Geehrter Herr Direktor!Dazu ist dieMutterda. Wollen Sie dieses mit einer schönen Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die Martha, die nunGott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt,heiligist. Denn die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die Worteviel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz.“AchtungsvollFrau Schlossermeister Steinicke.
Geehrter Herr Direktor!
Dazu ist dieMutterda. Wollen Sie dieses mit einer schönen Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die Martha, die nunGott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt,heiligist. Denn die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die Worteviel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz.“
Achtungsvoll
Frau Schlossermeister Steinicke.
Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der alte Freiherr.
Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit. Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein langer, weißer, sorgfältiggepflegter Patriarchenbart vervollständigte die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige Brauen große Kühnheit gaben. —
Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen, hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen, aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.
„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchskarteerwidern wollte. Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen. Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie, der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten hätten. — Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach der Ochsentour geht...“
„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen wollen...“
„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu Ihnen gekommen, sondern war erstbeim Lehrer Hansohm. Der Mann steht meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000 Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, — na, das ist Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen, sondern verwies mich sofort an Sie.“
„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“
„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war. Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und dann erst zu ihm.“
Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums, erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“
Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“
Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.
„Herr von Heidekamp, — ich fühl’s, es wird Ihnenschwer, zur eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘ sprächen... wenn Sie — — verwunden könnten ...“
„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine gemacht???“
Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.
„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger Geist in ihr...“
„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“
„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“
„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an? Aber — aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich — ich wollte ja schimpfen, — ich wollte ja dieses — dieses — Fräulein Nissen, es fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“
„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp,ich möchte nichts dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“
„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“
„Ist Sörine krank?“
„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott, wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“
„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“
„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der Heide...“
„Und versäumt die Schule.“
„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank entrinnt?“
„Ja, das verlange ich allerdings. — Herr von Heidekamp, Sie hätten ja Ihre Sörine abmelden können, — das würde ich sehr bedauern, aber ich könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“
„Herr Direktor, — Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen der Mädchenseele gesprochen...“
„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugendvon Sörine ist ja ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem Herzen...“
„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, — meine lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter — — —‘ Das war ihr Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“
„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnisjetztschon,“ sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.
„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es wird das Rechte sein. —“
„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Händehaben den Schleier von Sörines Kindereinfalt gerissen, — sanfte Mutterhände werden die Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine tapfere Schülerin zu sehen.“
Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn noch um Etliches überragte.
„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte Sörensen.
„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht an den törichten Ausspruch...“
„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres Vorurteils gekommen bin.“
Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der Küchentür stand knixend Frau Dietz.
Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“
„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den Toten nichts Übles reden.“
Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ —
***
Sonntag abend.
Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann — dies Heidekamp. Hab’ Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch keinen in Birkholz erlebte. —
Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!
Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. — Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.
Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis ist prächtig. Grauchen und ichsind gute Freunde geworden. „Wir haben beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“
Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? — Wie wir heute da draußen Pläne schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. —
Dienstag abend.
Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus beredenmüßte. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen beiden, daß ich wohl als Direktor demLehrerAsmus etwas zu befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, — nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf nicht merken, daß ich dahinterstecke.
Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.
Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne und Liebe hungern soll, — Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. —
***
Ostersonntag abend.
Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.
Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff, entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst, daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und — Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen. Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein. Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, — so konnten schon „das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. — Und die Frau Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen, saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während dieFrauen der Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...
Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und fragte...
Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!
Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen Heimweg gesprochen.
Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.
Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden, liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.
***
Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien niemand verreist, und sofand die Anregung lebhaften Anklang. Das in der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores Lachen.
Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg inIhrerschätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“
„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu bringen.“
„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, — Gott soll mich bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau Kahl annimmt.Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“
„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. — Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“
Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter gespielt haben...“
„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“
„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“
„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore nicht genug Mittagessen gegeben.“
„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“
„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“
„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik unterstützt.“
„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“
„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im Deutschen Reich, wo er seineUnkenntnisseverwerten konnte.“
„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch schon unter Clausen segensreich wirkten?“
„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“
„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“
„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. „Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr verhaßt, eine strahlendeBraut, ein seliger Bräutigam bedeute einen Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich verärgert zurückgezogen.“
„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“
„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr Neustes eingerissen, — das ist so was für Frau Professor Traute.“
„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“
„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“
„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen gesellt, einer feinen, älteren Frau,die ihm sofort von „ihrem Hans“ erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.
Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“
„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit ab.
„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die ist nicht von Pappe. Und siegrüßte mich heute auf der Straße mit dem Kopfneigen einer jungen Prinzessin, — nur so eben gerade, — weil ich sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“
„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, ‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“
Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“
„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“
Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“
„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich weiß ja, daß sie derNervus rerumder Klasse ist, ein rechtes Mütterchen...“
„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein Doktor ein.
„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich aufhängen.“
„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.
„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“ forschte sie dann. —
„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, — Fräulein Doktor, ich sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht, daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein Ritter desancien regime...“
„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und kann sie nicht finden, — nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen Wohltätigkeit. — Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift auf?“
Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf diese Frage zurückkam.
„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen Herzenswunsch drangeben.Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“
Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...
Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.
Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“
„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen Lachen zog sich Frau Traute zurück.
Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das unterste Ende setzte, konnte die Würdenicht so streng gewahrt und durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher „dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke auf den Teller legte.
„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter Zeit.“
„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor zweifelnd.
Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher undflüsterte: „Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“
Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben, an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.
Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.
Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen Fleck.
„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt. Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr! Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen:Jetzt läßt er sein Nachtlicht leuchten!“
„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen! Teure Freunde! Liebe Frau!“
„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm Sörensen mit dem Finger drohte.
Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das „tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegiumbetonte, sowie das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.
„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins Ungemessene. —
Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt, die vorbildliche Einigkeit, das ist meineHoffnung. Rechnen Sie immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“
„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.
„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die Stavenhagen an, — es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“
Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.
Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.
Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in Augenschein zu nehmen.
Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke lehnten sich an die Bäume.
Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. —
Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn aufrichtete und mit Kreidestrichenin Felder teilte. Er rief einen Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und begann die Bahn zu säubern.
Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar herausfordernde Augen.
Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“
Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.
„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.
„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah die Frau lauernd an.
„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn. Nach einer Weile stand die Frau auf.
„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knechtzu, und sie diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte sie auf den Tisch.
Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie nachdenklich in der Hand.
Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die Frau auf Kahl zu.
„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.
„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.
Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“
Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.
„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege Kahl, können wir kegeln?“
Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam den Kopf.
„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt darin. Ich selbst habe eben einenGeist gesehen und wenn mich nicht alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“
Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.
Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.
„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“
Man bildete Parteien und kegelte.
Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune herunter.
Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.
„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“
„Herr Oberlehrer Kahl,Siewerden mich immer unglücklich lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.
Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten Gemütern auf, — ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er abwehrt. —“
Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien. Aber das fanden sie gerade entzückend.
Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste sie gutmütig durch die gespenstische Heide. —
„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht des so sehr Verehrten.
„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“
„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich ja erst abwartenmüssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern gleich herum, wenn Sie befehlen.“
„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“
„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht. Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“
Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick Sörensens dankte ihm.
Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe, ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.
„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“
„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“
Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen, wollte sie Agnes helfen.
„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie sanftmütig.
„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“
„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt, — wie schaffe ich eine andere Freude?“
„Darf sie also kommen?“
„Ja.“
„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“
„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich nichts von Herzensgüte ...“
Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.
Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“
„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da könnte ich zuschließen und...“
„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch wirklich die Wurzel alles Übels war.
„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“
„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“
„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das Mittagessen vorher...“
„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich zu.“
Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.
Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.
Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute friedloser...“
„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene Schuld,“ grollte Hansohm.
„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine Legion und besitze nicht ein einziges.“
„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse Weiber in Essig legt‘ und dann...“
„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor. „Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“
Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht noch auf derselben Stelle stehen.
An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe kränkend kurz und knapp.
Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das schwer hinter ihm ins Schloß fiel. —
***
Sonnabend nacht.
Das Skelett meines Hauses grinst.
Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?
Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt, gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer, willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.
Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen, wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande warst.
Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt Einlaß.
Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. —
Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet. Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein Fältchen des Inneren verborgen bliebe. —
Ich will ihr nicht schreiben.
Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.
Lebten meine Knaben noch, — vielleicht...
Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...
Guter Herrgott, hilf mir!
Ich bin ganz ruhig.
Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.
Ich will Lisette sprechen. —
***
In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. — Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.
Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. — Und er und seine rührigeFrau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über Nacht bleibenden Gästen. — Hatte er doch der hübschen, kecken Frau Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.
Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.
War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung wohne.“
„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der Polizei Bescheid zu holen.“
So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus fallen. —
Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.
Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam in sein strenges Gesicht blickte. —
„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.
„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.
„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem, wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“
Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend. „Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen, Erne...“
Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“
„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein, „und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“
„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen fürderhin nicht hältst, Lisette, — so zwingst du mich...“
Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen zurück?“
„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg. Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“ lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht das nicht länger.“
„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt, es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“
„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen, er mußte über Land. Schon als ihr ankamt,habe ich euch beobachtet. Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, — „die sah dich arg verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“
„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt, daß ich nicht frei bin...“
Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“ murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“
Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken... Werde bald gesund! Leb wohl! —“ Er reichte ihr die Hand und ging mit schweren Schritten.
Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.
Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein zartes Mädchen, weinte.
Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.
Sie tastete sich zum Sofa.
Und während sie sich dort von dem Krampf erholte,überdachte sie ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie höflich der Wirt zu ihr war.
Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.
Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh war, heute fortreisen zu können.
Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen hatte.
***
Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.
Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.
Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer. Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.
„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich. „Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“
„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an? Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“
„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“
„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so eilig?“
„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen will.“
Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.
„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen, Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“
Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame arg verstört und bekümmert dreinschaute.
„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“
„Was ist denn geschehen?“
„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen gesehen, unsern Sörensen,meinenSörensen, wie er eine Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“
„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen Schein blasser.
„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag Ihnen, Doktorsche, vondemManne schmerzt es mich, daß er nicht ist, was er scheint.“
„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser als all die andern. Für mich bleibt Sörensen — Sörensen und wenn er hundert junge Weiber hofiert...“
„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren runzeligen Händen Doras Wange.
Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. „Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollenmich doch nicht so in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
Dora Stavenhagen faßte sich.
„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene rundliche Fülle mit dem Finger.
„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“
„Fräulein Tingleff!!!“
„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei, deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her erinnere...“
„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“
„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinteFräulein Tingleff ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem Herrlichsten von allen?“
„Eigentlich nicht. — Sörensen geht nur Wege, an denen seine unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“
Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der Einsame wird uns brauchen können. —“
„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an seinem Gesicht, daß erniemandbrauchte.“