„Therese!“ dachte er, in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, — „Therese!“
Gleich darauf lächelte etwas in seiner Stimme, als er abschließend sagte: „Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und — die Brüder vom reinen Willen über alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener Müller!“
„Ein Treuloser!“ murrte Sömmerring, „wo mag er sein?“
„Gleichviel!“ sprach George. „Mein teuerer, einziger Sömmerring, was ich dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.“
Nach diesen Worten blieb es sonderbar still. George, jetzt mit dem Rücken am Fenster lehnend, erblickte drüben im Spiegelglas seinen Schatten von einem trüben Abendrot umflossen und den Querbalken des Fensterkreuzes zu seinen Häupten.
„Du bist mit Therese einig,“ wiederholte Sömmerring sodann. Es gab ein Geräusch, als bewegte er ruhelos die Hände, riebe sie aneinander, ein trockenes aufreizendes Geräusch.
George, im tiefsten Herzen erkältet und von einer rätselhaften ohnmächtigen Angst überfallen, raffte sich zusammen und rief in erkünstelt zornigem Ton: „Das ist alles, was du mir zu sagen hast? Nun, beim Himmel …“
„Versteh mich richtig, versteh mich richtig!“ sagte die Stimme aus der Dunkelheit hastig in hilflosem Ton. „Ja, dein Glück liegt mir am Herzen, wie mein eigenes, Bruder, — heißer noch, angelegentlicher. Und deshalb, gerade deshalb …“
„Sömmerring!“ sagte George beschwörend. „Oh, Forster!“ seufzte der andere, „Forster, — ist sie denn deiner auch wert?“
„Therese?“ fragte George zurück, und der Ton seiner Stimme sagte, daß er lächelte, „Therese?“
„Ja, — Therese!“ Sömmerring kam herüber und legte mit einer unbeholfenen Gebärde seine Hände auf Georges Schultern, — es war ja dunkel. „George, wir kennen sie beide, und es gab eine Zeit, da durfte man noch in deiner Gegenwart ohne Rückhalt über sie sprechen. Aus jener Zeit mußt du dich entsinnen, — nun, — sie galt für eins von den Mädchen, deren größte Freude es ist, wenn sie Sklaven an ihrem Triumphwagen schleppen können. Und unter diesen Sklaven einen Fürsten zu haben, einen Forster —“
„Oh, schweige!“ George wandte sich ab.
„Ich schweige nicht,“ sagte Sömmerring mit verzweifelter Rücksichtslosigkeit, ein wenig stotternd und mit dem Zeigefinger eifrig unterstreichend. „Diese Liaisons mit dem jungen Rougemont, mit Meyer, haben die Sperlinge auf den Dächern beredet und du allein warst taub und blind.“
„Was will das sagen?“ gab George hastig zurück, „habe nicht auch ich —? Denke an Philippine, an Karoline Michaelis — nun, willst du mir nicht auch sagen, ich sei Theresens nicht würdig? Nun?“
„Oh, George!“ sagte Sömmerring, vor so viel Harmlosigkeit verlegen. „Aber das waren Spielereien, schöngeistige Korrespondenzen …“
„Nun, und …? Willst du etwa andeuten, daß Theresens Beziehungen zu jenen Männern weiter gingen? Und selbst wenn sie sich ihnen näher attachiert gehabt hätte, —“ er redete lauter als nötig, wie einer, der sich selbst übertönen will, — „was willst du ihr vorwerfen?“
„Nichts, als daß sie gleichzeitig mit dir und jenen Hohlköpfen ihr Wesen hatte!“
„Ach, du kennst sie nicht. Sie ist so jung. Sie ist beweglichen Geistes. Du solltest ihre Briefe lesen, Freund, — du würdest zufrieden sein. Was ich dir sagen könnte, es würde mich beschämen, — aber sei beruhigt, — es ist kein Mann mehr für sie vorhanden außer mir. Meyer ist mir Freund und Bruder und sie, o Sömmerring, sie wird mir einst Freundin und Gehilfin sein, wie sie mir jetzt die einzig Begehrte und Geliebte ist.“ Er sank dem Freunde an die Brust.
„Vergib mir, vergib mir!“ stammelte der ergriffen. „Ich weiß, ihre Qualitäten sind außergewöhnliche. Du bist der Mann, sie zu lenken. Sei glückselig! Ich bin es mit dir.“ — —
Es klopfte. Mühlhausen, der Bediente, kam herein, der Schein des Leuchters in seiner Hand fiel auf ein verschnupftes, verweintes Gesicht.
„Ja, ja, Mühlhausen! Sein guter Herr!“ Sömmerring klopfte ihn auf die Schulter, „aber warum folgt Er ihm nicht?“
„O Herr! So in die finstere Polackei! Ja, wenn der arme Mühlhausen nicht Weib und Kind hätte!“
„Lassen wir die Sentiments! Seien wir Männer!“ Forster trat aus dem Nebenzimmer, eine triefende Flasche in der Hand; Mühlhausen, der den einfachen Abendimbiß auf den Tisch gesetzt hatte, entfernte sich.
„Ich habe hier eine Bouteille Johannisberger, Freund, — nun, ’s ist immerhin ein guter Tropfen zum Abschied, und einstweilen bist du den Hochheimer ja noch nicht gewöhnt, — du Rheinländer!“
Sömmerring war wie George im Begriff, Cassel zu verlassen. Er folgte einem Ruf Sr. Eminenz des Kurfürsten an die Universität Mainz. George füllte die Gläser. Sömmerring sah ihm schmunzelnd zu.
„Ich gedenke ein guter Preuße und Lutheraner zu bleiben unter den Verführungen Roms“, sagte er. „Der Hochheimer soll ein Reservat der Herren Domdechants sein.“
George setzte sich. „Oh, du wirst Freunde unter ihnen gewinnen. Tritt nicht zu schroff auf. Ein Mann von Welt betont seine Überzeugungen nicht. Er hat sie, — das genügt.“
„Daß wir beide unter die Pfaffen fallen müssen! Und warum nicht am selben Ort! Oh, George, — Wilna könnte mich nicht locken, du weißt es, — aber ich werde alles daran setzen, dich an den Rhein zu bekommen!“
Sie hoben die Gläser. „Tu es!“ sagte George angeregt. „Auch ich werde für dich arbeiten. In Prag, — in Wien, — wo du willst. Bruder, Connexionen und Connaissancen sind alles!“
„Du hast sie durch deinen Namen,“ Sömmerring sah auf seinen Teller. „Woher sollte ein bescheidener Jünger Äskulaps sie haben, wenn nicht durch seinen Freund und Bruder?“
„Oh, schweige!“ rief George, „du bist eine Hoffnung deiner Wissenschaft, du weißt es. Weißt du auch, wieviel Protektion wir dem Bunde verdanken?“
„Du magst recht haben,“ — Sömmerring sah sich unruhig um, — „indessen wünschte ich dennoch …“
„Du nimmst es zu tragisch. Ich werde es unterwegs zunächst nie ableugnen, einer Loge anzugehören. Kenntnis von Geheimnissen gibt ein Air. Und in Leipzig will ich dem Schrepferschen Zirkel näher treten. Wissenschaftshalber, verstehst du.“
„In Leipzig, —“ Sömmerring lenkte ab, — „du wirst auch nach Halle kommen?“
„Jawohl,“ erwiderte George verdüstert, — „ich muß wohl. Die Götter mögen über meinem Reisegeld wachen. Aber auch ohne das, ich werde fest bleiben. Ich habe jetzt andere Rücksichten zu nehmen.“
„Du wirst den Deinen Mitteilung von deiner Liaison machen?“
„Um Gottes willen! Das geschieht erst in einem Jahr, — wenn ich mir Therese hole. Der Alte möchte mir Berge in den Weg legen. Freilich, für ihn ist der Packesel dann endgültig verloren!“ Er lachte kurz auf. Sie tranken sich zu. Sömmerring legte sich über den Tisch und griff nach Georges Hand.
„Mein George,“ sagte er mühsam mit schwimmenden Augen, „du bist die beste, uneigennützigste Seele der Welt. Du bist der wahre Amadeus.“
„Sömmerring, Sömmerring!“ George bedeckte die Augen mit der Hand. „Laß uns nicht weich werden!“
„Doch, doch!“ Samuel Sömmerring schluchzte beinah. „Du bist’s! Und nun bist du den Alten glücklich los — und da kommt diese Frau …“
George richtete sich auf. „Sömmerring!“ rief er, „deine Freundschaft verführt dich! Laß mich annehmen, es ist der Wein! Laß mich annehmen, es ist der Wein!“
Sömmerring verbarg das Gesicht in den Händen. In der Tat, er vertrug nicht mehr als ein Glas.
„Schick mir einen Elenskopf aus Polen, Bruder,“ bat er kläglich, „das Gehirn in Weingeist! Auch einen Bärenkopf besäß ich gern. Mein Gott, mein Gott, du gehst ja in die Wildnis!“
George kam um den Tisch herum. George streichelte den gefällten Riesen. George tröstete. Aber da war nichts zu machen.
„Du — du bist nun einmal zu gut dafür, um nichts zu sein als das weiße Tuch für das Schattenspiel der andern!“ schluchzte Sömmerring.
George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck über diese Worte hin ins Leere.
George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet. Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, unddaßes rauschte, daß es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern stürzte, ach, er wußte es wohl, das war nicht Theresens Brief allein, der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schluß hatte eher etwas in ihm zurückgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte, so sollte dieser Strom wenigstens Mühlen treiben, gut, gut, — Forster war nicht der Mann sich haltlos einer Enttäuschung zu überlassen. Und da er denn nun in der fürchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer maßloser Enttäuschung darüber, daß er sein Mädchen morgen abend in Göttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit angenommen hatte, — daß er nicht, ehe er noch einmal in eine so gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebärde der Zärtlichkeit mitnehmen würde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige bräunliche Haut ihres Halses einmal berühren durfte, — oh, seltsames Verlangen, wunderliche Wünsche mußten nun zurück in das stumme innerste Herz! — da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefühl über ihn:dennochwollte er glücklich sein! Und nun stand ja diese Reise bevor, dieser angenehmeUmweg nach dem Ort der neuen Pflichten, der über den Harz, über Dresden, Prag und Wien führen würde und zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck jener bittersüßen Erfüllung, es war der wohlbekannte Frühlingssturm der Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen ließ, diese verworrene gläubige Erwartung größter Dinge und Ereignisse hinter der nächsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fühlte die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wälzte sich herum, stemmte den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank, diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten würde er diesen Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Fröhlichkeit der alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurück und lachte lautlos auf. Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, — hier ging er, George Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demütiger Knabe, nicht mehr ein dürftiger überarbeiteter Jüngling, — auch nicht der dumpfe Schwärmer der letzten vier Jahre, — nein, hier ging ein freier zielbewußter, und nebenbei ein berühmter undà la modegekleideter, kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er inKlausthal mit dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren würde, fühlte seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mühelos durch Anschauung um das vermehrt, was man von Polen aus für die Anwendung auf dortige noch zu hebende Bodenschätze von ihm verlangt hatte, — sah sich diese genußreiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berühmten Inspektor Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste Beziehungen anknüpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbögen in Österreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, — da er ja noch nicht gebunden war, — so würde er sich mit der Freiheit des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fühlte aber sogleich aus irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschämung sich ankriechen, — was war das doch nur, — war’s jener Vorsatzauf die Schönen von Tahiti, den er damals im Eise des Pols gefaßt — und nie ausgeführt hatte? Mit Ernst gebot er derartigen störenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die andere Seite und überzählte im Geiste die Empfehlungsbriefe und Adressen, die er mit sich führen würde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straßen ansässig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht an seinem Wege lag, — er schloß erschrocken die Augen, — oh, nur nicht diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwören, die seit der Rückkehr aus der Südsee an ihm vorübergezogen waren, — gab es denneineeinigermaßen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persönlich kannte oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte er mit kindlichem Vergnügen und jener Unumwundenheit innerster unbeobachteter Gedankengänge, — nur, daß ich jünger bin, als er damals, und dennoch — mehr!
Pater meus major est me!fügte er freilich sofort hinzu, sich gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen Gefühl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott weiß, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfängt. Ich aber …
Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rätselhaften Schwären verunziert, mit ständigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaßen, sein Geist schien abhängig von den Gezeiten jenes Giftes, dasseit den Skorbuttagen im Südmeer in seinem Blute auf- und niederstieg: er arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, — oh, er wußte es mit heimlich asketischer Inbrunst, — zuviel Gesundheit vertrug sich nicht mit seiner Einsamkeit! Später vielleicht, — in einem Jahr, wenn er Therese besaß.
Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fühlte es. Er fror plötzlich, er zog die Decke über sich. Er war doch müde.
Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefährtin seiner Arbeit. Er brauchte einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte dieseVerstoßenheit, diese körperliche Verlassenheit vergessen können, wie er es einst, — ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die Atemzüge der Schwester neben sich hörte. Er wollte jemand haben, der still und zärtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, — er tastete in der Dunkelheit nach ihm und drückte ihn an sein Herz, — nur noch ein klein wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mußte, — ahnten sie, daß Forster — der jüngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm Deutschlands! — hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein Kind? Oh, nichts weiter sein dürfen, als das duldende, menschenliebende Geschöpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens, nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, daß die Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt hätten, — wie selig mußte es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab, der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu sein! War er vielleicht nicht glücklich gewesen als Sklave seines Vaters? Und dies, was Sömmerring da gesagt hatte, dies mit dem weißen Tuch und dem Schattenspiel, — traf es nicht zu?
