Zehntes Kapitel.
Engelhard von Hirschhorn hatte sich bei der Beratung der befreundeten Ritter auf der Mittelburg dazu erboten, den damals abwesenden Albrecht von Erlickheim in den gefaßten Beschluß, daß Hans Landschad Frau Juliane Rüdt von Kollenberg heiraten sollte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit einzuweihen und zur gelegentlichen Unterstützung dieses Vorhabens aufzufordern, hatte sich aber des freiwillig übernommenen Auftrages noch immer nicht entledigt. Endlich schritt er zur Ausführung desselben und ritt eines Nachmittags von Zwingenberg nach Burg Stolzeneck hinüber.
Dort begehrte er den Burgherrn allein zu sprechen zur großen Verwunderung von dessen Gattin Elisabeth, einer hübschen, lebhaften und klugen Frau, die in ihrer glücklichen Ehe nicht daran gewöhnt war, daß ihr Gemahl Geheimnisse vor ihr hatte. Sie machte daher ihr Recht, alles zu wissen, was Albrecht anginge, den Männern gegenüber auch heute geltend, kam aber nicht damit durch. Engelhard behauptete mit höflich scherzender Wichtigkeit, daß es sich um Dinge handelte, die durchaus nicht für zarte Frauenohren taugten und unter Männern allein abgemacht werden müßten.
Diese höchst verdächtigen Andeutungen, die den gewagtesten Vermutungen freies Spiel ließen, reizten Elisabeths Neugier noch mehr. Sie faßte sofort Mißtrauen gegen Engelhard, der sich zwischen sie und ihren Gatten drängte und Albrecht am Ende zu Dingen verführen wollte, die man ihr nicht mitzuteilen wagte.
Nachdem sich die beiden Männer in ein anderes Gemach begeben hatten, nahte sich der einem vergeblichen Raten Überlassenen der böse Feind und flüsterte ihr die Versuchung ins Ohr, ein wenig zu horchen, eine Versuchung, der Frau Elisabeth nach nicht allzulangem Widerstande auch richtig unterlag.
Auf den Zehen schlich sie über den Estrich des Ganges zu dem verschlossenen Zimmer, schmiegte behutsam den Kopf an die Tür und lauschte.
Sie hörte sprechen und erkannte Engelhards Stimme, der ohne von Albrecht unterbrochen zu werden, diesem etwas auseinanderzusetzen schien, das wohl nicht leicht zu begreifen sein mochte, und von dem sie leider nur einzelne, abgerissene Worte verstehen konnte.
»… drei Monate und zwei Tage alt …«
Mein Gott! ein Kind! dachte Elisabeth, aber wessen? doch nicht –?
»… stirbt … Erbe verloren …«
Wer stirbt? wessen Erbe ist verloren?
Nun kamen ein paar Worte Lateinisch, darauf wieder Deutsch: »… einzige Mittel … Hagestolzenrecht … heiraten …« Dann lachten beide Männer und sprachen durcheinander, dann Engelhard wieder allein: »… die höchste Zeit … verschwiegen bleibt …«
Nach einer längeren und leiser gesprochenen Rede Engelhards, an deren Schluß die Lauschende das Wort »Minneburg« zu verstehen glaubte, brach plötzlich Albrecht in ein schallendes Gelächter aus und rief unvorsichtiglaut: »Hans Landschad und Juliane Rüdt von Kollenberg!« und wieder lachten beide Männer unbändig.
Das war zuviel. Elisabeth hielt sich beide Ohren zu und schlüpfte eilends in ihr Gemach. Sie hatte es deutlich gehört: »Hans Landschad und Juliane Rüdt von Kollenberg!« Barmherziger Himmel! was hatten diese beiden getan, das verschwiegen bleiben mußte? Juliane war ihre beste Freundin. Sie hatte sie freilich lange nicht gesehen; aber das – das war ja ganz undenkbar. Sie wollte hin zu ihr, mußte sie sehen, sie fragen –
Da traten die Herren zu ihr ins Gemach und waren beide sehr aufgeräumt und lustig. Besonders Albrecht schüttelte zuweilen mit dem Kopf und lächelte still in sich hinein. Elisabeth aber brannte vor Neugier und mußte sich den äußersten Zwang antun, um unbefangen zu erscheinen und ein harmloses Gespräch mit den beiden führen zu können. Sie war froh, daß Engelhard bald darauf Urlaub nahm.
Als Albrecht, der den Freund in den Burghof hinabbegleitet hatte, zurückkam, wartete Elisabeth ein Weilchen, ob er den Mund öffnen und beichten würde. Da dies aber nicht geschah, begann sie: »Nun, Albrecht? Du schweigst? willst du mir nicht sagen, was Engelhard hergeführt hat?«
»Nein, Liebchen!« erwiderte er, »ich darf es nicht, so gern ich's auch täte.«
»Nun, du weißt doch wohl, daß ich schweigen kann.«
»Gewiß; aber ich kann es auch.«
»Deiner Frau darfst du nichts verschweigen.«
»Ausgenommen, wenn ich es einem anderen versprochen habe.«
»Das wäre ein höchst törichtes Versprechen, ein mich im höchsten Grade beleidigendes Versprechen. Mann und Frau sind eins, und keiner darf vor dem anderenein Geheimnis haben,« sagte Elisabeth schon etwas erregt.
»Kein eigenes,« erwiderte Albrecht, »aber ein fremdes?«
»Auch kein fremdes. Ich muß es wissen, und ich will es wissen! da gilt keine Ausrede. Du mußt es mir sagen! unter allen Umständen. Ich verlange es, Albrecht, und ich habe ein Recht, es zu verlangen!« rief sie unwillig und stampfte mit den Füßen auf den Boden.
»Kleiner Trotzkopf!« lächelte er, »wie willst du mich denn zwingen?«
»Albrecht, du bist abscheulich!« sprach sie und fing an zu schluchzen. »Du hast kein Vertrauen zu mir, du hast mich nicht mehr lieb; sonst könntest du nicht so hartherzig sein und mich vergeblich bitten lassen. O ich arme, unglückliche Frau!« Sie wandte sich von ihm weg, verhüllte das Gesicht und weinte wirkliche Tränen.
»Ein rechtes Närrchen bist du!« lachte Albrecht, »komm mal her!«
»Nein! ich komme nicht, ehe du nicht versprichst, mir alles zu gestehen,« schmollte sie. »Laß mich!« wehrte sie ihn ab, als er sie umfangen wollte.
»Dann kann ich dir nicht helfen,« versetzte er ruhig und tat so, als ob er das Zimmer verlassen wollte.
Da sprang sie schnell herum, hatte im Nu die Arme um seinen Nacken geschlungen, blickte mit ihren sammetweichen, feuchtschimmernden Augen tief innig in die seinen und bat und flehte: »Albrecht, lieber, guter Herzensmann! sage mir's doch! Sieh', du kennst mein Herz bis in seine kleinsten Falten, nie habe ich dir das geringste verschwiegen und verhohlen; wie kannst du nun so grausam sein, vor mir etwas zu verbergen? Wie hoch soll ich schwören, daß ich's keiner, keiner Menschenseele wiedersagen will?«
Er drückte sie zärtlich an sich, küßte sie auf ihr duftiges, braunes Haar und sagte »Liebes Herzenskind! ich kann es doch nun einmal nicht; finde dich darein!«
Rasch machte sie sich von ihm los. »Du willst nicht? Du willst wirklich nicht?« sprach sie in einem plötzlich ganz veränderten, keck herausfordernden Tone, »gut, so will ich dir nur sagen, daß ich schon alles weiß!«
»So! und woher, wenn ich fragen darf?«
»Ich habe gehorcht.«
»Lisbeth! Du hast gehorcht?!«
»Ja!«
»Schäme dich, Lisbeth!«
»Schäme du dich, daß du mich in die Lage bringst, horchen zu müssen, dadurch, daß du mit Engelhard Geheimnisse vor mir hast! und was für welche! – Von einem Kinde habt ihr gesprochen! gesteh' es!«
»Von einem Kinde?«
»Ja, das drei Monat und zwei Tage alt ist und sterben oder enterbt werden soll.«
Statt aller Antwort fing Albrecht laut an zu lachen.
»Gelacht habt ihr auch, Du am meisten,« fuhr sie empört fort, »und es ist doch etwas Schreckliches, was ihr da verhandelt habt, eine bitterböse Geschichte, wenn's wahr ist –«
»Was denn?« frug er noch immer lachend.
»Was denn? O – ich habe auch Namen gehört, ganz deutlich gehört! Und weißt du, welche? – Hans Landschad und Juliane Rüdt! Albrecht, ich bitte dich um Gotteswillen, was ist geschehen? laß mich nicht raten; sage mir's lieber!«
»Zur Strafe dafür, daß du gehorcht hast, müßte ich dich eigentlich der Qual deiner Neugier überlassen,« erwiderte er. »Aber da du nun einmal die Namen weißt, um die sich alles dreht, somußich dir wohl oder übelmehr vertrauen, damit du nicht auf unrechte Gedanken kommst. Also Hans Landschad und Juliane Rüdt –«
»– sind in einem üblen Gerede und sollen Buße tun.«
»Ach was! dummes Zeug! heiraten sollen sie sich!« platzte Albrecht heraus.
»Das habe ich schon gemerkt. Aber warum sollen sie sich heiraten?«
»Damit Hans eine Frau und Juliane einen Mann kriegt.«
»Aber sie gelten doch als unversöhnliche Feinde.«
»Sie waren bisher Feinde und haben sich seit drei Jahren nicht gesehen.«
»Seit drei Jahren nicht gesehen?« wiederholte Elisabeth mißtrauisch; »auch nicht ein einziges Mal?«
»Auch nicht ein einziges Mal; verlaß dich darauf!«
»Und was ist das mit dem Hagestolzenrecht?«
»Auch das hast du aufgeschnappt?« frug Albrecht erschrocken.
»Du hörst es; also nur heraus mit der Sprache!«
»Weib! vor dir ist doch kein Geheimnis sicher. Also auch das noch: wenn Hans fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt wird und als lediger Mann stirbt, so fällt seine Hinterlassenschaft als Erbe an den Pfalzgrafen. Das nennt man das Recht der Hagestolze.«
»Und nur um dieses Recht nicht gegen sich in Anwendung kommen zu lassen, will Hans Julianen heiraten?«
»Zum Kuckuck, ja!«
»Ein feiner Grund, das muß ich sagen!« höhnte Elisabeth.
»Nun, ist denn das nicht Grund genug, wenn sie sich außerdem noch lieben?«
»Tun sie das denn?«
»Weiß ich nicht; ist auch ihre Sache.«
»Kennt sie den wahren Grund, warum er sie heiraten will?«
»Ei bei Leibe nicht! das wäre noch schöner!« lachte Albrecht.
»Hat er schon um sie geworben? und hat sie schon eingewilligt?«
»Weiß ich auch nicht, glaube ich aber nicht. Nun weißt du das ganze Geheimnis, und wenn du ein Wörtlein davon verlauten läßt, so – so sage ich dir in meinem Leben nichts wieder!«
»Du hast mir gar nichts gesagt. Was ich weiß, habe ich alles erraten.«
»Erlauscht, sage nur!«
»Nun ja, meinetwegen, erlauscht!«
»Willst du das auch nie wieder tun?«
»Willst du auch nie wieder ein Geheimnis vor mir haben?«
Und sie sanken sich lachend in die Arme und feierten eine zärtliche Versöhnung.
Am anderen Morgen, als Albrecht auf die Jagd gegangen war, schickte Elisabeth durch einen Knecht ein Brieflein an ihren Bruder Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, des Inhalts: »Spute dich, mit Julianen ins reine zu kommen! Ein anderer wirbt um sie. Elisabeth.« –
Während sich Gefreunde und Gegner mit Junker Hans beschäftigten, die einen seine Verbindung mit Juliane möglichst zu fördern, die andern sie nach Kräften zu hintertreiben suchten, saß er selbst still und zufrieden auf seiner Burg, ohne im entferntesten zu ahnen, wie fleißig hinter seinem Rücken an seinem Glücke geschmiedet wurde. Von allen Mitwirkenden ward es sorgsam vor ihm verschwiegen; nie hörte er die leiseste Anspielungdarauf, wohin er auch kam und mit wem er auch zusammentreffen mochte. Noch weniger aber drang in sein hochgebautes Felsennest die geringste Kunde von der Möglichkeit, daß in diese halb vernachlässigten Räume eine Herrin einziehen und kraft ehelicher Gewalt mit Ordnungs- und Schönheitssinn hier walten und schalten könnte.
Burg Schadeck war ein rechter Junggesellenhort, denn Hans litt keinen verheirateten Menschen um sich, weder vom männlichen, noch vom weiblichen Geschlecht. Marx Drutmann, der des Junkers Waffenmeister, Marschalk und Schildknecht in einer Person war und die Aufsicht über Tor und Mauern, über den Stall und die Knechte führte, war auch in seinen jüngeren Jahren nie beweibt gewesen, und Ursula, die dem kleinen Hauswesen, der höchst einfachen Küche und dem wohlbestellten Keller als Schaffnerin vorstand, war eine ganz alte Jungfer.
Außer dem edlen Weidwerk, einem fröhlichen Fehderitt und einem vollen Becher liebte Hans noch zwei Dinge: das Schachspiel und das Harfenspiel. Er besaß ein sehr kostbares Schachspiel, das in London angefertigt war, und das er einst zu hohem Preise von einem Heilbronner Kaufmann erstanden hatte. Das Brett, dessen goldumrandete Felder teils aus Silber mit zierlich eingegrabenen Blumen und Blattwerk, teils aus zusammengesetzten Stücken von rotem Jaspis bestanden, war so groß, daß es füglich als Schild zur Deckung des Leibes dienen konnte, und hing, wenn es nicht benutzt wurde, mit zwei starken Ringen an in der Wand eingeschlagenen Haken. Die Figuren, aus Walroßzahn geschnitten, die einen weiß, die andern rot gebeizt, waren faustgroß und so schwer, daß sie nicht zu verachtende Wurfgeschosse abgeben konnten. König und Königin saßenzu Pferde, die Rössel oder Springer waren Ritter, die Alten oder Läufer waren Bischöfe, die Rochen turmtragende Elephanten. Hans war ein leidenschaftlicher Schachspieler, jeder Partner war ihm dabei recht, aber wenige waren ihm darin gewachsen. Es gewährte ihm eine kindliche Freude, wenn er Schach und Abschach bieten konnte, und er hatte sich außer den gebräuchlichen Zabelworten kleine, sinnreiche Sprüchlein angewöhnt, die er dem Gegner zum Trost oder zum Spotte vorsagte, wenn er ihm mit einem geschickten Zuge eine Figur nahm.
Wenn er aber, was ja meistens der Fall, allein war, so griff er gern zu dem Gegenstande, der ihm unter allen seinen Habseligkeiten am höchsten im Werte stand und ihm von seinen Brüdern zur Aufbewahrung anvertraut worden war. Das war die kleine Harfe des Minnesängers Bligger von Steinach aus der glanzvollen Zeit der Hohenstaufen. Sie war fast zweihundert Jahr alt und eine sogenannte Schwalbe, ein dreieckiger, mit kunstloser Schnitzerei verzierter Holzrahmen, in dem nur zwölf Saiten gespannt waren; aber die Landschaden hielten wie das Andenken, so auch dieses Erbstück des Ahnherrn gleich einem Heiligtum in Ehren. Sonst besaßen sie nichts mehr von ihm, nichts Handschriftliches und leider auch nicht jenes berühmte, große Gedicht, »Der Umhang«, von dem zeitgenössische Minnesänger, vor allen Gottfried von Straßburg, in Ausdrücken des höchsten Lobes sprechen, daß die Worte darin von den Fittichen der Laute wie Adler emporschwebten und die Reime wie geworfene Messer zum Ziele flogen. Der Umhang bedeutete einen Wandteppich, dessen Stickereien als lebende Bilder und fortschreitende Handlung in dem verlorengegangenen Gedicht geschildert und erzählt waren. Ein paar von einer späteren Hand aufgeschriebeneLieder des Sängers bewahrten die Nachkommen noch, und Hans summte sie leise vor sich hin, wenn er einsam die alten Saiten schlug und sich an dem Spiel erfreute, in dem er es zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht hatte.
Zumeist verdankte er diese Kunst wunderlichen Gästen, die ungeladen bei ihm vorsprachen, aber ihm stets willkommen waren, – fahrenden Spielleuten. Keiner dieser Unsteten, Heimatlosen ward am Burgtor abgewiesen. Er bewirtete sie und beschenkte sie; sie mußten ihn im Saitenspiel unterweisen, ihm etwas vorspielen und singen, und von ihren Wanderfahrten erzählen. Wenn Hans mit einem Spielmann beim Becher saß, so vergaß er, daß er ein hochangesehener Burgherr und Ritter war und jene nur bettelarmes, vogelfreies Volk, das auf der Landstraße wohnte und hinter dem Zaune schlief. Dann regte sich in ihm das alte fröhliche Sängerblut Bliggers von Steinach, dann stimmte er lustig mit ein und spielte und sang und trank mit seinem Gaste bis in den grauenden Morgen hinein. Das wurde unter dem Vagantentum Schwabens und der Pfalz bald bekannt, und Sommer und Winter kehrte manch einer, der die Fiedel strich oder die Laute schlug und singen konnte, – trinken konnten sie alle – bei dem gastfreien Junker Hans Landschad von Steinach auf Burg Schadeck im Neckartal ein, wo keine strenge Hausfrau den Anklopfenden von der Stelle wies oder dem nächtlichen Gelage Einhalt gebot. –
Die Tage vergingen, ohne daß eine Botschaft von Julianen eintraf, worüber Bligger sehr ungeduldig wurde. Um über alle Abmachungen wohl unterrichtet und auf jeden Anschlag der pfalzgräflichen Hofkammer oder des Gaugrafen in Angelegenheit des Hagestolzenrechtes vorbereitet und dagegen gewappnet zu sein,ließ er sämtliche Verschreibungen und Briefe der Mittelburg von Isaak Zachäus genau durchsehen und sich von ihm Auszüge daraus anfertigen. Der Vertrag über die Verpfändung des zur Minneburg gehörigen Waldes war einfach und bestimmt in seinem Wortlaut und konnte zu einer verschiedenartigen Auslegung keinen Anlaß geben. Aber Bligger wollte sich auch endlich einmal darüber klar werden, was von dem Grund und Boden unter dem Banne der Steinachs eigentlich Wormsisches und Speierisches Lehen und was ihr freies Erbgut wäre. Das Geschlecht der Landschaden saß schon so lange im ungestörten Besitz, und eine Erledigung der Lehen durch Aussterben des Mannesstammes war in Ansehung der in der Familie aufwachsenden Nachkommenschaft so wenig zu befürchten, daß sich keiner von ihnen um diese Rechts- und Lehensverhältnisse gekümmert hatte und die Grenzen der einzelnen, zu einem großen Ganzen vereinigten Gebietsteile recht kannte. Ferner wollte Bligger über die Einsetzung des Neckarzolles am Dilsberge, wo die Kette über den Fluß gespannt war, und über seine Verpflichtungen gegenüber den pfalzgräflichen Ansprüchen Genaueres wissen. Das alles sollte ihm Isaak Zachäus aus den Urkunden ausziehen und übersichtlich zusammenstellen.
Ernst wußte, daß der dienstbeflissene Gast seines Vaters mit dieser langwierigen Arbeit beschäftigt war und leistete ihm eines Tages dabei Gesellschaft, um sich von ihm über den Inhalt und Wert der vorhandenen Urkunden unterrichten zu lassen. Mit anerkennenswerter Ausdauer hielt der künftige Erbe dieser zahlreichen Besitztitel bei der trockenen Erklärung derselben aus; aber endlich ward er dessen überdrüssig. Er ging daher gegen Abend nach Burg Schadeck hinauf, um sich mit Ohm Hans die Zeit auf angenehmere Weise zu vertreiben.Wie groß war aber sein Erstaunen, als er beim Eintritt in das Zimmer des Oheims diesen mit Josephinen am Schachbrett sitzen sah.
»Kommst eben recht!« rief ihm Hans entgegen, »hier kannst du einen Schachspieler sehen, der seinen Meister sucht.«
»Ich wußte nicht, daß Joseph sich darauf versteht,« erwiderte Ernst.
»Laß dir von Williswinde einen Becher bringen und setze dich zu uns,« sagte Hans. »Kannst mir auch ein wenig helfen, denn allein werde ich mit diesem jungen Hebräer kaum fertig. Sieh nur, wie er mich schon in die Enge getrieben hat!«
Die sehr hübsche junge Zofe, die sich Hans zu seiner Aufwartung erkoren hatte, brachte einen Becher, und Ernst nahm als Dritter Platz an dem Tische, auf welchem schon ein Krug und zwei Becher standen. Um die Spielenden nicht zu stören, unterdrückte er die Frage, wie sich die beiden zusammengefunden hatten, und betrachtete sich das Spiel. Dieses stand nicht gut für Hans, denn er hatte schon mehr Figuren eingebüßt, als sein Gegner. Tiefe Stille herrschte im Gemach, niemand sprach. Als sich aber Josephine einmal sehr lange besann, ehe sie zog, sagte Hans, der sein Wams abgestreift hatte: »Uff! mir wird es immer heißer, und diesem Jüngling da scheint es noch so kühl zu sein, daß er nicht einmal seinen langen Rock ausziehen will, hier unter uns Männern.«
Josephine wagte nicht, Ernst anzusehen, der allein den Grund ihrer Weigerung kannte. Er erwiderte dem Oheim: »Es ist ein Gewitter im Anzuge, daher die Schwüle, aber Joseph geht immer in dieser Tracht.«
Jetzt tat Josephine ihren Zug mit einem Läufer; doch es war kein glücklicher.
Mit seinem Springer schlug Hans den Läufer und sprach dabei:
»Der Bischof komme nie dem Ritter ins Gehege,Weltliches Schwert weist geistlichem die Wege.
»Der Bischof komme nie dem Ritter ins Gehege,Weltliches Schwert weist geistlichem die Wege.
Das war während des ganzen Spiels der erste falsche Zug, den du getan hast,« setzte er hinzu.
Es schien in der Tat, als ob Josephine dem Spiele nicht mehr ihre ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit zuwendete, seit Ernst hinzugekommen war. Sie sah öfter zu ihm auf, statt das Brett im Auge zu behalten. Ernst ermahnte sie: »Gib acht, Joseph! merkst du nicht, wie Junker Hans deiner Königin immer schärfer zu Leibe geht?«
»Laßt ihn nur!« sagte Hans, »er spielt besser als du.«
Josephine nahm sich nun wieder mehr zusammen, und Zug um Zug wurde von den beiden mit der bedächtigsten Vorsicht ausgeführt. So wie das Spiel stand und sich unter den geübten Händen wenig veränderte, war ihm kein Ende abzusehen, und es wurde schon dämmerig im Gemache.
»Wollt ihr das Spiel nicht heut abbrechen und morgen fortsetzen?« frug Ernst.
»Nein!« rief Hans, die Hand am Rochen, den er bewegen wollte, »ehe nicht einer von uns matt ist, hören wir nicht auf.«
»Aber es dunkelt schon, und wenn das Gewitter losbricht, so wird es ein übel Ding um den Heimweg für Joseph und mich,« bemerkte Ernst.
»Dann bleibt ihr die Nacht hier.«
»Das geht nicht, Ohm!«
»Warum nicht?« erwiderte Hans, immer noch in die Berechnung seines beabsichtigten Zuges vertieft, »dasBett in meinem Gastzimmer ist groß genug für euch beide, werdet euch hoffentlich darin vertragen.«
Ernst sah, wie Josephine erbebte, und konnte auch noch ihr tiefes Erröten bemerken. Dann traf ihn ein Blick aus ihren Augen, aus dem Schreck und Angst und doch auch volle, hingebende Liebe sprachen.
Es durchschauerte ihn, aber nach kurzem Besinnen sagte er: »Wir können nicht hierbleiben, Ohm. Isaak Zachäus würde um Joseph in große Sorge geraten; ich muß ihm seinen Sohn heimbringen.«
»Ei, bist du ein so verzärtelt Muttersöhnchen, daß dich der Alte nicht von sich lassen darf?« lachte Hans.
»Junker Ernst hat recht, Herr,« erwiderte Josephine schüchtern; »laßt uns das Spiel aufgeben.«
»Nichts da!« sprach Hans, »hier paß auf! – Schach!« Dann rief er mit dröhnender Stimme: »Williswinde! Wein her! aber anderen, besseren, der den jungen Herren ein wenig ins Blut geht, damit sie gut schlafen! Sie bleiben die Nacht hier; rüste das Gastzimmer für sie!«
Williswinde gehorchte flink dem Befehle ihres Herrn und brachte Wein und brennende Kerzen nebst einem Imbiß von Brod und kaltem Fleisch, was sie alles schon in Bereitschaft gehalten hatte. Ernst prüfte mit Sorge den schwereren Wein, denn er wußte von dem Tage bei der Schmiedeschenke, welche Herzenswallungen der Wein in Josephine hervorbrachte. Diese zitterte am ganzen Körper; ihr Antlitz glühte, schon ehe sie an dem neuen Tranke genippt hatte, und fortan spielte sie in großer Zerstreutheit.
Lange Zeit wurde kein Wort gesprochen, und aller Augen waren auf das Schachbrett gerichtet. Josephine trank öfter und ward immer unruhiger und erregter.Ihre Gedanken waren ganz wo anders, als hier bei dem langsamen Spiel, das sie doch mit wenigen Zügen sei es auch zu ihren Ungunsten, beenden konnte, wenn sie gewollt hätte.
Ernst war in einer Lage von der abenteuerlichsten Art. Es trat da mit sinnberückendem Locken eine Versuchung an ihn heran, der zu widerstehen dem Dreiundzwanzigjährigen nicht leicht wurde. Er ahnte, nein, er wußte, was in Josephine vorging. Sollte er in herber Entsagung das schöne Mädchen von sich stoßen? Wer konnte soviel Tugend von ihm verlangen? – Richilde! antwortete ihm die Stimme seines Herzens, und entschlossen war er, der Versuchung, so weit er es vermochte, aus dem Wege, zu gehen. Hans verlangte, daß seine beiden Gäste die Nacht in seinem Gastzimmer bleiben sollten, was Ernst schon unzählige Male getan hatte und wogegen er dem Oheim keinen stichhaltigen Hinderungsgrund anführen konnte, wenn er ihm nicht Josephinens wahres Geschlecht verraten wollte. Das wollte er jedoch nur im äußersten Notfall, und der leichtlebige Junker würde ihn mit seiner Gewissensstrenge einem hübschen Judenmädchen gegenüber wahrscheinlich gründlich ausgelacht haben. Er mußte auf andere Mittel sinnen, wie er sich und die mit ihm darin Verstrickte aus dieser verführerischen Gefangenschaft befreien könnte.
Nach einem Zuge Josephinens mit ihrer Königin sagte Hans fast unwillig zu seinem Partner: »Du scheinst nur unter vier Augen gut Schach spielen zu können. Wenn ein Dritter zusieht, so ist es mit deiner Kunst zu Ende. Oder willst du mich mit Absicht das Spiel gewinnen lassen? Das wäre kein ehrlicher Kampf. Nimm den Zug zurück, oder deine Königin ist verloren.«
Josephine hatte nur in ihrer großen Erregung und Zerstreutheit den fehlerhaften Zug getan, den sie nun schnell verbesserte. Aber sie war so überwältigt von dem, was ihr den Busen durchstürmte, daß sie alle Ruhe und Besonnenheit verloren hatte, und nach einiger Zeit bot ihr Hans Schach und wieder Schach und setzte sie endlich matt.
Darüber war es beinahe Nacht geworden. Das Gewitter entlud sich nicht über dem Tale, sondern in einiger Entfernung, aber die Donner hallten über die Berge herüber, und die Blitze durchleuchteten die Dunkelheit.
»Nun wollen wir noch einen Krug alten Roten trinken und dann zur Ruhe gehen,« sagte Hans. »Euer Schlafgemach wird bereit sein.«
»Nein, Ohm! wir müssen aufbrechen,« sprach Ernst entschieden, »wir können nicht hierbleiben. Joseph, bist du nicht auch der Meinung?«
Josephine bewegte die Lippen, aber die Stimme versagte ihr. Nur ein heißer Blick aus ihren Augen gab dem Frager eine stumme Antwort, über deren Sinn ihm kein Zweifel blieb.
»Was soll denn das heißen?« frug Hans, über Ernsts hartnäckige Weigerung aufgebracht. »Du bist ja um diesen kraftvollen Jüngling ungemein besorgt. Ist er denn nicht sicher genug in meiner Burg, zumal unter deiner Obhut? was kann ihm denn hier geschehen?«
Da trat Ernst dicht an seinen Oheim heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Dränge mich nicht weiter; ich schlafe mit einem Juden nicht in einem Bette!«
Josephine fuhr zusammen; ihr scharfes Gehör hatte Ernsts Worte vernommen und verstanden.
»Ja so!« sagte Hans. »Das ist etwas anderes; daranhatte ich freilich nicht gedacht,« fügte er mit einem mißbilligenden Blick hinzu. »Seit wann bist du denn so bedenklich?«
Ernst schwieg. Er hatte in einem harten Kampfe sich selbst besiegt und war doch seines Sieges wenig froh.
Josephine stand tief atmend mit niedergeschlagenen Wimpern. In ihrem bleich gewordenen Gesicht zuckte es wie von einem schwer verbissenen Schmerz.
»So macht, daß ihr fortkommt!« sprach Hans verstimmt. »Den Weg wirst du ja finden, oder willst du eine Fackel, daß sich dein Schützling, den du so zärtlich bemutterst, mit dem Fuß an kein Steinchen stößt?«
»Ich kenne den Weg gut genug,« entgegnete Ernst. »Gute Nacht, Ohm!«
»Gute Nacht! – Gute Nacht auch du, mein Junge!« sagte Hans, »komm wieder, wann du willst; sollst mir stets willkommen sein.«
Die beiden gingen heim. Als sie über die Zugbrücke hinaus waren, legte Ernst Josephinens Arm in den seinen und führte sie behutsam durch die finstere Nacht den Burgweg hinab. Mit Mühe nur bekam er aus der Schweigsamen heraus, wie sie zu seinem Oheim auf die Burg gelangt war. Hans war ihr im Tale begegnet; sie hatte ihm auf seine Frage gesagt, daß sie der Sohn Isaak Zachäus' wäre, der jetzt in Herrn Bliggers Diensten auf der Mittelburg wohnte. Hans hatte sie weit gefragt, ob sie auch das Horoskop stellen könnte, was sie verneint, ob sie Schach spielen könne, was sie bejaht hatte. Darüber erfreut, hatte er sie aufgefordert, ihn auf seine Burg zu begleiten, um mit ihm zu spielen, und sie war ihm gefolgt.
Als Ernst und Josephine sich oben in der Mittelburg trennten, blickte sie ihn nicht an und erwiderte nicht den Druck seiner Hand.
Still suchte sie ihr Lager auf, doch es dauerte lange, ehe die mächtig Erregte den ruhigen Schlummer fand. Ihr Blut wallte, und weit heftiger, als die Erbitterung über die ihr durch Ernsts geflüsterte Worte zugefügte Kränkung, gärte in ihrem Herzen das tief empörte Gefühl verschmähter Liebe.