Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hans saß schon in früher Morgenstunde bei einer sehr kräftigen Mahlzeit, die er noch nicht ganz beendet hatte, als Drutmann eintrat und ihm Ernsts Brief überreichte, dann aber im Gemach stehen blieb, voll Neugier, was das ganz ungewöhnliche Vorkommnis, daß Junker Ernst an Junker Hans einen Brief schrieb, den dieser erst am nächsten Morgen lesen sollte, wohl auf sich haben könnte. Auch Hans war nicht wenig verwundert, und auf den Inhalt gespannt erbrach er das Schreiben. Kaum aber hatte er die anderthalb Zeilen mit den Augen überflogen, als er wie von einer Nadel gestochen aufsprang und einen so gewaltigen Fluch ausstieß, daß sich der Waffenmeister gleich dreimal hinteinander davor bekreuzte. »Drutmann! satteln!« schnob er dann, »den Rappen! ich muß fort, mach' schnell!«

Als der Alte zur Tür hinaus war, nahm Hans das seinen Zorn verschuldende Blatt noch einmal in die Hand, blickte kopfschüttelnd hinein und warf es erbost wieder auf den Tisch. »In Sinsheim sind sie! und helfen soll ich!« lachte er laut zu sich selber; »na wartet! ich werde euch helfen!«

Bald darauf hielt ihm Drutmann im Burghof den Bügel und frug ihn, ob er Mittag wieder zurück seinwürde. »Sicher nicht,« antwortete Hans sich in den Sattel schwingend. »Wenn sie von drüben nach mir fragen, so sagst du, ich wäre da, wo Junker Ernst wäre.« Damit ritt er ab. –

Gegen Mittag von einem Gang ins Tal heimkehrend trat Bligger zu seiner Frau ins Zimmer und sagte: »Ich habe dir etwas höchst Merkwürdiges zu berichten, Käthe! Denke dir! begegne ich eben Drutmann und höre von ihm, daß Hans heute früh einen Brief von Ernst erhalten hat und gleich darauf fortgeritten ist, den Bescheid zurücklassend, er wäre da, wo Ernst wäre.«

»Das ist ja sonderbar,« versetzte Katharina.

»Nicht wahr? Wo meinst du nun wohl, daß die beiden stecken?«

»Wie kann ich das wissen oder raten?« erwiderte die Frau.

»Nun, auf der Minneburg! wo denn sonst?« frohlockte der Ritter. »Und was wir mit aller List und Schlauheit nicht zuwege bringen konnten, das machen die, eh wir's uns versehen, in aller Heimlichkeit hinter unserm Rücken ab, Versöhnung, Frieden, Freundschaft und Verspruch.«

»Aber Bligger!«

»Es ist so, Käthe! Verlaß dich drauf!« behauptete der Ritter. »Sie haben ihr Spiel mit uns getrieben, um uns nachher gründlich auszulachen. Wer hätte das den beiden Duckmäusern zugetraut!«

»Lieber Alter!« sagte Katharina, »ich fürchte, du täuschest dich.«

Er wurde beinah' ärgerlich. »Aber das ist doch klar wie der Tag!« rief er. »Sie sind sich alle vier einig; Ernst ist gestern vorausgeritten und hat Hans von der Minneburg aus geschrieben, daß sie ihn erwarteten. Gib acht! sie kommen heute noch mit zwei Bräuten zugleichangerückt, von denen die eine Richilde und die andere Juliane heißt.«

»Wenn ich's sehe, will ich's glauben,« lachte Katharina.

