorüber gingen wie Fieberträume die Erlebnisse der Tänze und Vorstellungen, die den Taumel immer noch steigerten, vorüber die Wochen, in denen jenes Mädchen aus Eimeo an Bord war, dem sie Offizierskleider angezogen hatten und das auf Huahaine von den Eingeborenen in einer wüsten Pantomime verspottet wurde, — alles ging vorüber und ließ sich ertragen, wenn anders man es nur sachlich betrachtete und sich Anmerkungen darüber machte. Gesegnet die Schreibtafel, die einen begleitete wie einen Talisman, gesegnet jedes Blatt Papier, das sich zwischen ihn und die aufdringliche Wirklichkeit der Dinge schieben ließ! So überwand er die Südsee, nahm Abschied von den lachenden Inseln, ohne die Spur eines Brennens im Herzen, fuhr vorüber an den Pfingstinseln, an den Hebriden und an Neu-Caledonien, so wie er einst in St. Petersburg durch die Museen gestolpert war, grenzenlos ermüdet und abgewandten Herzens, nur maschinenmäßig Eindrücke aufnehmend und verarbeitend, — so betrat er noch einmal Neuseeland, fühlte eine schwache Wehmut, Larrys eingedenk, und versuchte es, Toghiri aufzufinden, um sich seiner Botschaft zu entledigen, — gab es indessen auf, da Toghiri von ihrer alten Wohnstätte verschwunden war und sich auch sonst nicht blicken ließ, — armer Larry in der eisigen See, so schnell vergessen! — und schlenderte tagelang einsam am Strande umher, nach Osten spähend und im Winde etwas wie ein gemäßigtes Klima ahnend. Ach, Europa! nun gab es nichts anderes mehr alsdiesesZiel der Gedanken! Als ein Knabe war er hinausgefahren, hundertfach abhängig, erwartungsvoll auf die Menschen blickend, und, wie oft auch schon getäuscht, doch ungebrochen im Vertrauen. Jetzt lag ein Zug entsagungsvoller Erkenntnis in seinen Augen und um seinen Mund, der seine zwanzig Jahre Lügen strafte, und hinter seinem unverändert liebenswürdigen Auftreten, hinter der jungen Lady George, wohnte einer, den sie alle nicht kannten, ein Einsamer, von zartem, schmerzlichen Stolz, von einer entschlossenen Selbstgenügsamkeit — einstweilen! Denn irgendwie hatten jene Eismeerwochen der Einsicht und Erkenntnis doch Früchte gezeitigt, irgendwoher keimte eine trotzige Gleichgültigkeit in ihm, irgendwann war es ihm aufgegangen, daß er ja nicht für alle Zukunft, nicht sein Leben lang mit dem Vater zu rechnen habe … Er und das Schiff! das Schiff, dasseinemWillen zur Heimkehr diente! — und alles andere war gleichgültig,war Beiwerk, war Nebensache, Geschwätz im Tauwerk und belangloses Geflügel. Er stand am Bug und starrte voraus auf die unabsehbare graue, unheimlich von innen sich wölbende und atmende, tobende und drohende graue Halbkreisfläche, — ach, Tag für Tag, Woche um Woche derselbe leere gähnende Osten! — er packte, er ordnete wieder und wieder, als müsse er bereit sein, morgen von Bord zu gehen, — Kap Horn lag noch vor ihnen, — er war zur Stelle, wenn der Vater, wenn Cook ihn wünschten, — alles in einer ungegenwärtigen Art und Weise und innerlich mit nichts beschäftigt, als sich sprungbereit für die nächsten Möglichkeiten in London zu halten und, — wie sollte er anders, — Projekte zu entwerfen, Projekte, in denen der Vater ganz und gar keine Rolle mehr spielte. Er überwand, — körperlich überwand er die Erde, trat Feuerland hinter sich, entsetzliche Weihnachtstage auf Feuerland in Schnee und Regen, unter tierähnlichen Geschöpfen, die „Pesseräh!“ sagten und weiter nichts, in allen Tonarten „Pesseräh“, und hier verlor man Zeit, so viel Zeit! Er jauchzte innerlich, als nach Staten-Island und Georgia nun bis zum Kap keine verfluchte Insel mehr zu erwarten war, — er schluchzte auf, — übrigens nicht als der einzige an Bord, — als das erste europäische Schiff, ein holländischer Segler, ihnen in einer kalten Mondnacht in Rufweite gegenüberlag und ihnen wie aus Geistermund die Botschaft wurde, daß ganz Europa Frieden habe!
Das war im Februar 1775. Acht Tage später ankerten sie in der Tafelbai, inmitten einer Flotte holländischer Ostindienfahrer und französischer, deutscher und dänischer Handelsschiffe, portugiesischer Kriegsschiffe und spanischer Fregatten, ganz Europas Flaggen grüßten sie und sie gingen an Land wie die Träumenden, europäische Herren, den Dreispitz unterm Arm, das Meerrohr in der Hand, anderen europäischen Herren ebenfalls mit dem Dreispitz unterm Arm begegnend, europäischen Herren, die gar nicht verwundert schienen, daß sie einherspazierten und sogar Damen mit sich führten, Damen in Kleidern aus Paris, zweifellos, — mein Gott, das gab es noch, Europa stand noch, war es denn so möglich?! Überdies gab es Speisen in unsagbar köstlicher, ganz vergessener Zubereitung, an denen man sich notwendig überessen mußte, — Herr Forster tat es, — es gab Zeitungen, gab — nach beinah drei Jahren, — wieder Briefe von zu Hause! Ach, nicht nur hatte ganz Europa Frieden, auch die Mutter, auch die Geschwister, sie lebten, sie tauchten wieder auf aus dem Nebel der Unerreichbarkeit… George lächelte, seit jener Nacht im Polareis, als die Mutter ihr blutendes Herz an ihm vorübergetragen hatte, hatte er sie tot geglaubt. Nun sah er so deutlich ihr blasses Leidensgesicht, die durchsichtige, ein wenig vorspringende Stirn über den müden breiten Lidern vor sich, — sah ihren Blick, unendlicher Liebe und Müdigkeit voll. George preßte die Hand aufs Herz: nun kam er wieder, ein Mann, nun hatte ihr Leiden ein Ende. Er schwur es sich, unbewußt des bitteren Reuegiftes, das solche Schwüre in sich tragen.
