Chapter 8

120(S. 79): „Beichte.”

120(S. 79): „Beichte.”

121(S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, — aber ich vergaß dichnie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” — Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.

121(S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, — aber ich vergaß dichnie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” — Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.

122(S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der christlichen Doktrin”.

122(S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der christlichen Doktrin”.

123(S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle, war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was sie aufbauen wollte.” („Beichte”)

123(S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle, war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was sie aufbauen wollte.” („Beichte”)

124(S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist, worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.” (Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) — Siehe auch „Kirche und Staat” (1883). — Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.

124(S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist, worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.” (Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) — Siehe auch „Kirche und Staat” (1883). — Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.

125(S. 81): In dem Maße, als er älter wurde, verstärkte sich dieses Gefühl von der Einheit der religiösen Wahrheit im Verlauf der Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, daß Tolstoi sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, „eine besondere Vorliebe für das Christentum” zu haben. In diesem Sinne ist von ganz besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem 9. August1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit gemäß neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen Überzeugung ganz erfüllt ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen früheren Seelenzustand und den rein christlichen Ausgangspunkt seiner religiösen Krisis zu vergessen: „Die Lehre Christi”, schrieb er, „ist für mich nur eine der schönen religiösen Doktrinen, die wir aus dem ägyptischen, jüdischen, indischen, chinesischen, griechischen Altertum übernommen haben. Die beiden großen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute Vollendung, und die Liebe zum Nächsten, d. h. zu allen Menschen ohne irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden: von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet, Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant, Emerson, Channing und vielen anderen. Die religiöse und moralische Wahrheit ist überall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei Vorliebe für das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse für die Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es als einen großen Seelengenuß empfand, die reine Lehre von den überraschenden Fälschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.”

125(S. 81): In dem Maße, als er älter wurde, verstärkte sich dieses Gefühl von der Einheit der religiösen Wahrheit im Verlauf der Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, daß Tolstoi sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, „eine besondere Vorliebe für das Christentum” zu haben. In diesem Sinne ist von ganz besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem 9. August1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit gemäß neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen Überzeugung ganz erfüllt ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen früheren Seelenzustand und den rein christlichen Ausgangspunkt seiner religiösen Krisis zu vergessen: „Die Lehre Christi”, schrieb er, „ist für mich nur eine der schönen religiösen Doktrinen, die wir aus dem ägyptischen, jüdischen, indischen, chinesischen, griechischen Altertum übernommen haben. Die beiden großen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute Vollendung, und die Liebe zum Nächsten, d. h. zu allen Menschen ohne irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden: von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet, Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant, Emerson, Channing und vielen anderen. Die religiöse und moralische Wahrheit ist überall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei Vorliebe für das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse für die Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es als einen großen Seelengenuß empfand, die reine Lehre von den überraschenden Fälschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.”

126(S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. („Das Leben”, Kapitel IV.)

126(S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. („Das Leben”, Kapitel IV.)

127(S. 82): „Das Leben”, Kapitel X.

127(S. 82): „Das Leben”, Kapitel X.

128(S. 82): Tolstoi las häufig und immer wieder die „Gedanken” von Pascal in der kritischen Zeit, die der „Beichte” voranging. Er spricht von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879) und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektüre.

128(S. 82): Tolstoi las häufig und immer wieder die „Gedanken” von Pascal in der kritischen Zeit, die der „Beichte” voranging. Er spricht von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879) und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektüre.

129(S. 83): In einem Brief über die Vernunft, den er am 6. November 1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi ähnlich: „Der Mensch hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst zu erkennen und mit der Welt zu verständigen; es gibt kein anderes. Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist nicht nur die höchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.”

129(S. 83): In einem Brief über die Vernunft, den er am 6. November 1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi ähnlich: „Der Mensch hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst zu erkennen und mit der Welt zu verständigen; es gibt kein anderes. Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist nicht nur die höchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.”

130(S. 83): „Das Leben”, Kapitel X, XIV-XXI.

130(S. 83): „Das Leben”, Kapitel X, XIV-XXI.

131(S. 85): „Das Leben”, Kap. XXII-XXV. — Wie bei den meisten dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische Sätze zusammen.

131(S. 85): „Das Leben”, Kap. XXII-XXV. — Wie bei den meisten dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische Sätze zusammen.

132(S. 85): Ich behalte mir für später vor, wenn Tolstois Werk erst einmal lückenlos veröffentlicht sein wird, diesen religiösen Gedanken in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt, hauptsächlich in bezug auf die Vorstellung vom künftigen Leben.

132(S. 85): Ich behalte mir für später vor, wenn Tolstois Werk erst einmal lückenlos veröffentlicht sein wird, diesen religiösen Gedanken in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt, hauptsächlich in bezug auf die Vorstellung vom künftigen Leben.

133(S. 87): „Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben außerhalb der Stadt zugebracht...” („Was sollen wir denn tun?”)

133(S. 87): „Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben außerhalb der Stadt zugebracht...” („Was sollen wir denn tun?”)

134(S. 87): „Was sollen wir denn tun?”

134(S. 87): „Was sollen wir denn tun?”

135(S. 87): Tolstoi hat manchesmal seiner Abneigung Ausdruck gegeben gegen „die Asketen, die für sich selbst handeln, ohne Rücksicht auf ihresgleichen”. Er wirft sie in den nämlichen Topf wie die unwissenden und hoffärtigen Revolutionäre, „die behaupten, den anderen Gutes zu erweisen, ohne zu wissen, was ihnen selber not tut... Ich liebe”, sagte er, „die Menschen dieser beiden Kategorien mit derselben Liebe, aber ich hasse auch ihre Lehren mit demselben Haß. Die einzig wahre Lehre ist die, die eine dauernde Tätigkeit fordert, ein Leben, das den Regungen des Herzens folgt und sich bemüht, andere glücklich zu machen. Das ist die christliche Lehre. Sie ist gleich weit entfernt vom religiösen Quietismus wie von dem anmaßenden Hochmut der Revolutionäre, die die Welt umzugestalten trachten, ohne zu wissen, worin das wahre Glück beruht.” (Brief an einen Freund.)

