Neuntes Kapitel.
Während sich die Junker Hans und Ernst bei Frau Juliane auf der Minneburg befanden, war Isaak Zachäus von dort nach der Mittelburg bei Neckarsteinach zurückgekehrt, ohne den beiden unterwegs begegnet zu sein. In einer langen, geheimen Unterredung gab er Herrn Bligger ausführlichen Bericht über alles, was er auf der Minneburg gesehen und gehört, besonders aber was er dort getan und gesagt und in welcher Weise er den Damen das Horoskop gestellt hatte.
Bligger war mit der erhaltenen Auskunft hoch zufrieden und belohnte den Juden mit einem ansehnlichen Geldgeschenk. Zugleich ließ er sich folgendermaßen vernehmen: »Nun habe ich einen neuen Auftrag für Euch, Zachäus. Ihr begebt Euch morgen nach Heidelberg zu demDoctor jurisChristoph Wiederholt und fragt ihn, ob er wüßte, wer der Fremde im Mönchsgewand gewesen wäre, der ihn vor zehn Tagen spät abends besucht und sich nach dem Recht der Hagestolze bei ihm erkundigt hätte. Weiß es der Doktor nicht, so sagt Ihr es ihm auch nicht. Weiß er aber jetzt, daß ich es war, so ersucht Ihr ihn in meinem Namen, über den Besuch und namentlich über die Veranlassung zu demselben das strengsteGeheimnis zu bewahren. Ich habe leider versäumt, ihm Stillschweigen aufzuerlegen, werde es ihm aber reichlich danken, wenn er reinen Mund hält. Das sagt ihm und dann bringt mir Bescheid, was er darauf antwortet.«
Isaak versprach, auch den neuen Auftrag zur vollen Zufriedenheit des Ritters auszuführen.
Wenig erfreut dagegen war Bligger über den mangelhaften Erfolg, den Junker Hans von seiner Sendung nach der Minneburg aufzuweisen hatte, und tadelte besonders das schnelle Abbrechen der Unterhandlung, die wieder anzuknüpfen durchaus notwendig, nun aber, nach Julianens entschiedener Abweisung dieses ersten Ausgleichsversuches, um so schwieriger wäre. Er forschte seinen Bruder über Julianens Verhalten gegen ihn gründlich aus, das ihm dieser als ein sehr kühles, zum Teil sogar recht schroffes darstellte. Das überraschte Bligger indessen nicht und machte ihm auch keine Sorge, zumal als er hörte, wie warm, fast begeistert Hans das blühende Aussehen Julianens und die Anmut ihrer ganzen Erscheinung rühmte, die also doch wohl so tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, daß sich Bligger von wiederholten Begegnungen der beiden das beste für das Gelingen seines Planes versprechen durfte.
Es wurde beschlossen, mit einem zweiten Annäherungsversuch einige Zeit zu warten, ob sich Juliane vielleicht inzwischen eines anderen besinnen und ihrerseits Bedingungen bezüglich der Auslösung des verpfändeten Waldes stellen würde. Dann aber, mochte sie nun Botschaft schicken oder nicht, sollte Hans mit neuen Vermittlungsvorschlägen nach der Minneburg reiten. Er sträubte sich zwar wiederum dagegen, allein Bligger irrte sich nicht, als er wahrzunehmen glaubte, daß die Weigerung seines Bruders diesmal lange nicht so hartnäckig war wie das erstemal.
Seinen Sohn Ernst durchschaute der welterfahrene Mann nach wenigen Fragen, die er ihm stellte, und aus deren Beantwortung er die Überzeugung gewann, daß sich die Liebe zu Richilden in Ernst festgeankert hatte und dieser der frohen Hoffnung lebte, Herz und Hand der Erbin der Minneburg zu gewinnen, was ja Bliggers Plänen mit Hans nur förderlich sein könnte.
Ernst war völlig der Laune der Verliebten unterworfen. Hochfliegende Hoffnung und nagender Zweifel, ausgelassene Lustigkeit und brütende Schwermut wechselten in seiner Stimmung einander ab, aber schwärmerische Zuversicht zu einem guten Ausgang seiner Herzenssache war doch das vorherrschende Gefühl dabei. Denn die kleinen Zeichen erwiderter Neigung, die ihm Richilde, vielleicht unwillkürlich und absichtslos, gegeben hatte, waren von ihm nicht unbemerkt geblieben und mußten ihm, in ihren Einzelheiten wie in ihrer Zusammenstellung aufs günstigste gedeutet, zur tröstlichen Beweisführung der Erfüllbarkeit seiner Wünsche und zum Unterpfande künftigen Glückes dienen.
Bei seinem fast beständigen Zusammensein mit Ohm Hans sprachen die beiden weniger als sonst, hingen vielmehr jeder seinen eigenen Gedanken nach. Ergriff aber nach längerem Schweigen einer von ihnen das Wort zum Meinungsaustausch über einen Gegenstand, der von den eben erst im stillen verarbeiteten Gedanken noch so weit ablag, so dauerte es gar nicht lange, und beide waren mit ihrer Unterhaltung glücklich wieder auf der Minneburg angekommen, sich an diesen und jenen Augenblick, an dieses und jenes kleine Begebnis bei ihrem Besuche daselbst erinnernd, es sich wieder versinnlichend und nach Wunsch und Gefallen auslegend. Und das Merkwürdigste dabei war, daß keinem von beiden dieses sonderbare Spiel des Zufalles, so oft es sich auchinnerhalb weniger Stunden wiederholte, zum Bewußtsein kam und daher auch keiner desselben überdrüssig wurde.
Josephine wurde jetzt von Ernst sehr vernachlässigt; nur selten traf er mit ihr zusammen und war dann zurückhaltender gegen sie, als er es vor dem Ritt zur Minneburg gewesen war. Sie brachte die meiste Zeit einsam in dem wenig besuchten Garten der Vorderburg zu, und dort suchte er sie eines Tages auf, um doch einmal wieder ein freundliches Wort mit ihr zu reden. Er sah sie regungslos an der niedrigen inneren Ringmauer stehen und, den Kopf auf die Hand gestützt, träumerisch über das Tal hinweg in die Ferne schauen. Sie hörte seine nahenden Schritte nicht, bis er, dicht hinter ihr, sie anrief. Da fuhr sie erschrocken herum und war in einer unsäglichen Verwirrung.
»Verzeihe den Schrecken,« sprach er, ihr die Hand bietend, »und erzähle mir den süßen Traum, aus dem ich dich geweckt habe.«
Sie lächelte wehmütig. »Ich sah einen edlen Falken fliegen, der stieß auf ein Rebhuhn und hielt es in seinen Fängen. Aber es war ihm zu gering; er ließ es wieder fahren, schwang sich in stolzem Fluge über Tal und Berg und umkreiste ein ragendes Schloß, nach einer köstlicheren Beute spähend. Das arme Rebhuhn aber verblutet sich an den Wunden, die ihm der Falke geschlagen, und kann nicht leben und nicht sterben.« Sie sprach es leise wie im Traum und blickte ihn mit verschleierten Augen sehnsüchtig an.
»Josephine!« sagte er nur, bestürzt und ergriffen von des Mädchens kaum verhüllten Liebesgeständnis.
Sie wandelte mit ihm einen schattigen Laubgang, und da er schwieg, weil er ihr auf das eben Vernommene nichts zu erwidern wußte, so wollte er, ihrer Unbedachtsamkeitinne werdend, die Bedeutung des ihm Kundgetanen nach Möglichkeit abschwächen, indem sie unvermittelt in einem heiteren Tone begann: »Gebt Ihr etwas auf Träume, Junker Ernst?«
»Nicht viel,« entgegnete er.
»Desto besser!« sprach sie und versuchte zu lachen. »Ich tue es auch nicht, denn mir ist noch nie ein Traum in Erfüllung gegangen. Man sagt, die Hasen schliefen mit offenen Augen. So habe ich es wahrscheinlich eben auch gemacht; ich habe mit offenen Augen geträumt und ein vorüberschwirrendes Mücklein für einen Falken angesehen, oder ich war im Stehen eingeschlafen, weil mir die Augenlider vor den blendenden Sonnenstrahlen zufielen. Darum vergeßt, was ich geträumt und gesagt habe; es ist nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken.«
»Wenn du es nur vergessen kannst, Josephine!« erwiderte er teilnahmsvoll.
»Ich? o darum macht Euch keine Sorgen!« lachte sie nun freier heraus, obschon es ihr wahrlich nicht zum Lachen ums Herz war. »Was ich nicht in mir dulden will, das werfe ich weit von mir weg, so weit, wie ich diesen Stein hier werfe.« Sie griff einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn in weitem Bogen vom Berg ins Tal hinab. »Seht Ihr? fort ist er, und nie finden wir ihn wieder. So macht man's mit närrischen Träumen. Und nun gehabt Euch wohl für heute! mein Vater wartet auf mich; wir wollen Heilkräuter suchen.«
Damit enteilte sie, und es war die höchste Zeit; denn die Kraft ihrer Selbstbeherrschung und Verstellung, mit der sie den ihr erstaunt Zuhörenden durch eine langatmige Gesprächigkeit über ihre wahren Empfindungen zu täuschen suchte, ging zu Ende.
Ernst wandte sich noch einmal nach ihr um und murmelte: »Armes Mädchen! ob sie wohl so rasch wie den Stein aus der Hand den Traum aus ihrem Herzen los wird?« –
Isaak Zachäus und seine verkleidete Tochter, deren Geheimnis vor allen anderen außer Ernst vollständig gewahrt blieb, wurden schon als zur Burg gehörig betrachtet, und von einem Aufbruch des vielgewandten, zu mancherlei Diensten brauchbaren Mannes war keine Rede, auch als er längst von Heidelberg wieder zurück war.
Von dort hatte er dem Ritter schlimme Kunde heimgebracht.
Bligger war, wie er selber wußte, in jener Nacht vom Torwart erkannt worden, und wenn man auch von seiner augenblicklichen Verfolgung Abstand genommen, so hatte doch der Wächter von der vorübergehenden Anwesenheit des als Mönch Vermummten in der Stadt dem Rate Anzeige gemacht, der das Verdacht erregende Begebnis auch dem pfalzgräflichen Hofe mitteilte. Man hatte weiter nachgeforscht und durch die Frau, die der fremde Mönch auf der Gasse angeredet hatte, von seinem Besuche beim Doktor Christoph Wiederhold erfahren. Zu diesem war nun der kurfürstliche Rat Doktor Uffsteiner gekommen, hatte den Rechtsgelehrten über den Anlaß des Besuches ins Verhör genommen und ihm mit peinlicher Befragung gedroht, falls er sich nicht zu erschöpfender Aussage herbeiließe. Infolgedessen hatte Wiederhold eingestanden, daß der Unbekannte seinen Rat wegen des Rechtes der Hagestolze begehrt habe, und hatte die ganze Unterredung mit ihm dem Doktor Uffsteiner zu schriftlicher Aufzeichnung überantwortet mit dem Hinzufügen, daß derjenige, um dessen dereinstige Hinterlassenschaft es sich dabei handelte,durchaus keine Kenntnis von dem Bestehen des genannten Rechtes hätte.
So war denn also dem Pfalzgrafen, dem Erbschleicher der Hagestolze, wie Bligger seinen gnädigen Landesherrn nunmehr nannte, die gute Gelegenheit, sich zu bereichern, verraten worden, und der Ritter mußte sich darauf gefaßt machen, daß jener alles aufbieten würde, dasjus misogamorumzu seinen Gunsten auszunutzen.
Bligger geriet darüber in eine grenzenlose Wut, und wenn er nach Anhörung von Isaaks Bericht den Wächter des Brückentores zu Heidelberg, den eigentlichen Anstifter des Verrates, gleich zur Stelle gehabt hätte, so wäre dieser kaum mit dem Leben davongekommen.
Das Eingreifen des pfalzgräflichen Hofes in die Angelegenheit ließ auch nicht im mindesten auf sich warten, wenngleich die Schritte, die den Zweck hatten, die Verheiratung des hagestolzen Junker Hans zu hintertreiben, Herrn Bligger nur teilweise bekannt wurden.
Die Handhabung des heimlichen Widerspiels gegen die Landschaden wurde unter genauer Darlegung des Tatsächlichen dem kurfürstlichen Gaugrafen auf dem Dilsberge, Grafen Philipp von Lauffen, anvertraut, und dieser wußte zunächst nichts Besseres zu tun, als einen Kundschafterritt nach der Schmiedeschenke zu unternehmen, um den ihm wohlbekannten und ergebenen Laux Rapp, der alles und noch ein wenig mehr wußte, über Wege und Stege der Landschaden auszuhorchen.
Es hätte so viel einschmeichelnder Herablassung, wie Graf Philipp ihm angedeihen ließ, gar nicht bedurft, um Laux zum Reden zu bringen. Bald wußte der Graf von dem Ritt der festlich gekleideten Junker Hans und Ernst nach der Minneburg und war ganz der Meinungdes klugen Schmiedes, daß es sich dabei wohl noch um ganz andere Dinge handeln müßte, als um die plötzliche, mit einem Male nötig gewordene Versöhnung zweier schon so lange getrennter Familien und um die Auslösung eines verpfändeten Waldes. Auf der Minneburg saß eine noch immer jugendliche, schöne und reiche Witwe und wartete auf ihren zweiten Mann, und Junker Hans Landschad war neunundvierzig Jahre alt und konnte sich auch noch als Freier sehen lassen. Hier also war das Ende eines Fadens, an das ein anderer angeknüpft werden mußte. Dieser andere leitete den Suchenden nach der Burg Dauchstein, wo ein ebenfalls noch heiratsfähiger und heiratslustiger Witwer saß, Ritter Bruno von Bödigheim, der, wie der Schmied erzählte, und der Graf auch bereits gehört zu haben sich nun erinnerte, sich um die Hand der Herrin der Minneburg schon bemüht haben sollte.
Mit diesen Nachrichten war der Graf vorläufig zufrieden und ritt heim.
Nun aber belohnte sich die Gastfreundschaft, die Bligger dem alles beobachtenden Juden erwies.
Als Isaak Zachäus mit seinem Sohn im Walde gewesen war, um Heilkräuter zu suchen, hatten sie einen Reiter in ritterlicher Tracht gesehen und von ein paar Kindern, die Beeren sammelten, auf ihre Frage herausgebracht, daß es der Graf vom Dilsberge war, der den Weg von der Schmiedeschenke dahergeritten kam.
Am Abend erfuhr Bligger, daß Graf Philipp von Lauffen bei Laux Rapp gewesen war, und der selber in allen Satteln Gewiegte kannte den doppelzüngigen Schmied gut genug, um sich sagen zu können, daß der Graf nun auch von Hansens und Ernsts Ritt nach der Minneburg wußte. Er sann darüber nach, wie er es anfangen sollte, den Gaugrafen von der richtigen Fährteab und zu der Überzeugung zu bringen, daß es sich dabei nicht um Hans und Juliane, sondern lediglich um die Einleitung einer Verbindung Ernsts und Richildens gehandelt hätte. Das war nicht leicht, denn sie trauten sich beide nicht recht, und Graf Philipp war daher nicht wenig erstaunt, als er eines Tages seinen Burgnachbarn im Tale, Herrn Bligger Landschad, oben auf der Veste Dilsberg bei sich einreiten sah. Der Ritter fiel jedoch keineswegs mit der Tür ins Haus, sondern bediente sich eines glaubwürdigen Vorwandes für seinen unvermuteten Besuch.
Unterhalb des Dilsberges war eine Kette über den Neckar gespannt, und der Gaugraf erhob an dieser Stelle im Namen seines Landesherrn von jedem vorüberkommenden Schiff einen Zoll, nach dessen Erlegung erst die Kette auf den Grund des Flusses hinabgelassen und dem Schiffe die Durchfahrt gestattet wurde. Diese Kette machte den Landschaden großen Verdruß, denn auch sie waren genötigt, für das Holz, das sie aus ihren Waldungen in Schiffen und Flößen den Neckar hinab über Heidelberg und Mannheim dem Rhein zuführen ließen, den Zoll zu entrichten, wodurch die trotzigen kleinen Selbstherrscher des Neckartales stets in unbequemer und ihrer Meinung nach demütigender Weise an die Oberhoheit des Landesherrn erinnert wurden.
Diesen Umstand griff Bligger als die Veranlassung seines Kommens auf und trug dem Grafen den Wunsch vor, den Wasserzoll ein für allemal abzulösen, damit die Landschaden und demnächst auch die übrigen benachbarten Burgherren gegen eine zu vereinbarende Geldsumme künftig und für alle Zeiten das Recht der freien Durchfahrt für ihre Holzfrachten erwürben.
Graf Philipp tat so, als wenn er dem Ritter glaubte, daß er nur deswegen den hohen Dilsberg erritten hätte,und versprach ihm, bei der kurfürstlichen Hofkammer dieserhalb vorstellig werden und ihm den Bescheid ehestens mitteilen zu wollen.
Bligger dankte dem Grafen für seine Bereitwilligkeit, das Anliegen befürworten zu wollen und verabschiedete sich gleich darauf. Fast in der Tür schon warf er leichthin: »Übrigens würdet Ihr auch künftig weniger Zoll von uns zu erheben haben, als in den letzten drei Jahren.«
»So? wollt Ihr Eure Forsten schonen und weniger schlagen lassen?« frug der Graf.
»Das nicht, aber Frau Rüdt von Kollenberg löst ihren großen verpfändeten Wald wieder von uns ein, der uns eine bedeutende Nutzung abwarf,« erwiderte Bligger.
Aha! dachte der Graf, jetzt kommt der Fuchs aus dem Loche heraus. »Nun,« sprach er, »da werdet Ihr Euch ein namhaftes Lösegeld zahlen lassen.«
»Nein,« sagte Bligger, »nicht auf das Lösegeld kommt es uns an –«
»Sondern?« – der Graf spitzte die Ohren wie ein Spürhund.
»Auf Frieden und Freundschaft mit Frau Juliane.«
»Mit einem Male?«
»Ja, mit einem Male,« sagte Bligger so unbefangen wie möglich. »Allerdings,« fuhr er absichtlich zögernd und mit einem bedächtigen Lächeln fort, »allerdings ist dabei noch etwas anderes im Spiele.«
»Eine Heirat?« fuhr der Graf heraus.
»Wie gut Ihr doch raten könnt, Lauffen!« rief Bligger. »Ja, eine Heirat! Euch kann man's ja wohl anvertrauen: Fräulein Richilde Rüdt von Kollenberg ist siebzehn Jahre alt und mein Sohn Ernst dreiundzwanzig –«
»Macht sechs Jahr Unterschied, – verstehe, verstehe, Bligger Landschad!« lachte der Graf, »und für die Erbin der Minneburg könnt Ihr den Wald auch ohne Lösegeld hingeben.«
»Zumal ihn Julianens Tochtermann dereinstens wiederbekommt mit ihrem Erbe,« fügte Bligger hinzu, in das Lachen des anderen kräftig einstimmend.
»Freilich, freilich! eine fürtreffliche Heirat! Aber sagt einmal: glaubt Ihr nicht, daß Frau Juliane selber – ganz gern wieder –«
»Einen Mann hätte, meint Ihr? Ah! – nein! – das glaube ich nicht, daß sie daran noch denkt,« wiederholte Bligger treuherzig. »Über die Jahre ist sie doch wohl hinaus, kann ja bald Großmutter sein!«
»Da habt Ihr recht; wer wird denn eine Großmutter heiraten?!« lächelte der Graf wieder.
»Nicht wahr? Darauf kommt kein vernünftiger Mensch,« fiel Bligger frohlockend ein.
»Nein, nein! bewahre! aber die Tochter! das nenn' ich einen guten Fang! wünsch' Euch Glück zu dem Handel, Bligger Landschad!«
»Danke! danke, lieber Lauffen! lebt wohl!«
»Behüt' Euch Gott, Bligger!«
Und die beiden schüttelten sich so bieder die Hände, als hätten sie sich Blutsbrüderschaft geschworen.
»Ob er wohl aufrichtig an den Köder angebissen hat und in der Falle drinsitzt?« dachte Bligger, als er zum Burghof hinabging.
»Alter Schelm! Du willst mich hinters Licht führen? Warte! die Heirat wollen wir dir anstreichen!« sagte der Graf, als er Bligger aufs Pferd steigen sah.
Dann rief er seinem Schildknecht und befahl ihm: »Fassold, morgen in aller Frühe satteln! wir reiten nach Burg Dauchstein.«
Graf Philipp von Lauffen hatte doppelten Grund, dem Plan einer Verheiratung des Junkers Hans Landschad entgegenzuarbeiten. Denn daß dieser Plan wirklich bestand und mit oder ohne Wissen des Hagestolzen eifrig gefördert wurde, davon war der Graf nach Bliggers überraschendem Besuch und trotz der dabei gefallenen Äußerungen über Juliane nun erst recht überzeugt. Er mußte nach den Unterweisungen des kurfürstlichen Rates Uffsteiner dem Befehle seines Fürsten gehorchen, und seiner Pflicht, dessen Vorteil überall wahrzunehmen und sein Gut nach Kräften und mit allen Mitteln zu mehren, stand ein geschriebenes Recht zur Seite. Aber in dem vorliegenden Falle tat er es noch besonders gern, denn er war den Landschaden, mit denen ihn sein Amt als Verwalter des Gaues in manche kleine Zwistigkeiten brachte, nicht hold gesinnt und benutzte nun gern die Gelegenheit, sich an den oft widerspenstigen Nachbarn für manche ihm zugefügte Kränkung und hochfahrende Aufsässigkeit einmal empfindlich zu rächen.
Als er am nächsten Vormittag auf dem Dauchstein anlangte, wurde er vom Ritter Bruno von Bödigheim sehr freundlich aufgenommen. Bald standen die Becher auf dem Tische, und bei der Unterhaltung über minder wichtige Dinge, die Erwähnung von Jagdabenteuern und Fehdegeschichten brachte Graf Philipp geschickt das Gespräch wie von ungefähr auf die Minneburg und sagte: »Frau Rüdt von Kollenberg will nun auch ihren verpfändeten Wald von den Landschaden wieder einlösen.«
»Also endlich!« erwiderte Bruno von Bödigheim, »ich habe es ihr schon lange geraten, denn der Wald ist viel mehr wert, als die zweihundert Gulden, die sie den Landschaden darauf schuldet.«
»Hm! mag sein,« meinte der Graf, »Ihr habt ja wohlein Wort dabei mitzureden. Seid Ihr nicht der Vormund von Fräulein Richilde?«
»Nein, sie hat keinen anderen Vormund, als ihre Mutter,« versetzte Bödigheim. »Rüdt hatte vor seinem jähen Ende nicht mehr Zeit, ihr einen besonderen Vormund zu bestellen.«
»So, so! dann ist Euch wohl auch noch nicht bekannt, daß sich der junge Landschad, Junker Ernst, Bliggers Sohn, um Richildens Hand bewirbt?«
»Nicht das geringste,« versicherte Bödigheim höchst verwundert. »Wißt Ihr das sicher und gewiß?«
»Das und noch mehr!« erwiderte der Graf. »Bödigheim! Euer Ritterwort, daß Ihr gegen jedermann, sei es Mann oder Weib, verschweigen wollt, was ich Euch heute sagen werde?«
»Mein Wort darauf!« und er schlug in des Grafen Hand.
»Also hört! Auf der Minneburg wird, – wenn nichts dazwischen kommt – bald Doppelhochzeit sein. Ernst freit um die Tochter, und Hans Landschad um die Mutter, Frau Juliane.«
»Lauffen! seid Ihr bei Sinnen?« fuhr Bödigheim auf und rückte mit dem Stuhle vom Tische zurück. »Ach, das sind ja Mären und Schnurren!« rief er dann und brach in ein lautes Gelächter aus, das aber viel zu gezwungen klang, um nicht die innere Unruhe des Lachers zu verraten.
»Lacht nur!« sagte der Graf ruhig, »wahr ist es doch.«
»Nein! nein, sag' ich! Hans Landschad, der Ehehasser, der eingefleischte Hagestolz! bedenkt doch –«
»Eben! der Hagestolz!« unterbrach ihn der Graf. »Bödigheim, habt Ihr schon einmal von einem Recht der Hagestolze gehört?«
Der Ritter rieb sich die Stirn. »Von einem Recht der Hagestolze; wartet mal –«
»Ich will Eurem Gedächtnis zu Hilfe kommen,« sagte der Graf. »Wenn ein einläufiger Mann fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt wird und stirbt, so fällt seine Hinterlassenschaft nicht an seine Blutsfreunde, sondern an den Landesfürsten. Erinnert Ihr Euch nun vielleicht?«
»Ja, ja! so war's; jetzt dämmert es in mir auf; vor langen Jahren hab' ich einmal so etwas gehört.«
»Besinnt Ihr Euch?« lächelte der Graf. »Nun, Hans Landschad ist neunundvierzig Jahr alt und soll, um dem Recht der Hagestolze zu entgehen, Frau Rüdt von Kollenberg heiraten. Bligger will es so.«
»Bligger? Das sieht ihm ähnlich! Nun glaub' ich Euch; der bringt alles fertig; das Wetter schlage drein!« knirschte der Burgherr.
»Ruhig Blut, Bödigheim!« ermahnte der Graf. »Ich sagte: wenn nichts dazwischen kommt!«
Bödigheim war aufgesprungen und schritt im Zimmer auf und ab.
»Ihr hört nicht,« fuhr der Graf fort. »Mich dünkt, ich weiß noch einen, der auf die Hand der schönen Witwe hofft.«
»Noch einen?« schrie der tief Erregte. »Wer, wer noch?«
»Wenn ich nicht irre,« lachte Philipp, »so war es mein edler Freund Bruno von Bödigheim.«
Der Ritter blieb mit offenem Munde und weit offenen Augen vor seinem Gaste stehen. »Wer hat Euch das gesagt?« frug er verblüfft.
»Ein kohlschwarzer Rabe raunte es mir im Walde von einer alten Eiche zu,« erwiderte der Graf. »Hat er gelogen?«
»Nein!« sagte Bödigheim kurz und fest.
»Nun, so geht hin und nehmt den Landschaden die schöne Beute vor der Nase weg,« sprach der Graf.
»Ist bald gesagt,« brummte der andere, »meine Hoffnung ist gering.«
»Ihr werdet doch einem alten Junggesellen und Ehehasser die Spitze bieten können?«
Bödigheim zuckte die Achseln. »Wer weiß, ob Frau Juliane einen Witwer mag!«
»Warum nicht?« sagte der Graf, »ist sie doch selber Witwe, und Ihr seid jünger, als Hans. Und dann noch eins. Wenn Ihr einigen Einfluß auf sie habt, so ratet ihr, den Wald nicht einzulösen. Ich will Euch auch sagen, warum. Nicht Juliane, sondern ihre Tochter Richilde ist die Erbin der Minneburg nebst allem Zubehör, und wenn Ihr auch die Witwe heiratet, so bekommt Ihr den Wald doch nicht, sondern der bekommt ihn, der die Tochter freit. Behalten ihn aber die Landschaden und Hans stirbt als Hagestolz, so erbt ihn, zu einem Drittel wenigstens, der Pfalzgraf, und dann will ich schon dafür sorgen, daß er ihn Euch, als dem nächsten Grenznachbar, für ein billiges zu Lehen gibt.«
»Und darauf soll ich warten?« entgegnete Bödigheim, »Ihr tut gerade so, als wenn Hans schon in den letzten Zügen läge.«
»Wir sind alle sterblich; denkt an Zeisolf! wer konnte voraussehen, daß der so früh ins Gras beißen müßte?« sprach der Graf. »Oder seid Ihr mit den Landschaden so befreundet, daß Ihr ihnen von Herzen das Beste gönnt, die schöne, liebreizende Frau, die hübsche Tochter mit dem ganzen reichen Erbe, der großen, herrlichen Burg, den Wäldern und Feldern und allem, was weit und breit dazu gehört? wie? gönnt Ihr das alles den hochmütigen Landschaden?«
»Schockschwerenot, nein! und nochmals nein!« fluchte Bödigheim und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. »Niemand weniger, als denen! hol' sie alle der Teufel!«
»Nun also!« lachte Graf Philipp. »Dann rat' ich Euch, laßt Euer Rößlein traben, daß Ihr nicht zu spät kommt und das Nachsehen habt.«
»Euer Rat ist gut, Lauffen!« erwiderte der Heißgemachte, »ich werde ihn mir durch den Kopf gehen lassen.«
»Nicht zu lange, Bödigheim! ich hoffe, bald gute Kunde von Euch zu vernehmen, und wenn Ihr mich brauchen könnt, so zählt auf mich! Wir zwei wollen zusammenhalten,« sprach der Graf beim Abschied.
»Das wollen wir, Lauffen! habt Dank und auf Wiedersehen!« sagte Bödigheim. »Dilsberg und Dauchstein, allweg in Eintracht!«
»Dilsberg und Dauchstein! die Losung gelte!«