Sie kosteten hier schon einen Vorschmack des Ruhmes, der ihrer in der Heimat wartete, kosteten ihn auf den Festmahlen, die fremde Kapitäne und Offiziere ihnen gaben, waren aber nur halb bei der Sache, ungeduldig auf die Weiterreise bedacht. Der kleine Dr. Sparrmann drückte sie umschichtig an sein abschiedstrauriges Herz und stand mit dem Schmetterlingsnetz winkend am Hafen, als das Boot sie überholte. Und nun kam noch einmal das Schiff, Wochen um Wochen: das Schiff! Das Schiff, ein Erdteil für sich, im Raume, in der Wasserwüste jagend, stampfend, schlingernd, — drohend, jetzt noch, ja jetzt noch, und mit Willen nicht früher, mit ihnen allen in die Tiefe zu fahren, ihnen seine Macht weisend in bösen Äquinoktialstürmen, — das unbändige, das mütterliche, das verhaßte und geliebte Schiff, das am 29. Juli mitternachts den Leuchtturm von Eddystone tanzend grüßte und Tags darauf im Hafen von Spithead schaukelte, vornehm und rätselhaft, sie alle entlassend, die selig auseinanderstrebten, ganz ohne geheuchelte Schmerzlichkeit, denn jetzt konnten sie einander entbehren, o ja, jetzt konnten sie wohl. — — —
Zwischenspiel
Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend, wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wäre, — ein Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des väterlichen Willens, so doch unter dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des Familienunglücks geschirrt, — genug, ein Kalvarienweg mit unzähligen Leidensstationen, das war der Wegvom Themsekai nach Casselgewesen. George Forster, in einiger Hast durch den dünnen Neuschnee auf dem holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von Schlieffen am Königsplatz zustrebend, noch ganz erfüllt von all der aufgewühlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre hier am Carolinum zu Cassel, — George, so ganz gegen seine Gewohnheit dahinstürmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere zwischen die Knöpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der Niederlassung in Deutschland sei er endgültig angelangt in Cassel, als in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll erzwungenen Freiheitsgefühls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche spähend, von dem herab es eben fünf Uhr über die Dächer sang, jetzt erst hatte es sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu löcken. Oh, in der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Sömmerring zu erzählen, es galt sich auszusprechen, das übervolle Herz in den Busen des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es würde kaumZeit sein, Sömmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George; er hatte sich wieder einmal verspätet, hatte sich in Jakobis „Woldemar“ verlesen, sich dann über der Toilette versäumt. Mit langen Schritten nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die demütigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralitätskollegium über die Veröffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des Älteren. Oh, diese Verhandlungen, über denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich’es hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Haß gebrütet hatte, — und, nun ja, — wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich über das weiche Herz hinweg, und die stählerne siegte über die gläserne! Forster, der Ältere, oder der Ruhm von England, Kapitän Cook? War das eine Frage? George wünschte sich nicht zu erinnern. Vorüber, dachte er mit fieberndem Hirn, vorüber, vorüber. Vorüber das Hungerleben in London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositäten, an denen das Herz doch irgendwie hing, — George entsann sich im Fluge der geschnitzten Frauenhand von der Osterinsel, — hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte drei Guineen eingebracht, gewiß! Vorüber der Ansturm von Gläubigern mit Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Perücken, vorüber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das Herz der Mutter zermalmten, oh, unerträgliche Qual! Hier saß Reinhold Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefühl des übergroßen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Säure unterdrückter Aufsässigkeit durch seine Gedanken fraß. Und er brauchte nicht mehr betteln zu gehen, — vorüber die Bittstellergänge an die Logen in Paris, in Holland, — an die deutschen Fürstenhöfe, wo er antichambriert hatte, den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrückt, ein berühmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!
Vorüber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog über den breiten, geschweiften Absatz der schön sich windenden hölzernen Treppe des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederenStufen auf einmal nehmend. Aus der Reihe von Überkleidern, die im Vorzimmer hingen, entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Verspätung, erfuhr von dem diensttuenden Lakaien, daß Ihre Gnaden, die Frau Marquise von Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus, stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gerötet, die Augen klar, nichts von seiner gewöhnlichen Stubenblässe.
„Der Professor Müller gekommen?“ hörte er sich fragen, wie ihn dünkte, ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hörte, trat er schon an dem Respektvollen vorüber in die warme Kerzenhelle des Salons und schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem Marmorkamin in gedämpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem großen Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und den Oberkörper zurückwarf, als er Georges Namen hörte, und ihm beide Hände entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die Runde durch den Halbkreis der Gäste, flüsterte ein-, zweimal seinen Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, daß es sich um die Herren Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau, Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, — schüttelte Hände, sah liebenswürdig entzückt in andre liebenswürdig entzückte Augen und erholte sich endlich, neben Sömmerring verharrend, mit einem kleinen Hüsteln von dieser Übung gesellschaftlicher Befähigung, die ihn stets ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Müller war anwesend. Er hatte ihn begrüßt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die eben nachließ und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er Müllers Hand berührt hatte? Er lächelte ein wenig bestürzt und wandte sich Sömmerring zu, — was ging denn jener kühle, glatte Mensch mit den rätselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Sömmerring, der bebte vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George richteten. Nein, schön war Sömmerring nicht, aber er wurde schön in seinem Gefühl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden Ort zur Heimat gemacht hatte?
