Chapter 4

„Ich weiß mir etwas LiebesAuf Gottes weiter Welt,Das stets in meinem HerzenDen ersten Raum behält,Kein Freund und auch kein LiebchenVerdrängen es daraus, —Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

„Ich weiß mir etwas LiebesAuf Gottes weiter Welt,Das stets in meinem HerzenDen ersten Raum behält,Kein Freund und auch kein LiebchenVerdrängen es daraus, —Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

„Ich weiß mir etwas LiebesAuf Gottes weiter Welt,Das stets in meinem HerzenDen ersten Raum behält,Kein Freund und auch kein LiebchenVerdrängen es daraus, —Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

„Ich weiß mir etwas Liebes

Auf Gottes weiter Welt,

Das stets in meinem Herzen

Den ersten Raum behält,

Kein Freund und auch kein Liebchen

Verdrängen es daraus, —

Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.

„Herein!“

Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.

Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.

Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.

„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“

„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie auch immer,“ scherzte der Direktor.

Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.

Er zog ein grämliches Gesicht.

„Dann will ich lieber gleich gehen...“

„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich sehr steif nieder.

Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses unglücklichen Temperamentes.

Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.

Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. —

„Herr Direktor — — ich komme sozusagen in einer privaten Angelegenheit...“

„Aber, Herr Kollege...“

„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen wollen, — aber — es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“

Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.

„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“

„Herr Kollege Asmus, ichhabeZeit für Sie und bitte Sie nur, zur Sache zu kommen.“

„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als Privatsache“ — — —

Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der Zorn. Viel rascher als der Direktor gehoffthatte. Asmus sprang auf. Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. — Der große, ruhige Blick des Vorgesetzten bannte ihn. —

Heiser rief er:

„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über das Fräulein OberlehrerinDr.Stavenhagen und über den Lehrer Hansohm.“

Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“ sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in seine eigenen lebens- und gemütswarmen.

„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.

„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch lediglichSchulsachezu sein.“

„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“

„Ich verstehe nicht recht...“

„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist natürlich nicht Ursache, aber...“

Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte er sachlich.

„Jawohl, Herr Direktor.“

„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das Vorgefallene Aufschluß geben?“

„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse, als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges vorgekommen.“

„Wahrhaftig! Wieder einmal?“

„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie — ärgerniserregend diese Klasse im allgemeinen ist...“

„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.

„Ja, — denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich den Schweiß von der Stirn — „meine Tochter Agnes Ursache dieser betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“

„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.

„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus, „meine Tochter Agnes hatalleerforderlichen Utensilien einer ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie eben die Tochter desLehrersAsmus, und wenn ich auch nur ein seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“

Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete eigentlich keinen Aufschub...

„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. — Bitte weiter!“

Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sichaußerordentlich häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu unterdrücken. —

„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter... so ist ihr... hm...“

Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut schnüffeln.“

„Aber, Herr Direktor — — woher wissen Sie...?“

„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich —.So’nkleiner Junge.“

Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath entstanden war.

Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, — wollen Sie vielleicht heute nachmittag oder...?“

„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter, hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie eingeschrieben ...“

„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.

„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“

In Sörensen kroch der Zorn hoch.

„Ihre Gattin istsehrordentlich,“ bemerkte er.

„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die Bummelei und dann nahmichsie mir extra vor für die Störung in der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“

„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn doch, daß körperliche Züchtigungen ...“

Asmus stand auf.

„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin derVater...“

„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. — — — Wollen Sie meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“

Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn, eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn.

„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, — aber — — genug, — ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen, sie aß einmalwieder in der Stadt, — kurz, dieses Mädchen hat — Herr Direktor, — sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. —“

Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“

„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte augenscheinlich nicht mehr, was er sprach.

Es klopfte scharf.

„Herein.“

Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen.

„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“

„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“

„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“

„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen und FräuleinDr.Stavenhagen beide beschäftigt sind.“

Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt.

„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig.

„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von Heidekamp die Tür.Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und Kollege Hansohm uns entgegen...“

„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein.

„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“

„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm.

Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat Herr Asmus das Wort.“

„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“

„Danke. — Sie gestatten, Kollege Asmus, — Sie habennichtkorrekt gehandelt. Halt! Jetzt redeich. Sie haben Sörine von Heidekamp nicht die Türgewiesen, was man mit dem Finger zu tun pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“

„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein. —

„Also gut! Am Mantelkragen, — und haben das junge Mädchen herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne alle Beherrschung, daß wir einschreitenmußten. Im übrigen schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“

„Seiner jungenHerrin! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons da draußen? Diese Liebedienereimacht ja die Sörine so aufsässig... Im übrigen, was gehtmichderDieneran?“

Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter.

„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000 Mark.“

„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, — in Dienstbotensachen.“

„Ach, Kollege, — Sie reizen michgar nicht.“ Klaus Hansohm konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe ein, daßichden Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen, ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“

Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das Kollegium „klärte“.

„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten, höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus.

Dieser verneigte sich bejahend.

Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmusfaßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu: „Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. —“

„Ich danke Ihnen, meine Herren.“

In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand.

Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer.

„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen. Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“

„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat es Rasmussen nicht gemeint.“

Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken. —

***

Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde.

Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber LehrerHansohm nahm gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu. —

Sörine stand vor dem Direktor.

Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe Falte eingegraben.

„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein Lehrerdirtat, sondern was du ihm tatest.“

Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur vorübergehend.

„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend.

„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, — folglich...“ Sörensen brach kurz ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“

„Ja.“

Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder?

„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmusmirgetan haben könnte.“

Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr, wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber: „Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das bitterböse Gesicht?“

Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine Agnes,“ stieß sie heraus.

Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt? So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen Kameraden, — „einen bessern findst du nit“...

Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“

Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen sahen ihn voll Vertrauen an.

„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.

Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“

„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“

„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja dann immer von neuem weh...“

Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...

Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte laut und ungestüm.

Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er. Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus hetzen, — ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot. Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“

„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum. Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ —

Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige, kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache, und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich tu dir schon nicht weh. Und dieübliche Schulmeisterschere, mit der man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“

Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, — Herr Lehrer Asmus hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen, — — nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin seiner Agnes wohlbitten, nicht so hart zu sein, aber die Art und Weise,wiedu dich eingemischt hast,... Sörine, hast du überhaupt einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“

„Nein.“

„Sörine!“

„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau dasselbe. —“

„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“

„Herr Direktor!!!“

Sörine schrie es heraus.

„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein. Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“

„O Herr Direktor, ich willSieum Verzeihung bitten und jeden Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“

„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“

„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein,nie.“ Sörinens Augen blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich meine denHerrnAsmus.“

„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob dudiebist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe. Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein, in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“

„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen.

Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder klopfte.

„Herein!“

„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten,ohnenachzudenken?Ihnenzu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“

Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen.

„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“

„Aber das wird dann sehr lange dauern...“

„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, — ich habe zu tun.“

Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.

„Nun? Noch einen Wunsch?“

Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ichihr einen Brief schicken könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und verbrennen sie ihn. Agnes hatgar keineFreude auf der Welt. Sie hatnur mich.“

„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief, Sörine, — ich — ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen, na, — ist’s so recht?“

Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen, an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und verborgene Schätze gehoben. Zu ihrereigenen Freude. Ihm erzählte man nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein heraussuchen.

Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. —

Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten, Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“

„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und weiter! Und durch! — Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen, wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ —

Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen hält. Und die Umschrift:Nunquam retrorsum.Er blätterte indem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand:

„Suse, bruse, wat weiht de Wind?Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.Deine treue KinderfrauGesche Wiensen.“

„Suse, bruse, wat weiht de Wind?Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.Deine treue KinderfrauGesche Wiensen.“

„Suse, bruse, wat weiht de Wind?Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.

„Suse, bruse, wat weiht de Wind?

Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind.

Deine treue KinderfrauGesche Wiensen.“

Deine treue Kinderfrau

Gesche Wiensen.“

Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt:

San Remo 1890.Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,Von alters her im deutschen Volke warDer höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.Mütterchen.

San Remo 1890.Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,Von alters her im deutschen Volke warDer höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.Mütterchen.

San Remo 1890.

San Remo 1890.

Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,Von alters her im deutschen Volke warDer höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.

Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr!

Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn,

Von alters her im deutschen Volke war

Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.

Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt.

Mütterchen.

Mütterchen.

Sörensens Hand strich sacht über das Blatt.

Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen. —

Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein! sagte, denn er rechnete sich zusammen,daß Sörine nach dem Tode des Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf Jahre überlebt hatte.

Die folgende Seite:

Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.Heidekamp 1900 im Februar.Grauchen.

Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.

Heidekamp 1900 im Februar.Grauchen.

Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen, Fite Groth.

Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers:

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.Dieses wünscht dem gnädigen FräuleinHannes Hansen.“

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.Dieses wünscht dem gnädigen FräuleinHannes Hansen.“

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Dieses wünscht dem gnädigen FräuleinHannes Hansen.“

Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein

Hannes Hansen.“

Offenbar der Heidekampsche Reitknecht.

Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren eingetragen:

„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.Klaus Hansohm,Lehrer.“

„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.Klaus Hansohm,Lehrer.“

„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.

„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf.

Klaus Hansohm,Lehrer.“

Klaus Hansohm,

Lehrer.“

Dann noch eine Backfischhandschrift:

„Ich will dir immer dankbar und treu sein.Deine Agnes Asmus.“

„Ich will dir immer dankbar und treu sein.Deine Agnes Asmus.“

„Ich will dir immer dankbar und treu sein.

„Ich will dir immer dankbar und treu sein.

Deine Agnes Asmus.“

Deine Agnes Asmus.“

Und nun kam niemand mehr.

Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue Leder mit dem silbernen Wappenhindurch sah Erne Sörensen das junge ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt. Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die Sörine Heidekamp bauten.

So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift:

„Gut sein und glücklich machen!Dein Freund Sörensen,Direktor am Lyzeum Birkholz.“

„Gut sein und glücklich machen!Dein Freund Sörensen,Direktor am Lyzeum Birkholz.“

„Gut sein und glücklich machen!

„Gut sein und glücklich machen!

Dein Freund Sörensen,Direktor am Lyzeum Birkholz.“

Dein Freund Sörensen,

Direktor am Lyzeum Birkholz.“

Dein Freund Sörensen.

Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein, denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er, trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen...

Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung, die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen: hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon zugeschlossen.

„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“

„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“

„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.

„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen.

Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“

Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“

Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. — Und jung fühlte er sich mit einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...

***

Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde, die sich im Direktorzimmer abspielte. FräuleinDr.Stavenhagen hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr sowohl mit demLehrer, als auch mit demVaterAsmus in einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel legen mußte.

Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.

Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine verwundete Löwin.

Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der sein wehrloses,schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem Stock gezüchtigt.

Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes. — Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“

Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft, sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. —

Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen alten Stadt zu verzerren, hatte man dieHäuser wenigstens in eine weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.

Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.

Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind, und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte sich auch manches gespart haben.

Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er die Umrisse einer weiblichen Gestalt.

„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte Sörensen.

„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.

„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“

„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber die leidigen Kopfschmerzen, — Agnes behauptete, sie würde nicht folgen können...“

Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.

Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.

Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen, schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes Blättchen zu treiben. —

Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß die blasse Agnes Asmus und arbeitete.

„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei. Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“

Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen Augen ihn anschaute.

Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in haltloses Schluchzen ausbrach.

„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ riefFrau Asmus. — „Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich zusammen!“

In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme verhandeln.

Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.

„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude. Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.

Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann erneutes Weinen, heftiger als zuvor.

„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.

„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht will ich es tun.“

„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“

Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“

„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“

Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen, abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß nur, das ist nun mal nicht anders.

Frau Asmus schien draußen mit der andern Personin Streit geraten zu sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.

„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter, und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte. „Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen, — vielleicht bin ich jetzt krank...“

In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.

„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen sollen...“

Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige — — ich darf ja sonst nie mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie die Hände sinken.

Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. Wennichreden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“

„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. Soll ich?“

„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, — —“ Agnes deutete auf ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, — ich habe sie nicht verstanden...“

„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“

„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, daß ein Lehrerkind,unsereTochter, von Fräulein Nissen einen Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“

Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich unter diesen Augen.

„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal gütig, und dann ging er.

Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.

„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und VaterEhrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein Ordinarius.“

„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.

„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. „Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.

Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder an, da — trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- und Werbemarken leuchteten obenauf.

Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der rote Zorn stieg in ihr Gesicht undwollte losfahren, aber als sie das Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: „Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“

Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.

Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der Galgenstraße erkennen konnte.


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