Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Die Mittelburg zu Neckarsteinach war mit der Vorderburg durch Gärten verbunden, aber ein tiefer Graben, über den eine Zugbrücke führte, durchschnitt sie der Quere nach und trennte so den einen von dem andern. In einer Gaisblattlaube des zur Mittelburg gehörigen Gartens befand sich am Nachmittage des für Hansens Besuch bei Juliane bestimmten Tages Frau Katharina und winkte von der Höhe herab mit einem Tuche ihrem aus dem Tal heraufreitenden Gatten zu. Dieser bemerkte das Zeichen und erwiderte es vom Sattel aus durch einen lebhaften Handgruß zu ihr empor.

Als Herr Bligger bald darauf im Burghof vom Pferde gestiegen war und nun zu seiner Gemahlin in die Laube trat, sagte er: »So! bis zu Laux Rapp habe ich sie gebracht und ihnen da noch einmal Mut zugetrunken.«

»Sie hatten's wohl nötig?« lächelte die Burgfrau.

»O, sie waren beide guter Dinge,« erwiderte Bligger. »Besonders Ernst war sehr aufgeräumt, und ich habe ihm wacker beigestanden, auch Hans in die rechte Stimmung zu versetzen.«

»Ich bin doch froh, daß ich den Weg nicht zu machen habe,« sagte Katharina.

»Ich auch!« lachte der Ritter, »und ich gäbe etwas darum, wenn ich heimlich Zeuge sein könnte, wie sich dieses Wiedersehen abspielen wird.«

»Nun, Juliane braucht sich der Gäste nicht zu schämen.«

»Nein, wahrhaftig nicht! Wie zwei Freier auf der Brautfahrt sahen sie aus, so hatten sie sich herausgeputzt,« versicherte Bligger wohlgelaunt. »Hans trug sein rehbraunes Seidenwams mit den silbergewebten Blumen, und Ernst das blaue, mit Grauwerk verbrämt, und am Gürtel die silberne Rinke, die er von Richilde bekommen hat. Laux Rapp frug mich, als die beiden weggeritten waren: ›Ei, ei, Herr Ritter, nach der Minneburg wollen die Herren in ihren Prachtgewändern? Also darum sorgte Junker Ernst, daß der Ohm zu lange bei den Sinsheimern bliebe! Ist wohl höchlich Gefahr, daß der Dauchsteiner Herr dem Junker Hans bei der schönen Witwe zuvorkommt und das Schlößlein ersteigt? Wäre schade drum; Euer Bruder und Frau Rüdt passen besser zusammen.‹ Welcher Wind hat das dem alten Fuchs nun wieder in die Ohren geblasen?«

»Er hört das Gras wachsen, sagen die Leute,« sprach Katharina. »Aber was hast du ihm geantwortet?«

»Das, Klügste, was ich wußte,« erwiderte Bligger. »Ich habe ihm die halbe Wahrheit gesagt, damit er die ganze nicht ausplaudert; Frau Juliane wollte ihren Wald einlösen, und dabei müßte es etwas feierlich zugehen, und wenn der Friede zustande käme, so schenkte ich seiner Susanne einen Goldgulden in den Mahlschatz. Übrigens hat mir Hans unterwegs noch fünfzig Gulden von dem Lösegelde zugunsten Julianens abgehandelt, und ich habe nachgegeben.«

»Und hast wohl daran getan.«

»Käthe!« sagte Bligger, indem er sich vor seine Frau hinstellte und die Hand sanft auf ihre Schulter legte,»wenn Hans und Ernst Juliane und Richilde von der Minneburg heiraten, so heiraten sie auch den Wald mit samt allen Hirschen, die darin schreien, und wir stecken das Lösegeld nur aus einer Tasche in die andere. Hab' ich nicht recht?«

»Bis auf das Wenn, lieber Alter!« lächelte die Burgfrau und folgte ihrem Gemahl in den Palas. –

Auf der Minneburg ging es heute, wie alle Tage, fröhlich her. Die drei Mädchen hatten im Zwinger lange Kränze gewunden und waren nun damit beschäftigt, sie in leicht geschwungenen Bögen an Julianens Erker aufzuhängen. Es war kein festlich zu begehender Tag, keine besondere Veranlassung zu diesem Tun, aber Frau Juliane liebte den grünen Waldschmuck zu Häupten ihres Platzes und saß gern unter solchem Baldachin, dessen Gewinde während des Sommers öfter erneuert wurden, wenn die alten verwelkt waren. Sidonie stand auf einer Leiter, um die Gehänge oben an der Wand zu befestigen, Richilde hielt ihr nachreichend dieselben hoch entgegen, und Hiltrud gab ihr nach dem Augenmaße Wink und Weisung, daß ein Bogen dem andern gleich wurde, während Juliane, in einen Faltestuhl bequem zurückgelehnt, dem lustigen Treiben behaglich zuschaute.

»Höher hinauf, Sidonie!« rief Hiltrud der Freundin zu; »wenn du das so tief herunterhängen läßt, so reichen wir mit unserem Gewinde nicht; das mußt du dir doch berechnen.«

»Ja, wenn ich etwas von Geometrie verstünde, wie Meister Isaak Zachäus,« gab ihr Sidonie zur Antwort.

»Zachäus! ja das ist wahr; der könnte uns helfen,« sagte Richilde. »Soll ich ihn holen?«

»Du würdest ihn vergebens suchen,« sprach Juliane. »Er ist heute morgen von dannen gezogen.«

»Gut, daß er fort ist, der unheimliche Sterngucker! ich traue dem Juden nicht,« sagte Sidonie.

»Geht er nun auch nach den anderen Burgen, um Horoskope zu stellen?« erkundigte sich Richilde.

»Das hab' ich ihn auch gefragt,« erwiderte Juliane, »aber er verneinte es. Er hätte nur ein Geldgeschäft bei den Chorherren in der Abtei zu Mosbach zu besorgen gehabt und wollte nun wieder nach Heilbronn zurück, sagte er mir und fügte hinzu, die Burgherren behandelten ihn zu schlecht, er hätte sich nur auf die Minneburg gewagt, weil hier eine Frau die Gebieterin wäre.«

»Als Beschützerin der chaldäischen Wissenschaft!« lachte Hiltrud.

»Bei der aber nichts Vernünftiges herauskommt, als daß man einmal einen Mann kriegen soll, was sich doch ganz von selbst versteht,« kicherte Sidonie oben auf der Leiter.

»Heute spottet ihr,« sagte Juliane, »und neulich wart ihr Feuer und Flamme vor Begierde, euer Schicksal zu erfahren.«

»Aber wir haben so gut wie nichts erfahren, Mutter!« bemerkte Richilde.

»Glaubt Ihr denn wirklich an die Weissagungen des Juden, Frau Juliane?« frug Sidonie.

»Da ihm die Sterne über Vergangenes das Richtige gesagt haben, was er anders nicht wissen konnte, so muß ich auch das glauben, was er von der Zukunft enthüllte,« erwiderte Juliane.

Hiltrud sprach: »Schade, daß wir ihn nicht auf die Probe gestellt und gefragt haben, ob er wüßte, wann jede von uns ihren Weisheitszahn bekommen hat.«

»Sage nur: bekommen würde!« verbesserte Sidonie.

Helltöniges, schmetterndes Gelächter belohnte den Ausspruch einer launigen Selbsterkenntnis. Da erschienWeiprecht Kleesattel in der Tür mit einem so grimmigen Gesicht, daß bei seinem Einblick das fröhliche Lachen jäh verstummte.

»Gnädige Herrin,« meldete der Alte, »die Junker Hans und Ernst Landschad sind gekommen«

Wie eine Feder schnellte Juliane aus dem Sessel empor. »Weiprecht! – noch einmal! – wer ist gekommen?«

»Die Landschaden von Steinach.«

Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen, sie stand und zitterte, sich mit der Hand am Stuhle haltend. Eine lautlose Stille war in dem großen Gemach; auch keines der Mädchen wagte, sich zu rühren. Dann rief Juliane mit gebieterisch erhobenem Arm: »Tor zu! Brücke hoch! kein Landschad kommt mir in die Burg!«

»Sie sind schon drin, im Burghof, von den Rossen gestiegen,« stotterte Weiprecht.

»Unglaublich! – Was wollen sie hier?«

»Euch sprechen, gnädigste Frau!«

»Ich will sie nicht sehen!«

In einem Nu war Sidonie von der Leiter herunter und zu Juliane gesprungen. Deren Hand in ihre beiden nehmend sagte sie: »Doch, doch, Frau Juliane! als Feinde kommen sie nicht. Ihr dürft sie nicht abweisen; hört sie an, was sie wollen; wir bleiben bei Euch, und wenn Euch das Wort versagt und Ihr mir's erlaubt, so habeichauch noch eine Zunge im Munde.«

Auch Hiltrud und Richilde machten sich an Juliane heran und redeten ihr gleich Sidonie freundlich zu. Allen dreien war das Zerwürfnis mit den Landschaden sehr wohl bekannt, aber den Hauptgrund von Julianens Bestürzung ahnte keine von ihnen.

Juliane schob die Mädchen beiseite und sagte heftig: »Laßt mich in Ruhe!« Dann durchmaß sie mit raschenSchritten mehrmals die ganze Länge des Raumes auf und ab, und die anderen, die sich erwartungsvoll und scheu beiseite hielten, sahen es ihr deutlich an, daß sie einen schweren Kampf mit sich kämpfte. Endlich blieb sie vor dem eines Bescheides harrenden Burgvogt stehen und frug: »Junker Hans und Junker Ernst? sonst niemand?«

»Sonst niemand.«

»Führe die Herren herauf!«

Weiprecht ging, und Juliane, jetzt vollkommen gefaßt, gebot den Mädchen: »Ihr macht euch mit euren Kränzen zu schaffen und tut ebenso heiter und unbefangen, wie ihr es von mir sehen werdet.«

Sidonie lächelte und sprach leise für sich: »Da bin ich doch neugierig!« Zu Juliane sagte sie dann: »Seht nur zu, wie Ihr mit Ohm Hans fertig werdet! Ernst nehme ich auf mich! wir kennen uns!«

»Rasch, kommt her!« flüsterte Hiltrud. »Wir setzen uns hier auf die Stufen und binden dies Ende hier auf und dann wieder zu.«

»Ja, ja!« sprach ebenso Sidonie, »aber ich muß die beiden sehen können. Richilde hierher, zu mir!«

Richilde gehorchte, war aber ganz verwirrt und wußte nicht, was sie tat.

Jetzt traten die beiden Junker zur Tür herein und verbeugten sich vor den Damen. Juliane ging ihnen keinen Schritt entgegen und bot ihnen nicht die Hand zum Willkommen. Sie hatte sich mit dem Rücken gegen das Fenster gestellt, so daß Hans, vom Lichte geblendet, nicht bemerken konnte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, als sie den ritterlichen Mann wiedersah, der einst ihr trauter Freund gewesen war.

»Verzeiht, edle Frau,« begann Hans etwas unsicher, »daß wir ohne Ansage bei Euch eingeritten sind, und ichgestehe, daß ich gezögert habe, weil ich nicht wußte, ob ich wohl kommen dürfte.«

»Ich hätte allerdings eher geglaubt, daß Burg Schadeck das Neckartal heraufgewandelt käme, als daß Junker Hans Landschad jemals wieder über die Zugbrücke der Minneburg reiten würde,« gab ihm Juliane scharf zur Antwort, doch ihre Stimme bebte dabei.

»Hätten wir die Wünsche, die man auf der Minneburg hegt, früher gekannt, so hätte längst einer von uns den Weg hierher gefunden,« erwiderte Hans, um aus der Verlegenheit heraus so schnell wie möglich zur Sache zu kommen.

»Von was für Wünschen sprecht Ihr, Junker Hans? Aber nehmt Platz, ich bitte Euch!« sagte sie in unmittelbarem Anschluß an die Frage, indem sie auf die Bank zeigte, die an der Wand entlang lief, und ihren Sessel herumdrehte, um sich selber wieder darin niederzulassen.

Jetzt konnte Hans ihre reizende Gestalt und den feinen Kopf mit dem aschblonden Haar und den anmutigen Zügen in voller Beleuchtung sehen, und seine Augen weideten sich an der blühenden Erscheinung, an welcher er keine Veränderung gegen früher wahrnahm.

»Also, was meint ihr für Wünsche?« wiederholte sie, da er noch schwieg.

»Euren verpfändeten Wald von uns einzulösen,« antwortete Hans.

»Wer hat Euch gesagt, daß ich diesen Wunsch hätte?« fuhr Juliane betroffen heraus.

»Das habe ich meinem Vater gesagt, gnädige Frau!« mischte sich Ernst ins Gespräch.

»Und – erlaubt mir die Frage, Junker Ernst! – woher wollt Ihr dergleichen wissen?« wandte sie sich an diesen.

»Von mir!« kam es vom Erker her, wo die drei Fräulein mit einer geflissentlichen Emsigkeit an ihren Kränzen herum banden und wanden. Richilde war es, die gesprochen hatte, und deren Wangen nun glühten.

»Von dir?« sagte Juliane mit starker Betonung des zweiten Wortes sich zu ihrer Tochter wendend. »Hattest du Auftrag, mit Junker Ernst Landschad von Wünschen zu reden, die ich habe oder nicht habe.«

»Auftrag nicht, aber – aber du hast ihn doch, Mutter, den Wunsch –«

»Ach, was weißt du davon!« unterbrach Juliane sie streng.

»Mutter! Du hast es mir oft gesagt!« widersprach Richilde sehr erregt.

»Heiter! unbefangen, Richilde!« raunte ihr Sidonie halblaut zu mit einem schalkhaften Blick zu Juliane hinüber, die den Spott wohl verstand. Dann rief sie munter: »Ernst, bitte, komm hierher! sei so gut, steige die Leiter hinauf und binde dieses Gehänge an den Haken da oben.«

»Schon wieder –?« lachte Ernst, – wo hinaufklettern! hatte er auf der Zunge.

Aber Sidonie ahnte, was er sagen wollte, und fiel schnell ein: »Beruhige dich! diese Zweige sind nicht von den Bäumen Eures Waldes; wir haben nicht ›schon wieder‹ einen Frevel verübt.«

Ernst stieg gehorsam die Leiter hinauf, das Laubgewinde zu befestigen, was nicht so rasch vonstatten ging, denn Hiltrud und Sidonie hatten bald dies, bald jenes daran auszusetzen, bis er es ihnen recht machte. Auch Hans und Juliane warfen ein paar überflüssige Bemerkungen dazwischen, um nicht in verlegenem Schweigen dabeizusitzen. Er hatte sich den Empfang, der seiner hier wartete, doch noch schlimmer, noch unfreundlichervorgestellt, als er in Wirklichkeit ausgefallen war. Nun er über das Peinliche desselben hinaus war, fühlte er sich fast so heimisch wieder in diesen altbekannten Räumen, als hätte er sie gestern erst verlassen, und gab sich widerstandslos dem Zauber hin, den Juliane, trotz ihres abweisenden Benehmens, doch wieder auf ihn ausübte. Auch sie konnte sich der Erinnerung nicht erwehren, was der ihr gegenüber Sitzende ihr einst gewesen war; aber um so mehr auch erbitterte sie der Gedanke, was er ihr jetzt sein könnte, wenn er ihr treu geblieben wäre.

Als Ernst von der Leiter wieder herabstieg, fing er einen freundlichen Blick Richildens auf, die ihre Schnalle schon bei seinem Eintritt an seinem Gürtel entdeckt hatte.

Sidonien aber war es mit dem kleinen Zwischenspiel glücklich gelungen, einen Sturmausbruch Julianens gegen ihre Tochter in Gegenwart der Gäste zu verhüten.

»Ihr hattet keine Kunde von unserem Kommen, gnädige Frau?« nahm Hans das Gespräch mit Juliane wieder auf.

»Ihr meint, weil Ihr das Tor nicht geschlossen und die Brücke nicht aufgezogen fandet,« entgegnete sie schlagfertig.

»Nein,« sprach er gelassen, aber mit einem lustigen Augenzwinkern, »ich dachte, diese festliche Bekränzung geschähe uns zu Ehren und gehörte zu den Vorbereitungen eines huldreichen Empfanges, bei denen wir Euch leider zu früh überrascht haben.«

In Juliane wallte es zornig auf. Wollte er sie in ihren eigenen Ringmauern zum besten haben? Sie kräuselte die Lippen und sagte hochmütig: »Zu früh seid Ihr nicht gekommen, Junker Hans, und noch viel weniger zu spät. Für die Herren Landschaden werden auf der Minneburg keine Kränze gewunden.«

»Und ich bin doch mit den besten Absichten zu Euch gekommen,« erwiderte er gutmütig und im Ton eines leisen Vorwurfs.

»Mit den besten Absichten!« sprach sie ihm bitter nach. »Sieh da, fast hätt' ich's vergessen; ein Handel führt Euch her. Nun, was verlangt Euer Bruder Bligger für den verpfändeten Wald?«

»Nicht die volle Pfandsumme; – hundertundfünfzig Gulden, wenn Ihr uns den Wildbann darin belassen wollt.«

»Mit anderen Worten: Ihr wollt für fünfzig Gulden, die Ihr von der Schuld abstreicht, in meinem Walde, schier unter meinen Augen pirschen und jagen können. Nein, Junker Hans! das wäre von meinen Wünschen sehr weit entfernt,« erklärte sie mit hohnlachender Gereiztheit.

»Was soll Euch das Waidrecht? Ihr übt es ja doch nicht aus,« stellte ihr Hans begütigend vor.

»Das weiß Junker Ernst besser,« erwiderte sie.

»Was Fräulein Richilde mit der Armbrust schießt, soll künftig ungebüßt bleiben,« sprach Ernst.

»Also für Reiherfedern wäre gesorgt,« lachte Sidonie.

»Wir wollen sie aber nicht geschenkt haben,« sagte Juliane.

»Ich wäre glücklich, wenn ich Euch so viel liefern dürfte, wie Ihr gebraucht,« erbot sich Ernst.

»Bemüht Euch nicht, Junker Ernst!« wies ihn Juliane herb zurück. »Wir erbeuten sie uns lieber selbst, und drüben im Reiherwald, wo niemand uns pfänden kann, haben wir deren genug.«

»Ist die Zurückbehaltung des Wildbannes das einzige, was Euch an unserem Vorschlage mißfällt, gnädige Frau?« frug Hans.

»Euer ganzer Vorschlag kommt mir so unerwartet, daß ich über Einzelnes dabei noch gar nicht nachgedacht habe,« erwiderte Juliane.

»Unerwartet vielleicht, aber doch nicht ungelegen.«

»Es war nicht mein Wille, daß ein leicht hingeworfenes Wort von mir zu Euren Ohren dringen sollte.«

»Aber da es nun doch einmal geschehen ist, so hoffe ich, daß Ihr Euch auch die Wirkung desselben gefallen laßt,« sprach er in zuversichtlichem Tone.

»Ich fürchte, Ihr täuscht Euch in dieser Hoffnung,« entgegnete sie wegwerfend.

»Nennt Eure Bedingungen, edle Frau!« bat er, »wir möchten Euch gern zufriedenstellen.«

»Wir einigen uns doch nicht,« gab sie ihm kurz zur Antwort.

»Warum nicht? Uns liegt weniger an dem Walde, als –«, er stockte.

»Nun als?« frug sie gespannt. »Woran liegt Euch sonst?«

»An dem guten Frieden mit Euch,« erwiderte er, etwas leiser sprechend und ein wenig zu ihr geneigt.

In ihren Augen blitzte es kampflustig auf. Sie warf einen raschen Seitenblick nach dem jugendlichen Kreise am Erker, und Hans glaubte schon, daß die gefürchteten Auseinandersetzungen nun ihren Anfang nehmen würden. Allein die Gegenwart Ernsts und der Mädchen mochte sie wohl davon zurückhalten, und ihn fest anblickend sprach sie erregt: »Wenn ich nun aber keinen Frieden mit euch will?!«

»Dann ist mein Geschäft hier zu Ende,« erwiderte Hans entschieden und erhob sich.

Juliane war überrascht und augenblicks reute sie das vorschnelle Wort. So hatte sie es nicht gemeint. Nur mit Bligger wollte sie nicht Frieden machen, den sie haßte, weil sie glaubte, daß er seinen Bruder bestimmt hatte, sich von ihr abzuwenden. Zum Friedensschlusse mit Hans und auch wohl nach zu einem Schritt weiterwäre sie gern bereit gewesen, wenn er die Neigung dazu verraten hätte. Sie hatte ihn nicht wiedersehen wollen, und als sie ihn jetzt dennoch wiedersah, fühlte sie sich ihm gegenüber so schwach in ihrem Herzen, daß sie sich vor sich selber schämte, ihm nicht so feindlich begegnen zu können, wie es ihr Groll auf ihn verlangte. Daher die Heftigkeit und die schneidende Kälte, zu der sie sich zwingen mußte, mit der sie sich schützen und verschanzen wollte, damit er nicht entdeckte, wie hinfällig die Wehrkraft in ihrem Innern gegen ihn war. Doch an das, was sie einst im Geheimen miteinander verbunden hatte, schien der Treulose nicht mehr zu denken und noch weniger daran, das Vergangene zurückzurufen und in der Gegenwart neu zu beleben; denn er hatte immer nur von dem Walde und im Namen der drei Brüder Landschad, nicht von sich selber zu ihr gesprochen. Ob ihre Unterredung wohl eine andere Wendung genommen hätte, wenn sie beide ohne Zeugen gewesen wären? Aber das Alleinsein mit ihr hatte er offenbar vermeiden wollen, sonst hätte er Ernst nicht mitgebracht. Und wenn er ihre soeben hingeworfene Bemerkung auch auf sich beziehen und überhaupt als ihr ernst gemeintes, letztes Wort betrachten konnte, so hatte sie sich, mehr von ihm erwartend, in ihm geirrt. Dann mochte er gehen; sie hatte ihn nicht gerufen, sie wollte ihn auch nicht halten.

Fast zugleich mit ihm stand sie auf und sagte mit beißendem Spott: »Ich bedanke, daß Ihr den Weg, auf den Ihr Euch so lange besonnen und gewiß unsäglich gefreut habt, nun leider vergeblich machen mußtet!«

Bekümmert sah Ernst, daß sein Oheim im Begriff war, sich zu verabschieden. Doch er konnte es nicht hindern und gesellte sich zu ihm, während die drei jungen Mädchen Julianen umringten.

»Ihr wollt es so, und der Wald bleibt unser,« sprach Hans ruhig und bestimmt. Und ohne sich durch Julianens scharfe Herausforderung zu einem ähnlichen Ausfall gegen sie hinreißen zu lassen, fügte er freundlich hinzu: »Oder wollt Ihr unseren Vorschlag doch noch einmal in Erwägung ziehen und uns Botschaft senden, falls Ihr eine andere Entscheidung treffen solltet?«

»Wir könnten auch wiederkommen und sie uns holen,« beeilte sich Ernst hinzuzufügen.

Darauf antwortete Juliane nicht gleich, denn sie war in einer haltlosen Verfassung. Aber Sidonie, die hinter ihr stand, nickte ihrem Vetter lebhaft zu, und wie er Richilden ansah, begegnete ihm ein strahlender Blick aus ihren Augen, und mit Freuden gewahrte er ihr holdes Erröten.

»Auf die Bedingungen Eures Bruders gehe ich nicht ein,« brachte Juliane endlich mühsam hervor.

»So bitte ich nochmals, daß Ihr die Eurigen stellt und uns wissen laßt,« erwiderte Hans. Und als sie schwieg, hielt er ihr die Hand hin und sprach: »Lebt wohl, Frau Juliane Rüdt von Kollenberg!«

»Lebt wohl!« kam es fast tonlos von ihren Lippen. Sie war marmorbleich. Ihre Hand berührte leicht die seine; aber er merkte nicht, wie sehr diese Hand zitterte, die früher oftmals warm und lange in der seinen gelegen hatte.

Auch Ernst reichte jeder der Damen die Hand, und wonnig durchschauerte es ihn, als er Richildens sanften Gegendruck fühlte.

Die Landschaden gingen hinaus. Juliane trat an das Fenster ihres Erkers und blickte in das Tal hinab. Die Mädchen sollten nicht merken, wie es in ihr wogte und wühlte.


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