Einundzwanzigstes Kapitel.
An der Schmiedeschenke um den Tisch unter der Eiche saßen Ernst und die drei Fräulein von der Minneburg. Unter der Eiche saßen sie wie damals unter der Reiherbuche in eingehender Beratung, was nun, nach den Vorgängen der letzten Tage und dem Schwinden jeder Hoffnung auf Julianens Nachgiebigkeit, geschehen sollte, um die beiden Liebenden zu ihrem Glücke zu vereinigen.
Sidonie hatte gestern abend noch ihren Vater gesprochen. Dieser hatte ihr das Wesentlichste von seiner Unterredung mit Julianen anvertraut und sie genügend darüber aufgeklärt, weil sie ihm sagte, daß sie am nächsten Nachmittag Ernst sehen würde, der ja seinem Vater die nötigen Mitteilungen machen könnte, ohne daß Ohm Hans davon erführe. Auch die Veranlassung zu Hansens Zweikampf hatte Engelhard seiner Tochter nicht verschwiegen und ihr endlich geboten, nach Zwingenberg auf die väterliche Burg zurückzukehren, zugleich aber Sidoniens Bitte, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitbringen zu dürfen, gern gewährt. Alle drei waren mit einem Wechsel ihres Aufenthalts sehr einverstanden, denn auf der Minneburgwar ihnen unter der Herrschaft von Julianens gegenwärtiger Stimmung das Leben verleidet, soviel sie auch von der sich immer mehr Abschließenden sich selber überlassen waren. Als ihr Sidonie heute morgen den Befehl ihres Vaters, nach Hause zu kommen, und ihren Wunsch, die beiden Freundinnen mitzunehmen, vorgetragen, hatte Juliane mit einem schroffen »Meinetwegen!« sofort zugestimmt, froh, mit ihrem Groll und ihrem Schmerz eine Zeitlang allein bleiben zu können.
Dieser Umstand kam dem Plane sehr zu statten, den sich Ernst ausgesonnen hatte und der nichts Geringeres besagte, als Richildens Entführung.
Er hatte sich des Wortes erinnert, das Ohm Hans hier an dieser Stelle zu ihm und Laux Rapp einmal gesprochen hatte, des Inhaltes, daß sein guter Freund, der Abt von Sinsheim, ihm alles zu Liebe täte, was er von ihm verlangte.
Hierauf bauend und fest entschlossen, für seine Liebe das Äußerste zu wagen, machte er der Geliebten nun den Vorschlag, sie nach Sinsheim zu entführen, sich dort vom Abte mit ihr trauen zu lassen, sie dann nach Neckarsteinach zu bringen und auf der jetzt unbewohnten Vorderburg so lange mit ihr zu bleiben, bis Frau Juliane sich herbeiließ, dem geschlossenen Bunde ihren Segen zu erteilen, wie es sein Vater bereits im Voraus getan hatte.
Die drei Mädchen erschraken erst vor der Kühnheit dieses Planes; aber bald fingen sie an, sich mit den Fährlichkeiten desselben mehr und mehr auszusöhnen. Namentlich Sidonie, die schon damals unter der Reiherbuche, allerdings nur im Scherz, eine Entführung als letztes Auskunftsmittel empfohlen hatte, war schnell dafür gewonnen und brach in hellen Jubel darüber aus. Und was Ernst kaum zu hoffen gewagt hatte, Richilde selbst sträubte sich nicht lange dagegen, sondern erklärte sichnach kräftigem Zureden Sidoniens halb mit Bangen, halb mit Freuden bereit, dem Geliebten in unwandelbarer Treue bis an das Ende der Welt und noch darüber hinaus, bis in den Tod zu folgen. Aus dem schüchternen Mädchen war im Laufe von Tagen, in denen sie soviel Leid erfahren und allerhand Demütigungen seitens ihrer Mutter zu ertragen gehabt hatte, ein fast willensstarkes Wesen geworden, ebenso entschlossen wie Ernst, zur Erreichung ihres Zieles alle fesselnden Bande zu zerreißen. Die Liebe hatte sie gereift, für ihre Liebe wurde ihr kein Schritt zu schwer. Nur Hiltrud konnte nicht umhin, mancherlei Bedenken gegen das unbotmäßige Vorhaben zu äußern; aber auch sie fügte sich endlich den Gründen und Vorstellungen der übrigen und billigte den gefaßten Entschluß. In den Adern dieser beherzten Burgfräulein rollte das Blut ihrer Väter, die selber vor keinem noch so kecken Handstreich zurückbebten, wenn es Ritterehre oder ernsten Kampf oder lockende Beute galt. Hier wirkten nun andere Mächte, die Liebe, die Freundschaft, der Reiz des Abenteuerlichen, und gaben den Ausschlag. Was geschehen sollte, war beschlossen; jetzt handelte es sich um das Wie der Ausführung.
Nach manchem Hin und Wider einigte man sich, die Flucht in folgender Weise zu bewerkstelligen.
Kurz nach dem zweiten Mittage, von heute gerechnet, wollten die Mädchen sich zu ihrem Besuch auf Zwingenberg von Frau Juliane verabschieden. Sie konnten dann, ohne daß es auffiel, einiges Gepäck mit sich auf das Pferd hinter den Sattel nehmen. Der Knecht, den ihnen Juliane wahrscheinlich zum Schutze mitgeben würde, sollte Hiltrud nach Eberbach zu ihren Eltern bringen, denen sie ihre unerwartete Rückkehr vorläufig auf irgendeine glaubliche Weise begründen sollte, um ihnen erst nacheinigen Tagen die Wahrheit zu sagen. Sidonie aber wollte das fliehende Paar nach Kloster Sinsheim begleiten, teils in der Eigenschaft als Richildens Ehrendame, teils aus eigenem grenzenlosen Vergnügen an dem köstlichen Spaß, bei dem sie doch unmöglich fehlen konnte, wie sie sagte und die anderen auch einsahen, so daß ihre Begleitung Ernst und Richilde hochwillkommen war. Vermißt konnten die Fräulein nirgend werden, denn Juliane mußte glauben, sie wären auf Zwingenberg, und Sidoniens Eltern würden denken, sie befänden sich noch auf der Minneburg. Nachmittags wollte Ernst mit Sidonie und Richilde hier an der Schmiedeschenke zusammentreffen, um sich mit ihnen in gemächlichem Ritt nach Sinsheim zu begeben. Dort wollten sie erst abends bei einbrechender Dunkelheit ankommen und an der Klosterpforte als von ihrem Wege Verirrte um Aufnahme bitten, die das große und reiche Kloster selbst den beiden Fräulein für die Nacht gewiß nicht versagen würde. Waren sie aber erst einmal darin, so hatten sie mindestens schon halb gewonnenes Spiel. Für den Fall, daß der Abt mit der verlangten Trauung ohne Zustimmung der Mutter der Braut Schwierigkeiten machen sollte, wollte Ernst seinem Ohm Hans Botschaft zurücklassen, die dieser aber erst am folgenden Tage erhalten sollte, mit der Aufforderung, sofort nach Sinsheim zu kommen, um bei seinem hochwürdigen Freunde mit gewichtiger Fürsprache für die Liebenden einzutreten. Seine Wunde war schon so gut geheilt, daß sie ihn in drei Tagen an dem Ritte nicht mehr hindern würde.
So war denn alles aufs beste vorgesehen und verabredet, und nachdem die zum Wagnis Bereiten sich noch einmal gelobt, an dem Beschlossenen unverbrüchlich festzuhalten, nahmen sie bis auf Wiedersehen zärtlichen Abschied voneinander und trennten sich.
Als Ernst daheim seinem Vater erzählte, was ihm Sidonie an der Schmiedeschenke mitgeteilt hatte, namentlich daß Frau Juliane über ein gewisses Recht der Hagestolze und den darauf fußenden Heiratsplan mit Ohm Hans vollständig unterrichtet und von unsagbarer Entrüstung darüber erfüllt sei, wollte Bligger vor Ärger und Grimm schier aus der Haut fahren. Von Julianens erneuter Feindschaft wußte er nur durch den Brief Sidoniens, die aber die Ursache davon nicht hatte angeben können. So glaubte er, dieser Rückfall in die alte Zwietracht hätte nur darin seinen Grund, daß Hans den, wie es schien, von Juliane bevorzugten Ritter Bödigheim im Zweikampf besiegt hatte, also genau so wie vor Jahren, als er selber ihren Gatten, Herrn Zeisolf, niedergeworfen. Aber was er nun hören mußte, war noch viel unheilvoller und drohte alle seine Hoffnungen zu zertrümmern. Sidonie hatte in ihrem Briefe ausdrücklich erwähnt, daß die Mädchen Frau Juliane nichts von dem Zweikampf gesagt hätten, Elisabeth von Erlickheim aber bei ihr gewesen wäre. Nun erriet Bligger mit der ihm eigentümlichen Spürkraft sofort den Zusammenhang des arglistigen Gewebes, das kein anderer eingefädelt haben konnte, als der Lehensträger des Pfalzgrafen und heimliche Gegner der Landschaden, Graf Philipp von Lauffen.
Er überlegte, ob es nun nicht an der Zeit wäre, auch Hans endlich in alles einzuweihen, besann sich aber eines Besseren. Hans mußte unwissend und unschuldig bleiben; denn nun hatte sich ja herausgestellt, daß Juliane die Landschaden nicht haßte, weil sie Bödigheim liebte, sondern weil sie statt der ersehnten Liebe und erwarteten Werbung Hansens einen mit kühler Berechnung gegen sie angelegten Plan entdeckt hatte. Das war immer noch schlimm genug, aber es ließ doch noch einenFunken von Hoffnung auf das Gelingen dieses Planes, wenn sich Juliane von Hansens Unschuld überzeugte. Daher beschloß er, nichts in der Sache zu tun, bevor er nicht Engelhard gesprochen hatte.
So wurde denn der, um dessentwillen alle diese Umtriebe den ganzen Sommer durch spielten, in vollkommener Unkenntnis davon erhalten, und Hans ahnte nicht, daß die von ihm angebetete Frau, die ihn auch während der Jahre völliger Entfremdung nie gehaßt hatte, die er als seine trauteste Freundin wiedergewonnen zu haben, ja deren Herz er zu besitzen glaubte, nun erst und so rasch, wie Tag und Nacht miteinander wechseln, seine erbitterte Feindin geworden war.
Er war wieder hergestellt, trug zwar den Kopf noch verbunden, ging aber umher und war auch schon zu Pferde gestiegen und ausgeritten, was ihm vortrefflich bekommen war. Einmal frug er schüchtern seine Schwägerin Katharina, ob denn Juliane noch nicht bei ihr gewesen wäre, und es wurde der gradsinnigen Frau sehr schwer, darauf mit einem unbefangenen Nein zu antworten und den, wie Bligger stets behauptete, zu seinem eigenen Besten Getäuschten in dem Wahne zu lassen, daß zwischen der Minneburg und Neckarsteinach nun wieder der reinste blaue Himmel des Friedens und der Freundschaft lächelte. Der schnell Erstarkende dachte schon daran, Juliane bald wieder einmal zu besuchen, denn in der ihm aufgezwungenen Untätigkeit und Einsamkeit war ihm die Sehnsucht nach ihr mächtig gewachsen, und er war überzeugt, daß sie ihn längst erwartete. Hatte sie ihm doch, als er zuletzt bei ihr war, beim Abschied mit liebeverheißendem Blick und lockendem Munde zugeflüstert: »Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!« Ihm wollte scheinen, als wenn das schon lange her wäre, jedenfalls viel zu lange für die Wünsche seines Herzens.
Isaak Zachäus aber drang ihm – auf einen Wink Bliggers – den ärztlichen Rat auf, von einem längeren Ritte vorläufig noch abzustehen. Der Jude war von Burg Dauchstein zurückgekehrt, denn Bödigheim hatte sich einen heilkundigen Pfleger aus Wimpfen kommen lassen, weil er einem im Solde der Landschaden stehenden Arzte nicht traute. Isaak war nicht wenig erstaunt, seine Tochter in Frauenkleidern wiederzufinden, gab sich aber mit ihren Erklärungen darüber zufrieden, zumal er zu bemerken glaubte, daß Josephine, nachdem sie sich als Mädchen zu erkennen gegeben hatte, von den Bewohnern der Mittelburg mit größerer Rücksicht und Freundlichkeit behandelt wurde, als bisher. Besonders begegnete ihr Frau Katharina mit augenscheinlichem Wohlwollen, und da sie wußte, daß ihres Sohnes Herz in treuer Liebe an Richilde hing, so hatte sie auch nichts gegen dessen beständigen Umgang mit der schönen Jüdin einzuwenden, die in ihrem Benehmen die größte Zurückhaltung und Sittsamkeit zeigte.
Diese Zurückhaltung war freilich nichts weiter, als eine mit äußerster Anstrengung festgehaltene Maske vor der ruhelosen Leidenschaft, die Leib und Seele des Mädchens durchglühte, unzertrennlich verbunden mit dem eifersüchtigen Trachten, die Vereinigung der beiden Liebenden zu hintertreiben, und verblendet genug, um sich in dem Traume zu wiegen, dann mit einer, wenn auch vor der Welt verheimlichten, Erwiderung ihrer verlangenden Neigung von seiten Ernsts beglückt zu werden. Aus seinem zerstreuten, nachdenklichen und bekümmerten Wesen hatte sie die Vermutung geschöpft, daß irgend etwas im Wege sein müßte, was mit seinem Wünschen und Hoffen nicht im Einklang stand; aber in den letzten Tagen war er plötzlich wieder sehr heiter geworden, ja, sie hatte eine gewissermaßen übermütigeErregtheit an ihm wahrgenommen, die zweifellos eine für ihn hoch erfreuliche Ursache hatte. Weder des einen noch des anderen wegen hatte sie ihn befragt, weil sie ziemlich sicher sein konnte, daß er ihr über kurz oder lang beides von selber offenbaren würde. Und als er sich aus seinen Herzensnöten zu der Willenskraft aufgeschwungen hatte, sein Schicksal durch eine entschiedene Tat in die rechte Bahn zu lenken, gestand er ihr alles, was er in der letzten Zeit durchlebt und was er nun zu tun beschlossen hatte.
Er sagte ihr das erst an dem zur Flucht festgesetzten Tage, wenige Stunden vor seinem Aufbruch zu dem mit Richilde und Sidonie verabredeten Stelldichein.
»Nun, ich wünsche Euch alles Glück dazu!« war das einzige, was sie mit größter Selbstbeherrschung darauf hervorzubringen vermochte, und Ernst war in seinen Gedanken so sehr mit den Einzelheiten seines Unternehmens beschäftigt, daß er Josephinens Verwirrung und Bestürzung ganz übersah und ihm kein Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Glückwunsches aufstieg. In ihr erregten seine Mitteilungen einen Sturm feindseliger Gefühle. Sie suchte schnell von ihm weg zu kommen, um in ungestörter Einsamkeit über Mittel nachzusinnen, wie sie wenigstens den Zweck der Entführung, die aufzuhalten sie nicht mehr die Zeit hatte, vor Erreichung desselben noch vereiteln könnte, und jede List und jede Untat sollte ihr dazu recht und genehm sein.
Ernst aber ging nach Burg Schadeck und übergab dort dem Waffenmeister Marx Drutmann einen versiegelten Brief an Hans mit der Weisung, denselben nicht früher, als am nächsten Morgen, seinem Herrn zu behändigen. Der Alte versprach, dem Auftrage pünktlich nachzukommen.
Bei Tische kündigte er seinen Eltern an, daß er am Nachmittag wegreiten und wahrscheinlich die Nachtüber ausbleiben würde; sie möchten sich seinetwegen nicht sorgen. Bligger horchte hoch auf und warf seiner Frau, die schon eine Frage auf den Lippen hatte, einen schnellen Blick zu, so daß Katharina schwieg. Er war überzeugt, daß Ernsts Ritt zu Richilde ging und wollte den Sohn nicht durch Fragen in Verlegenheit gesetzt sehen, die dieser nur ungern und ausweichend beantworten würde.
Bald nach Mittag saß Ernst in den Bügeln. Ihm war zumute, als ritte er in seine erste Schlacht, in der er entweder fallen, oder aus der er als ruhmgekrönter Sieger heimkehren müßte.
An der Schmiedeschenke traf er die beiden Fräulein bereits vor und zog nun mit ihnen in der Richtung nach Sinsheim weiter. Richilde hatte beim Abschied von der Minneburg noch einmal geschwankt, ob sie wirklich den wichtigsten Schritt ihres Lebens ohne Wissen, ja gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen ihrer Mutter tun und diese, mit Hintansetzung aller kindlichen Gefühle, in heimlicher Flucht verlassen sollte. Aber Sidonie wußte die Gewissensmahnungen mit beredt anfeuernden Worten zu verscheuchen und bemühte sich auch ferner, ihr mit einem nicht verstummenden Frohsinn über alle Zweifel hinwegzuhelfen. An Ernsts Seite und unter seiner Führung gewann sie auch ihre Sicherheit allmählich wieder, und bald hingen ihre Augen mit dem Ausdruck innigster Glückseligkeit an dem ihr Mut und Zuversicht einflößenden Antlitz des Geliebten.
Nur einmal noch schweiften ihre Gedanken zu dem hinter ihr liegenden zurück, und sie begann: »Weißt du, Ernst, es wäre doch vielleicht besser gewesen, wenn du selber bei meiner Mutter um mich geworben hättest.«
»Das war ja meine Meinung auch,« erwiderte er; »ich versprach euch ja, in den nächsten Tagen dieserhalbzu kommen. Warum habt ihr denn nicht so lange gewartet?«
»So war es beschlossen,« sagte Sidonie. »Aber du schicktest ja deinen ›Freund Joseph‹ noch einmal zu uns, mit der Bestellung, daß wir Frau Juliane das Geschehene mitteilen möchten.«
»Im Gegenteil; daß ihr es ihr nicht mitteilen möchtet,« versetzte Ernst.
»Bitte! daß wir es ihr mitteilen möchten, sagte das verkleidete Mädchen,« erwiderte Sidonie.
Ernst war erstaunt. »Dann muß sich Josephine verhört haben,« sprach er.
»Hat sie sich wirklich verhört?« frug Richilde. »Wisse, Ernst! ich traue der Jüdin nicht. Sie benahm sich sehr auffallend gegen uns und rühmte sich deines Schutzes und deiner Freundschaft in einer etwas verdächtigen Weise. Mich traf ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der mir nichts Gutes verhieß.«
»So?!« erwiderte Ernst gedehnt und mit finsteren Brauen. Weiter sagte er nichts, aber sein bisher unbedingtes Vertrauen zu Josephine war auf einmal dahin, und er bereute nun seine Offenherzigkeit gegen sie, namentlich in bezug auf den ihr enthüllten Plan der Entführung.
Langsam ritten die drei ihres Weges, denn da sie erst spät abends ihr Ziel erreichen wollten, hatten sie Zeit genug vor sich. In Waibstadt hielten sie bis tief in die Dämmerung hinein Rast und stärkten sich mit Speise und Trank. Dann ging es weiter, und endlich, nach Einbruch der Nacht, die von dem erst später aufsteigenden Mond noch nicht erhellt war, langten sie bei der Benediktinerabtei glücklich an.
Schweigsam und düster standen die weitläufigen Klostergebäude mit der Kirche und dem hohen Glockenturmvor den Ankömmlingen da. Über die Mauer ragten die dunklen Kronen alter Bäume, in denen es geheimnisvoll wisperte, und vom Kirchendache her schrie ein einsames Käuzchen. Richilden durchschauerte es, und ihr Herz schlug in Bangigkeit, welches Schicksal wohl hinter diesen absperrenden Mauern ihrer wartete.
Ernst klopfte den Bruder Pförtner heraus und begehrte Einlaß.
Aber der Vorsichtige, der in solchen Fällen wohl schon böse Erfahrungen gemacht haben mußte, war durchaus nicht geneigt, dem Begehren zu willfahren, denn er vermutete in den Störern seiner Ruhe schweifendes Gesindel, von dem er sich nichts Gutes für das Kloster versah. »Bei Nacht wird nicht geöffnet!« rief er aus der kleinen vergitterten Fensterluke neben der Pforte und schlug den Laden wieder zu.
Die Mädchen wurden von der entschiedenen Abweisung äußerst peinlich berührt. Richilde wünschte sich in diesem Augenblick auf die hochumwallte Minneburg zurück, und selbst Sidonien ward es nicht recht geheuer, bei der Aussicht, die Nacht im Freien, in dem unsicheren Walde zubringen zu sollen. Die Rosse scharrten mit den Hufen; auch sie sehnten sich unter Dach und Fach.
Ernst jedoch pochte und rasselte mit dem Griffe seines Schwertes wieder so lange an dem Eisengitter, bis sich der Pförtner noch einmal heran bequemte. »Laßt uns ein, Bruder Pförtner!« sprach er ungeduldig; »wir sind Verirrte, denen Ihr doch ein Obdach für die Nacht nicht verweigern werdet.«
»Jawohl! so heißt es immer,« entgegnete der andere mißtrauisch, »das kennt man schon. Bleibt nur draußen und legt euch wieder in das Bett, in dem ihr die vorige und vielleicht schon manche Nacht geschlafen habt. AufLaub und Nadelstreu, Sattel unterm Kopf, ruht sich's gar wonnesam.«
»Behaltet Eure Weisheit und öffnet! oder es soll Euch übel ergehen,« drohte Ernst nun zornig. »Ich bin ein Landschad!«
»Die Landschaden verirren sich nicht,« lachte der Schließer. »Denen sind die Wege und Stege so gut bekannt, wie sie selber im Lande bekannt sind.«
»Du störrischer Pfaff!« rief Ernst, »wenn ich dich –«
»Ruhig, Ernst!« mischte sich Sidonie jetzt ein, »mit Gewalt richten wir nichts aus; wir müssen uns auf's Bitten legen.«
»Was? auch Frauenzimmer dabei?« brummte der innen.
»Laßt uns um Gotteswillen ein, ehrwürdiger Bruder!« fuhr Sidonie mit bittendem Tone fort. »Wir sind nur unserer drei, zwei wohlgeborene Fräulein und ein junger Edeling, Verwandte des hochachtbaren Junkers Hans Landschad von Steinach, den Ihr wohl kennen werdet.«
»Des Junkers Hans? ist das auch wahr?« kam es aus dem Dunkel zurück.
»Auf Ehr' und Seligkeit!« erwiderte Sidonie.
»Und morgen kommt er selber,« fügte Ernst nachdrücklich hinzu.
»Etwa auch verirrt?« frug der Mönch spöttisch. »Aber das ist ein ander Ding; das hättet ihr gleich sagen sollen; für Junker Hans tun wir alles. Wartet! ich komme.«
Die drei außerhalb der Mauern atmeten erlöst auf. Also der Name des allbeliebten Junkers allein bewirkte, daß sich das Tor ihnen nun bereitwillig öffnete, was sie als einen erfreulichen Beweis von Hansens großem Ansehen und bedeutendem Einfluß im Kloster auffaßten.
»Gott segne euren Eingang!« sprach der Pförtner, als sie über die Schwelle ritten. Darauf weckte er erst einen dienenden Laienbruder, der ihnen die Pferde abnahm und in den geräumigen Klosterstall brachte, und dann den Bruder Schaffner, dem er mit Nennung von Ernsts Namen die Ankunft Verirrter meldete.
Der Schaffner machte auch mit Unterbringung derselben keine langen Umstände, sondern wies ihnen drei gastbereite Zellen an, in deren jeder ein Bett nebst Tisch und Schemel stand und eine neue schwarze Mönchskutte hing. Dann wünschte er ihnen mit dem Zeichen des Kreuzes eine geruhsame Nacht und verschwand. Der Schlaf des Abtes und der übrigen Mönche war durch die Aufnahme der Gäste nicht gestört worden.
So waren die Flüchtlinge nun endlich sicher geborgen. Als sie aber in den Betten lagen, von fremden, schmucklos kahlen Wänden umgeben, die in dem matten Dämmerschein des sich allmählich verbreitenden Mondlichtes mehr und mehr aus dem Dunkel hervortraten, da tauchte ihnen gleichsam mit der wachsenden Helle auch das immer deutlicher werdende Bewußtsein dessen auf, was sie getan hatten.