Jagd
Mit diesen haben jene viel ähnliches, die, durch unersättliche Bausucht hingerissen, das Runde viereckig, und das Viereckige rund machen. Sie wissen weder von Ziel noch Maaß, bis sie in die tiefe Armuth versunken, weder ein Haus noch etwas zu beissen, und brechen haben. Und bleibt ihnen denn gar nichts übrig?O ja; das Angedenken, daß sie einige Jahre in grosser Wollust verträumt haben.
Diesen kommen, meiner Einsicht nach, jene sehr nahe, die sich unterfangen, durch neue und geheime Künste, die Natur der Dinge zu ändern, und zu Wasser und Land ich weiß nicht was für einer fünften Kraft nachjagen. Diese weiden sich so königlich mit der süssen Hoffnung: daß sie weder Mühe noch Unkosten bereuen; mit wunderbarem Scharfsinn ergrübeln sie sich immer etwas neues, um sich zu täuschen und sanft einzuwiegen, bis sie von allem so entblöst sind, daß sie ihren Tigel kalt und leer müssen stehen lassen. Doch setzen sie ihre schmeichelnden Träume fort, und muntern Andere so viel möglich zu einer gleichen Wonne auf. Wenn sie endlich von aller und jeder Hoffnung verlassen sind, so schöpfen sie aus dem Sprüchgen „nach grossen Dingen gestrebt zu haben, ist Ruhms genug“ einen unvergleichlichen Trost. Und dann schmählen sie erbaulich auf die Kürze des Lebens, die so grosse Unternehmungen neidisch vereitle.
Noch steh ich im Zweifel, ob ich die Spieler für meine Zunftgenossen erkennen solle.Doch ists närrisch und lächerlich genug, zu sehen, wie Einigen, so oft sie die Würfel fallen hören, das Herz im Leibe hüpft und bebt. Wenn sie, durch die Hoffnung auf Sieg stets genarret, an der Spielklippe (kaum haben ehedem an dem lakonischen Vorgebürge Malea so viele gestrandet) Schiffbruch gelitten haben, und kümmerlich mit der Haut entronnen sind, so betrügen sie ehender sonst jedermann, als den Sieger, um ja Bidermänner zu bleiben. Was ist von jenen halbblinden Grauschädeln zu sagen, die zum Spielen ihre Augen mit Gläsern bewaffnen müssen? Von denen, welchen das gerechtigkeitliebende Chiragra die Finger gelähmt hat, die Andre bestellen, in ihrem Namen die Würfel zu werfen? Ein feiner Gespaß wär es freilich, wenn nur dieses Spiel sich nicht oft in Wuth verwandelte, und dann eine Sache für die Furien würde, nicht für mich.
Spieler
Hier aber kommen Leute meines Gelichters: Wunderdinge, teuschende Lügen, zu hören oder zu erzählen, macht ihre Freude aus. Unersättlich sind sie bei solchen Fabeleyen, wenn man von Gespenstern, Poltergeistern und tausenderleydergleichen Teufeleyen redet, die, je weiter sie sich von der Wahrheit entfernen, desto gieriger geglaubt werden, und desto nachdrücklicher die Ohren jücken machen. Und diese herrlichen Dinge dienen nicht nur zum Zeitvertreibe, sondern sind auch sehr einträglich: man frage gewisse Schwarzröcke.
Anbetung
In einer nahen Verwandschaft mit diesen stehen jene, die sich eine zwar närrische aber doch lustige Sparre in den Kopf gesetzt haben, nämlich, wer auf einen hölzernen oder gemahlten polyphemusmäßigen Christoph die Augen richte, werde selbiges Tages nicht ersäufen; oder, wer bey einer geschnitzten Barbara mit vorgeschriebenen Worten seinen Gruß abstatte, werde unbeschädigt aus der Schlacht kommen; oder, wer an gewissen Tagen, mit gewissen Wachskerzen, und gewissen kleinen Sprüchen, den Erasmus besuche, werde in kurzen reich werden. Sie haben ihren Georg, wie die Heiden ihren Herkules und Hippolytus hatten; mit Spangen und Bullen ist sein Pferd auf das andächtigste geziert; wenig fehlts, daß sie es anbeten; von Zeit zu Zeit macht man sich bey dem Ritter mit einemGeschenkchen beliebt: und, wenn man bey seiner ehernern Bickelhaube schwört, dünkt man sich was Grosses zu seyn.
Was soll ich von jenen sagen, welche sich bey erdichteten Ablaßversicherungen ihrer Verbrechen fein gütlich thun, und die Zeiträume, Jahrhunderte, Jahre, Monate, Tage, Stunden des Fegfeuers, nach der Sanduhr angeben, oder geometrisch und auf eine ganz zuverläßige Weise abmessen? Oder von jenen, die sich auf ein magisches Zedelein oder Gebetlein verlassen, das ein frommer Betrüger in einer wunderlichen oder eigennützigen Laune ausgesonnen hat, und die sich daraus ich weiß nicht was für Herrlichkeiten versprechen: Reichthümer, Ehrenstellen, Wollüste, Niedlichkeiten, stete Gesundheit, langes Leben, munteres Alter, und endlich in dem Himmel einen recht ausgezeichneten Platz, den sie doch erst so spät als möglich zu beziehen gedenken; das ist, wenn die Wollüste dieses Lebens, an die sie sich mit allen Kräften halten, ihnen doch endlich entwischen: dann wollen sie sichs gefallen lassen, an den Freuden der Himmelsbewohner Theil zu nehmen.
Bernhard und der Dämon
Mich deucht, ich sehe, wie ein Krämer, Soldat, Richter hier vermittelst eines kleinen aus seinem ganzen zusammengeraubten Vermögen genommenen Stückchen Gelds den Schandpful seines ganzen Lebens ein für allemal auszureinigen glaubt, so viele Meineide, Schandthaten, Trunkenheiten, Gezänke, Mördereyen, Teuschereyen, Treulosigkeiten, Verräthereyen: alles, denkt er, sey jetzt losgekauft, und so gut losgekauft, daß er nun auf der Lasterbahn getrost fortgehen könne.
Giebt es wohl närrischere, daß ist glücklichere Leute, als die, welche darum, weil sie täglich sieben Verse aus den Psalmen daher sagen, sich die höchste Glückseligkeit als etwas unfehlbares versprechen? Man glaubt, ein gewisser spaßhafter Dämon, der mehr prahlerisch als schlau gewesen, habe dem ihn teuschenden Bernhard diese Verse gewiesen.
Und solche Dinge, die so närrisch sind, daß ich beynahe selbst mich ihrer schäme, finden Beyfall, und zwar nicht nur bey dem Pöbel, sondern auch bey Leuten, die so vieles von Religion schwatzen, daß man bey ihnen einen ganz andern Witz vermuthen sollte.
Liesse sich hier nicht auch von dem reden, daß jede Gegend ihren besondern Schutzheiligen hat; und daß jedem Heiligen sein eigenes Geschäft, und seine eigene Verehrungsart, angewiesen ist: der eine hülft bey Zahnschmerzen; der andere springt den Gebährenden bey; ein dritter verschaft dies gestohlene wieder; ein vierter läßt den Seefahrer eine beglückte Reise machen; ein fünfter bewacht die Heerde, und so weiter, denn alles daher zu zählen, würde zu weit führen.
Es giebt Heilige, welche für sich allein vieles zu Stande bringen können; besonders die jungfräuliche Gottesgebährerinn, deren der gemeine Mann bald mehrers zuschreibt, als dem Sohne.
Was ist alles, das die Menschen sich von dergleichen Heiligen erbeten, anders als Thorheit? Wohlan! unter so vielen Gedächtnißtafeln, mit welchen man die Wände und Gewölber der Tempel gelübdsmäßig dick behangen findet, hat man je eine gesehen, die aus Dankbarkeit von jemanden dahin verehret worden, der durch ein Wunder der Narrheit entflohen, oder auch nur um ein Haar weisergeworden ist? Einer hat sich glücklich durch Schwimmen gerettet; ein Anderer ward durch den hohlen Leib gestochen, und ist noch bey Leben; ein Anderer ist, indem die übrigen fochten, glücklich und tapfer durch die Flucht entronnen; ein Anderer kam an den Galgen, durch Kraft eines die Diebe begünstigenden Heiligen zerriß der Strick, und nun fährt er im Liebeswerke fort, diejenigen zu erleichtern, welche durch zu vieles Geld beschwert sind; ein Anderer durchbrach die Mauer des Kerkers, und ist in Freyheit; ein Anderer ist, zum grossen Verdrusse des Arztes, das Fieber bald losgeworden; einem Andern ward ein vergifter Trank gegeben; er verursachte aber den Tod nicht, sondern half glücklich einer Verstopfung ab; nur machts seiner guten Ehefrau wenig Freude, und sie ärgert sich über ihre vergebliche Mühe und Unkosten; ein Anderer schmiß mit dem Wagen um, ritt aber mit den Pferden gesund nach Hause; auf einen Andern fiel der Schutt einer einstürzenden Mauer, schlug ihn aber nicht todt; ein Anderer, der mit einer Frau tändelte, ward von dem Manne derselben überrascht, log sich aberdurch einen listigen Einfall los. Niemand bezeigt sich dafür dankbar, daß er von der Narrheit befreit worden.
O meine Herren! wenig Verstand haben, ist etwas so angenehmes, daß die Sterblichen sich ehender alles verbäten, als die Narrheit. Aber warum sollt ich mich auf das Meer des Aberglaubens hinauswagen? Wenn ich gleich hundert Zungen hätte, hundert Mäuler, eine eiserne Stimme, so würd ich doch nicht alle Gestalten der Thorheit entwickeln, alle Namen der Narrheit durchlaufen können. In dem Leben der Christen, ist durchgehends alles von Wahnsinn vollgepfropft; und die Herren im schwarzen Kleide begnügen sich nicht nur, es so gehen zu lassen, sondern tragen auch noch das Ihrige wacker dazu bey; wohl wissend, daß sich dabey allemal ihre Rechnung werde finden lassen.
Ein Weiser, der mir von Herzen mißfällt, wirft sich zum ungebetenen Prediger auf, und spricht so, wie die Sache an sich selbst ist: „Du wirst kein böses Ende nehmen, wenn du gut lebst; deine Sünden werden dir vergeben werden, wenn du, der du die Sache mit einemstückchen Gelds richtig machen willt, dein gethanes Böse verabscheust, weinest, wachest, betest, fastest, und dein ganzes Thun und Lassen änderst; der Heilige wird dir gewogen seyn, wenn du seinem Leben nacheiferst.“ O meine Herren! wenn dieser Weise Ihnen mit dergleichen Geplauder in den Ohren liegt, bewaffnen sie sich wohl, wenn es Ihnen um Ihre Gemüthsruhe zu thun ist.
In diese Zunft gehören auch die, welche bey guter Gesundheit pünktlich verordnen, mit welchem Gepränge ihre Leiche solle bestattet werden; sie bestimmen die Zahl der Fackeln, der Leidtragenden, der Sänger, der Lohnheuler; gerad als sie selbst noch Augenzeugen dieses Schauspieles seyn würden; oder als ob es ein Schandflecke für den Verstorbenen wäre, wenn man seinen Leichnahm nicht prächtig einscharrte; sie sind damit so beschäftigt, als ob sie, gleich den Aedilen im alten Rom, das Volk mit Schauspielen und Mahlzeiten versehen müßten.
Ob ich gleich eile, so viel mir möglich ist, so kann ich doch jene nicht übergehen, die zwar vor dem niedersten Schuflicker nichts voraus haben, und sich doch auf den blossen Titeldes Adels ich weiß nicht was Wundergrosses einbilden. Der Eine will von dem Aeneas abstammen; der Andere von dem Brutus: und ein Dritter von dem König Arthur. Sie hängen prahlerisch allerorten geschnitzt und gemahlte Bilder ihrer Ahnen auf; sie berufen sich auf derselben Namen und Beynamen, und sind selbst stummen Bildsäulen ähnlich; noch weniger werth, als die Thiere, die ihren Wappen zu Schildhaltern dienen. Doch führen sie, dank sey es ihrer holden Selbstliebe, ein ganz glückliches Leben; und an ebenso grossen Narren fehlts nicht, die diese Art von edlen Thieren für halbe Götter ansehen.
Wappentier
Warum red ich aber nur von einer oder der andern Art von Narren! die Selbstliebe zaubert ja allerorten auf tausenderley wunderbare Weise dergleichen recht glückliche Geschöpfe hervor. Etwann sieht man einen, mit dem die Natur es noch wohl gemeinet hätte, wenn er von ihr blos mit einem Affengesichte wäre begabet worden, und er deucht sich schöner zu seyn, als Nireus es beym Homer ist. Ein Anderer, so bald er vermittelst seines Zirkels zwo oder drey Linien ziehen kann, glaubt, daß er es mitdem Euklides aufnehmen könnte. Hier ist einer, der sich zur Musik so gut schickt, wie der Esel zur Harfe; doch glaubt er sich im Stande zu seyn, mit einem Hermogenes in die Wette zu singen, ob man gleich das Gekrähe des die Hänne betretenden Hahnes musikalischer findet, als sein Gekrächze.
Selbstliebe des Narren
Lustig ists, wenn man auf das Betragen einer andern Art von Wahnsinnigen acht hat: aller der Gaben und Geschicklichkeiten, die ihre Bedienten besitzen, rühmen sie sich, als ob es die ihrigen wären. Hieher gehört jener glückliche Reiche beym Seneca: wenn er ein Geschichtchen erzählen wollte, hatt er immer Knechte zur Seiten, die ihm die Namen einflüsterten; er war von einer so schwächlichen Leibesbeschaffenheit, daß es leicht gewesen wär, ihn zu Boden zu hauchen; und doch beredet er sich, im Stande zu seyn, sich in den Streit der Klopffechter zu mischen; denn er hatte ja zu Hause starke Bengels, denen er Muß und Brod gab.
Es würde sich der Mühe nicht lohnen, wenn ich viele Worte über die verlieren wollte, die von Künsten und Wissenschaften Professionmachen. Sie besitzen eine besondere Selbstliebe: ehender thun sie verzicht auf ihr ganzes väterliches Erbgütchen, als auf ein Früchtchen ihres Genies. Schauspieler, Musicanten, Redner, Poeten, lieben sich selbst um so viel heftiger, um so viel ungelehrter sie sind. Was auch noch so abgeschmackt ist, findet immer einen Gaumen, dem es behagt; es giebt Leute, denen selbst das Häßliche sich anpreist: denn (wie oft soll man es noch sagen) die meisten Menschen sind Narren. Also darf man nur recht unwissend seyn, um sich selbst herrlich zu gefallen, und von vielen bewundert zu werden. Einfältig müßte man seyn, wenn man der sogenannten wahren Gelehrtheit nachwerben wollte: dieses würde hoch zu stehen kommen: und was würde die Ausbeute seyn? schüchtern und menschenscheu würde man werden, und bald aller Welt mißfallen.
Eigenliebe der Völker
Wie die Natur einzelne Menschen behandelt, so behandelt sie auch ganze Völkerschaften; jeder hat sie ihre besondere Eigenliebe eingeimpft. Die Britten machen hauptsächlich Anspruch auf eine schöne Leibesgestalt, dieMusik, und eine niedlich besetzte Tafel. Die Schotten schmeicheln sich mit Adel, königlicher Abkunft, und scharfsinniger Disputierkunst. Die Franzosen behaupten, eine gute Lebensart müsse man bey ihnen erlernen; besonders aber in Paris die Theologie. Die Italiäner brüsten sich auf ihre Gelehrtheit und Beredsamkeit; und daher schmeicheln sie sich, daß sie einzig nicht Barbaren seyn; insonderheit maaßen sich die Römer dieser Glückseligkeit an; sie wiegen sich zum süssen Traum ein, daß sie noch im alten Rom leben. Die Venetianer triumphieren wegen ihrem Adel. Die Griechen prahlen, sie seyen die Erfinder der Künste und Wissenschaften, und behängen sich mit den Titeln ihrer alten berühmten Helden. Die Türken, samt allen dem übrigen Barbarengeschmeisse, schreien, die ächte Religion lasse sich nur bey ihnen finden; und sie lachen höhnisch über Christen, als Abergläubige. Gütlich thun die Jüden sich noch heut zu Tage mit der Erwartung des Messias, und sind dabey so standhaft, als sie es in Bewahrung der Schriften ihres Moses sind. Die Spanier wollen die berühmtesten Kriegsleuteseyn. Die Germanier spiegeln ihre großen Körper und ihre Bekanntschaft mit magischen Künsten.
Wir wollen nicht weiter gehen. Es liegt am Tage, wie viele Wollust die Eigenliebe allen und jeden Sterblichen verschaffe. Sie hat eine Gesellschafterinn, die Schmeicheley. Wirklich, wenn man sich der Eigenliebe ergiebt, was thut man anders, als daß man sich selbst schmeichelt; daß man sich selbst eben die Gefälligkeit erweist, mit welcher man sich zuweilen in die Gunst Anderer setzt. Heut zu Tag ist freylich die Schmeicheley in einen bösen Ruf gekommen; aber bey wem? bey Leuten, die mehr auf die Wörter sehen, als auf die Dinge selbst. Sie stehen in dem Wahne, Ehrlichkeit könne mit Schmeicheley nicht wohl bestehen. Damit sie lernen mögen, wie gröblich sie sich irren, sollte man sie bey vernunftlosen Thieren zu Schule schicken: Was ist schmeichelhafter als der Hund? und was ist zugleich getreuer als er? was ists, das sich mit Possirlichkeiten gefälliger machen kann, als das Eichhörnchen? und doch ists ein Freund des Menschen. Sind etwann Löwen,Tiger, Panterthiere, große Menschenfreunde, weil sie sich nicht einschmeicheln?
O ja, es giebt eine sehr schädliche Schmeicheley, durch welche zuweilen ein Treuloser, oder ein Spötter, einen Einfältigen ins Verderben zu locken trachtet. Die meinige hingegen entspringt aus einer gewissen Gutmüthigkeit und Aufrichtigkeit; sie kömmt der Tugend weit näher, als ein gewisses rauhes, mürrisches, unschickliches, und schwerfälliges Wesen; sie flößt den Niedergeschlagenen einen Muth ein, tröstet die Traurenden, muntert die Trägen auf, macht die Tummen munter, erleichtert die Kranken, besänftigt die Wütenden, stellt die Liebe wieder her, macht die Persönlichkeit dauerhaft, locket die Jugend zum lernen an, belustigt die Alten, ermahnt und unterrichtet die Fürsten auf eine glimpfliche Weise, indem sie dieselben blos zu loben scheint; kurz, sie bringts zu Stande, daß jeder sich seiner mehr freut, und sich selbst mehr liebt; und dieses macht bey der Glückseligkeit gewiß die Hauptsache aus.
Zwei Esel
Was kann dienstfertiger seyn, als wenn zween Esel wechselweise einander kratzen? Ichhabe nicht nöthig, erst zu sagen, daß ein solches Betragen einen grossen Theil der gelobten Beredsamkeit ausmacht, einen grössern der Arzeneykunst, und den grösten der Dichtkunst; daß in derselben auch alles bestehe, was das gesellschaftliche Leben aufs lieblichste durchwürzen kann. Aber betrogen werden (sagen die Weisen) ist ja ein grosses Elend. Nicht betrogen werden (sag ich) ist das allergröste. Man kann nicht ärger ausschweifen, als wenn man sich in Kopf setzt, die Glückseligkeit des Menschen besteh in den Dingen selbst. Vom Wahne hängt sie ab; denn in dem menschlichen Wesen ist alles so dunkel, einander so entgegengesetzt, daß nichts sich deutlich wissen läßt; wie meine Akademiker es sehr richtig bemerkt haben; und hierinn erwiesen sie sich gewiß nicht als stolze Philosophen. Wenn sich auch je etwas wissen läßt, so benimmt es nicht selten dem Leben seine Freude. Der Mensch ist einmal so: Schminke ist ihm reizender als Wahrheit.
Wenn sich jemand hievon durch eine deutliche und handgreifliche Erfahrung überzeugen will, so stell er sich nur unter einen Predigtstuhl,und sehe, wie alles (sobald darauf etwas Ernsthaftes verhandelt wird) schläft, gähnt, hustet, sich schneizt, vor Eckel erblaßt; wenn hingegen der Kanzelschreier (ich irre mich, Redner wollte ich sagen) nach Gewohnheit ein altes Weibermärlein anfängt, erwacht alles, richtet sich auf, spitzt gierig die Ohren. Und wenn die Rede auf einen Heiligen kömmt, von dem mehr dichterisches und heldenmäßiges zu erwarten steht, zum Exempel, einen Georg, einen Christoph, eine Barbara, o dann ist man mit einer grössern Andacht bereit, als wenn man nur mit einem Petrus und Paulus, oder auch Christus, unterhalten wird! Aber hier ist davon die Rede nicht.
Vermittelst des Wahnes läßt sichs, ohne so grossen Aufwand zur Glückseligkeit kommen. Was die Dinge selbst betrift, so hat man oft grosse Mühe, sich auch nur die geringsten derselben anzuschaffen: man denke nur, was für Schweiß schon die Grammatik ausgetrieben hat. Zum Wahne, die zur Glückseligkeit noch weit mehr beyträgt, gelangt man sehr leicht. Dort ist einer, dem seine faulen Fische, von welchen ein Anderer die Nase zuhält, rechtköniglich schmecken; gewiß ist er dabey glücklich; und dieses wäre da nicht, wenn man ihm den köstlich-bereiteten und frischen Störfisch, vor dem ihm aber eckelt, aufgetischt hätte. Jemand hat eine von Herzen häßliche Frau, findet sie aber schön wie Venus; ists ihm nicht einerley, ob sie ist, wie sie ist, oder ein Muster der Schönheit wäre. Jener hat eine Tafel, darauf ein elendes Geschmire ist, hält sie aber für die Arbeit eines Apelles oder Zeuxis, und kann sie nicht genug bewundern; ist er nicht glücklicher, als ein Anderer, der wirklich ein Stück von der Hand dieser Künstler mit schwerem Geld erkauft hat, aber dabey kein so grosses Vergnügen in sich fühlt.
Ich kenne einen Menschen, der die Ehre hat, mein Namensverwandter zu seyn; er verehrte seiner Braut etliche falsche Demante, und beredete sie (das Bereden verstand er meisterhaft) sie seyen nicht nur ächt, sondern auch von einem unschätzbaren Werthe. Man sage mir einmal, was gieng dem Mädchen ab? sie weidete an den Gläschen Augen und Herz, als ob sie einen grossen Schatz in ihrem Besitze hätte. Inzwischen hatte der Mann sich einengrossen Aufwand erspahrt, und machte sich des Irrthums seines Weibchens zu Nutze; sie war ihm um kein Haar weniger verbunden, als ob er ihr das allerkostbarste geschenkt hätte.
Plato dichtet: in einer Höhle sitzen Leute, welche nur die Schattenbilder verschiedener Dinge sehen, und bewundern; sie verlangen weiter nichts, und sind treflich mit ihrem Zustande zufrieden. Nun, was hat der Weise, der sich aus der Höhle heraus schleicht, und das Wesentliche jener Bilder angafft, vor jenen voraus? Wenn der Schuflicker Mycillus, von dem uns Lucian eine Erzehlung macht, und der sich im Traume ein reicher Mann zu seyn einbildete, stets so geträumt hätte, so wird er keine Ursache gehabt haben, sich ein anderes Glück zu wünschen. Zwischen Narren und Weisen ist also höhstens dieses der Unterschied, daß jene die glücklichern sind; denn, ihre Glückseligkeit kömmt sie höher nicht zu stehen, als daß sie dieselbe mit einem kleinen Gedanken erkaufen; und anbey leben sie in einer grossen Gesellschaft; ein herrlicher Vortheil! denn nichts ist so gut, daß es Vergnügen macht, wenn man es einzig für sich habenmuß. Der Weisen giebt es sehr wenig; und noch nicht ausgemacht ists, ob sich wirklich einer finden lasse. Griechenland zählt, inner vielen Jahrhunderten, ihrer sieben; aber, beym Herkules sey es geschworen! wenn man die Sache genauer erforschen will, so will ich des Todes seyn, wenn man nur die Hälfte, nur den Drittel eines Weisen findet.
Unter den vielen Dingen, durch die Bachus sich sein Lob verdient, ist hauptsächlich dieses, daß er aus dem Gemüthe die Sorgen wegschwemme; es dauert aber nur eine kleine Weile; denn kaum ich das Räuschlein ausgeschlafen, so stellt sich der Gram über Hals und Kopf wieder ein. Mit der Wohlthat, durch die ich segne, hat es eine ganz andere Beschaffenheit: durch eine gewisse stete Berauschung, die man sich ohne Entgeld anschaft, setz ich das Gemüth in immerwährende Wonne.
Man wird mir keinen der Sterblichen aufweisen können, der nicht dieses oder jenes meiner Freygebigkeit zu verdanken hätte; da andere Gottheiten ihre Gaben nur diesen oder jenen auf eine parteyische Weise zutheilen.Bachus läßt nicht allerorten den edlen und angenehmen Wein wachsen, der die Sorgen verjagt, und dabey man sich in süsser Hoffnung zum reichen Manne trinkt. Nur selten macht Venus schön, und Merkur noch seltener zum beredten Manne. Herkules ist sehr sparsam, wenn es aufs Reichmachen ankömmt. Der homerische Jupiter setzt nicht jedermann auf den Thron. Oft gewährt Mars keinem der streitenden Heere den Sieg. Schon ein mancher ist mit einem langen Gesichte von dem Dreyfusse des Apollo weggeschlichen. Der saturnische Jupiter donnert oft. Phöbus schießt zuweilen pestilenzialische Pfeile. Neptun verschlingt mehr Menschen, als er rettet. Wenn ich hier von einem Afterjupiter, einem Pluto, einer schadenfrohen Ate, und andern dergleichen Rache- und Krankheitsstiftern, reden wollte, so würde man nicht Götter an ihnen erkennen, sondern Henker.
Ich einzig, die Narrheit, bin eine so gute Närrinn, daß ich bereitwillig mit meinen Wohlthaten jedermann zu Diensten stehe. Man hat nicht nöthig, mich durch Gelübde zu bestechen; ich erzörne mich nicht; begehre keinAussöhnungsopfer, wenn man sich bey meiner Verehrung in dieser oder jener Ceremonie verfehlt hat; bringe nicht Himmel und Erden in Verwirrung, wenn man die übrigen Götter zu Gaste bittet, mich aber zu Hause sitzen läßt, wo mir kein Opferdunst mit seinen Wolgerüchen in die Nase steigen kann. Um die übrigen Götter ist es etwas so mürrisches, daß es bald besser und sicherer ist, man lasse sie in Ruhe das seyn, was sie sind, als daß man trachte, sich bey ihnen einzuschmeicheln. Es steht um sie beynahe, wie um Leute, die so wunderlich und über jede Kleinigkeit so empfindlich sind, daß es behaglicher ist, keinen Umgang mit ihnen zu haben, als sich mit ihnen bekannt zu machen.
Rachegötter
Aber niemand (heißt es) opfert der Narrheit, oder errichtet ihr einen Tempel. O ja (ich habe hierüber bereits mein Herz ausgeschüttet) über eine solche Undankbarkeit verwundere ich mich ein wenig; doch deut ich es, nach der mir angebohrnen Gutmüthigkeit aufs beste aus; und im Grunde: warum sollt ich nach solchen Ehrerweisungen lüstern seyn? was soll mir ein Körnchen Weihrauchs, etwas Gebackenes,ein Bock, ein Schwein? Alle Sterblichen dienen mir ja allerorten auf eine Weise, von welcher selbst die Theologen sagen, daß sie weit die vorzüglichste sey. Nein, nein, ich beneide die Diana nicht, daß man ihr Menschenblut zum Versöhnopfer darbringt; ich glaube, daß ich aufs andächtigste verehrt werde; wenn man mich (und allerorten, und von jedermann, geschieht es ja) ins Herz aufnimmt, und sich in allem Thun und Lassen nach meiner Anweisung einrichtet.
Auch bey den Christen findet sichs ziemlich selten, daß sie auf eine solche Weise ihre Heiligen verehren. Wie groß ist nicht die Menge derer, welche der jungfräulichen Gottgebährerinn eine Wachskerze anzünden, und das am hellen Mittage, da sie ganz unnütz ist! Hingegen, wie wenige derer, die ihr durch ein keusches und sittsames Leben, und durch Liebe zu himmlischen Dingen, nachzueifern trachten! Und doch wäre dieses der ächteste sich auch den Himmelsbewohnern anpreisende Gottesdienst.
Ferner, warum sollte mir nach einem Tempel verlangen, da mir (wenn ich mich nicht irre) die ganze Welt zum schönsten dient? Solange noch Menschen sind, wirds mir an Verehrern nicht fehlen. Eine solche Närrinn bin ich nicht, daß ich nach steinernen und mit Farben überschmierten Bildern lüstern seyn sollte; solche Dinge sind blos Abhaltungen von einer ächten Verehrung, indem Leute, die nichts als Fleisch und Blut sind, die Zeichen für die Heiligen selbst nehmen und anbeten; und dann geht es uns wie denen, die durch ihre eigenen Statthalter vertrieben werden. Ich halte dafür, mir seyen eben so viele Bildsäulen errichtet, als es Sterbliche giebt, die, wenn sie es auch selbst nicht meynen, lebhafte Bilder von mir sind. Ich beneide die übrigen Götter nicht, wenn die Einen in diesem, und die Andern in jenem Winkel der Welt, und zwar an gesetzten Tagen angebetet werden: zum Exempel Phöbus in Rhodus, Venus in Cypern, Juno in Argos, Minerva in Athen, Jupiter auf dem Olymp, Neptun zu Tarent, Priapus in Lampsokus; die ganze Welt wird stets fortfahren, mir weit treflichere Opfer darzubringen.
Verehrung der Narrheit
Es könnte das Ansehen haben, ich sey verwägen genug, die Wahrheit vorbey zu gehen. Lasset uns aber das Leben der Menschen etwasnäher betrachten, um an den Tag zu bringen, wie vieles die Menschen, vom höchsten Range bis zum niedersten, mir zu verdanken haben, und wie hoch sie mich auch wirklich schätzen. Wir wollen nicht das ganze Leben eines jeden durchgehen, welches viel zu weit führen würde, sondern nur das Leben der vornehmsten berühren, wo es dann leicht seyn wird, den Schluß auch auf die übrigen zu machen.
Was den gemeinen Pöbel betrift, so steht er augenscheinlich auf meinen Seiten: er zeigt sich allerorten in so vielerley Gestalten der Narrheit, täglich sinnt er diesorts so viele neue Moden aus, daß tausend Demokritusse nicht zureichend wären, sie gebührend zu belachen; und noch ein Demokritus wäre nöthig, um über diese tausend zu lachen. Man würde keinen Glauben finden, wenn man es sagen sollte, wie lustig sich täglich die Götter über die Menschengeschöpfe machen. Die Götter bringen ihre nüchteren vormittägigen Stunden damit zu, daß sie zanksüchtigen Menschen, die sich bey ihnen Raths erholen, Verhör ertheilen, und auf die Gelübde horchen, die man an sie richtet; wenn einmal der Nektar ihnen in denKopf gestiegen ist, und sie zu nichts Ernsthaftem mehr aufgelegt sind, so setzen sie sich auf das äusserste Vorgebürg des Himmels, und begaffen mit ausgestrecktem Halse das Thun und Lassen der Menschen. Von einem angenehmern Schauspiele wissen sie nichts. O welch eine Schaubühne, auf welcher sich so vielerley Narren drängen! Auch ich setze mich zuweilen in den Kreis der poetischen Götter.
Nichtstun
Dieser ist sterblich in ein Mädchen verliebt; und wie weniger er geliebt wird, desto rasender liebt er. Jener vermählt sich mit der Morgengabe, nicht mit der Tochter. Dieser führt gefällig seine Gemahlinn einem Andern selbst zu. Jener bewacht sie aus Eifersucht wie ein zweyter Argus. O welche thörichte Dinge sagt und thut nicht dieser in seiner Trauer! Leute, die besser nicht sind als Possenreisser, bezahlt er, um das Trauerspiel stattlich auszuführen. Jener weint beym Grabe seiner Stiefmutter. Dieser jagt alles, was er immer aufbringen kann, durch die Gurgel, um ja bald verhungern zu müssen. Jenem behagt nichts besser, als schlafen, und nichts thun. Es giebt Leute, die in Betreibung der Geschäfte Andere schwitzen undkeichen, indem sie die ihrigen vernachlässigen. Es giebt Andere, die Geld aufnehmen, um ihre Schulden abtragen zu können; beym fremden Gelde dünken sie sich so lange reich zu seyn, bis sie ihren ganzen übrigen Bettel den Gläubigern überlassen müssen. Es fehlt an solchen nicht, die alles vollauf haben, und arm leben, um ihren Erben Reichthümer zu hinterlassen. Um eines kleinen und ungewissen Gewinnes willen durchfährt Einer alle Meere, sein mit keinem Gelde zu ersetzendes Leben den Wellen und Winden anvertrauend. Ein Anderer will lieber sein Glück im Kriege suchen, als zu Hause sicher, ruhig, und gemächlich leben. Man glaubt, der leichteste Weg, reich zu werden, sey, sich bey kinderlosen Alten einzuschmeicheln; oder bey einem steinreichen Mütterchen, Hahn im Korbe zu seyn. Beide machen, daß die auf sie achthabenden Götter von Herzen lachen, wenn sie in eben den Stricken, die sie Andern legen, selbst gefangen werden.
Es giebt eine recht närrische und schändliche Art von Kaufleuten, die sich mit schändlichen Dingen, und auf eine schändliche Weise abgeben:lügen, schwören, stehlen, betrügen, übersetzen, sind bey ihnen etwas gewöhnliches; und doch strauben sie sich so, als ob ihnen durchgehends der Vorrang gebühre, weil sich ihre Geldküsten wohl bespickt befinden. Auch im geistlichen Stande fehlt es ihnen an Schmeichlern nicht, von denen sie bewundert und als hochachtungswürdige Leute gepriesen werden, nur damit sie ihnen etwas weniges von dem mit Unrecht erworbenen Vermögen zufliessen lassen.
Einigen von der Sorte des Pythagoras scheint alles so sehr theil und gemein zu seyn, daß sie alles, was von Andern nicht auf das sorgfältigste verwahrt wird, als ob es ihr rechtmäßiges Erbgut wäre, an sich ziehen. Es giebt deren, die nur in ihren Wünschen und Hoffnungen reich sind; sie lassen sich recht angenehme Dinge träumen, und stehen in dem Wahne, zur Glückseligkeit werde weiter nichts erfordert. Einige haben das Vergnügen, daß man sie für reiche Leute hält; und zu Hause können sie sich kümmerlich des Hungers erwehren. Dieser läßt es an nichts fehlen, das Seinige recht geschwind durchzubringen; jenervermehrt es mit Recht und Unrecht. Der Eine durchläuft alle Strassen, um sich Stimmen zu einem Amte zu erbettlen; der Andere lebt zufrieden, indem er in seinem Ofenwinkel verrostet. Viele verwickelen sich in Rechtshändel, die kein Ende nehmen, und bemühen sich beyderseits wie um die Wette, einen zögernden Richter und schelmischen Fürsprecher, reich zu machen. Dieser sinnt immer auf Neuerungen; jener geht stets mit grossen Entwürfen schwanger. Dort ist einer, der nach Jerusalem, Rom, Compostell, wo er keine Geschäfte hat, als Pilger zieht, und inzwischen Weib und Kinder zu Hause darben läßt.
Der Pilger
Wenn Sie, meine Herren, (gleich dem Menippus beym Lucian) das unzählbare Gewirre der Sterblichen vom Monde herab sehen könnten, so würd es Sie dünken, Sie sehen Heere von Mücken oder Schnaken, die sich unter einander erzanken, bekriegen, belauren, berauben, spielen, Muthwillen treiben, gebohren werden, fallen, sterben. Es ist nicht zu ersagen noch zu erglauben, wie viel verwirrtes Gezeug und Unheil ein so kleines und hinfälliges Thierchen stifte. Etwann reißt ein kleiner Kriegs- oderPestssturm auf einmal bey vielen tausenden hin. Ich würde aber eine Erznärrinn seyn und würdig, daß Demokritus sein ganzes Lachen über mich ausschütte, wenn ich fortfahren würde, allen Pöbelswahnsinn in seinen so vielen Gestalten daher zu zählen. Ich werde mich an die halten, von denen man glaubt, daß sie alle Weisheit verschlungen haben:
An der Spitze treten die Grammatiker auf, ein pedantisches Völkchen; elender könnt es um sie nicht stehen, und die Götter selbst würden sie anfeinden, wenn nicht ich ihren Jammer mit einer angenehmen Art von Wahnsinne gemildert hätte. Griechen haben ein Sprüchwort von fünf Plagen, hier aber findet man bey tausenden: Hunger und Durst martert sie; beschmutzt, bestaubt, sitzen sie in ihren Schulen, Jammerlöchern, rechten Zuchthäusern; bey den Folterbänken, unter einer Heerde von Buben, werden sie bey der Arbeit eselsgrau, durch Geschrey betäubt, durch Hitze und Gestank ausgedörrt; und doch (Dank haben sie mir) dünken sie sich die Ersten unter den Menschen zu seyn. Sie geniessen einer rechten Herzenslust, wenn sie mit ihrem Tyrannengesichte,ihrer Donnerstimme, dem bebenden Häuflein einen Schrecken einjagen können; mit Stöcken und Ruthen dreschen sie auf die armen Jungen zu; und indem sie nach Willkühr auf vielerley Weise wüten, geht es ihnen wie dem Esel in der Löwenhaut.
Der arme Junge
Ihr schmutziger Unrath deucht sie Reinlichkeit zu seyn; ihre Nase haben sie zum Wohlgeruche des Gestanks gewöhnt; in ihrer jämmerlichen Sclaverey dünken sie sich Könige zu seyn; und ihre Tyrannenmonarchie würden sie nicht mit der Herrschaft eines Phalaris oder Dionisius vertauschen. Noch beglückter macht sie ihre seltsame Ueberzeugung, daß sie grundgelehrte Männer seyen. Alldieweil sie den Schuljungen lauter Wahnsinn einbläuen, denken sie Wunder, wie weit sie sich über einem Palämon, einen Donat, hinaufgeschwungen haben. Und ich weiß nicht durch welche Zauberkünste sie es zu Stande gebracht haben, daß sie närrischen Müttern und tummen Vätern gerade so verkommen, wie sie sich selbst zu seyn glauben. Wollust ists für einen solchen, wenn er in einem halbvermoderten Buche etliche veraltete Wörter erstänkert,oder ein Stück von einem mit verstümmelten Buchstaben bezeichneten Stein hervorgegraben hat; o Jupiter! wie hüpft er nicht vor Freude! welcher Triumph! welches Lobgewäsch! als ob er Afrika besiegt, oder Babilon erobert hätte. Wenn sie ihre frostigen und abgeschmackten Verslein allerorten spiegeln und Bewunderer finden, so zweifeln sie nicht, Virgils Seele sey mit Haut und Haar in ihren Leib gefahren. Lustiger ist nichts, als wenn sie sich unter einander loben, bewundern, krazen. Wenn der Eine sich an einem Wörtchen verstossen und ein Scharfsichtiger es von ungefehr entdeckt hat; o Herkules! welch eine Trauerscene öffnet sich! welches Gekeife, welche Spottnamen, welche Beschimpfungen!
Alle Grammatiker sollen mir über den Nacken kommen; wenn ich nicht die runde Wahrheit erzehle: Ich kenne einen Tausendkünstler, Griechen, Lateiner, Mathematiker, Philosophen, Arzt, und das alles im höchsten Grad; er ist schon sechzig Jahr alt; seit mehr als zwanzig Jahren ereselt und ermartet er sich, alle übrigen Geschäfte hindansetztend, mit der Grammatik; er würde sich für ein rechtesGlückskind halten, wenn es ihm so lange zu leben verstattet würde, bis er es bey sich festgesetzt hätte, wie man die acht Theile der Rede von einander unterscheiden müsse; eine Sache, über die sich bisher kein Grieche und kein Römer zuversichtlich erkläret habe. Er scheut sich nicht, den grausamsten Krieg anzufangen, wenn jemand das Beywort an die Stelle setzt, wo sich das Fügwort befinden sollte. Da es so viele Gramatiken als Grammatiker giebt, ja noch mehr (denn mein Freund Aldus schrieb ihrer fünf) so läßt unser Held doch keine vorbey, wenn sie auch noch so barbarisch und kopfbrechend geschrieben ist, ohne sie aufs genauste zu durchwühlen; neidisch auf einen jeden, der sich auch auf die widersinnigste Weise an eine solche Arbeit gewaget hat, in der herzabnagenden Furcht, es möchte jemand ihm dieses Ehrenkränzlein ablaufen und ihm die Arbeit so vieler Jahre schänden. Bey Ihnen, meine Herren, steht es, dieses Wahnsinn zu nennen oder aber Narrheit: mir liegt wenig daran, wenn man mir nur eingesteht, meiner Güte und Gnade sey es zuzuschreiben, daß dieser, der sonst das elendeste unter allenViehe seyn würde, sich auf eine solche Stuffe der Glückseligkeit schwinge, daß er sein Loos auch mit keinem persischen Könige vertauschen würde.
So sehr sind die Dichter mir nicht verpflichtet, ob sie gleich unstreitig von meiner Zunft sind; sie, denen, wie den Mahlern alles erlaubt ist; deren Bemühung keinen andern Zweck hat, als die Ohren der Narren durch possenhafte Schwänke und lächerliche Fabeln, zu kitzlen. Und dennoch ist es zum Erstaunen, was für grosse Dinge sie auf diesen Wind bauen: weniger nicht, als daß sie sich und Andern die Unsterblichkeit und ein wonnevolles Götterleben herzhaft versprechen. Mit der Eigenliebe und der Schmeicheley leben sie vorzüglich vertraut; unter allen Sterblichen ist niemand, der mich mit mehrerer Einfalt und Standhaftigkeit verehrt.
Die Redner treten freilich ein wenig aus dem Gleise, und spielen mit den Philosophen unter dem Hütchen; doch sind sie auch von meiner Parthey. Wo der Beweis sey? Ich könnte vieles anführen, man merke aber nur dieses: unter andern Possen haben sie vielesund unanständlich von der Kunst zu scherzen geschrieben. Der, (er mag seyn wer er will) welcher die Redekunst geschrieben und dem Herennius zugeeignet hat, zählt die Narrheit selbst unter die verschiedenen Arten des Scherzes. Quintilian, den die Redner für ihren Vortänzer erkennen, schrieb vom Lachen ein ellenlanges Capitel. Diese Schriftsteller schreiben der Narrheit eine so grosse Kraft zu, daß sie oft das, was sich durch keine Vernunftgründe wegräumen liesse, durch ein Lachen in die Flucht treiben. Man wird es mir doch nicht streitig machen wollen, durch kunstreiche Schwänke ein Gelächter erwecken, gehöre zu den Gaben der Narrheit.
Dieses Gelichters sind auch die, welche sich durch Bücherschreiben einen unsterblichen Ruhm erhaschen wollen. Sie sind mir alle sehr stark in der Dinte; hauptsächlich die, welche das Papier mit nichts als Lappereyen überschmieren. Was die betrift, welche nach dem Urtheile einiger weniger Gelehrten gelehrt schreiben, so scheinen sie mir nicht so fast glücklich zu seyn, als aber erbarmungswürdig, wenn sie es gleich auf den Entscheid einesPersius oder Cälius wollen ankommen lassen; denn sie marteren sich selbst beständig; sie flicken hierzu, ändern, streichen weg, setzen wieder hin, wiederholen, wärmen auf, erholen sich Raths, haltens neun oder zehen Jahre zurück, sind nie mit sich selbst zufrieden; eine nichtswerthe Belohnung, das Lob einiger wenigen, erkaufen sie theuer, viele Nächte hindurch sich des Schlafes beraubend, des angenehmsten Dinges von der Welt; bey vielem Schweiß und Grame, ist ihr Verlust groß; ihre Gesundheit wird vergeudet; die Schönheit geht zu Grunde; sie werden triefäugig, wo nicht gar blind; ziehen sich Armuth und Neid zu, finden nirgends einen Eingang zum Vergnügen, altern und sterben vor der Zeit, und so weiter. Ein solcher Weiser meynt, alles dieses Uebel werde ihm reichlich dadurch ersetzt, daß hier oder da ein Blinzer ihn seines Beyfalls gewährt.
Weit glücklicher ist ein Schriftsteller, der sich bey seinen Träumereyen an mich hält; er darf sich den schalen Kopf nicht zerbrechen; wie es ihm einfällt, in die Feder schießt, träumt, setzt er es sogleich auf; es geht dabey nichtsverlohren, als ein wenig Papier; er ist des Erfolgs versichert: je possenhaftere Possen er schreibt, von desto mehrern, das ist allen Narren und Tummköpfen, erhält es Beyfall. Es kostet ja keine Mühe, drei oder vier Gelehrten (gesetzt daß sie es lesen) zu verachten. Der Ausspruch so wenig Weiser gilt, bey einem so unzählbaren Haufen der Widersprecher, so viel als nichts.