„Unendliches habe ich zu erzählen, Freund!“ flüsterte George, die Hand auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flügeltür zu, wie alle Anwesenden. Die acht Männer verneigten sich, als bräche eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrünen Seidenkleide dort vor dem weißgoldenen Hintergrund der Türe stand, starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris, mit den unbeweglich über dem Schoß zusammengelegten Händen die goldene Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hieß, eine rührende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklärten Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, verschafft hatte, — diese Frau rührte kaum die halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfällig auf sie zueilenden General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut sagte: „Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?“
George verspürte ein Rieseln zwischen den Schulterblättern — wie gut kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! — als er jetzt das überpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht verzerrten Lippen und bebenden Nasenflügeln der sonderbar berühmten Marquise von Mombert an sich vorübergleiten sah. Der General geleitete die Dame mit befangenem Tänzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch den Saal zur Türe des Kabinetts. Ein buckliges Geschöpf in goldgesticktem Schoßrock mit einer übergroßen Lockenperücke trippelte hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bücklinge und schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen Bewußtsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb und überdies die Gabe besaß, durch Handauflegen zu heilen, wie er von sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was würde man heute erleben? Und nun wurde es ihm plötzlich wieder ganz bewußt: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, — endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag über in seinen Gliedern gelegen hatte wie unterdrückte Krankheit, schoß auf einmal zusammen und straffte Geist und Körper zu unerhörter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Müller … dachte er sogleich geärgert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte desGenerals folgend, mit undurchdringlichem Lächeln die Kerzen in den Armleuchtern löschte.
„Die Marquise wünscht es so“, hörte er den General im Ton gedämpfter Erregung halblaut sagen. „Indessen ist sie für heute nicht disponiert, uns, wie wir wünschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen. Sie wird uns jedoch“, übertönte er die flüsternde Enttäuschung der Gäste, „Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien unserer Hände und durch Anwendung ihres übernatürlichen Ahnungsvermögens. Ich, meine Herren,“ fügte er hinzu und bewegte abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem Ächzen in einen breiten, tiefen Armsessel niederließ, „ich lege keinen Wert darauf, die Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines Todes. Dies Amüsement scheint mir völlig eine Affaire junger Leute.“ Und mit dem seltsam mißtrauischen, rührenden Forschen alter Menschen nach den Mienen seiner Gäste spähend, — aus der offenstehenden Tür des Kabinetts fiel eine breite Straße Lichtes in den Saal und verbreitete eine schwache Helle, — fragte er: „Nun, wer ist encouragiert genug, den Anfang zu machen?“ Und gleich darauf in gerafftem Ton: „Meine Herren, lassen wir die Dame doch nicht warten!“
„Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete Ahnungsvermögen!“ ließ sich aus einer beschatteten Ecke Müllers Stimme vernehmen und George ballte heimlich die Hand. „Weiß die Dame, wer hier anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein? Unmöglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, — so wollen wir an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunächst einmal den — nun, vielleicht den am weitesten Gereisten — und den zugleich Berühmtesten unter uns feststellen!“ Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil „Eine süperbe Idee!“ einzustimmen, das Schlieffen ausstieß; dieser Mensch legte es darauf an, ihn zu demütigen, — nun gleichviel. Welche Komödie! Da ging man im Gänsemarsch hinüber, Müller an der Spitze. „Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Spötter sitzen …“ ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran? Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George, vermutete? Konnte er so mißkannt werden? Oder kannte er sich selbst so schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise könnte,— könnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in Amerika gegen die Franzosen gekämpft hatte, — er entsann sich plötzlich, von diesem Fremden gehört zu haben. Aber würde er nicht trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jüngere, mit einem Wort, der junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben Minute! Keine Gedanken, würdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin vorüber, sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen regungslos auf dem Buchsbaumtischchen, hinter dem sie saß; sie schien mit zurückgelehntem Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Räucherkerzchen einzuatmen, die Touchet dort über der züngelnden Flamme des Leuchters verbrannte. Jetzt Greve, — jetzt — Richers, — zuckte etwas in den Zügen der Frau? Vorüber! Und George, ein paar Schritte hinter dem Hauptmann, fühlte sich törichterweise erleichtert, zauderte, ging, von Sömmerring leise geschoben, vorwärts und … Es war die Stimme Touchets, die da plötzlich sagte: „Restez ici, Monsieur, Madame a fait son choix!“
Madame hatte gewählt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fühlte sich auf einmal allein, hörte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den süßlichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das Überwiegen des trüb geäderten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen, hellroten Lippen einen blinden, einen übermäßig leidenden Ausdruck.
„Man weiß im Geisterreich von seinen Verdiensten“, sagte jemand im Nebenraum, Gelächter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward behutsam gerückt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.
„Was wünscht Monsieur zu wissen?“ hörte George jetzt die Stimme Touchets mit einer scharfen Süßlichkeit in Ton und Ausdruck. „Die Vergangenheit oder die Zukunft? Ah, — die Zukunft, — nicht wahr!?“
„Die Vergangenheit!“
George stieß es heftig hervor. Es galt eine Probe. Es war nicht ruchlose Neugier, daß er hier stand! Dies im Auge behalten, sich den Zweck nicht trüben lassen!
Die Vergangenheit! Erfahren, ob es möglich war, daß Gott den Menschen würdigte … Und mit einer ungeduldig heischenden Bewegung stieß er der Somnambule seine geöffnete Linke hin und fühlte sie von schlaffen, kühlen Fingern umfaßt, — Fingern, von denen doch einebeängstigend saugende Kraft ausging. George dehnte den Brustkasten in einem seltsamen Gefühl der Schwäche. Wie, — stürzte all sein Blut in seine Hände?
Und während er in diesem fremdartigen Taumel die Augen schloß, fühlend, daß der stumpfe Blick der Frau an ihm emportastete, — war nicht damals am Kap die große Fledermaus so an seiner Brust hinaufgeklettert, die sich in seinem Jabot verkrallt hatte … da hörte er etwas wie einen tönenden Seufzer, — zwei, drei Worte …
Nun, dies war wirklich zum Lachen!
Und er raffte sich zusammen und sah mit halbem Lächeln auf die Sitzende nieder.
„Nun, Madame, beliebt es? Die Vergangenheit, wenn ich bitten darf!“
Eine Schleuse schien geöffnet. Die Worte kamen unaufhaltsam.
