Dritter Aufzug.

Dritter Aufzug.

In Moskau. Großes Zimmer.

Darin eine Hobelbank, Tisch mit Papieren, Bücherschrank, Spiegel und ein durch Bretter verstelltes Bild.

Darin eine Hobelbank, Tisch mit Papieren, Bücherschrank, Spiegel und ein durch Bretter verstelltes Bild.

Nikolai Iwanowitschund einTischler.Nikolai Iwanowitsch arbeitet mit vorgebundener Schürze an der Hobelbank. Der Tischler hobelt.

Nikolai Iwanowitschund einTischler.

Nikolai Iwanowitsch arbeitet mit vorgebundener Schürze an der Hobelbank. Der Tischler hobelt.

Nikolai(nimmt ein Brett aus der Hobelbank). Ist es so gut?

Tischler(stellt seinen Schlichthobel). Nicht besonders. Sie müssen stärker drücken; sehen Sie, so!

Nikolai.Sie haben gut reden. Es wird doch nichts.

Tischler.Wozu geben Ew. Gnaden sich auch mit der Tischlerei ab? Gibt heutzutage so viele Tischler, daß man nicht mehr sein Auskommen findet.

Nikolai(wieder bei der Arbeit). Man schämt sich, zu faulenzen.

Tischler.Sie haben es doch nicht nötig. Ihnen hat ja Gott Vermögen gegeben.

Nikolai.Ich bin eben der Meinung, Gott hat den Menschen nichts gegeben, sondern sie haben es sich genommen, ihren Brüdern abgenommen.

Tischler(verwundert). Das ist schon richtig. Aber für Sie hat es doch keinen Zweck.

Nikolai.Ich verstehe, daß Ihnen das wunderbar vorkommt. In diesem Hause, wo so viel Überfluß herrscht will jemand arbeiten.

Tischler(lachend). Nein, das nicht gerade. Die Herrschaften sind mal so; die machen alles. Jetzt fahren Sie mal mit dem Schrupphobel darüber hin.

Nikolai.Sie werden es nicht glauben, werden wieder lachen – und doch sage ich Ihnen, daß ich früher ebenso gelebt und mich nicht geschämt habe. Jetzt glaube ich aberan Christi Lehre, daß wir alle Brüder sind, und geniere mich, so zu leben.

Tischler.Wenn es Sie geniert, verschenken Sie doch Ihr Vermögen.

Nikolai.Das wollte ich; es ist mir aber nicht geglückt. Ich hab’ es meiner Frau übergeben.

Tischler.Sie können ja auch nicht; haben sich daran gewöhnt.

Ljuba(hinter der Tür). Papa, darf ich herein?

Nikolai.Gewiß, gewiß, du darfst immer.

Die VorigenundLjuba.

Die VorigenundLjuba.

Ljuba(eintretend). Guten Tag, Jakob.

Tischler.Wünsche guten Tag, gnädiges Fräulein.

Ljuba.Boris ist zum Regiment abgereist. Ich fürchte, er richtet da etwas an oder sagt etwas Ungehöriges. Was glaubst du?

Nikolai.Was kann ich glauben? Er wird tun, was sein Inneres ihm befiehlt.

Ljuba.Aber das ist schrecklich. Er hat nur noch so kurze Zeit zu dienen und richtet sich nun plötzlich zugrunde.

Nikolai.Nur gut, daß er nicht zu mir gekommen ist; er weiß, daß ich ihm nichts anderes sagen kann, als was ihm bereits bekannt ist. Hat mir selbst gesagt, daß er deswegen seinen Abschied nähme, weil er einsieht, daß es keine gesetzwidrigere, tierisch grausamere Tätigkeit gibt als diese einzig auf Mord gerichtete, und daß nichts erniedrigender und gemeiner ist, als sich dem ersten besten rangälteren Beamten bedingungslos zu unterwerfen – er weiß das auch alles.

Ljuba.Das fürchte ich ja gerade, daß er es weiß und nun danach handeln will.

Nikolai.Darüber entscheidet sein Gewissen, der Gott, der in ihm ist. Wenn er zu mir käme, würde ich ihm den einen Rat geben: nie aus Berechnung handeln, sondern nur, wenn sein ganzes Wesen es fordert. Es gibt nichtsSchlimmeres. So wollte ich dem Gebot Christi gemäß Weib und Kinder verlassen und Ihm nachfolgen und war schon im Begriff, das auszuführen. Aber was war das Ende? Das Ende war, daß ich zurückkehrte und mit euch in der Stadt von Luxus umgeben lebe. Weil ich etwas tun wollte, was über meine Kräfte ging, geriet ich in diese erniedrigende Lage ohne Sinn und Verstand. Ich will einfach leben und arbeiten; dabei in dieser Umgebung mit Türhütern und Bedienten – da muß ja eine Komödie herauskommen. Eben diesen Augenblick sehe ich, wie Jakob Nikanorowitsch mich auslacht …

Tischler.Wie werde ich! Sie bezahlen mich, geben mir schönen Tee. Dafür danke ich Ihnen.

Ljuba.Ich denke, ob ich nicht zu ihm fahren soll.

Nikolai.Mein Liebling, Täubchen, ich weiß, daß dir das alles schwer, ja schrecklich vorkommt, obwohl es anders sein müßte. Ich bin jetzt so weit, daß ich das Leben verstehe. Und ich sage dir: es kann nichts Schlimmes geben. Alles was uns schlimm erscheint, ist für das Herz eine Freude und Stärkung. Du mußt aber begreifen, daß jemand, der diesen Weg geht, zunächst vor eine Wahl gestellt ist. Und es gibt Lagen, wo das Göttliche und Teuflische sich das Gleichgewicht halten, wo die Wage schwankt. Gerade dann geht Gottes Werk im Menschen vor sich und gerade dann ist jede Einmischung äußerst gefährlich und verhängnisvoll. Wie soll ich sagen, es ist, als ob jemand schreckliche Anstrengungen macht, um eine Last zu schleppen – dabei kann eine Berührung mit den Fingerspitzen ihm das Kreuz brechen.

Ljuba.Wozu muß man denn aber leiden?

Nikolai.Das ist gerade, wie wenn eine Mutter sagt: Wozu die Wehen? Es gibt keine Geburt ohne Wehen. Dasselbe ist im geistigen Leben der Fall. Eins will ich dir sagen: Boris ist ein wahrer Christ und deswegen im Innern frei. Und wenn du noch nicht so sein kannst wie er, nicht wie er von selbst an Gott glauben kannst, so glaub durch ihn an den Höchsten, an Gott.

Maria(hinter der Tür). Darf ich herein?

Nikolai.Immer herein. Das ist ja heute der reine Empfangstag.

Die VorigenundMaria Iwanowna.

Die VorigenundMaria Iwanowna.

Maria.Unser Priester, Wassili Nikanorowitsch, ist da. Er fährt zum Bischof, hat sein Amt niedergelegt.

Nikolai.Nicht möglich!

Maria.Hier ist er. Ljuba, ruf ihn. Er will dich sprechen.

Ljuba(geht).

Die Vorigenohne Ljuba.

Die Vorigenohne Ljuba.

Maria.Ich möchte auch noch über Wanja mit dir sprechen. Er ist schrecklich ungezogen und lernt so schlecht, daß er sicher nicht versetzt wird. Wenn ich es ihm sage, wird er frech.

Nikolai.Mascha, du weißt doch, daß ich mit seiner ganzen Lebensweise und mit der Erziehung nicht einverstanden bin. Immer wieder quält mich die Frage: Darf ich ruhig zusehen, wie vor meinen Augen Wesen zugrunde gehen …?

Maria.Dann muß man eben andere bestimmte Maßregeln treffen. Was schlägst du vor?

Nikolai.Ich kann nicht sagen, was. Ich will nur eins sagen: erstens, man muß sich von diesem verderblichen Luxus befreien.

Maria.Damit die Kinder verbauern? Dazu kann ich meine Einwilligung nicht geben.

Nikolai.Nun, dann frag mich nicht. Dann ist dir eben nicht zu helfen.

Der PriesterundLjuba(kommen).

Die Vorigen.DerPriesterundLjuba.

Die Vorigen.DerPriesterundLjuba.

Der PriesterundNikolai(küssen sich).

Nikolai.Haben Sie wirklich ein Ende gemacht?

Priester.Ich konnte nicht länger.

Nikolai.So schnell hatte ich das nicht erwartet.

Priester.Es ging nicht anders. In unserem Beruf kann man nicht indifferent sein. Man soll die Beichte abnehmen, das Abendmahl reichen – und wenn man erkannt hat, daß das alles nicht die Wahrheit ist …

Nikolai.Und was wird jetzt?

Priester.Jetzt fahre ich zum Bischof, zum Examen. Ich fürchte, man schickt mich ins Kloster Solowezk. Anfangs dachte ich daran, ins Ausland zu fliehen. Wollte Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dann kam ich zur Besinnung: es wäre Kleinmut. Das einzige ist: meine Frau.

Nikolai.Wo ist sie?

Priester.Zu ihrem Vater gereist. Ihre Mutter war bei uns und hat das Söhnchen mitgenommen. Das tat weh. Ich hätte ihn gern … (Er stockt, drängt die Tränen zurück.)

Nikolai.Helf Gott Ihnen. Werden Sie bei uns bleiben?

Die Fürstin(kommt ins Zimmer gelaufen).

Die Vorigenund dieFürstin.

Die Vorigenund dieFürstin.

Fürstin.Das war zu erwarten. Er hat den Gehorsam verweigert und sitzt im Arrest. Ich war dort, man hat mich nicht zu ihm gelassen. Nikolai Iwanowitsch, fahren Sie hin.

Ljuba.Wieso den Gehorsam verweigert? Woher wissen Sie das?

Fürstin.Ich war selbst dort. Wassili Andrejewitsch hat mir alles erzählt, ein Mitglied der Untersuchungskommission. Er kam einfach herein und erklärte, er würde nicht dienen, den Fahneneid nicht leisten – kurz alles, was Nikolai Iwanowitsch ihm beigebracht hat.

Nikolai.Fürstin! Wie kann man das jemandem beibringen?

Fürstin.Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist das kein Christentum. Wie wäre das möglich? Sagen Sie doch ein Wort, Batjuschka.

Priester.Ich bin kein Batjuschka mehr.

Fürstin.Ganz egal. Sie sind ja ebenso. Freilich, Sie haben es gut. Aber ich lasse die Dinge nicht so gehen. Und was ist das für ein schändliches Christentum, durch das die Menschen leiden und zugrunde gehen. Ich hasse dieses euer Christentum. Ihr habt es gut, da ihr wißt, daß es euch nicht an den Kragen geht. Ich habe aber nur diesen einen Sohn, und ihr habt ihn ins Verderben gestürzt.

Nikolai.So beruhigen Sie sich doch, Fürstin.

Fürstin.Sie, Sie haben das fertig gebracht. Sie haben ihn unglücklich gemacht, Sie müssen ihn auch retten. Fahren Sie hin, reden Sie ihm zu, daß er diese Dummheiten unterläßt. Reiche Leute können sich das leisten, nicht aber wir.

Ljuba(weint). Papa, was soll nun werden?

Nikolai.Ich fahre hin. Vielleicht kann ich helfen. (Er nimmt die Schürze ab.)

Fürstin(hilft ihm beim Ankleiden). Mich hat man nicht zu ihm gelassen; wir fahren zusammen, dann erreiche ich mein Ziel. (Sie geht ab.)


Back to IndexNext