Chapter 7

„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“

„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist fürchterlich.“

„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu hören, und fürdas Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr Gelegenheit dazu gibt.“

„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht. Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp auch mit her?“

„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“

„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins sein Lebtag vergebens erfleht hat. — Mit aller innewohnenden Menschen- und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“

Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.

Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.

„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben? Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht zersplittern.So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht. Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom Dienstag, auf den ich mich freue.“

„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer. Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes Tänzchen anhebe.

„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie, wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm blasen...“

„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, — ganz sicher — — es ist besser so. Aber Hansohms — o, das ist herrlich! Hoffentlich ist Lore wohl genug.“

„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“

Die beiden berieten noch eifrig miteinander.

Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein waren, mit eins den kommenden fröhlichenDienstag vergessen und dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.

Sonntag abend.

Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.

Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber für einen Direktor doch wohl berechtigt.

Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern. Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...

Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. —

So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung. Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.

Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm, alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. KollegeHansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme, die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken, aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen, aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.

Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich nicht genau zu sagen.

Aber es ist da.

Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles, Gesundes für mich. — Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe körperlich.

Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...

Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß ich dort war.

„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so Kleinigkeiten sind...“

Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. —

Aber auch ihm kann ich nicht helfen.

Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum „schwarzen Schaf“ befördert werden ...

Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.

Von ihm und dem Ehepaar Asmus, — ob sie schweigen oder es vorziehen, zu schwatzen.

Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu niedrig gewählt?

An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, — würde beichten, würde fragen... Mutter! Mutter...

***

Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.

Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit raschem Entschluß.

Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.

Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.

„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.

„Nichts Gutes.“

Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, — das, was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“

Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in meiner dritten Klasse gestohlen.“

„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“

„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir den Dieb in Sicherheit einwiegten. —“

„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“

„Seit vierzehn Tagen.“

„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in schroffstem Gegensatze.“

„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.

Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“

„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte, frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“

„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“

„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“

„Was wird gestohlen?“

„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neugekaufte Hefte an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel verschwand...“

„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei solchen Vorkommnissen?“

„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich beizulegen...“

„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen das einzig Gegebene...“

„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete Durchstechereien.“

„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“

„Herr Direktor,“ — Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, — mein Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf — ich spreche streng vertraulich — auf den Schuldiener Harks.“

„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“

„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks gespielt hätten.“

„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“

„Hm.“

„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm. — Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“

„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu gehen.“

„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“

„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...

„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose Anschuldigungen.“

Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“

„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn Harks nicht der ist, der er scheint?“

„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald Klarheit schaffen.“

Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des Harks?“ fragte er schroff.

„PersönlicherFeind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, — seit einiger Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da noch einmal vorstellig werden...“

„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“

„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich der ‚Onkel Harks‘ für sie...“

„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld seiner Schwestertochter.“

„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.

„Herr Oberlehrer, — ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles sorgen.“

„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“

„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“

„Ziemlich, Herr Direktor.“

Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“ Aber da las er in den Augendes Kollegen so viel Befriedigung... und fühlte zugleich, daß er — gehaßt wurde...

„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die Bertha Ehlen vernehmen ...“

„Guten Morgen, Herr Direktor.“

Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.

Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. —

Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat, wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe!“

„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine Freundin hast.“

„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“

„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im rechten, echten Angeberton.

Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja immer fortgegessen,“ schrie sie. —

Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der Wintermantel gestohlen?“

Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan und wenn ich es nicht getan habe?“

Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.

„Was willst du, Lise Steffens?“

„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen. Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“

„Setz dich.“

Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“

„Der Schuldiener?“

„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“

Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“

Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.

„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.

Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“

Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.

Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt, Muff und Gummischuhe lagen obenauf.

„Ich habe es aber nicht getan, und...“

Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und schob sie zur Türe hinaus.

„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst nicht wiederzukommen.“

Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt, sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“

„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“

Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor öffnete ihm.

„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch einzulassen.“

Es war alles rasch erledigt.

Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus seiner Brust.

„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“

„Mein guter Name!“ ächzte Harks.

„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. — sie tun mir leid.“

„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie — glauben nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr Direktor...“

Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.

„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte derDirektor, „ich habe nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“

„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“

„Ja, — gehen Sie, Harks.“

„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr Direktor, — ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“

Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr, Harks,“ sagte er einfach.

„Herr Direktor — wenn Sie mal einen Menschen suchen, der — für Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.

„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. —“

Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten Klasse zurück.

„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern. „Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“

„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch wohl...“

„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau. Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ —

***

An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn. Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. —

„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und harmlos. Und gleich darauf: „Aber,lieber Herr Harks, — ich bitte Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht Ihr eigen Fleisch und Blut...“

„Herr Direktor,“ — ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf, — „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, — — in die Hand eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.

„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, — ich höre zu.“

„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“

Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.

„Herr Direktor, — der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“

„Harks, — was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. —

„Ja, er will mich verderben und — er kann mich verderben. Aber ich will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll nicht diese angstvollenAugen behalten durch meine Schuld. Sie sollen mein Richter sein, Herr Direktor.“

„Harks, braver, alter Harks...“

„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, blühende, schöne Kinder, — was das heißt, können nur Elternherzen recht verstehen — dann kriegt ich den Typhus, — Herr Direktor, ich will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. — Die einzige Freude in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, — wie ein Bäumchen, Herr Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, — das schöne, feine Mädchen, — da muß ich mich immer abwenden. Grad so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“

Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, Harks.“

„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch getan, und, — es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich — die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit einer Lüge in das neue Amt gegangen war. — Aber wie wir hier so am Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie schon zweimal geschickt.Und der Apotheker fragte an, ob er sich an die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch an unser Warten und an unsere Angst denke. Und — — da lag nun — —, Herr Direktor, da hatte ich, — da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und — ich will’s nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja längst das Geld von der Tante. —

Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann — dann wurde auf einmal dem Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken sollen. — Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein und baten und flehten....

Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....

Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. Herr Direktor, — wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam doch zu spät....

Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth — die Lisbeth, Herr Direktor, die hatte ihr junges Herz dem — — geschenkt.“

Der alte Mann weinte schwer.

„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, — aber doch auch wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, — sie diente erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......

Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...

Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.

So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“

— — — — — — — — — — — — —

Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.

Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.

Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher werde.....“

„Herr Direktor, — ach Herr Direktor!“.....

Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte das gestohlene Gut gelegt hat?......“

„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks. Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht — wegen Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein verirrtes Kind aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. —“

Sonntag abend.

Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. —

Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.

Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher immer sagte, — das war lähmend.

Und dabei stillhalten zu müssen.

Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. —

Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.

Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......

Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....

Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.

Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.

Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir allein zutiefst gehört.

Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt die Herzen auf. Wie gerecht und gütigurteilte er über Harks. Wie verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! —

Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. — Meine drei Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken. Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?

Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.

***

Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.

„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....

Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen waren freudig bereit, uns zu begleiten.

Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer gebreitet sehen will. —

Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“

Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.

Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.

Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen, während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen sprach. — Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.

Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“

„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm: „Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in Heidekamp essen.“

Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli hat recht, wie immer.“

Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.

Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.

„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da, sehen Sie, dort — Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben biegt er um die Waldecke.“

Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen. Frau Försterin hatte Kuchengebacken, als ob anstatt zwölf junger Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. —

Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.

„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“

„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“ sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich. „Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie weise hinzu.

„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“

„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“

Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur gut sind, sie treffen sich doch.“

„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei arme Schächer, wie Agnes und ich.“

„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus, Sörine Heidekamp.“

Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.

„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme. „Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und Bresthaften in unserm Dorf wollenauch mein Lachen. Wo soll ich’s immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe? Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr viel klagen.“

„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht sagen, du junges, liebliches Kind?“

Ganz still gingen wir nebeneinander her.

Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich auf uns herab.

Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit Großvaterli.“

Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler seid ihr beide, du und das Großvaterli. —

Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. —

Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!

Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.

Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er unsin der Ursprache vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!

Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein Stavenhagen Mütterlichkeit.

Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner Schwester einlud.

Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz, wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. —

Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.

Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse. Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne aufböswillige Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.

Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...

Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.

Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes, großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. — Sie hatte ihr Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist köstlich.

Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er, kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...

Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.

Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein Tingleff. Von dieser ist Telse in SachenPecuniaabhängig. Sie möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will mir keinen Beruf eröffnen.“

„Was meint sie denn?“

„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.

„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.

„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“

Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie „Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.

„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen „Bohrwurm“ führt, — „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit „selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür verantwortlich. Kapiert ihr das?“

„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“

„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.

„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine ehrlich, — „aber — Großvaterli sagt nichts, über das man nicht fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das ist so schön. Habich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“

„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.

„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: „Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“

„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.

Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. „Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“

„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.

Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengästehat uns der Ehrenmann aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß mit der Kapelle verbindet.

Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.

„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen. „Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt, müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält, — die weiß Bescheid.“

Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, — ein rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.

Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung, und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.

„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause rechtgesund werden“, sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“

„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren. — Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. —“

„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, — ach ich freue mich ja so schrecklich!“

Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an dem Herrenhause da draußen, — dies große Freuen. —

Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.

Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald — ick freu mi bannig.“

Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im ausgeprägtesten Sinne.Mitleidscheint sie sogar ein wenig zu verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, „diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.

Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.

Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das Mitleid für gar zu billig achtet. — Mitfreude wächst nur auf dem Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? — Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem Unvermögen, hier Freude zu geben.

Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.

Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch Schulleiter.“ — Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.

Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“

Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:

„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“

Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.

So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.

Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom Willen eines starken Einzelnen.

Aber damit hat sie nur bedingt recht.

Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohlwieder und wieder an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. —

Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:

Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine alles das geben, was sie sich wünscht. — — — — —

Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet, die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in Empfang nehmen mußten.

Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten und salutierten mit den Peitschen. —

Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden. Gottlob, die Gefahr war vorüber.Wer so lachen konnte und so frei von der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter Jugendleiter nach Gottes Herzen. — Der alte Friedrich kutschierte in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem Handpferd Isabelle mit. —

„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag allein zu lassen, so finde ich das roh.....“

„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, — ich war eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“

„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches geleistet, — er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der braucht jetzt wohl Ruhe.“

„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute, als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, — ich brauche dich! Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“

Hansohm schloß die Haustür auf.

Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.

„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein Doktor, — so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es noch glüht. Halloh, Lore, — gut Freund!“

Er öffnete die Wohnstube.

Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine Hausschuhe standen bereit.

Alles atmete liebevolle Fürsorge.

Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.

Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.

Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der letzten Zeit......

„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“

Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.

Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände gelegt.

Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch einschönes schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte Frau. —

Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.

Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.

Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. Gott befohlen, Klaus Hansohm.“

Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn Direktor sprechen.

Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit schweren, müden Schritten zu ihm trat.

„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte Sörensen mit viel guter Liebe seineArme um den jungen Kollegen, und dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.

„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, — und Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. —

***

Mein alter Foliant, — auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.

Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem himmelhochjauchzend — zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts zu ersetzen. — Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen darf. —

Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders unsympathisch.Wennman aber denn durchaus als Obersekundaner diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. —

Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. — Hätte sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen. — Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den pp. Eltern und Vormündern. — Aber Fräulein Nissen hatte nicht das geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.

Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. — Eine weitere Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und „Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein „Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. — Dann erst hat er Hanne Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.

Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand,nahm ich an mich und wurde deshalb von Konrad Dierks — gestellt. Das Bürschchen kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben.“

Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“

Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und überreichte es ihm.

Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. — „Also Ihr Gedicht wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. „Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der ersten Klasse.“

Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:


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