Auch die verstehen die Sache besser, die eine fremde Arbeit für die ihrige ausgeben; den Ruhm, um den Andern mit grosser Mühe gearbeitet haben, ziehen sie leicht an sich; ja, eines gelehrten Diebstahls wird man sie anklagen; das aber, darauf sie sich verlassen, ist dieses: sie werden sich wenigstens bis dahin die Sache zu Nutze machen. Es ist der Mühe werth, Acht darauf zu haben, wie vieles diese sich darauf zu Gute thun, wenn man sie auf den Strassen lobt, im Gedränge mit Fingern auf sie weist, und spricht: sehet, dort geht der grundgelehrte Mann! Auf den Läden der Buchhändler stehen ihre Werke feil; auf den Titelblättern liest man ihre auf verschiedene Weise verkünstelten Namen, die ein ganz fremdesund magisches Ansehen haben. Und diese Namen, o Himmel, was sind sie anders, als Namen? Anbey sind sie in dieser grossen weiten Welt nur sehr wenigen bekannt; und noch von weit wenigern werden sie gelobt: denn auch bey den Ungelehrten hat jeder seinen eigenen Geschmack. Nicht selten sind diese Namen erdichtet, oder aus den Schriften der Alten an Kindesstatt angenommen. Der eine nennt sich Telemachus, ein anderer Stelenus, ein dritter Laentes, ein vierter Polykratus, ein fünfter Thrasymachus, und so weiter. Mit eben so gutem Fuge könnten sie ihr Buch Cameleon betitlen, oder Krautskopf, oder A oder B oder C, und so weiter.
Das Artigste ist, wenn sie sich unter einander, die Narren und Dummköpfe, in ihren Briefen und Versen panegyrisieren. Dieser nennt jenen seinen Alcäus, und bekömmt zur Dankbarkeit den Titel Callimachus. Sie, mein Herr, spricht Einer, sind beredter als Cicero; und Sie, erwiedert der Andere, sind gelehrter als Plato. Etwann fordert man einen Gegner zum Kampf heraus, um sich durch einen Klopffechterstreich einen noch grössern Ruhm zuerwerben: dann wankt der gaffende Pöbel, unentschlüssig, welcher Seiten er Beyfall zujauchzen wolle; bis daß es heißt, jeder der beiden Streiter habe den Sieg erfochten, und beiden wird die Ehre des Triumphes zuerkannt. Hier lachen die Weisen als über eine Erznarrheit. So mag es seyn; niemand leugnet es: inzwischen aber verdanken es die Streiter mir, daß sie ein vergnügtes Leben haben, und ihre Triumphe mit keinem der Scipionen vertauschen wollen. Auch die Gelehrten, die hierüber recht von Herzen lachen und sich an dem Wahnsinne Anderer belustigen, sind mir vieles schuldig und werden es nicht leugnen, wenn sie ja nicht die Undankbarkeit bis ins Unverschämte treiben wollen.
Die Rechtsgelehrten wollen allen Andern den Rang ablaufen. Das ist ein Völkchen, das vor allem austreflich mit sich selbst zufrieden ist. Wenn man sich einen Begriff von ihrer Arbeit machen will, so mache man sich mit den Bemühungen des Sistyphus, und dem Erfolge derselben bekannt. In einem Athemzuge stoppeln sie viele hundert Gesetze zusammen. Gehören sie auch zur Sache? Davon istdie Frage nicht. Wenn nur Kunstwörter auf Kunstwörter, Meynungen auf Meynungen, gehäuft stehen; und die Leute wunder denken, welch eine riesenmässige Arbeit diese Herren zu Stande gebracht haben: denn das, dabey man wie ein Pferd arbeiten muß, das muß ja nothwendig etwas vortrefliches seyn!
Bemerken wir jetzt die Logiker und Sophisten, Leute, die geschwätziger sind, als die Dodonäischen Kessel. Man wähle unter den plauderhaftesten Weibern zwanzig aus; jeder unsrer Helden wird es mit ihnen allen aufnehmen. Doch würden sie noch glücklicher seyn, wenn sie weiter nichts als eine geläufige Zunge hätten; leider haben sie zu viel Galle, und sie erkämpfen sich um den Schatten mit einer solchen Heftigkeit, daß mehrentheils über dem Gekeife die Wahrheit verlohren geht. Doch macht die Eigenliebe auch sie glücklich; mit ein paar Syllogismen versehen, finden sie keinen Anstand, über jede Sache mit jedermann handgemein zu werden. Eigensinn macht sie unüberwindlich, wenn sie auch gleich einen Stentor zum Gegner haben.
Auf diese kommen die durch Bart undMantel ehrwürdig-gemachte Philosophen, die sich für die einzigen Weisen ausgeben, da alle übrigen Sterblichen blos ein Schatten der Menschheit sind, ein Auskericht der Schöpfung. Allerliebst schwärmen sie, wenn sie unzählbare Welten bauen: das Maaß der Sonne, des Mondes, der Sternen, der Weltkreise, bis auf die Breite eines Haares angeben; die Ursachen der Blitze, Winde, Finsternisse, und aller unerklärbarer Dinge, bestimmen; nirgends so wenig einen Anstand findend, als ob sie die Geheimräthe der Natur, der Baumeisterinn der Dinge, gewesen, und gerad aus dem Rathe der Götter zu uns herabgekommen wären. Inzwischen helfen sie der Natur, mit ihren Muthmassungen, zu einem recht herzlichen Lachen. Daß sie nichts verstehen, ist schon dieses ein zureichender Beweis: über jedes Ding gerathen sie sich so in die Haare, daß sie nicht aus einander zu reissen sind.
Ob sie gleich nichts wissen, geben sie sich doch für allwissend aus. Ihnen selbst sind sie fremd. Sie sehen die Grube nicht, den Stein nicht, darauf sie gerade zugehen; entweder weil sie blödsichtig sind, oder weil sie ihren Geistan das Umherschweifen gewöhnt haben; und doch prahlen sie, daß sie Ideen, Universalien, getrennte Formen, die ersten Stoffe, Quidditäten, Ecceitäten, sehen, das alles so überfeine Dinge sind, daß ich wohl sagen darf: auch Luchsenaugen seyen zu stumpf dazu. Nie aber verachten sie den unheiligen Pöbel mehr, als wenn sie mit Dreyangeln, Vierecken, Zirkeln, und dergleichen mathematischen Figuren, die in einander verschlungen, verlabyrinthisiert, und mit wie in verschiedene Schlachtordnungen gestellten Buchstaben durchspickt sind, den Ungelehrten einen blauen Dunst vor die Augen machen. Und in diese Classe gehören auch die, welche, um künftige Dinge vorher zu sagen, die Gestirne zu Rathe ziehen, und mehr als magische Wunder versprechen; auch so glücklich sind, Menschen zu finden, die ihnen tummen Glauben zustellen.
Vielleicht würd ich am besten thun, wenn ich bey den Theologen stillschweigend vorüber gienge, und diese Seite ganz und gar nicht berührte. Diese Art von Menschen trägt den Kopf gewaltig hoch, und ist ungemein reizbar; ich laufe Gefahr, daß sie mit tausenderley Folgerungenauf mich losstürmen; und mir bleibt dann anders nichts übrig, als zu palinodisieren, wenn ich nicht für eine Erzketzerinn will ausgeschrien werden. Wenn sie jemanden auch nur ein wenig ungünstig sind, so sind sie gleich bereit, ihm mit einem Bannstrahle einen Schrecken einzujagen. Freylich sind sie unter allen Menschen die, welchen es am widerlichsten vorkömmt, mich für ihre Wohlthäterinn zu erkennen; und doch sind sie auch aus verschiedenen nicht unwichtigen Ursachen in meiner Schuld: die Eigenliebe, die sich in meinen Diensten befindet, versetzt sie wie in den dritten Himmel, wo sie alle übrigen Sterblichen, als so viele auf der Erden kriechende Thiere, von ihrer Höhe herab verachten, und beynahe bemitleiden. Mit einem ungeheuern Heer von magisterialischen Definitionen, Conclusionen, Corollarien, expliciten und impliciten Propositionen, sind sie rund umschanzt; so vielerley Ausflüchte stehen ihnen bereit, daß es auch einem Vulkan unmöglich seyn würde, sie zu verstricken; immer bahnt eine Distinction ihnen den Ausweg; auch ist dieses das beste Mittel jeden Knoten zu durchschneiden; schärfer undhurtiger, als jene Art, mit welcher der Richter in Teredos dem, der den Proceß verlohren hatte, den Kopf zu zerspalten pflegte; und zu diesem Ende haben sie sich mit neuausgedachten Wörtern reichlich versehen; Redensarten, die Schauer einjagen.
Verborgene Geheimnisse erklären sie nach ihrem Gutdünken: auf welche Weise die Welt erschaffen und eingerichtet worden; durch welche Canäle sich jene Sündenseuche in die Nachkommenschaft ergossen habe; wie, in welchem Maasse, in welchem Zeitpunkte, Christus in dem Leibe der Jungfrau vollendet worden; wie sich im Abendmahle Accidentien ohne Behausung beherbergt befinden. Doch dieses sind nur gemeine und ausgenützte Dinge. Es giebt andere, die verdienen von grossen und hocherleuchteten Theologen fein behandelt zu werden; wenn diese vorkommen, dann wacht man erst recht auf; zum Exempel: hat Gott einen Zeitpunkt nöthig, wenn er etwas hervorbringt? giebts in Christo verschiedene Sohnschaften? läßt sichs sagen, Gott der Vater haßt den Sohn? hätte Gott sich mit einem Weibe vereinen können, mit dem Satan, mit einem Esel,mit einer Pflanze, mit einem Steine? wie hätte in einem solchen Falle die Pflanze predigen, Wunder thun, ans Kreuz geheftet werden können? was würde Petrus eingesegnet haben, wenn er zu eben der Zeit eingesegnet hätte, in welcher Christi Leib am Kreuze hieng? hätte man alsdann Christum einen Menschen nennen können? wird es nach der Auferstehung erlaubt seyn, zu essen, und zu trinken? O diesen Herren liegt vieles daran, sich zum voraus und in Ewigkeit hinein vor Hunger und Durste zu bewahren! Solcher fein gesponner Possen giebt es eine unzählbare Menge.
Es fehlt ihnen an noch weit feinern nicht: von Zeitpunkten bey göttlichen Zeugungen; von Notionen, Relationen, Formalitäten, Quidditäten, Ecceidäten; Dingen, die selbst der Argonaute Lynceus, der durch eine Mauer hindurch sehen konnte, nie würde entdeckt haben; denn hier muß man durch die dickste Finsterniß hindurch das sehen, was nirgends ist. Hieher gehören auch ihre Moralsätze, die so seltsam sind, daß die paradoxesten Behauptungen der Stoiker, in Vergleichung mit denselben, eine gemeine und Alletagswaare scheinen würde;zum Exempel es sey ein kleineres Verbrechen, tausend Menschen todt schlagen, als auch nur einmal einem Armen am Sonntage den Schuh flicken; man solle ehender die ganze Welt mit aller ihrer Zubehörde zu Grunde gehen lassen, als nur die allerkleinste und nichtsbedeutendste Unwahrheit sagen.
Diese so feinen Feinigkeiten werden durch eine Menge von scholastischen Ränken noch mehr befeinert; so daß man sich ehender aus allen Labyrinthen heraus finden könnte, als aus dem Gewirre der Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occanisten, Scotisten, wer möchte sie alle nennen? dieses sind nur die vornehmsten: Hier ist alles so voll von Gelehrtheit, von Schwürigkeit, daß ich wirklich glaube, die Apostel müßten mit einem ganz andern Geiste versehen seyn als dem, der sie ehedem belebte, wenn sie gezwungen wären, über diese Dinge mit diesem neuen Geschlechte von Theologen handgemein zu werden. Dem Paulus hat es an Glauben nicht gefehlt, wenn er aber sagt: „der Glaube sey eine Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht,“ so hat er ihn nichtmagistraliter definiert. Er erwieß sich auf eine vortrefliche Weise liebreich, aber bey seiner Beschreibung und Eintheilung der Liebe, in dem dreizehnten Capitel seines ersten Briefs an die Corinther, verräth er wenig Logik. Die Apostel bezeigten sich bey Einsegnung des Abendmahls andächtig und fromm; wenn man sie aber gefragt hätte, was sich bey dem Anfang und Fortgange des Erfolgs der Einsegnung ereigne; wie es mit der Transsubstantiation beschaffen sey; wie der nämliche Körper an verschiedenen Orten seyn könne; mit welchem Unterschiede der Leib Christi im Himmel, am Kreuze, im Abendmahle gewesen sey; in welchem Zeitpunkte die Transsubstantiation vorgehe, da die Einsegnung durch Sylben und Worte geschieht, die sich nur nach und nach aussprechen lassen: o so würden sie wohl nicht so scharfsinnig geantwortet haben, wie die Scotisten es heut zu Tage thun.
Die Apostel kannten die Mutter Jesu, aber welcher von ihnen hat es so philosophisch demonstriert, wie sie vor Adams Fehler bewahrt worden, als unsre Theologen es thun? Petrus empfieng die Schlüssel, und empfieng sie von dem, der sie keinem Unwürdigen anvertrauenwürde: und doch weiß ich nicht, ob er es verstanden habe (gewiß äussert er nirgends eine solche Spitzfindigkeit) wie auch der, indem sich keine Erkenntniß befindet, den Schlüssel der Erkenntniß habe. Sie tauften allerorten, und lehrten doch nirgends, welches die förmliche, materielle, wirksame, und endzweckliche Ursache der Taufe sey; auch thun sie keine Meldung von einem auslöschlichen und unauslöschlichen Charakter. Sie beteten an, aber im Geiste, und befolgten blos die evangelische Anweisung. „Gott ist ein Geist, und die, so ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Es zeigt sich aber nicht, es sey ihnen damals geoffenbaret worden, man müsse das an der Wand mit einer Kohle gezeichnete Bildchen mit der nämlichen Anbetung wie Christum selbst anbeten, wenn er nur mit zween emporgestrebten Fingern gezeichnet sey, mit langem Haare, und mit Strahlen sowohl auf dem Wirbel, als auch an beiden Schläfen. Nein, niemand kann zu solchen Einsichten gelangen, der nicht sechs und dreißig Jahre lang die aristotelische und scotistische Physik und Metaphysik durchgeschwitzt hat.
Die Apostel schärfen die Lehre von der Gnade ein, nirgends aber zeigen sie den Unterschied zwischen der aus Gnade gegebenen Gnade, und der begnadigenden Gnade. Sie vermahnen zu guten Werken; unterscheiden aber nicht zwischen einem wirkenden Werke, und einem gewirkten. Sie schärfen oft die Liebe ein, unterscheiden aber nicht zwischen der eingeflößten, und der erlangten; auch zeigen sie nicht, ob diese Tugend etwas Zufälliges sey, oder etwas Wesentliches; etwas Erschaffenes, oder etwas Unerschaffenes. Sie verabscheuen die Sünde; ich will aber sterben, wenn sie es kunstmäßig hätten bestimmen können, was das sey, was wir Sünde nennen, insofern sie etwann nicht von dem Geiste der Scotisten dessen belehrt worden. Man wird mich nie dahin bringen können, daß ich glaube, Paulus (man mache von der Gelehrtheit desselben einen Schluß auf die übrigen) würde so oft wider spitzfindige Fragen, Zänkereyen, Wortkriege, geredet haben, wenn er mit allen jenen feinen Dingen bekannt gewesen wäre; insonderheit, wenn man das rohe und bäurische Gezänke seiner Zeiten mit den mehr als chrysippischen Feinheiten unsrer grossenMeister vergleichen will. Doch muß man auch ihre grosse Bescheidenheit zu rühmen nicht vergessen: wenn sie in den Schriften der Apostel etwas nachlässiges finden, das vor Meister und Gesellen nicht bestehen kann, so fahren sie nicht gleich mit der Verdammung zu, sondern legen es auf das beste aus; und dieses ist die Ehre, die sie theils dem Alterthume, theils dem apostolischen Namen erweisen. Und gewiß würde es nicht billig seyn, so grosse Dinge von ihnen zu fordern, über welche ihr Lehrer nie auch nur ein Wörtchen mit ihnen verlohren hat.