„Die unsichtbare Bruderschaft,Zu der ich auch gehöre,Hebt Nacht für Nacht zu neuer KraftMein Herz durch ihre Chöre …
„Die unsichtbare Bruderschaft,
Zu der ich auch gehöre,
Hebt Nacht für Nacht zu neuer Kraft
Mein Herz durch ihre Chöre …
Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit gereister Freund. Weiß Gott, woher er stammt …“
„Beachten Sie dies, Graf, — und —“ zu Richers und Greve gewendet, — „auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen haben, — bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens — nun, meines Wissens! ich habe —“ Canitz ließ seine Augen wandern, „nehmen Sie an, ich hätte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht hätte, — also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert alles zu übersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor uns liegt.“
Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gestützt und sich gegen seine Gäste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.
„Innige Vereinigung im Geiste mit diesem höheren Wesen,“ sprach der Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich hinblickend, „das ist’s, was der Jünger anzustreben hätte. Und der Weg dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den Brüdern, beständige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit und — hm, hm, —“ er starrte nachdenklich ins Leere, — „endlich kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung der Natur!“ schloß er triumphierend und sah sich nach Forster um, — „Nun, ist’s nicht so, mein Freund?“
In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im vertrauten Kreise gehalten hatte.
„Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet,“ sagte Herr von Hippel, der ein wenig hastig neben seinen Zögling getreten war. Der Kammerherr meckerte vergnügt.
„Eine kleine Tabagie, meine Herren,“ rief er aus, „wie wär’s mit einer kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der großen Fragen!“
Bierkrüge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einemkahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und Greve heran und brachte das Gespräch auf Pferde. Canitz saß mit Knigge und Prizier beim L’Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und Sömmerring bildeten stumme Zuschauer. Müller lehnte an der Wand unter einem Bilde des preußischen Königs und sah melancholisch und angewidert aus. Wieder mußte George an den Petersburger Knaben denken, — warum nur? War’s die Vorstellung des Königs, von dem jener Knabe damals zu ihm gesprochen hatte,— ja, und dies, daß er damals so sehr gewünscht hatte, der Knabe möchte zu ihm sprechen? Währenddessen war von Hippel, wohl in der Überzeugung, seinen Zögling endgültig und wirksam in die zulässigen Bahnen zurückgeleitet zu haben, an den Kartentisch herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen, rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen Erben zu hüten. Und, indem er sich selbst, von Sömmerring gefolgt, der Ecke näherte, in der die jungen Leute saßen, war er bemüht, sich in der Überzeugung zu bestärken, daß er seinen Platz aus Interesse für den Russen wechselte, — und nicht etwa, weil Müller jetzt dort an dem holländischen Kachelofen lehnte, einer Erzählung Greves zuhörend. Und, — oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule in Hannover, der der Knabe mit glühenden Ohren lauschte! Nein, hier in dieser Ecke unter dem tröpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder und ein ganz klein wenig nach Stall roch, — denn wie schon erwähnt, der Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau herübergekommen und saßen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in Reithosen und hohen Stiefeln, — hier war im gedämpften Ton der Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius erzählt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des Steins der Weisen gewesen war.
Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das nie für wahrscheinlich gehaltene Märchen von Blutzeugen erhärtet hört, wandte sich an Müller: „Und Sie,monsieur,“ sagte er dringlich, — „ein Mann der Wissenschaft, — Sie halten es auch für möglich, Gold zu machen?“
„Mein Gebiet, Graf, ist das der Weltgeschichte. Ich habe zu hören und — aufzuzeichnen. Indessen, — hier stehen zwei Männer vom Fach, — zwei Naturforscher. Nehmen wir ihr Urteil an!“
Ja, Müller lächelte. Und gequält wiederholte George oft gesprochene Worte, deren Inhalt auf einmal einen seltsam schmalen Geschmack hatte —: „Die Wissenschaft in der Hand jenes Glaubens, der Berge versetzen kann, — was vermöchte sie nicht, meine Herren?“
Eine halbe Stunde später unter den kalt funkelnden Januarsternen zwischen Sömmerring und Müller eilig durch die Gassen schreitend,sagte George mit einem etwas gewaltsamem Atemholen: „Die Brüder vom reinen Willen, — ich habe nicht ganz verstanden, — ist es eine Institution?“
„Mon dieu, — nein, Freund, — Sie haben nicht verstanden.“ Müller lachte kurz auf.
„Also, —“ George tastete, — „eine Idee, — ein Einfall — ein Wunsch?“
„Es gibt Ideen mit dem Charakter von Tatsachen,“ sagte Müller, wieder mit jenem ungeduldigen Auflachen, indem er den Kragen seines Mantels hochschlug. „Aber wenn Sie es denn gesagt haben wollen: die Brüder vom reinen Willen sind die Menschen, denen das Gesetz ihres Lebens in Harmonie mit dem Gesetz des Universums eingeboren ist, — und wenn es Grade unter ihnen gibt, so mögen die unter ihnen die größten sein, die dieses Gesetz in sich am reinsten vernehmen. Aber ich weiß nicht, ob wir uns verstehen …“
George und Sömmerring schwiegen. Müller mochte Mißtrauen fühlen und seufzte ungeduldig auf. Diese drei Männer, alle noch diesseits der Grenze der Dreißiger, schritten miteinander durch die Nacht, von den durch sie kreisenden Strömen verwandter Ideen und Leidenschaften mit aller Heftigkeit der Jugend angezogen und abgestoßen.
„Sie wissen nichts vom Bunde und ahnen nicht, wie sehr Sie im Herzen der Unsre sind!“ Georges Stimme schwankte ein wenig und klang werbender, als er selbst es vielleicht wünschte.
Müller zögerte.
„Ich empfinde die Schönheit des Bundes,“ sagte er vorsichtig, „und glaube, daß ihm anzugehören die moralische Glückseligkeit stärkt. Lassen wir die Chimie beiseite, — auf sie kommt es nicht an …“
„Oh, ein wahres Wort!“ rief Sömmerring begeistert.
„Freund!“ George legte eine bebende Hand auf Müllers Arm. „Sie werden der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!“
Er nahm Schweigen für Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel, die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreißend. Sie erreichten das Haus, in dem er wohnte. Er schloß auf und ohne weitere Verabredung folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende Kerze ihm die blasse gespannte Miene Sömmerrings, die verschlossene Müllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mäntel.George räumte mit fliegenden Händen einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und entzündete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein Kruzifix aus Elfenbein, das er enthüllte und aufstellte. Mit fremder Stimme sprach er: „Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen …“ Und zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hände auf die Kante des Tisches gestützt, begann er zu beten.
Vom Flüstern anschwellend zum gedämpften Schrei riß seine Stimme sein Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete. Er enthielt sich keines Geständnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus Hingerissenheit, — flüsternd fiel Sömmerring, stammelnd fiel Müller ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und ausstoßend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine steile Rauchsäule des Opfers. Diese Drei, die Häupter zurückgeworfen, die Augen verzückt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort knieten, sich haltlos in den Hüften wiegend im Sturm der Anbetung — sie wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hände lösten sich, tasteten nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern, aneinandergelehnt, Schläfe an Schläfe fühlten sie eine unfaßbare Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachließ, wie er mählich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen getrübt.
Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah, war es ihm klar, daß dies nicht der Weg gewesen war, Müller zu gewinnen, Müller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernüchterung überkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmütig gesellschaftlichen Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.
Sie sprachen nicht mehr viel. Fröstelnd, die Kerze in der Hand, begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wände glitzerten von Eiskristallen, der Atem rauchte.
„Noch eines war’s, was ich fragen wollte, Freund,“ sagte Müller auf den letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. „DieSeherin, — sie hatte ganz im Anfang ein Wort für Sie, das Sie zusammenfahren ließ, — was war es, — darf ich es wissen?“
„Ach, Teuerster!“ George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter, vor sich hinlächelnd, während er an dem Schlosse der Haustür hantierte. „Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde ridikül.“
„Und was war es, — wenn ich doch fragen darf?“
George hielt die Tür auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein schmales Gesicht leuchtete geisterhaft blaß.
„Sie sagte, — nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, — sah mich an und sagte — zu mir:Mon pauvre ami, — Au revoir à Paris!“
Wann war er nur je erwacht,ohnediesen Druck zu spüren, diesen dumpfen, fürchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner frühesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, — vielleicht in den ersten Wochen der Südseereise, — jene Morgen jedenfalls, die er sorgenlos begrüßt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal das Übliche zu sein schien.
Was für Gestirne, dachte George an diesem Märzmorgen verzweifelnd, während er sich überstürzt ankleidete, was für Gestirne mag ich über mir haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit fürchterlicher Klarheit, das war dieses: sein Unglück kam nicht mehr von außen her! Früher war es, — nun ja, er stöhnte auf und riß an seinen Schnallenschuhen, — früher war es eben der Vater gewesen, der diesen Druck ausübte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte. Schließlich, in diesen letzten Jahren, der Vater — und seine Schulden; vielleicht auch — der Vater und seine unverhüllte Eifersucht auf die Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war, diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, — eben noch, bei seiner Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken lassen, daß er, George, mit seiner Bearbeitung und Veröffentlichung der Südseereise im Grunde schmarotzt habe — schmarotzt! „Ich habe die Südseereise beschrieben,“ murmelte George vor sich hin, knöpfte an seiner Weste und lief erregtin dem engen Alkoven auf und nieder, — wohl, er wußte ganz gut, daß er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu werden vermochte, „ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen, hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten Engländer, — Cook nehme ich aus, — Herrgott, verzeihe mir den Fluch …!“ (Er zog ein Notiztäfelchen und bemerkte sich unter vielen Aufzeichnungen ähnlicher Art: den 28. März frühe, geflucht.) „Weil also die Engländer ihm seine eigene Arbeit zu veröffentlichen verboten. Ich habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Fleiß und meine Konnexionen Unabhängigkeit und die gesicherte Position in Halle verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt, schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln dürfen, wer hat Tagebuch geführt?“ Er lächelte böse und sah sich indem Spiegel.
„Sie werden weiterhin für Ihren Herrn Papa arbeiten dürfen, Mr. Forster,“ sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und ebenmäßigen Figur da im Glase, die ihn so tödlich ernst aus kummervollen grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der Vater bat, o nein, der Vaterersuchteum 150 Gulden. Es war nicht der erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George, woher?
Und nach einem Augenblick des Händeballens, nach einem krampfhaften Schütteln, das seinen ganzen Körper durchlief, zog er wiederum das Notiztäfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung: Gehaßt!
Indessen, — was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so würde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde tiefer als Mückenstiche? Nein, nein, — das Schlimmere war es eben, daß sein Leid nicht mehr durch äußere Verhältnisse kam, daß er stumpf geworden war gegen das beständige Rütteln des Schicksals, — das Schlimmere war, — daß er sich selbst zum Leid geworden war und — das. Er überschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit trostlosem Blick auf das Durcheinander von Büchern, Schriften und wissenschaftlichen Geräten, das Tische, Stühle, ja, den Fußboden bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschluß, keine zusammengeraffte Arbeit war noch möglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein Abbild seines Kopfes. So dünkte es ihn. Erblieb an der Tür stehen, lehnte die Stirn an den Rahmen und überließ sich der Ratlosigkeit.
Die Sache war diese: George Forster, — Forster der jüngere, der Forster, den älteren, an europäischer Berühmtheit zweifellos überragte, — dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den Büchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Händen von Fürsten, Weltleuten und Damen zu finden war, — dieser liebenswürdige Mann, dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persönlichkeit noch erhöhte, den man allenthalben, — ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an diesen und jenen kleinen Höfen, — verwöhnt und umworben hatte, diese Freundesseele, die man mit Betrübnis scheiden sah, wo immer sie je ihr sanftes Licht gespendet hatte, — George, kurzum, dem Joche entronnen und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden Erkenntnis gegenüber. Wo war der Mann, für den er sich gehalten hatte? Wo war der Dalrymple Ebenbürtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar, von jener biegsamen und stählernen Schaffenskraft, von jener durchsichtig arbeitenden Gehirntätigkeit, — dieser, der in einer Atmosphäre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfüllte, jede Viertelstunde ausnutzend für den großen Zweck der eigenen segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschöpf hier unter dem Türrahmen, das bleich aussah und trübe, umschattete Augen mit geröteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben höhnisch gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustände bewußt, als einer bedrückten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Körperlichkeit und einer quälenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten Bücherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedächtnis rief, — dies also, — dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich das Höchste versprochen hatte! Er war pünktlich auf die Minute, er war reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Säufer, schlimmer als in der Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr über die Gegenstände geworden war und den Vater dafür so verachtet hatte, — aber trank er denn, — spielte er, — hatte er irgend ein Laster? Hier lagen unbezahlte Rechnungen, — Rechnungen über Landkarten, kolorierte Stiche, Bücher, über den blauen englischenFrack, der so hübsch war, über einen Degen zum Galakleid, — zwischen den Manuskriptseiten angefangener Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, — er hatte es längst vermißt! — in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein einzelner Schuh. Stöhnend sortierte er, schuf reinliche Anhäufungen gleichartiger Papiere, stellte Bücher auf und stäubte sie ab; vergrub zwischendurch den Kopf in den Händen und tat das, was er „sich Rechenschaft ablegen“ nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte zu keiner Zeit seines Lebens so bewußt gegen schlimme Anlagen gekämpft, so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der Logenbrüder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander übten. Durfte er sich’s nicht eingestehen, daß Menschen ihn liebten, war die Freundschaft, deren er genoß, ihm nicht Bürgschaft für seine moralischen Qualitäten? Was war’s denn mit dieser Unordnung, die er in seine Lebensführung einreißen sah, mit dieser Dämmerung, die nun schon seit Monaten unbeweglich über seiner Seele lagerte? Und standhaft sich abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Gründe seines Zustandes (gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelächter begleitetes Wort des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: „Die Rosenkreuzerei mitsamt der Alchemie ist eine Sünde wider den heiligen Geist, mein Sohn!“) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglück war einfach der Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der seinem Ruf und Rang doch ein einigermaßen elegantes Auftreten schuldete und der kostbare Arbeitsmittel nötig hatte. Ganz zu schweigen von den Ansprüchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er wußte es gut genug, trotz aller harten Vorsätze immer wieder berücksichtigen würde, denn — konnte er dieMutterleiden lassen? Er brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte, nun — und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und blätterte, ohne es zu wissen in derAurea catena Homeri, die vor ihm auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhörte über Bitten und Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt, sondern das Wunder.
Hier rührte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum spürbar, wie der Schatten eines vorüberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, faßte sich an die Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt, das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie derKeim zur Frucht, ach, etwas Ungreifbares, — da — wo war es doch? Und plötzlich fiel Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und da sah er sich stehen, einen blühenden Kirschbaum umschlingend, geschüttelt von einem Ausbruch des Gebetes,eines Gebetes um Gold, — undda war ihm Gold aus dem Schmutz der Straße geworden!
Die Wirkung dieser Erinnerung war überwältigend. Er griff mit beiden Händen an die Schläfen, öffnete den Mund zu lautlosem Gelächter, stammelte, schluchzte auf wie erlöst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine Verheißung; ein Pfand für Gottes Güte hatte er besessen, ach, aus so frühen Tagen schon. Der Herr, der mich aus Ägypten geführt hat, dachte er erschöpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte das Haupt, er faltete die Hände. Er dankte stumm.
Oh, aber daß dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Daß es wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn höhnte mit der fahrigen Hast der eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen hämmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, daß er ausgeliefert sei an eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein — woher kam ihm nur dies Wort? — ein herrenloser Hund! — — —
„Der Professor zu Hause? Ist nicht zu Hause? Ist verreist? Schon wieder verreist? Ist in Göttingen? Potztausend, — in Göttingen! — So, so, — in Göttingen!“
Diese Feststellungen, keinesweges in Wirklichkeit ausgesprochen und belauscht, sondern lediglich hervorgebracht von der etwas überreizten Gehirntätigkeit Georges, der, soeben der Postkutsche entstiegen, über das holprige Pflaster des Göttinger Marktplatzes eilte und in eine der winkligen Straßen einbog, die zur Universität führten, bewirkten, daß er sich in bescheidener Weise erheitert fühlte. Wer mochte jetzt in Cassel dem wackeren Mühlhausen, seinem Bedienten, solche Fragen vorlegen und sich in Betrachtung versunken wieder von seiner Türe entfernen? Vielleicht Runde, der Jurist? Die Herren von der Anatomie, Stein und Bollinger? Nun, die würden versuchen, Sömmerring auszufragen. „So, so, — in Göttingen! Schon wieder in Göttingen.“ Ja, doch, — da war man wieder einmal in Göttingen, hatte hinter sich den kleinen gestohlenen Reiserausch einer Nachtfahrt und jetzt das Gefühl, weit weg von Cassel in einer erstaunlich anderenLuft zu sein … Zudem hatte man die Nacht sehr seltsam verbracht, hatte einen Reisegefährten gehabt, dessen Bekanntschaft eine Acquisition von unschätzbarem Wert ergab, einen jungen Mann, den George zunächst für einen Herrn von Adel gehalten, der sich alsdann freilich unter dem Namen Meyer vorgestellt hatte, jedoch, was für ein artiger, interessanter Herr Meyer! George blickte sich einmal vorsichtig um, auch Herrn Meyers Reiseziel war Göttingen gewesen. Indes Herr Meyer war verschwunden. Ja, also, da war man wieder einmal in Göttingen und George fragte sich, ob diese kleinen Reisen, mit denen er alle paar Wochen einmal aus Cassel ausbrach, etwas wie Fluchtcharakter trügen? Atmete es sich nicht freier, sobald der Burgfriede jener Stadt hinter einem lag, klärte sich einem nicht der Kopf, vergaß man nicht dies und jenes, Zustände, Gedankengänge, die aus der Ferne auf einmal unwesentlich, ja lächerlich scheinen wollten, so bedrohlich sie einen bis gestern umdrängt hatten? Oh, es gab Gründe genug nach Göttingen zu fahren, übergenug! Hatte Cassel eine wissenschaftliche Bibliothek von einigem Belang aufzuweisen? Reichten seine Sammlungen, seine Institute auch nur entfernt an die der Universität heran? Hatte Cassel Männer wie einen Heyne, einen Lichtenberg? Oh, also Gründe genug, und kein Vorwand nötig, um diese häufigen Fahrten zu entschuldigen! Wenn nur nicht in einem selber tief innerlich das lächelnde Bewußtsein gelebt hätte, daß alle diese triftigen Gründe eben eigentlich doch nur Vorwände waren! Denn letzten Endes gab es allein zwei Erklärungen für die magnetische Kraft von Göttingen, und die eine davon war, daß diese Stadt außerhalb jedes magischen Zirkels zu liegen schien, daß die Luft hier dem unerbittlichen Gedanken, der demütigen Arbeit, der exakten Forschung dienlicher war. Daß, — George verhehlte es sich keineswegs — die Männer, die er hier verehrte, gewissen geheimnisvollen Bemühungen, denen man in Cassel mit leidenschaftlich verbohrtem Ernst oblag, gleichmütig gegenüberstanden, ohne Zustimmung, aber auch ohne Spott, ja, wie einer ganz und gar belanglosen Angelegenheit. George war aber in dieser Stunde der Ankunft, während er seinen Mantelsack im „König von England“ abgab und bald darauf an einem Pult im Gewölbe der Bibliothek lehnend sich Notizen machte, in seinem Geiste weit weniger mit diesen Begründungen beschäftigt, als mit der Erinnerung an jene ungewöhnlichen Nachtgespräche. Vor allem ward er nicht müde einen Satz hin und herwendend auszuspinnen, den der elegante Fremde mit lässiger Schwermut in dieMondesdämmerung hineingesprochen hatte, die Hände zwischen den Knien verschlungen, vorgebeugt und das schöne Gesicht zu den Gestirnen erhoben: „Jedes Leben, mein Herr Professor, hat zwei Pole, die Geburt und den Tod. Es entfernt sich von dem einen, um sich dem andern zu nähern. Von einem bestimmten, immer individuellen Zeitpunkte an hört die anstoßende Wirkung der Geburt auf — und beginnt die Anziehung des Todes …“ Und ich, — dachte George aufgewühlt, — und ich? In seiner Einbildungskraft, die ihn mit ihrer sonderbaren Symbolik so gewalttätig meisterte wie je zuvor, nahm die Vorstellung des abstoßenden Pols die Gestalt nicht der ihn Gebärenden, sondern die seines Erzeugers an: ha, es war der alte König Minos, pausbackig und puderperückig, der ihn da hinausschleuderte in die Bahn, ihm nachblickend, wie er dahinfuhr, mürrischen Angesichts, unzufrieden, ihn aus der Hand gelassen zu haben. George, zerstreut kritzelnd, und die Blätter der Bücher, die er für seine Arbeit nötig hatte, lässig wendend, lächelte vor sich hin bei seinen Gedanken, und blickte nun, seitlich geneigten Hauptes, hinaus in die grüne Dämmerung der Kastanienbäume. Ja, ich bin dir entronnen, dachte er, heute frei von Bitterkeit und sommersüßen Blutes froh, dein Anstoß war nicht schlecht, aber du hast keine Gewalt über mich. Ich fahre nun dahin … Er schrieb weiter. Siebenundzwanzig Jahre, dachte es dabei in ihm fort, und er dehnte sich in den Schultern, — ich bin noch jung. Und während er, zum Abschluß gekommen seine Papiere ordnete und die Bände auf ihre Plätze zurückstellte, ging es ihm durch den Sinn: wann wird mein Tod beginnen, mich zu locken — und in welcher Gestalt …?
Aber sein Herz, das heute so voll Lächelns war, ließ auch diese Frage im Licht untergehen. Er entzog sich diesen Gedanken, er hörte statt aller Antwort den Namen: Therese, in sich aufklingen, — Therese, — und immer wieder Therese …
Es war Juni. In den Gärtchen an der Leine blühten die Zentifolien. George Forster ging, Therese Heyne aufzusuchen. — — —
Er, der die malaiischen Urwälder kannte bis in die verborgenste Blüte ihrer dampfenden Erdspalten, — der sich den lauen Wassern der Südsee hingegeben hatte und vergeblich geworben um das starrende Geheimnis der Antarktis, — George Forster kannte nicht die Frau. Er hatte unter Männern gelebt, so lange er denken konnte. Was hatte die Mutter, was hatten die Schwestern bedeuten können in dem Ozeanvon Männlichkeit, den Reinhold Forster darstellte? Verschlingt nicht das Meer das süße Wasser der Ströme? Ja, im salzigen Wind männlicher Art hatte George gelebt, Männer hatten ihn erzogen, geknechtet und neben ihm gearbeitet, Männer hatte er bewundert und zu Freunden begehrt, — männlich, geistig, hart und herbe war sein Frühling gewesen. Es gab gewisse einsame Erlebnisse seines Körpers, die er vergaß, sobald der Aufruhr der Nerven sich gelegt hatte. Die fürchterliche sinnliche Erregung der zweiten Polarfahrt war eins dieser Erlebnisse gewesen, dies war der erste, und, wie ihm geschienen hatte, der letzte Ausbruch von in ihm wallenden Gluten gewesen. Der Herd war erschöpft, jahrelang hatte er es nicht anders annehmen können. Er war der Zärtlichkeit fähig und bedürftig, er trieb die Freundschaft bis zur Schwärmerei. Frauen? O ja, mehr als eine hatte sich ihm genähert, seit Europa ihn wieder hatte, mehr als eine, angezogen von dem exotischen Duft seines jungen Ruhmes, von der Milde seines Geistes, seiner brüderlichen Freundlichkeit, — diese und jene vielleicht auch von dem Gerücht, daß er gelegentlich tahitianische Kuriositäten als Souvenir verschenkte. Dies, er wußte es selbst genau, waren angenehme Erfahrungen gewesen, aber ganz und gar ohne die tiefe Magie seelischer Berührung, wie sie seine Begegnungen mit Männern wie Jakobi oder Sömmerring, — ohne den geheimen stachelnden Reiz einer aus rätselhaften Gründen bekämpften gegenseitigen Anziehung, wie ihn sein Verhältnis zu Müller hatte; frei endlich von dem Glück, — ja, er gestand es sich ein in Stunden zermalmter Demut, — von dem Glück sklavischer Abhängigkeit, daß er trotz allem unter dem Joch des Vaters empfunden. Diese Begegnungen waren, — verwundert sann er manchmal darüber nach, — ihm niemals mehr geworden wie die Erinnerung an Bäume, Blumen und Schmetterlinge. Und war es einmal mehr gewesen, so war es begleitet gewesen von körperlicher Angst, die Flucht befahl, — Angst, die aus irgendwelchen Abgründen das Bild der Starostschenka heraufbeschwor und das der Tatarenfrau in Kasan, zugleich mit einem Duft nach Patschouli, nach asiatischem Lack, Holzkohlenrauch und irgendwelcher erstickenden menschlichen Ausdünstung. Hierher gehörten auch die Träume von neuseeländischen Weibern, die ihn von Zeit zu Zeit überfielen wie ein Alb. Kurz und gut, er haßte diese Offenbarungen der Natur. Völlig ohne Erfahrung, wie er war, ahnte er doch, daß sie Anforderungen an seinen zarten Körper stellten, denen er sich keineswegs gewachsen fühlte.
Dennoch hatte er eines Tages die Grenze überschritten und jenes Land betreten, unerforscht, und rätselvoller als alle Urwälder der Welt. Oh, nicht von heut auf morgen, aber er entsann sich nicht der Stadien dieser jahrelangen Reise, auf der er, sich selbst dessen kaum bewußt, ein junger Mann von einigen Ansprüchen in bezug auf Kleidung, Bedienung und Auftreten geworden war. Er wußte deutlich nur um die letzte Erfahrung auf diesem Wege: denn Karoline Michaelis, so meinte er, sei die Frau gewesen, bei der er zum erstenmal eine Ahnung des Aufschwungsdes Leibes und der Seele gespürt habe, dessen er fähig war. Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit er sich irrte, wie wenig er imstande war, die Grade zu ermessen, die sein Gefühl durchlaufen hatte, um zu reifen. Diese Karoline jedenfalls, die ihn ein seltsam reizendes neues Gefühl geistreichen Schmachtens gelehrt hatte, ein Glück, das einen leichten Anhauch von Entsagung hatte: alsodieswar es, — nun ja, eswarein Glück, immerhin … Diese Karoline war drauf und dran gewesen, ihn an den Rosenketten ihrer achtzehn Jahre sanft triumphierend mit sich fort zu führen, als, — ebenfalls achtzehnjährig, mit ein paar kurzen herrischen Schritten und böse funkelnden Augen, — Therese dazwischen getreten war, ihre Herzensfreundin Therese, und jene Rosenketten ganz ohne alle Rücksichtnahme mit festen kleinen Händen zerrissen hatte.
Göttingen, — das war die einzige Stadt unter dem Himmel Europas, die diesen bezaubernden Schimmer hatte, die diesen Rauschduft atmete, die Erregungen ausstrahlte, jenes Fluidum, das einen geliebten Körper umgibt. Eine kleine staubige Stadt an einem träge schleichenden Flüßchen voll satter professoraler Bürgerlichkeit, das mochte Gott wissen! Dennoch, — die Stadt der Gärten voll Geißblattlauben und Rosen. Die Stadt geheimer Dichtertrunkenheit und öffentlicher Tollheit, die Stadt der Jünglinge, der Schwärmer, der Poeten. Genug! Göttingen, — das war die Stadt der Frau. — — —
George, an diesem Juninachmittag den Platz vor der Bibliothek eilig überquerend, empfand einen sommerlichen Taumel, der ihm alle Gedanken raubte. Jenes Gartenhäuschen dort, das sein geschwungenesDach mit der Bekrönung des spitzen Pinienapfels über die Mauer des Heyneschen Gartens reckte, von blühenden Rosen umrankt, jene Taxushecken, auf deren starrem dunkelgrünen Polster sich wuchernder Jasmin in der Überfülle seiner weißgoldenen Blumen wälzte, — die Linden, weingelb überblüht, — diese Luft, süß, schwer und warm, — hatte erdas alles irgendwo auf Erden erlebt? Er fühlte ein Stechen am Herzen, seufzte auf und ging langsamer. Wohl, dachte er, und blickte sich um wie ein Träumender, dies alles ist — wie Karoline. Therese aber, — wieder ging er schneller, der Schmerzen in der Brust uneingedenk, — Therese war inmitten seiner voll aufgeblühten Empfindung wie eine zärtliche Knospe, die sich nicht erschließen wollte, war stachelnd wie die tahitianische Ananas, war — wie dieser kurze warnende Schmerz in ihm, auf den er doch mit einer seltsamen Neugier wartete. Er seufzte wieder, schloß die Augen einen Atemzug lang und lächelte mit verzogenem Gesicht. Stellte er sich Therese nicht immer vor, wenn er Schmerzen hatte? Theresewarein Schmerz. Doch dieser Schmerz tat wohl.
Er war der Mann, der Deutschland mit der andern Hälfte der Erdkugel verband, — einer von den paar Männern, die sich an den Fingern herzählen ließen. Wer immer es erreichte, ihm die Hand zu drücken, tat es wohl zuweilen in dem Gefühl, einen Urwaldbaum anrühren zu dürfen; seine Augen, die so viele Wunder gesehen hatten, strahlten den Zauber einer andern Sonne, heftigerer Sterne aus. Abenteuer umflackerte ihn in der Vorstellung der Gesellschaft, der stete Glanz unerhörter Leistung umgab ihn wie eine Gloriole. Zudem: er plauderte allerliebst, er hatte eine beziehungsvolle Art in Frauenaugen zu blicken, er stand in anmutiger Haltung an Türpfeiler gelehnt und über Stuhllehnen geneigt, und diente jedem Salon zur begehrten Zierde. Er war, mit einem Wort: ach, — der junge Forster! Ja, selbst in seinem eigenen Bewußtsein schaltete sich das Ich bisweilen völlig aus und seine Stelle nahm der junge Forster ein, eine interessante Persönlichkeit von hohem Reiz, ein Mann von großen Meriten, dessen Gesamteindruck es sicherlich vergessen ließ, daß er pockennarbigen Antlitzes war und seine Zahnreihen vom Skorbut böse mitgenommen. Der sonderbaren rauschartigen Glückseligkeit, mit der ihn diese innere Verwechselung mit dem eigenen Spiegelbilde erfüllte, zum Trotz, kannte er einen Zustand entsetzlicher Müdigkeit, in dem die Frage, ob denn kein Mensch um seine wahre Gestalt wisse, wie ein Schrei war. Ein Mensch, — oh ja, es gab einen solchen Menschen! Aber mit Blindheit geschlagen, gleich allen, deren Gestirne ihnen Irregang vorschreiben, — geschlagen mit dieser erstaunlichen Unempfänglichkeit für das eigene Glück, legte George seine Hand in die von Karoline Michaelis wie in die einer Schwester und ergriff die kleine bräunliche von ThereseHeyne mit einem Zucken seines Herzens, das sich in einem kurzen Laut, halb Stöhnen, halb Gelächter, befreien mußte. Ah, nun war er da, — nun, Gott sei Dank!
Die beiden Mädchen waren ihm Arm in Arm durch die Rabatten entgegengekommen. Er wandelte neben ihnen zurück, dem kleinen Lusthause an der Gartenmauer zu. Er begrüßte die Professorin, Theresens heitere junge Stiefmutter, er begrüßte den Professor, lächelte, tat Ausrufe, gab das Rätsel auf: mit wem er wohl heute nacht gefahren sei? — denn Meyer hatte ihm Grüße an das Haus Heyneaufgetragen, — empfand dunkel eine unerklärliche Beunruhigung, als er die Wirkung des Namens seines Reisegefährten auf den Gesichtern der Mädchen sah, eine aufflammende Überraschung, die sogleich wieder von einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit niedergehalten wurde, — vergaß das augenblicklich, indem er eine Tasse Kaffee aus Theresens Händen entgegennahm, und fand ungesucht die zierliche Wendung, auf die er sich vorher mühsam besonnen hatte, bittend, sie möge als Gegengabe für diese Schale morgenländischen Rauschtranks dies Gewand der Insel aus dem Meere des Mittags allergnädigst aus seinen Händen anzunehmen geruhen. Das Stück schimmernden Aotobastes, das er bei diesen Worten aus dem mitgebrachten Päckchen befreite und über den Schoß des Mädchens breitete, ward mit einem kleinen Jauchzen begrüßt, und George hörte nichts als Freude aus Theresens wortreichem Dank, den er mit einem Handkuß abzuwehren trachtete, taub dafür, daß hier und in der erregten Heiterkeit, die sich ihrer in der Folge bemächtigte, ein Triumph mitschwang, denn, — hatte er es ganz vergessen, daß er vor einem Jahr Karoline ein ähnliches Geschenk gemacht hatte? Karoline war nun nicht mehr die einzige Besitzerin eines Ballkleides aus der Südsee, — oh, Therese war an diesem Nachmittag ausgesucht zärtlich zu der etwas schweigsamen Freundin, und die Professorin war ein wenig kühl zu George und sehr holdselig zu den beiden Mädchen, — aber wer sollte das wohl beobachten? Heyne nicht, der nahm seinen jungen Freund alsbald mit stiller Gründlichkeit für die Frage in Anspruch, inwieweit die Homer-Übersetzung des wackeren Voß die bis dato vorliegenden Versuche von Bodmer und Stolberg überrage … George selbst, — oh, auf keinerlei Weise, — so innig zerstreut er durch das Gespinst der Philologensätze hindurch auf das Geplauder der Damen lauschen mochte … Gewiß, jawohl, der gute Voß war nicht gerade mit peinlichster Genauigkeit vorgegangen,hatte sich gar getraut, in den Homer hineinzudichten … Therese, dachte George erschüttert, ist gar nicht schön, — ihr Kopf scheint zu schwer für die Zierlichkeit ihrer Gestalt. Was ist das, dachte er, Therese hat eine bräunliche Hautfarbe, ihre Nase ist zu kurz, ihr Mund nicht klein. Wenn Therese nicht jung wäre und ohne das Feuer ihres beweglichen Geistes in den großen etwas vortretenden Augen, — Therese wäre häßlich! Dennoch: Therese! Oder gerade darum: Therese! Soeben kam sie mit ihren kleinen festen Schritten den Gartenweg hinunter, sie hatte im Hause etwas zu besorgen gehabt, und wie sie nun stehen blieb, die Gesellschaft anblitzend und ihn vor allen andern, ausrufend, man werde jetzt zur Weender Mühle aufbrechen und dort zur Nacht speisen, — war da einer im Zweifel, daß es so geschehen müsse, obgleich zuvor kein Mensch daran gedacht hatte, dies zu unternehmen? Seufzte nicht die Professorin ergeben, — nun ja, sie würde bei den Kindern bleiben, — eilte nicht Heyne, sich mit Hut und Stock zu versehen? Daß George die heilige Stätte noch nicht kannte, an der vor zehn Jahren der „Hain“ sich begründet hatte, — nein, das war unverzeihlich. Und so wurde hinausspaziert, das Glück wollte es, daß der Professor Lichtenberg auf seinem Abendgang begriffen sich ihnen anschloß und Heyne mit Beschlag belegte. Die beiden Männer gingen voran, George, am rechten und linken Arm die jungen Mädchen, hinterdrein. Die sanfte Landschaft, von dem stillen Gewässer durchzogen, tat sich ihnen auf, der Himmel war weit, von silberrandigen Wolken erfüllt, — sie schwiegen, und dann seufzte eines von ihnen den Namen Klopstock. Die Herzen wurden ihnen groß, sie blickten sich in die Augen, gewiß, daß kein Fühlender diesen Boden betreten konnte, ohne der Jünglinge zu gedenken, die vor kaum einem Jahrzehnt im Angesicht dieser Eichen für Gott, Vaterland und Tugend erglüht waren, — so sprach Therese es schwärmerisch aus und drückte des Freundes Arm gegen ihre Brust, während Karoline sich von ihnen löste und Blumen und grüne Zweige brach, um sich und die Gefährten zu bekränzen. Oh, er war George nicht fremd, dieser Ton, er fand einen Widerhall in seinem Herzen dort, wo im Elysium seines Innern der Tempel für Jakobi errichtet war; er kannte diese sanfte Wollust des Gedankens, die gern in Tränen schmolz, und gab sich ihr unbedenklich hin. Als der Höhepunkt des Gefühls erreicht war, als sie wirklich im Schatten der Bäume dort im Weender Talgrund standen, die dem Schwur der Bundesbrüder zugerauscht hatten, da wurdensie freilich ein wenig ernüchtert. Denn hier lagerte bereits eine kleine Gesellschaft und bei näherem Zusehen blieb kein Zweifel, daß es der unglückselige Monsieur Bürger war, der hier inmitten seiner beiden Frauen des schönen Abends genoß. „Dieser Anblick“, äußerte Therese im Weitergehen voller Wehmut, „bringt einem die Hinfälligkeit aller edlen Vorsätze und Schwüre recht ins Bewußtsein.“ Denn Bürger, wenn schon kein Mitglied des ursprünglichen Bundes, galt er nicht in Göttingen als der letzte dort wohnende Vertreter jener Dichtergeneration? Und nun entweihte er mit seinem Treiben selbst jenen Boden göttlichster Erinnerung! Übrigens war Bürger so übel nicht, darüber waren Karoline und Therese sich ganz einig. Die Frauen waren es, die ihn herabzogen, diese schlechterzogenen Schwestern, selbstverständlich. Der Arme!
„Ei was! Der Arme!“ der Professor Lichtenberg hatte die letzten von Therese in getragenem Ton ausgesprochenen Worte gehört, denn jetzt ließ man sich im Grasgarten der Mühle um einen der langen rohen Brettertische nieder. Lichtenberg zog sein seidenes Schnupftuch und begann eifrig wedelnd die Mücken von seinem geröteten Antlitz abzuwehren. „Ein Mann, der auf den Hund oder auf das Frauenzimmer kommt, hat das immer sich selbst zuzuschreiben, Demoiselle Thereschen, merk Sie sich das! Ist’s nicht an dem, mein weitgereister Freund? Die Bestie unter der dem Fuß halten, — wie? Den Hund, den Hund, meine Lieben, — oh kein Echauffement! Exküsieren Sie, Karolinchen!“ Er schlug derb auf Karolinens vollen Arm.
„Ein Mückchen sog sich sattAn Linchens süßem BlutEs stirbt in TrunkenheitWie sanft solch Tod wohl tut!“
„Ein Mückchen sog sich satt
An Linchens süßem Blut
Es stirbt in Trunkenheit
Wie sanft solch Tod wohl tut!“
„Freund! Freund!“ Heyne schwenkte entsetzt die Hand an sein Ohr.
„Nun, das ist Bürgers Dunstkreis,“ redete Lichtenberg unbekümmert, „da dichten auch die Steine. He, Mamsellchen, —“ dies galt dem aufwartenden Mädchen. „Mir eine Milch — und wenn Ihr ein wenig Beerenobst habt …“
„Wir, die wir unsere Kräfte in Geist umsetzen, und Ihr, Wesen gleich Sylphen und Schmetterlingen,“ fuhr er fort, als die andern ähnliche Wünsche geäußert hatten, „müssen unseren Körper aus leichten Speisen, flüchtigen Essenzen aufbauen. Im Ernst, teure Freunde,“ — er legte den Goldknauf seines Stockes an die Nase und blickte Heyne undGeorge eindringlich beschwörend an, — „es helfen uns einige weiche Eier, eine Tasse starken Kaffees, ein wenig Gallerte von Kalbfleisch meist eher zu einem Gefühl der Sättigung und der Rekonvaleszenz als eine derbe Mahlzeit. Oh, ich bin kein Kostverächter. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht …“
In diesem Augenblick gab es einen kleinen Aufstand unter den jungen Leuten, Therese rief halblaut: „Karoline!“ und es war ersichtlich, daß sie unter dem Tisch der Freundin einen Stoß mit dem Fuß gab. George aber hatte sich erhoben und blickte freudigst einem Herrn entgegen, der sich dem Tische näherte, den Hut in der Hand und augenscheinlich überrascht, aufs angenehmste überrascht, hier Bekannte anzutreffen.
