Zweiter Aufzug.
Derselbe Schauplatz auf dem Lande, acht Tage später.
Die Bühne stellt einen großen Saal dar. Der Tisch ist gedeckt. Samowar, Tee und Kaffee. An der Wand ein Flügel, Notenständer. Am Tisch sitzen Maria Iwanowna, die Fürstin Tscheremschanowa und Peter Semjonowitsch.
Die Bühne stellt einen großen Saal dar. Der Tisch ist gedeckt. Samowar, Tee und Kaffee. An der Wand ein Flügel, Notenständer. Am Tisch sitzen Maria Iwanowna, die Fürstin Tscheremschanowa und Peter Semjonowitsch.
Maria Iwanowna.Peter Semjonowitschund dieFürstin.
Maria Iwanowna.Peter Semjonowitschund dieFürstin.
Semjonowitsch.Ja, Fürstin, es ist lange her, daß Sie die Rosine gesungen haben, und ich … tauge nicht einmal mehr zum Don Basilio …
Fürstin.Jetzt könnten unsere Kinder singen. Leider haben die Zeiten sich geändert.
Semjonowitsch.Ja, man ist mehr für das Positive … Ihre Tochter spielt übrigens sehr gut. Was treibt die Gesellschaft, schlafen sie wirklich noch?
Maria.Ja. Sind gestern bei Mondschein spazieren geritten und sehr spät heimgekehrt. Ich hörte sie, als ich den Kleinen nährte.
Semjonowitsch.Und wann wird meine glaubenstüchtige Gemahlin wieder hier sein? Habt ihr den Wagen geschickt?
Maria.Ja; sie ist schon früh fortgefahren. Muß bald zurück sein.
Fürstin.Ist sie wirklich nur hingefahren, um Pater Gerassim zu holen?
Maria.Ja. Gestern kam ihr der Gedanke, und sofort führte sie ihn aus.
Fürstin.Diese Energie. Ich bewundere sie.
Semjonowitsch.O, damit sind wir reichlich versehen. (Nimmt eine Zigarre aus dem Etui.) Ich werde ein wenig rauchen undmit den Hunden im Park spazierengehen, bis die liebe Jugend aufsteht. (Er geht ab.)
Fürstin.Maria Iwanowna.
Fürstin.Maria Iwanowna.
Fürstin.Ich weiß nicht, liebe Maria Iwanowna, aber es kommt mir vor, als wenn Sie sich das alles zu sehr zu Herzen nehmen. Ich verstehe ihn recht gut. Er befindet sich in gehobener Stimmung. Was ist schließlich dabei, wenn er auch den Armen etwas zukommen läßt? Wir denken sowieso zu viel an uns.
Maria.Wenn es dabei sein Bewenden hätte; aber Sie kennen ihn nicht, wissen nicht alles. Das ist keine Armenunterstützung mehr, sondern völlige Umwälzung, Vernichtung alles Bestehenden.
Fürstin.Ich möchte mich nicht in Ihr Familienleben mischen, wenn Sie aber gestatten …
Maria.Bitte sehr. Ich rechne Sie zur Familie, besonders jetzt.
Fürstin.Dann möchte ich Ihnen raten, offen und ehrlich Ihre Forderungen auszusprechen und sich mit ihm zu einigen, bis zu welcher Grenze …
Maria(erregt). Da gibt es keine Grenzen! Alles will er fortgeben! Verlangt, daß ich in meinen Jahren Köchin, Wäscherin werde.
Fürstin.Nicht möglich! Das ist allerdings erstaunlich!
Maria(zieht einen Brief aus der Tasche). Wir sind allein und ich freue mich, daß ich Ihnen alles sagen kann. Gestern hat er mir diesen Brief geschrieben. Ich will ihn Ihnen vorlesen.
Fürstin.Was? Er lebt mit Ihnen unter einem Dach und schreibt Ihnen Briefe? Sonderbar.
Maria.Nein, das verstehe ich schon. Er regt sich beim Reden immer so sehr auf. Ich fürchte nächstens für seine Gesundheit.
Fürstin.Was schreibt er denn?
Maria.Also: (Liest.) »Du machst mir den Vorwurf, ich zerstörte unser früheres Leben, setzte aber nichts Neues an die Stelle, und sagte nicht, wie ich mit der Familie zurechtkommen wollte. Wenn wir das mündlich erörtern, regen wir uns zu sehr auf – deswegen schreibe ich dir. Warum ich nicht so weiterleben kann, wie bisher, habe ich schon oft gesagt; dich überzeugen, daß man so nicht leben darf, sondern christlich leben muß – vermag ich brieflich nicht. Dir steht eins von beiden frei: entweder glaubst du der Wahrheit und gehst aus freien Stücken mit mir, oder du vertraust mir und folgst mir nach.« (Sie unterbricht die Lektüre.) Ich kann weder das eine noch das andere. Ich glaube nicht an die Notwendigkeit: so zu leben, wie er will; die Kinder tun mir leid, ich kann ihm hierin nicht vertrauen. (Sie liest weiter.) »Mein Plan ist folgender: Wir geben all unser Land den Bauern und behalten nur fünfzig Morgen, den Garten, das Gemüseland und die Rieselwiesen. Dann wollen wir sehen, daß wir das Land selbst bestellen, ohne uns oder den Kindern Zwang anzutun. Das Land, das wir behalten, kann uns immerhin fünfhundert Rubel abwerfen.«
Fürstin.Eine Familie mit sieben Kindern soll von fünfhundert Rubeln leben? Das ist unmöglich.
Maria.Dann folgt hier der ganze Plan. Das Haus soll als Schule dienen, wir selbst wohnen im Gärtnerhäuschen in zwei Zimmern.
Fürstin.Ich glaube nachgerade wirklich, daß die Sache krankhaft ist. Was haben Sie ihm erwidert?
Maria.Ich sagte, ich brächte das nicht fertig. Allein würde ich ihm überallhin folgen, aber mit den Kindern … Bedenken Sie doch nur: der Kleine bekommt ja noch die Brust. Ich sagte ihm: ich kann doch nicht alles so hinwerfen. Habe ich denn dazu geheiratet? Ich bin schwach und alt. Neun Kinder gebären und aufziehen ist doch keine Kleinigkeit.
Fürstin.Ich hätte nie geglaubt, daß die Sache schon so weit gekommen ist.
Maria.So liegen die Dinge. Ich weiß nicht, was nun wird. Gestern hat er den Bauern aus Dmitrowka den Pachtzins erlassen und will ihnen das Land ganz und gar übergeben.
Fürstin.Meiner Meinung nach dürfen Sie das nicht zulassen. Sie haben die Pflicht, Ihre Kinder sicherzustellen. Wenn er sein Besitztum nicht mehr verwalten kann, soll er es Ihnen abtreten.
Maria.Das will ich nicht.
Fürstin.Sie sind es den Kindern schuldig. Die Besitzung kann ja auf Ihren Namen eingetragen werden.
Maria.Das hat meine Schwester Sascha ihm schon gesagt. Er erwiderte darauf, er hätte kein Recht dazu; das Land gehöre denen, die es bearbeiteten; er sei verpflichtet, es den Bauern abzutreten.
Fürstin.Ja, jetzt begreife ich, daß die Sache weit ernster ist, als ich glaubte.
Maria.Und der Priester, der Priester ist auf seiner Seite!
Fürstin.Ja, das habe ich gestern bemerkt.
Maria.Deshalb ist auch meine Schwester nach Moskau gefahren, um mit dem Notar zu sprechen und hauptsächlich, um Pater Gerassim mitzubringen, der ihn überzeugen soll.
Fürstin.Ja, ich denke auch, das Christentum besteht nicht darin, seine Familie ins Unglück zu stürzen.
Maria.Leider glaubt er auch dem Pater nicht. Er ist so bestimmt in allem, und wenn er spricht, kann ich ihm nichts erwidern. Das ist ja das Schreckliche, daß es mir stets vorkommt, als hätte er recht.
Fürstin.Das kommt daher, daß Sie ihn lieben.
Maria.Ich weiß nicht, woher es kommt; jedenfalls ist es schrecklich. Auf diese Weise bleibt alles unentschieden. Das soll nun Christentum sein.
Wärterin(tritt ein).
Die Vorigen.Wärterin.
Die Vorigen.Wärterin.
Wärterin.Bitte, gnädige Frau. Der Kleine ist aufgewacht und schreit.
Maria.Sofort; ich bin so unruhig, und der Kleine hat Leibschmerzen. Ich komme schon.
Nikolai(tritt mit einem Schreiben in der Hand zur andern Tür ein).
Maria Iwanowna.Die Fürstin.Nikolai Iwanowitsch.
Maria Iwanowna.Die Fürstin.Nikolai Iwanowitsch.
Nikolai.Nein, das darf nicht sein, das ist unmöglich!
Maria.Was denn?
Nikolai.Daß wegen dieser einen Tanne Peter ins Gefängnis kommt.
Maria.Wieso?
Nikolai.Ganz einfach. Er hat sie gefällt, wurde deswegen angeklagt und jetzt vom Friedensrichter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Frau ist da.
Maria.Nun, was ist denn dabei unmöglich?
Nikolai.Nein, es darf nicht sein! Eins kann ich: keinen Wald besitzen. Und das werde ich. Aber was weiter? Ich werde zu ihm gehen und sehen, ob ich nicht helfen kann bei dem Unglück, das wir verursacht haben. (Er geht zur Veranda und stößt auf Boris und Ljuba.)
Die Vorigen.BorisundLjuba.
Die Vorigen.BorisundLjuba.
Ljuba.Guten Morgen, Papa. (Sie küßt ihn.) Wohin willst du?
Nikolai.Ins Dorf, wo ich war. Da wird ein hungriger Mensch ins Gefängnis geschleppt, weil er …
Ljuba.Wirklich – Peter?
Nikolai.Ja, Peter. (Er geht ab.)
Maria(folgt ihm).
Die Vorigenohne Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna.
Die Vorigenohne Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna.
Ljuba(setzt sich an den Samowar). Wünschen Sie Kaffee oder Tee?
Boris.Einerlei …
Ljuba.Immer dasselbe. Ich weiß nicht, wie das endet.
Boris.Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß, daß das Volk arm, unwissend ist, daß man ihm helfen muß; aber nicht in der Art, daß man Diebe ermutigt.
Ljuba.Wodurch denn?
Boris.Durch unsere ganze Tätigkeit. Unser ganzes Wissen, alle Kenntnisse muß man in den Dienst des Volkes stellen – sein Leben darf man aber nicht hingeben.
Ljuba.Papa sagt, gerade das sei notwendig.
Boris.Das verstehe ich nicht. Man kann dem Volk dienen, ohne sein Leben zugrunde zu richten. So will ich meine Zukunft einrichten. Wenn du nur deinerseits …
Ljuba.Ich will, was du willst. Ich fürchte mich nicht.
Boris.Und diese Ohrringe, das Kleid?
Ljuba.Die Ohrringe kann man verkaufen, das Kleid ist nicht viel wert. Trotzdem braucht man ja nicht als Vogelscheuche herumzulaufen.
Boris.Ich möchte noch mit deinem Vater sprechen. Was meinst du, bin ich ihm im Wege, wenn ich ihn im Dorf aufsuche?
Ljuba.Durchaus nicht. Ich sehe, daß er dich gern hat. Gestern wandte er sich meistens an dich.
Boris(leert seine Kaffeetasse). Also ich gehe.
Ljuba.Ja, geh nur. Ich werde Lisa und Tonja wecken.
Beide(gehen ab).