„Da ist eine Reise, wenige Tage zurück, — oh, keine große Reise für Monsieur, — hundert Meilen über Land zu fahren, was will das heißen für Monsieur, der die ganze Erde kennt? Eine Reise zu Verwandten, Monsieur? Die Verwandten sind lange in einem Land fern der Heimat gewesen. Ich sehe — Armut. Das ist vorbei. Monsieur hat gearbeitet für seine alten Eltern. Sind es die Eltern, Monsieur? Gut! Aber die Eltern sind nie zufrieden mit Monsieurs Erfolgen. Ist esMadameMère? Nein. Aber der alte Mann … Ich sehe einen Berg. Ich sehe eine bittere Galle. Ich fühle — Neid. — Ah,assez!Monsieur wünscht das nicht zu hören. Es hat wenig Freude gegeben beim Wiedersehn. Streit, — Kummer.Assez!Monsieur ist jetzt sehr allein. Da ist eine Frau, — braune Augen.Prenez garde, monsieur!Monsieur hat Freunde, ah, sehr gute Freunde, — da sindhoheHerren. Die letzten Jahre? Viel Arbeit, viel Reisen, — immer für den alten Mann. Aber — ist es nicht so? — Monsieur haßt den alten Mann …“
George, der seine Hand an sich reißen wollte, fühlte eine Lähmung, fühlte Schwindel, fühlte sich wie unlöslich an diese saugenden Finger geschlossen.
„Oh, wie der alte Mann wächst, je weiter es zurückgeht! Er macht den Himmel dunkel. Viel Wasser, — viel. Oh, welche Länder …“
Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos öffnete sich ihr Griff um Georges Linke.
„Genügt Ihnen dies, — Monsieur?“ flüsterte der Franzose von unten herauf mit einem Entblößen seiner Zähne, einem Hochziehen der Oberlippe, das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.
George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurück und suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich saß und seine Stirn mit dem Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die Erinnerung an jene schlangenhafte Berührung los zu werden, kam er allmählich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wärme, die von seinem Nachbar Sömmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm saß, seufzte auf und wußte wieder: hier, dies war der Salon im Hause des Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte chinesische Vase, leise und geschwätzig pendelte von der Kommode her der Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben verratend, war Sömmerring, ach, derFreund, und an seiner Rechten, Müller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafür, daß er — er selbst war, — oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett, das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht angestrahlt und mit selbstgefälligem Lächeln dem lauschend, was Madame ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll über von jenem rauhen, tiefen Geflüster mit der röchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflüster, das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Stühle von ihm getrennt, der General, man hörte deutlich sein kurzes, mühsames Atmen und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewöhnlich spielte. Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau; freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers, jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehört, sie waren zu Pferde herübergekommen, um die Seherin zu hören, — Angehörige übrigens derLoge „Friedrich von der Freundschaft“, also nicht strikter Observanz, noch nicht, — diese waren ganz Andacht, saßen vorgebeugt da, hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der Seherin auf den Zügen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurück, schüttelten ratlos die Köpfe, griffen sich grübelnd ans Kinn … Gute, junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer unbehaglichen Rührung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht eingedenk, — und doch, — was erinnerte ihn plötzlich daran? Jene ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, — nein, — lächerlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! — Gegenwärtiges? Zukünftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War es also noch nicht genug gewesen, — das alles, was hinter ihm lag? Aber er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von der Erfahrung, daß zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein Schleier waltete, daß kein noch so dünnes Häutchen seine Erinnerung von ihrer Seele schied, — daß hier, — ja, daß hier also in der Tat ein seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der Seelen, — auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, — Vergangenheit, Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart, in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben fließend zu füllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestürzt, müßte dort wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grüner Seide, in der Robe einer halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es mußte strahlen von gesammeltem Lichte, — es war — — seltsam, seltsam! — nichts als ein greifbarer Ausdruck göttlicher Allwissenheit. Ach, aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den gereckten Zügen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Händen der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, — nur ein armes Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter für übermenschliche Stimmen. Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte auszuschöpfen, wenn esmirgelänge, das Trennende auszulöschen, durchzustoßen das Häutchen, zu zerreißen den Schleier, — wenn ichmich nur hingebe, mich strömen lasse, — es gelingt, — es gelingt! Und wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des Selbstbewußtseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, — gleich, — dachte er krampfhaft, — oh, schon hatte er aufgehört, George Forster zu sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel? Einen Schützling von Fürsten? Einen Freund guter Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen stürzte zwischen ihn und sein Bemühen, auszulöschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender Punkt glühenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen ließ, wiederholte eigensinnig: „Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund! Bruder Amadeus!“ und widerwillig gab er nach, ließ ihn wachsen, den Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster, Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier saß, als hätte er Zeit übrig für — müßige Charlatanerien, — nicht wahr, so würde der Vater das nennen, — als müßte er nicht über seiner Arbeit brüten, um Geld zu verdienen, Geld!VielGeld, denn was tat man ohne Geld, ohne Bücher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine Lebensstellung nun einmal nötig machte, also Geld für sich und dann, — aber, o mein Gott, immer noch und endlos, für den Alten, der jetzt dort in Halle saß, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, daß die Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun außerordentlich viel besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!
George rückte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er schauderte zusammen, es war kühl im Saal, das Feuer im Kamin war niedergesunken. Eben kehrte Sömmerring von der Seherin zurück, das Lächeln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er für unerklärliche Fälle vorrätig hatte. „Rätselhaft!“ raunte er George zu, indem er sich niederließ, „sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, — wie du!“ Dieses „wie du“ stand als Motto über Samuel Sömmerrings Tagen, seit er George kannte. Indessen ging eine Bewegungdurch den Kreis und es ward festgestellt, daß niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.
„Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?“
Der General spähte nach den Mienen seiner Gäste und verweilte prüfend auf den ihm zunächst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie: „Unübertrefflich!“ worauf Richers, der ein Schotte war, regelmäßig aus tiefster Seele „Rather!“ antwortete. Dann, mit leisem Ächzen seine schwerfälligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstraße nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand ernüchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben, die Marquise, hochmütig und erschöpft ins Leere blickend, beachtete ihn nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnähe; freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene Gottesgrüße und es war ohne Zweifel eine ganz alltägliche Person, die dort ein wenig mürrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Würde sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen, ihnen das Geisterreich auftun? — oh, sie konnte ja sehen, daß die Herren erschüttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich weder Zweifler noch Spötter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in den Salon hinein gewandt sprach, lösten unterdrücktes dankbares Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck hindurchschritt, während Touchet eilig und widerlich freundlich Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehörte jene Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und trieb er Raubbau mit ihren Fähigkeiten? George erlag dieser Vorstellung einen Augenblick, indem er nach der Tür starrte, hinter der die Fremde verschwunden war. Dann begegnete er Müllers Blicken, in jenem unbegreiflichen Lächeln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer für ihn hatte. Er raffte sich zusammen. „Ein wunderliches Schicksal,“ sprach der andere ihn an, „dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, — eine interessante Demonstration!“
„EineEmpfindung ist zehntausend Demonstrationen wert!“ gab George kalt zurück. Wo war Sömmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal zurück zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gestützt, tief nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und müder Mann. Die Seelen werden ihrer Masken müde, wenn das Leben sich neigt, ging es George schwermütig durch den Sinn.
Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. „Orion!“ dachte er wie ein Gebet. Und nun, — es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen halber. Er ergriff Sömmerring beim Arm.
„Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß sie dies alles nicht wissen konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt“, hörte er hinter sich die Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. „Es ist ein Phänomen, ein unerhörtes Naturspiel …“
„Was sagst du, George?“ murmelteSömmerring. „Ich komme nicht darüber hinweg, daß die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner Jungfrauen gebunden sind …“
„Oh, mein Wertester!“ sagte Müller und wandte sein rätselvolles Gesicht über die Schulter zurück, George mit seinem traurigen Lächeln streifend, „sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?“
Prizier lachte zischend. „Schäker!“ meckerte er, „ein Schäker, das, der Professor!“
„Ich weiß es nicht“, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und sich Sömmerring zuwendend. „Vielleicht haben wir erleben sollen, daß das Gefäß gar nicht dürftig und demütig genug sein kann, um das heilige Leuchtöl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gefäß ist nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind wir nicht einfach genug, Freunde?
„Wir treiben viele KünsteUnd kommen weiter ab vom Ziel …““
„Wir treiben viele Künste
Und kommen weiter ab vom Ziel …““
Er sprach es träumerisch und wie für sich allein. Müller hatte sich Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten Straße. Der Fluß dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenstersäumten das jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glühwürmer, im Nebel hob sich gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.
„Ja, ich habe meinen Beweis!“ raunte George und preßte den Arm des Freundes an sich, „was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben. Aber, — selig auch, der gewürdigt wird, zu sehen!“
Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern zurück.
„Es geht mir ähnlich, wie dir“, murmelte Sömmerring erschüttert.
„Es ist unmöglich, daß sie meine letzten Jahre kannte,“ fuhr George leidenschaftlich fort, „die Plackerei und Mühsal für den Vater seit der Heimkehr aus der Südsee, — all die Reisen für ihn, — und nun sein malcontentes Benehmen, seit er glücklich in Halle installiert ist. Nun, aber du weißt, ich frage nicht nach Dank!“
Dies letzte gehörte nicht zur Sache. Er stieß es hitzig heraus und schüttelte Sömmerrings Arm.
„Ich weiß, Teuerster, ich weiß …“
„Oh, nichts weißt du! Sprachen wir uns denn seit meiner Rückkehr aus Halle? Den Abgrund hat dies Wiedersehn zwischen mir und ihm aufgerissen! Aber wer ahnte das schon? Welche Seele hätte ich auch nur ganz von ferne einen Blick in meine tun lassen? Nun, diese Frau sagte es mir: Ihr haßt den alten Mann … Sömmerring, Sömmerring, wie wurde mir da!“
Er stieß einen Ton aus, lachend, keuchend. „Guter Gott!“ Sömmerring suchte vergeblich Worte. George beruhigte sich.
„Du siehst mich exaltiert“, sagte er, die Augen zum Firmament erhebend. „Oh, Freund, ich bin so über die Maßen glücklich, wieder hier zu sein! Ich war in der Wüste. Ich fand nicht die mindeste Rezeptivität für die Begriffe, die unsere Glückseligkeit ausmachen. Vielleicht noch für die physikalische Seite der Sache. Gold machen können, — o ja! Nicht übel! Aber — aber — Nun, du verstehst mich. Ich hatte dort keinen Augenblick der Sammlung, die Zeit, die ich unserm Herrn zu weihen pflegte, mußte ich mich in einfältiger Gesellschaft ennuyieren und über ihre Späße und Zoten lachen. Tagsüber sortierte ich die Herbarien, wie als Junge. Der Geist verhalf mir zu Demut, Geduld und Liebe. Meine Schwestern …“
„Halt!“ flüsterte Sömmerring in diesem Augenblick und umkrampfte seine Hand. „Halt! Schweige!“
Sie waren stehengeblieben. Georges Herzschlag setzte einmal aus. Eine vermummte Gestalt, übermäßig groß, wie es schien, aber geduckt und den Kopf zwischen hochgezogenen Schultern bergend, tat schleichende Schritte an ihnen vorüber, die vom steigenden Monde fahl beleuchtete Häuserwand entlang, ihren grotesk verkürzten Schatten mit sich führend wie einen widerwillig gebändigten üblen Geist. Sie überholte die Freunde, um lautlos in die Schwärze eines Seitengäßchens zu tauchen.
„Manegogus!“ flüsterte George mit versagender Stimme. Sie schritten weiter, die Arme voneinander gelöst, die Köpfe gesenkt, wie ertappte Sünder. Einmal blickte Sömmerring scheu zurück. „Wie lange mag er hinter uns gegangen sein?“ murmelte er, „man hört kaum einen Schritt in dem frischen Schnee.“
„Du vergißt, daß es schwer zu verstehen ist, was vor einem Hergehende sprechen!“ redete George hastig. „Außerdem sprachen wir nicht laut. Wir sprachen auch nicht von Ordensdingen. Oder, ich bitte dich!sprachenwir von Angelegenheiten des Zirkels?“
„Nein, nein!“ stieß Sömmerring beteuernd hervor und wandte wieder den Kopf zurück.
„Du siehst es, du siehst es!“ George faßte mit der Hand an den Kopf. „Überall. Auf Schritt und Tritt! Wußte er von dieser Séance? Natürlich, er wußte es! Mein Gott, aber dies ist mehr als natürlich.“
Er blickte hinüber nach dem Museum Fridericianum, dessen Fassade drüben neben der schwer gegliederten Masse des Schlosses in ihren edlen Verhältnissen unwirklich dastand wie ein vom Monde geborener Traum. Irgendein Sehnen nach jenen Kammern und Sälen voller Realitäten, nach reinlich geordneten Sammlungen, nach fest umrissenen Arbeitsstunden rührte ihn in der Tiefe des Unbewußten an, — ein junger Baum, der Zucht des Gärtners gewohnt, wasweißer viel, wenn der Stab ihm plötzlich fehlt und er in jedem Winde schwankt? George Forster seufzte auf.