Er fuhr empor und griff sich mit den Händen an den Kopf. Wie, sollte er nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die Müdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, — die Angst vor den Fährnissen der Reise, für die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war, Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straßen, den Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nässe und Kälte. Es war, — ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, — nun kam — Ariadne …
Entwirrung, — Klärung, — Vereinfachung! Er würde arbeiten, sich ausströmen an die Welt. Zunächst kamen nun Briefe, Tagebücher, — oh, liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein …
Als Mühlhausen eine Stunde später mit dem Leuchter in der Hand und dem Reiserock über dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest schlafend, die Linke über die Augen gelegt, einen lächelnden Zug um den armen häßlichen Mund. — — —
Zweiter Teil. Ariadne
Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er, George, sich beklagen? Da sei Gott vor, — nicht einmal vor sich selbst tat er das, — geschweige denn dem guten Sömmerring gegenüber! Ganz im Gegenteil! Er überlas noch einmal die letzten Zeilen, — malte er da nicht ein Bild häuslichen Glücks, daß es dem armen Teufel, der immer noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mußte? Und diese Worte, die er eben geschrieben hatte: „Therese ist trotz ihres Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Körpers und des Geistes …“ die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht anders als die Feststellungen über seinen eigenen Gemütszustand, seinen Tageslauf, seine Arbeiten! Es störte ihn doch auch gar nicht, störte ihn nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, daß das Haus von früh bis spät widerhallte von Theresens Geschäftigkeit! Was tat sie jetzt wieder? War es eigentlich möglich, daß eine Frau mit zwei Mägden bei der Tätigkeit des Wäschenähens — ja, es entstanden Hemden für ihn, zwölf neue Taghemden, fühlte er mit gebührender Erschütterung, und die zwölf alten waren ausgebessert worden! — daß sie bei dieser sitzenden Tätigkeit einen derartigen Aufwand von Geräuschen machte, die für den Außenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehörten? Daß zunächst Lieder gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die Getreue, aus Göttingen in fühlender Erinnerung an den fernen Geliebten anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, — aha, Marischa, das polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die hinterhergleich mit Küssen null und nichtig gemacht werden! Therese handelte oft so — unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein Ballen Leinwand etwa, — war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und warum wälzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fußboden herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch durcheinander, — nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem Holz für den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das würde einen neuen Anlaß zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten für acht Taler Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jährlich unvollkommen erfüllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nächsten Minuten steigerte der Lärm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig, jemand begann auf einem Kamm zu blasen und — war es möglich? — wurde jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der Marischa, um den Zirkus zu vervollständigen. George wurde ein wenig unruhig. Nun Therese — Therese amüsierte sich, Therese war zwanzig Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wußte, jetzt saß sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht, warum auch nicht, — sie verlangte ja nicht, daß er, George, dabei war. Und es störte ihn nicht, o, es störte ihn nicht im geringsten, er arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, — nur, es war ihm im Augenblick nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Also: Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit … Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bösen Fall tat! Ob er doch einmal hinüberging? Nun kam der Michael wahrhaftig … Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch … Aber das ging doch nicht! George sprang erregt auf, drüben verstummte jäh der Lärm, und gleich darauf ließ sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr über den Flur ins Wohnzimmer, die Männer liefen die Treppe hinunter, Liese fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: „Wenn ich ein Vöglein wär …“ Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben. George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauendenDämmerung die Flocken tanzten. Gedämpft durch die Schneeluft klang das Angelusläuten von der Universitätskirche herüber. Sie schneiten ein. Meilen über Meilen, grenzenlose Flächen weit breitete es sich um Wilna wie Leichentücher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George machte Licht. Es war gefährlich, in der polnischen Winterdämmerung nach Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er wollte korrespondieren, wollte weiter Sömmerrings brüderliche Seele beschwören, sich an ihr erwärmen!
„Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit …“
Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wäschestücke für das erwartete Kind, — den Jungen, natürlich, den Jungen! — nähte … Ob sie in der Küche Fleischklümpe drehte und zugleich der Marischa aufklärende Vorträge über den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt, — oho, Georgie, hätte die Miß Therese nichts gelernt, so äße die Panji Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel, selbst die Steckrüben fraßen diese Barbaren ungeschält! — Ob sie mit ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte undLe Cœur aimableermunterte, baldigst aufsaimablestezu duften undLa Beauté blancheein wenig anbetete, — es waren auch Küchenkräuter, Kerbel, Kresse und Petersilie mit in die Töpfe gesät, die Schönheit allein macht nicht satt, Georgie! — Ob sie mit des Bischofs Gärtner, Feureißen, einem wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Pläne machte für die Bestellung der Beete im Frühjahr und Betrachtungen über die moralische Minderwertigkeit des Katholizismus einfließen ließ, — Feureißen würde doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermländerin, erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hände fallen lassen („o, Feureißen!“) — und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureißens überwältigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte („o, liebe Madam!“), es käme ihm zunächst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen (auch er erwartete einen Jungen, natürlich!), alsdann würde es jeder Sekte Ehre machen … Ob sie, mit riesigen Überschuhen bewehrt, durch den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in Ölfarbe für die Wände, in Fleisch, — es mochte ein Edelmann seinen Wald abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wußte Therese dergleichen immer früher als andere Leute? George staunte.Ob sie ihre Möbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Möbel abrieb und blitzblank putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnächst endlich einmal eingeladen werden mußten (schon wieder? dachte George), denn freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne Geschmack, indessen, was blieb einem übrig … Ob sie Journale las oder einen neuen Roman, in die Ecke des grünen Kanapees gekuschelt, die Füße unter den Rock gezogen, die Hände ins Haar gewühlt, lachend und weinend, Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unübersehbaren Korrespondenzen … Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit des Körpers und des Geistes!
Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glücklich, wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen und unerachtet häufiger nachdrücklicher Seufzer über die geistige Einöde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von den Göttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den lächerlichen Zustand dieser Pseudo-Universität leicht und leicht den unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren Kollegen. Er war gerührt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte den großen winkligen Gebäudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie sich befand wie der Kern in der Nuß, er wollte von der Welt nichts weiter, als eben dieses Asyl seiner Zärtlichkeit. Er hatte seinen Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt, ruhend, wie Langmayer fröhlich behauptete, auf Amors Wolken und den Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der naturwissenschaftlichen Institute der Universität gehabt hatte.
Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschäftigt. Er hatte seine ganze Enttäuschung über die vorgefundene Lotterwirtschaft und den verrotteten Pfaffenbetrieb, über den Mangel an Anschauungsmaterial und den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer, der den Fuß schon über die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen. Was hätte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet hätten, anstatt seine Ansprüche zu erfüllen, hatte ernicht noch jenes Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz abgeschlossen hatte: „Sie werden in Polen nicht bleiben …“ O, Wien! Oder auch Prag, — selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begründung eines etwaigen Rücktritts hätte dienen können, hatte er dem alten Laster des Plänemachens gefrönt wie nur je und sich hinweggeholfen über die tote Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den überraschenden Erfolg seiner Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen können. Und, nun wohl, — jetzt gab es keine Pläne mehr. Jetzt war nur noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes eine seltsame Auflösung aller Lebenskräfte, bedeutete, so hatte er schwindelnd gedacht, die Mündung des Stromes in den Ozean und den Untergang der Flamme in der Glut. Über sein Pult gebeugt, fühlte er Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fühlte die eigenen Glieder wie den Körper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fühlte er erschüttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein müssen, damit dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlösung aus allem Irrsal, diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natürlich wohlig, wie das Kind die Muttermilch sog. Ach, Therese! daß er sie hatte finden dürfen, sie, die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm die Essenz aller Süßigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann merkte er, daß er sein Kabinett verließ, und lächelte. Wo war Therese? Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Küche, im Garten, bei der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses Drängen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwänden. Sie lächelte. Sie folgte ihm. Und da war dies grüne Kanapee, und da war Therese an seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er atmete ihren Duft, — da waren ihre Hände, ihre Arme … Sie wehrte ihm nicht. Er hörte sie manchmal „Georgie!“ flüstern, er fühlte ihre kleine unruhige Hand über sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie voller Tränen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. „Du weinst?“ stammelte er befremdet.„Mein Freund!“ sagte sie sanft, und während er nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefühl grenzenloser unerklärlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte, das ihn überschauert hatte, trocknete sie ihre Tränen, und ihn aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand ihm die Brauen glättend: „Ist’s auch mein Tod, an den du denken mußt, mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?“
Auch dies begriff er nicht. Therese dachte immer an ihren Tod. Therese war des Morgens vor Tage auf, trillerte wie eine Lerche, — und dachte an den Tod. Therese hielt in aller Frühe eine Heerschau über ihr Gesinde ab, gab die Losung für den Tag aus, verteilte die Arbeit, nicht ohne die Marischa in scherzhaften Wendungen, die durchs ganze Haus schallten, von ihrer Meinung über ihren mangelnden Reinlichkeitssinn unterrichtet und den Joseph ob seiner Trägheit bedroht zu haben, — und dachte an den Tod. Therese saß mit ihm am Frühstückstisch, ihre Hände bewegten eine Strickarbeit, ihre Augen hingen gebannt an den Seiten eines französischen Buches, beim Umblättern fand sie Zeit einen Bissen, einen Schluck zu nehmen, ihm einen Blick, ein Wort zu schenken, sei es „Forster, mein Engel!“ oder „Iß, mein Georgie!“ — und dachte an den Tod. Therese tanzte treppauf, treppab durchs Haus, kramte in Schränken, klimperte auf dem Klavizymbel, sortierte Sämereien, betrachtete ihre Souvenirs und Silhouetten, ordnete ihre Schmucksachen, lief mit der Langmayer in die Kirche, einem Hochamt beizuwohnen, brach in sein Kabinett ein, um sich sowohl über die Langmayer — „sie verpolackisiert, Georgie, es ist eine Schande!“ — als über den Katholizismus auszuhalten — „Pfaffenglanz, Affentanz!“ — Therese rief: „Ich störe dein Werk, vergib mir!“, eilte lachend hinaus — und dachte an den Tod. Es mochte ein Fest geben, eine der Assembleen, die ihn so schrecklich langweilten, etwa fetierte ein Würdenträger seinen Namenstag mit einer Schmauserei und Musik. Therese machte aufs sorgfältigste Toilette, Therese putzte ihn, — George, — aufs gewissenhafteste, daß er auch nicht im Kleinsten gegen die Mode verstieß, Therese strahlte an seinem Arm durch die Gemächer, war huldvoll, war graziös, funkelte vor Belustigung über die schwarzen Dohlen, die Herren Paters, die nun wahrhaftig in ihren langen Weiberröcken zur Polonaise antraten, neben sich die schillernd sich brüstenden polnischen Damen. Therese kokettierte nichtsdestoweniger wahllos, sowohl mit den Schwarzröcken als mit den polnischenGranden, wanderte von einem Arm an den andern und bezauberte selbst Monseigneur, den Bischof bis zu folgender Unterhaltung, an die sie sich in den nächsten vier Wochen unter großem Gelächter alle paar Tage erinnern mußte, die, dies war nicht zu bezweifeln, in jeden ihrer zahlreichen Briefe eingeflochten wurde:
„Mais en conscience, Madame,“ hatte Se. Eminenz hinter der scherzhaft vorgehaltenen Hand gefragt, „Quel âge avez-vous donc?“
„En dix ans, mon Prince(nein, Georgie, dieser alte violette Suitier!),je ne vous dirai plus la vérité. Aujord’hui j’ose la dire, — j’ai vingt et un ans passé.“
„Comment! Mais vous avez l’air d’un enfant de treize ans!“
„Ha ha ha, Georgie, und das mir, einer Frau, die nächstens Mutter sein wird. „Grâce à ma conduite folle, grâce à ma conduite folle, Monseigneur!“ hab ich gesagt, ha ha!!“
Solche und ähnliche Erlebnisse hatte Therese in Hülle und Fülle, — indes, sie dachte an ihren Tod. Sie litt zeitweise unter den Widerständen, die ihr Körper der Entwicklung seines neuen Zustandes entgegensetzte, unter den Anfällen von Übelkeit, unter einer krankhaften Abneigung gegen gewisse Speisen, sie beobachtete peinlich berührt, daß Hals und Arme an Fülle einbüßten, je schwerer die Last ihres Leibes ward. Sie ließ sich die Ader schlagen — „Unnützerweise, Freund, — doch es beruhigt sie und wird nicht schaden“, sagte der wackre Langmayer zu George, — sie litt an Blutandrang zum Kopf, an Schwindel, an einem Zittern der Knie. Sie litt nicht im Verborgenen, o nein, das Haus erfuhr es, daß sie litt, doch schien dies Leiden mehr oder weniger ebenso gut ein Anlaß zum Bewußtwerden der Daseinswonnen und eine Art von Genuß zu sein, als ihr niemals gebrochener Tätigkeitsdrang. Es war dies nicht der Grund, daß Therese an den Tod dachte, fühlte George, und daß sie ihre Briefe zu Abhandlungen über die letzten Dinge werden ließ, — Abhandlungen, die sie ihm gelegentlich vorlesen mußte, wenn sie besonders wohlgelungen schienen. Da saß sie vor dem geliebten kleinen Mahagonibureau, das er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, samt all den Erinnerungen bitterer und süßer Arbeitsstunden unter allen Himmelsstrichen, die es barg, — sie hatte esThe Resolutiongetauft, um die Meere des Gefühls darauf zu befahren, — da saß sie, die Füße auf dem Kohlenbecken, vorgebeugt auf die Schreibplatte, den Blick schwimmend zum Fenster erhoben, die Feder an den Lippen. Er ging behutsam durchs Zimmer, oh, erhatte ja nicht herantreten wollen, es hätte nicht dieser Bewegung bedurft, als wollte sie das Geschriebene vor seinen Blicken schützen! Sie schrieb, sie korrespondierte, auch er tat das, gewiß, wenn schon nicht so — pflichtgetreu wie sie. Da waren die Eltern, — eine Frau, eben noch selbst Kind in der Hut zärtlicher Eltern und nun in der sarmatischen Wildnis, in dieser Lage, sie bedarf ihrer Mutter! — da waren die Freundinnen, Musen und Grazien auf dem Parnaß, der Göttingen hieß, und unter denen sie nicht die Letzte gewesen war, — da war — jener, der Assad genannt wurde. Jener, der in einer Mondnacht zwischen Cassel und Göttingen einst das seltsame Wort von dem Pol der Geburt und dem des Todes gefunden hatte, der sein schönes Gesicht so fern, so beruhigend fern von Wilna durch die Welt trug und seine Bonmots immerhin verschwenden mochte, wo es ihm beliebte, da er dann nicht darauf versessen schien, sie Briefen anzuvertrauen,grâce à Dieu! Warum aber bedurfte jener, der Assad genannt wurde, — und warum wurde er so genannt? „O, Lieber, — weil er so um sich werben ließ, wie Lessings Tempelritter, ehe er Zutrauen faßte“. — „Und das sagst du mir?“ — „Aber — Georgie …?“ Warum bedurfte jener so häufiger, so ausführlicher Berichte über das Leben, die Gefühle, die Todesnähe Theresens, Berichte, unter deren AbfassungThe Resolutionschwankte wie nur je im Südwestpassat? Warum mußte von ihm gesprochen werden, abends, wenn George bei Therese auf dem grünen Kanapee saß und Archenholtzs „England und Italien“, aus dem er vorgelesen hatte, sinken ließ, weil er schon seit einer Weile fühlte, daß Theresens arbeitende Hände ruhten und sie ins Kerzenlicht sah? Er hatte vielleicht gedacht, Therese sähe so still ins Kerzenlicht, weil sie müde sei und wünschte, auch er, George, möchte bald ein wenig müde werden. Wollte er nicht gerne müde sein, müde mit Therese? Aber da wandte sie ihm die Augen zu und ihr Mund hatte jenes unbestimmte fortgleitende Lächeln, als sie sagte: „Georgie, — ist das nicht zum Lachen? Assad spricht in seinem Brief, — dem Brief, weißt du, vor vier Wochen, — von meinen zukünftigen Kindern, und in demselben Brief nennt er mich eine Vestalin!“
Was, so fragte sich George, nachdem er etwas voncontradictio in adjectogemurmelt hatte, was gingen Assad, — und zum Teufel, er hieß einfach Herr Meyer! — was also gingen Herrn Meyer Theresens zukünftige Kinder an, — und meinte er etwa, sie kämen durch Überschattung des heiligen Geistes zustande? Ich kenne die Frauennicht, erklärte George sich selbst, jetzt erst erfahre ich, mit welcher Zärtlichkeit sie der Freundschaft die Treue halten. Mochte denn das Wohnzimmer ein Tempel des Gedenkens sein, er trug die Silhouetten seiner Eltern, seiner Freunde herbei, um sie neben denen von Theresens Teueren aufzuhängen. Er war der Letzte, das Glück des Erinnerns, des Sichversenkens in die Seelen der fernen Geliebten zu verdammen, und gab es ein edleres Vergnügen als mit Therese in Wonne und Wehmut zu vergehen vor dem Bilde eines Jakobi, vor den Zügen seines Sömmerring, Tränen zu vergießen in den Gefühlen, wie sie der Anblick des Pastells heraufbeschwor, das ein Abglanz war der vom Tode berührten Schönheit jener unglücklichen Auguste, die an Theresens Herzen gestorben war? O, er wollte nicht ausgeschlossen sein von Theresens Freundschaftstempel, wollte mit ihr anbeten, schwärmen, sich entzücken, Balsam finden für die Wunden der Vereinsamung unter diesen bunten polnischen Tieren, wollte mit ihr vereinigt sich hinschwingen in den Kreis der ihm verwandten Seelen. Hatte er nicht mehr als guten Willen, sie zu begreifen, hatte er nicht dieselben Bedürfnisse des Herzens, wie sie? Sie waren doch eins, — eins auch in diesen Dingen? Indessen, — warum mußte Meyers Schattenriß dort allein in der Fensternische hängen, wo Therese ihn vor Augen hatte, wenn sie an ihrem Tischchen saß undThe Resolutionsie nach Deutschland trug? Warum stand ein Topf mit Immergrün auf einem Brettchen darunter, warum hauchten Hyazinthen, Goldlack und Tazetten den langen Winter und den grauen zögernden Frühling hindurch ihren Duft zu Assads schönem, hochmütigen Profil empor, wie Opferrauch? Wenn er mein Freund wäre, dachte George einmal, als er vor Tisch in das Zimmer gekommen war, und es noch leer gefunden hatte, und betrachtete das Bild mit sehnsüchtiger Erbitterung, — aber er ist nicht mein Freund! Er wußte es trotz aller Grüße und Komplimente, die ihm mit jenem unbegreiflichen Lächeln ausgerichtet wurden, — Meyer war nicht sein Freund. Nie war ein Mensch von dieser gleitend geistreichen Art und dieser Selbstverständlichkeit des eleganten Auftretens, nie war so ein beneideter sorgloser Plauderer sein Freund gewesen. Sie schienen Geheimnisse zu wissen, diese Menschen, deren Erwerbung ihn seine zwangvolle Jugend hatte versäumen lassen. Mit Aufbietung aller Kräfte konnte er ein paar Stunden, einen Abend lang Schritt mit ihnen halten, — immer aber fühlte er, daß er Blöcke wälzte, wo sie mit Bällen spielten, — ja, ihre Zustimmung, ihre Bewunderung,empfand er sie nicht meist wie Heuchelei, wie Hohn? Waren sie nicht Feinde, glatte, glänzende Feinde, die hinter der Maske des Gönners ihren Neid auf den bitter erworbenen Ruhm verbargen? Nein, Meyer war nicht sein Freund. Aber ich will ihn lieben, dachte George, mit einer fanatischen Umschaltung des Willens, ich will ihn lieben, denn ich gehöre Theresen. Ich gehöre Theresen, dachte er verzweifelt, und was wäre ich, wenn ich mein Herz nicht in ihres fügte, wohin es immer gehen möge?
Assad also, morgens, mittags und abends. Assad um Mitternacht, in Augenblicken, da die Welt völlig versunken zu sein schien vor dem Glück der gegenseitigen Nähe. Ja, Assad selbst in solchen Augenblicken! „Der arme Assad, Georgie, er ist immer so allein!“
Therese, hatte George bei Gelegenheit dieses Ausspruches sich selber innerlich zugerufen, — er mußte etwas in sich überschreien; es war da nichts zu jammern, für sein Herz, o nein! — Therese ist ein Kind, wahrhaftig, sie ist ein Kind! Und sich herumwälzend, daß er nahe neben ihr lag, den Kopf in die Hand gestützt und ihr eindringlich in die Augen blickend, sagte er: „Therese, Assad ist gar nicht allein. Du bist seine Freundin, ja, wir lieben ihn, aber wir sind nicht die einzigen, die das tun. Du weißt es doch. Assad hat viele Freunde.“
„Assad hat viele Freundinnen“, fuhr er fort, mit uneingestandener Genugtuung bemerkend, daß Theresens Augen sich weiteten und sie seinen Worten entgegensah mit einem hilflosen Beben ihres Mundes, das ihm ein sonderbares Gefühl der Macht über ihr Herz gab, ein sehr seltenes, berückendes Gefühl, — „du weißt es doch, wie wir alle in Göttingen es wußten: Assad fliegt von Blume zu Blume, er ist ein schöner Schmetterling.“
„Meinst du?“ fragte Therese tonlos und ihre Augen wanderten, — „ja, du magst recht haben …“
Sie duldete seine Liebkosungen. Er fühlte müde kleine Hände seinen Nacken streicheln und überließ sich besinnungslos der Zärtlichkeit, die aus seinem Herzen brach. Er lag, veratmend, neben ihr, die Stirn an ihrer Schulter, fühlte sein Blut so sanft, wußte: nun kommt Schlaf, — da hörte er ihre Stimme:
„George“, flüsterte sie, „du und Langmayer, ihr glaubt es nicht, — aber wenn ich dennoch stürbe …“
„Therese!“
„Ich weiß, Freund, ich weiß, — du ertrügest es nicht. Und ich muß leben, deinetwegen. Aber dennoch, — was ist unser Wille? Undwennich stürbe und du gehst allein nach Deutschland zurück, — geh zu Assad, George, er wird dir wohltun, er wird um mich weinen, — er kannte mich gut, — obschon ich weiß, er hat viele Freundinnen …“
Therese dachte an ihren Tod. Therese dachte an Assad. Aber nun atmete sie im Schlummer wie ein Kind, und George wachte und starrte ratlos in die Nacht.