„Wer von uns beiden, mein Wertester,“ sagte er lächelnd zu George, nachdem er die beiden älteren Herren begrüßt und den Damen seine Reverenz bezeugt hatte, — „wer von uns beiden hätte es vor zwölf Stunden geahnt, daß uns so bald ein freundlicher Gott die Gelegenheit geben würde, unsere zufällige Bekanntschaft fortzusetzen?“ George, der einigermaßen bezaubert auf seinen eleganten Reisegefährten von heute Nacht blickte, konnte nicht umhin, dessen Worten zuzustimmen. Wurde Heyne schweigsam, seit Meyer neben ihm saß? Blickte Karoline mit kühlem Mißtrauen auf die Freundin, als die Bemerkung vom Gott dieser Gelegenheit fiel? Oh, George nahm dies durchaus nicht wahr. Angeregt gleichermaßen durch das Gegenüber Theresens wie durch die Gegenwart des neuen Bekannten, geriet er in einen leichten Rederausch, um, endlich zu sich kommend, zu bemerken, daß niemand außer Heyne und Karoline Anteilnahme für seine Pariser Erlebnisse aus dem Jahre 78 zu haben schien, — und hatte er nicht eben ganz charmant von dem alten Franklin erzählt? War denn Therese je in einer Gesellschaft in Paris gewesen, zusammen mit dem großen Franklin, hatte sie schon gewußt, was für ein umgänglicher alter Scherzbold das war, der sich „Papa“ nennen ließ und von oben bis unten grau in grau gekleidet ging? Nein, gewiß nicht! Dennoch, sie mußte während solcher interessanter Erzählungen, — ja — und wäre es nicht eben George gewesen, der erzählte! — sie mußte sich in ein Geflüster mit Herrn Meyer vertiefen und Lichtenberg schien das letzte Tageslicht zu benützen, um auf seiner Schreibtafel etwas auszurechnen. George sah sich unsicher um und verstummte; Unbehagen überkam ihn, was half es, daß Heyne ihn auf den Rücken klopfte und „trefflich,trefflich!“ ausrief? daß Therese ihm jetzt plötzlich einen tiefen Blick und ein Lächeln schenkte? daß Meyer ihm aufs Liebenswürdigste sein schönes festes rosig-blondes Gesicht mit den kühlen, spiegelnd blauen Augen zuwandte und etwas Scherzhaftes von seinem Neid auf Georges Erinnerungen verlauten ließ? Als aufgebrochen wurde, reichte er ausdrücklich Karoline den Arm und schritt mit ihr hinter den andern her, sah die Nebel über den Wiesen wogen und den Mond groß und rot aufsteigen. Das Mädchen an seiner Seite plauderte, — der junge Erzbischof von Osnabrück war kürzlich in Göttingen gewesen, hatte man in Cassel von ihm gehört und wußte man, was für ein hinreißender Kavalier dieser junge Kirchenfürst war? Er hatte draußen in Weende einen veritabelnbal champêtregegeben und sich dabei belustigt wie ein Knabe; ja, Karoline bereute es jetzt bitter, sich durch eine tugendhafte Erwägung um den Besitz einer solchen Erinnerung gebracht zu haben; denn sie war nicht zu diesem Fest gegangen, obgleich sie unter den geladenen Damen gewesen war. „Wie kommt es nur, mein Freund,“ sagte sie mit allerliebstem, sinnendem Ernst, „daß es meist unsere Tugenden sind, die uns hinterher Reue kosten?“
George lächelte ein wenig bitter.
„Es nützt nichts, sich dergleichen vorzuhalten, teure Freundin,“ sagte er, den Blick auf das vor ihnen herschreitende Paar, Meyer und Therese, geheftet. „Nehmen wir uns vor, bei zukünftigen Gelegenheiten weniger gewissenhaft zu sein!“
Karoline seufzte. George bemerkte es nicht. Vom Fluß herüber kam das Quarren der Frösche und nun, — zagend, wie stammelnde Sehnsucht, — der Ton einer kunstlosen Flöte. Die Ebene klagte.
George schlug einen schnelleren Schritt an, um gleich wieder einzuhalten. „Seltsam!“ sagte er schwer aufatmend und drückte die Hand auf seine Brust. „Seltsam, daß ich zu manchen Zeiten das Gefühl habe, als hinge mein vergangenes Leben mit der Schwere eines Jahrhunderts an mir. Als müßte ich eilen, irgend etwas einzuholen … Oh, Karoline, — sollte dieser Abend Symbol meiner Zukunft sein?“
„Welch trübe Ahnungen, bester Freund!“
Und nach einer Weile setzte das Mädchen wie gegen ihren Willen hinzu: „Meyer ist gewiß ein unendlich liebenswürdiger Mensch von Geist und Kenntnissen. Aber, glauben Sie mir, — Therese weiß zu unterscheiden …
Sie weiß es, so gut wie ich …“
Dies kam so verloren hintennach. Ach, George überhörte es völlig. Therese wußte, zu unterscheiden! War diese Versicherung nicht Grund genug, Karolines Hand an die Lippen zu ziehen? —
„Nein, ich träumte nicht, denn ich schlief ja noch gar nicht!“ dachte George, gewaltsam die Augen öffnend und im Mondlicht jede Einzelheit seines schlichten und dennoch komfortabeln Logierzimmers im „König von England“ wahrnehmend. „Rechnet man denn im Traum?“ dachte er weiter. Herrn Meyers Stimme hatte, — dicht an seinem Ohr, — soeben gesagt: „Nunmehr beginnt die Anziehung des Todes …“ und „Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt,“ hatte George hierauf erwogen, „folglich siebenundzwanzig und siebenundzwanzig macht vierundfünfzig …“
„Bergab brauchen Sie nur die halbe Zeit, Herr Professor!“ hatte da jemand anders gesagt, und George hätte darauf schwören mögen, Therese vernommen zu haben.
Von der Johanniskirche schlug es eins.
„Natürlich habe ich geträumt,“ seufzte George schlaftrunken, und — „Therese weiß zu unterscheiden!“
Er lächelte in die Dunkelheit hinein und sank in Schlummer zurück, die Hand über die Augen gelegt zur Abwehr feindlicher Gewalten, wie einst, als er ein sehr kleiner Knabe war. —
Ein Mann, der eine Familie begründen will, bedarf der Mittel, um sie standesgemäß zu erhalten, — das steht außer aller Frage. Ein Mann, auf dessen geistige Kundgebungen ganz Europa mit liebender Ehrfurcht lauscht, und, — innerhalb des eigenen Bewußtseins ist ein solches Zugeständnis wohl erlaubt? — erwarein solcher Mann! — hatte die Verpflichtung, das kostbare Triebwerk seiner Schaffenskraft ununterbrochen zu speisen und in Gang zu halten. Er bedurfte also der Bücher, der Kupfer, der Landkarten, der Instrumente, der Gesteinsproben, der Kuriosa aller Art, — bedurfte kurzum der Arbeitsmittel im weitesten Ausmaß. Ein Mann, der sich in der Welt bewegt und der alle Tage gewärtig sein kann, vor irgend einen hohen Herrn treten zu müssen, er darf sich äußerlich nicht vernachlässigen, er hat auf eine soignierte Erscheinung zu achten, auf eine gewisse solide Eleganz, — für die das Leben in England ohnehin den Grund gelegt hatte, — er bedarf,da ihm selbst seine Geschäfte keine Zeit für dergleichen Peinlichkeiten lassen, einer geschulten Bedienung.
Dies alles zusammengefaßt und ruchlos nackt ausgedrückt: ein Mann von solchen Ansprüchen bedarf des Geldes. Wenn er kein Geld hat, wird er, verlockt durch den Kredit, auf den er überall und ohne Anklopfen trifft, Schulden machen. Schulden aber werden ihn, infolge übler Erfahrungen aus frühen Tagen, nächtlich drücken wie ein Alp. Hat er gleich von früh auf gelernt, daß man, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, eben Geld bedürfe, komme es aus welcher Quelle es wolle, falls sie nur ehrlich sei, so ist er doch durch Schaden so klug geworden, zu wissen, daß manche Quellen die Eigenschaft haben, sich selbsttätig zu vergiften. Er wird also andere untrügliche und ursprüngliche Quellen suchen, und dies tat George Forster, einer kindlichen, trotzigen Gläubigkeit voll. In diesem Gang des Labyrinthes hallte das Heulen des Minotauros sehr süß, ganz Gold und ganz Therese. Daß sie nur wieder vernehmlich war, diese Stimme der Gefahr, diese Lockung ins Ungewisse, der zu folgen süßer Schwindel war, ein Taumel Geistes und Blutes, der Rausch, der es erst wert war, Leben zu heißen! Daß man nur wieder unter Projekten einherging, Aussichten erwog, auf dem Schachbrett der Möglichkeiten Verdienst und Beziehung gegen bestimmte armselige Figuren ausspielte!
„Im Vertrauen, Freund,“ sagte George zu Sömmerring, den Blick in seltsamem Strahlen auf die Türme der Stadt gerichtet, die vor ihnen in der Morgensonne blitzten, „ich konnte von je nicht glücklich sein, ohne die Veränderung vor Augen, den Aufstieg, die Wendung zum Guten. Eine Unruhe ist mir angeboren, — oder anerzogen.“
„Dies verdankst du deinem Herrn Papa,“ bemerkte Sömmerring trocken.