Auf den Gedanken freilich konnten sie beide nicht kommen, daß Ernst die Geliebte nach Sinsheim entführt und Hans als seinen Nothelfer dahin bestellt hatte. –

Als die Flüchtlinge im Kloster beim grauenden Morgen die Glocke zur Hora läuten hörten, klang sie Richilden wie das Armesünderglöcklein, das sie für schweren Fehltritt zur Rechenschaft rief. Ernst, dem ein stärkender Schlummer den gestern etwas gesunkenen Mut wieder gehoben hatte, deuchte ihr hallender Ton wie fröhliches Brautgeläut. Sidonie aber dachte weiter nichts dabei, als: die armen Mönche! so früh schon heraus zu müssen! ist ihnen aber ganz recht, sind auch Hagestolze und Ehehasser; hätten sie sich eine Frau genommen, könnten sie länger schlafen und vergnügter erwachen. Und mit dem ihr durchaus nicht neuen Vorsatz, keine Nonne werden zu wollen, warf sie sich in dem harten Mönchsbett von der einen Seite auf die andere und schlief wieder ein.

Nachdem sich die Ausgeruhten dann vom Lager erhoben hatten, ließ man es auch zu ihrer ferneren Verpflegung an nichts fehlen. Im kleinen Refektorium, wo sonst nur der Abt mit den ihm zunächst stehenden Würdenträgern seines Klosters zu speisen pflegte, wenn er vornehme Gäste hatte, wurde ihnen ein ausgezeichnetes Frühmahl aufgetragen, das sich besonders Sidonie trefflich munden ließ, dem aber Ernst und Richilde aus begreiflichen Gründen nur sehr mäßig zusprachen.

Nach der Terz ließ Ernst den Abt um eine Unterredung bitten, die ihm auch sofort gewährt wurde.

Herr Meinhard von Angeloch war ein würdiger Prälat, gewissenhaft und pflichttreu in Sachen des Glaubensund der Kirche, daneben aber erlaubten weltlichen Freuden durchaus nicht abhold. Er war von untersetzter Gestalt, noch kaum an der Schwelle des Greisenalters und bei entsprechender körperlicher Rüstigkeit von ungemeiner Klarheit und Frische des Geistes, die sich in einer fesselnden Unterhaltung und einer zwanglosen Heiterkeit offenbarte.

Er empfing Ernst in seinem behaglich eingerichteten Wohngemach und lud den sich ehrfurchtsvoll Verneigenden zum Sitzen ein mit den Worten: »Ihr kommt, achtbarer Junker, um mir für die geringe Gastfreundschaft zu danken, die unser Kloster Euch und den beiden unter Eurem Schutze stehenden edlen Fräulein gewähren zu können so glücklich war.«

»Ja, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst beklommen.

»Das ist brav von Euch,« sprach der Abt. »Dankbarkeit, auch für die kleinste Wohltat, ist ein schöner Zug des Herzens. Mir gereicht es zu besonderer Freude, den Neffen meines ritterlichen Freundes, Junker Hans Landschad, in unserer stillen Klause haben beherbergen zu können, und wenn Ihr Euch mit Euren Damen etwas früher zu unserer Pforte gefunden hättet, wäre Euch sicher eine angenehmere Aufnahme bereitet worden. So mußtet Ihr als arme Verirrte mit dem fürliebnehmen, was in der Nacht nicht besser zu beschaffen war. Nun sagt mir aber, Junker Ernst, wohin geht Euer Weg?«

»Hochwürdiger Herr,« hub Ernst nun tief atemholend an, »schenkt dem, was ich Euch zu bekennen habe, ein gnädig Gehör! Die Wahrheit ist, daß wir nicht als Verirrte gekommen sind. Unser Weg führte von Anfang an nirgend anders hin, als hierher in Euer Kloster und zu Euch, an den ich eine große Bitte auf dem Herzen habe.«

»Sprecht, lieber Sohn!« sagte der Abt mit einer leisen Spannung in seinen freundlichen und klugen Zügen,»sprecht mit voller Offenheit und befreit Euch von dem, was Euer Herz beschwert.«

»Das will ich, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst. Und nun erzählte er dem Abte die Geschichte und das Schicksal seiner Liebe, mit der jahrelangen Feindschaft zwischen seiner Familie und der Herrin der Minneburg beginnend, die fast erreichte Versöhnung, die wieder ausgebrochene Zwietracht, das Steigen und Sinken seiner Hoffnung, sein Liebesleid und seinen Kampf bis zu dem Entschlusse zu Richildens Entführung in lebendiger und ergreifender Darstellung schildernd und mit der beweglichen Bitte schließend, daß der Abt seinem Bunde mit der Geliebten an geweihter Stätte den Segen der Kirche erteilen möchte.

Der Abt folgte dem weit ausgesponnenen Vortrage mit großer Aufmerksamkeit und ohne Unterbrechung bis zum Ende. Dann aber schüttelte er sanft sein graues Haupt und sagte ruhig: »Ihr habt mit dem, was Ihr mir anvertrautet, meine aufrichtige Teilnahme an Eurem Geschick erregt, Junker Ernst; aber was Ihr von mir verlangt, kann ich nimmer gewähren, denn es ist wider Gottes Gebot und die Satzungen unserer heiligen Kirche.«

Ernst war von dem Bescheid des Abtes wie zu Boden geschlagen, und erst nach einer Weile trübseligen Vorsichhinstarrens sprach er: »Kann Euch nicht das Flehen zweier Herzen rühren, die auf Euch ihre letzte Hoffnung setzten?«

»Rühren wohl,« erwiderte der Abt, »aber nicht bewegen, etwas zu tun, was gegen die Pflichten meines göttlichen Amtes verstieße.«

»Hochwürdiger Herr,« sagte Ernst wieder mit etwas größerer Zuversicht, »ich habe meinen lieben Ohm Hans von unserer Flucht in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, heute hierherzukommen, um seine Bitte mitder unseren zu vereinen. Darf ich hoffen, daß seine Fürsprache Euch unseren Wünschen geneigter machen wird?«

»Mein vielwerter Freund Hans soll mir willkommen sein,« entgegnete der Abt. »Wenn er mir aber nicht die Einwilligung der Frau Juliane Rüdt von Kollenberg zu eurem Bunde mitbringt, so wird er nicht Zeuge eurer Trauung werden.«

»Frau Juliane ahnt nichts von unserer Flucht,« sprach Ernst düster. Dann erhob er sich und seufzte: »Was sage ich nur meiner Richilde?«

»Ich werde selber mit ihr reden und ihr meinen besten Rat erteilen, wie sie die Verzeihung und vielleicht die Zustimmung ihrer schwer beleidigten Mutter erringen kann,« erwiderte der Abt. »Jetzt muß ich zur Messe in die Kirche. Folge mir dahin nicht, lieber Sohn! Denn du würdest nur mit geteiltem Herzen bei der Andacht sein. Aber nachher bringe mir dein Lieb, daß ich ihr Trost zuspreche.«

Ernst beurlaubte sich von dem Abte und ging wieder zu den beiden Mädchen, die er von der vorläufigen Ablehnung seines Gesuches unterrichtete, Richilden jedoch die Hoffnung lassend, daß sich noch alles zum besten fügen würde, wenn nur Ohm Hans erst da wäre.

Darauf begaben sich die drei in den schattigen Klostergarten. Hier wandelten Ernst und Richilde Arm in Arm unter nachdenklichem Schweigen auf und ab, während in der angrenzenden Kirche der Gesang der Mönche erschallte. Sidonie, hinter dem Paare herschreitend, summte leise mit, und in ihrem erfinderischen Kopfe keimten allerlei Anschläge, wie sie den Liebenden helfen und den Abt zur Vornahme der heiligen Handlung verlocken könnte; denn weder traute sie dem vermittelnden Einschreiten des Ohm Hans allein einen günstigenErfolg zu, noch war sie von dessen Bereitwilligkeit dazu überzeugt.

Dieser Zweifel Sidoniens begegnete sich mit einer ihm gleichgestalteten Sorge Ernsts. Nun sich letzterer einzig auf Hansens Unterstützung angewiesen sah, fiel es ihm plötzlich schwer aufs Herz, ob ihm dieser den erhofften Beistand überhaupt leisten und ob die Fürsprache des ehefeindlichen Oheims, der ihn unlängst wegen seiner Heiratsgedanken so gründlich abgekanzelt hatte, dann auch nachdrücklich und überzeugend genug ausfallen würde, um die Bedenken des Abtes zu besiegen. Er hätte sich das wohl früher sagen können; allein in diesen letzten Tagen immer nur das nahe Ziel seiner Sehnsucht vor Augen, war er zu solchen Erwägungen nicht gekommen und sah nun dem Eintreffen des Oheims mit großer Unruhe entgegen.

Der Gottesdienst in der Kirche dauerte lange. Als er beendet war, kamen die Mönche – jedoch ohne den Abt, der sich eines besonderen Weges zu seinen Gemächern bediente – in großer Schar den Kreuzgang daher, silberbärtige Greise, Männer in der Vollkraft des Lebens und jugendlich blühende Gestalten, manches bleiche, verhärmte Gesicht, manche gefurchte Denkerstirn und viele auch von wohlgenährter, einige von übermäßiger Körperfülle.

Ernst und Richilde verschwanden hinter einem Gebüsch des Gartens, um nicht gesehen zu werden. Sidonie dagegen blieb stehen, betrachtete neugierig die schwarzen Kuttenträger und ließ die brennenden Blicke, mit denen jene finster oder lächelnd und untereinander raunend das schöne Mädchen förmlich umspannen, über sich ergehen, als wollte sie den Weltflüchtigen geflissentlich zeigen, um was sie sich durch ihr Gelübde gebracht hatten.

Es verging noch viel Zeit, ehe der Abt durch einen jungen Mönch Ernst mit Richilde zu sich entbieten ließ. »Ich gehe mit!« entschied Sidonie und ging mit.

Welche von den beiden Fräulein Ernsts Verlobte war, erkannte der Abt sofort an der großen Verzagtheit Richildens, die sich ihm zögernden Schrittes und mit gesenkten Wimpern nahte, während Sidonie dem mit dem goldenen Kreuz geschmückten Prälaten in kampflustiger Stimmung entgegentrat und sich mit gewinnender Anmut vor ihm verneigte.

Herr Meinhard von Angeloch begrüßte beide mit einer würdevollen Höflichkeit, denn auch Sidoniens Namen hatte ihm Ernst schon in der ersten Unterredung genannt. Dann aber, als alle Platz genommen, richtete er seine Worte zunächst an Richilde, setzte ihr väterlich wohlmeinend auseinander, warum er dem von Ernst ausgesprochenen Wunsche nicht willfahren könnte, und hielt darauf ihr, noch mehr aber ihrem Entführer klar vor Augen, einer wie unbedachten und rücksichtslosen Handlung sie sich beide schuldig gemacht, indem sie Richildens Mutter so schmählich hintergangen, sich gegen deren ausdrückliches Verbot trotzig aufgelehnt hätten und wider alle Zucht und Sitte heimlich miteinander geflohen wären.

Die also Getadelten nahmen ihre wohlverdiente Rüge schweigend hin. Als aber der Abt in seiner Rede eine Pause machte, um der Reue Zeit zu lassen möglichst tief in die erweichten Herzen seiner Zuhörer einzudringen, ergriff Sidonie das Wort und sagte: »Hochwürdigster Herr! wenn Ihr mit den beiden armen Sündern da fertig seid, so bitte auch ich mir meine gebührende Strafpredigt aus, denn ich bin wie die Schlange im Paradiese die eigentliche Anstifterin ihres Vergehens. Ich habe den beiden die verbotene Frucht gezeigt und ihnenzuerst den Vorschlag gemacht, zu entführen und sich entführen zu lassen.«

Der geistliche Herr war so liebenswürdig, auf den scherzhaften Ton der Mutwilligen einzugehen und ihr lächelnd zu erwidern: »Dann, mein edles Fräulein, hätte ich nicht übel Lust, Euch kraft meines Amtes für diesen Frevel eine recht empfindliche Buße aufzulegen.«

»Der ich mich zerknirscht unterziehen will, hochwürdigster Herr,« versetzte der Schalk, »wenn Ihr kraft Eures Amtes meinen Frevel dadurch sühnen wollt, daß Ihr Böses mit Gutem vergeltet und die Hände dieser beiden mit Eurem Segen zusammenbindet.«

»Das wäre nicht Sühne, sondern Billigung und obenein Belohnung ihres Fehltrittes,« sprach der Abt.

»Ihnen der Lohn und mir die Strafe, hochwürdigster Herr! dann gleicht sich's aus,« sagte Sidonie. »Was meint Ihr, wenn Ihr mir aufgäbet, von hier zu Fuße, meinetwegen barfuß, nach der Minneburg zu wallfahrten, Frau Juliane die vollzogene eheliche Verbindung ihrer Tochter mit Junker Ernst Landschad zu verkünden und mich als einzig Schuldige ihrem Strafgericht zu stellen? Das wäre eine Buße, hochwürdiger Herr, deren ganze Höhe Ihr nur zu ermessen vermöchtet, wenn Ihr Frau Juliane kenntet, wie ich sie kenne.«

»Darüber ließe sich reden, mein Fräulein!« lächelte der Abt. »Nur müßte Eure Wallfahrtvorvollzogener Verbindung geschehen, und Ihr müßtet Frau Juliane bewegen, sich hierher zu bemühen und ihre Tochter selber zum Altar zu führen. Glaubt Ihr das vollbringen zu können, so gebt mir Eure Schuh und Strümpfe in Verwahrung und macht Euch flugs auf die Sohlen. Die beiden Widerspenstigen würden wir hier, voneinander getrennt, so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Ihr –«

Es klopfte, und gleich darauf steckte derselbe junge Mönch, der Ernst und Richilde zum Abt gerufen hatte, sein geschorenes Haupt zur Tür herein, um eine Meldung zu machen. Aber ehe er noch sprechen konnte, flog die Tür weit auf, der Mönch von einem kräftigen Stoß beiseite, und auf der Schwelle stand – Junker Hans Landschad.

»Ohm Hans!« – »Endlich! da ist er!« riefen in Freuden aufspringend Sidonie und Ernst gleichzeitig. Ernst hatte Richildens Hand ergriffen, die heftig zitterte und flüsterte ihr zu: »Jetzt entscheidet's sich's!« Richilde wagte kaum zu atmen.

»Ja, da bin ich!« sprach Hans. Doch es klang nicht hoffnunggebend; Ton und Blick waren drohend.

»Tritt ein, lieber Freund, und sei willkommen!« sagte der Abt.

»Sind sie schon Mann und Frau?« frug Hans erregt, schnell auf den Abt zugehend und ihm die Hand reichend.

»Noch nicht,« entgegnete dieser heiter; »aber sie möchten's gern werden.«

»Und werden's auch, wenn du uns helfen willst, Ohm Hans!« fügte Ernst mutig hinzu.

»Den Teufel will ich!! – oh! verzeihe, Gesalbter des Herrn!« wandte er sich wieder zum Abt, »es entfuhr mir nur so; ich wollte sagen: Nein, lieber Neffe, das will ich wohl bleiben lassen.«

»Ohm Hans!!« kam es tief erschrocken von Ernsts Lippen.

»Und Sidonie auch hier?« sprach Hans.

»Wie du siehst, Ohm Hans!« lächelte diese. »Wir beide, du und ich, werden Brautführer und Brautjungfer sein.«

»Hat sich was!« grollte Hans. »Fräulein Richilde, wo ist Eure Mutter?«

»Ich soll sie holen, befiehlt der Herr Abt,« antwortete Sidonie wieder.

»Ihr seid entflohen, Ernst hat das Fräulein entführt, Frau Juliane weiß nichts davon; nicht wahr?«

»Geraten!« nickte Sidonie, »sie wähnt uns bei meinen Eltern auf Zwingenberg.«

»Unglaublich! unerhört! unverzeihlich!« wetterte Hans, »sich heimlich trauen lassen zu wollen! Welcher Eulenspiegel hat euch diese Raupen in den Kopf gesetzt?«

Sidonie tippte in schwungvoller Bewegung und stolz erhobenen Hauptes mit dem Zeigefinger auf ihre Brust.

»Du! natürlich! wie konnte ich noch fragen!«

»Nein, Ohm Hans!« sprach Ernst, »Plan und Ausführung sind mein Werk, das du begreifen und billigen würdest, wenn du wüßtest, was du nicht weißt.«

»Ich will gar nichts wissen,« eiferte Hans, »und wenn ihr euch einbildet, ich sollte meinem hochwürdigen und weisen Freunde auch nur mit einem Worte zureden, euch unvernünftige Kinder zusammenzugeben, so irrt ihr euch ganz gewaltig!«

»Ohm Hans! Du willst mich im Stich lassen?!« frug Ernst vorwurfsvoll.

»Erwartest du etwa, daß ich mich zu deinem Mitschuldigen mache?« entgegnete Hans im Tone strenger Zurechtweisung. – »Was sagst du dazu, Meinhard?«

»Ich habe bereits erklärt, daß ohne Einwilligung von Fräulein Richildens Mutter nicht daran zu denken ist,« erwiderte der Abt.

»Recht so!« bestätigte Hans, »das ist auch meine Meinung. Und nun? was wird nun, Junker Tollkopf?«

»Was nun wird? das will ich dir sagen, Ohm Hans!« rief Ernst schnell dem Ausgange zuschreitend und Richildean der Hand mit sich ziehend. »Ich erkläre Richilde hiermit für meine Gefangene, reite spornstreichs mit ihr nach Neckarsteinach und halte sie dort mit Genehmigung meines Vaters so lange fest, bis man uns erlaubt, zu heiraten!«

»Nicht von der Stelle!« schrie Hans und pflanzte sich groß und breit vor der Tür auf, um den abermals Fluchtbereiten den Weg zu vertreten. »Ich reite mit und werde euch die Wege schon weisen, die ihr zu nehmen habt, werde euch auf die Minneburg bringen und mit Frau Juliane sprechen, zu euren Gunsten sprechen, wenn ihr es nun einmal nicht anders haben wollt. Aber mehr kann ich nicht tun.«

»Das wird hübsch werden!« kicherte Sidonie, »auf den Empfang dort –«

»So laß uns aufbrechen! – kommt!« rief Ernst.

»Heute wird hier geblieben!« gebot Hans. »Denkt ihr, ich will den weiten Ritt umsonst gemacht haben? Ich und mein Roß haben Hunger und Durst, und im Kloster Sinsheim hat noch keiner Not gelitten, der zur rechten Stunde gekommen ist; mir gefällt es gut hier.«

»Das scheint so,« spottete Ernst; »darum sollst du auch einmal dein Glück im Kloster finden.«

»Warum nicht?« lachte Hans. »Aber dazu ist immer noch Zeit. Ihr nehmt mich auch noch, wenn mir Schwert, Speer und Sporn dereinst stumpf geworden sind; nicht wahr, Alter?«

»Gewiß Hans!« versetzte der Abt, »wenn du dich einmal aller deiner Sünden entledigen willst.«

»Die mußt du mir herunter beten,« sagte Hans. – »Horch!« fuhr er fort, »die Mittagsglocke!pax nobiscum, amici!Seid getrost, ihr beiden! heute wollen wir alles vergessen und fröhlich sein, und morgen helf'ich euch, soviel ich vermag! – Wo speisen wir, Meinhard?«

»Im kleinen Refektorium; ich hörte ja von Junker Ernst, daß du kommen würdest, und wir haben auf dich gewartet. Rucho weiß Bescheid.«

»Trotto auch?«

»Trotto auch,« lächelte der Abt.

»Dann vorwärts! Wandle voran, hochwürdigster Seelenhirt! die verirrten Schäflein folgen dir. Komm, du Teufelsmädchen! Du sollst auch einmal die Seligkeit kosten, die dieses gebenedeite Haus des Herrn aus seinem tiefuntersten Keller bezieht!« Damit bot er Sidonien ritterlich den Arm, und so schritten sie allesamt aus dem Zimmer des wirtlichen Abtes.


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