Sie stampften den Schnee von ihren Stiefeln und betraten das Haus des Kammerherrn, dessen ächzende Torflügel ein Bursche vor ihnen aufgerissen hielt. —
„Ah, auf ein paar Worte, meine Herren, — mein teurer Freund …“ der Kammerherr war eilig und ein wenig erhitzt in das Vorzimmer herausgekommen, wo George und Sömmerring ablegten. Der Dienerschien beauftragt gewesen zu sein, ihr Eintreffen zu melden, jetzt zog er sich zurück.
„Ich bin untröstlich!“ fuhr Canitz aufgeregt und gleichwohl zerstreut fort, indem er seine Erscheinung im Spiegel musterte und unzufrieden an seinem Jabot nestelte, „ich muß auch Sie bitten, heute abend alle Angelegenheiten des Bundes, speziell unsres Zirkels, falls denn die Rede daraufkommensollte, nur in ganz allgemeiner Weise zu berühren. Wir müssen davon absehen, die Herren Richers und Greve gerade heute zu gewinnen. Mit einem Wort, — wir sind nicht unter uns!“
Er rannte mit kurzen Schrittchen zu einer Flügeltür, öffnete halb und rief in das zarte Klappern und Klirren von Porzellan und Silber hinein: „Mon dieu, Emil. Er hat doch das Couvert für den Herrn Grafen so aufgelegt, daß S. Gnaden zu meiner Rechten und zur Linken des Herrn Professors Forster zu sitzen kommen? Ah, sehr gut so!“ Schloß die Tür wieder und erklärte mit unbeteiligtem Schmunzeln:
„Jawohl, lieben Freunde, — ein junger Graf Puschkin aus St. Petersburg, an mich rekommandiert durch die Fürstin Gallizin, ja, durch die Charitin Amalia! …“ Er lächelte gerührt und fügte hinzu: „EinjungerHerr! Mit seinem Gouverneur auf Reisen. Er brennt darauf, von der Südsee zu hören, Allergelehrtester!“
Indem er nun, als vergäße er sie vollkommen, die Freunde wieder verließ und hinter der Türe verschwand, aus der er gekommen war, tauschten George und Sömmerring einen Blick, wobei einer von ihnen „Damned!“ murmelte. „George,“ sagte Sömmerring in diesem Augenblick einer plötzlichen Erinnerung nachgebend, — „die Marquise — was sagte sie als erstes Wort zu dir? Du fuhrst zusammen, ich sah es.“
George lachte kurz auf. „Nonsense!“ rief er aus, tat mit seinen Handschuhen einen Schlag durch die Luft und ging dem andern voran in das Empfangszimmer. —
„Er hat Weihrauch auf den Lippen und Säure im Gemüt“, dachte er kurz darauf etwas ergrimmt, als er über die Schulter des jungen Russen blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz über den Hofstaat des Königs O-Tu den Augen Müllers begegnete, der dort hinter dem Rücken des Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen gleichgültig freundlich anblickend.George empfand Kritik in jedem Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die Beschäftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es für ein Recht des Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er, George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, —gesehen, meine Herren, der nicht nur ein blasses Bücherwissen hatte wie Sie alle! — hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen halbasiatischen Würdenträger über die Eigenschaften der Südseeinsulaner, entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmännischen Plauderton, den ihm die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies ein Anlaß, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hängen zu lassen, oh, nur für eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fühlte entrüstet, daß ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach über dem Gedanken, daß er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Müller bemerkt habe und daß dies im Grunde eine sehr hübsche Farbe sei, nahm erschrocken wahr, daß die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, daß Herr von Hippel, der Gouverneur, wunderlich lächelte, — wußte, daß er sich wiederholt habe, stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.
„Priziers Vortrag fällt also ins Wasser?“ fragte ihn Müller, zu seiner Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte und der Graf Puschkin für Minuten völlig von Canitz in Anspruch genommen wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhöchste Verwandte Höchstdesselben auspackte.
„Mon dieu, was für ein verlorener Abend!“
„Ich halte es nicht für Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit Menschen zuzubringen“, gab George steif zurück, sich nicht bewußt, daß seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fühlte. Er sah auch nicht, daß der andere lächelte, denn er vermied es, ihn anzublicken. „Mag sein, daß ich meine Arbeit nicht so hoch einschätze“, fügte er kampfbereit hinzu.
„Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster?“ fragte Müller herzlich, den Ton der Antwort völlig überhörend.„Ich denke doch, wir würden manches auszutauschen haben. Ich würde sagen, bringen Sie Sömmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich leichter als zu dreien.“
„Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi?“ fragte er nach einer Weile, als George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift hatte.
„Ich danke Ihnen, ja,“ sagte der Gefragte nun hastig. „Er ist mit den Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, — ein Paradies der Freundschaft!“
Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lächelte Müller nun freimütig an. „Der Freundschaft Angedenken!“ sagte er und hob den grünlichen Römer mit einer schwärmerischen Gebärde, zugleich Sömmerrings Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Sömmerring, dort drüben zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick längst in Bereitschaft gelegen zu haben. Müller, der bedächtig getrunken hatte und sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise widmete, sagte langsam: „Ich schätze den Menschen Jakobi ungemein. In bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.“
George fuhr auf.
„Goethe“, sagte er schnell, „ist ein großes Genie und ein kaltes Herz, ohne Hingabe und ohne Treue, unfähig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein Herr, und der „Woldemar“ entsprang einem wärmeren Himmelsstrich.“
Er sah Müller hochmütig an, seine Lippen bebten. Müller war ein wenig erschrocken. Er machte „Oh!“ und wandte sich Herrn von Hippel zu, gerade als der Graf, von dem der Kammerherr endlich erschöpft abließ, um mit dem Ausdruck eines rosigen apoplektischen Mopses vor sich hinzustarren, seine Hand behutsam auf Georges Ärmelaufschlag legte.