„Wie dem auch sei,“ gab George unberührt zurück, „in diesem Augenblick der ungeheuern Spannung fühle ich meinen Fuß nicht, der mich auf dem Hinweg so unerträglich molestierte.“
Er blieb stehen, lüftete das Seidentuch, das ein irdenes Gefäß in seiner Rechten verhüllte, und blickte angelegentlichst hinein. „Ohne Zweifel,“ murmelte er, „ohne allen Zweifel!Materia prima, —materia prima…“ Dies letzte flüsterte er kopfschüttelnd, verklärt, sah auf und beeilte sich Sömmerring einzuholen, der mit mürrischem Gesicht weitergegangen war und seinen Stock auf eine betont unentwegte Art und Weise durch die Luft schwenkte. „Du bist verstimmt,“sagte George unwillig, „nun, ich begreife dich nicht … Jetzt auf der Schwelle der Gebetserhörung …“
Sömmerring blickte zur Seite. —
Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollständig durchnäßtes Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Männer, die vor Tau und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.
ImOpus mago-cabbalisticumsteht geschrieben: „Wenn der nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem Luftkreis keine wässerigen Dämpfe oder Wolken antrifft, die ihn zusammentreiben und einschließen können, so bleibt dieser auf die sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages über durch die Sonnenstrahlen entzündet, daß dieselben des Nachts bei hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches Meteorum heißt der Pöbel Sternschnuppe.“
Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll unabsehbarer Verwandlungskräfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frühlingsmorgen nach einem nächtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen Wiese vor dem Dörfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer Gleichgültigkeit gegen einen bäuerlichen Volksauflauf, der sich jenseits des Rains auf der Landstraße ansammelte. Und es war geglückt! Wasserblau, gallertartig und zähe, kugelig und wie von Fett strotzend hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich klopfenden Herzens darüber hergemacht und die Gefäße gefüllt. Sagte ein Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht länger beherrschen könnend, herangekommen war, grinsend: „Das mache die Frösch’ …“? Das Volk war roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lächelte die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.
„Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen?“ fragte George heftig, „bist du der Gnade so wenig wert?“
Sömmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schräg gestellten Augen bekümmert zu. „Der Kerl sprach etwas aus, was ich längst vermutete,“ sagte er in klagendem Westpreußisch, „diese Materie ist als die Ablagerung gewisser Kröten, Frösche oder Schnecken zu betrachten, mit ihrem Fortpflanzungsgeschäft zusammenhängend, wenn nicht alles täuscht. Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an der Weichsel gemacht habe. Man betrügt uns. Als ich uns dort im Grase hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, überkam mich Scham, — ich hätte weinen können!“
„Schweig!“ herrschte George ihn an. „Du hast keine Demut! Uns ziemt zu glauben und zu gehorchen!“
Er schritt stürmisch vorwärts, die Lippen zusammengepreßt; Sömmerring folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen träufelten ihren Gesang über die jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbäumen. Ländliche Fuhren überholten sie, von Bauern in blauen Kitteln geführt, Mädchen, die kurzen, gefältelten Röcke wippend, Lasten auf den Köpfen tragend, schritten schwatzend vorbei, in den Straßen der Stadt empfing sie das Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Sömmerring und Forster rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach jenem Gespräch auf der Landstraße hören ließ, sagte George, sagte sie ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in seinem Arbeitsgewölbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. „Wir haben sie!“ sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem irdenen Töpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glück überströmt? Was galt’s nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare, die unschätzbaretinctura universalissima, den Stein der Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur Übervollkommenheit zu bringen?
George, erregt in dem weiten Gewölbe auf und nieder schreitend, und blitzenden Auges über Sömmerring hinwegsehend, wiederholte sich krampfhaft die Verheißungen des Annulus Platonis. Reichtum, — Weisheit, — ein Leben über Jahrhunderte hinaus … war’s nicht so? Prizier hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Eckeblakte ein Feuer auf. Sömmerring hatte einen schwarzen Kittel über seine Kleider gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg fauchte zwischen seinen Händen. „Ich sollte mehr von der Chemie verstehen,“ dachte George träumerisch, seiner Ermüdungnachgebend, an einem der schießschartenähnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand des Adepten betrachtend, Hunderte von Büchsen und Fläschchen, von ihrem Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glühend. „Ich sollte die einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen,“ redete jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, — „was bin ich mehr, als der vom König Minos dressierte Pudelhund?“ „Den Seinen gibt’s der Herr schlafend!“ fiel sich George hier selbst heftig ins Wort und dachte zugleich: „ist’s meine furchtbare Müdigkeit, die mich immer wieder nach diesem Wort greifen läßt, — gerade nach diesem?“ Er näherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen Gebärden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweiße Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprüche und suchte mit Gewalt das zu übertönen, was seit Sömmerrings Worten auf der Landstraße unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser Sömmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemühungen ab! Was hatte er ihn angerührt, ihn, den so gern und glücklich Schlafwandelnden? George, vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, ließ die Augen wiederum wandern. Und da plötzlich, — war’s ein Wort, das gefallen war, ein Geräusch, der flüchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gespürte Blutwallung in seinem Gehirn? — plötzlich überkam ihn das rätselhafte Behagen, das er einst in frühen Morgenstunden in des Vaters Kabinett hatte empfinden können, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle Gegenstände, Bücher, Papiere, Schreibgerät, so sachgemäß und rüstig dagestanden hatten, als würden sie sich sogleich selbständig in Tätigkeit setzen, — das ihn einst wie ein Rausch überkommen hatte bei dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise Kraft gesogen beim Anblick vonCooks rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gerät. Nun, — Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple. Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als der Meister und Sömmerring und er selbst als gläubige Schüler. Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums, diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel unterdem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefühl des Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, — dies war das verlockende Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George war für Minuten völlig glücklich. Verzückte Sammlung aller Strahlen des Gefühls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie göttliche Schöpfungs- und Verwandlungskräfte sich niedergeschlagen hatten in dieser köstlichen Masse, diesem wahrensperma astrale, dem Weltensamen, so meinte er einen übermenschlichen Grad aller Spannkräfte des Gemüts erreicht zu haben, — als eine schroffe Bewegung Priziers, der das Prüfgläschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut, ihn herausriß. „Nichts!“ stieß Prizier hervor und warf das Glas klirrend auf den Tisch. Und „Nichts!“ wiederholte eine andere Stimme und eine Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter berührend, daß er mit einem unwillkürlichen Schrei zurückfuhr. Woher war sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewölbes? „Du hier, Bruder Manegogus?“ murmelte George erschüttert und blickte auf Sömmerring, dessen Hände schlotterten.
„Ich hier, — jawohl, Bruder Amadeus! — wann wäre ich nicht um euch?“
Eine entsetzliche Kälte, ein Unlustgefühl sondergleichen überkroch George, als er den Ankömmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufstützend und seine lange flache, bis zum Halse schwarz eingeknöpfte Gestalt vornüberschwanken ließ. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase schwere eckige Kinn schob sich höhnisch vor, die rechte Hand hob sich, um geballt auf die Tischplatte zu fallen, daß die Gläser erklirrten.
„Und ich sage euch, es fehlet am Glauben!“ sagte die verschleimte Stimme, „am Glauben fehlt es, — ich weiß nur noch nicht, bei welchem von euch!“ Die breiten Kiefern mahlten, die Äuglein gingen lauernd zwischen Sömmerring und George hin und her. „Wo das Gebet lau ist, schläft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch — Geheimnisse verraten?“
Und während Sömmerring den Kopf hängen ließ, wie ein gescholtener Knabe, war in George auf einmal der Ekel stark genug, daß er den Mann dort hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttäuschung über das mißglückte Experiment hatte ihn ernüchtert wie ein Sturz kalten Wassers.
„Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe?“ dachte er in kalter Empörung, indem er zurücktrat und sich des Arbeitskittels entledigte, als sei er allein …
„Ich bin nunmehr doch der Überzeugung, Herr Hofrat,“ sagte er zu Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der mimischen Begabung seiner französischen Herkunft darstellend, — sagte es in leichtem Ton, als berühre er längst Vermutetes, „daß es sich hier nicht um eine Verdichtung desspiritus mundioder derterra virgineahandelt, sondern — um den Laich vonbufo vulgaris, der gemeinen Erdkröte. Darf ich mich für heuteempfehlen? Du kommst noch nicht, Sömmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits!“ — —
Der Bogen war überspannt worden.
