Verwandlung.
Dorfstraße.
Vor seiner Hütte liegt, mit dem Schafpelz bedeckt, Iwan Sjabrem.
Vor seiner Hütte liegt, mit dem Schafpelz bedeckt, Iwan Sjabrem.
Iwanallein.
Iwanallein.
Iwan(ruft). Malaschka!
(Hinter der Hütte kommt ein schmächtiges, kleines Mädchen mit einem Kleinen auf dem Arm zum Vorschein. Der Kleine schreit.)
(Hinter der Hütte kommt ein schmächtiges, kleines Mädchen mit einem Kleinen auf dem Arm zum Vorschein. Der Kleine schreit.)
IwanundMalaschkamit demKleinen.
IwanundMalaschkamit demKleinen.
Iwan.Wasser. Trinken!
Malaschka(geht in die Hütte – dort hört man das Kind laut schreien. Sie kommt mit einem Krug voll Wasser).
Iwan.Weshalb haust du den Kleinen immer, daß er schreit? Ich sag’s der Mutter.
Malaschka.Das tu nur. Er schreit, weil er hungrig ist.
Iwan(trinkt). Solltest bei Demkins um etwas Milch bitten.
Malaschka.Da bin ich gewesen. Die haben nichts. Da ist auch niemand zu Hause.
Iwan.Ach, wenn doch der Tod käme. Hat’s zu Mittag geläutet?
Malaschka.Schon vor ein paar Stunden. Da kommt der gnädige Herr.
Nikolai Iwanowitsch(tritt auf).
Die VorigenundNikolai Iwanowitsch.
Die VorigenundNikolai Iwanowitsch.
Nikolai.Na? Du bist hier draußen?
Iwan.Ja, wegen der Fliegen. Und dann die Hitze.
Nikolai.Ist dir jetzt warm?
Iwan.Brennt alles wie Feuer.
Nikolai.Wo ist denn Peter? zu Hause?
Iwan.Ach wo, bei solchem Wetter. Auf dem Felde ist er, um einzufahren.
Nikolai.Und da sagt man mir, er solle ins Gefängnis!
Iwan.Das stimmt; der Polizist will ihn gerade vom Felde holen.
(Ein schwangeres Weib kommt mit einer Hafergarbe und Harke und schlägt Malaschka sofort in den Nacken.)
(Ein schwangeres Weib kommt mit einer Hafergarbe und Harke und schlägt Malaschka sofort in den Nacken.)
Die Vorigenund dasWeib.
Die Vorigenund dasWeib.
Weib.Weshalb läßt du den Kleinen allein! Hörst doch, wie er brüllt. Immer nur auf der Straße herumlungern!
Malaschka(heult). Ich bin gerade herausgekommen. Vater wollte trinken.
Weib.Ich werd’ dich kriegen! (Sie sieht den Herrn.) Ah, grüß Gott, Väterchen Nikolai Iwanowitsch. Ist das ein Leiden hier! Alles muß ich allein besorgen; hab’ schon keine Kraft mehr. Und da wirft man den letzten, der noch arbeitet, ins Gefängnis. Der Taugenichts aber räkelt sich da herum.
Nikolai.Was redest du! Er ist doch krank.
Weib.Schön krank! Bin ich nicht krank? Wenn’s an die Arbeit geht, ist man krank. Aber faulenzen und mir die Zöpfe ausreißen – das kann er. Soll er doch verrecken wie ein Hund; was schert’s mich!
Nikolai.Das ist Sünde! Fühlst du das nicht?
Weib.Ich weiß, daß es Sünde ist, kann aber mein Herz nicht zwingen. Trag’ ein Kind im Leib und arbeite für zwei. Die andern Bauern haben abgeerntet; bei uns sind zwei Viertelmorgen noch nicht gemäht. Ich müßte Garben binden, kann aber nicht. Bin zu Hause nötig, muß nach den Kindern sehen.
Nikolai.Den Hafer will ich mähen lassen durch Arbeiter, und binden auch.
Weib.Das Binden ist nicht schlimm – das besorge ich selbst; wenn nur erst gemäht ist. Was glauben Nikolai Iwanowitsch, muß er wohl sterben? Geht ihm doch sehr schlecht.
Nikolai.Ich weiß nicht. Gewiß steht es schlecht mit ihm. Ich denke, man bringt ihn ins Krankenhaus.
Weib.Ach Herrgott! (Sie beginnt laut zu weinen.) Bring ihn nicht fort, laß ihn hier sterben. (Zu ihrem Manne.) Was hast du?
Iwan.Ins Krankenhaus will ich. Hier hab’ ich’s schlimmer als ein Hund.
Weib.Nun weiß ich schon gar nichts mehr. Hab’ den Verstand verloren. Malaschka, mach das Mittagessen zurecht.
Nikolai.Was habt ihr denn zu essen?
Weib.Was wird’s sein? Kartoffel und Brot. Und auch das reicht nicht. (Sie geht in die Hütte. Man hört ein Schwein quieken und das Kind schreien.)
Die Vorigenohne das Weib.
Die Vorigenohne das Weib.
Iwan(stöhnt). Ach Gott, könnte ich doch sterben.
Boris(kommt).
Die VorigenundBoris.
Die VorigenundBoris.
Boris.Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein?
Nikolai.Nützlich sein? Kaum. Das Leiden sitzt zu tief. Nützlich sein können Sie nur sich selbst, indem Sie erkennen, worauf wir unser Glück begründen. Da ist eine Familie, fünf Kinder, die Frau schwanger, der Mann krank, nichts zu essen als Kartoffel. Jetzt entscheidet sich die Frage, ob man im nächsten Jahre satt wird oder nicht. Helfen kann man nicht. Womit auch? Ich besorge ihr einen Arbeiter. Wer ist aber dieser Arbeiter? Eben solch armer Teufel, dessen Wirtschaft durch Trunkenheit, Not zugrunde gegangen ist.
Boris.Verzeihung, was tun Sie denn aber hier?
Nikolai.Ich lerne meine Lage kennen, erfahre, wer unsern Garten besorgt, unser Haus baut, uns kleidet und ernährt.
Bauernmit Sensen,Weibermit Rechen(kommen und verbeugen sich).
Die Vorigen.BauernundBäuerinnen.
Die Vorigen.BauernundBäuerinnen.
Nikolai(hält einen an). Jermil, willst du ihnen nicht gegen Lohn den Hafer mähen?
Jermil(den Kopf schüttelnd). Ich tät’s von Herzen gern, kann aber unmöglich abkommen, hab’ das eigene noch nicht eingefahren. Gerade wollen wir daran. Wie steht’s hier? wird der Iwan sterben?
Ein anderer Bauer.Ob Onkel Sebastian es übernehmen wird? He, Sebastian! Da wird ein Mäher gesucht!
Sebastian.Vermietdudich doch. Heute schafft’s fürs ganze Jahr.
Die Bauern(gehen weiter).
Die Vorigenohne Bauern und Weiber.
Die Vorigenohne Bauern und Weiber.
Nikolai.Lauter halb verhungerte, kranke, oft schon alte Leute, die allein von Brot und Wasser leben. Der Greis da hat einen Bruch, der ihm viel Schmerzen macht; dabei arbeitet er von vier Uhr früh bis zehn Uhr abends undlebt kaum noch. Wir dagegen? Wie kann unsereins, der das versteht, ruhig weiterleben und sich für einen Christen halten? Was sage ich: Christen? Wilde Tiere handeln so!
Boris.Was soll man denn tun?
Nikolai.An dem Bösen nicht teilnehmen; kein Land besitzen, nicht die Frucht ihrer Arbeit verzehren. Wie das einzurichten ist, weiß ich nicht. Hier handelt es sich darum … wenigstens war das mit mir der Fall. Ich habe gelebt, ohne zu wissen, wie; ohne zu begreifen, daß ich Gottes Sohn, wie wir alle Gottes Söhne und Brüder sind. Als ich das aber begriff, daß wir alle gleiches Recht auf das Leben haben, wurde mein Leben ein ganz anderes. Doch das kann ich Ihnen jetzt nicht erklären. Nur das eine will ich sagen, daß ich früher blind war, wie die Meinigen zu Hause es noch sind. Jetzt aber bin ich sehend geworden und kann nicht anders, ich muß sehen. Und weil ich sehe, kann ich nicht so weiterleben. Übrigens davon später. Jetzt muß ich tun, was ich kann.
Der Dorfpolizist,Peter,seinWeibundkleiner Knabe(kommen).
Die Vorigen.Der Polizist.Peter, seinWeibund seinSohn.
Die Vorigen.Der Polizist.Peter, seinWeibund seinSohn.
Peter(fällt Nikolai Iwanowitsch zu Füßen). Verzeih mir, um Christi willen, ich gehe zugrunde! Was wird aus meinem Weibe! Könnte ich wenigstens gegen Bürgschaft freikommen.
Nikolai(zum Polizisten). Ich fahre zum Gericht und mache die Eingabe. Kannst du ihn jetzt nicht freilassen?
Polizist.Wir haben Befehl, ihn aufs Amt zu bringen.
Nikolai.Also dann geh mit; ich besorge Hilfe und tue, was ich kann. Das bin ich selbst. Wie kann man nur so leben. (Er geht ab.)