Verwandlung.

Verwandlung.

Empfangszimmer im Lazarett.

Ober- und Unterarzt, ein kranker Offizier im Kittel, Wärter in Blusen.

Ober- und Unterarzt, ein kranker Offizier im Kittel, Wärter in Blusen.

Ein kranker Offizier.Oberarzt.Unterarzt.Wärter.

Ein kranker Offizier.Oberarzt.Unterarzt.Wärter.

Kranker.Ich sage Ihnen, Sie machen mich hier krank. Habe mich mehrfach schon ganz gesund gefühlt.

Oberarzt.Regen Sie sich nur nicht auf. Ich bin durchaus einverstanden, Sie zu entlassen; aber Sie wissen selbst, daß die Freiheit für Sie gefährlich ist. Wenn ich wüßte, daß Sie gute Pflege haben …

Kranker.Sie denken, ich würde wieder trinken? Nein, ich hab’ meinen Denkzettel weg. Dagegen wirkt jeder Tag, den ich hier noch verbringe, höchst schädlich auf mich. Sie tun das gerade Gegenteil von dem – (erregt) was Sie müßten. Sie sind grausam. Sie haben es freilich gut …

Oberarzt.Beruhigen Sie sich. (Er gibt den Wärtern ein Zeichen.)

Wärter(treten von hinten heran).

Kranker.Sie haben gut von Freiheit reden; was wird aber aus unsereins zwischen all den Verrückten? (Zu den Wärtern.) Was schleichst du da heran, Kerl! Scher dich fort!

Oberarzt.Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich.

Kranker.Und ich bitte Sie und fordere Sie auf, mich zu entlassen. (Er kreischt laut auf und stürzt vorwärts.)

Wärter(packen ihn).

(Kampf; der Kranke wird abgeführt.)

(Kampf; der Kranke wird abgeführt.)

Oberarzt.Unterarzt.

Oberarzt.Unterarzt.

Unterarzt.Geht die Sache wieder los? Beinah’ hätte er Sie gepackt.

Oberarzt.Säufer und … nichts zu machen. Kleine Besserung ist allerdings zu konstatieren.

Adjutant(tritt ein).

Die Vorigenund derAdjutant.

Die Vorigenund derAdjutant.

Adjutant.Guten Tag.

Oberarzt.Guten Morgen.

Adjutant.Ich bringe Ihnen einen interessanten Fall. Fürst Tscheremschanow, der seiner Militärpflicht genügen soll, weigert sich auf Grund der Bibel. Zunächst wurde er zur Gendarmerie geschafft; die erklärt sich für inkompetentund findet ihn nicht verdächtig. Dann hat der Pope ihn ins Gebet genommen – ebenfalls umsonst.

Oberarzt(lacht). Und nun kommen Sie, wie stets, zu uns als letzter Instanz. Na, schaffen Sie den Herrn mal her.

Unterarzt(geht hinaus).

Die Vorigenohne Unterarzt.

Die Vorigenohne Unterarzt.

Adjutant.Soll ein sehr gebildeter junger Mensch sein. Dabei eine reiche Braut. Höchst merkwürdig. Ich glaube wirklich, daß er hier am besten aufgehoben ist.

Oberarzt.Na ja,mania simplex…

Boris(wird hereingeführt).

Die VorigenundBoris.

Die VorigenundBoris.

Oberarzt.Treten Sie näher. Setzen Sie sich, bitte. Wir wollen uns etwas unterhalten. (Zum Adjutanten.) Lassen Sie uns allein.

Adjutant(geht ab).

Die Vorigenohne Adjutant.

Die Vorigenohne Adjutant.

Boris.Wenn es sich einrichten läßt, möchte ich Sie bitten, falls Sie mich einsperren wollen, dieses recht bald zu tun, damit ich zur Ruhe komme.

Oberarzt.Entschuldigen Sie, wir müssen unbedingt die bestehenden Vorschriften befolgen. Nur ein paar Fragen. Was empfinden Sie? Welches Leiden haben Sie?

Boris.Gar keins. Ich bin vollkommen gesund.

Oberarzt.Gewiß; Sie handeln aber nicht so wie alle anderen Menschen.

Boris.Ich handle so, wie mein Gewissen mir befiehlt.

Oberarzt.Sie haben sich geweigert, Ihrer Militärpflicht zu genügen. Wie motivieren Sie das?

Boris.Ich bin Christ und kann deswegen nicht töten.

Oberarzt.Man muß doch aber sein Vaterland gegenäußere Feinde verteidigen, muß den Feind im Innern, den Feind der öffentlichen Ordnung im Zaum halten.

Boris.Das Vaterland greift niemand an; Feinde der öffentlichen Ordnung sind in den Kreisen der Regierenden weit häufiger als unter denen, die von der Regierung vergewaltigt werden.

Oberarzt.Das heißt – wie meinen Sie das?

Boris.Eine der Hauptursachen alles Elends bei uns in Rußland ist der Branntwein. Er wird von der Regierung verkauft. Falsche Religionen, die zu Lug und Trug verleiten, werden von der Regierung verbreitet. Der Militärdienst, dessen Ableistung man von mir verlangt und der die Sittlichkeit am meisten untergräbt – wird von der Regierung verlangt.

Oberarzt.Ihrer Ansicht nach sind also Regierung und Staat überflüssig?

Boris.Das weiß ich nicht. Dagegen weiß ich bestimmt, daß ich an dem Bösen nicht teilnehmen darf.

Oberarzt.Was wird dann aber aus der Welt? Wir haben doch unsere Vernunft bekommen, um sie auch für Zukünftiges zu gebrauchen.

Boris.Und ebenso, um einzusehen, daß die soziale Ordnung nicht mittels Gewalt, sondern auf gütlichem Wege aufrechterhalten wird, und daß die Weigerung eines einzelnen, am Bösen teilzunehmen, keine Gefahr bedeutet.

Oberarzt.Jetzt möchte ich Sie ein wenig untersuchen. Bitte, legen Sie sich hin. (Er beginnt ihn zu betasten.) Fühlen Sie hier Schmerz?

Boris.Nein.

Oberarzt.Und hier?

Boris.Nein.

Oberarzt.Holen Sie tief Atem. Halten Sie den Atem an. Ich danke. Jetzt gestatten Sie. (Er holt ein Maß hervor und mißt Boris’ Stirn und Nase.) Jetzt seien Sie so gut, schließen Sie die Augen und gehen ein paar Schritte.

Boris.Schämen Sie sich nicht, solche Sachen zu machen?

Oberarzt.Was heißt, wie meinen Sie das?

Boris.All diese Dummheiten? Sie wissen doch, daß ich gesund bin; daß man mich hierher geschickt hat, weil ich mich weigere, an den Verbrechen der anderen teilzunehmen; daß man auf die Wahrheit nichts zu erwidern weiß und daß man sich deswegen stellt, als hielte man mich für anormal! Und dazu leisten Sie Beistand! Das ist häßlich, schändlich. Lassen Sie das.

Oberarzt.Also, Sie wollen die paar Schritte nicht gehen?

Boris.Nein, ich will nicht. Sie können mich quälen, wie Sie wollen – aber ich werde Ihnen dabei nicht behilflich sein. (Erregt.) Lassen Sie das!

Der Oberarzt(drückt auf die Klingel).

Zwei Wärter(treten ein).

Die Vorigenund dieWärter.

Die Vorigenund dieWärter.

Oberarzt.Beruhigen Sie sich. Ich begreife vollkommen, daß Ihre Nerven aufgeregt sind. Wollen Sie nicht in Ihr Zimmer gehen?

Unterarzt(tritt ein).

Die Vorigenund derUnterarzt.

Die Vorigenund derUnterarzt.

Unterarzt.Da ist Besuch für Tscheremschanow.

Boris.Wer denn?

Unterarzt.Sarynzew nebst Tochter.

Boris.Ich möchte sie gern sehen.

Oberarzt.Lassen Sie sie nur kommen. Sie können sie hier empfangen. (Er geht ab.)

Unterarztund dieWärter(folgen ihm).

Nikolai IwanowitschundLjuba(treten ein).

Die Fürstin(blickt zur Tür hinein). Geht vorauf, ich komme später.

Boris,Nikolai IwanowitschundLjuba. DannKrankerundWärter.

Boris,Nikolai IwanowitschundLjuba. DannKrankerundWärter.

Ljuba(eilt auf Boris zu, faßt ihn am Kopf und küßt ihn). Armer Boris.

Boris.Nein, bedaure mich nicht. Mir ist so gut, so froh, so leicht. Ich grüße Sie herzlich! (Er küßt Nikolai Iwanowitsch.)

Nikolai.Ich bin gekommen, um dir vor allen Dingen eins zu sagen: in solcher Lage, wie du dich jetzt befindest, ist es weit schlimmer, sein Vorhaben zu ändern, als es nicht vollständig auszuführen. Zweitens muß man in solchen Fällen handeln, wie es im Evangelium heißt, nicht fortwährend daran denken, was man tun und was man sagen wird: »Wenn man euch vor die Obrigkeit und vor die Gewaltigen führt, so macht euch keine Sorge, was ihr sagen werdet, denn der Geist Gottes wird aus euch sprechen.« Das heißt, man muß nicht dann handeln, wenn die Überlegung es einem befiehlt, sondern wenn man mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß man nicht anders kann.

Boris.Das habe ich auch getan. Ich habe nicht die Absicht gehabt, den Dienst zu verweigern. Als ich aber diese ganze Verlogenheit sah, diese dicken Folianten,[2]die Akten, Polizisten, Kommissionsmitglieder mit der Zigarette im Munde –konnteich nicht anders: ichmußtedas sagen, was ich sagte. Es war schrecklich, aber nur so lange, bis ich begonnen hatte. Dann war alles einfach, froh und leicht.

[2]Russisch:Serzalo, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf.D. Ü.

[2]Russisch:Serzalo, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf.D. Ü.

[2]Russisch:Serzalo, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf.

D. Ü.

Ljuba(sitzt da und weint).

Nikolai.Die Hauptsache ist: tu nichts um Menschenruhm, um den Beifall derer zu erringen, auf deren Meinung du Wert legst. Von mir kann ich sagen, daß wenn du jetzt den Eid leistest und dienst, daß ich dich dann nicht weniger liebe und verehre, ja noch mehr als früher, weil nicht das Wert hat, was in der äußeren Welt, sondern was in der Seele geschieht.

Boris.Gewiß, denn was im Inneren geschehen ist, bewirkt auch in der äußeren Welt Veränderungen.

Nikolai.Ja, das möchte ich dir ans Herz legen. Deine Mutter ist hier. Sie ist schrecklich niedergeschlagen. Was du der tun kannst, um was sie dich bittet, tu es. Das wollte ich dir sagen.

(Im Korridor ertönt wahnsinniges Geheul.)

(Im Korridor ertönt wahnsinniges Geheul.)

Ein Kranker(kommt hereingestürzt).

Wärter(hinter ihm, die ihn fortschleppen).

Ljuba.Das ist fürchterlich. Und in solcher Umgebung sollst du bleiben? (Sie weint.)

Boris.Es schreckt mich nicht. Mir ist jetzt nichts mehr schrecklich. Mir ist so gut. Nur eins macht mir Sorge: wie du das alles aufnimmst. Du mußt mir helfen. Ich bin überzeugt, du wirst mir helfen.

Ljuba.Soll ich etwa vergnügt sein?

Nikolai.Nicht vergnügt. Das kann man nicht, das bin ich auch nicht. Ich leide um ihn und würde von Herzen gern an seine Stelle treten; trotzdem leide ich und weiß, daß das gut ist.

Ljuba.Schön. Wann wird er aber entlassen?

Boris.Das weiß niemand. Ich denke nicht an die Zukunft. Die Gegenwart ist so schön. Und du kannst sie mir noch schöner machen.

Die Fürstin(tritt ein).

Die Vorigenund dieFürstin.

Die Vorigenund dieFürstin.

Fürstin.Nein, ich kann nicht länger warten. (Zu Nikolai Iwanowitsch.) Nun, haben Sie ihm zugeredet? Gibt er nach? Boris, mein Liebling, begreif doch, was ich ausstehe. Fast dreißig Jahre habe ich nur für dich gelebt, dich aufgezogen, meine Freude an dir gehabt. Und jetzt, wo alles fertig, wo das Werk vollendet ist, soll ich plötzlich allem entsagen! Ins Gefängnis – diese Schande … Nein, das ertrage ich nicht. Boris …

Boris.Mama, so hör doch.

Fürstin.Weshalb reden Sie denn keinen Ton? Sie haben ihn ins Verderben gestürzt, Sie müssen ihn zur Vernunft bringen. Ljuba, sprich du doch mit ihm.

Ljuba.Was kann ich ausrichten!

Boris.Mama, begreif doch endlich, daß es Dinge gibt, die man nicht fertig bringt, ebensowenig fertig bringt wie das Fliegen. Dazu gehört für mich das Dienen.

Fürstin.Ach, das bildest du dir ein. Unsinn, alle haben gedient und dienen noch. Du und Nikolai Iwanowitsch, ihr habt euch da ein Christentum ausgedacht, das gar keins ist. Eine Satanslehre, die nichts als Leiden schafft.

Boris.Es steht so im Evangelium.

Fürstin.Gar nichts steht da, und wenn es so dasteht, ist das sehr dumm ausgedrückt. Boris, mein Herzensjunge, hab doch Mitleid. (Sie fällt ihm um den Hals und weint.) Mein ganzes Leben war nichts als Kummer. Der einzige Sonnenstrahl warst du, und nun machst auch du mir diese Schmerzen. Boris, hab doch Erbarmen.

Boris.Mama, es wird mir schrecklich schwer, aber ich kann dir nichts sagen.

Fürstin.Schlag es mir nicht ab, versprich, daß du dienen wirst.

Nikolai.Sag, du würdest es dir überlegen, und tu das.

Boris.Also schön. Aber hab auch du mit mir Mitleid, Mama. Ich hab’ es auch nicht leicht. (Man hört wieder Geschrei im Korridor.) Ich bin hier im Irrenhause und kann leicht selbst den Verstand verlieren.

Die Vorigenund derOberarzt.

Die Vorigenund derOberarzt.

Oberarzt(eintretend). Durchlaucht, Ihr Besuch kann schädliche Folgen haben. Ihr Sohn ist sehr aufgeregt. Ich glaube, es ist angebracht, den Besuch zu beenden. Donnerstags und Sonntags ist Empfang, da kommen Sie bitte um zwölf Uhr.

Fürstin.Schön, schön; also ich gehe. Leb wohl, Boris. Überleg es dir, hab Mitleid mit deiner Mutter, die sich freut, dich Donnerstag wiederzusehen. (Sie küßt ihn.)

Nikolai(reicht ihm die Hand). Überleg mit Gott, als ob du morgen sterben müßtest. Nur dann triffst du das Richtige. Leb wohl.

Boris(tritt zu Ljuba). Und was wirst du mir sagen?

Ljuba.Ich kann nicht lügen. Ich verstehe nicht, warum du dich und andere quälst. Ich verstehe es nicht und kann dir nichts sagen. (Sie geht weinend ab. Hinter ihr alle übrigen, außer Boris.)

Borisallein.

Borisallein.

Boris.Ach, wie ist das schwer. Ach, wie schwer! Herrgott, hilf mir. (Er betet.)

Wärter(treten mit dem Anstaltskittel ein).

Borisund dieWärter.

Borisund dieWärter.

Ein Wärter.Kleiden Sie sich gefälligst um.

Boris(gehorcht).


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