„Bitte, Herr Professor,“ sagte er leise und zutraulich, wie ein schmeichelndes Kind, „unterrichten Sie mich ein wenig über das Wesen derMaçonnerie und …“ er ließ einen geschwinden Blick zu seinem Gouverneur wandern und senkte die Stimme noch mehr, — „und — verwandte Dinge. Sie sind Maurer, — welcher Mann von Welt wäre es nicht?“
„Sie befehlen, Graf“ — George gedachte der Warnung des Kammerherrn und war einen Augenblick verwirrt. Dann faßte er sich. In der Tat, — Maurer, — wer war es heutzutage nicht?
„Allerdings gehöre ich einer Loge an,“ antwortete er zurückhaltend soweit es die Artigkeit zuließ, „diese Dinge aber sind so allgemein, daß ich Sie nicht damit ennuyieren darf. Denn ohne Zweifel gehören Sie selber der Verbindung aller Guten zum Guten an?“
Der junge Mann, knabenhaft noch, blaß über seinem dunkelgrünen goldbordierten Leibrock und unter dem Puder der Haartracht, senkte die gewölbten Lider und schob die volle Unterlippe unzufrieden vor. Irgendeine Erinnerung sang in George auf, — ach, — wo doch nur? Richtig, — jener vornehme Knabe in der Petersburger Eremitage, — ihm sah der Graf ähnlich. Mein Gott, — dies lag bald zwanzig Jahre zurück. Er machte eine fast zärtliche Bewegung gegen seinen jungen Nachbarn: „Belieben Sie nur zu fragen, Graf,“ sagte er, „meine Erfahrung steht völlig zu Ihren Diensten!“
Der Graf, ohne aufzusehen, die Hände ungeduldig bewegend, sprach nun schnell und leise: „Ich bin Mitglied der Loge zu den drei Weltkugeln in Berlin. Ich bin aber nur ein einziges Mal mit Hippel dort gewesen, eben, als man mich aufnahm. Immerhin, ich bin im Bilde, was die Maurerei angeht. Jedoch, mein Herr Professor,“ — jetzt blickte er George fest an und sprach lauter, als er wahrscheinlich beabsichtigte, — „was ist es mit der strikten Observanz? Was ist es mit der Rosenkreuzerei? Wozu dient die Alchemie? — Dies alles wünsche ich zu erfahren,“ endete er in scharfem Flüsterton und behielt dabei Hippel im Auge, der jetzt von Knigge verfallen war und seinem Zögling keinerlei Aufsicht schenken konnte. Müller, von seinen beiden Nachbaren im Stich gelassen, saß mit seinem gewöhnlichen Lächeln unbeteiligt da, George versuchte, mit seiner Person die Worte des Grafen aufzufangen, war aber überzeugt, daß Müller zuhörte und alles verstand. „Sie setzen mich in Verlegenheit,“ brachte er hervor, „ich wüßte nicht, von welchem Belang diese Dinge für Sie sein könnten.“ Er überlegte, durchaus im unklaren darüber, welche Art von Aufklärung hier erlaubt und zulässig sein möchte.
„Da unser Freund in Verlegenheit zu sein scheint,“ hörte er da zu seinem Schrecken Müllers Stimme reden, machte eine Gebärde, als wollte er Schweigen gebieten, ließ mit einem hilflos empörten Blick zu Canitz hinüber aber die erhobene Hand wieder sinken, — „so gestatten Sie mir, Graf, Sie ein wenig zu unterrichten.“
Müller lächelte fast schalkhaft, er saß zurückgelehnt, nur den Kopf ein wenig vorgebeugt und seitlich gewandt, seine schönen Hände, diemit den Flächen nach oben auf dem Tischtuch lagen, bewegten sich zuweilen leicht.
„Die Alchemie, Graf, nach der Sie fragten, wenn mein Ohr mich nicht täuschte, ist eine Wissenschaft, deren Beherrschung jeder von uns sich angelegen sein lassen müßte, denn sie geht darauf aus, uns armen Sterblichen alles zu verschaffen, wonach unsere innersten Wünsche stehen, Gold nämlich im Überfluß und langes Leben durch die Erfindung desAurum potabile, das einstweilen nachweislich nur Moses, Elias und Esra besessen haben. Ist’s nicht so, meine Herren?“
Er sah sich unbefangen-behaglich im Kreise um und schien sich dessen gar nicht bewußt zu werden, daß ein verdrießliches Schweigen seinen Worten folgte, während nun die Diener Teller wechselten und den neuen Gang herumboten. Erst als sich die Türen hinter den Aufwartenden geschlossen hatten, denn es gehörte zu den Gesetzen des engeren Zirkels im Hause des Kammerherrn, daß die Speisenden während der Tafel sich selbst bedienten, brach Canitz in die Worte aus:
„Ich bin auf das peinlichste überrascht, Sie, mein Wertester, dem ich mit Fug eine gerechte Mäßigung in allen Fragen der Wissenschaft meinte zutrauen zu dürfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu mit Frivolität handeln zu hören!“
„Mit Spötterei!“ fiel der ehrliche Sömmerring über den Tisch hinüber ein.
„Tja, tja …“ keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoßen des Kopfes und blickte Müller mit vorwurfsvoller Erwartung an.
