Chapter 8

„Brünstig brandet mein brausendes BlutWider die Wogen wildwallenden Herzens.“

„Brünstig brandet mein brausendes BlutWider die Wogen wildwallenden Herzens.“

„Brünstig brandet mein brausendes BlutWider die Wogen wildwallenden Herzens.“

„Brünstig brandet mein brausendes Blut

Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“

Es war aber noch erklecklich länger. — GlaubenSie, daß Telse Lüders reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.

„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit ihnen abgeschlossen.“

„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“

„17 Jahre.“

„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“

„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.

„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen, daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen gelernt, dünkenSiemich eine großangelegte Natur zu sein.“

Ich verbeugte mich geziemend.

„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste vonmeinemDirektor behandelt worden, .... ich — ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als ihn... zu fordern.“

„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“

„Jawohl, Herr Direktor. — Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, — meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, — aber sie hat mich unerhört im Stich gelassen. — Es bleibt mir keine Wahl. Wollen — wollen Sie mein Kartellträger sein???“

Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden unbedarften Jungenmit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, — da lachte ich schließlich so erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.

Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann — fing er an zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich — freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“, daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....

Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu arbeiten.

Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. —

***

Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau Dietz geheimnisvoll beiseite.

„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der Unzufriedenheit.

„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.

„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“

„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.

„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer. Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen..... Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch geguckt .....“

Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“

Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.

Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. „Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem Besuche weiß.....“

„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“

„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.

„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr Menschentum ....“

Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.

Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: „Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger Mensch, — ich — ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes gelernt, als hübsch zu sein.

Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit vorbei......

Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“

„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“

Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende.Ich habe mir vieles gefallen lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu mir, — ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus, Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, — so viel Sauberkeit in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann — gleichviel woher — erfuhr, daß gerade im VorlebenmeinesMannes ein häßlicher Punkt sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben, habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen sei und — mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun — Herr Direktor, nun wohnt da draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person — man sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles so niedrig, — ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider Bertels.....“

Frau Kahl schluchzte schwer auf.

„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.

„Ja, und gestern — — gestern war sie sogar in unserer Wohnung.... Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein Dienstmädchen stand dabei und grinste....

Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zusein, — er schalt mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“

Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe vorstellen“, bat er drängend. —

„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und — — Sie sollen der Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, — Sie werden Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen, denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“

Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und — — alles so widerstandslos aufgeben?“

„Er haßt Birkholz — und Sie!“ sagte Frau Kahl.

„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, — aber Haß???“

„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den Aufrechten....“

„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte. „Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und beleidigt und doch immer dieselbe....“

„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er jetzt.

Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus, und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. —

Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ —

„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“

„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.

„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....

Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“

„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings nicht.“

„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“

Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer auf und nieder.

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und — das Pharisäertum geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen gemünzt war. —

Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.

Aber nicht allzuweit.

Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm sonst gegeben: besinnliche Stille.

Er befand sich in seltsamer Aufregung — und Verlegenheit. Und die Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den „Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier Schneidermeister Bertels wohnte.

Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.

Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts anderes lesen als: Lisette Balian.

Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere Todfeinde gegenüber.

„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.

„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“

Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.

Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wiedumirwehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und schüttelte die Fäuste.

„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht gerufen.“

„Aber wie kommstduhierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer Heilanstalt....“

„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich ordentlich pflegen und auskurieren....“

„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich habe eine zähe Natur.“

„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel gab ich dir reichlich....“

„Ja. — Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld. Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“

„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“

„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“

„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.

„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“

„Woher wußte er deine Anschrift?“

„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war alle, und — alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen. Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“

„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“

Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und biß sich auf die Lippen.

„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“

„Erkläre dich näher....“

„Nun, der Herr Kahl meint doch, — es besteht irgend etwas Unsauberes zwischen uns beiden, mein lieber Erne.Meinst du denn, ich hätte ihm gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.

„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße Lisette Balian und — — — na ja, er hatte sich eine ganze lustige Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.

Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollteerhereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sonderndeine Frauwäre...“

„Lisette!!!“

„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze Geschichte verkreckt.“

Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich aus. Heute nachmittag komme ich wieder und — bringe dich selbst in ein Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß du krank und allein in die Weite fährst....“

Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen brannten.

„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Undwir zwei hätten doch dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh dich gar nicht.....“

„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann — — — geliehen hat, — packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus. Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging, zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte, bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei Kahls kündigen.....

Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.

Zorn und Scham brannten in seiner Seele. — —

***

Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß erwartungsvoll und horchte nach der Tür.

Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute zuhören wollte in der Religionsstunde. „DerliebeHerr Direktor“ hatte er gesagt.

Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten, wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine Antwort hatte ihm gefallen. — Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....

Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben- bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien, um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger Neugierde zu verfolgen —

Großer Pädagoge Traute!

Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt, und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.

Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.

Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.

In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“, sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“

Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.

„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.

„Ach, — Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“

„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.

„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen. „Sone ganze Stadt mit allen drin.“

„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“

„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden und strich liebkosend über die Blondköpfe.

„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige, und Hansohm bestätigte lachend.

Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden und fragten ihn um Unverstandenes.

Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der neunten Klasse ein guter, ja der besteFreund war, zu dem sie recht mit bewußtem Vertrauen aufsahen.

Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen Schule und Haus. — Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.

„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur Mutti, wie siesoweinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ — Der hat ihn dann auch aufgekriegt.“

„Na, der hat’s auch leicht mit — die vielen Werkzeuge,“ bestätigte Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.

Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.

Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen Ungehorsamangewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, — aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt Sodom und wurde — zur ‚Salzgurke‘.“

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Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. —

Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, „ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihnalle, — wohlgemerkt denKinderfreund, der ihnen entgegenkommt, nicht den, den Ihrals ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“

„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie gewesen....“

„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“

„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor Claßen.“

Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde....Sienatürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl meckerte hämisch. —

Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, — grübelte darüber nach,wie man wohl dem jungen Lehrer eine Herzensfreude bereiten könne.

So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun, sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.

***

Sonntag abend.

Die Heide blüht. —

In diesen drei Worten liegt ein Erleben.

Die Heide blüht.

Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?

Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen. Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....

Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden Haar an den Schläfen. —

Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegenauftaucht und grinst. Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“

Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.

Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.

Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.

Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.

Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald von Unterlüß. —

Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde vom Umherlaufen in der Stadt.

Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.

Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.

Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.

So, — als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen wäre....

Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünfMinuten beisammen. Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide mir bot.

Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende, grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine rote Heide.....

Dann sprang ich auf und besann mich.....

Und wanderte, wanderte, — bis ich mich in Heidekamp wiederfand.

Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten gleich wieder umkehren.

Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben. — Man ließ mich auch nicht fort.

Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand Spiele unternahm.

Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie umher recht wie ein Sommerfalter.

Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen zu uns auf die Terrasse.

Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.

„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem Gürtelsträußchen....

„Oh — nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, — wie täppisch du immer bist!“

„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“

Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.

Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. —

Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es war wie ein herber Schmerz.....

Meine Schülerin. — Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen nach Wunsch deines Vaters....

Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, — löse sie fein langsam....

Denn lösen willst und wirst du sie wohl. — Der alte Herr gab mir sein gutes Vertrauen.

„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte. „Neffe Kurt ist mirder Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn er erst Herr hier ist.....“

„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....

„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, — sie hat ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden soll...“

In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen, herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort, Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich langweilig.“

„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.

„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren Namen.“

Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen, rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.

„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. — Alssie zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“

„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“

„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“

Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten Worten zu mir herüber.

„Und dann,“ — Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, — „Herr Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“

Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.

„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine, aber sie lächelte nur schattenhaft.

„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete, pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.

„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab, anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu beschäftigen...“

„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer etwas anzuvertrauen....?“

„Eine Bitte habe ich, — — eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig mit tiefem Ernst. „Esmußetwas für Agnes geschehen...“

„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“

„Ich denke annichtsanderes“, rief sie erregt. „Aber alle lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“

„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast könnt ich drüber erschrecken.

„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen, und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“

„Sörine...“

„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja direkt wütend über meinen Vorschlag....“

„Sörine! Kindskopf!“

Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische Sachen, sondern .....“

„Sondern?“

„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“, vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“

Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine Stimme nicht in der Gewalt.

„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.

„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.

„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“

„Natürlich!“

„Darf ich ihn wissen?“

„Ja. — Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er gesagt.“

„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute Freundin von ihm schieden....“

„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“

„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit nachkommen. — Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenigzusörinenhaft. Ist denn etwasBesonderes geschehen, daß Sie wirklich Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“

„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“

Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“

„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse mich nun auch fest darauf. — Die Agnes freilich, die hat schon jede Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“

An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße Gestalt und sah mir nach.

Und wandte sich blitzschnell und floh davon.

Um Mitternacht.

Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.

Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, — ich will ihn meinem Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, — vielleicht ist er wichtiger Art.“ —

Ob er wichtig ist?

Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen Namen trägt. — Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz geschaut, mein Erne, — ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus 7, Vers I. — Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechteTür wies, daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und die Hände falten mit Dank. — Und haben wir uns noch auf eine Weise ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der Erne, — so kreuzbrav. — Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum Lachen....“

Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs Lachen gut ist.

Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.

Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach Christengebot feurige Kohlen willstsammeln, und der die letzte Ehre antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.

Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine Sörensen.

Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....

Deiner würdig will ich’s leben. —

Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein Gottes.“

Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du gute Mutter...

***

„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten! Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man von ihm weiß.“

„Genügt aber, wenn das Wenigegutist“, entgegnete der Kollege.

„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.

Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von nichts zu wissen — — und heute schon fort.....

Vermutlich ein Telegramm???“

„Vermutlich.“

Traute sah, es war aus Rasmussen nichts herauszu holen. Ärgerlich ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile: „Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur, daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz abgedampft sei, ordentlichgelaufensei er, um noch den Frühzug 554zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, — na, Sie wissen ja Bescheid.

Unsauber, — im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, esmußihm nächstens den Hals brechen....“

„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. —

Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.

Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er an dem Direktor vorbeischritt.

Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des Grußes gar nicht bemerkt.

Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit ihren Frauen, und es war wirklichbefremdlich, wie langsam jede Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite schauten...

Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß war mir Ihr Gesicht, obgleich — — — ich eben aus meiner Heimatkomme“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“

„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.

Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der Heimkehr gebacken hatte. —

„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“

„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt zur Antwort.

„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil Sie mir prophezeien wollen....“

Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.

Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.

„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf. „Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, — es verdirbt mir beinahe ein wenig den Tag...“

„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden forschend.

„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. —

„Ja. — Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“

Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.

Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas. Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr Vertrauen?“

„Das haben Sie, Herr Direktor.“

„Also? — — Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“

„Ja, Herr Direktor.“

Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:

„Hängt es — — mit meiner Reise zusammen?“

„Ja.“

Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen kann ich mich nicht schützen.“ Er sahdem jungen Kollegen in das verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor gehen? Sagen sie ihr, — ich — ich hätte vor wenig Tagen meine Frau begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“

Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu ihm. „Ich — danke Ihnen Herr Direktor.“

Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein treues Frauenherz aufgenommen.

Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein. Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“

Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe ehren.“ — — —

***

Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand allsonntäglich eine Viertelstundevor dem Fenster, um ihrem Herrn Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die Ecke.“

Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.

Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte Luft taten wohl. — Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin durchsetzt war.

„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg, und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.

„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das muß ich versuchen...“

Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue zusammenzustellen. „Es darf nur voneinemgebraucht werden, sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytetund mit Sorge gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der Melancholeya.‘“

Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick ernsthaft zurück.

Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus, wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte: ‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir gar nicht.‘“

„Die Kräuter sollen ja auch nur dieDeernsschön machen“, scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.

„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde, da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.

Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.

„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen aufleben, — — Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“

„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in Birkholz festen Fuß fassen werde?“

„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt, aber ich habe immer dagegen gestritten.“

„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie, Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“

„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.

„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der Schule ernstlich gefährden.“

Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an. „Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“

„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend, „so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter arbeiten....Ichhabe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die Elternmeiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir erst ein Anonymus verraten.“

„Anonymus???Bekommen Sieauchanonyme Briefe???“

„Auch???Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche herum?“

„Ja.“

„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug, solche Dinge gebührend zu empfangen?“

„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit. Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde. Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine, gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht, einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ —

„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen Birkholz.“

„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. — Und schon als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. — Aber Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerlicheErfüllung. Er gab mir Besseres, ließ mich meine Heimatlieben. Das war schon Glück. Dann kam dasErkennenmeiner Heimat, all der reichen Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“

Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen flammten. —

„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.

„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben.Siesind mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz einen Lehrer vonGottes Gnaden!“ Denn nur durch die Kinder kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig, das Innerste bei ihnen herauszuholen.“

„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.

„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“

„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“

„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einerWeile: „Kann dies Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“

Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leiddarfsterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen Muttererde der Heide zu begraben.“ —

„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen Claußen, — Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Siewollen, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“

Sörensen stutzte und blieb stehen.

„Ich soll.... Kollege Hansohm, — Sie meinen — ich soll Farbe bekennen? Soll mich gegen — — anonyme Beschuldigungen verteidigen?“

„Nicht ganz so schroff — — Herr Direktor — o nun habe ich wohl alles verfahren — — wie leid mir das ist — —“

„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zusitzen und sich belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“

Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.

„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“

Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas von Agnes Asmus gehört?“

Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen, Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus sprechen.“

„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr, sehr leid. Meine Reise und — quälende Begleitumstände hinderten mich völlig. — — Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen und möglichst alles Versäumte nachholen.“

„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“

„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf. „Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen eingegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen Augen der jungen Sörine.....“

„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich — ich bin der Agnes Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb. Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen, sobald es die Schule verlassen hat?“

„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“

„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen? Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“

Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.

„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus, wenigstens die Stiefmutter, — es begrüßen werden, ihr Kind bald los zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. —“

Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er brüderlich herzlich.

„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit aufgebaut ist?“

„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für ein schönes, festes Fundament.“

Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell! Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein einmauern lassen. —“

***

Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um 8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.

Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten rasche erschöpfende Antworten, — mit freundlichen Augen schaute der Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.

Dann klopfte es plötzlich an die Tür und hereinschob sich unter vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.


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