Achtzehntes Kapitel.
Zu derselben Stunde, da bei der Reiherbuche Ernst und Richilde sich ihre Liebe gestanden und sich Treue gelobten und bei der Schmiedeschenke Hans Landschad und Bruno von Bödigheim sich Julianens wegen schlugen, erhielt die letztere den unerwarteten Besuch ihrer trautesten Freundin, Frau Elisabeth von Erlickheim.
Wenn dieser Besuch eine oder nur eine halbe Woche früher gekommen wäre, so würde sich Juliane aufrichtig darüber gefreut haben; jetzt aber, nachdem sie vor drei Tagen Elisabeths Bruder mit seiner Werbung um ihre Hand so entschieden, fast herb und höhnisch abgewiesen hatte, sah sie dem Eintreten der eben in den Burghof reitenden Freundin mit beklommenem Gefühl entgegen. Sie nahm als selbstverständlich an, daß Elisabeth bereits um das Mißgeschick ihres Bruders wüßte und nun käme, den Antrag in seinem Namen zu wiederholen und ihrerseits durch Bitten und Vorstellungen zu unterstützen. So fest entschlossen sie nun war, denselben auch heute wieder abzulehnen, so peinlich war ihr dies doch der Freundin gegenüber.
Daher hatte die gegenseitige Begrüßung der beiden Frauen, die sich lange nicht gesehen hatten, eine etwasgedämpfte Herzlichkeit, und während sie sich in Julianens Erker vorläufig noch über mehr oder minder Gleichgültiges unterhielten, blickte jede der anderen fragend und abwartend ins Antlitz, welche von ihnen zuerst den heiklen Gegenstand mit einem Worte berühren würde.
Da Elisabeth noch immer damit zurückhielt, wurde Juliane ungeduldig, und wünschend, den unausbleiblichen Angriff nur erst überstanden zu haben, war sie es, die den Anfang machte.
Sie streckte der Freundin die Hand entgegen und sagte mit einem warmen Herzenstone: »Elisabeth, du zürnst mir nicht! nicht wahr? gib mir die Hand darauf! Sieh'! ich konnte nicht anders!«
Elisabeth ergriff die dargebotene Hand und erwiderte: »Nein, Juliane! ich zürne dir gewiß nicht, so nahe mir auch das Schicksal meines armen Bruders geht; aber daß du einen Landschaden heiraten willst, einen von denen –«
»Wer hat dir gesagt, daß ich einen Landschaden heiraten will?« fiel ihr Juliane, bis an die Stirn errötend, ins Wort.
»Wer mir das gesagt hat? O, das kannst du auf allen Burgen von Heilbronn bis Heidelberg hören,« lachte die andere. »Nun, du bist ja deine eigene Herrin und kannst tun und lassen, was du willst,« fuhr sie fort, als Juliane ärgerlich und verlegen schwieg. »Welcher vernünftige Mensch könnte dir also einen Vorwurf machen, wenn es die Liebe wäre, die euch zusammenführt!«
»Traust du mir zu, Elisabeth, daß ich mich jemals ohne Liebe einem Mann ergeben könnte?« frug Juliane.
»Eigentlich nicht,« erwiderte Frau von Erlickheim. »Darum tut es mir ebenso leid, daß meine herzliebe Freundin das auserlesene Opfer eines klug angelegten Planes, das bequeme Mittel zur Erreichung eines habgierigen Zweckes sein soll.«
»Opfer? bequemes Mittel zu einem habgierigen Zwecke? was sind denn das für sonderbare Reden?« sprach Juliane. »Ich bin ja nicht die Erbin der Minneburg, sondern meine Tochter ist es.«
»Das weiß ich, das meine ich aber auch nicht.«
»Ja, was meinst du denn? ich verstehe kein Wort von allem, was du sagst.«
»So weißt du es also nicht? weißt nicht, daß dich Hans Landschad nur heiratet, um dem Recht der Hagestolze zu entgehen?« gab Elisabeth der Ahnungslosen zu hören.
Juliane schüttelte unwillig ihr schönes Haupt. »Recht der Hagestolze! was soll das nun wieder?« sagte sie, immer erstaunter, aber auch immer unruhiger werdend.
»Wie alt ist Junker Hans?« frug Elisabeth dagegen.
»Danach habe ich ihn nie gefragt,« erwiderte Juliane; »ich weiß nur, daß ich nicht zu jung für ihn wäre.«
»Er ist neunundvierzig Jahr,« belehrte sie die Freundin. »Wenn er aber fünfzig Jahre, zwei Monate und drei Tage alt wird und dann als unverheirateter Mann stirbt, so fällt sein Hab und Gut, seine Burg, sein Teil vom Wald- und Landbesitz der Steinachs als Erbe an den Pfalzgrafen. Das nennt man das Recht der Hagestolze, und damit seine Hinterlassenschaft dem Geschlecht der Landschaden nicht verloren geht, muß Junker Hans bis dahin eine Frau haben. Verstehst du nun?«
»Empörend!« rief Juliane außer sich. Zwei große Tränen quollen ihr unter den Wimpern hervor. Sie trocknete sich die Augen und sagte nach kurzem Besinnen: »Ach, das ist ja gar nicht denkbar! Elisabeth, du bist die Schwester Brunos; dein Eifer für ihn –«
»Nein, nein!« unterbrach sie die andere, »nicht von meinem Bruder hab' ich es erfahren, obwohl auch er es mir bestätigt hat.«
»So ist's ein Irrtum; solcher Schändlichkeit ist Hans nicht fähig,« sprach Juliane entrüstet.
»Was soll er machen?« erwiderte Elisabeth kaltblütig, »er muß! Die Zeit drängt. Den eilenden Jahren und Tagen und solchem Rechte gegenüber hält auch der wütendste Ehehaß auf die Dauer nicht stand.« Es klang wie absichtlicher Hohn, als sie im Hinblick einer Verheiratung Julianens mit Hans dessen Ehehaß erwähnte.
»Jetzt versteh' ich dich,« sagte Juliane gereizt; »du willst mich daran erinnern, welche große Überwindung es ihn kosten würde, wenn er mich zur Frau nähme. Wie freundschaftlich von dir!«
»Nun, es ist ja nicht unmöglich, daß er dich nebenbei auch ein wenig liebt oder vielleicht recht sehr liebt,« lenkte Elisabeth ungeschickt ein.
»Nebenbei! ein wenig!« wiederholte Juliane bitter, und ein zürnender Blick traf die mißgünstige Trösterin.
»Hat er schon um dich geworben?« forschte diese.
»Nein!«
»Aber wenn er es nun tut, was wirst du ihm antworten?«
»Ich werde ihn nach dem Rechte der Hagestolze fragen,« erwiderte Juliane sehr entschieden, »und« – schloß sie mit besonderem Nachdruck – »Hans Landschad lügt nicht!«
»Ich auch nicht, Juliane,« entgegnete Frau von Erlickheim empfindlich. »Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört, als es Engelhard von Hirschhorn meinem Manne anvertraute.«
Die Nennung dieser Quelle wirkte auf Juliane wie ein betäubender Schlag. Sie wußte, daß Engelhard von Hirschhorn, der Landschaden, zumal Hansens bester Freund, stets in deren Pläne eingeweiht, oft selbst daran beteiligt war, und sah sich nun jedes Zweifels,als könne hier ein Irrtum obwalten oder eine Verleumdung im Spiele sein, plötzlich beraubt. Mit Mühe rang sie nach Fassung, um wenigstens in Gegenwart Elisabeths ihres Schmerzens Herr zu werden.
Als diese sah, in welchem Aufruhr sich Juliane befand, sprach sie: »Jetzt zürnst du mir, Juliane, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe; verzeihe mir! ich glaubte sie dir schuldig zu sein. Mache damit, was du willst; ich gehe jetzt und lasse dich allein, denn so etwas macht man am besten mit sich selbst ab. Brauchst du Trost oder Hilfe, so weißt du, wo du mich findest.«
»Elisabeth,« erwiderte Juliane mit bebender Stimme, »ich kann dir nicht danken; du hast mir den letzten holden Traum meines Lebens zerstört.«
Die Hände der beiden Frauen berührten sich nur leicht und kühl; ihr Freundschaftsband hatte in dieser Stunde einen Riß bekommen.
Juliane saß, nachdem die Bringerin so niederschmetternder Kunde sie verlassen hatte, auf ihrem gewohnten Platz im Erker, wo sie schon so manches Freudige und Traurige in ihrem Leben durchdacht und durchkämpft hatte, und starrte in einem Gemütszustande, der nahe an Verzweiflung grenzte, stumm und regungslos vor sich hin.
Sie hatte sich, ihres früheren Verhältnisses zu Hans gedenkend und danach sein neuerdings gegen sie eingeschlagenes Benehmen erwägend, schon der Hoffnung hingegeben, daß er sie liebte. Daß er ihr seine Liebe noch nicht gestanden hatte, erklärte sie sich aus seiner etwas schwerfälligen, den Frauen gegenüber schüchternen Art und Weise, und aus seiner ihr nicht unbekannten Furcht vor der Ehe, deren allmähliche Überwindung sie sowohl seiner Liebe, wie auch der eigenen klugen Handhabung ihrer wiedergewonnenen Machtüber sein Herz siegessicher zutraute. In einsamen Stunden waren ihr aus ihrer lebhaften Einbildungskraft schon glänzende Bilder einer glücklichen Zukunft aufgestiegen, die ihr nach den karg bemessenen Freuden ihrer ersten Ehe nun an der Seite eines hochherzigen und wahrhaft geliebten Mannes doppelt lockend erschien.
All das verheißungsvolle Licht, das ihr von ferne strahlte und ihr auf den Wegen ihrer sehnsüchtigen Wünsche näher und näher kam, und alle die Glut, die sie selber der Erfüllung dieser Wünsche entgegentrug, war durch die Mitteilung Elisabeths wie mit einem eiskalten Wassersturz verlöscht. Was Hansen zu ihr führte, war nicht Liebe, sondern Berechnung. Er brauchte eine Frau, irgendeine, gleichviel welche, und das nicht, um eine Familie zu gründen, einem Sohne dereinst sein Wappenschild und seine Burg zu vererben, sondern um das, was unter allen Umständen Zeit seines Lebens sein unantastbares Eigen blieb, auch nach seinem Tode nicht in fremde Hände kommen zu lassen. Er selber hatte also nicht einmal einen Vorteil davon, der ihm ohne Verheiratung entgangen wäre, sondern die Kinder seiner Brüder, falls ihm selber keine erwuchsen. Bligger also, der herrschsüchtige, ränkevolle Bligger, steckte dahinter. Darum hatte er ihr den Wald zurückgegeben; das war der Köder, der sie kirren sollte, damit die wieder Versöhnte die Frau seines Bruders würde. O, nun durchschaute sie die ihr von vornherein verdächtige Großmut ihres habgierigen Gegners. Ganz unbegreiflich war ihr nur, wie sich Hans zu einem so abscheulichen Spiel ihr gegenüber hergeben und ihr vertrauendes Herz so schmählich täuschen konnte. Dieser Gedanke war der sie am grausamsten marternde, diese Erfahrung die bitterste ihres ganzen Lebens.
In ihren Ängsten suchte sie hin und her nach einer noch so schwachen Hoffnung, und ob sich nicht irgendwie und wo wenigstens die Möglichkeit eines Mißverständnisses entdecken ließe. Es war ihr kein Zweifel, daß Bruno von Bödigheim seine Schwester mit diesen Enthüllungen gesandt und Elisabeth ihr den Sachverhalt so gehässig wie möglich dargestellt hatte. Um sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen, wollte sie zu Engelhard von Hirschhorn reiten und ihn auf sein Ritterwort fragen, ob es wirklich ein solches Recht der Hagestolze gäbe, von dem sie noch niemals gehört hatte, und ob wirklich sie das auserlesene Opfer wäre, das man dem Ehehasser wider seinen Willen an die Seite schmieden wollte. Aber bei näherer Überlegung mußte sie diesen Plan verwerfen; denn sie würde zwar von Engelhard unbedingt die Wahrheit erfahren, ihm aber auch ihre Liebe zu Hans mit ihren Fragen verraten haben, was sie um alles in der Welt vermeiden wollte. Dann dachte sie daran, Sidonie nach Zwingenberg zu schicken, damit diese ihren Vater ausforschte; aber auch dem jungen Mädchen gegenüber schämte sie sich, ihre leidenschaftlichen Gefühle für Hans einzugestehen. Sie wollte diesen selber zu sich rufen und um Aufklärung angehen. Aber ihn kommen lassen und nach seinen Absichten fragen, als könnte sie es vor Verlangen und Ungeduld gar nicht abwarten, daß er um sie würbe? Unmöglich! Sie mußte schweigen und harren, bis er von selber käme mit seiner Frage; dann wollte sie ihm die Gegenfrage stellen, und wehe ihm, wenn seine Antwort noch einen Schatten von Argwohn in ihr zurückließ!
Sie war viel zu schwer verwundet in ihrem Herzen und viel zu sehr verwirrt in ihrem Kopfe, um sich mit einiger Ruhe sagen zu können: Was ist denn nun? Hansmuß eine Frau nehmen, um nicht als Hagestolz zu sterben, und da er dich und keine andere liebt, so nimmt er natürlich dich und keine andere zur Frau, und dem nützlichen Zwecke verbindet sich ein beiderseits ersehntes Glück. Dieser Gedanke kam ihr aber nicht; sie gab schon im Voraus alles verloren und sah sich hilflos verlassen und verraten von dem einzigen Manne, in dessen Armen sie, wenn er sie geliebt hätte wie sie ihn, unaussprechlich glücklich geworden wäre.
Sie rang die Hände und aus ihren den Himmel anklagenden Augen brachen wieder die hellen Tränen hervor. Sie verhüllte das Antlitz und weinte bitterlich.
Als sie so, das Haupt auf den Tisch gestützt, saß und schluchzte, schlug plötzlich ein gellendes Gelächter an ihr Ohr, und unter dem geöffneten Fenster des Erkers hörte sie eine ihrer Mägde zu einem Knechte sagen: »Lauf' doch hin! um dich weine ich mir die Augen nicht aus!«
Bei Gott dem Allmächtigen! das Mädchen hatte recht. Und sollte sie, die Herrin der Minneburg, sich an Stolz von einer Magd überbieten, von einer Magd sich beschämen lassen? Nimmermehr! fort mit dem rinnenden Naß! die Landschaden sind keine Tränen wert! Sie erhob sich schnell, trocknete sich hastig die Augen, und das Tuch in den zitternden Händen zusammenknüllend sprach sie trotzig: »Lauf' auch du hin, Hans Landschad! stirb und verdirb als Hagestolz, laß dich vom Pfalzgrafen beerben und geh' und suche dein Glück – haha! dein Glück! – in einem Kloster, wie es dir der allwissende Jude prophezeit hat!«
Sie wollte hinaus, um das oft bewährte Mittel zu brauchen, sich im Sattel ihres Renners die trüben Gedanken vom Winde verwehen zu lassen.
Da traf sie in der Tür auf Sidonie. »Willst du mit, Sidonie?« rief sie in ihrer Erregung der Eintretenden zu, »einen Ritt! wir zwei allein, aber einen, wie nur wir beide ihn fertig bringen!«
»Ja!« sprach Sidonie kurz entschlossen und mit einem verwunderten Blick in das gerötete Antlitz der älteren Freundin, worauf diese ihrer Zofe den Befehl gab, sogleich satteln zu lassen.
Sidonie deutete sich Julianens aufgeregte Stimmung als den Ausbruch einer leidenschaftlichen Wallung ihrer Liebe zu Hans, an welcher die Jüngere längst nicht mehr zweifelte. Sie hielt daher die Gelegenheit, jener die ohnehin jetzt von ihr beabsichtigte Mitteilung von Ernsts und Richildens Verlöbnis zu machen, für eine außerordentlich günstige, zumal sie wußte, daß Juliane, die wie zur Amazone geboren war, zu Pferde stets am fröhlichsten und zugänglichsten war. Darum beschloß sie, ihr draußen unter freiem Himmel, im verschwiegenen Walde das Glück ihrer Tochter beredt und eindringlich an das mütterliche Herz zu legen, auf Julianens freudige Zustimmung schon mit großer Zuversicht hoffend.
Bald saßen die beiden zu Pferde und ritten den Burgweg schweigend hinab, weil Juliane sich noch nicht ganz von dem zu lösen vermochte, was sie eben noch so mächtig erschüttert hatte, und Sidonie über die beste Weise nachsann, wie sie ihre Mitteilung beginnen und die Unterredung zu dem erwünschten Ende führen sollte. Unten auf dem ebenen Talweg sausten sie nun Seite an Seite dahin, und es schien, als ob es Juliane darauf anlegte, so sturmschnell und so weit wie möglich von der Minneburg fortzukommen. Immer und immer noch hemmte sie nicht den ausdauernden Galopp ihres an starke Leistungen gewöhnten Pferdes, so daß Sidoniesie schon durch einen Zuruf an die Mäßigung ihres Ungestüms mahnen wollte, als sie endlich die Zügel anzog, um die Pferde im Schritt verschnaufen zu lassen.
»Ah!« machte sie, »das tut gut! nichts köstlicher als das, Sidonie! es kommt dem Fliegen am nächsten, und wenn ich einen Wunsch frei hätte beim Schicksal, so wünschte ich mir Flügel, die mich trügen, wohin ich wollte.«
Das glaub' ich, dachte Sidonie, zu ihm! zu ihm, der aller Sehnsucht Ziel ist! Laut sagte sie jedoch: »So denkt mancher und manche, Frau Juliane, besonders zwei, die voneinander getrennt sind und doch am liebsten beisammen wären.«
»Hast du damit zwei Bestimmte im Sinne?« frug Juliane argwöhnisch, ob Sidoniens Worte etwa eine versteckte Anspielung auf sie sein sollten.
»Gewiß!« erwiderte Sidonie, »zwei, die sich lieben.«
»Sidonie!« drohte Juliane.
»Nun, Euch mein' ich ja nicht,« lachte Sidonie und fuhr dann ernsthafter fort: »Und doch will ich mit Euch von zwei Liebenden reden, die Euch sehr nahe angehen. Seit Ihr heut empfänglichen Herzens für ein solches Gespräch, Juliane?«
»Nicht sehr,« erwiderte diese, mit dem Ordnen ihrer Zügel beschäftigt. »Aber sprich, wenn es sein muß, und mach' es kurz. Wer sind die zwei Liebenden?«
»Also kurz: – Ernst und Richilde.«
Juliane wandte rasch ihr Gesicht der neben ihr Reitenden zu und entgegnete finster: »Du hast dich versprochen, du wolltest sagen: Ernst und Sidonie. Doch was wollt ihr von mir? ich kann euch nicht helfen, und – ich will es auch nicht!«
»Ich habe mich nicht versprochen und Ihr habt ganz recht gehört.«
»Sidonie, zum Rätselraten bin ich nicht aufgelegt,« verwies sie Juliane streng. »Du selbst, du liebst doch deinen Vetter –«
»Nein, nein! das war ein Irrtum von Euch,« fiel Sidonie schnell ein. »Ich meinte, wie ich sagte, – Ernst und Richilde.«
Juliane hielt mit einem Ruck ihr Pferd an, und entsetzten Blickes stieß sie abgerissen hervor: »Meine Tochter?! und der – der Landschad?!«
»Dieselben!« sagte Sidonie. »Sie sind sich von Herzen gut und hoffen auf Eure Einwilligung, daß Ihr sie –«
»Niemals!« unterbrach sie Juliane mit einer heftigen Gebärde des Unwillens, und ihr Pferd wieder in Bewegung setzend rief sie: »Ist denn alles gegen mich mit Trug und Hinterlist im Bunde? auch du, Sidonie? Darum also war die Rose von einer Brust zur andern gewandert; und ich sah es und frug nicht!«
»Ernst hatte sie mir für Richilde gegeben,« sprach Sidonie.
»Schick' ihm den Stiel mit den Dornen zurück; dann weiß er meine Antwort!«
»Juliane! Was habt Ihr gegen Ernst einzuwenden?« frug Sidonie im höchsten Grade erstaunt.
»Daß er ein Landschad ist!«
»Aber der alte Streit ist doch glücklich beigelegt? Ihr seid doch versöhnt und im besten Frieden mit ihnen?«
»Nein! das bin ich nicht!« schrie Juliane. »Ich hasse sie, alle miteinander, die Männer und die Weiber, die Verheirateten und die Ledigen!«
»Und Ohm Hans?«
»Hans! Hans Hagestolz!« höhnte Juliane, »er soll mir nur über die Schwelle kommen!«
»Mein Gott! Was ist denn geschehen?«
»Nichts, was dich angeht oder du auch nur zu wissen brauchtest.«
»Ihr seid mir selber ein Rätsel, Frau Juliane!« sprach Sidonie, die aus ihrem grenzenlosen Staunen gar nicht herauskam. »Sprecht Euch doch aus; vielleicht kann ich noch einmal vermitteln.«
»O ja; du kannst, wenn du Lust hast, noch einmal nach Neckarsteinach reiten, den Landschaden in meinem Namen absagen und ihnen bestellen, sie wären wieder meine Feinde und sollten es bleiben, so lange sie und ich das Leben hätten!« erwiderte Juliane heftig. Die Augen in ihrem bleichen Gesicht funkelten in loderndem Haß, und ihr Busen hob und senkte sich in gewaltigster Bewegung.
Sidonie war diesem ihr unbegreiflichen Wutausbruch gegenüber machtlos, und um der Erregten Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, ritt sie eine Weile schweigend neben ihr her, um später das Gespräch wieder anzuknüpfen.
Als ihr der rechte Augenblick dazu gekommen schien, begann sie von neuem: »Frau Juliane, schenkt mir Vertrauen; es muß ein Mißverständnis obwalten, das aufgeklärt werden muß. Sagt mir: warum seid Ihr gegen Richildens Verbindung mit Ernst?«
»Ich kann es weder dir, noch irgendeinem anderen Menschen sagen,« erwiderte Juliane; »denn ich müßte mich schämen, zu bekennen, wie ich hintergangen und betrogen bin.« Wieder bebte ihr die Stimme, und in einen immer gereizteren Ton verfallend fügte sie hinzu: »Aus der Verbindung kann nichts werden; es ist ganz undenkbar, und Richilde soll sich nicht unterstehen, mir davon anzufangen! Kein Wort will ich davon hören! den Junker Landschad laß' ich gar nicht vor.«
»Aber Ernst und Richilde lieben sich, haben sich ihre Liebe gestanden und sich ewige Treue geschworen. Siekönnen und wollen nicht voneinander lassen,« stellte ihr Sidonie eindringlich vor.
»Pah! sie werden es lernen müssen! Man lernt manches im Leben, was man vorher nie begreifen zu können glaubte,« lachte Juliane bitter. »Sidonie, höre meinen Schwur!« Sie richtete sich im Sattel mit ihrer ganzen Gestalt hoch und gebieterisch auf und hob die Hand mit der Reitgerte drohend empor. »Hier schwöre ich: Juliane Rüdt von Kollenberg wird niemals, niemals ihre Einwilligung geben, daß ihre Tochter Richilde eines Landschaden Frau wird! Du hast es gehört, Sidonie! und links der Neckar und rechts der Wald hier sind meine Zeugen, weil ich keine anderen Zeugen außer dir habe.«
Sidonie schüttelte das Haupt und schwieg; auch Juliane sprach nichts weiter. Sie wandten die Rosse und ritten heim. In beiden wirkte das gepflogene Gespräch noch lange mächtig nach.