„Oh!“ machte Müller liebenswürdig erstaunt, richtete sich gerade auf und wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu. „Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben nicht gegenwärtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin überhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.“
„Niemand“, fügte er unschuldig lächelnd hinzu, „möchte das Geschenk einer solchen Wunderessenz lebhafter begrüßen als ich. Denn, — meine Freunde, — ich liebe das Leben!“ Er hob sein Glas und trank dem Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lächeln Bescheid tat, einem Lächeln,das er nun mit der breiten weißen Hand gleichsam von seinen Zügen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit seiner etwas fetten Stimme bedächtig sprach:
„Moses, Elias und Esra mögen zuversichtlich in der richtigen geistigen Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flüchtigen Geist zu materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels,Lapis philosophorumzu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf den Körper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren,“ und er wälzte bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve, zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaßen, „’s ist der Geist, — der flüchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist ist’s, der lebendig macht …“ er aß nachdenklich und hingebungsvoll einen Bissen, — „ja, ja, und das Fleisch ist schwach.“
„Rather!“ bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine schräg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem er das meiste Vertrauen zu haben schien. „Die Herren,“ sagte er in seinem harten rollenden Französisch, „scheinen der Ansicht zu sein, daß die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte,Monsieur le Professeur. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?“
George hantierte hastig mit seinem Besteck. „Graf,“ sagte er mit unverhältnismäßiger Inbrunst, „die Goldmacherei ist eine Nebenfrage für den wahrhaft Strebenden.“
„Oh! und ich denke es mir so hübsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro gehört? Er soll in St. Petersburg gewesen sein …“
„Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der schwarzen Magie, — ohne Zweifel …“ rief Sömmerring mit etwas atemloser Stimme über den Tisch hinüber, sah errötend um sich und blieb mit einem hilfesuchenden Blick an George hängen. „Ich meine nämlich …“
George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Müller ins Auge fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung überfließend: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, — so wird euch solches alles zufallen. DenSeinengibt es der Herr schlafend. Alles ist euer, — ihr aber seid Christi!“
Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis geschleudert zu haben schien und die für eine Minute körperlosstrahlend von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmütigen Lächeln sagte: „Der Herr Professor ist bibelfester als man das heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen pflegt.“ Und, über den Tisch gelegt, begann er, Sömmerring, der ihm, seiner westpreußischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurländischen Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzählen, die auf einen derben Scherz hinauslief.
„Rosenkreuzerei,“ sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten wieder um den Tisch gingen, — „wart’, wart’, Freund, — was hab’ ich doch davon gehört? Nichts Gutes, wie mir scheint!“
„Sie sind ohne Zweifel unterrichtet“, gab Knigge gleichmütig liebenswürdig zurück.
„Bitte, mein Herr“, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller gedeckt, jetzt leise zu Müller, ihn aufmerksam mit glänzenden Augen ansehend: „Ich habe gehört, daß es in den Kreisen der Rosenkreuzer Zauberei und Teufelsanbetung gebe …“
„Ach, mein Graf, —“ Müller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an, — „was hört man nicht alles in dieser bösen Welt! Zauberei und Teufelsanbetung! Ich wollte, ich hätte einen Rosenkreuzer bei der Hand, um Ihnen ganz seine Ungefährlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswürdigen Wirt! So und nicht anders würde ein Rosenkreuzer auch aussehen, — oder etwa wie der wackere Doktor Sömmerring dort drüben, wenn schon imOpus mago-cabbalisticumzu lesen steht, daß der „doctor-Titulgleichfalls ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei“.“
„Ich verstehe nicht ganz“, warf der Graf mit verklärtem Lächeln ein.
„Ist auch nicht nötig, ist ganz und gar nicht nötig, Verehrter, denn dasMago-cabbalisticumkann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie dieAurea catena Homeri. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie wünschen über die Rosenkreuzerin praxiszu hören, und da sage ich Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer für die Brüder der alten Pythagoräer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die Rosenkreuzer von heute höchstens Schafe inWolfskleidern, — sie beißen nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte sind, so will ich mich zum Schluß ganz kurz und klar fassen: es ist zu viel Wasser in diesen Wein geschüttet, die Rosenkreuzerei von heute ist ein öffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Bürger.“
„Ich weiß nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei und den Qualitäten des Bürgertums zu wünschen scheinen, mein Werter“, sagte Prizier verschnupft, als fühlte er sich persönlich getroffen.
Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte von oben herab: „Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht, mein Herr. Mir sind böse Dinge zu Ohren gekommen, die in den Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen.“ Er hob die Hand vor den Mund und raunte dem Freiherrn von Knigge über den Tisch hinüber ein Wort zu, das mit Achselzucken aufgenommen ward. Müller wandte sich kalt ab.
„Magie im höhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen!“ Der Kammerherr sprach böse und kurzatmig und sah mit geröteten Augen scheel nach Müller hin, um dann unruhige Blicke über seine Gäste wandern zu lassen.
„Ich weiß nicht, warum wir uns alle so exaltieren,“ sagte jetzt Müller, irgendwie gelöst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lässige Haltung auf und faßte Sömmerring lächelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine Gesichtsbildung diesen Ausdruck zuließ. „Wir sind auf dem Wege, über einer harmlosen Frage unseres wißbegierigen Gastes einen Wortkrieg zu entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung über das Wesen einer Gesellschaft, während wir es tatsächlich doch nur über ihre Erscheinungsformen sind.“
„Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrücken, Herr Professor,“ sagte Herr von Hippel einigermaßen mürrisch. „Die Institution der Maçonnerie ist eine ehrwürdige, sanktioniert durch den Beitritt allerhöchster Herren und Souveräne. Was darüber ist, das — soll vom Übel sein …“
„Die Institution der Maçonnerie,“ sagte Müller und blickte angestrengt auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldeneFunken standen in seinen braunen Augen, „die Institution der katholischen Kirche, die Institution des Luthertums, — und — wie mich deucht, — auch die der Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine Freunde, —“ er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schüchternen Lächeln im Kreise um und sprach sehr sanft, — „der erste Orden war der Orden der Brüder vom reinen Willen. Er war — und erist. Er hat keine Gebräuche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehört, erkennt den Bruder am Klang der Stimme oder am Lächeln des Herzens, — ich weiß nicht, — aber verbunden über alle Grenzen und Weiten sind die Brüder vom reinen Willen …“
„Schwärmerei eines Freigeistes!“ murrte Prizier.
„Sie unterschätzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein poetischer Freund!“ warf von Knigge mit einem rätselhaft hohnvollen Ausdruck über den Tisch, „moralische Übungen sind für die Seele erfunden wie der preußische Drill für den Körper. Gesetzt den Fall, — nun, aber ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener — reine Wille ein Präservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?“
„Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben, sondern nur Menschen, — Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral, Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, daß Sie sich damit auf der Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?“ Sömmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern vergessend und überwindend. Und indem nicht Müller, sondern der Kammerherr die Frage auffing und nachdrücklich über den Wert der Demut, der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnöde Welt hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Müller an George, der ihn stumm anblickte, und sagte mit unterdrückter Stimme: