Verwandlung.

Verwandlung.

Wieder auf dem Gut.

Draußen Regen. Gastzimmer mit Flügel. Tonja hat eine Sonate von Schumann gespielt und sitzt noch am Flügel. Daneben steht Stefan. Boris sitzt. Ljuba, Lisa, Mitrofan Jermilytsch, der Priester – alle sind vom Spiel ergriffen.

Draußen Regen. Gastzimmer mit Flügel. Tonja hat eine Sonate von Schumann gespielt und sitzt noch am Flügel. Daneben steht Stefan. Boris sitzt. Ljuba, Lisa, Mitrofan Jermilytsch, der Priester – alle sind vom Spiel ergriffen.

Tonja.Stefan.Boris.Ljuba.Lisa.Mitrofan.Priester.Bauernvon außen.

Tonja.Stefan.Boris.Ljuba.Lisa.Mitrofan.Priester.Bauernvon außen.

Ljuba.Wie entzückend, das Andante.

Stefan.Nein, das Scherzo. Alles wundervoll.

Lisa.Sehr schön.

Stefan.Ich hätte Sie nie für solche Künstlerin gehalten. Das ist wirklich meisterhaftes Spiel. Technische Schwierigkeiten existieren für Sie nicht; Sie denken nur an den Gefühlsinhalt und drücken alles wunderbar zart aus.

Ljuba.Und vornehm.

Tonja.Ich fühle aber, daß es nicht so ist, wie ich möchte … Mir fehlt noch vieles.

Lisa.Wie ist das möglich? Ich finde alles wunderbar.

Ljuba.Schumann ist schön, aber Chopin greift doch mehr ans Herz.

Stefan.Er ist lyrischer.

Tonja.Man kann die beiden nicht vergleichen.

Ljuba.Kennst du sein Prélude?

Tonja.Das sogenannte George Sand-Prélude? (Sie spielt den Anfang.)

Ljuba.Nein, das nicht. Es ist schön, wird aber reichlich viel gespielt. Nun, spiel nur, bitte.

Tonja(spielt, soweit sie kann, bricht dann aber plötzlich ab).

Ljuba.Nein, D-Moll.

Tonja.Ach, das – das ist herrlich. Es hat so etwas Elementares, Vorweltliches.

Stefan(lacht). Ja, ja. Nun, spielen Sie, bitte. Aber Sie sind müde. Also haben wir wenigstens einen herrlichen Morgen verbracht – dank Ihnen.

Tonja(steht auf und schaut zum Fenster hinaus). Wieder die Launen.

Ljuba.Was die Musik alles vermag! Ich verstehe König Saul. Mich quält kein böser Geist, aber ich begreife ihn. Keine Kunst läßt so alles vergessen, wie die Musik. (Sie tritt zum Fenster.) Was wollt ihr?

Bauern.Wir haben Nikolai Iwanowitsch gebeten.

Ljuba.Er ist nicht hier. Wartet etwas.

Tonja.Und dabei heiratest du einen Menschen, der nichts von Musik versteht.

Ljuba.Das ist nicht möglich.

Boris(zerstreut). Musik … Nein, ich liebe sie, oder besser, ich bin ihr nicht feind. Ziehe aber etwas Einfacheres vor, zum Beispiel ein schlichtes Lied.

Tonja.Wieso? Ist denn diese Sonate nicht reizend?

Boris.Sie scheint mir nicht wichtig. Ich beneide die Leute, die solchen Dingen Wichtigkeit beimessen.

(Auf dem Tische stehen Süßigkeiten.)

(Auf dem Tische stehen Süßigkeiten.)

Alle(essen davon).

Lisa.Das finde ich nett: ein Bräutigam und dann diese Süßigkeiten …

Boris.Daran bin ich unschuldig. Das hat Mama besorgt.

Tonja.Ich finde es sehr nett.

Ljuba.Musik ist dadurch wertvoll, daß sie ergreift, erhebt und die Wirklichkeit vergessen macht. Wie düster war vorhin alles – nun hast du gespielt, und plötzlich ist es ringsum licht geworden. Wirklich licht geworden.

Lisa.Die Chopinschen Walzer sind etwas abgeleiert und dennoch …

Tonja.Dieser zum Beispiel … (Sie spielt.)

Nikolai Iwanowitsch(tritt ein und begrüßt alle Anwesenden einzeln).

Die Vorigen.Nikolai Iwanowitsch.

Die Vorigen.Nikolai Iwanowitsch.

Nikolai.Wo ist Mama?

Ljuba.Ich glaube im Kinderzimmer.

Stefan(ruft einen Diener).

Ljuba.Papa, wie wundervoll Tonja spielt. Wo warst du denn?

Nikolai.Ich war im Dorf.

Der Diener(tritt ein).

Die Vorigen.Der Diener.

Die Vorigen.Der Diener.

Stefan.Bring noch einen Samowar.

Nikolai(begrüßt wieder den Diener mit Händedruck). Guten Tag!

Der Diener(geht verlegen ab).

Nikolai(geht ab).

Die Vorigenohne Diener und Nikolai Iwanowitsch.

Die Vorigenohne Diener und Nikolai Iwanowitsch.

Stefan.Der unglückliche Bursche! Wie verlegen er war. Ich verstehe das nicht! Als ob wir an etwas schuld wären.

Nikolai Iwanowitsch(kehrt ins Zimmer zurück).

Die Vorigen.Nikolai Iwanowitsch.

Die Vorigen.Nikolai Iwanowitsch.

Nikolai.Ich wäre fast in mein Zimmer gegangen, ohne euch mitzuteilen, was ich empfinde. Und das halte ich nicht für gut. (Zu Tonja.) Wenn Sie, als Gast, durch meine Worte verletzt werden, so verzeihen Sie mir – aber ich kann nicht anders. Du, Ljuba, sagst, die Fürstin spiele wunderschön. Ihr sitzt hier mit sieben, acht gesunden jungen Leuten, habt bis zehn Uhr geschlafen, gegessen, getrunken, eßt noch jetzt, macht Musik und unterhaltet euch darüber. Dort aber, wo ich jetzt herkomme, sind die Menschen um drei Uhr aufgestanden – einige haben draußen beim Vieh die ganze Nacht nicht geschlafen – und nun sind alte, kranke, schwache Leute, Kinder, Frauen mit Säuglingen und schwangere Frauen ununterbrochen bei der schwersten, ihre Kräfte übersteigenden Arbeit, damit wir hier die Früchte ihres Schaffens verzehren. Ja, noch mehr: soeben wird einer von ihnen, der beste, einzige Arbeiter der Familie, ins Gefängnis geschleppt, weil er im Frühjahr in »meinem« Walde – das heißt angeblich meinem – eine der dort wachsenden hunderttausend Tannen gefällt hat. Wir aber sitzen hier sauber gewaschen und gekleidet, indem wir den Dienstboten das Reinigen des Nachtgeschirrs im Schlafzimmer überlassen, essen, trinken und unterhalten unsgeistreich darüber, ob Schumann oder Chopin uns mehr ergreift und besser unsere Langeweile vertreibt. Diese Gedanken kamen mir, als ich an euch vorüberging, und deswegen habe ich sie euch gesagt. Denkt einmal nach, ob man solches Leben führen kann! (Er bleibt in heftiger Erregung stehen.)

Lisa.Das ist wahr, wirklich wahr.

Ljuba.Wenn man sich solche Gedanken macht, kann man nicht leben.

Stefan.Weshalb? Ich sehe nicht ein, warum man nicht über Schumann sprechen soll, wenn das Volk arm ist. Eins schließt das andere nicht aus. Wenn die Leute …

Nikolai(zornig). Wenn man kein Herz hat, wenn man sich so hölzern …

Stefan.Schon gut, ich schweige schon.

Tonja.Eine schreckliche Frage, die Frage unserer Zeit. Man darf sich aber nicht vor ihr fürchten, muß der Wirklichkeit mutig ins Auge sehen, um die Frage zu lösen.

Nikolai.Auf Maßregeln der Gemeinde darf man nicht warten. Jeder von uns kann heute, morgen sterben. Wie soll man mit solchem Zwiespalt im Innern weiterleben?

Boris.Es gibt nureinMittel: an solchem Leben nicht teilnehmen.

Nikolai.Also verzeiht, wenn ich euch wehgetan. Aber ich mußte meine Empfindungen einmal aussprechen. (Er geht ab.)

Die Vorigenohne Nikolai Iwanowitsch.

Die Vorigenohne Nikolai Iwanowitsch.

Stefan.Was heißt das: nicht teilnehmen? Unser ganzes Dasein ist ja aufs engste damit verknüpft.

Boris.Eben deswegen sagt er ja: man darf vor allen Dingen kein Eigentum haben, muß sein ganzes Leben ändern; es nicht so einrichten, daß andere uns dienen, sondern daß wir anderen dienen.

Tonja.Du bist ja schon ganz auf seiner Seite!

Boris.Ja, ich habe ihn zum erstenmal richtig verstanden. Und dann das, was ich im Dorfe sah. Man braucht nurdie Brille abzunehmen, durch die wir das Leben des Volkes betrachten, und den Zusammenhang zwischen ihren Leiden und unsern Freuden wahrzunehmen, so wird alles entschieden.

Mitrofan.Gewiß, aber das Mittel dazu besteht nicht darin, sein Leben zu ruinieren.

Stefan.Wunderbar, Mitrofan Jermilytsch und ich nehmen einen ganz verschiedenen Standpunkt ein und treffen in diesem Punkt doch zusammen: sein Leben darf man nicht ruinieren, das sind meine Worte.

Boris.Sehr begreiflich. Ihr beide wollt ein angenehmes Leben führen und trachtet daher nach Zuständen, die euch diese Annehmlichkeiten garantieren. Sie (zu Stefan) möchten die jetzige Ordnung der Dinge beibehalten, während Mitrofan Jermilytsch eine neue herbeizuführen wünscht.

Ljuba(flüstert Tonja etwas zu).

Tonja(geht zum Flügel und spielt ein Notturno von Chopin).

Alle(verstummen).

Stefan.Das ist schön. Das löst alle Fragen.

Boris.Verdunkelt alles und schiebt die Entscheidung hinaus.

Maria Iwanownaund dieFürstin(sind während des Spiels leise eingetreten, haben Platz genommen und hören zu).

(Vor dem Ende des Notturnos ertönt Schellenläuten.)

(Vor dem Ende des Notturnos ertönt Schellenläuten.)

Die Vorigen.Maria Iwanownaund dieFürstin.

Die Vorigen.Maria Iwanownaund dieFürstin.

Ljuba.Da kommt Tante zurück. (Sie geht ihr entgegen.)

Tonja(spielt weiter).

Alexandra Iwanowna,Pater Gerassim, ein Priester mit dem Brustkreuz, und derNotar(treten ein).

Alle(erheben sich).

Die Vorigen.Alexandra Iwanowna,Pater Gerassimund derNotar.

Die Vorigen.Alexandra Iwanowna,Pater Gerassimund derNotar.

Pater Gerassim.Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Ich höre gern zu.

Die Fürstinund derPriester(bitten um seinen Segen).

Alexandra.Was ich mir vorgenommen, habe ich auch ausgeführt. Pater Gerassim wollte gerade nach Kursk, aber ich habe ihn beredet, mitzukommen. Und der Notar ist auch da. Alle Papiere sind fertig, es fehlt nur die Unterschrift.

Maria.Wollen die Herrschaften nicht etwas frühstücken?

Der Notar(legt die Papiere auf den Tisch und geht ab).

Die Vorigenohne Notar.

Die Vorigenohne Notar.

Maria.Ich bin Pater Gerassim sehr dankbar …

Pater Gerassim.O bitte. Der Besuch liegt zwar nicht auf meinem Reisewege, trotzdem hielt ich es für meine Christenpflicht, zu kommen.

(Alexandra Iwanowna flüstert der Jugend etwas zu. Die jungen Leute besprechen sich miteinander und gehen dann, außer Boris, sämtlich auf die Veranda. Der Priester will ebenfalls gehen.)

(Alexandra Iwanowna flüstert der Jugend etwas zu. Die jungen Leute besprechen sich miteinander und gehen dann, außer Boris, sämtlich auf die Veranda. Der Priester will ebenfalls gehen.)

Maria Iwanowna.Alexandra Iwanowna.Die Fürstin.Pater Gerassim.Der Priester.Boris.

Maria Iwanowna.Alexandra Iwanowna.Die Fürstin.Pater Gerassim.Der Priester.Boris.

Pater Gerassim.Was ist denn? Bleiben Sie doch! Als Seelenhirt und Beichtvater können Sie hier sich und andern nützen. Also bleiben Sie nur, wenn Maria Iwanowna nichts dagegen hat.

Maria.Durchaus nicht; ich habe Pater Wassili gern und rechne ihn zur Familie. Habe mich auch oft mit ihm beraten – leider besitzt er, infolge seiner Jugend, zu wenig Autorität.

Pater Gerassim.Gewiß, natürlich.

Alexandra(näher tretend). Sie sehen also, Pater Gerassim, wie die Dinge hier liegen. Sie allein können helfen und ihn zur Vernunft bringen. Er ist sonst so klug und gelehrt; aber Sie wissen, daß Gelehrsamkeit oft nur Schaden anrichtet. Ganz allmählich hat sich bei ihm eine Art geistiger Trübung entwickelt. Er behauptet, dem Christentum zufolge dürfe man kein Eigentum besitzen. Kann das sein?

Pater Gerassim.Willkür, Überhebung, Lug und Trug! Die Kirchenväter haben die Frage längst entschieden. Aber wie hat es nur so weit kommen können?

Maria.Wenn ich Ihnen alles erzählen soll, so war er zunächst, als wir heirateten, völlig gleichgültig gegen jede Religion. So lebten wir in bestem Einvernehmen die ersten zwanzig Jahre. Dann begann er zu grübeln. Vielleicht beeinflußte seine Schwester ihn, oder die Lektüre – jedenfalls grübelte er viel, las das Evangelium und wurde dann plötzlich sehr religiös, ging in die Kirche und suchte Mönche auf. Dann warf er das alles plötzlich beiseite, änderte seine ganze Lebensweise, verrichtete alle Arbeit, ließ sich nicht mehr bedienen und beginnt jetzt sogar sein Hab und Gut zu verteilen. Gestern hat er ein großes Stück Wald verschenkt. Ich habe Angst wegen der sieben Kinder. Sprechen Sie mit ihm. Ich werde ihn fragen, ob er Sie sehen will. (Sie geht ab.)

Die Vorigenohne Maria Iwanowna.

Die Vorigenohne Maria Iwanowna.

Pater Gerassim.Groß ist heutzutage die Zahl der Abtrünnigen! Gehört die Besitzung ihm oder der Frau?

Fürstin.Ihm. Das ist ja das Leiden.

Pater Gerassim.Und welchen Rang bekleidet er?

Fürstin.Keinen sehr hohen. Rittmeister, glaube ich. Er war Militär.

Pater Gerassim.So fallen viele von der Kirche ab. In Odessa verschrieb sich eine Dame dem Spiritismus und richtete viel Unheil an. Trotzdem hat Gott der Herr sie in den Schoß der heiligen Kirche zurückgeführt.

Fürstin.Sie werden verstehen, um was es sich handelt. Mein Sohn heiratet die eine Tochter. Ich habe meine Einwilligung gegeben. Aber das Mädchen ist an Luxus gewöhnt und muß versorgt werden. Meinem Sohn kann ich diese Last nicht zumuten, obgleich er sehr arbeitsam ist und viel verspricht.

Maria IwanownaundNikolai Iwanowitsch(treten ein).

Die Vorigen.Maria IwanownaundNikolai Iwanowitsch. SpäterStefan,Ljuba,Lisa,TonjaundDiener.

Die Vorigen.Maria IwanownaundNikolai Iwanowitsch. SpäterStefan,Ljuba,Lisa,TonjaundDiener.

Nikolai.Guten Tag, Fürstin. Guten Tag … Entschuldigen Sie, wie ist Ihr Name?

Pater Gerassim.Meinen Segen wünschen Sie nicht?

Nikolai.Nein.

Pater Gerassim.Gerassim Fedorowitsch. Sehr angenehm.

Ein Diener(bringt Frühstück und Wein).

Pater Gerassim.Angenehme Witterung. Für die Ernte sehr günstig.

Nikolai.Ich nehme an, Sie sind auf Veranlassung meiner Schwägerin in der Absicht gekommen, mich von meinen Verirrungen zu befreien und mich wieder auf den wahren Weg des Heils zurückzuführen. Wenn das der Fall ist, wollen wir nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, sondern uns sofort ans Werk machen. Ich leugne nicht, daß ich mit der Kirchenlehre nicht übereinstimme. Es war einmal der Fall: später wurde ich anderer Meinung. Doch wünsche ich von ganzer Seele die Wahrheit kennen zu lernen und nehme sie sofort an, wenn Sie sie mir zeigen.

Pater Gerassim.Wie können Sie sagen, daß Sie der Kirchenlehre nicht glauben? Woran glauben Sie, wenn nicht an die Kirche?

Nikolai.Ich glaube an Gott und sein Gebot, das uns im Evangelium gegeben ist.

Pater Gerassim.Das lehrt auch die Kirche.

Nikolai.Wenn sie es täte, würde ich ihr glauben; sie lehrt aber gerade das Gegenteil.

Pater Gerassim.Sie kann nicht das Gegenteil lehren, weil sie von dem Herrn selbst bestätigt ist. Es heißt: »Euch ist die Macht gegeben … und auf diesen Felsen will ich meine Gemeine bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.«

Nikolai.Das hat damit nicht das geringste zu tun. Aber selbst zugegeben, daß Christus eine Kirche gegründet hat – woher weiß ich denn, daß diese Kirche gerade Ihre ist?

Pater Gerassim.Weil es heißt: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«

Nikolai.Auch das hat hierauf gar keine Beziehung und beweist nicht das geringste.

Pater Gerassim.Wie kann man nur so die Kirche verwerfen, die doch allein alle Gnadenmittel besitzt.

Nikolai.Ich habe sie erst verworfen, als ich mich überzeugt hatte, daß sie alle möglichen Einrichtungen unterstützt, die dem Christentum direkt zuwiderlaufen.

Pater Gerassim.Die Kirche kann nicht irren, weil in ihr allein die Wahrheit ist. Im Irrtum wandeln die Abtrünnigen; die Kirche aber ist heilig.

Nikolai.Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich das nicht anerkenne. Ich erkenne es deswegen nicht an, weil ich – wie es im Evangelium heißt: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« weil ich erkannt habe, daß die Kirche den Eid, Morde und Hinrichtungen segnet.

Pater Gerassim.Die Kirche erkennt die von Gott selbst eingesetzte Obrigkeit an und segnet sie.

Stefan,Ljuba,LisaundTonja(treten im Verlauf des Disputs nach und nach ein, setzen sich oder bleiben stehen und hören zu).

Nikolai.Ich weiß, daß es im Evangelium heißt, nicht nur: du sollst nicht töten, sondern: du sollst nicht zürnen. Die Kirche aber erteilt ganzen Armeen den Segen. Im Evangelium heißt es: du sollst nicht schwören; die Kirche läßt den Eid zu. Im Evangelium heißt es …

Pater Gerassim.Erlauben Sie, als Pilatus sagte: »Ich beschwöre dich beim lebendigen Gotte …« erkannte Christus den Eid an, indem er antwortete: »Ich bin es.«

Nikolai.Ach, was reden Sie da! Das ist doch einfach lächerlich.

Pater Gerassim.Deswegen erlaubt die Kirche nicht jedem einzelnen, das Evangelium auszulegen, damit er nicht in Irrtum verfällt, sondern sie sorgt für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind, und gibt jedem die Auslegung, die für ihn paßt. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Die Kirchebürdet ihren Anhängern keine unerträglichen Lasten auf, sondern verlangt nur die Erfüllung der Gebote: Liebe deinen Nächsten, du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen.

Nikolai.Jawohl: du sollst mich nicht töten, mir nicht stehlen, was ich selbst gestohlen habe. Wir alle haben das Volk bestohlen, haben ihm den Grund und Boden genommen und erlassen hinterher Gebote: Du sollst nicht stehlen. Die Kirche aber gibt allem ihren Segen.

Pater Gerassim.Arglist, Hochmut spricht aus Ihnen. Ihren Stolz müssen Sie bezwingen.

Nikolai.Durchaus nicht. Ich frage Sie, wie ich nach christlichem Gebote handeln muß. Ich habe meine Sünde erkannt, die darin liegt, daß ich das Volk des Grundes und Bodens beraube und dadurch in Knechtschaft halte. Was soll ich jetzt tun? Noch weiter Land besitzen und die Dienstleistungen hungriger Menschen für solche Dinge benutzen? (Er deutet auf den Diener, der das Frühstück und den Wein hereingebracht hat.) Oder soll ich das Land denen zurückgeben, denen meine Vorfahren es geraubt haben?

Pater Gerassim.Sie müssen handeln, wie es einem Sohn der Kirche geziemt. Sie haben eine Familie und Kinder, für die Sie sorgen, die Sie standesgemäß erziehen lassen müssen.

Nikolai.Warum?

Pater Gerassim.Weil Gott Sie in diese Lage versetzt hat. Wenn Sie Wohltätigkeit üben wollen, tun Sie es, indem Sie einen Teil Ihrer Habe den Armen geben und sie durch Zuspruch trösten.

Nikolai.Dem reichen Jüngling wurde doch aber gesagt, ein Reicher könne nicht ins Himmelreich kommen.

Pater Gerassim.Mit dem Zusatz: Wenn du vollkommen sein willst.

Nikolai.Ich möchte eben vollkommen sein. Es heißt im Evangelium: Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Pater Gerassim.Man muß aber auch wissen, worauf sich solche Worte beziehen.

Nikolai.Ich bemühe mich darum. Alles, was in der Bergpredigt steht, ist durchaus einfach und verständlich.

Pater Gerassim.Das sagt Ihr Hochmut.

Nikolai.Wieso Hochmut? Heißt es doch: Was den Weisen verborgen ist, wird den Unmündigen offenbar.

Pater Gerassim.Den Sanftmütigen, von Herzen Demütigen, aber nicht den Hochmütigen.

Nikolai.Wer ist denn hier hochmütig? Ich, der ich mich für genau solchen Menschen halte wie alle anderen, und der deswegen genau wie alle anderen von seiner Hände Arbeit in ebensolcher Not wie die Brüder leben will – oder diejenigen, die sich als besondere Wesen, als Heilige betrachten, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sich nicht irren können und die Worte Christi nach ihrer Art auslegen?

Pater Gerassim(gekränkt). Verzeihen Sie, Nikolai Iwanowitsch, ich hin nicht hergekommen, um mit Ihnen darüber zu streiten, wer von uns beiden recht hat, und auch nicht, um Belehrungen entgegenzunehmen, sondern ich bin auf Bitten Alexandra Iwanownas gekommen, um mit Ihnen über verschiedene Dinge Rücksprache zu nehmen. Sie wissen aber alles besser, deswegen schließe ich lieber die Unterredung. Nur möchte ich Sie zu guter Letzt im Namen Gottes noch einmal bitten: kommen Sie zur Besinnung; Sie sind in schrecklichem Irrtum befangen und richten sich zugrunde. (Er erhebt sich.)

Maria.Wollen Sie nicht etwas frühstücken?

Pater Gerassim.Nein, danke. (Er geht mit Alexandra Iwanowna ab.)

Die Vorigenohne Alexandra Iwanowna und Pater Gerassim.

Die Vorigenohne Alexandra Iwanowna und Pater Gerassim.

Maria(zum Priester). Nun, was wird jetzt?

Priester.Wieso? meiner Meinung nach hat Nikolai Iwanowitsch ganz recht; Pater Gerassim hat ihn nicht widerlegt.

Fürstin.Er ist gar nicht zu Worte gekommen; besonders scheint es ihm mißfallen zu haben, daß hier eine Art Turnier veranstaltet wurde. Alle hörten zu. Da hat er sich aus Bescheidenheit entfernt.

Boris.Denkt nicht daran. Alles, was er sagte, war falsch. So offenkundig falsch, daß er nicht weiter wußte.

Fürstin.Ich sehe, daß du bei deinem wetterwendischen Sinn dich schon ganz auf Nikolai Iwanowitschs Seite schlägst. Wenn du aber so denkst, darfst du eben nicht heiraten.

Boris.Ich sage nur: was wahr ist, muß wahr bleiben. In diesem Falle kann ich nicht schweigen.

Fürstin.Du hättest am allermeisten Grund zu schweigen.

Boris.Warum?

Fürstin.Weil du arm bist und nichts zu verteilen hast. Übrigens geht uns das alles nichts an. (Sie geht ab.)

Alle übrigen(folgen ihr außer Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna).

Nikolai IwanowitschundMaria Iwanowna.

Nikolai IwanowitschundMaria Iwanowna.

Nikolai(sitzt nachdenklich da; lächelt dann über seine Gedanken). Mascha! Wozu das? Warum hast du diesen kläglichen, im Irrtum befangenen Menschen kommen lassen? Warum mischen sich diese laute Frau und dieser Priester in unser intimstes Leben? Können wir unsere Angelegenheiten nicht selbst ordnen?

Maria.Was soll ich tun, wenn du unsere Kinder ohne alle Mittel lassen willst. Das kann ich nicht ruhig mit ansehen. Du weißt, daß ich nicht selbstsüchtig bin und für mich nichts brauche.

Nikolai.Das weiß ich und glaube ich. Das Unglück ist, daß du nicht glaubst, weder an die Wahrheit – ich weiß, daß du sie siehst, du kannst dich aber nicht entschließen, an sie zu glauben. Weder an die Wahrheit glaubst du, noch an mich. Du glaubst dem Haufen – der Fürstin und den anderen.

Maria.Ich glaube dir, habe dir stets geglaubt; wenn du aber die Kinder zu Bettlern machen willst …

Nikolai.Das zeigt ja eben, daß du keinen Glauben hast. Meinst du, ich hätte nicht gekämpft, nicht Angst ausgestanden? Dann habe ich mich aber überzeugt, daß man sonicht nur handeln kann, sondern muß; daß es so allein für die Kinder das Notwendige, Gute ist. Du sagst immer, wenn die Kinder nicht wären, könnten wir leben wie wir wollten; dann würden wir nur uns zugrunde richten. Wir richten sie aber zugrunde.

Maria.Was soll ich tun, da ich das nicht verstehe.

Nikolai.Und was sollichtun? Ich weiß ja, weshalb ihr diesen kläglichen Menschen im Priesterkleid mit dem Kreuz auf der Brust verschrieben, und weshalb Aline den Notar mitgebracht hat. Ich soll die Besitzung auf deinen Namen schreiben lassen. Das kann ich nicht. Zwanzig Jahre lang habe ich dich geliebt. Ich liebe dich noch und will dein Bestes und kann deswegen das Gut nicht verschreiben. Wenn ich es tue, sollen die es haben, denen es fortgenommen ist – die Bauern. Ich kann nicht anders, ich muß es ihnen geben. Und ich freue mich, daß der Notar zugegen ist, und will das gleich jetzt tun.

Maria.Nein, das ist fürchterlich! Wie kann man nur so grausam sein. Du hältst es für sündhaft, das Gut zu behalten; so gib es doch mir. (Sie weint.)

Nikolai.Du weißt nicht, was du sprichst. Wenn ich es dir gebe, kann ich nicht weiter mit dir leben, dann muß ich fort. Ich kann unter diesen Bedingungen nicht weiterleben; kann es nicht mit ansehen, daß, nicht mehr in meinem, sondern in deinem Namen, den Bauern das Mark aus den Knochen gepreßt wird und man sie ins Gefängnis wirft. Also wähle.

Maria.Wie bist du grausam! Was ist denn das für ein Christentum? Das ist ja Bosheit. Ich kann doch nicht so leben, wie du willst. Kann meinen Kindern nicht alles nehmen, um es dem ersten besten zu geben. Und deshalb willst du mich verstoßen? Gut, tue es. Ich sehe, daß du mich nicht mehr liebst, und weiß auch, weshalb.

Nikolai.Also gut, ich unterschreibe. Aber du verlangst von mir etwas Unmögliches, Mascha. (Er geht zum Tisch und unterschreibt.) Du hast es gewollt. Ich kann so nicht leben.


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