135(S. 87): Tolstoi hat manchesmal seiner Abneigung Ausdruck gegeben gegen „die Asketen, die für sich selbst handeln, ohne Rücksicht auf ihresgleichen”. Er wirft sie in den nämlichen Topf wie die unwissenden und hoffärtigen Revolutionäre, „die behaupten, den anderen Gutes zu erweisen, ohne zu wissen, was ihnen selber not tut... Ich liebe”, sagte er, „die Menschen dieser beiden Kategorien mit derselben Liebe, aber ich hasse auch ihre Lehren mit demselben Haß. Die einzig wahre Lehre ist die, die eine dauernde Tätigkeit fordert, ein Leben, das den Regungen des Herzens folgt und sich bemüht, andere glücklich zu machen. Das ist die christliche Lehre. Sie ist gleich weit entfernt vom religiösen Quietismus wie von dem anmaßenden Hochmut der Revolutionäre, die die Welt umzugestalten trachten, ohne zu wissen, worin das wahre Glück beruht.” (Brief an einen Freund.)

136(S. 88): Ein Daguerreotyp aus dem Jahre 1885.

136(S. 88): Ein Daguerreotyp aus dem Jahre 1885.

137(S. 89): „Was sollen wir denn tun?”

137(S. 89): „Was sollen wir denn tun?”

138(S. 89): Dieser ganze erste Teil (die ersten fünfzehn Kapitel), der von Gestalten nur so wimmelt, wurde von der russischen Zensur unterdrückt. Das Werk ist in seiner ganzen Vollständigkeit erst achtzehn Jahre nachdem es geschrieben war in den von Tschertkow besorgten Ausgaben erschienen.

138(S. 89): Dieser ganze erste Teil (die ersten fünfzehn Kapitel), der von Gestalten nur so wimmelt, wurde von der russischen Zensur unterdrückt. Das Werk ist in seiner ganzen Vollständigkeit erst achtzehn Jahre nachdem es geschrieben war in den von Tschertkow besorgten Ausgaben erschienen.

139(S. 89): „Die wahre Ursache des Elends sind die Reichtümer, die sich in den Händen einzelner befinden, die nichts schaffen, und die in den großen Städten angehäuft sind. Die Reichen finden sich in den großen Städten zusammen, um in Sicherheit zu genießen. Und den Armen zieht es nach der Stadt, weil er hofft, sich von den Brosamen nähren zu können, die von des Reichen Tische fallen. Ihnlockt der leichte Gewinn: Handel, Bettelei, Ausschweifungen, Betrügereien.”

139(S. 89): „Die wahre Ursache des Elends sind die Reichtümer, die sich in den Händen einzelner befinden, die nichts schaffen, und die in den großen Städten angehäuft sind. Die Reichen finden sich in den großen Städten zusammen, um in Sicherheit zu genießen. Und den Armen zieht es nach der Stadt, weil er hofft, sich von den Brosamen nähren zu können, die von des Reichen Tische fallen. Ihnlockt der leichte Gewinn: Handel, Bettelei, Ausschweifungen, Betrügereien.”

140(S. 90): „Der Angelpunkt des Übels ist der Besitz. Der Besitz ist nur das Mittel, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen.” — „Das Eigentum”, sagt Tolstoi an anderer Stelle, „ist das, was uns nicht gehört, die andern sind es. Der Mensch nennt seine Frau, seine Kinder, seine Sklaven und mancherlei Gegenstände sein eigen; aber die Wirklichkeit zeigt ihm seinen Irrtum; und er muß darauf verzichten oder leiden und andere leiden machen.” — Tolstoi ahnt schon die russische Revolution voraus: „Seit drei oder vier Jahren”, sagt er, „beschimpft man uns in den Straßen und nennt uns Faulenzer. Der Haß und die Verachtung des geknechteten Volkes nehmen immer mehr zu.” („Was sollen wir denn tun?”)

140(S. 90): „Der Angelpunkt des Übels ist der Besitz. Der Besitz ist nur das Mittel, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen.” — „Das Eigentum”, sagt Tolstoi an anderer Stelle, „ist das, was uns nicht gehört, die andern sind es. Der Mensch nennt seine Frau, seine Kinder, seine Sklaven und mancherlei Gegenstände sein eigen; aber die Wirklichkeit zeigt ihm seinen Irrtum; und er muß darauf verzichten oder leiden und andere leiden machen.” — Tolstoi ahnt schon die russische Revolution voraus: „Seit drei oder vier Jahren”, sagt er, „beschimpft man uns in den Straßen und nennt uns Faulenzer. Der Haß und die Verachtung des geknechteten Volkes nehmen immer mehr zu.” („Was sollen wir denn tun?”)

141(S. 90): Der Bauernrevolutionär Bondarew hätte am liebsten gewollt, daß dieses Gesetz als ein allgemeiner Zwang anerkannt würde. Tolstoi duldete damals seinen Einfluß, wie auch den eines anderen Bauern namens Sutajew, nicht ungern. „Während meines ganzen Lebens haben zwei russische Denker eine große moralische Wirkung auf mich geübt, haben mein Denken bereichert und meine eigene Stellung zur Welt geklärt, es waren die beiden Bauern Sutajew und Bondarew” („Was sollen wir denn tun?”). In dem nämlichen Buch entwirft Tolstoi ein Bild von Sutajew und führt eine Unterhaltung mit ihm an.

141(S. 90): Der Bauernrevolutionär Bondarew hätte am liebsten gewollt, daß dieses Gesetz als ein allgemeiner Zwang anerkannt würde. Tolstoi duldete damals seinen Einfluß, wie auch den eines anderen Bauern namens Sutajew, nicht ungern. „Während meines ganzen Lebens haben zwei russische Denker eine große moralische Wirkung auf mich geübt, haben mein Denken bereichert und meine eigene Stellung zur Welt geklärt, es waren die beiden Bauern Sutajew und Bondarew” („Was sollen wir denn tun?”). In dem nämlichen Buch entwirft Tolstoi ein Bild von Sutajew und führt eine Unterhaltung mit ihm an.

142(S. 91): „Alkohol und Tabak”.

142(S. 91): „Alkohol und Tabak”.

143(S. 91): „Grausame Vergnügungen”, 1895 („Die Fleischesser”; „Der Krieg”; „Die Jagd”).

143(S. 91): „Grausame Vergnügungen”, 1895 („Die Fleischesser”; „Der Krieg”; „Die Jagd”).

144(S. 91): Es ist bemerkenswert, daß es Tolstoi solche Mühe kostete, sie zu opfern. Die Jagd war bei ihm eine atavistische Leidenschaft, die ihm von seinem Vater überkommen war. Er war nicht sentimental und scheint niemals ein besonderes Mitleid mit den Tieren aufgebracht zu haben. Seine durchdringenden Augen haben kaum auf den zuweilen so sprechenden Augen unserer bescheidenen Brüder geruht; — mit Ausnahme von denen des Pferdes, für das er als Edelmann eine besondere Vorliebe hatte. Im übrigen scheint alles, was er sieht, sich vor seinen Augen in drei voneinander verschiedene Stufen zu gruppieren. 1. die vernunftbegabten Wesen; 2. die Tiere und die Pflanzen; 3. die leblose Materie.” („Das Leben”, Kap. XIII.)— Er war nicht frei von angeborener Grausamkeit. Als er vom langsamen Tod eines Wolfes erzählte, den er durch einen Schlag mit einem schweren Knüppel auf die Nasenwurzel getötet hatte, sagte er: „Ich empfand ein wahrhaftes Wonnegefühl bei dem Gedanken an die Leiden des verendenden Tieres”. Sein Gewissen regte sich später ob solchem Empfinden.

144(S. 91): Es ist bemerkenswert, daß es Tolstoi solche Mühe kostete, sie zu opfern. Die Jagd war bei ihm eine atavistische Leidenschaft, die ihm von seinem Vater überkommen war. Er war nicht sentimental und scheint niemals ein besonderes Mitleid mit den Tieren aufgebracht zu haben. Seine durchdringenden Augen haben kaum auf den zuweilen so sprechenden Augen unserer bescheidenen Brüder geruht; — mit Ausnahme von denen des Pferdes, für das er als Edelmann eine besondere Vorliebe hatte. Im übrigen scheint alles, was er sieht, sich vor seinen Augen in drei voneinander verschiedene Stufen zu gruppieren. 1. die vernunftbegabten Wesen; 2. die Tiere und die Pflanzen; 3. die leblose Materie.” („Das Leben”, Kap. XIII.)— Er war nicht frei von angeborener Grausamkeit. Als er vom langsamen Tod eines Wolfes erzählte, den er durch einen Schlag mit einem schweren Knüppel auf die Nasenwurzel getötet hatte, sagte er: „Ich empfand ein wahrhaftes Wonnegefühl bei dem Gedanken an die Leiden des verendenden Tieres”. Sein Gewissen regte sich später ob solchem Empfinden.

145(S. 92): Sommer 1878.

145(S. 92): Sommer 1878.

146(S. 92): 18. November 1878.

146(S. 92): 18. November 1878.

147(S. 93): November 1879.

147(S. 93): November 1879.

148(S. 93): 8. Oktober 1881.

148(S. 93): 8. Oktober 1881.

149(S. 93): 14. Oktober 1881.

149(S. 93): 14. Oktober 1881.

150(S. 94): 3. März 1882.

150(S. 94): 3. März 1882.

151(S. 94): 23. Oktober 1884.

151(S. 94): 23. Oktober 1884.

152(S. 95): „Das sogenannte Frauenrecht ist nichts anderes als der Wunsch, an der angeblichen Arbeit der reichen Klassen teilzunehmen, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen und ein Leben zur Befriedigung der Sinnlichkeit zu führen. Niemals begehrt die Frau eines ernsthaften Arbeiters das Recht, an der Arbeit ihres Mannes in den Minen oder auf den Feldern teilzuhaben”.”

152(S. 95): „Das sogenannte Frauenrecht ist nichts anderes als der Wunsch, an der angeblichen Arbeit der reichen Klassen teilzunehmen, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen und ein Leben zur Befriedigung der Sinnlichkeit zu führen. Niemals begehrt die Frau eines ernsthaften Arbeiters das Recht, an der Arbeit ihres Mannes in den Minen oder auf den Feldern teilzuhaben”.”

153(S. 96): So lauten die letzten Zeilen von „Was sollen wir denn tun?”. Sie sind vom 14. Februar 1886 datiert.

153(S. 96): So lauten die letzten Zeilen von „Was sollen wir denn tun?”. Sie sind vom 14. Februar 1886 datiert.

154(S. 97): Brief an einen Freund, veröffentlicht unter dem Titel „Glaubensbekenntnis” in dem Band „Grausame Vergnügungen”.

154(S. 97): Brief an einen Freund, veröffentlicht unter dem Titel „Glaubensbekenntnis” in dem Band „Grausame Vergnügungen”.

155(S. 97): Die Versöhnung fand im Frühjahr 1878 statt. Tolstoi schrieb an Turgenjew, um ihn um Entschuldigung zu bitten. Turgenjew kam im August 1878 nach Jasnaja Poljana. Tolstoi erwiderte seinen Besuch im Juli 1881. Jedermann war erstaunt über seine veränderte Haltung, seine Sanftmut, seine Bescheidenheit. Er war „wie neugeboren”.

155(S. 97): Die Versöhnung fand im Frühjahr 1878 statt. Tolstoi schrieb an Turgenjew, um ihn um Entschuldigung zu bitten. Turgenjew kam im August 1878 nach Jasnaja Poljana. Tolstoi erwiderte seinen Besuch im Juli 1881. Jedermann war erstaunt über seine veränderte Haltung, seine Sanftmut, seine Bescheidenheit. Er war „wie neugeboren”.

156(S. 97): Brief an Polonski.

156(S. 97): Brief an Polonski.

157(S. 98): An seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi, schrieb er im Jahre 1883: „Jeder muß sein Kreuz tragen... Das meine ist die schlechte eitle Gedankenarbeit, voll von Versuchung”.

157(S. 98): An seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi, schrieb er im Jahre 1883: „Jeder muß sein Kreuz tragen... Das meine ist die schlechte eitle Gedankenarbeit, voll von Versuchung”.

158(S. 102): „Was sollen wir denn tun?”.

158(S. 102): „Was sollen wir denn tun?”.

159(S. 103): „Schließlich sollte er soweit kommen, daß er demKummer und Leid das Wort redete, — nicht nur dem eigenen, sondern auch dem der anderen.”

159(S. 103): „Schließlich sollte er soweit kommen, daß er demKummer und Leid das Wort redete, — nicht nur dem eigenen, sondern auch dem der anderen.”

160(S. 104): 23. Februar 1868. — In dieser Hinsicht mißfiel ihm die „melancholische und unverdauliche” Kunst Turgenjews.

160(S. 104): 23. Februar 1868. — In dieser Hinsicht mißfiel ihm die „melancholische und unverdauliche” Kunst Turgenjews.

161(S. 104): Dieser Brief vom 4. Oktober 1887 erschien zuerst in den „Cahiers de la Quinzaine”, im Jahre 1902 — „Was ist Kunst?” erschien 1897-98; aber Tolstoi dachte schon seit 15 Jahren, also seit 1882, daran.

161(S. 104): Dieser Brief vom 4. Oktober 1887 erschien zuerst in den „Cahiers de la Quinzaine”, im Jahre 1902 — „Was ist Kunst?” erschien 1897-98; aber Tolstoi dachte schon seit 15 Jahren, also seit 1882, daran.

162(S. 107): Auf diesen Punkt werde ich anläßlich der „Kreutzersonate” zurückkommen.

162(S. 107): Auf diesen Punkt werde ich anläßlich der „Kreutzersonate” zurückkommen.

163(S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert. In „Was sollen wir denn tun?” wagte er noch nicht an Beethoven zu rühren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den zeitgenössischen Künstlern sogar vor, daß sie es wagten, sich auf jene zu berufen. „Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Väter jede Verwandtschaft mit den Päpsten ablehnen würden.” („Was sollen wir denn tun?”)

163(S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert. In „Was sollen wir denn tun?” wagte er noch nicht an Beethoven zu rühren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den zeitgenössischen Künstlern sogar vor, daß sie es wagten, sich auf jene zu berufen. „Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Väter jede Verwandtschaft mit den Päpsten ablehnen würden.” („Was sollen wir denn tun?”)

164(S. 107): Er wollte sogar vor dem Schluß des ersten Aktes aufbrechen. „Für mich war die Frage gelöst. Ich hatte keinen Zweifel mehr. Von einem Autor, der fähig war, Szenen wie diese auszudenken, war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein, daß er niemals etwas schreiben würde, das nicht schlecht wäre.”

164(S. 107): Er wollte sogar vor dem Schluß des ersten Aktes aufbrechen. „Für mich war die Frage gelöst. Ich hatte keinen Zweifel mehr. Von einem Autor, der fähig war, Szenen wie diese auszudenken, war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein, daß er niemals etwas schreiben würde, das nicht schlecht wäre.”

165(S. 107): Es ist bekannt, daß er, um eine Anthologie von französischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den wunderbaren Gedanken hatte, „aus jedem Band ein Gedicht herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand”!

165(S. 107): Es ist bekannt, daß er, um eine Anthologie von französischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den wunderbaren Gedanken hatte, „aus jedem Band ein Gedicht herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand”!

166(S. 107): „Shakespeare”, 1903. Das Werk wurde anläßlich eines Artikels von Ernst Crosby über „Shakespeare und die Arbeiterklasse” geschrieben.

166(S. 107): „Shakespeare”, 1903. Das Werk wurde anläßlich eines Artikels von Ernst Crosby über „Shakespeare und die Arbeiterklasse” geschrieben.

167(S. 109): „Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich häufig ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur die Welt, sondern sogar die militärische Welt Frankreichs unberührt lassen.” — Und an anderer Stelle: „Es bedurfte einiger Jahre, bevor die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, daßsie überhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht, und daß jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen hatte, als die Dreyfus-Affäre.” („Shakespeare”)

167(S. 109): „Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich häufig ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur die Welt, sondern sogar die militärische Welt Frankreichs unberührt lassen.” — Und an anderer Stelle: „Es bedurfte einiger Jahre, bevor die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, daßsie überhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht, und daß jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen hatte, als die Dreyfus-Affäre.” („Shakespeare”)

168(S. 109): „‚König Lear’ ist ein sehr schlechtes, sehr nachlässig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslösen kann.” — „Othello”, wofür Tolstoi einige Sympathie zeigt (zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen über Ehe und Eifersucht übereinstimmte), „ist, obwohl es das wenigst schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhäufung von hochtrabenden Worten”. Die Figur des ‚Hamlet’ hat keinen Charakter; „sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe nach wiederholt.” „Sturm”, „Cymbeline”, „Troïlus” und andere erwähnt Tolstoi nur wegen ihrer „Albernheit”. Die einzige Figur Shakespeares, die er natürlich findet, ist der Falstaff, „eben deshalb, weil hier die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern angefüllte Sprache Shakespeares zu dem falschen, eitlen und ausschweifenden Charakter dieses widerlichen Trunkenboldes so gut paßt”. — Aber nicht immer hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren 1860 bis 1870, hauptsächlich zu der Zeit, da er sich mit dem Plan trug, ein historisches Drama über Peter I. zu schreiben, hatte er Shakespeare mit Vergnügen gelesen. Aus seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, daß er sich den „Hamlet” zum Vorbild nahm.

168(S. 109): „‚König Lear’ ist ein sehr schlechtes, sehr nachlässig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslösen kann.” — „Othello”, wofür Tolstoi einige Sympathie zeigt (zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen über Ehe und Eifersucht übereinstimmte), „ist, obwohl es das wenigst schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhäufung von hochtrabenden Worten”. Die Figur des ‚Hamlet’ hat keinen Charakter; „sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe nach wiederholt.” „Sturm”, „Cymbeline”, „Troïlus” und andere erwähnt Tolstoi nur wegen ihrer „Albernheit”. Die einzige Figur Shakespeares, die er natürlich findet, ist der Falstaff, „eben deshalb, weil hier die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern angefüllte Sprache Shakespeares zu dem falschen, eitlen und ausschweifenden Charakter dieses widerlichen Trunkenboldes so gut paßt”. — Aber nicht immer hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren 1860 bis 1870, hauptsächlich zu der Zeit, da er sich mit dem Plan trug, ein historisches Drama über Peter I. zu schreiben, hatte er Shakespeare mit Vergnügen gelesen. Aus seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, daß er sich den „Hamlet” zum Vorbild nahm.

169(S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen Kunst seine eigenen Theaterstücke nicht aus, „die nach seiner Ansicht der religiösen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas der Zukunft bilden müsse”.

169(S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen Kunst seine eigenen Theaterstücke nicht aus, „die nach seiner Ansicht der religiösen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas der Zukunft bilden müsse”.

170(S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: „Denkt was ihr wollt, aber denkt es auf eine Weise, daß jedes Wort allen verständlich sei. In einer völlig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrückt ist, erscheint es so falsch, daß man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, muß er sich nur bemühen, verständlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt, ist das Werk gut. Wenn er nicht erzählen kann, was er gelesen hat, taugt das Werk nichts.”

170(S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: „Denkt was ihr wollt, aber denkt es auf eine Weise, daß jedes Wort allen verständlich sei. In einer völlig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrückt ist, erscheint es so falsch, daß man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, muß er sich nur bemühen, verständlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt, ist das Werk gut. Wenn er nicht erzählen kann, was er gelesen hat, taugt das Werk nichts.”

171(S. 115): Dieses Ideal brüderlicher Vereinigung unter denMenschen bedeutet für Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen Tätigkeiten; seine unersättliche Seele läßt ihn ein unbekanntes Ideal jenseits der Liebe aufstellen: „Vielleicht wird die Wissenschaft eines Tages der Kunst ein noch höheres Ideal weisen, und die Kunst wird es verwirklichen.”

171(S. 115): Dieses Ideal brüderlicher Vereinigung unter denMenschen bedeutet für Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen Tätigkeiten; seine unersättliche Seele läßt ihn ein unbekanntes Ideal jenseits der Liebe aufstellen: „Vielleicht wird die Wissenschaft eines Tages der Kunst ein noch höheres Ideal weisen, und die Kunst wird es verwirklichen.”

172(S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und veröffentlicht, das in der Hauptsache in glücklicheren Tagen, während seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die schöne Geschichte eines Pferdes, „Kolstomir” (1861 bis 1886). Tolstoi spricht darüber in seinem Brief an Fet, 1863. — Die Kunst des Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der Reifezeit („Eheglück”, „Krieg und Frieden”) verwandt. Das unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden, sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880 erinnert.

172(S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und veröffentlicht, das in der Hauptsache in glücklicheren Tagen, während seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die schöne Geschichte eines Pferdes, „Kolstomir” (1861 bis 1886). Tolstoi spricht darüber in seinem Brief an Fet, 1863. — Die Kunst des Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der Reifezeit („Eheglück”, „Krieg und Frieden”) verwandt. Das unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden, sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880 erinnert.

173(S. 117): „Kreutzersonate”, „Macht der Finsternis”.

173(S. 117): „Kreutzersonate”, „Macht der Finsternis”.

174(S. 118): „In Ihrem Stil”, sagte ihm sein Freund Drujinin im Jahre 1856, „sind Sie äußerst ungleich, manchmal wie ein Bahnbrecher und großer Dichter, manchmal wie ein Offizier, der an seinen Kameraden schreibt. Was Sie mit Liebe schreiben, ist wundervoll; sobald Sie aber gleichgültig sind, verwirrt sich Ihr Stil und wird fürchterlich.”

174(S. 118): „In Ihrem Stil”, sagte ihm sein Freund Drujinin im Jahre 1856, „sind Sie äußerst ungleich, manchmal wie ein Bahnbrecher und großer Dichter, manchmal wie ein Offizier, der an seinen Kameraden schreibt. Was Sie mit Liebe schreiben, ist wundervoll; sobald Sie aber gleichgültig sind, verwirrt sich Ihr Stil und wird fürchterlich.”

175(S. 119): Im Sommer 1879 kam Tolstoi in sehr nahe Berührung mit den Bauern; Strakow erzählt, daß er außer der Religion „sich sehr für die Sprache interessierte. Er fing an, die Schönheit der Volkssprache tief zu empfinden. Jeden Tag entdeckte er neue Worte, und jeden Tag mißhandelte er die literarische Sprache mehr”.

175(S. 119): Im Sommer 1879 kam Tolstoi in sehr nahe Berührung mit den Bauern; Strakow erzählt, daß er außer der Religion „sich sehr für die Sprache interessierte. Er fing an, die Schönheit der Volkssprache tief zu empfinden. Jeden Tag entdeckte er neue Worte, und jeden Tag mißhandelte er die literarische Sprache mehr”.

176(S. 119): In den Notizen, die er sich in den Jahren 1860 bis 1870 während des Lesens machte, schrieb Tolstoi: „Die Bylinen... sehr großer Eindruck.”

176(S. 119): In den Notizen, die er sich in den Jahren 1860 bis 1870 während des Lesens machte, schrieb Tolstoi: „Die Bylinen... sehr großer Eindruck.”

177(S. 119): „Die beiden Alten” (1885).

177(S. 119): „Die beiden Alten” (1885).

178(S. 120): „Wo Liebe ist, da ist Gott” (1885).

178(S. 120): „Wo Liebe ist, da ist Gott” (1885).

179(S. 120): „Wovon die Menschen leben” (1881) — „Die drei Greise” (1884).

179(S. 120): „Wovon die Menschen leben” (1881) — „Die drei Greise” (1884).

180(S. 120): „Wieviel Erde braucht der Mensch?” (1886)

180(S. 120): „Wieviel Erde braucht der Mensch?” (1886)

181(S. 121): Er ist erst ziemlich spät auf den Geschmack des Dramas gekommen. Im Winter 1869 auf 70 machte er diese Entdeckung, und nach seiner Gewohnheit begeisterte er sich sofort dafür: „Diesen ganzen Winter über habe ich mich ausschließlich mit dem Drama beschäftigt; den Menschen, die bis zu ihrem vierzigsten Jahre über ein bestimmtes Thema nicht nachgedacht haben, geht es immer so, daß sie plötzlich diesem vernachlässigten Gegenstand ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, und es scheint ihnen dann, daß sie sehr viel Neues darin erblicken... Ich habe Shakespeare, Goethe, Puschkin, Gogol und Molière gelesen... Ich möchte Sophokles und Euripides lesen... Ich war krank und habe lange das Bett gehütet, und in solchem Zustand beginnen die dramatischen oder komischen Personen sich in meinem Innern wie unsinnig zu gebärden. Und sie machen ihre Sache sehr gut...” (Briefe an Fet, 17. bis 21. Februar 1870.)

181(S. 121): Er ist erst ziemlich spät auf den Geschmack des Dramas gekommen. Im Winter 1869 auf 70 machte er diese Entdeckung, und nach seiner Gewohnheit begeisterte er sich sofort dafür: „Diesen ganzen Winter über habe ich mich ausschließlich mit dem Drama beschäftigt; den Menschen, die bis zu ihrem vierzigsten Jahre über ein bestimmtes Thema nicht nachgedacht haben, geht es immer so, daß sie plötzlich diesem vernachlässigten Gegenstand ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, und es scheint ihnen dann, daß sie sehr viel Neues darin erblicken... Ich habe Shakespeare, Goethe, Puschkin, Gogol und Molière gelesen... Ich möchte Sophokles und Euripides lesen... Ich war krank und habe lange das Bett gehütet, und in solchem Zustand beginnen die dramatischen oder komischen Personen sich in meinem Innern wie unsinnig zu gebärden. Und sie machen ihre Sache sehr gut...” (Briefe an Fet, 17. bis 21. Februar 1870.)

182(S. 122): In einer anderen Fassung des 4. Aktes.

182(S. 122): In einer anderen Fassung des 4. Aktes.

183(S. 124): Es wäre eine falsche Annahme, zu glauben, für Tolstoi sei es eine Qual gewesen, dieses beängstigende Drama zu schreiben. Er schrieb an Teneromo: „Ich lebe gesund und fröhlich. Ich habe die ganze Zeit an meinem Drama („Die Macht der Finsternis”) gearbeitet. Ich bin fertig damit.” (Januar 1887)

183(S. 124): Es wäre eine falsche Annahme, zu glauben, für Tolstoi sei es eine Qual gewesen, dieses beängstigende Drama zu schreiben. Er schrieb an Teneromo: „Ich lebe gesund und fröhlich. Ich habe die ganze Zeit an meinem Drama („Die Macht der Finsternis”) gearbeitet. Ich bin fertig damit.” (Januar 1887)

184(S. 128): Man beachte wohl, daß Tolstoi niemals die Naivität hatte, zu glauben, das Ideal des Zölibats und der völligen Keuschheit sei für die heutige Menschheit zu verwirklichen. Seine Ansicht geht dahin, daß ein solches Ideal zwar nicht zu verwirklichen sei, aber einen Appell an die heldenhaften Seelenkräfte darstelle.

184(S. 128): Man beachte wohl, daß Tolstoi niemals die Naivität hatte, zu glauben, das Ideal des Zölibats und der völligen Keuschheit sei für die heutige Menschheit zu verwirklichen. Seine Ansicht geht dahin, daß ein solches Ideal zwar nicht zu verwirklichen sei, aber einen Appell an die heldenhaften Seelenkräfte darstelle.

185(S. 129): Am Schluß von „Der Herr und sein Knecht”.

185(S. 129): Am Schluß von „Der Herr und sein Knecht”.

186(S. 129): „Krieg und Frieden”. — Ich spreche nicht von der Novelle „Albert” (1857), der Geschichte eines genialen Musikers. Diese Novelle ist sehr schwach.

186(S. 129): „Krieg und Frieden”. — Ich spreche nicht von der Novelle „Albert” (1857), der Geschichte eines genialen Musikers. Diese Novelle ist sehr schwach.

187(S. 129): Vergleiche in „Jugendjahre” den humorvollen Bericht von der Mühe, die er sich gab, um Klavierspielen zu lernen. — „Das Klavierspiel war für mich ein Mittel, die jungen Damen durch meine Sentimentalität zu bezaubern.”

187(S. 129): Vergleiche in „Jugendjahre” den humorvollen Bericht von der Mühe, die er sich gab, um Klavierspielen zu lernen. — „Das Klavierspiel war für mich ein Mittel, die jungen Damen durch meine Sentimentalität zu bezaubern.”

188(S. 130): Es handelt sich um die Jahre 1876-77.

188(S. 130): Es handelt sich um die Jahre 1876-77.

189(S. 130): S. A. Bers, „Erinnerungen an Tolstoi”.

189(S. 130): S. A. Bers, „Erinnerungen an Tolstoi”.

190(S. 131): Aber niemals hörte er auf sie zu lieben. Während seiner letzten Lebenstage gehörte ein Musiker namens Goldenweiser, der den Sommer 1910 in der Nähe von Jasnaja verbrachte, zu seinen Freunden. Während Tolstois letzter Krankheit kam er fast täglich, ihm etwas vorzuspielen. („Journal des Débats” vom 18. November 1910.)

190(S. 131): Aber niemals hörte er auf sie zu lieben. Während seiner letzten Lebenstage gehörte ein Musiker namens Goldenweiser, der den Sommer 1910 in der Nähe von Jasnaja verbrachte, zu seinen Freunden. Während Tolstois letzter Krankheit kam er fast täglich, ihm etwas vorzuspielen. („Journal des Débats” vom 18. November 1910.)

191(S. 131): Brief vom 21. April 1861.

191(S. 131): Brief vom 21. April 1861.

192(S. 131): Camille Bellaigue, „Tolstoi et la musique” („Gaulois” vom 4. Januar 1911).

192(S. 131): Camille Bellaigue, „Tolstoi et la musique” („Gaulois” vom 4. Januar 1911).

193(S. 132): Man darf nicht glauben, daß es sich nur um die letzten Werke Beethovens handelt. Selbst denen aus der Frühzeit wirft Tolstoi „ihre gekünstelte Form” vor. — In einem Brief an Tschaikowsky stellt er gleichfalls der gekünstelten Art Beethovens, Schumanns und Berlioz', die die Wirkung berechnen, die wahre Künstlerschaft eines Mozart und Haydn gegenüber.

193(S. 132): Man darf nicht glauben, daß es sich nur um die letzten Werke Beethovens handelt. Selbst denen aus der Frühzeit wirft Tolstoi „ihre gekünstelte Form” vor. — In einem Brief an Tschaikowsky stellt er gleichfalls der gekünstelten Art Beethovens, Schumanns und Berlioz', die die Wirkung berechnen, die wahre Künstlerschaft eines Mozart und Haydn gegenüber.

194(S. 132): Vergleiche die Szene, die Paul Boyer im „Temps” vom 2. November 1902 erzählt: „Tolstoi läßt sich Chopin vorspielen. Am Schluß der vierten Ballade füllen sich seine Augen mit Tränen. — ‚Ah! l'animal!’ ruft er aus, erhebt sich unvermittelt und verläßt das Zimmer.”

194(S. 132): Vergleiche die Szene, die Paul Boyer im „Temps” vom 2. November 1902 erzählt: „Tolstoi läßt sich Chopin vorspielen. Am Schluß der vierten Ballade füllen sich seine Augen mit Tränen. — ‚Ah! l'animal!’ ruft er aus, erhebt sich unvermittelt und verläßt das Zimmer.”

195(S. 135): „Der Herr und sein Knecht” ist eine Art Übergang von den düsteren Romanen, die vorausgehen, zu der „Auferstehung”, worin sich das Licht göttlicher Barmherzigkeit ausbreitet. Aber man spürt darin noch mehr die Nachbarschaft mit dem „Tod des Iwan Iljitsch” und den „Volkserzählungen”, als mit der „Auferstehung”, wo sich nur gegen das Ende zu die wunderbare Verwandlung eines selbstsüchtigen und feigen Menschen ankündigt. Den größten Teil der Geschichte bildet die äußerst realistische Schilderung eines ungütigen Herrn und eines ergebenen Dieners, die nachts in der Steppe von einem Schneesturm überrascht werden und den Weg verlieren. Der Herr, der zuerst unter Zurücklassung seines Genossen zu fliehen versucht, kehrt zurück und findet seinen Diener halb erfroren; er wirft sich über ihn, bedeckt ihn mit seinem Körper, erwärmt ihn wieder, indem er sich instinktiv aufopfert; er weiß nicht warum; aber seine Augen füllen sich mit Tränen: es ist ihm, als ob er der sei, dener retten will, der Diener Nikita, und daß sein Leben nicht mehr in ihm selbst ist, sondern in Nikita. — „Nikita lebt; also bin ich noch am Leben.” — Er hat fast vergessen, daß er selbst Wassili gewesen ist. Er denkt: „Wassili wußte nicht, was zu tun war. Aber ich — ich weiß es!” Und er hört die Stimme dessen, auf den er wartete (hier erinnert sein Traum an eine der „Volkserzählungen”), dessen, der ihm gerade befohlen hatte, sich auf Nikita zu betten. „Herr ich komme”, ruft er voller Freude, und er fühlt, daß er frei ist, daß nichts ihn mehr zurückhält... Er ist tot.

195(S. 135): „Der Herr und sein Knecht” ist eine Art Übergang von den düsteren Romanen, die vorausgehen, zu der „Auferstehung”, worin sich das Licht göttlicher Barmherzigkeit ausbreitet. Aber man spürt darin noch mehr die Nachbarschaft mit dem „Tod des Iwan Iljitsch” und den „Volkserzählungen”, als mit der „Auferstehung”, wo sich nur gegen das Ende zu die wunderbare Verwandlung eines selbstsüchtigen und feigen Menschen ankündigt. Den größten Teil der Geschichte bildet die äußerst realistische Schilderung eines ungütigen Herrn und eines ergebenen Dieners, die nachts in der Steppe von einem Schneesturm überrascht werden und den Weg verlieren. Der Herr, der zuerst unter Zurücklassung seines Genossen zu fliehen versucht, kehrt zurück und findet seinen Diener halb erfroren; er wirft sich über ihn, bedeckt ihn mit seinem Körper, erwärmt ihn wieder, indem er sich instinktiv aufopfert; er weiß nicht warum; aber seine Augen füllen sich mit Tränen: es ist ihm, als ob er der sei, dener retten will, der Diener Nikita, und daß sein Leben nicht mehr in ihm selbst ist, sondern in Nikita. — „Nikita lebt; also bin ich noch am Leben.” — Er hat fast vergessen, daß er selbst Wassili gewesen ist. Er denkt: „Wassili wußte nicht, was zu tun war. Aber ich — ich weiß es!” Und er hört die Stimme dessen, auf den er wartete (hier erinnert sein Traum an eine der „Volkserzählungen”), dessen, der ihm gerade befohlen hatte, sich auf Nikita zu betten. „Herr ich komme”, ruft er voller Freude, und er fühlt, daß er frei ist, daß nichts ihn mehr zurückhält... Er ist tot.

196(S. 135): Tolstoi hatte einen vierten Teil vorgesehen, der aber ungeschrieben blieb.

196(S. 135): Tolstoi hatte einen vierten Teil vorgesehen, der aber ungeschrieben blieb.

197(S. 137): Im Gegensatz hierzu war er mit allen Milieus, die er in „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, den „Kosaken” und „Sewastopol” beschreibt, aufs Beste vertraut: den Salons der Adelsgesellschaft, dem Heer, dem Landleben. Er brauchte nur auf seine Erinnerungen zurückzugreifen.

197(S. 137): Im Gegensatz hierzu war er mit allen Milieus, die er in „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, den „Kosaken” und „Sewastopol” beschreibt, aufs Beste vertraut: den Salons der Adelsgesellschaft, dem Heer, dem Landleben. Er brauchte nur auf seine Erinnerungen zurückzugreifen.

198(S. 139): Tolstoi hat vielleicht an seinen Bruder Dmitri gedacht, der auch eine Maslowa geheiratet hatte. Aber Dmitris heftiges und unausgeglichenes Temperament unterschied sich wesentlich von dem Nekludows.

198(S. 139): Tolstoi hat vielleicht an seinen Bruder Dmitri gedacht, der auch eine Maslowa geheiratet hatte. Aber Dmitris heftiges und unausgeglichenes Temperament unterschied sich wesentlich von dem Nekludows.

199(S. 140): „Mehrere Male in seinem Leben hatte Tolstoi eine ‚Gewissensreinigung’ vorgenommen. So nannte er die moralischen Krisen, in denen er sich entschloß, den Schmutz, der seine Seele trübte, auszufegen. Nach Überwindung solcher Krisen unterließ er es nie, sich Vorschriften aufzuerlegen, die immer zu befolgen er sich schwor. Er führte ein Tagebuch und begann ein neues Leben. Aber jedes Mal verfiel er wieder in dieselben Fehler, oder in noch schlimmere, als vor solch einer Krise.”

199(S. 140): „Mehrere Male in seinem Leben hatte Tolstoi eine ‚Gewissensreinigung’ vorgenommen. So nannte er die moralischen Krisen, in denen er sich entschloß, den Schmutz, der seine Seele trübte, auszufegen. Nach Überwindung solcher Krisen unterließ er es nie, sich Vorschriften aufzuerlegen, die immer zu befolgen er sich schwor. Er führte ein Tagebuch und begann ein neues Leben. Aber jedes Mal verfiel er wieder in dieselben Fehler, oder in noch schlimmere, als vor solch einer Krise.”

200(S. 140): Als Nekludow erfährt, daß die Maslowa sich mit einem Krankenwärter vergangen hat, ist er noch fester als je entschlossen, „seine Freiheit zu opfern, um die Sünde dieser Frau zu sühnen”.

200(S. 140): Als Nekludow erfährt, daß die Maslowa sich mit einem Krankenwärter vergangen hat, ist er noch fester als je entschlossen, „seine Freiheit zu opfern, um die Sünde dieser Frau zu sühnen”.

201(S. 141): Tolstoi hat niemals eine Figur mit so festen und sicheren Strichen gezeichnet, wie die des Nekludow im ersten Romanteil. Man lese die wundervolle Beschreibung von Nekludows Aufstehen und dem Vormittag vor der ersten Sitzung im Justizpalast.

201(S. 141): Tolstoi hat niemals eine Figur mit so festen und sicheren Strichen gezeichnet, wie die des Nekludow im ersten Romanteil. Man lese die wundervolle Beschreibung von Nekludows Aufstehen und dem Vormittag vor der ersten Sitzung im Justizpalast.

202(S. 142): Brief der Gräfin Tolstoi aus dem Jahre 1884.

202(S. 142): Brief der Gräfin Tolstoi aus dem Jahre 1884.

203(S. 143): Tolstoi hielt es für eines seiner Hauptwerke: „Eines meiner Bücher — „Für alle Tage” —, dem eine große Wichtigkeit beizumessen, ich selbstbewußt genug bin...” (Brief an Jan Styka, 27. Juli - 9. August 1909.)

203(S. 143): Tolstoi hielt es für eines seiner Hauptwerke: „Eines meiner Bücher — „Für alle Tage” —, dem eine große Wichtigkeit beizumessen, ich selbstbewußt genug bin...” (Brief an Jan Styka, 27. Juli - 9. August 1909.)

204(S. 143): Das Hauptwerk der Hinterlassenschaft ist Tolstois Tagebuch, das die Aufzeichnungen eines Zeitraums von mehr als vierzig Jahren umfaßt.

204(S. 143): Das Hauptwerk der Hinterlassenschaft ist Tolstois Tagebuch, das die Aufzeichnungen eines Zeitraums von mehr als vierzig Jahren umfaßt.

205(S. 144): Tolstois Exkommunikation durch den Heiligen Synod erfolgte am 22. Februar 1901. Sie war durch ein Kapitel der „Auferstehung”, das sich mit der Messe und dem Abendmahl befaßt, veranlaßt.

205(S. 144): Tolstois Exkommunikation durch den Heiligen Synod erfolgte am 22. Februar 1901. Sie war durch ein Kapitel der „Auferstehung”, das sich mit der Messe und dem Abendmahl befaßt, veranlaßt.

206(S. 145): Über die Nationalisierung des Bodens (siehe „Das große Verbrechen”, 1905).

206(S. 145): Über die Nationalisierung des Bodens (siehe „Das große Verbrechen”, 1905).

207(S. 146): „Reiner Moskowiter des alten Rußlands,” sagt Leroy-Beaulieu, „Großrusse slawischen Blutes, durch finnischen Einschlag beeinträchtigt, ist er äußerlich mehr Volkstypus als Adelstypus”. („Revue des Deux Mondes” vom 15. Dezember 1910.)

207(S. 146): „Reiner Moskowiter des alten Rußlands,” sagt Leroy-Beaulieu, „Großrusse slawischen Blutes, durch finnischen Einschlag beeinträchtigt, ist er äußerlich mehr Volkstypus als Adelstypus”. („Revue des Deux Mondes” vom 15. Dezember 1910.)

208(S. 146): 1857.

208(S. 146): 1857.

209(S. 146): 1862.

209(S. 146): 1862.

210(S. 148): „Das Ende einer Welt” (1905 bis Januar 1906). — Vgl. das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: „Die Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus einzuschränken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine Verzögerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische Agitation hält — indem sie die unheilvolle Illusion dieser Verbesserung durch äußere Mittel gibt — den wahren Fortschritt auf, wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in Frankreich, England, Amerika.” — In einem langen und interessanten Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der Regierung gibt dieser ein moralischesAnsehen und gewöhnt die Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht für Geld, so doch für Ehren käuflich. Alexander III. hat das liberale Werk seines Vaters ohne Gefahr vernichten können: „Die Liberalen tuschelten unter sich, daß ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, über die zu sprechen verboten war, und sie traten für alles ein, wofür einzutreten ihnen befohlen wurde.” Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so. „Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der nichts weiß und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... Überall sucht man sich auf feige Weise durch Glückwunschsendungen bei dem jungen Zaren einzuschmeicheln.”

210(S. 148): „Das Ende einer Welt” (1905 bis Januar 1906). — Vgl. das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: „Die Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus einzuschränken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine Verzögerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische Agitation hält — indem sie die unheilvolle Illusion dieser Verbesserung durch äußere Mittel gibt — den wahren Fortschritt auf, wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in Frankreich, England, Amerika.” — In einem langen und interessanten Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der Regierung gibt dieser ein moralischesAnsehen und gewöhnt die Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht für Geld, so doch für Ehren käuflich. Alexander III. hat das liberale Werk seines Vaters ohne Gefahr vernichten können: „Die Liberalen tuschelten unter sich, daß ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, über die zu sprechen verboten war, und sie traten für alles ein, wofür einzutreten ihnen befohlen wurde.” Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so. „Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der nichts weiß und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... Überall sucht man sich auf feige Weise durch Glückwunschsendungen bei dem jungen Zaren einzuschmeicheln.”


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