Der lose Vogel
Was von der Freundschaft gesagt worden,das läßt sich noch füglicher vom Ehestande denken, dem für Zeitlebens dauernden Freundschaftsbande. O ihr unsterbliche Götter! wie würde nicht alles von Ehescheidungen, oder auch noch schlimmern Dingen, aller Orten wimmeln, wenn nicht Schmeicheley, Scherz, gefälliger Leichtsinn, Irrung, Verstellung, meine ganze Scharwache, den Hausfrieden zwischen Mann und Weib unterstützen, und nährten? Zum Henker! wie dünne würden die Ehen gesäet werden, wenn der Herr Bräutigam klüglich nachspührte, in was für Spiele sein verschlecket-schamhaft aber naseweises Jüngferchen schon lange vor dem hochzeitlichen Leben, sich eingelassen habe? und wie manches schon geknüpfte Band würde zerreissen, wenn nicht (Dank sey es der Nachlässigkeit oder Tummheit des Herrn Gemahls!) vieles von dem Thun und Lassen des lieben Weibchens verborgen bliebe?
Hahnrei
Freylich schreibt man alles dieses mit Rechte der Narrheit zu; diese aber betreibts inzwischen so, daß der Mann sich des Weibes erfreut, das Weib des Mannes, und die Eintracht sich im friedlichen Hause befestigt. Hahnrey, und was dergleichen Wörterchen mehr sein mögen, rufthier und da ein Hohnlacher; thut nicht das gute Weibchen wohl, daß sie darüber Thränen vergießt; und der gutherzige Hörnerträger, daß er in bester tröstender Laune sie ihr von den Wangen wegküßt? O wie weit seliger ists, sich hier also irren, als im Taumel der Eifersucht sich selbst aufzehren, und ein Trauerspiel aller Orten verbreiten? Kurz, ohne mich kann keine Gesellschaft, keine Vertraulichkeit munter oder standhaft seyn; unerträglich wird der Fürst dem Volke, der Knecht dem Herrn, die Magd der Frau, der Schüler dem Lehrer, der Freund dem Freunde, die Frau dem Manne, der Verkäufer dem Käufer, ein Tischgefehrte dem andern, wenn sie nicht wechselweise irren, klüglich durch die Finger sehen, und sich mit tollen Honigwörterchen abspeisen. Ja, meine Herren, Sie halten was ich bisher gesagt, für wichtige Dinge; aber Geduld, Sie werden noch wichtigere hören!
Selbsthass
Kann der jemanden lieben, der sich selbst haßt? der mit Andern einträchtig seyn, der sich selbst in den Haaren liegt? der jemanden Freude machen, der sich selbst zur Last und zum Ueberdrusse lebt? Niemand wirds behaupten, alsder, welcher närrischer als die Narrheit ist. In Wahrheit, wo man mich auf die Strasse hinaussperrt, wird jeder dem andern unerträglich, stinkt sich selbst an, faßt Eckel ab allem dem seinigen, hat keinen verhaßtern Feind als sich selbst. Stiefmütterlich wühlt oft die Natur in den Köpfen der Sterblichen, sonderlich den besten, so daß ihnen das Ihrige mißfällt; und das Fremde bewundern sie; dann wird alles geschändet, geht alles zu Grunde, dadurch sonst das Leben bereichert, und geschmückt wird. Wozu nützt die Schönheit, das edelste Geschenck der unsterblichen Götter, wenn sie garstig befleckt wird? Wozu die Jugend, wenn des Alters gährender Gram sie angestecket hat? Was wirst du bey dem beglücktesten Leben zu Hause und draussen mit Anständigkeit thun (und auf diese kömmt hauptsächlich alles an) wenn dir nicht die sich selbst liebende Philautia, die ich billig als meine leibliche Schwester verehre, mit ihrer Geschicklichkeit beysteht? O tapfer vertheidigt sie durchgehends meine Sache!
Nun, was kannst du närrischers thun, als dir selbst gefallen? dich selbst bewundern? Was schönes, holdes, einnehmendes, kannst du zuStande bringen, wenn du mißvergnügt mit dir selbst bist? Wenn du dieses Gewürze des Lebens wegschafst, so steht der Redner mit seinem Gewäsche frostig da; nur höhnisches Mitleiden ertrillert sich der Tonkünstler; der sich müde erarbeitende Schauspieler wird ausgepfiffen; zum Gelächter wird der Dichter samt seinen Musen; der Mahler erpinselt sich Verachtung; bey seinen Lebenspillen hungert der Arzt sich zu Tode; wenn du dich schön wie Nireus zu seyn dünkst, jugendlich wie Phaon, weise wie Minerva, so wird man dich für garstig halten wie Thersites war, veraltet wie Nestor, tumm wie ein Schwein. Ja, unumgänglich nöthig ists, daß jeder sich schmeichle, und sich selbst mit einem Beyfällchen anpreise, wenn er sich bey andern in Gunst schwingen will. Endlich, da die Glückseligkeit hauptsächlich darum besteht, daß du wirklich nichts anders seyn willst, als was du bist, so hast du dich mit der Grundregel meiner Philautia bekannt zu machen, die also lautet: Niemand werde seines Looses überdrüssig, seines Witzes, seiner Abkunft, seines Vaterlandes, seiner Auferziehung. Der Irrländer wünsche sich nichtein Italiäner zu seyn, der Thracier ein Athenienser, der Scythe ein Bürger des gesegneten Schlarafenlandes. Herrlicher Kunstgriff der Natur, der so verschiedene Dinge ins gleiche Gleis bringt! Wo sie bey ihrer Gabenaustheilung etwas kärglich zu Werke gegangen, läßt sie den Abgang durch die Philautia ersetzen — nur den Abgang? — Ich rede wie eine wirkliche Närrin, sie theilt auf diese Weise ihr herrlichstes Geschenke mit.
Ich darf wohl sagen: ohne meinen Antrieb geschicht keine edle That; wo schöne Künste betrieben werden, preisen sie mich als ihre Erfinderinn. Muß man sich nicht an den Krieg wenden, wenn man belobte Heldenthaten in ihrem Elemente finden möchte? Nun, was kann wohl närrischer seyn, als um einer Ursache willen, die man selbst nicht anzugeben weiß, sich in einen Streit einlassen, bey dem man beiderseits mehr Böses als Gutes einzuerndten hat? Von dem, der da mit seiner Haut bezahlt, kräht kein Hahn nicht. Wenn die beyden Heere in Schlachtordnung gegen einander stehen, und die Hörner im frischern Tone zum Angriffe geblasen haben: wozu taugen dannjene Söhne der Weisheit, durch Nachgrüblen erschöpft, beym dünnen und kalten Geblüte kaum den Athem zu ziehen vermögend? Solcher ist man da benöthigt, derer Adern vom dicken und fetten Geblüte strotzen; desto kühner, um so viel unverständiger sie sind. Oder will man sich mit Fleisse einen Demosthenes zum Soldaten wählen? Kaum kam der Feind ihm ins Gesicht, so warf er, nach dem Rathe des Archilochus, herzhaft den Schild weg; unter dem Hasenpanier sah man den feigen Soldaten an dem weisen Redner.
Auf Klugheit, heißts, kömmt im Kriege vieles an. O ja, an einem Feldherren; aber auf eine kriegerische, nicht eine philosophische! Mit Schmarotzern, Hurenjägern, Strassenräubern, Meuchelmördern, Bauernklötzen, Tummköpfen, Bankerottierern, und dergleichen Abschaume des Menschengeschlechtes, nicht mit bey der Nachtlampe verrauchten Philosophen, werden solche herrlichen Ding erfochten. Sokrates, der nach dem eben nicht weisen Ausspruche des Apollo einzige Weise, kann zum Gewährsmanne dienen. Er unterfieng sich, etwas, ich weiß nicht was, öffentlich zu betreiben; undunter dem Hohngelächter der ganzen Versammlung schlich er sich vom Rednerstuhle weg. Und doch war der Mann nicht Narrs genug, sich mit dem Titel des Weisen zu brüsten; er gab ihn dem Gotte zurück; er hielt dafür, ein Weiser solle sich in die Verwaltung des gemeinen Wesens nicht mengen; nur hätte er noch hinzusetzen sollen: jeder, der seinen Platz in der Zunft der Menschen behaupten wolle, müsse sich der Weisheit enthalten. Anbey, hatte er es nicht blos der Weisheit zu verdanken, daß er verklagt worden; und sich den Schirlingsbecher wählen mußte? Ueber Wolken und Hirngespinste philosophierend, einen Flohfuß messend, das Mückensumsen bewundernd, vergaß er, Dinge zu erlernen, die zum gemeinen Leben unentbehrlich sind.
Sokrates als Narr
Zum Schutzredner seines sich in Lebensgefahr befindenden Lehrers wirft sich der Schüler Plato auf. Ein mannhafter Vertheidiger! weil ein Geräusch entsteht, verstummt er, ehe er von seinem ersten Satze die Hälfte herausgemartert hatte. Und was soll ich vom Theophrast sagen? Kaum hatte er eine Rede angefangen, so blieb er mit offenem Munde stehen,als ob ein Wolf ihm in die Quer gekommen wäre. Wie würde der Mann den Soldaten Muth zur Schlacht gemacht haben! Isokrates war zu furchtsam, als daß er es jemals gewagt hätte, den Mund aufzuthun. Cicero, der Vater der römischen Beredsamkeit, fieng seine Reden, gleich einen gluchsenden Schuljungen, mit einem unangenehmen Stammeln an; Fabius ist so gut, daß er behauptet, daraus erkenne man einen verständigen die Gefahr einsehenden Redner; er hätte besser gethan, rund und ehrlich heraus zu sagen: zur schicklichen Betreibung öffentlicher Geschäfte tauge die Weisheit nicht. Was würden Leute, die vor Furcht halb todt sind, wenn sie sich blos in ein Wortgefecht einlassen sollen, da ausrichten, wo man die Sache mit dem Schwerdt ausfechten muß?
Nun gehe man, und erhebe den berühmten Ausspruch des Plato bis in den Himmel: „Beglückt wäre das Land, wo Philosophen herrschten, oder Beherrscher zu Philosophen würden.“ Wenn man die Geschichtsschreiber zu Rathe zieht, so zeigt sichs, daß es nirgends schlimmer zugegangen, als wo die Herrschaft einem Philosophostenoder Buchgelehrten zu Theile geworden. Man kann sich hier kecklich auf die Catonen berufen: durch wahnsinnige Anklagen störte der Eine die Ruhe der Republik; und der Andere richtete die Freyheit derselben zu Grunde, indem er sie allzuweislich vertheidigte. Man denke sich hier auch den Brutus, Cassius, die Gracchen, und selbst den Cicero, welcher der römischen Republik zu einer eben so schädlichen Pest ward, als Demosthenes der atheniensischen. Gesetzt, Marcus Antoninus sey ein guter Kaiser gewesen; bin ich deßwegen genöthigt, meinen Satz aufzugeben? gewiß nicht: eben deßwegen, weil er ein Philosoph war, wird er seinen Unterthanen lästig und verhaßt. Ja, gesetzt er sey für sich gut gewesen, so fügte er doch durch Hinderlassung seines Sohnes dem Reiche einen weit grössern Schaden zu, als er ihm durch seine Regierung nützlich gewesen. Solche weisen Leute sind, wie in allen übrigen Dingen, also besonders im Kinderzeugen, höchst unglücklich; und dieses, wie mich deucht, hat die Natur vorsichtig geordnet, damit diese Seuche der Weisheit unter den Sterblichen nicht zu viel um sich fasse. So wissen wirvon dem Cicero, daß er einen aus der Art geschlagenen Sohn gehabt hat; und von den Kindern des weisen Sokrates hat man die feine Anmerkung gemacht, sie seyen der Mutter ähnlicher als dem Vater; das ist, Narren gewesen.
Es würde noch alles zu ertragen seyn, wenn diese Philosophen gleich zur Verwaltung der öffentlichen Geschäfte so ungeschickt wären, als der Esel zum Lautenschlagen; insofern sie nur nicht auch zur Betreibung der Angelegenheiten des gemeinen Lebens eben so schief befunden würden. Bitte einen Weisen zu Gaste; er wird durch ein düsteres Schweigen, oder durch ein lästiges Frägeln, die Freude der Gesellschaft stören. Fordere ihn zum Tanz auf; er wird so flink als ein Camel umher tramplen. Nimm ihn zu einem öffentlichen Schauspiele mit; sein Gesicht wird die Zuschauer ihres Vergnügens berauben; der weise Cato, der seine feyerliche Mine nicht ablegen will, wird genöthigt werden, die Bühne zu verlassen. Er kömmt in eine Gesellschaft, und alles verblaßt, als ob ein Wolf sich hätte sehen lassen. Wo es zu thun ist, um etwas zu kaufen, um einen Handel zutreffen, kurz, um etwas vorzunehmen, ohne welches man im gemeinen Leben nicht bestehen kann, da wird man diesen Weisen ehender für einen Klotz als für einen Menschen ansehen. Also kann er sich, dem Vaterlande, den Seinigen, zu nichts dienen, weil die gemeinsten Dinge, Meynungen, Einrichtungen, ihm ganz spanische Dörfer sind.
Bey den Unternehmungen der Sterblichen ist alles voll Thorheit: Narren unterhalten sich mit Narren. Dem, der sich allen widersetzen will, möcht ich den Rath erteilen, in die Fußstapfen Timons zu treten, in eine Einöde zu wandern, und sich da seiner Weisheit satt zu erfreuen.
Ausgeraufte Haare des Pferdeschweifs
Ich lenke wieder ein. Welche Macht hat stein- und eichenharte rohe Menschen ins gesellschaftliche Leben vereint? Die Schmeicheley. Sie wird durch die Leyer des Amphion und des Orpheus angedeutet. Was hat das römische Volk, da es unter sich aufs äusserste zerfallen war, wieder einträchtig gemacht? Wars eine philosophische Rede? nichts weniger: es war die lächerliche und kindische Fabel von dem Bauche und den übrigen Gliedern. Ein gleichesWunder that Themistokles durch die Fabel von dem Fuchsen und dem Igel. Welche Rede eines Weisen hätte so vieles vermocht, als jenes erdichtete Rehe des Sertorius? als die beiden Hunde jenes lacedämonischen Gesetzgebers? als die lächerliche Erdichtung von den ausgeraufenen Haaren des Pferdeschweifes? Um nichts von dem Minus zu reden, und von dem Numa, welche den närrischen Pöbel durch fabelhafte Erfindungen nach ihrem Willen lenkten: durch solche Possen läßt sich dieses grosse und mächtige Thier, etwas aufbinden.
Geschenke an den Pöbel
Welche Stadt hat jemals die Gesetze und Aussprüche eines Plato, Aristoteles, Sokrates, angenommen? was hat die Decier beredet, sich von freyen Stücken den unterirdischen Göttern aufzuopfern? was hat den Quintus Curtius in die Grube gezogen? was anders, als die eitele Ruhmsucht, eine sanft-lockende Sirene, die von jenen Weisen so sehr verabscheuet wird? was kann närrischer seyn, sprechen sie, als daß der, welcher sich um ein Amt bewirbt, im weissen Röckchen demüthig dem Pöbel schmeichelt? daß man sich die Gunst desselben durch ein Korngeschenk erkauft? dem Händeklatschenso vieler Narren nachjagt? im Zujauchzen desselben seine Wonne findet? im Triumphe sich von ihm gleich einer Bildsäule angaffen läßt? in Erzt gegossen auf dem Markte steht? andre Namen und Beynamen annimmt? einem menschlichen Taugenichts göttliche Ehre erweißt? mit öffentlichem Gepränge tyrannische Schandbuben in die Classe der Götter erhebt? O gewiß, Narrheit ist dieses, zu deren verdienten Belachung ein einziger Demokritus nicht zureichend wäre! Wer leugnet es? Und doch ists die Quelle großer Heldenthaten, die von Rednern bis in den Himmel erhoben werden.
Das Leben ein Narrenspiel
Narrheit zeugt Städte, Reiche, Obrigkeiten, Religionen, Raths- und Gerichtsversammlungen; und das menschliche Leben ist blos ein Narrenspiel. Wenn die Rede von Künsten und Wissenschaften ist: was hat die Menschen aufgemuntert, so herrliche Dinge (wie man sie dafür auszuposaunen pflegt) zu ersinnen, und auf die Nachwelt zu bringen? war es nicht die Ruhmsucht? In so vielen durchwachten Nächten, unter so vielem Schweisse, haben sie, die Erznarren, sich, ich weiß nicht, was für einendurch und durch unnützen Ruhm ausgehecket. Indessen haben Sie, meine Herren, der Narrheit bereits so viele herrliche Bequemlichkeiten des Lebens zu verdanken; und, was dabey noch weit das angenehmste ist, Sie machen sich der Narrheit Anderer zu Nutzen.
Nachdem ich also das Lob meiner Stärke und meines Fleisses befestigt habe, wird es schicklich seyn, daß ich auch meiner Klugheit das gleiche Recht widerfahren lasse. So willt du dann (ruft mir, wie mich deucht, jemand entgegen) Feuer und Wasser zusammen paaren? Auch dieses hoff ich zu Stande zu bringen, wenn man nur fortfahren wird, achtsam aufzuhorchen.
Ists nicht Klugheit, wenn man sich die Dinge zu Nutzen macht? Nun, welches wird wohl der kluge Mann seyn? der Weise? der zu schamhaft oder zu furchtsam ist, sich an eine Sache zu wagen; oder der Narr, den weder Scham, die er nicht hat, noch Gefahr, die er nicht erwägt, von irgend einer Unternehmung abschreckt? Der Weise nimmt seine Zuflucht zu verschimmelten Büchern, und füllt sich daraus den Kopf mit schalen Spitzfindigkeiten;der Narr, der sich hurtig an die Sache selbst macht, sammelt sich daraus, wenn ich mich nicht gröblich irre, ächte Klugheit. Es scheint auch Homer, so blind er war, habe dieses eingesehen, da er sagt: „Bey der That gelangt der Narr zur Einsicht.“ Wo es um Einsicht der Dinge zu thun ist, muß man zween Steinen des Anstossens ausweichen: die Schamhaftigkeit, die den Geist benebelt; und die Furcht, welche durch Vorspieglung der Gefahr, Unthätigkeit einpfropft. Großmüthig scheucht die Narrheit diese Popanzen weg. Wenige Sterbliche sehen es ein, wie bald der unverschämte Waghals sein Glück machen könne.
Gefällt Ihnen, meine Herren, jene Klugheit besser, die in Beurtheilung der Dinge besteht? Hören Sie doch einmal, welch eine seltsame Sache es um diese Klugheit derer sey, die sie in ihrer Weisheitsbude feil bieten!
Erstlich ist bekannt, daß alle menschliche Dinge, gleich den Silenen des Alcibiades, von innen ein anderes Gesicht haben, als von aussen: man sieht den Tod, und findet das Leben; man sieht das Leben, und findet den Tod; das schöne ist häßlich, das reiche arm,das schändliche herrlich, das gelehrte ungelehrt, das starke schwach, das edle unedel, das fröliche traurig, das glückliche unglücklich, das freundliche unfreundlich, das heilsame schädlich; kurz, öffne den Silen, so wirst alles verkehrt finden. Rede ich aber nicht einigen zu philosophisch? Gut! ich wills ganz plump heraus sagen.
Einen König stellt man sich als einen reichen und mächtigen Herrn vor; wenn aber nichts Gutes in seiner Seele ist, und er sich an nichts sättigen kann, so ist er gewiß blutarm; und wenn er sich vielen Lastern ergeben hat, so ist er ein schnöder Sclave. Also ließ es sich über alles und jedes philosophiren; wir haben aber mehrere Beyspiele nicht nöthig.
Wozu soll alles dieses dienen? — Man hör es! Wenn jemand sich unterstünde, den Schauspielern ihre Larven wegzunehmen, und den Zuschauern die wahren und natürlichen Gesichter zu zeigen: würde dieser Unbesonnene nicht das ganze Spiel verderben? würde er nicht verdienen, daß man ihn als einen Rasenden mit Steinen von der Bühne wegtreibe? Indessen würde sich alles in einer neuen Gestaltgezeigt haben: das Weib als einen Mann, der Jüngling als einen Greisen, der König als einen Bettler, Jupiter als ein Menschengesicht. Wenn man den Irrthum wegnimmt, so setzt man alles in Verwirrung; die Verstellung muß die Augen der Zuschauer bezaubern. Nun, was ist das ganze Leben der Sterblichen anders als eine Comödie? Jeder spielt seine Rolle, eine ganz andere Person vorstellend, als er eigendlich ist, bis er von der Bühne abtreten muß; und etwann zeigt sich der nämliche Schauspieler in verschiedener Tracht: als König saß er auf dem Thron; und nachwerts tritt er im zerlumpten Sclavenkittel auf. Ja, dieses ist alles nur Schattenwerk: aber, spielt sich dann die grosse Comödie des Lebens auf eine andere Weise?
Ich stelle mir vor: ein wie vom Himmel gefallener Weiser trete plötzlich auf, und schreie: der, den man als einen grossen Herrn halbgöttlich verehre, sey nicht einmal ein Mensch, weil er sich viehisch durch seine Lüste leiten lasse; er sey nichts als ein verachtungswürdiger Sclave, weil er sich freywillig so vielen und so schändlichen Herren als einen Knecht dargebe.Er sieht jemanden, der über das Absterben seines Vaters weinet, und heißt ihn lachen, weil sein Vater endlich zu leben angefangen habe, da dieses gegenwärtige Leben nichts als ein Tod sey. Er begegnet einem Junker, der sich seiner edlen Abkunft rühmt, und betitelt ihn einen ehrlosen Bankert, weil er weit von dem Pfade der Tugend gewichen, der einigen Quelle des Adels. Auf gleichen Schlag behandelt mein Weiser jeden, der ihm aufstößt. Aber was erbeutet er anders, als daß man ihn gleich einem zum Tollhause reifen Rasenden ansieht?
Nichts ist närrischer, als eine zur Unzeit angebrachte Weisheit; nichts unkluger, als eine verkehrte Klugheit. Der beträgt sich schief, der sich nicht nach der gegenwärtigen Lage der Dinge einrichtet; nicht auf den Marktpreis achtet; sich nicht des Tischgesetzes erinnert: „Thue Bescheid, oder packe dich;“ nicht will, daß das Spiel ein Spiel sey. Der Kluge hingegen denket: da ich ein sterblicher Mensch bin, so will ich mich nicht bestreben, übermenschlich weise zu seyn; ich will mich gern nach andern Leuten einrichten, und auch etwannaus Höflichkeit einen Weg mit ihnen gehen, den ich sonst für mich nicht gehen würde. Ist eben dieses nicht Narrheit? O ja, ihr weisen Männer! doch solltet ihr mir dagegen eingestehen, dieses heisse: seine Rolle in der Welt spielen.
Uebrigens — o ihr unsterbliche Götter, soll ich reden? soll ich schweigen? Warum sollt ich es nicht frey heraus sagen, da es die pur-lautere Wahrheit ist? Vielleicht aber ists das beste, daß ich bey einer so wichtigen Sache die Musen von ihrem Helikon hinunterrufe, sie, die von den Dichtern oft um einer Schnakerey willen herabgeranzt werden. So stehet mir denn für eine Weile bey, ihr Töchter Jupiters, bis ichs bewiesen habe, jene glänzende Weisheit, die hochberühmte Burg der Glückseligkeit, werde nur denen aufgeschlossen, die sich ihr unter dem Schutze der Narrheit näheren.
Erstlich ist es eine ausgemachte Sache, daß alle Leidenschaften sich unter der Botmäßigkeit der Narrheit befinden; denn der Unterschied zwischen einem Narren und einem Weisen ist dieser: jener richtet sich nach den Leidenschaften, dieser nach der Vernunft. Daher schaffen dieStoiker alle Beunruhigungen, als so viele Seuchen, aus ihrem Weisen weg; und doch (sagen die Peripatetiker) vertreten diese Leidenschaften die Stelle der Pädadogen bey denen, die sich Mühe geben, in den Port der Weisheit einzulaufen; ja sie dienen bey allen Tugendpflichten zu Sporen und Peitschen, dadurch wir zum rechtschaffenen Betragen angetrieben werden. Doch wendet hier Seneca, der Erzstoiker, so vieles ein, als er immer auftreiben kann, um den Weisen von jeder Leidenschaft loszuhalftern. Indem er aber dieses thut, rottet er den ganzen Menschen aus, den er zu einer Art einer Gottheit umschaft, die nie gewesen ist, und nie seyn wird; oder damit ichs noch deutlicher sage, er meisselt ihn zu einem marmornen Menschenbilde, tumm, ohne Menschenverstand. O immer, ich mag es von Herzen wohl leiden; mögen sich solche Künstler ihres Weisen unbeneidet erfreuen, und mit ihm Platons Stadt oder das Gebiet der Ideen oder des Tantalus Gärten bewohnen!
Wer eilt nicht schauernd von einem solchen Menschen weg, wie von einem Ungeheuer, einem Gespenste! Alle Sinne der Natur sind nicht im Stande, einen Eindruck in ihn zumachen; er ist ohne Leidenschaften; für die Liebe, das Mitleiden, ist er so unempfindlich als ein Kieselstein, als ein Felsenstück; nichts entgeht ihm; nirgends schießt er fehl; mit Luchsenaugen durchschaut er alles; nach Richtschnur und Bleywaag beurtheilt er alles auf das pünktlichste; für nichts hat er Nachsicht; mit nichts ist er zufrieden, als mit sich; er allein ist reich, gesund, ein König, frey; er allein ist alles, aber auch blos nach seinem allerliebsten Urtheile; er, der keinen Freund begehrt, hat auch keinen; er, macht sich kein Bedenken, die Götter selbst zum Henker zu schicken; er, der alles, was in der Welt vorgeht, als Wahnsinn verdammt, und verlacht.
Nun, ein solches Thier ist der, den man uns als das Meisterstück der Weisheit anpreist. Wenn es auf die Wahrheit der Stimmen ankäme, welche Stadt würd ihn zu ihrem Bürgermeister wählen? welches Kriegsheer würde sich ihn zum Feldherrn wünschen? welcher Frau würd ein solcher Mann, welchem Wirth ein solcher Gast, welchem Bedienten ein solcher Herr, erträglich seyn? Man würde lieber mitten aus dem närrischsten Pöbel einen Narrenwählen, um Narren zu befehlen, das ist den meisten; sein Weib würd’ an ihm einen gefälligen Mann finden; seine Freunde würden sich seiner erfreuen; er würd einem Tische Ehre machen; die Gesellschaft würd ihm das Lob beylegen: er führe sich durchgehends als Mensch auf. Aber schon lange fühl ich einen Ekel, so viele Worte an Weisen Leuten zu verlieren. Ich sehe mich nach andern Gegenständen um.
Bilden Sie sich ein, meine Herren, daß Sie auf jener Hochwarte stehen, auf welche die Dichter den Jupiter hingepflanzt haben. Sehen Sie allen den Jammer, mit dem sich des Menschenleben zu erkämpfen hat. Elend, garstig, steht es um seine Geburt; um die Auferziehung ists Holzhackersarbeit; tausenderley Gefahren belagern seine Kindheit; durch die jugendlichen Jahre muß er sich hindurchschwitzen; ihn beugt die Last des Alters; und der Tod ist ihm ein verdrüßlicher Bothe. Mit ganzen Heeren von Krankheiten ist er umgeben; unzählbaren Zufällen ist er blosgesetzt; Widrigkeiten von allen Arten; bald alles, das er genießt, ist mit Galle verdorben. Ich möchte nicht einmal von dem vielen Uebel reden, das die Menschen sich einanderselbst zuziehen: Armuth, Gefängniß, Schande, Schmach, Streithändel, Betrügereyen. O lieber wollt ich die Sandkörner am Meere zählen!
Durch welche Verbrechen haben die Menschen sich solche Strafen zugezogen? welcher Gott hat sie in seinem Zorne verdammt, unter solchen Jammer gebohren zu werden? Nein, meine Herren, noch ist es mir nicht verstattet, Ihnen hierüber Nachricht zu ertheilen. Wer aber diese Dinge genau durchdenkt, wird er nicht dem erbarmungswürdigen Entschlusse der Milesischen Töchter seinen Beyfall gewähren? Welches aber sind die berühmtesten von denen, die, ihres Lebens überdrüssig, dem Tod entgegengeeilt sind? Waren es nicht die Benachbarten der Weisheit? Unter diesen (um jetzt eines Diogenes, Xenokrates, Cato, Cassius, Brutus, nicht zu gedenken) war jener Chiron, dem die Wahl gegeben worden, unsterblich zu seyn, und der den Tod wählte.
Man sieht leicht, was daraus entstehen würde, wenn alle Menschen Weise wären: man würde sich um neuen Leimen, und um einen andern schöpferischen Prometheus, umsehenmüssen. Ich aber, die ich mich schicklich der Unwissenheit oder Unbedachtsamkeit der Menschen zu bedienen weiß, etwann sie das Uebel vergessen mache, Hoffnung auf Gutes einstreue, oder auch etwas von süsser Wollust einmische, komme diesem grossen Unfuge zu Hülfe; so daß die Leute auch dennoch nicht das Leben müde sind, wenn die Parzen bereits abgesponnen haben, und das Leben seit langem mit dem Abschiednehmen den Anfang gemacht hat; je weniger Ursache sie haben, im Leben zu bleiben, desto tiefer sind sie in das Leben verliebt; desto weiter entfernt, seiner überdrüssig zu werden.
Mir hat man es zu verdanken, daß man hin und wieder Greisen sieht, alt wie Nestor, die zwar bald nicht mehr Menschen gleich sehen, stammeln, aberwitzig sind, grau, zahn-, haarlos, gebücket, runzlicht, stinkend, lendenlahm, aber sich des Lebens doch so sehr freuen, noch so kindisch tändeln, daß der Eine sein graues Haarnest schwarz färbt, und der Andere seine Glatze unter falsches Haar versteckt; dieser sich solcher Zähne bedient, die er einem seiner Anverwandten aus dem Schweinstalle abgeborgthat; jener in ein Mädchen so jämmerlich verliebt ist, daß kein junger Laffe den Narren so weit treiben könnte. Daß ein Steinalter, der an der Grube herumkriecht, und zur Todtenbaar vorbereitet ist, ein junges Töchterchen, das blutarm ist, und Andern zu Diensten stehen wird, zur Ehe nehme, ist etwas so wenig ungewöhnliches, daß es zur rühmlichen Mode geworden.
Noch herzbrechender ists, wenn man ein altes Mütterchen sieht, die schon lange dem Tod entgegengelebt hat, und so geripphaft aussieht, daß man meynen sollte, sie komme gerad aus dem Reiche der Todten zurück, aber das Lob des Lebens noch immer herausstreicht, und einen armen Phaon reichlich bezahlt, um ihr durch seine geheimen Künste die Lebensliebe fleißig einzupropfen: an Schminke läßt sies nicht fehlen, ihr Gesicht zu verstecken; vom Spiegel ist sie nicht wegzubringen; sie erarbeitet sich, was an ihrem Leibe das Alter verräth, bestmöglichst auszureuten; da steht sie leider im allzutief ausgeschnittenen Wamste; in ein verliebtes Liedchen brummt ihr kollernde Stimme; da sitzt sie beym Gesundheittrinken;mischt sich unter die tanzenden Reigen der Mächden; krazet Liebesbriefe. Freylich rufen die lachenden Spötter, hier die Wahrheit, daß es alles erznärrisch sey; aber inzwischen gefällt sie sich selbst, schwimmt in einem Wollustsmeere, und, Dank hat sie mir, ist beglückt.
Ja freylich, lächerlich machen sich diese Leute. Ihr aber, die ihr diese weise Anmerkung ausgebrütet habt, überleget es reiflich: ists nicht besser, bey einer solchen Narrheit wonnevoll leben, als verzweiflungsvoll sich nach einem Balken, Nagel, und Strick umsehen? Daß der Pöbel dergleichen Dinge für schändlich halte, das macht meinen Narren keinen Kummer: sie fühlen dieses Uebel nicht; oder, wenn sie es fühlen, so achten sie es wenig. Wenn ein Stein ihnen auf den Kopf fiele, ja, dann würden sie das Uebel fühlen; aber Scham, Schande, Schimpf, Schmähungen, sind nur da schädlich, wo man sie als schädlich ansieht; Fühllosigkeit setzt über das Uebel hinaus. Wenn gleich das ganze Volk dich auszischt, so bleibst du doch unverletzt, so lange du dir selbst Beyfall zuklatschest; und diese Kunst lernt sich blos in der Schule der Narrheit. Eben dieses (krächzenmir Philosophen entgegen) ist ein Elend, wenn man in den Stricken der Narrheit als ein Tummkopf umherirrt. O nein, eben das heißt, ein Mensch seyn; und anbey, was plaudert ihr hier vom Elendseyn; seyd ihr nicht selbst gerade so gebohren, unterrichtet, auferzogen? ists nicht das gemeine Loos allen Menschen?
Nichts ist elend, das sich in seinem natürlichen Zustande befindet; sonst müßte man das Loos des Menschen beweinen, der nicht mit den Vögeln fliegen, nicht mit dem übrigen Viehe auf vier Füssen laufen, sich nicht mit den Hörnern ochsenmäßig vertheidigen kann. Mit gleichem Rechte müßte man das schönste Pferd unglücklich nennen, weil es nicht in der Grammatik unterrichtet worden, und man es nicht mit Pasteten bewirthet; elend würd es um den Ochsen stehen, weil er nicht auf den Fechtboden gegangen ist. Wie demnach das ungrammatikalische Pferd nicht unglücklich ist, so ists auch der närrische Mensch nicht: beide befinden sich ja in ihrem natürlichen Zustande.
Der Mensch (erwiedern die verdrehten Feinschwätzer) hat das besondere Vorrecht, sich inWissenschaften umzusehen, und vermittelst derselben kann er durch Scharfsinn das erlangen, das die Natur ihm versagt hat. O wo bleibt die Wahrscheinlichkeit? Die Natur, die bey Mücken, beym Grase, bey Blumen, so wachsam war, schlummerte gewiß, da die Reihe an den Menschen kam, nicht so ein, daß sie jene Wissenschaft hätte zu Hilfe rufen müssen, die Theut, der dem Menschengeschlecht so abholde Genius, zum Verderben derselben ausgesonnen hat, indem sie nicht nur zur Glückseligkeit des Menschen nichts beytragen, sondern derselben sogar sehr hinderlich sind; wie beym Plato der scharfsichtige König Thamus, in Absicht auf die Erfindung der Buchstaben, sehr richtig bemerkt hat.
Wissenschaften schlichen sich gleich den übrigen ansteckenden Seuchen des menschlichen Lebens in der Welt ein; sie hatten eben die Erfindung, von denen alle Schandthaten herkommen, nämlich die Dämonen, das ist, Vielwisser. Die Menschen lebten in den ersten goldenen Zeiten ohne Wissenschaften, und folgten blos dem Naturtrieb. Wozu hätte die Grammatik dienen sollen, da man nur eine Spracheredte, und dabey keinen andern Zweck hatte, als einander zu verstehen? Unnütz waren die Redner, weil niemand den Andern vor Gerichte zog. Gesetzverständige würden müssige Leute da gewesen seyn, wo man nichts von Sittenverderbniß wußte, dieser Quelle guter Gesetze. Zu fromm war man, als daß man, mit ruchloser Neugier, den Geheimnissen der Natur, dem Maaße, den Bewegungen, und den Wirkungen der Gestirne, und den verborgenen Ursachen der Dinge, nachgespührt hätte; man würd es für ein strafwürdiges Verbrechen gehalten haben, wenn ein sterblicher Mensch über seine Gränze hinaus nach Weisheit gefrefelt hätte; nachzuforschen, was sich über dem Himmel hinausbefinde — o ein solcher Wahnsinn wäre damals niemanden zu Sinne gekommen!
Nach und nach verlohr sich die Reinigkeit des goldenen Zeitalters. Schadenfrohe Geister (wie gesagt) erfanden Künste, wenige noch, und von wenigen angenommen. Der Aberglaube der Chaldäer und der Griechen schwindlichter Leichtsinn erfanden nachwärts eine Menge ächte Geistesplagen; schon die Grammatikfür sich wäre zureichend, den Menschen sein ganzes Leben hindurch auf der Folterbank zu martern. Unter diesen Künsten und Wissenschaften hält man die für die schätzbarsten, die mit dem gemeinen Menschenverstande, das ist, mit der Narrheit, am besten übereinstimmen. Die Theologen fressen sich vor Hunger Nägel weg; die halberfrohernen Naturforscher hauchen sich in die Finger; über Astrologen lacht man; Vernunftlehrer läßt man nach dem Winde haschen; aber vor dem Arzte sieht man alles die Segel streichen; je ungelehrter, verwägener, unbedachtsamer er ist, desto höher ist er bey Fürsten und reichen Leuten angeschrieben. Die Arzeneykunst, wie sie heut zu Tage von vielen getrieben wird, ist geschwätzige Fuchsschwänzerey.
Nach diesen kommen die Gesetzkünstler. Vielleicht hätte ich ihnen den ersten Platz einräumen sollen. Sie betreiben, wenn man doch der ganzen Zunft der höhnischen Philosophen Glauben zustellen will (denn in den Handel möcht ich mich nicht mengen) einen Eselsberuf. Und doch richtet sich alles, grosses und kleines, nach dem Gutdünken dieser Esel; ihnen fallen grosse Landgüterzu, alldieweil der Theolog, der alle Schränke der Gottesgelehrtheit durchstänkert hat, an harten Bohnen sich müde beißt, und sich mit Wanzen und Läusen erfechten muß.
Ja, je näher eine Kunst mit der Narrheit in Verwandtschaft steht, desto mehr hat man sich von ihr zu versprechen. Die Beglücktesten sind also die, denen es vergönnet ist, mit keiner der Wissenschaften Verkehr zu haben, und blos der Natur zu folgen, die nie auf Abwege verleitet, so lange man nicht die Schranken, die den Sterblichen gesetzt sind, überspringen will. Die Natur verabscheut jede Schminke; lustig wächst das hervor, das durch keine Kunst verdorben worden.
Sehen Sie nicht, meine Herren, daß es um alle übrigen Thiere herrlich steht, die von Wissenschaften keinen Begriff, und blos die Natur zur Hofmeisterinn haben? Was ist glücklicher, wunderbarer, als die Bienen? Bey wenigen körperlichen Sinnen erweisen sie sich als unvergleichliche Baumeister; noch kein Philosoph hat gleich ihnen eine Republik errichtet. Das Pferd, dessen Sinne etwas Gemeines mit den menschlichen haben, und das sich verleitenließ, zum Hausgenossen des Menschen zu werden, mußte Antheil an den menschlichen Jammer nehmen: denn nicht selten, wenn es sich in dem Weltlaufe schämt, überwunden zu werden, läuft es sich bauchschlägig aus dem Athem; und wenn es sich in der Schlacht um den Triumph erkämpft, wird es durchbohrt, und muß mit samt dem Reuter in den Staub beissen. Und noch hab ich nichts von rauchen Gebißen und Zähnen gesagt, scharfen Sporen, Stallkerker, Peitschen, Banden, Halftern, schwerem Reuter, kurz, allen den jämmerlichen Folgen der Knechtschaft, denen es sich von freyen Stücken überließ, weil es heldensüchtig (grossen Kriegern nachahmend) dieses für das beste (aber freylich hoch zu stehen gekommene) Mittel hielt, den Hirschen, welchen es nicht leiden konnte, von der Weide zu treiben. O wie weit glücklicher ist das Leben der Mücken und Vögel, die dem blosen Naturtriebe folgen, und nichts als die menschliche Arglist zu fürchten haben! Wenn die Vögel eingebauret, sich von Menschen im Pfeifen und Schwatzen unterrichten lassen, o wie bald ist nicht ihre natürliche Munterkeit entartet! In allwege wird dasWerk der Natur durch die Schminke der Kunst geschändet.
Alles mein Lob übersteigt jener pythagorische Hahn. Er war alles: Philosoph, Mann, Weib, König, Unterthan, Fisch, Pferd, Frosch, und wie ich glaube, sogar auch Pfifferling; nach seinem Ausspruche ist der Mensch das elendeste unter allen Thieren, weil er allein (da alle übrigen mit den Schranken, darein die Natur sie gesetzt hat, herrlich zufrieden sind) sich inner seinen Gränzen nicht halten will; auch zieht er unter den Menschen einen Tummkopf dem Gelehrten und Mächtigen weit vor. Auch Gryllus war ungemein viel weiser, als der verschmitzte Ulysses, weil er lieber im Stalle grunzen, als mit diesem, ich weiß nicht, wie manches gefährliche Abentheuer aufsuchen wollte. In dieser Meynung scheint mir auch Homer gewesen zu seyn, der Vater schnakichter Fabeln: oft nennt er die Menschen überhaupt arbeitselige Tropfen; und besonders betitelt er den Ulisses, den er als ein Muster eines weisen Mannes aufstellt, den Elenden und Unglücklichen; Titel, mit welchen er nie einen Paris, Ajax, Achilles, beehrt. Und warum? weil jenerKrübler sich in allem nach dem Rathe der Pallas richtete, und zu weise war, sich vom Naturweg zu weit entfernend.
Ja, unter den Sterblichen weichen keine von der Glückseligkeit weiter ab, als die, welche sich mit der Weisheit abgeben: zu Menschen sind sie gebohren, die Tollköpfe vergessen aber ihres Standes; wollen gleich den unsterblichen Göttern leben; kündigen, nach dem Beyspiele der Himmelsstürmer, mit Wissenschaftswaffen versehen, der Natur den Krieg an. Hingegen wird wohl das Elend derer das kleinste seyn, die an Gesinnung und Narrheit den Thieren am nächsten kommen und sich an nichts wagen, das dem Menschen zu schwer seyn muß. Wir wollen doch sehen, ob wir dieses nicht, ohne stoische Künsteley, in einem handgreiflichen Beispiele, an den Tag legen können. Nun (ich nehme hierüber die unsterblichen Götter zu Schiedsrichtern): kann was glücklichers seyn, als der Zustand jener, die man Schalksnarren nennet, Stocknarren, hirnlose Krautsköpfe, oder was dergleichen Beynahmen sonst seyn mögen, die ich für die schönsten Ehrentitel erkenne? Ich will etwas sagen, das dem ersten Anscheinnach närrisch und abgeschmackt ist, sich aber als die Wahrheit selbst anpreist.
Meine gepriesenen Helden wissen erstlich nichts von Todesfurcht, einer Sache, die (beym Jupiter will ichs beschwören) kein kleines Uebel ist. Sie wissen nichts von der Folterbande des Gewissens. Die Fabeln von Erscheinung unterirdischer Geister jagen ihnen keinen Schrecken ein. Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern und Poldergeistern. Weder kommendes Unglück, noch zauderndes Glück, macht ihnen den Kopf toll. Kurz, tausenderley Sorgen, denen dieses Leben blosgesetzt ist, nagen nicht an ihrem Herzen. Scham, Scheu, Ehrfurcht, Neid, Liebe, machen keinen Eindruck auf sie. Selbst die Theologen werden sagen, je näher man dem Unverstande vernunftloser Thiere komme, desto weniger sündige man.
Nun erwäg es einmal bey dir selbst, närrischer Weiser! mit tausenderley Geistesgrame marterst du dich Tag und Nacht; trag alle Beschwerden deines Lebens wie in einen Haufen zusammen; sieh dann, wie von manchem Uebel ich meine Tummköpfe sicher gestellt habe. Immer sind sie fröhlich; spielen, singen, lachen;wo sie hinkommen, theilen sie jedermann Wonne mit; alles scherzt, spielt, lacht mit ihnen. Ists nicht gerade so, als ob die huldreichen Götter sie aus keiner andern Ursache in die Welt gesetzt hätten, als um das Düstere des menschlichen Lebens aufzuhellen? der Schwermuth zum Gegengifte zu dienen? Sie (da sonst jeder nur gewisse Leute begünstigt) erwerben sich jedermanns Zuneigung; allerorten werden sie gesucht, gespeiset; man schmeichelt ihnen; eilt ihnen, wenn sie sich in Gefahr befinden, zu Hülfe; ungestraft läßt man sie alles sagen und thun; niemand trachtet ihnen zu schaden; selbst die Thiere, wie ihre Unschuld fühlend, gehen ihnen aus dem Wege. Sie sind wie den Göttern geheiligt, und besonders mir; mit Recht allso hält jedermann sie in Ehren.
Fürst und Narr
Fürsten und Königen sind sie vorzüglich lieb und werth; so, daß einige derselben ohne sie nicht essen, nirgends hingehen, nicht eine Stunde ausdauern können; ja sie ziehen sie ihren Weisen und sauern Räthen, derer sie doch auch einige Ehrenthalben mit Speise und Lohn versehen, weit vor. Und warum thun sie es? DieUrsache ist leicht gefunden, und eben so wunderbar nicht: diese Weisen tischen den Fürsten nur traurige Dinge auf; sich auf ihre Gelehrtheit verlassend, scheuen sie sich etwann nicht, zarte Ohren mit der beissenden Wahrheit zu martern; die Narren hingegen bringen anders nichts zu Markte, als Dinge, dadurch die Fürsten sich weit sicherer als durch irgend was anders das Herz abstehlen lassen: Scherz, Schwänke, die das wonnevollste Lachen zeugen.
Man bemerke auch diese grosse Gabe der Narren: nur durch sie hört man die pur lautere Wahrheit. Nun, was ist lobenswürdiger, als die Wahrheit? Wenn man dem Alcibiades beym Plato glauben will, so reden Wein und Kinder die Wahrheit; wirklich aber gehört dieses Lob mir ganz zu. Euripides sah es wohl ein, da er sagte, Narren reden närrisch. Was der Narr im Herzen hat, kann man auf seinem Gesichte lesen, und in seinen Reden hören. Die Weisen hingegen haben zwo Zungen (wie eben dieser Euripides bemerkt) mit der einen reden sie die Wahrheit, und mit der andern so, wie es Zeit und Umstände erheischen; das schwarze machen sie weiß; aus demselben Munde kömmtkalt und warm; und sie reden nicht frey von der Brust weg.
Fürsten mögen auch so glücklich seyn, so halt ich sie doch darinn für höchst unglücklich, daß sie niemanden haben, von dem sie die Wahrheit hören könnten, und gezwungen sind, sich Schmeichler statt Freunden zu wählen. Aber (heißt es etwann) den Ohren der Fürsten eckelt von der Wahrheit; deßwegen scheuchen sie jene Weisen von sich weg; sie fürchten, ein Freymaul möcht auftreten, um ihnen ihre Freuden durch die bittere Wahrheit zu verderben. O ja, so verhält sich die Sache; Könige mögen die Wahrheit nicht wohl leiden. Aber, hierüber thun meine Narren sich hervor: aus ihrem Munde hört man nicht nur die Wahrheit, sondern sogar auch die offenbarsten Schmähungen, mit Vergnügen an; Dinge, die dem Weisen, wenn er sie hervorgebracht hätte, den Hals würden gebrochen haben. O um die Wahrheit ist es etwas vortrefliches! sie belustigt, wenn nichts Beleidigendes eingemischt ist: aber das ist auch eine Gabe, die von den Göttern nur den Narren zugetheilt worden.
Weiber, die von der Natur einen Hang zumVergnügen und zu lustigen Zeitvertreiben haben, pflegen sich, bald aus den nämlichen Ursachen, an diese Art von Menschen zu halten. O wer kann alles wissen, was sie mit denselben für Possen treiben; oder wie allzuernsthaft es zuweilen dabey zugeht! Nein, nein, alles ist nur Scherz, nur Spiel gewesen. Ja, das schöne Geschlecht versteht die Kunst aus dem Grunde, jeden Schritt und Tritt auf das sinnreichste zu beschönen.
Wir kommen wieder auf die Glückseligkeit der Narren. Nachdem sie ihr Leben fröhlich durchgebracht haben, ohne Furcht und Gefühl des Todes, wandern sie gerades Wegs nach den elysischen Feldern, um ihre frommen und sorgenlosen Seelen an den Zeitvertreiben derselben Theil nehmen zu lassen.
Kommen Sie nun, meine Herren, um das Loos eines Weisen, welchen Sie immer wollen, mit dem Loose dieses Narren zu vergleichen. Stellen sie sich ein rechtes Muster der Weisheit vor, einen Menschen, der seine Knaben- und Jünglingsjahre bey Erlernung der Wissenschaften durchgebracht, und den holdesten Theil des Lebens an schlaflose Nächte, Sorgenund Schweiß verschwendet hat; auch sein ganzes übriges Leben hindurch erlaubt er sich nicht, einen Bissen von Wollust zu kosten; immer ist er filzig, arm, traurig, störrisch, feindselig und hart gegen sich, andern verhaßt und unerträglich, blaß, mager, kränkelnd, triefäugig, abgemärkelt, vor der Zeit grau, und aus diesem Leben wegeilend. Doch was liegt daran, wann ein solcher sterbe, der eigentlich nie gelebt hat? Wie gefällt Ihnen, meine Herren, dieses Bild des Weisen? verdient er nicht, daß man sich sterblich in ihn verliebe?
Schon betäubt mich wieder das Widerbefzen des stoischen Froschengequäkes. „Wahnsinnig seyn (schreien sie) ist ja das elendeste Ding von der Welt; nun kömmt die wirkliche Narrheit dem Wahnsinn sehr nahe, wenn sie je nicht der Wahnsinn selbst ist; denn was heißt wahnsinnig seyn anders, als, nicht bey Verstande seyn?“ Aber, dieses heißt wohl recht fehlgeschossen. Dieses Schlußgeplauder wollen wir, unter dem Beystande der Musen, bald verdunstet sehen. Haben die Mückenfänger nie gelesen, wie Sokrates beym Plato zwischen Venus und Venus und zwischen Cupido undCupido, einen Unterschied macht? also hätten auch sie Wahnsinn von Wahnsinn unterschieden, wenn es ihnen darum zu thun wäre, nicht selbst für wahnsinnig gehalten zu werden. Nicht jeder Wahnsinn ist etwas schädliches und schimpfliches; sonst würde Horaz nicht von einem liebenswürdigen reden; Plato hätte nicht die Wuth der Dichter, der Wahrsager, und Verliebten, zu dem gerechnet, das zum Wohlseyn des menschlichen Lebens das meiste beyträgt; und jene Wahrsagerinn beym Virgil scheut sich nicht, dem arbeitsamen Aeneas einen gewissen wahnsinnigen Fleiß zuzuschreiben.
Es giebt also zwo Arten des Wahnsinnes: die Eine kömmt aus der Hölle von den grausamstrafenden Furien; sie senden etwann ihre Schlangenbrut, den wütenden Kriegsdurst, die unersättliche Goldbegierde, die verruchteste und abscheulichste Lüsternheit, Vatermord, Blutschande, oder irgend eine Pest von dieser Art, in die Brust der Sterblichen, wenn sie das sich einer Verschuldung bewußte Gemüth mit ihren Schrecknissen martern wollen. Die andere Art des Wahnsinns ist von einer ganz verschiedenenNatur; sie kömmt von mir, und für die Menschen könnte nichts wünschenswürdiger seyn. Dieses ereignet sich, wenn ein gewisser glücklicher Irrthum des Verstandes das Gemüth von ängstlichen Sorgen befreyt und es mit vielerlei Wollust segnet. Cicero schrieb an den Atticus, er wünsche sich von den Göttern eine solche Verstandslosigkeit und würde sie als ein grosses Geschenke ansehen, weil er dann bey allen seinen Verdrüßlichkeiten fühllos seyn würde.
Jener Argiver befand sich dabey sehr wohl. In seinem Wahnsinne saß er ganze Tage hindurch einzig auf dem Schauplatze, lachte, klatschte Beyfall, war ganz Freude, in dem Wahne, er sehe die Vorstellung eines herrlichen Schauspiels; und es war doch alles nichts an der Sache; alle übrigen Lebenspflichten befolgt er auf das beste; „fröhlich war er bey seinen Freunden, die ihn liebten; artig betrug er sich gegen seine Frau: seinen Knechten konnt er durch die Finger sehen, und er überließ sich dem Zorne nicht, wenn gleich einer derselben sich an einer Flasche vergriffen hatte.“ Seine Anverwandten veranstalteten es, daß seineKrankheit durch dienliche Arzeneymittel gehoben ward. Da er wieder ganz zu sich selbst gekommen war, hudelte er seine Freunde also aus: „Beym Henker! ihr, meine Freunde, habt mich umgebracht; habt mir nicht geholfen; mich meines Vergnügens beraubt; mich mit Gewalt dem mich beglückenden Irrthum entzogen.“ Er hatte recht; sie schossen fehl, und waren der Nießwurze mehr als er benöthigt; sie, die auf den unglücklichen Einfall gerathen, einen so glücklichen und erfreulichen Wahnsinn, als ob er eine Krankheit gewesen wäre, durch Ausführungsmittel abzutreiben.
Ich habe es noch nicht entschieden, ob man durch den Irrthum der Sinne, oder den Irrthum des Verstandes, zum Wahnsinnigen werde. Wenn ein Blödsichtiger ein Maulthier für einen Esel ansieht, oder jemand ein armseliges Gereime als ein gelehrtes Gedicht bewundert, so muß man ihn nicht sogleich für wahnsinnig halten. Wenn aber jemand sich nicht nur durch die Sinne, sondern auch die Einbildungskraft, täuschen läßt, und zwar auf eine ganz ungewöhnliche Weise und immer, so muß man ihn für einen Nachbar des Wahnsinnserkennen; wie wenn er so oft er einen Esel schreien hört, sich einbildet, er höre vortreffliche Sänger; oder wenn er, ein blutarmer Schlucker, sich in den Kopf gesetzt hat, er sey der lydische König Crösus. Wenn diese Art von Narrheit (und bald allemal thut sie es) einen Hang zur Wollust hat, so zeugt sie kein geringes Vergnügen; so wohl bey denen, die damit behaftet sind, als auch bey denen, die ihn bemerken und doch davon nicht angesteckt sind. Und diese Art von Wahnsinne erstreckt sich weiter, als man gemeiniglich dafür hält. Auch lacht ein Wahnsinniger über den Andern, und jeder teilt dem Andern etwas von seiner Wonne mit. Nicht selten lacht der grössere Narr weit heftiger über den kleinen, als dieser über jenen.
Hören Sie, meine Herren, hierüber den Ausspruch der Narrheit: Auf wie mehrere Arten des Wahnsinns der Mensch verfällt, um so viel glücklicher ist er; wenn er dabey nur in dem von mir bezeichneten Gleise bleibt. Doch hat man sich hierüber um so viel weniger zu beklagen, da dasselbe so ausgedehnt ist, daß ich wirklich nicht weiß, ob sich unterallen Sterblichen ein einziger finden lasse, der immer weise ist, und sich von aller und jeder Art des Wahnsinns frey befindet.
Nur ist hiebey dieses zu bemerken: Wer einen Kürbiß sieht, und ihn für ein Frauenzimmer hält, wird wahnsinnig genennt; und zwar darum, weil nur wenige in diesen Zustand gerathen. Wenn aber jemand schwört, seine Frau, die er mit vielen gemein hat, sey keuscher als Penelope, und sich hierüber, in seinem glücklichen Irrthume, was rechtes zu gute thut, so muß niemand ihn wahnsinnig nennen. Warum? weil man ja sieht, daß dieses das gemeine Schicksal der guten Männer ist.
In die gleiche Classe gehören die, welche alles verachten, das nicht Jagd ist; und behaupten, sie empfinden in sich eine unbeschreibliche Wollust, so oft sie das heulende Gebrülle der Hörner und Hunde hören. Haben sie nicht etwann auch ihre Geruchskräfte so verfeinert, daß es ihnen deucht, der Hundsstall sey mit Zibeth durchduftet. Welches süsse Vergnügen, wenn es um die Zerreissung des Wildes zu thun ist! Bey Ochsen, Hämmeln, überläßt man diese Arbeit dem niedern Pöbel; hier darfnur der Junker Hand anlegen; mit entblößtem Haupte, gebogenen Knien, dem dazu gewiedmeten Waidemesser (sich hier eines gemeinen bedienen, würde strafwürdiges Verbrechen seyn) mit gewissen Geberden, trennt er gewisse Glieder, in einer gewissen Ordnung, religionsmäßig ab. Die umherstehende Gesellschaft, tief stillschweigend, verwundert sich inzwischen darüber, wie über etwas ganz neues, ob sie gleich solchem Schauspiele mehr als tausendmal beywohnte. Wer das Glück hat, etwas von dem Thiere zu kosten, der glaubt, daß er dadurch im Adel eine Stuffe höher gestiegen sey. Und doch gewinnen sie durch das geflissene Verfolgen des Wildes, und das Essen von demselben, anders nichts, als daß sie, ein königliches Leben zu führen vermögend, bald selbst in wilde Thiere ausarten.