„Was europäischer Ruhm und Fürstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um mein armes Haupt und südliches Inselmeer zu meinen Füßen!“ dachte George Forster, und er dachte mit Pathos, der großen Stunde angemessen, — „wäre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, — etwa ein Sömmerring,“ — schaltete er ein, ‚beiseite‘ denkend, wie die Helden im Schauspiel beiseite sprechen, — „unbekannten Namens, ohne einen andern Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fühlenden Herzens, — wäre ihr genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der Brust und die Augen zu Boden geschlagen …“ George verlor sich dermaßen in diese Vorstellung, daß er sich selbst in der sparsam amöblierten Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer zuchtvollen Haltung nähend am Fenster saß, und den Alten wohlwollengetränkte Worte über sich reden hörte, — er blickte träumerisch über den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte ekstatisch den Kopf … „dann, — ja dann könnte ich es glauben, dies Glück! Oh, Götter, aber warum zweifle ich?!“
Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und nieder, in dem alles zum Aufbruch gerüstet stand, die Kisten dort, mit seinen Büchern, Instrumenten, Sammlungen, — die ledernen Reisekoffer, der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend, — ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London für die Pariser Reise gekauft und nun, mitgenommen und abgeriebenwie er war, von all den einsamen Fahrten der letzten Jahre erzählend, letztlich von den nächtlichen Ritten nach Göttingen! George berührte ihn gedankenverloren und zärtlich mit der Hand, — o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!
„Merkur muß über mir stehen so gut wie Saturn,“ dachte er inbrünstig und der Rausch des Reisefiebers ließ ihn wieder lächeln, so haltlos, wie sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder völligen Einsamkeit dieser seltsamen Grimasse überläßt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle dieses unendliche Lächeln sich speiste, trat er ans Fenster, um im letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.
Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flüchtigen, launisch bewegten Schriftzüge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Grüßen, spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, — kannte sie aus langen, schwärmerischen Episteln, Antworten auf Ergüsse seines eigenen gepreßten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre Glückseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die rätselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und der, — George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewußt gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemütslebens, geeignet, ihn beliebig in Rührung zu versetzen, — der von Anfang an das gewesen war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein muß, Werbung von der einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, überrascht, ja, überwältigt trotz aller Gewißheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick, da er sich Gott übergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die Universität Wilna, wohin sein Gönner, der Hofrat Czempinski in Warschau, ihn an die Universität empfohlen hatte, — nun sah er sich am ersten Ziele der Wünsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er las, mit ungläubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den Satz, daß Therese Heyne „demütigen Herzens geneigt sei, die zukünftigen Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen möchten.“ Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhüllte Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich spürte er denSchauerdes Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch eintreten mußte, vergaß zu zweifeln, fühlte sein Blut heiß und gewalttätig steigen, wußte, dies, — ja, dies war eine Angelegenheit des Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist, Papier und Tinte hatte es sich zunächst um diesen einen Augenblick gehandelt, — drückte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit, oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfüllung nun einmal von jeher so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte verzückt in die Wolken und bekämpfte bei alledem in sich die bittere Enttäuschung über den Schluß des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne den Satz enthielt, daß auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der Durchreise, zu verzichten sei. „Der Vater meinte, daß wir fernerhin korrespondieren möchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch unserer Seelen genügen lassen. Ich bin gewöhnt, mich seinem Willen zu fügen, auch dort, wo es mir schwer fällt, und ich bin überzeugt, der beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, muß mir hier recht geben …“ so schrieb Therese und: „Oh, ja,“ dachte George bitter, „der unaufhörlich zärtlich gehorsame Sohn, wie sollte er nicht?“ Gewiß, Therese war jung, — aber wußte Heyne denn nicht, wie er, George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?
In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen würde …
Nun, wußte dieser alte Mann mit seinem Schatz sicher erworbener gleichwertiger Jahre auch, was ein Jahr mehr für den hieß, dem die Jahre bisher Unrast, Qual und Heimatlosigkeit bedeutet hatten? Noch ein Jahr der Verlassenheit, des Leids, des Verlangens, der Askese? Gut, gut, er würde sich fügen; aber dies war hart!
Auf dem Flur schepperte die Glocke, die Wirtin schlurfte draußen vorüber, um zu öffnen. Morgen bin ich fort, dachte George unbewußt. Ach, er würde wenigstens die Alltäglichkeit dieses Ortes abstreifen! Nun kam Sömmerring, der Teure, um den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Und indem er den Freund in der letzten Dämmerung umarmte, — „Bruder!“ flüsterten beide im Einklang ihrer Bewegung, — fühlte er die Frische des Frühlingsabends auf seinen Wangen und ließ die Hände niedergleiten mit der wehen Empfindung, als müsse er etwas Unwiederbringliches fahren lassen. Waswidersinnig war, — indessen, — wer war ihm in seinem Leben bis jetzt das gewesen, was Samuel Sömmerring war? „Lassen wir das Licht!“ sagte Sömmerring mit belegter Stimme, „Teufel auch, liegt denn auf jedem Stuhl etwas? So. Und dies ist nun unser letzter Abend.“
„Ich habe dir etwas zu sagen, Bester!“ sagte George.
„Ich dir auch.“ Sömmerrings Stimme klang erregt. „Ich habe sie nicht!“ — „Was? Wen hast du nicht?“
„Guter Himmel! Da fragst du! Worauf warten wir denn? Die Exemptuspatente!“
„Die Exemptuspatente! Gut, gut,“ murmelte George zerstreut, „du bist noch eine Weile hier, du wirst sie mir nachsenden.“
Es handelte sich um die Bestätigung ihres Austrittes aus jener geheimen Gesellschaft, deren Mitglieder sie bis vor kurzem gewesen, deren Ziele ihnen weltbewegend erschienen waren, so wie die Entdeckung, daß ihr Aufbau Scheinarchitektur und hohle Kulisse sei, sie erschüttert hatte, gleich dem Zusammenbruch eines Tempels. Indessen, — dies alles sank ja von George wie ein altes Kleid.
„Verzeih mir,“ sagte er etwas lebhafter, „ich gebe dem allem keine große Importance mehr. Die Exemptuspatente. Nun ja. Und wenn wir sie schließlich auch nicht bekämen …“
„So würden wir aller Orten als wortbrüchige Brüder und Verräter unseren Steckbrief haben und der Verfolgung und Rachsucht der Oberen ausgesetzt sein! Du fürchtest sie nicht mehr? Nun, du würdest sie wieder fürchten lernen!“ Sömmerring rang die großen Hände. „Unglückliche, Blinde, die wir in dies Verhängnis rannten! Manegogus haßt uns. Er wird uns Stein um Stein in den Weg rollen.“
„Er ist ein Narr,“ sagte George ruhig, „bleibe ja kalt und gelassen in allem, was ihn betrifft! Höre mich an!“
Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die kühle Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenüber gegen den grünlich-klaren Himmel. Alte Dächer, dachte er, ich seh euch nicht wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte versinken sehen!
„Du kennst meinen Charakter,“ begann er, sich ins dunkle Zimmer zurückwendend, „es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verführten …“
„Nein, bei Gott,“ beruhigte er sich selber, „denn die Hoffnung auf Gold, sie war mir aus den edelsten Gründen teuer, — war es nicht so?“
„… sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Überzeugung von gewissen Wahrheiten und der schwärmerische Hang, sie für wahr zu halten, — das war’s doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren ließ! Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet, mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den Bundesbrüdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Kräfte aufgeboten, um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte. Und nun, da ich endlich eingesehen habe, daß mich diese Verirrung nicht nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewiß mehr als 1500 an verschwendeter Zeit und unschätzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in den vier Jahren hätte erwerben können, und so viel an Freuden des Lebens, die meinen Kopf hätten aufhellen, meinem Herzen hätten Schwung geben können, — seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt habe, seitdem“ — und er stieß den Stuhl, dessen Lehne seine Hände umfaßt hielten, heftig auf den Boden, — „seitdem erlaube ich es mir, eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten. Ja, Sömmerring, für mein Leben fluche ich der Schwärmerei! Freimaurerei und Rosenkreuzerei sind abgetan für mich. Meine Natur ist dem Mystischen entgegen. Es war nicht Frömmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war — etwas anderes …“
„Du meinst?“ fragte Sömmerring zaghaft aus dem Dunkel.
„Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich weiß es jetzt.“