Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.
„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, — nicht zu finden. Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, — er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“
„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit Heidekamp verbinden.
„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.
„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig den Hörer an. „Herr von Heidekampmeint, sie sei krank. Aber die Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. — Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf mich, Klaus Hansohm.“
„Verzeihung, — es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das Klassenzimmer. —
Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine Glieder versagten den Dienst.
„Meine Tochter!“ stöhnte er: „MeineTochter läuft vor Tau und Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo sie ist.....“
„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“
„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich widersetzte — — sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben, Michaelis zu ihr zu ziehen, — da hat es wohl allerlei gegeben.....“
„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem Gott jetzt ins Gericht ging.
„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme brach ihm.
„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon erkundigt.“
Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „Nichtin Heidekamp???“
Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. —
An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.
Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr Herr liefwie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. —
Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. —
„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. — Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr plötzlich — — —.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.
Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“
Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.
„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, — wie der kategorische Imperativ in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine Heimat hat.‘“
Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. Da fielenSiemir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. — „Sie werden mich nicht im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.
Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und — der Not gehorchend seine Tochter nachHeidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht über Agnes bringen.
Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.
Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.
Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, — undallevergöttern trotzdem die junge Herrin.“ — Und er setzte sehr herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit einbegriffen. —“
„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz schlackenfrei der Urgrund ist, dakannja nichts zum Bösen gereichen.“
Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte dochbei sich, dieser Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem Nachdenken“ diktieren ließe.
An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.
Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus und standen vor dem alten Heidekamper.
Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie — die lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, — wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, — sie hat mich gar nicht erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht aufgepaßt hast! —“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer,und nach einer Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.
„Kann ich — die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung .....“
Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde alles erledigen.“
Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, — vielleicht gehorcht sieIhnen, läßt sich fortbringen von der Leiche... Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“
Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein eintreten. —
In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur, und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.
Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner jungen Schülerin?
„Sörine!“ rief er erschüttert.
Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich. Weil Sie es mirversprochenhatten. Nun ist es zu spät.... Und nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. — Gehen Sie aus meinem Stübchen fort.....“
Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.
Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.
„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.
Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. —
***
Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft. Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich weidwund.....
Einen Traum begrub er, — von einem Schemen nahm er Abschied... Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.
Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte, wie herb es schmerzt, wennJugend zur Jugend strebt — — über ein reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar davongeflogen war...
Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die verräterischen Spuren.
Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint. — —
***
Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?
Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um deiner im untersten Fache habhaft zu werden?
Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ — Da wurde der Schrank aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du, mein alter Foliant. „Dannknüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.
Was schrieb ich vor vier Jahrenzuletztin dich hinein?
Laß sehen:
„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du gute Mutter!“
Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.
Aber du mußt dich ohne den „fröhlichen“ Anfang begnügen. Ich bin ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.
Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle zu ihrem „Vater“, — diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest geworden.
Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden, mißtrauischer....
Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein einsames, strenges Lebeneher stutzig macht, als zum guten Glauben bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens zeigt man es mir nicht.
So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden wollte. — Weil wohl alle wissen, daß die Kinder anmirhängen, aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen angeschmiedet bin. —
Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.
Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.
Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe schloß.
Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach. Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder singen zu können. —
Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet hatte. —
Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland zeigen in all seiner Pracht. — Jetzt weilt sie allein auf einer Studienreise in der Schweiz —Dr.Hofer und ich haben sie ihr verschafft. —
Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr beimir gesessen, und das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen schloß.
Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein böses, unreifes Kind weh tat....
Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen, damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb, genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.
Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.
Freilich bin auch ich in Netze gefallen, — in die des alten Fräulein Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende „Geheimnis der alten Mamsell“.
Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein treuer Rat und sein gutes Gesicht.
Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter Christ, aber schlechter Musikant. — Klaus Hansohm, ich vermisse dich sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. —
Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren Schlages vertreten. — Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am eifrigsten. — Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er planlos hinterher warf. — Wie sagte mirDr.Hofer? „Die guten Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. EinLehrerfreund.— Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aberLehrerfreunde? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und als die Erntezeit kam, lag er brach....
***
Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.
Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten. — Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte Blumenauf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah, wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten! Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig tröstend.
Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod getrieben....
Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht gehalten....
***
Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar nicht, daß sie die Gebende war.
Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen und Trinken vergaß.
„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder selig.“
Das mußt ich oft von ihr hören.
Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“
Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der Treusten.
In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.
Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut, denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut, kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.
Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne,mein Jung, willst du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“
Das wolltest du sagen, Mutter.
Aber dein Empfinden war so zart und fein. — Du wolltest nicht an Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige Mutter. — Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte in Arbeit und Pflicht. — Dein Mund war herb geschlossen, als wolle er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto unwirscher wurdest du. — Kenne ich dich gut, Mutterherz?
Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich den weiland Heidekönig nannte.
So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und dulehntest den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes Brust.
Weißt du noch, Mutter?
Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise zu dir — und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine Hände — — — — „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn Enkelin.
Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig und groß ist sie, daß sie nur einMutterherzmit dem Sohne tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eineMuttersie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber beten und weinen kann. — Da sahst du mich an, und wolltest sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten — fragten....
Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen helfen, Mutter...“ —
Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.
Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr Direktor?“ fragte er. Und machte esumgekehrt wie die gebildeten Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von mir ging, hatte er mich hochgeehrt.
Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir ‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. Aber“, — und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, „nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd ich fünsch.EineDummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, — er wird zu früh geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seineFrau. Was da sonst drum unddran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie oft ichdichhab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“ —
Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte ich seine Rechte ganz herzhaft.
„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war meine Frau.“
„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“
„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, — ehe sie starb.“ —
„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie solange beehrt habe. —“
Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte meiner Großmutter Gesine gehört, undich schenkte sie Lisette an unserm Hochzeitstage. — Dachte auch an die Kleinstadt und ihre Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.
Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.
***
Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.
***
Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag, Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben wir nie miteinander.
Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt, aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. —
Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. —
Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete sie in Heidekamp weiter.
Da sah ich sie auf der Straße.
Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.
Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes, erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.
Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß hören.
Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel von Mensch und Tier, nur nicht der meine....
***
Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!
Rufe mich immerzuerstan, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir vorüber.
***
Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt.... Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz von selbst hat sie mich darum gebeten.
Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!
Aber das hat noch lange Wege. —
— — — — — — — — — — — — —
Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.
Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der Spruch prangte:
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,
Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.
Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnethatte, dann mußte man sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun gebrannt heimkommen.
In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser warnur„korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen. Und während dieprima omniumGrete Vahl in wohlgesetzten Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegteinen kleinen Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“
Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. —
Und er sagte „ja“.
Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. —
Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.
So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.
Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen, vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate, die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.
Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der Heidekamper Wagen.
Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.
In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte Annahme. — Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. — Man fuhr dem Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen den Brauen kannte, erhellt gewesen...
Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.
Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!
Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise. Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....
— — — — — — — — — — — — —
Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war,nahm man die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.
Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es vorgeschlagen. —
Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten. Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer mehr Kinder und Eltern drängten herein.
„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die Luft wird uns hier knapp.“
Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“
Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil des Raumes.
„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“
Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions gelöscht hätten....
Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“
Niemand vergaß es je, der es gehört.
„Feuer! Feuer!“
Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm nach und half, die Flammen zu ersticken. —
Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen. Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen sitzen und kühlte die wehen Hände.
Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden, verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.
Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.
Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.
Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.
Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.
„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende Diele.
Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und verbrannten Fingern.
Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.
Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.
Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. —
Prasselnd brannte die Waldkate nieder.
Weithin leuchtete der rote Feuerschein.
Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.
Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm. Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.
Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann genesen könnte, und sein Freund würde.
Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagenvor. Vorsichtig bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden durch die dämmernde Heide. —
***
Mein alter Foliant, grüß dich Gott!
Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!
Zwar mit dem Wiedersehen, da hat es so seinen Vorbehalt und Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. — Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.
Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......
Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.
Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als hundert Kinder um Hilfe schrien.
Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. —
Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir auferlegte, weiß ich Ihm Dank. —
Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herzeingebrannt.
In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.
Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter Heide gebettet hatte.
Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne bedeuteten.
Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.
Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen Binde, die meine versehrten Augen barg.
Mütter hörte ich schluchzen, — sie weinten wohl über mich. Aber ich lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder. —
Gestern haben mich die Ärzte entlassen.
Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab. Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“
Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.
Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen. —
Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.
Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend Jungvolk um sich habe“.....
Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. —
Vier Hände legten sich in die meinen.
Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen die Namen an mein Ohr.
„Seidihr’s, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden. Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“
Dann haben wir lange beieinander gesessen.
Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“
Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.
Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit, Doktorsche, ich hattegehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“
Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...
Schade. —
Aber daß sie beide zu mir kamen, — der Klaus und die Kollegin aus bitterschwerer Zeit, — das vergesse ich ihnen nicht. —
Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange Lebewohl sagen.....
Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu jung.
Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung.... Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige Mund mir demütig Abbitte tut. —
Nein, — nichts soll mich weich machen. —
Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das des einsamen Mannes Erne Sörensen. — —
— — — — — — — — — — — — —
Ganz still war es im Studierzimmer.
Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.
Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben,hatte der Leiter der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber dochLicht.
Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....
„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“
Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle geschmunzelt....
Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig, ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und der wunderlichen Haube einlassen sollte.
Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....
Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen, und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging gleich hinein.
Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....
„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.
„Ich bin es!“
Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder sinken. —
In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu sagen — — wer ist da?“
„Ich bin’s, — Sörine Heidekamp.“
Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.
„Was soll das“, sagte er hart.
Seine Hand tastete nach einem Halt.
Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen, Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, — meine Verantwortung ist ja so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“
Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte sich an seine Seite. —
„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“
„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.
„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja — — in meinem heißen, kindischen Zorn vor vier Jahren....“
„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“
„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s dennsonst gut machen? Es waren so einsame vier Jahre für mich....“
Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.
„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“
„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz nichts sagen.....“
„Die Mutter? — Welche Mutter?“
„Die Mutter Gesine aus Einingen, — ich hab sie geholt ....“
„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“
„Weil — weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.
„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, — nicht wahr, Sörine? Sie waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein Mitleid von Ihnen annehmen. —“
„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen. Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“
Da lächelte er schattenhaft.
Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindischesVergehn so schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“
Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“
Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines Herzens.
„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so einsam. — Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen.... Beinahe gestorben bin ichvor Heimweh nach Ihnen. Und Sie müssen mir verzeihen, — müssen — müssen — ich gehe nicht fort....“
Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen... Herrgott, wie quälen Sie mich....“
Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die Mutter ist dran Schuld, — dieliebeMutter....“ Ihre Worte überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, — — daß — ich so einsam geworden bin, — und daß ich Sie am liebsten habe von allenMenschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....
Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist alles nicht wahr....“
Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, — „Kind, Kind, geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja nicht nehmen. Du bist so jung — — sieh doch mein graues Haar. Und sieh doch wie häßlich ich bin, — voll Narben — halbblind.....“
Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine, „meine liebe Heimat!“
Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid eines anderen aufbauen?“
Sörine sah ihn ernst an.
„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, — wenn es wirklich eins war. Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....
„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist in allem andern mir so fern. Du bist reich, — verwöhnt, — ich hab dir nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von Heidekamp gegenüber derHerrsein wollen. Hat das wohl auch dein Großvaterli bedacht?“
Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehn — dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“
Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor, sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt, die seine Heimat ist. —
Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.
— — — — — — — — — — — — —
„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Abermichhaben sie, scheint’s, vergessen...“
Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte. —
Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen, denn man hatte ihr das Ärgsteverschwiegen von dem furchtbaren Brande da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, — denk, Mutter, dann bin ich gesund....“
„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft.
Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“
Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet einSchulmeister! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen Schulgeldersparnis zufrieden sein. — Ach Erne, wenn Ihr erst ganz zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und würdest mich gar nicht wollen....“
So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden alles auslöschten, was er Herbes durchlebt.
Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und streichelte sie scheu. Gottes Segenüber dich, kleines Mädchen, du willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel. —
***
Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp.
Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes übernehmen.
Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß.
Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr ihm Gott helfe. —
Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe.
Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide draußen entgegen.
Ende.