Des Morgens frühe mit der Sonne auf, einen Gang durch das Gärtchen getan, Zwiesprach gehalten mit den guten Geistern der Erde, den Teller voll Obst mit Milch, seien’s Himbeeren, seien’s Erdbeeren geschluckt, wie es der wackere Sömmerring verordnet hatte zur Reinigung des Geblütes; ausgeruhten Kopfes alsdann am Schreibpult gestanden und bis zum Frühstück die Übersetzung der Reisebeschreibung Cooks um ein paar saubere Seiten gefördert, das war der Auftakt zu jedem fruchtbaren Arbeitstag, — oh, nun seit Monaten schon! Das kurze Beisammensein mit Therese am Tisch, von gutem Gespräch belebt, etwa über die Frage, ob Therese, die Tochter, — da war sie, da schrie sie, da näßte sie Windeln nun fast schon ein Jahr lang und war kein Junge und doch so unbegreiflich lieb, — ob dieses annoch lallende Würmchen würde Polnisch lernen müssen oder nicht. Und da Polnisch so viel hieß wie Katholisch, bewahre sie also der Himmel! Ja, die Pfaffen strichen ums Haus wie die Aasgeier, fand Therese mit großen Augen streitbar, da war besonders so ein langer, dürrer mit spitzen Ohren und knolliger Nase, der versuchte seit gestern die Liese in Gespräche zu verwickeln, wenn sie das Kind spazieren trug, — näherte sich ihr mit Blumen in der Hand …
„Es war der Pater Liborius, er brachte mir ein paar Zypressenzweige für die Raupen vonDeilephila euphoribaeund konnte unsere Wohnung nicht finden,“ sagte George begütigend.
„Gleichviel. Es sind alles Vorwände! Wölfe in Schafskleidern!“ grollte Therese. Nun, von solchen Gesprächen, die auch um die Politik der Kaiserin gegen die Türken, oder um die Heiratsprojekte des guten zögernden Sömmerring oder um die Anmaßung des Herrn Kant in Königsberg, über die Verschiedenheit der Menschenrassen mitreden zu wollen, oder um die Schlamperei der Langmayer, ein ergiebiges Thema! — gehen mochten, — von solchen Gesprächen also erfrischtund gestärkt nach je einem Kusse auf die Stirnen von Weib und Kind wieder das Kabinett aufgesucht, Folianten gewälzt, Papier gefalzt, mit der Feder geraschelt, kurzum betriebsam gewesen, Material zusammengetragen für die Elementarlehre des Naturreichs für Schulen, zu der der große Camper in Harlem ihn angeregt hatte, an den Ausarbeitungen der Vorlesungen über Mineralogie im kommenden Semester geschrieben … Zwischendurch auf und niederwandelnd mit sich selbst über Mendelssohns „Morgenstunden“ deraisonniert, sich im Geiste mit Lessing und Jakobi darüber auseinandergesetzt und sich in der Stille der eigenen Klarheit gefreut, — auch sich Notizen gemacht für einen Brief darüber an Sömmerring; — Lavatern abgetan, der ein Schwärmer war und blieb, zu Cagliostro gehörte, zu Schrepfer, Gaßner und ähnlichen; endlich noch vor Tische den Bisonskopf, den der junge Studiosus von Howen am Morgen gebracht hatte, zum Versand an Sömmerring präpariert und mit Langmayer ein weniges über die Struktur des Wiederkäuerschädels geschwatzt, — ha, war das nicht exemplarisch der Vormittag eines Mannes im Zenith seiner Kraft, auf der Höhe des geistigen Schaffens? Im Sommer schien auch in Polen die Sonne und reifte die Saat; ein Mann, mochte er in der Welt stehen, wo ihn das launische Schicksal hinwarf, er fand seinen Wirkungskreis, und Befriedigung quoll einzig aus dem stolzen Gefühl des eigenen Busens. Die Welt, die ihn eine Weile vergessen zu haben schien, hatte sich seiner mit Heftigkeit wieder erinnert, wie ihn dünkte, und wenn die Nachmittagsstunden nach kurzer Ruhe der Abfassung populärer gelehrter Aufsätze für die deutschen Journale, sei’s für die Göttinger Anzeigen, für Bertuchs „Journal für Luxus und Mode“ oder für Lichtenbergs Kalender, und der Erledigung der Korrespondenzen gewidmet waren, so war’s eine knappe Zeit zu nennen, gemessen an der Überfülle dieser Arbeiten. Immerhin, er beherrschte jetzt die Materie, es war Methode in seiner Art, den Stoff zu überschauen und zu gliedern, sein Stil war geschmeidig und ein brauchbares Werkzeug, um die spröde Masse der Wissenschaft in Anschauung umzusetzen.Industria lapis philosophorum!dachte er, mit einem verlorenen Lächeln auf seine Niederschrift gebeugt, — freilich, jetzt wandelte er Blei in Gold! Therese, — das Kind, — sie wollten leben und sollten es gut und sorglos. Therese brauchte nicht zu wissen, wie sehr ihn die Ansprüche des täglichen Verbrauches auf einmal überstürzten. Therese sollte leben wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel! EineHütte, ein Gärtchen mit Bohnen, Erbsen, Kohl und Spinat, eine Rosenlaube und Astern, ein Stückchen Feld, eine Ziege im Stall, grobe Schuhe und ein kamelottenes Kittelchen, — freilich, so schwärmte sie, dachte er gerührt, nicht besser wollte sie es haben, arbeiten wollte sie Tag und Nacht für ihn und das Kind! Wer aber kannte das Idyll von der Hütte und dem Stückchen Land und der Ziege im Stall besser als er? Oh nein, er war nicht Reinhold Forster, der sein Weib arbeiten ließ wie eine Magd, oh nein, Wilna sollte kein zweites Nassenhuben sein! Und dann, — er lächelte ein wenig, — „eine Hütte“, sprach sie, und: „Georgie, der Michal frisiert wie ein Stallknecht, ich kann seine Hände nicht an mir ertragen, und die Marischa ist so schrecklich katholisch und schmutzig, — ob wir uns nicht doch den Mühlhausen aus Cassel verschreiben?“ Und: „Georgie, ich wollte es nur gesagt haben, es steht eine Chaise zum Verkauf beim Starosten Rubinski, — sie, die Rubinska, ließ es mir sagen, — nun, ich will dir nicht zureden, aber die große Kutsche hängt so schlecht in den Federn, das Röschen weint bei den Stößen, wenn wir spazieren fahren …“ Und: „Georgie, der Schwarz fährt zur Messe nach Leipzig, ich gebe ihm Auftrag für ein Stück Bielefelder Leinen, du brauchst Nachtcamisöle, Georgie. Und, — nun ja, meinst du nicht auch, man könnte eine neue Kaninchenkatze für mich brauchen?“
Die Kaninchenkatze war Theresens Muff, sie hatte sich im vorigen Winter immer die räudige Katze schelten lassen müssen, weil sie irgendwo einen kleinen abgeschabten Fleck hatte. Die Langmayer besaß einen Zobelmuff.
„Man könnte mit der räudigen Katze einen herrlichen Fußsack füttern,“ sagte Therese nachdenklich, „man kann nicht genug Fußsäcke haben!“ Und plötzlich umschlang sie ihn von rückwärts, legte ihre Wange an seine, lachte ein wenig und: „Georgie,“ flüsterte sie, „darf die neue Kaninchenkatze aus Zobel sein?“ —
George ließ die Feder rascheln, rascheln, rascheln. George lächelte über seiner Arbeit, hustete, hielt inne, hob den Kopf und lauschte auf die Geräusche im Hause. Röschen weinte, aber nur einen Augenblick. Dann ging die Wiege, dann lachte Therese, dann jauchzte das Kind. George lächelte wieder, er lächelte bewußt und ächzte gleich darauf ein wenig, ohne es zu wissen, während er fortfuhr, zu schreiben. Der Affenbrotbaum, oh, ein ergiebiges Thema! War es nicht verdienstlich, die deutsche Leserwelt über den Affenbrotbaum und seine Eigentümlichkeiten zu unterrichten,und trug dann für ihn dieser Wunderbaum nicht seltsame Früchte, Nachtcamisöle und eine Kaninchenkatze aus Zobel?
‚Ich werde Spener um einen Vorschuß bitten müssen, wohl oder übel,‘ dachte George, während er aus der ihm mühelos gehorchenden Anschauung heraus die Sätze halb mechanisch entstehen ließ; ‚er bot es mir ja selber an.‘
Spener war der Buchhändler in Berlin, in dessen Hand die Fäden von Georges wissenschaftlichen Arbeiten zusammenliefen; ein Mann, der wohl wußte, was er an seinem Forster hatte.
‚Oh, mein Teurer,‘ dachte George weiter, ‚aber glauben Sie nicht, daß ich mich als Ihr Sklave in den Bergwerken der Wissenschaft zugrunde arbeiten werde!‘
Seitlich blickend hing er eine Minute der Erinnerung seiner Einfahrten in die Harzer Bergwerke mit Trebra nach, damals auf der wunderschönen Reise nach Wien — seltsames Labyrinth im Bauch der Erde, oh, aber still, — so still! Erzadern blinkten, irgendwo tropfte Schlaf …
Therese wußte nicht, was Arbeit war, Therese hatte hundert Handfertigkeiten, die sie übte wie Wandeln und Atemholen, Therese pflegte ihr Kind unter Tanz und Gelächter, Therese hatte geistreiche Einfälle und ließ sie spielen wie Schmetterlinge, Therese schwärmte und weinte süße Tränen und schrieb Briefe, — Briefe — Briefe …
Nein, Speners Sklave war er nicht —, Speners Sklave nicht.
Aber was wurde eigentlich aus ihm, fragte er sich manchmal dumpf staunend, aus ihm, der aus dem Reich der großen Geister, das Deutschland bedeutete, verschwunden war in die polnische Nacht, unter ein Volk von weniger als neuseeländischer Kultur, dessen geistige Gestirne bisher Pfaffen, französische Vagabunden und italienische Taugenichtse gewesen waren? Dessen Adel die unbedenklichste Roheit mit französischer Superfeinheit verbrämt zur Lebensart erhoben hatte, in seinen prunkstarrenden Assembleen das Pharao als einzige Motion der Köpfe betrieb, von Konversation nichts ahnte, Kunst und Wissenschaft verachtete, — was wurde aus ihm in dieser Atmosphäre, ohne geistig ebenbürtige Freunde, ohne Austausch, — was konnte aus ihm werden als der Sklave einer Arbeit, die, er wußte es wohl, nur zweiten Ranges war?
Ein Abendessen im kleinen Kreise guter Freunde, ein Zusammensein in Heiterkeit und Herzlichkeit bei vorzüglichem Essen und gutem Gespräch,— bis Mitternacht bei dampfendem Punsch um den summenden Samowar gesessen, gelacht, gesungen, ein Spielchen getan, — dies, sinnierte George, als er an einem Januarabend Anfang 1787 bei Kerzenlicht noch einmal an seinem Pult stand und Ordnung unter den Papieren machte, wozu er vorhin in der Eile nicht mehr gekommen war —, dies ist’s, was nach einem angestrengten Tage wahrhaft Erholung und Harmonie des Gemütes verschafft! Er pfiff mit vergnügtem Gesicht ein wenig vor sich hin, er hatte den Spleen gehabt und seine Satire gegen Polen spielen lassen, trotz der Gegenwart von Régnier und Strzecky, Langmayer hatte ihn grob und ehrlich unterstützt und wahrhaftig, Régnier hatte den früheren Kammerdiener nicht verleugnet und war geschmeidig auf den Ton des Gastgebers eingegangen, bis ihn ein Wort von Langmayer auf die Nase traf, wie die Eichel den Bauern, der unter der Eiche schlief: Oh ja, Land, miserabeles, wo es genügt, hohe Herren gut rasiert zu haben, um Professor der Chirurgie zu werden! Régnier, der ehemaligevalet de chambredes Fürstbischofs und nun sein, eines Forster, Kollege an derAlma mater, haha, er hatte zum ersten Mal seiner gascognischen Schlagfertigkeit entraten und es hatte der ganzen Gewandtheit Theresens, der ganzen erschrockenen Milde des Präsidenten bedurft, um die Konversation wieder in harmlose Bahnen zu leiten, etwa, — Himmel, wie weit holte der gute alte Mann aus! — zu den Sternen der südlichen Hemisphäre und derAurea australis. Da war George nun freilich ins Schwärmen geraten und dann hatte er wieder einmal des eigenen Wesens Schatz verspürt, aus dem heraus er unerschöpflich geben konnte, hatte wieder die Augen des ganzen Kreises gläubig und hingerissen auf sich gerichtet gesehen, besonders die der Langmayer und der Régnier, die, aufgeplustert nebeneinander auf dem grünen Kanapee sitzend, bisher unermüdlich miteinander geklatscht und gekakelt hatten und den Zwischenfall überhaupt nicht bemerkt … Lieber Gott, das waren doch gute Kinder, die Langmayer in ihrer allerliebsten Rundlichkeit, die immer so viel Heimweh nach Kipfeln und Backhähndeln hatte und ihn mit ihrer Mundart und Molligkeit immer an die kleine Mimi Born denken ließ —, die Langmayer eben, mit der alle Unterhaltungen unfehlbar auf den einen elegischen Schluß hinausliefen: „Es gibt halt nur ein Wien, — geltens, Herr Professor?“ Und die Régnier, deren erstes Kind so alt war wie das Röschen, schien schon wieder in der Erwartung, das rührte ihn heute so. Régnier waraufonddoch ein braver Kerl, wenn schon mehr ein Feldscher als ein Mann der Wissenschaft, und er gönnte ihm sein häusliches Glück. Häusliches Glück überhaupt, das war’s, was einzig die Erde zur Heimat machen konnte, möge diese Zufluchtsstätte liegen, wo immer sie wolle, meinetwegen auf Feuerland —, oh, nein, unterbrach er sich selbst erschrocken, aber jedenfalls, auch in Polen ließ es sich leben und sterben, wenn einer in des andern Liebe den Schlüssel zum Paradiese besaß. Seit Therese das Kind hatte, seit sie in der körperlichen Prüfung des Wochenbettes durchaus nicht gestorben, sondern mit verdreifachten Lebenskräften daraus hervorgegangen war, war sie da nicht durchströmt von Zufriedenheit, schien sie nicht völlig aufzugehen in dieser Verzückung für das kleine Wesen, schwiegen nicht seit langer Zeit alle Wünsche nach Deutschland zwischen ihnen? Das Kind, dachte er, in Zärtlichkeit verloren, o ja, das Röschen! Freilich, es sollte nach Deutschland, wohin es gehörte, sobald seine Seele erwacht war, sollte nicht hier verkümmern zwischen Sarmaten und Römlingen! Einstweilen war ihm wohl, wo nur die Sonne schien, und — auch in Polen schien die Sonne und der Garten der Kindheit blieb hold und heimatlich im Schoße der Erinnerung. War nicht ihm selbst sein dürftiges Nassenhuben eine Insel des Friedens und der Reinheit, trotz allem?
Der späten Stunde vergessend, begann er, mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder zu schreiten. Wärme überkam ihn, Gefühl des Besitzes, der Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bücherreihen, streichelte die Geräte, die Möbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen. Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, daß sein Tag sich mit federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der Schwärmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fühlte er sich jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausübung der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der Hochzeitsreise in Halle den dazu nötigen Doktortitel geholt hatte. Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur, um Régnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten mit säuerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George vergnügt, wohl wissend, welche Art derPraxis ihm in der Gesellschaft von Stadt und Umgegend blühen würde, — Damenpraxis, leichte, aber einträgliche Fälle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten für eine glückliche Kur waren durchaus nichts Ungewöhnliches, er wußte es von Langmayer; zwanzig bisfünfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott möge ihm verzeihen, wenn er’s nicht rein aus Liebe tat, — aber Polen einst schuldenfrei verlassen zu können, war das nicht auch ein gottgefälliges Ziel?
Ich muß es Therese erzählen, daß ich mich entschlossen habe, vielleicht, daß es sie freut, dachte er, die Kerzen löschend und in der Dunkelheit den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht Strzecky, dieser alte Abbé, völlig verliebt in sie gewesen und hatten nicht die Régnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfällige Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandläufer? Am Ende hatte sie am Klavizymbel gesessen und übermütig trommelnd ihn und die ganze Gesellschaft zu unauslöschlichem Gelächter hingerissen, während die Régnier den Präsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch aus den Deux Avares durch’s Zimmer führte, verschämt-feurig mit den großen Kirschenaugen rollend, während der Alte so zierlich trat wie eine Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel der Sphären dozierte und den König David namhaft machte. „Habens eine Ahnung von ein Jesuitel!“ hatte die Langmayer atemlos gekreischt, — ja, Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die Leute durcheinander zu bringen, und daß sie glücklich war, lag auf der Hand. ‚Ich bin’s, der sie glücklich macht,‘ dachte er noch gerade voll Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrückend, nachdem ein feiner goldener Streifen am oberen Türrand ihn belehrt hatte, daß drinnen noch Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterströmung seines Wünschens, — die Régnier ist schon wieder in anderen Umständen …
„Therese!“ rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei Schritten neben ihr, „was ist dir, Kind?“
Sie saß auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer körperlichen Verzweiflung geschüttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt überlassenhat, die er sonst zu bändigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd, schreiend in einer Art bacchantischer Gelöstheit, mit den Händen schlagend, den Kopf drehend und zurückwerfend, Laute ausstoßend, hohl, drohend, anklagend, als stände sie nackt vor Gott und wiese ihm ungeheures Elend, — so schluchzte Therese, — Therese, die ein Kind war, lachend sonst, schwärmend, spielend, Therese, die glücklich war, die er glücklich machte, Therese …
George, in namenlosem Entsetzen, zurückgebogen nach dem Fußende des Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hände ineinander gerungen, erstarrt in der eisigen Strömung dieser fürchterlichen Offenbarung, George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: „Therese! Aber Therese …“
„Oh!“ rief Therese. „Oh! Oh!“
Irrsal. Verlassenheit. Beschwörung. —
Und dann weinte sie stiller.
George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er ließ seine Augen wandern und fühlte, daß er nicht wußte, was er hiervon halten sollte, daß er müde war, ja, und daß ihn fror. Da stand sein Bett, schneeweiß, einladend aufgedeckt, — wie, wenn er sich geschwind auszöge und die Erklärung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge? Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen würde, drängte er solchen Wunsch zurück und begann ganz leise den Rücken der Halbliegenden zu streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Gähnen kämpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen plötzlich aussetzte und Therese sich so schnell aufrichtete, daß seine Hand von ihr abglitt, wie abgeschüttelt.
„George!“ sagte Therese und ihre kleinen festen Fäuste mißhandelten leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. „George!“ wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er suchte mit einem scheuen Blick ihr gerötetes entstelltes Gesicht und sah schnell wieder weg. „George!“ rief sie zum dritten Mal und der Batist zerriß: „Ich — halte dies — nicht mehr aus!“
„Aber was denn, Therese, — komm doch nur!“ bat er verzweifelt und suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschränkchen, putzte mit bebenden Fingern das Licht und wiederholte: „Ich halte es nicht mehr aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, — dieseStadt, — diese Menschen! Und dies, daß du dich hier behagst! Du! George Forster!“
„Ich?“ fragte George und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, — „Ich — oh — ich …“
„Oh, Georgie!“ rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu seinen Füßen und umschlang seine Knie. „Es geht nicht länger! Oh Georgie! Laß uns …“
Das Röschen rührte sich in seiner Wiege und stieß einen kleinen Laut aus. „Still! das Kind!“ machte George.
„Das Kind!“ sagte Therese böse, stand mit einer sonderbar verächtlichen Bewegung auf und trug geschäftsmäßig das Licht in eine andere Ecke des Zimmers. Dann trat sie an das Fußende des Bettes, auf dem er saß, sodaß er sich zu ihr umwenden mußte, und die Arme aufstützend und ihn fest und beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nüchternem Ton: „Es geht nicht länger, George. Wir müssen von hier fort. Du bist es dir selber schuldig.“
„Therese,“ sagte George müde, „du vergißt, daß ich für sieben Jahre verpflichtet bin. Therese, und — wir sind doch jetzt ganz froh.“
„Froh!“ stieß sie hervor, „froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse, bin ich froh.“ Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hände öffnete und schloß, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: „Wenn ich vergesse, daß ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe, in dem das Gespräch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In dem die großen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem Tempel standen und täglich frisch bekränzt wurden. Wo Seele die Seele erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens …“
„Jawohl, — Assad!“ flüsterte ein böser Geist George ins Ohr. Und als ahnte sie seine Gedanken, schloß Therese ein wenig allzu emphatisch: „Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlözer und seine herrliche Tochter! Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Göttingen gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit — mit Assad …“
„Und,“ fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als wollte sie ihn hindern, zu antworten, „du behagst dich hier mit einem Langmayer, einem Régnier beim L’hombre und bist es zufrieden, diese polnischen Gänse in der Botanik zu unterrichten.“
Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populär-wissenschaftlicher Vorträge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der Gesellschaft hielt. Er errötete und sagte unwillig: „Du vergißt, daß es nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Gründe, derartiges nicht von der Hand zu weisen.“ Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn, sollte leben wie die Blumen auf dem Felde … Er hob den Kopf und sah sie mit einem bittenden Lächeln an.
„Therese,“ sagte er, „hab’ ein wenig Geduld! Die Jahre gehen schnell herum, glaube mir!“
„Und deine Freunde vergessen dich!“ rief sie heftig. „Die Welt stand dir offen, vor zwei Jahren noch! Wer schreibt heute noch an dich? Sömmerring, — Sömmerring, — wer sonst? Spener höchstens und die Herausgeber der Journale, für die du Fronarbeit tust …“
„Sömmerring freilich ist eine treue Seele“, murmelte George bitter. Oh, hatte Therese nicht recht?
„Georgie, Georgie,“ flüsterte Therese und war wieder zu seinen Füßen, die Arme auf seinen Knien, das Gesicht zu ihm erhoben, „laß uns fortgehen von Wilna, Georgie!“
„Deine Locken …“ er spielte mit ihrem Haar, er lächelte, süß gelöst von ihrer warmen Nähe. „Oh, Therese! Weine nie wieder so!“
„Laß uns fortgehen von Wilna!“ wiederholte sie eindringlich, die Augen mit tödlich-ernstem Flehen in seine vertiefend, die ihnen auswichen. „Ich komme um in Wilna. Ich — komme um in mir selbst.“
„Oh, Therese, — und du warst doch immer so fröhlich, seit das Röschen …“
Therese sah ihn eine Weile an, prüfend, stumm. Dann sagte sie: „Fröhlich, Georgie? Du sagst es, kein Zweifel, daß du es auch glaubst.“
Und gesenkten Hauptes, nach kurzem Schweigen, leise: „Die Mutter sagte manchmal zu mir: