Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Um den schweren Eichentisch im kleinen Refektorium saßen am Nachmittage – denn es war durch das Warten auf Hans sehr spät geworden – Herr Meinhard, der Abt, Paraeus, der Prior, Rucho, der Küchenmeister, und Trotto, der Kellermeister, mit ihren Gästen, den beiden Junkern und den beiden Fräulein, und es war ein vorzügliches Mahl, das Bruder Rucho hatte bereiten lassen, und das Bruder Trotto mit ausgewählten Jahrgängen des Klosterkellers bedachte.

Man ließ es sich wohl sein und war guter Dinge. Selbst Ernst und Richilde, zum ersten Male wie ein Brautpaar bei Tische nebeneinander sitzend, vergaßen ihre nächsten Sorgen, sahen sich hier wenigstens, in diesem kleinen Kreise als Verlobte anerkannt und gaben sich in zunehmender Fröhlichkeit der schmeichelnden Vorstellung hin, daß dieses festliche Mahl ihnen zu Ehren stattfände. Hans, der seinen Platz zwischen dem Abt und dem Prior hatte, fühlte sich hier wie zu Hause, ließ seiner Lebenslust die Zügel schießen und trank sich und seinen klösterlichen Freunden einen Becher nach dem andern zu. Sidonie, zwischen Rucho und Trotto, sprudelte erst recht von Übermut und führte mit allen eine so lebhafte, hinreißend neckische Unterhaltung, daßes die Mönche von dem hübschen Mädchen aufs höchste ergötzte.

Die Tafel nahte sich allmählich ihrem Ende, und der Kellermeister klirrte mit den Schlüsseln und warf einen fragenden Blick auf den Abt, ob er vielleicht noch einen besseren herauf holen lassen sollte, denn man war seit langer Zeit nicht so vergnügt im Kloster gewesen.

Da wurde das heitere Mahl in einer jähen, von keinem der acht Teilnehmer für möglich gehaltenen Weise abgebrochen.

Vom Gange draußen hereinkommend näherte einer der beiden die Tafel bedienenden Laienbrüder seinen Mund dem Ohre des Abtes und flüsterte diesem etwas zu. Herr Meinhard machte eine Bewegung des Überraschtseins und erwiderte mit gedämpfter Stimme, doch so, daß es alle hörten, weil sie alle lauschten: »Führt die gnädige Frau ins Sprechzimmer; ich komme sogleich.«

Eine lautlose Stille trat ein. Aller Augen waren auf den Abt gerichtet, einige mit nur neugierigen, andere zugleich mit ahnungsvoll bangem Ausdruck. Der Abt aber sprach mit Bedeutung die schwerwiegende Nachricht aus: »Frau Rüdt von Kollenberg ist angekommen.«

Richilde erschrak so heftig, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Auch Sidoniens Gesicht wurde etwas lang bei dieser Kunde. Sie blickte auf Ernst; »Josephine!« murmelte dieser und erhob sich. Aber schnell sprang auch Hans auf und rief ihm zu: »Du bleibst! ihr beiden verschwindet und laßt euch nicht sehen, bis ich euch rufen lasse! Komm, Sidonie! wir zwei wollen es mit ihr aufnehmen.«

»Nun, Ohm Hans, dann wappne dich!« erwiderte Sidonie, »und alle lieben Heiligen mögen uns beistehen!«

»Wohl gesprochen!« sagte der Abt. »Aber zuerst will ich die edle Frau in unseren Mauern begrüßen; darum laßt mich vorangehen und folgt mir nach einem Weilchen.« Und sich zu den Laienbrüdern wendend fuhr er fort: »Ihr räumt hier schnell auf und öffnet die Fenster, damit ich die gnädige Frau aus dem ungastlichen Sprechzimmer bald hierher führen kann.«

Sidonie umarmte ihre zitternde Freundin und raunte: »Mut, Richilde! wir müssen uns durchkämpfen!«

Hans hatte sich das heißersehnte Wiedersehen mit Juliane allerdings anders gedacht, als es jetzt hier, in dieser Umgebung, unter den obwaltenden Umständen und in der bei Juliane vorauszusetzenden Stimmung stattfinden konnte. Dennoch ging er demselben mit seinem guten Gewissen fröhlich und in der Hoffnung entgegen, daß auch sie das unvermutete Zusammentreffen mit ihm trotz der leidigen Veranlassung erfreuen und trösten, und daß seine Gegenwart beruhigend und versöhnlich auf sie wirken würde.

Der Abt und Juliane kannten sich bereits oberflächlich von früher her. Seine achtungsvolle Begrüßung beim Eintritt in das Sprechzimmer unterbrach sie mit der hastigen Frage: »Ist meine Tochter hier?«

»Ja, gnädige Frau!« erwiderte der Abt. »Gestern spät abends sind sie gekommen; aber seid unbesorgt! es ist nichts geschehen und wird nichts geschehen, was gegen Euren Wunsch und Willen wäre.«

»Gott sei gedankt!« atmete sie erleichtert auf, »und auch Euch, hochwürdigster Herr! Ich fürchtete schon das Schlimmste.«

»Wäre es denn etwas gar so Schlimmes, wenn sie des ritterlichen Junkers Frau würde?« frug er mit einem milden Lächeln.

»Es ist ein Landschad!« stieß sie grollend hervor.

Herr Meinhard führte sie zu einer längs der Wand hinlaufenden Bank und sagte: »Es wird sogleich ein würdigerer Raum zu Eurem Empfange bereit sein; nehmt einstweilen hier fürlieb. Eure Tochter ist in guter Obhut.«

»Gebt sie mir heraus, daß ich sie mitnehme, wohin sie gehört!« entgegnete sie finster, nahm aber doch Platz, denn sie war von dem anstrengenden Ritt und der marternden Angst, zu spät zu kommen, sichtlich erschöpft.

»Nicht so schnell, gnädige Frau!« sprach der Abt, »laßt uns erst ruhig miteinander reden.«

Aber kaum hatte auch er sich gesetzt, als sich die Tür auftat und Hans und Sidonie herein traten.

Juliane sprang auf. – »Was?! – ihr hier?! Wollt ihr beiden euch vielleicht auch hier – Ah nein! das tut der Ehehasser nicht!« lachte sie höhnisch. »Zwei Landschaden entführen ein Mädchen! welch Meisterstück! Und du, du bist die Helferin!« rief sie, mit der ausgestreckten Hand auf Sidonie weisend.

»Seid mir gegrüßt, Frau Juliane!« sprach Hans erregt, »und laßt Euch sagen, daß ich Eure Tochter nicht entführt habe. Im Gegenteil, ich verdamme die verwegene Tat meines Neffen ebenso entschieden wie Ihr und mein hochwürdiger Freund hier und bin den Flüchtigen nur nachgesetzt, um sie mit Gewalt zurückzuholen.«

»Wer Euch das glauben soll!« erwiderte sie spöttisch.

»Es ist so, gnädige Frau!« bestätigte der Abt.

»Ihr hättet Euch den Weg sparen können,« fuhr Hans fort; »denn morgen hätte ich Euch Eure Tochter nach der Minneburg zurückgebracht.«

»Ihr habt nichts davon gewußt?« frug sie noch einmal zweifelhaft.

»Nicht das geringste!« versicherte er. »Erst heuteMorgen erfuhr ich's durch einen Brief von Ernst. Sie haben sich wohl gehütet, mich vorher einzuweihen.«

»Ich kann's bezeugen,« sagte Sidonie nun. »So dumm sind wir nicht,« setzte sie leiser hinzu.

Juliane überhörte das. Sie stand und blickte unwillig auf Hans, daß sie nicht ihren Zorn an ihm auslassen konnte, weil er schuldlos war. Er sah bleich aus, und jetzt erst bemerkte sie eine große, kaum verharschte Wunde an seiner Stirn. Natürlich dachte sie, der Raufbold kann nicht Frieden halten. Wen mögen sie wieder auf der Landstraße niedergeworfen haben, daß er den Denkzettel davon hat?

Ein Laienbruder war erschienen, hatte dem Abt einen Wink gegeben und einen leisen Auftrag von ihm erhalten.

»Wenn es Euch nun gefällig ist, gnädige Frau,« sprach der Abt –

»Zu Richilde? nein! jetzt mag ich sie nicht sehen,« wehrte sie ab, »und noch weniger den Junker – den Entführer!«

»Braucht Ihr auch nicht,« sagte Hans. »Sie werden Euch nicht eher vor die Augen kommen, als bis Ihr sie rufen laßt.«

»Ich wollte Euch nur in unser Speisegemach führen,« ergänzte der Abt; »ein leichter Imbiß wird Euch wohltun.«

»Ach ja! das wird er,« hauchte sie. »Ich bedarf einer Stärkung; meine Kraft geht zu Ende.«

»Gerettet, Ohm Hans!« flüsterte Sidonie. »Wer essen kann, mit dem läßt sich fertig werden.«

Hans nickte ihr lächelnd zu.

»Und nicht wahr, gnädige Frau?« fuhr der Abt fort, indem sie sich anschickten, das Sprechzimmer zu verlassen, »Ihr bleibt heute bei uns und ruht Euch aus, undmorgen macht Ihr Euren Frieden mit Eurer Tochter; aber vorher bitte ich noch um eine Unterredung mit Euch.«

»Ich nehme Eure Gastfreundschaft mit allem Dank an, hochwürdiger Herr!« erwiderte sie. »Aber dürft Ihr denn Frauen im Kloster beherbergen?«

»Eigentlich nicht,« sprach der Abt; »aber in Fällen der Not ist es uns gestattet. Kranken oder Verwundeten, Verirrten und Wegmüden öffnen wir aus christlicher Barmherzigkeit unsere Tür Tag und Nacht. Euch rechne ich zu den Wegmüden,« fügte er lächelnd hinzu; »oder seid Ihr das nicht?«

»Doch! doch! ich wäre wirklich nicht imstande, heute wieder zurückzureiten,« sagte sie.

»Es ist auch schon zu spät dazu; die Nacht würde Euch überfallen.«

»Morgen reiten wir zusammen, Frau Juliane!« sprach Hans. »Ich geleite Euch nach der Minneburg.«

»Bemüht Euch nicht! ich habe Geleit genug bei mir,« gab sie ihm kühl abweisend zur Antwort.

»Habe schon gehört, – vier Mann im Harnisch!« lachte Hans. »Meinhard, Mann des Friedens, wird dir nicht bange vor solcher Kriegsmacht?«

»Ich habe es mit Landschaden zu tun!« versetzte sie scharf.

»Die Landschaden schlagen sich wohl für Euch, aber nicht gegen Euch, Frau Juliane!« erwiderte Hans beleidigt.

»Was wollt Ihr damit sagen?« warf Juliane hochmütig über die Schulter.

Hans schwieg; aber statt seiner antwortete Sidonie: »Seht Ihr nicht die breite Wunde an Ohm Hansens Stirn? Die hat er für Euch davongetragen.«

»Für mich?!« frug sie im höchsten Erstaunen und sich schnell zu Sidonien umwendend.

»Ja, für Euch! Euretwegen hat er sich mit Bruno von Bödigheim auf Leben und Tod geschlagen, hat den Streich empfangen, der ihn niederstreckte, und hat in Fieber und Schmerzen lange daran festgelegen. Dies ist heute sein erster Ritt wieder.«

»Schweig, Sidonie!« sagte Hans, »von solchen Kleinigkeiten macht man nicht groß Aufhebens.« Es tat ihm schon leid, daß er sich zu einer Entgegnung auf Julianens scharfe Bemerkung hatte hinreißen lassen und dadurch Sidonien zur Erwähnung seines Zweikampfes angeregt hatte.

Juliane aber war sprachlos. Wie gehässig hatte sie eben noch von dieser Wunde gedacht! Zu ihrem Glück herrschte in dem Gange, den sie jetzt dahinschritten, ziemliche Dämmerung, so daß Niemand die Verwirrung und Erschütterung gewahr wurde, die sich ihrer bei dieser äußerst überraschenden Kunde bemächtigt hatte. Sie ging sehr langsam, nur um Zeit zu gewinnen, sich fassen und sammeln zu können.

So kamen sie in das Refektorium und setzten sich mit Juliane um den Tisch, auf dem schon Speise und Trank bereitstand. Der Prior Paraeus gesellte sich wieder zu ihnen und war allen willkommen, denn der kluge Mann wandte das Gespräch von der mißlichen Angelegenheit ab, derentwegen Juliane hier war, und brachte es auf andere Dinge, so daß es einen durchaus unverfänglichen Verlauf nahm.

Juliane genoß von dem reichlich Gebotenen nur wenig. Ihr war nach dem, was sie von Sidonie erfahren hatte, der Hunger vergangen. Sie war von einer tiefen Unruhe erfüllt und mußte immer wieder auf Hans und seine Narbe sehen, als wollte sie ihn bis auf Herzensgrund erforschen, was ihn, an dessen Liebe sie nicht mehr glaubte, bewogen haben konnte, sein Lebenfür sie einzusetzen. Da nun Hansens Augen unverwandt an Julianens Antlitz hingen, so kam es, daß sich beider Blicke öfter begegneten und wohl gar, fast ohne Wissen und Willen Julianens, einen Atemzug lang ineinander ruhten.

Er hielt ihr auffallend, ja verletzend schroffes Benehmen gegen ihn ihrem Zorn über Richildens Entführung und ihrem vielleicht nicht schnell genug beseitigten Verdacht, daß er seine Hand dabei im Spiele gehabt hätte, zugute und trug es ihr nicht nach. Vielmehr freute es ihn, daß sie nun allmählich anfing, ihm auf die Reden, die er an sie richtete, wieder eine etwas verbindlichere Antwort zu geben, wenn auch darin immer noch ein verhaltener Groll gegen ihn nachzitterte, den er sich nicht erklären konnte.

Sidonie nahm jetzt wenig teil an der Unterhaltung. Bald richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Juliane, bald saß sie wie geistesabwesend in ihre eigenen Gedanken versunken und schlüpfte endlich hinaus, um Ernst und Richilde aufzusuchen und ihnen den Hergang bei Julianens Einkehr zu berichten.

Sie fand die ihrer schon ungeduldig Harrenden im Klostergarten und erzählte ihnen alles haarklein und der Wahrheit gemäß, damit schließend: »Laßt euch nur heute vor Frau Juliane nicht mehr blicken; morgen will der Abt mit ihr reden, und ich habe noch Hoffnung für euch.«

»Ach, Sidonie!« sprach Richilde, »ich kann nicht schlafen, ehe meine Mutter mir nicht verziehen hat. Kannst du mir nicht heute noch eine Unterredung mit ihr verschaffen? ich will mich ihr zu Füßen werfen –«

»Heute noch?« erwiderte Sidonie. »Sie ist in böser Stimmung, Richilde! Aber ich will versuchen, sie zu bewegen, daß sie dich zu Nacht noch vor sich läßt. Gelingtes mir, so komm' ich und hole dich. Jetzt aber versteckt euch, verkriecht euch, verschließt euch in eure Zelle, – das heißt,« fügte sie schelmisch drohend hinzu, »getrennt, jeder allein in die seinige!«

Die Getrösteten versprachen, den Rat zu befolgen, und Ernst erging sich in bitterer Selbstanklage, daß er Josephinen zu viel Vertrauen geschenkt hatte, denn sie allein konnte Frau Juliane die Flucht und das Ziel derselben verraten haben. Hätte er das nicht getan, so hätten Richilde und Sidonie nach der beharrlichen Weigerung des Abtes, der heimlichen Liebe seinen Segen zu geben, ruhig nach Zwingenberg reiten können, und Frau Juliane hätte von der Entführung vielleicht niemals etwas erfahren. Ohm Hans würde wohl geschwiegen haben, und sie hätten ihr den kecken Streich später einmal, wenn sie das Glück ihrer Vereinigung auf andere Weise gefunden hatten, in einer traulichen Stunde gebeichtet. Zu solchen Betrachtungen war es aber nun leider zu spät.

Sidonie überließ die beiden sich selbst und wandelte noch eine Weile sinnend im einsamen Kreuzgang auf und nieder, nur mit dem Schicksale des Paares beschäftigt, das mit Abt und Prior allein geblieben war. Sie hatte die Blicke beobachtet, mit denen sich Hans und Juliane angesehen hatten, zog daraus ihre Schlüsse und baute darauf ihre Hoffnung. »So muß es gehen,« sprach sie zu sich selber, »so muß es gehen, oder die Glut verlangender Sehnsucht ist ein Ammenmärchen und die Macht des Liebesgottes keinen Pfifferling wert!« Sie besah sich die Gelegenheit, die Zugänge zum Kreuzgang, spähte, wohin Türen und Treppen führten, und spürte ringsum. »Die Fenster dort oben sind störend, da sind die Zellen der Mönche; aber diese Glatzköpfe schlafen gewiß wie die Murmeltiere. Freilich, man müßte sich vorsehen;– hm! ja, ja! das ist gut! so wird's gemacht! punktum! und nun vorwärts!« Ihr Plan war fertig, und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen, kehrte sie in das Refektorium zurück, dort aber mit einem so gleichgültigen und harmlosen Gesicht eintretend, als könnte sie nicht bis fünf zählen.

Mittlerweile war es Abend geworden, und Juliane begehrte nach Ruhe. Sich bei Abt und Prior mit ihrer Abgespanntheit entschuldigend, sagte sie ihnen freundlich gute Nacht, Hans und Sidonie nur mit einem sehr kühlen und knappen Gruß abfindend. Zwei Laienbrüder leuchteten ihr die Treppe hinauf zu der für sie bestimmten, mit möglichster Bequemlichkeit ausgestatteten Zelle, in welcher, ebenso wie in den Zellen der beiden Mädchen, ein schwarzes Mönchsgewand hing. –

Wie aber hatte Juliane die Flucht und den Aufenthaltsort Richildens erfahren?

Das war so gekommen:

Sie war einsam und allein, so allein, wie sie sich in ihrem Leben noch nicht gefühlt hatte, und saß wie gewöhnlich auch an dem Morgen, nachdem tags zuvor die drei jungen Mädchen nach Zwingenberg – wie sie annahm – abgeritten waren, wieder in ihrem Erker, den Blick leer und hoffnungslos in die Ferne gerichtet. Da kam Petrissa und meldete: »Gnädige Frau, draußen ist der Sohn des Sterndeuters Isaak Zachäus und begehrt Euch zu sprechen; er hat eine Botschaft an Euch von seinem Vater.«

»Des Sterndeuters Sohn?« frug Juliane erstaunt, »führ' ihn herein!«

Josephine trat ein, in männlicher Kleidung, mit ihrem langen Rock angetan, verbeugte sich und wartete auf Julianens Anrede, um daraus zu entnehmen, ob die Burgherrin ihr wahres Geschlecht kannte oder nicht.

»Du bist der Sohn Meister Isaak Zachäus' und bringst mir Botschaft von deinem Vater?« sprach Juliane.

»So ist es, edle Frau!« erwiderte Josephine. »Aber ehe ich die Botschaft ausrichte, müßt Ihr mir fest und sicher geloben, jedermann zu verschweigen, von wem Ihr sie habt.«

»Ich gelobe dir's, mein Wort darauf!« sagte Juliane.

»Wohlan, gnädige Frau, so hört, was ich Euch zu verkünden habe,« begann die Falsche. »Die Sterne haben in dieser Nacht meinem Vater vertraut, daß die Gefahr, die Eurer Tochter außerhalb der Burg drohte, nun eingetreten ist.«

Juliane schrak auf. »Barmherziger Gott! was ist geschehen? sprich! verhehle mir nichts!«

»Junker Ernst Landschad hat Eure Tochter entführt.«

»Entführt?! geflohen mit ihr? – nicht nach Zwingenberg? – oh! – oh! – was hab' ich getan, daß ich sie aus der Burg hinausließ!« stöhnte Juliane ihr Antlitz verhüllend. – »Wann? wohin?« frug sie dann in schnell aufflammendem Zorn.

»Gestern Nachmittag, nach Kloster Sinsheim, um sich dort mit ihr trauen zu lassen,« sprach ohne Zögern die Verräterin.

»Und das weiß dein Vater alles aus den Sternen?«

»Fragt nicht, woher, laßt Euch genug sein, daß er es weiß,« erwiderte Josephine.

»Und trauen wollen sie sich lassen? ohne mich? gegen meinen Willen? oho! ich will ihnen die Kerzen dazu anzünden!« rief Juliane drohend und eilte zur Tür. Doch auf halbem Wege stehen bleibend frug sie: »Hast du noch mehr zu melden?«

»Nein, gnädige Frau!«

»So geh! – nein! komme her und nimm! – für deinen Vater –«

Josephine trat einen Schritt zurück. »Nein, nein! keinen Lohn nehm' ich von Euch, nicht um Geld und Gut bracht' ich Euch die Kunde,« sagte sie erregt. Ein kalter Schauer überlief sie; sie wandte sich, verließ das Gemach, eilte mit klopfendem Herzen und zitternden Knien die Treppe hinunter und floh aus der Burg, den Berg hinab, in den Wald hinein und schaute nicht rückwärts.

Juliane rief mit lauter, gellender Stimme zur Tür hinaus: »Petrissa! schnell den Burgvogt! auf der Stelle soll er kommen!«

»Weiprecht,« befahl sie dem bald darauf Eintretenden, »laß satteln für mich und dich und drei Knechte im Harnisch! Wohin wir reiten, sag' ich dir, wenn wir unten sind; aber schnell wie der Wind müssen wir in den Bügeln sein!«

Ehe der Schatten der Fenstersäulen im Erker um eine Hand breit gerückt war, ritt Juliane an der Spitze von vier Bewaffneten aus dem Tore der Burg zur Verfolgung ihrer entflohenen Tochter. –

Nun befand sie sich hier in dieser engen Klosterzelle, mit der Ungehorsamen, die sie noch nicht wiedergesehen hatte und noch nicht wiedersehen wollte, unter einem Dache. Sie hatte die Tür hinter sich verriegelt und sich, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Schemel an das mit einer Decke verhangene Fenster gesetzt. Zum Schlafen war sie noch zu überreizt; sie hatte nur allein sein wollen, um das in sich zu verarbeiten, was ihr der heutige Tag an Aufregendem und Unbegreiflichem gebracht hatte.

Die Gefahr einer Verbindung Richildens mit einem Landschaden war dank der Gewissenhaftigkeit des würdigen Abtes für dieses Mal glücklich überstanden, und Juliane glaubte ihrer Tochter auch für die nächste Zukunft sicher zu sein, indem sie die Aufsässige morgen mit sich zurücknehmen und unter keinem Vorwandeohne ihre Begleitung wieder aus der Burg herauslassen wollte. Dieses ihr erst so bedrohlich scheinende, nun so kindisch und lächerlich vorkommende Possenspiel von einer Entführung war also für Juliane so gut wie abgetan und trat in ihren Gedanken schon weit zurück gegen das ihr noch gar nicht zu Sinne wollende Ereignis, daß sich Hans für sie geschlagen hatte.

»Hm! für mich geschlagen!« sprach sie nach längerem Nachsinnen mit gekräuselter Lippe. »Bödigheim – der einzig Ehrliche – der Treue, den ich abwies – hat von dem Recht der Hagestolze und dem Plan der Landschaden gehört, dessen Opfer ich werden sollte. Seiner Schwester Elisabeth, die mich warnte, wollte ich nicht glauben. Da hat er selber dem Übermütigen seine Schändlichkeit vorgehalten, hat ihn, um mich zu rächen und zu retten, zum Zweikampf herausgefordert; der Junker Hagestolz hat einen wohlverdienten Hieb davongetragen, – und nun heißt es: er hat sich für mich geschlagen! er! für mich!«

So saß sie und grübelte in ihrer Verbitterung, und kein Schlaf kam in ihre Augen. Da klopfte es leise an die Tür. Sie fuhr erschrocken auf. Wer konnte sie jetzt noch stören wollen? Sie hatte sich wohl getäuscht; aber da klopfte es noch einmal. Sie eilte an die Tür und frug: »Wer ist da?«

»Ich bin es, Sidonie,« erhielt sie zur Antwort.

»Was willst du?« erwiderte sie barsch.

»Bitte, öffnet! ich muß Euch dringend sprechen,« flüsterte es draußen.

Juliane schob den Riegel zurück und ließ Sidonien eintreten, sie mit einem strengen und erstaunten Blicke messend.

»Frau Juliane,« begann das Mädchen, »ich finde nicht Ruhe, ehe ich nicht mein Gewissen erleichtert und mich Euch gegenüber als Hauptschuldige an dem unbesonnenenStreiche bekannt habe, der Euch, wie ich nun wohl einsehe, aufs schwerste beleidigen mußte. Worin meine Schuld besteht, sag' ich Euch ein andermal; denn soviel mir auch an Eurer Verzeihung gelegen ist, und so rastlos und eifrig ich mich auch bemühen werde, mir dieselbe zu verdienen, so mute ich Euch doch keineswegs zu, sie mir heute schon jetzt, hier auf der Stelle zu gewähren.«

»Wäre auch eine starke Zumutung!« sagte Juliane.

»Ich habe eine andere Bitte,« fuhr Sidonie fort, »die große, herzliche Bitte, daß Ihr Richilden verzeihen möchtet, in deren Auftrag ich komme.«

»Warum du? warum kommt sie nicht selber?« frug Juliane.

»Ihr wolltet sie ja vor morgen nicht sehen, hattet Ihr gesagt,« erwiderte Sidonie. »Aber sie läßt nun fragen, ob sie sich nicht heute noch Euch zu Füßen werfen und Euch um Eure Verzeihung anflehen dürfte.«

Juliane schwieg.

»Richilde bereut, was sie getan hat,« fuhr Sidonie fort, »und kein Auge würde sie schließen können, solange sie Euch im Zorn wüßte. Darum bittet sie und bitte ich Euch, sie anzuhören, was sie Euch zu sagen hat, und nicht die Nacht vergehen zu lassen, ohne ihr von Herzen verziehen zu haben.«

»So laß sie kommen und hinnehmen, was ihr gebührt!« sprach Juliane mit einem Tone, der nichts Versöhnliches hatte.

»O nicht hier kann das geschehen,« erwiderte Sidonie; »in einem Kloster haben alle Wände Ohren.«

»Wenn sie nicht zu mir kommt, – ich gehe ihr keinen Schritt entgegen,« versetzte Juliane.

»Ich habe mit Richilde verabredet,« sprach Sidonie immer dringlicher, »daß sie Euch, sobald die Nachtglockegeläutet hat, die jeden Mönch in seine Zelle bannt, unten im Kreuzgang erwarten soll, wo euch niemand belauschen kann.«

»Im Kreuzgange? sind wir dort sicher, nicht gehört zu werden?«

»Ganz sicher!« erwiderte schnell Sidonie mit funkelnden Augen.

»Aber wenn man uns sähe?«

»Auch das hab' ich bedacht,« sprach Sidonie in freudigem Eifer. »Das Mönchsgewand dort, wie in jeder Zelle sich eines findet, schützt Euch und macht Euch unkenntlich. Ihr hüllt Euch hinein, zieht die Kapuze über das Haupt; Richilde wird das Gleiche tun und sollte euch dann doch ein einsamer Zellenbewohner von seinem Fenster aus bemerken, so wird er euch für zwei vertraute fromme Brüder halten, die sich noch ein wenig im Mondschein ergehen, und wird die kleine Übertretung der Klosterregel nicht gleich dem Abte melden. Seid Ihr bereit, Juliane?«

»Ich weiß nicht, ob ich soll oder nicht soll,« erwiderte Juliane mit einem argwöhnischen Blick. »Ich traue dir nicht mehr.«

»Hab' ich Euch nicht immer gut geraten? Hattet Ihr's schon jemals zu bereuen, mir gefolgt zu haben?« sagte Sidonie schmeichelnd. »Juliane! wenn Ihr mir heute nachgebt, – morgen werdet Ihr es mir Dank wissen!«

»Nun, so mag es sein!« sprach Juliane. »Du hast eine Art, zu überreden, der man nicht widerstehen kann; ich glaube dir, daß du die Verführerin meiner Tochter bist, denn du bringst einen zu jeder Torheit.«

»Ich will ja nichts, als Euer Glück,« sagte Sidonie, innerlich frohlockend.

»Aber wie komm' ich hinab?« frug Juliane noch.

»Ihr wendet Euch auf dem Gange draußen nach links; dort gelangt Ihr an eine Treppe, die zum Kreuzgang führt. Es ist noch nicht voller Mondschein, aber hell genug, daß Ihr nicht fehlen könnt. Im Kreuzgang an der Kirchenseite ist eine steinerne Bank; da wird Euch Richilde erwarten. Öffnet der schwarzen Gestalt dort die Arme, kommt der tief Verzagten rasch und liebevoll entgegen; Ihr werdet ein treues, liebendes, sehnendes Herz an das Eure drücken. Gute Nacht! und gut Heil auf den Weg!«

Sidonie huschte hinaus. »Ah!« machte sie draußen, »das war kein leichtes Stück. Nun gebe der Himmel, daß es glückt!«

Juliane nickte, als sie wieder allein war, still vor sich hin: »Sie hat Recht. Richilde ist die Verführte, ist mein einziges Kind, – niemand hab' ich, als sie. Mit rasch verzeihender Liebe will ich sie an mein Herz ziehen, schnell, heiß, ohne Worte.«

Sidonie ging wieder in das Refektorium, wo Hans mit dem Prior beim Schachspiel saß. Der Abt hatte sich zurückgezogen. »Ohm Hans, auf ein Wort! Verzeiht, hochwürdiger Prior!«

Sie nahm Hans mit sich in einen Winkel der geräumigen Halle und flüsterte: »Ohm Hans, Richilde möchte dich gern heut abend noch sprechen. Sie will dich bitten, bei ihrer Mutter ein gut Wort für sie einzulegen, und hat dir besondere Aufschlüsse zu geben.«

»Besondere Aufschlüsse?«

»Ja, die sie nur dir vertrauen will.«

»Hm! muß es denn gleich sein? Hat es nicht Zeit bis morgen?«

»Gleich muß es nicht sein, aber bis morgen hat es auch nicht Zeit. Sobald die Nachtglocke geläutet hat, will Richilde dich im Kreuzgang erwarten; sie bittet dich dringend, daß du kommst.«

»Wenn's sein muß,« brummte Hans.

»Ja, es muß sein,« sagte Sidonie. »Sie wird sich in eine Mönchskutte hüllen und die Kapuze überziehen, daß sie niemand erkennt. Und ganz ebenso mußt du es auch machen, Ohm Hans!«

»Dummes Zeug! wozu denn?«

»Anders geht es nicht. Bedenke doch! ein Mädchen darf sich nachts nicht im Kreuzgang blicken lassen,« redete Sidonie listig auf ihn ein.

»Freilich! da hat sie Recht,« sagte Hans treuherzig, ohne zu überlegen, ob deshalb auchseineVermummung nötig wäre. »Also nach der Nachtglocke?«

»Gleich nach der Nachtglocke, im Kreuzgang an der Steinbank bei der Kirche. Wirst du da sein? im Mönchsgewand?«

»Ja, ja! sag' ihr nur, ich käme!« versprach Hans, ungeduldig, sein Spiel mit dem Prior fortsetzen zu können.

»Gut, Ohm Hans! habe Dank und sei recht freundlich und liebevoll gegen Richilde! Schließ sie nur gleich kräftig in die Arme, als wäre es eine Tochter, die ihr Herz vertrauensvoll an das deine legen will.«

»O, das will ich schon tun,« sprach Hans.

»Dann gute Nacht, Ohm Hans! Und mache deine Sache gut! Gute Nacht, hochwürdiger Prior!« – und fort war sie.

»Da bin ich doch neugierig,« sagte Hans, als er sich wieder zum Prior an das Schachbrett setzte.


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