Heidekamp, 1. April.Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am liebsten die Engel hatten?Und bei den Märchen die Feen? Die dann so plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu schön,wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott bei Dir ist. Und ich auch.Deine treue Sörine Heidekamp.
Heidekamp, 1. April.
Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am liebsten die Engel hatten?Und bei den Märchen die Feen? Die dann so plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu schön,wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott bei Dir ist. Und ich auch.
Deine treue Sörine Heidekamp.
Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die rechte Stelle.
Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete den Brief auf ihr warmes, junges Herz.
Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und mit diesem Lächeln schlief sie ein. —
***
Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.
Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, dochihrenGeburtstag für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seitJahrenden“ (wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt. Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt auf dem Felde der Unehre liegen blieb.
Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung und fliegender Hitze, undman tat gut, an diesem Tage nicht gerade verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.
Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer abgesagt hätte und was es „gab“.
Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.
Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „5. April!“
Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen, die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten, sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos grabenden Silberlöffeln abgetragen.
Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über den dampfenden Tassen.
Nur nicht so freundlich.
Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“, „Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.
Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. —
Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche Redeschlacht entfesseln sollte.
Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.
Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.
Das Lyzeum und sein neuer Direktor.
„Mir hat ergarkeinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte, auch nur ein Wort zu sprechen. —
„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“
Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich verarbeitet.
Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief: „Da muß man doch erst mal fragen, ob er eskann.“
„Ohhh!“
„Aber!“
„Ach, du großer Gott!“
„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“
„Es gehen da seltsame Gerüchte um, — ich bekümmere mich ja so wenig um das Treiben und Reden der anderen...“
„Hm, hm.“
Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. —
„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann, die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.
„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,... „er sei nicht mehr frei.“
Ahhh!
Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen. Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der Enttäuschung eine verschiedene war.
Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen herfallen.
„Ausganzeinfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“
„Wie? Unehelicher Sohn?“
„Der Vater Schneider oder Schuster?“
„Das wäre ja die Höhe.“
„Und der wagt es...“
„Heimlich verheiratet?“
„Zwei Kinder.“
„Aber da muß doch eingeschritten werden!“
„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“
„Aber ganz sicher.“
„Wer von uns sollte es weiter sagen?“
„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm FrauDr.Niebert das Wort. „Ich bin ja nunganzunparteiisch, denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, — so ist uns ja im Grunde der HerrDr.Sörensen höchst gleichgültig. Aber was Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklichsehrinteressant.“
„Darf sie denn das?“
„Was?“
„Aus der Schule erzählen.“
Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich,wurde durch wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl zurückgeschleudert.
„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nureineKlage geht, hält er die Hand, und das geht immerHerrHarks hin undHerrHarks her, sagt Fräulein Nissen, — na und man weiß doch... hm...“
Verständnisvolles Flüstern und Nicken.
„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend jemand salbungsvoll.
„Bravwar sieauch,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, „sie hat drei Jahre bei mir gedient.“
Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.
Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen: „Ja,sobrav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“
Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“
„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt,proundcontra. FräuleinDr.Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, — guter Gott, ich will nichts sagen, — sie könnte ja wohl beinahe seine Mutter sein, aber...“
„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“
„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme der Frau Postdirektor Hagedorn.
„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie nicht miteinander‘.“
„Sehr richtig.“
„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“
Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die vernichtenden Worte:
„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“
„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe nur Gutes, nur dasBestevon HerrnDr.Sörensen gehört. Die Kinder schwärmen alle für ihn.“
„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber mit was hört es auf?“
Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“
Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.
Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.
Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daßgerade über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. —
***
So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, — Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen — und so konnte der eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun muß sich alles, alles wenden!“
Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus, und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. —
Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gernmit hinübergetan. Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, — wenn er sie Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.
Er überlegte.
„Herein!“
Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein zaghafter Finger getan haben konnte.
Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.
Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was willst du?“
Keine Antwort.
Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen, denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend versicherte.
„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“
Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp — — bist du krank?“
Keine Antwort.
Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag willenlos in der seinen.
„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“
Keine Antwort.
„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“
Sie nickte unmerklich.
„Und was willst du nun hier?“
Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben möchte ich, — bis — bis — unser Wagen kommt...“
„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan. „Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“
„Bitte, bitte nicht.“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.
„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, — ich sorge mich um dich. Bist du nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“
Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...
„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.
Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges Mal nach dem Trotzkopf um. War eswirklich ein Trotzkopf, dann sollte er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich spaßen lasse. — Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als einen gleichaltrigen Knaben.
Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...
Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen und wahrhaftig — da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen, rennen, fliegen...
Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto ratterte davon, — er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.
Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?
Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.
Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.
Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nichtfinden, weiß Gott, wo sie stecken mag. Das kann auch nurdiesesMädchen, — aus der Stunde einfach fortlaufen — — Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, ich — — —“
Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, — jetzt vor den Kindern, — Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch einmal mit mir herüber.“
Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.
„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, — ich ließe dich lieber rasch nach Hause gehen, aber, — habe ich recht, wolltest du mich sprechen?“
„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß nach Hause gelaufen...“
„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. —“
„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, so lebhaft erzählte sie.
„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“
Ein scheues „Ja.“
„Willst du es mir erzählen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hast du Vertrauen zu mir?“
„Ja, ja!“
„Nun also. Dann frisch drauflos.“
„Ich — — ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse sein, Herr Direktor — — es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“ Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.
„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“
„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein Doktor,“ setzte sie leise hinzu.
„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“
„Danke. — Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“
„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen Trostbrief an die Manteltasche stecken.“
„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.
Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.
Es vergingen kaum zehn Minuten.
FräuleinDr.Stavenhagen kam erregt zu ihm.
Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich. Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel besessen. Sie, — wie sag’ ich — sie ist ein Neutrum, sie hat nichts Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, — daß ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger — wie die Sörine — Herrgott im Himmel, — zerstört hat sie — zerstört, — wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“
Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen Herzen.
Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab, und sein wackres Herz war voll Zorn.
***
Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter. Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche, wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig, auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.
FräuleinDr.Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich ergehen.
„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht vonPappe,“ rief Kahl gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“
Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.
„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden. Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht preisgeben.“
„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“
Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches, spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. —
„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“
„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.
„Will ich auch. — Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie denken Sie denn über den Fall?“
„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen hat.“
„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem Idealismus.“
Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: „Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich einpacken.“
„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer beneidet, — ich tu’s nicht mehr.“
„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwingeworden, um ihre Rechte gegen eine Welt von — Nissens zu verteidigen.“
Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben gehandelt...“
„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“
„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür gegeben.“
„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“
„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“
„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“
„Herr Provinzialschulrat!!!“
„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“Dr.Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau von Heidekamp gekannt?“
„Nein.“
„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der Engelkunde zutrauen, — aber — so — geradeso wie Frau Lore von Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute.IhrerTat hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“
„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich alle durchaus ruhig verhalten.“
Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult worden.“
„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebotDr.Hofer rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen:De mortuis nil nisi bene.“
„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“
„Was heißt ‚damals‘?“
„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte Klasse.“
„Dievierte!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“
Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus.Dr.Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“
Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch sehr dafür...“
Dr.Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.
„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse inkeinemFache ‚aufklären‘ könnten.“
Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.
„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die Sache besorgt, so konnte man denlapsusihrer Jugend und — sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“
„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“
In Sörensens Stirn zog zornige Röte.
„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, — heute ist ja doch die ganze Stadt voll davon, — eine Flut von Briefen hat sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. —“
Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.
„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“
„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen Köder, die der Mann auswirft! Nun hat derDr.Hofer auch schon wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im Ministerium nennt.“
„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen zitterte vor Gereiztheit.
„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben, einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“
„Und der Grund?“
Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die Antwort. —
Lehrer Hansohm trat zu FräuleinDr.Stavenhagen: „Geben Sie mir die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“
Sie nickte ernst.
„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp in diesem Kollegium.“
Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche Stille.
Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend damit durch die Luft.
„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen — und ich habe vergessen, daß es einLyzeumin Birkholz gibt. Denke nur noch an das Birkholz. Ahhh!“
Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.
„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie sich ein bißchen in acht, beinahe hättenSie mir den Hut vom Kopf geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“
„Ich dachte anmeinezukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen würde, wennmirdas passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre Distel vom vergangenen Jahr.
Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“
„Ja. — Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“
„Sie sind blutdürstig. — Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten Ihnen wertvoll sein.“
„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück. „Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“
FräuleinDr.Stavenhagen war sehr blaß geworden.
„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.
Und dachte, — ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige Liebe sei.
Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben. Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester, die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging, nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor sich selbst nannte.
Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und so häßlich sei. —
„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“
Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück, die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.
Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. —
Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. —
Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch, neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.
„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders tat es die Lore nicht.“
Diese hantierte noch emsig in der Küche.
„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.
Dazu im Winter die Gesellschaften.
Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für sieben hungrige Mäuler reichen mußte. — Denn Mama verstand es, selbst das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters Geige singen zu hören.“
„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie um, Fräulein Stavenhagen.“
Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.
Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren Kartoffeln und Bratklopsen.
Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig?Soviel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“
Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so liebte es der Lauscher da draußen.
Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück. Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm. Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden, verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für fünfzehn Mark.
Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. —
„So, — nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“
Er ließ den Worten die Tat folgen.
„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich, die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.
Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir nie...“ stotterte er.
„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen. Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng daheim, deshalb eilte ich her...“
„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein Doktor mit ihrer tiefen Stimme.
„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.
„AberwieSie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.
„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden eine Pfeife, — beileibe nie in behaglichen. Die Pfeifebringt mirerst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich zu Sinn.“
Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer Gegenwart.
Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.
Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich fange jetzt erst an zu leben.“
So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um seine Bewegung zu verbergen.
Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen durch meine Räume.“
„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. „Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“
„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“
„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“
„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert sie aber den letzten Rest Hochachtung vormir, und das wäre vom Übel. Guten Abend und Dank!“
„Halt, — ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen Kanadier?“
Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“
„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch ordentlich in die Schule nehmen.“
Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie grüßten und der kurzsichtige Sörensendankte. „Haben Sie viel Freunde und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“
„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das Kollegium.“
„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“
„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“
„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“
„Menschenliebe? Hm. Ja, zu denwerdendenMenschen. Ich bin allen Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“
„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“
„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher beim Herrgott haben...“
„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.
„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... Klaus Hansohm weiß es schonlange. Deshalb sieht er der Schwester ja alles an den Augen ab, und — ich habe gesehen, wie er sie einmal abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“
„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“
„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“
„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr fest die Hand. „Gute Nacht!“
Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.
„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht, weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. — Ich konnte heute nicht einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem Mannsbild techtelmechteln...“
„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“
„Korrekter???Direkter!!! Aha! Ich habe recht! Das Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“
„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“
„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“
„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“
„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr. Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz geschlendert wären...“
„Auchdashaben Sie gesehen?“
„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“
„Und das häßlichste.“
„Nein, den Ruhm nehmeichin Anspruch. Es genügt auch, daß Sie das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er die Schönheit für Sie mit.“
„Finden Sie ihn schön?“
„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem verlangenden Herzen. Na, wie ichüber die Mannsleute im allgemeinen denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘geschrien. Damit er sich nur nicht verhörte.“
„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“
„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also los? Beichten Sie mal.“
„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“
„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“
„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie geschehen, hören Sie? Nie.“
„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘, hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“
Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für die Kinder an seiner Schule...“
„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Ich bin sechsunddreißig.“
„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist, erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“
„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.
„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder Generaldummheit begangen habe.“
„O das ist schändlich!“
„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“
„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“
„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer Lyzeum haben.“
„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“
„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor lauert auf mich.“
„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissenhat endlich nach einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige — ach, ich weiß ja — kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, — sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite Klasse...“
„Weiter, weiter...“
„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen sagt...“
„So? Sagt Sörensen?“
„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, — es wird alles richtig sein.“
„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte beide Hände ihres Gastes.
„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens, mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“
„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. — „Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem Oberboden holen. — Nun und wie verhält sich der Direktor?“
„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“
„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch. „Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“
„Dr.Sörensen geht fast gar nicht aus...“
„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen, dannmußer...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht. Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“
Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten sich die beiden Hausgenossen.
Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte, daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. —
***
Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. —
Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute, kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal vor und las ihn zum zweiten Male: