Sechstes Kapitel.
Im Palas der Minneburg, in dem tief eingebuchteten, um einige Stufen erhöhten Erker, saß auf der kissenbelegten Holzbank die Herrin der Burg und stickte an einer prächtigen Borte für ein Festgewand.
Frau Juliane war eine Erscheinung, die schon auf den ersten Blick anzog und bei jedem neuen Begegnen immer stärker fesselte, weil je nach Stimmung und Gelegenheit der Ausdruck ihres Gesichts, ihre Haltung und ihr Benehmen näher wie ferner Stehenden gegenüber so rasch wechselten, daß sie manch einem über ihr wahres Wesen etwas zu raten aufgab. Sie war schlank von Gestalt, jedoch einer anmutigen Fülle durchaus nicht ermangelnd, hatte gewelltes, aschblondes Haar und eine zarte Gesichtsfarbe, die an den Schläfen das blaue Geäder durchschimmern ließ und auf den Wangen von einem feinen Rot überhaucht war. Die Augen unter den schmalen, aber dichten Brauen waren von einer unbestimmbaren Farbe und blickten meist etwas träumerisch neben der nicht kleinen, gradlinigen Nase. Das Schönste in dem Antlitz war jedoch der Mund, er mochte sprechen oder schweigen; wenn aber diese sinnlich geschweiftenLippen lächelten und dann aus den Augen Leben, Gefühl und Frohsinn blitzte, so war das ganze Gesicht von einem Liebreiz erfüllt, der jung und alt bezauberte. Aber Frau Juliane konnte zuzeiten auch heftig und leidenschaftlich sein; dann wurde sie ganz bleich und ihre Züge waren dann nicht unähnlich denen der Medusa. Niemand sah den Ausbruch eines Sturmes bei ihr voraus, niemand wußte, ob sie ein von Natur gleichmütiges oder ein heiß begehrliches, mühsam gezügeltes Herz in der Brust trug.
Ihre schöngeformte Hand wob emsig an dem zierlichen Blättergerank der Borte, und nur selten warf sie einen zerstreuten Blick durch das offene Fenster ins Tal hinab und auf die grünen Wipfel, die sich leise im Winde bewegten.
Bald trat eine Gürtelmagd ein, um den Mittagstisch für die Herrschaft herzurichten. Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen frug Juliane: »Wo sind die Fräulein, Petrissa?«
»Sie sind im Zwinger, gnädige Frau, und spielen Ball,« gab das Mädchen zur Antwort. »Soll ich sie rufen?«
»Nein, laß sie nur; sie werden schon kommen, wenn sie die Mittagsglocke hören.«
Aber kaum war das gesagt, so flog die Tür auf, und mit hochroten Gesichtern vom Ballspiel kamen die jungen Mädchen, Richilde, Sidonie und Hiltrud, hereingestürmt und riefen und plapperten erregt alle drei durcheinander: »Mutter – Frau Juliane, – auf dem Burghof ist ein Mann, ein Arzt, – ein Artist und Sterndeuter, – der will uns das Horoskop stellen, – bitte, laß ihn herein! – ach ja! bitte, bitte! laßt ihn herein, daß er uns wahrsagt und uns unser Schicksal verkündet!«
»Ihr seid nicht klug, Mädchen,« lachte Juliane, »wer wird sein Schicksal voraus wissen wollen! ich nicht, und ihr sollt es auch nicht.«
Da standen die drei sehr enttäuscht und blickten sich untereinander traurig und ratlos an.
Ehe sie noch zu erneuter Bitte Mut faßten, erschien der Burgvogt, Weiprecht Kleesattel, in der Tür, um seiner Herrin die gleiche Meldung zu machen. Er hatte den leichtfüßigen Fräulein vom Burghof die steinerne Wendeltreppe herauf nicht so schnell folgen können, denn er hinkte infolge eines schlecht geheilten Lanzenstiches, den ihm die Fehde seines seligen Herrn mit den Landschaden von Steinach eingetragen hatte. Beim Reiten war ihm das Gebrechen nicht hinderlich, aber beim Gehen kam er nicht mehr rasch vorwärts damit.
Auch dem Burgvogt verbot Juliane den Einlaß des Fremden; aber der rüstige Alte redete ihr bescheiden zu, die Kunst des Sterndeuters doch einmal zu erproben.
Juliane schüttelte das Haupt und sagte: »Es taugt nichts, sich durch Prophezeiungen, die man Tag und Nacht nicht wieder aus dem Kopfe los wird, in seiner Ruhe stören zu lassen. Mich verlangt nicht nach meines Schicksals Kunde.«
»Aber uns desto mehr, Mutter! bitte, laß den Mann kommen!« sprach Richilde mit flehendem Blick.
»Er wird uns ja nicht gleich unsere Todesstunde bestimmen,« fügte Sidonie hinzu.
»Und überhaupt,« schloß Hiltrud, »wenn er etwas Schlimmes und Schreckliches für uns in den Sternen liest, so sagt er es uns gewiß nicht!«
»Weist den Fahrenden nicht ab, gnädige Frau,« ließ sich nun auch der Burgvogt wieder vernehmen, »vielleicht entdeckt er Euch etwas, was zu wissen Euch sehr angenehm und nützlich wäre.«
Da siegte auch in Frau Juliane die weibliche Neugier, und nach einem kurzen Besinnen gab sie den vereinten Bitten ihrer Burggenossen nach und sagte mit einem halb schmollenden Lächeln: »Nun, so laß ihn in Gottes Namen herein, Weiprecht!«
»Aber es ist ein Jude, gnädige Frau!«
»Meinetwegen, und wenn's ein Türke wäre!« lachte sie jetzt.
»Isaak Zachäus von Ingolstadt nennt er sich und kommt von Heilbronn über Wimpfen.«
»Bringe ihn uns her!«
Der Burgvogt ging und die drei Mädchen jauchzten und hüpften und klatschten vor Freuden in die Hände.
»Jubelt nicht zu früh!« warnte Juliane, »ihr wißt nicht, was ihr aus dem Munde des Sternsehers zu hören bekommt. Wird es euch lieb sein, wenn er eure geheimsten Wünsche und Gedanken enthüllt?«
»Kann er das denn?« frug Richilde rasch und betroffen von der Tür her, wo sie stand und horchte.
»Freilich kann er das,« erwiderte Juliane mit einem aufmerksam prüfenden Blick auf ihre Tochter. »Wenn er euch nun wahrsagte,« fuhr sie fort, »daß keine von euch dreien jemals einen Mann kriegt?«
»Ach, Frau Juliane!« lachte Hiltrud, »so schlecht meinen es die Sterne nicht mit uns.«
»Es könnte auch anders kommen, Frau Juliane,« sagte Sidonie; »vielleicht prophezeit er Euch ein nahe wieder bevorstehendes Glück.«
»O du Schelm, du!« rief Juliane lachend und drohte der Kecken, wurde aber doch rot dabei.
»Pst!« machte Richilde, »sie kommen!« und sprang von der Tür zurück.
Als nun Isaak Zachäus, sich vor den Damen tief verneigend, mit dem Burgvogt in das große Gemachtrat, standen die drei Fräulein dicht beisammen und hielten sich verstohlen bei den Händen erfaßt, indem sie den Fremden mit Blicken betrachteten, als hätten sie in ihm nicht nur den Offenbarer ihrer Herzensgeheimnisse und nicht nur den Verkündiger, sondern selbst den Lenker ihrer Schicksale zu verehren und zu fürchten.
»Ihr wollt uns das Horoskop stellen, Herr Magister?« redete die Burgfrau den Juden an.
»Ihr wollt uns das Horoskop stellen, Herr Magister?« redete die Burgfrau den Juden an.
»Ihr wollt uns das Horoskop stellen, Herr Magister?« redete die Burgfrau den Juden an.
»Wenn Ihr es gnädigst verstattet, hochedle Frau,« erwiderte Zachäus, der sich durch den ihm nicht gebührenden Titel sehr geschmeichelt fühlte, mit einer neuen Verbeugung, »so bin ich auf Euren Wink bereit, Euch mit meiner Kunst und Erfahrung in der chaldäischen Wissenschaft untertänigst zu dienen.«
»Wessen bedürft Ihr dazu an Mitteln und Zutat?« fragte die Herrin.
»Um Tag und Stunde eurer Geburt zu wissen, gnädigste Frau! weiter nichts,« versetzte Zachäus mit einem merklichen Selbstbewußtsein.
»Wir werden's Euch aufschreiben,« sagte Juliane, und die drei Mädchen tummelten sich, Schreibzeug herbeizuschaffen.
»Erlaubt!« sprach Zachäus, »dazu hab' ich alles bei mir.« Er holte ein hürnenes Tintenfaß, eine Feder und ein Stück Pergament aus seiner Tasche und schrieb auf einen Wink Julianens, sich zu setzen, Tag und Stunde der Geburt der vier Damen nach den Angaben derselben auf. Dann erhob er sich wieder und sagte: »Morgen früh, gnädige Burgfrau, könnt Ihr erfahren, was ich für Euch und diese edlen Fräulein in den Sternen gelesen habe.«
»Gut,« erwiderte Juliane, »aber ich verlange, daß Ihr mir allein, unter vier Augen, und sonst niemandmitteilt, was Ihr für uns alle gefunden habt. Verstanden, Herr Zachäus von Ingolstadt?«
»Seht wohl, gnädige Frau!« erwiderte Zachäus, »nur Euch allein verkünde ich den Befund der Horoskope.«
»Da werden wir nicht viel erfahren,« flüsterte Richilde ihren Freundinnen zu, »das Beste sagt sie uns nicht.«
Juliane gab dem Burgvogt die Weisung, das oberste Gemach in dem viereckigen Turme zum bequemen Aufenthalt für den Gast herrichten und ihm an Speise und Trank nichts abgehen zu lassen, worauf sich die beiden Männer miteinander entfernten.
»Du mußt uns aber alles sagen, Mutter, was der Sternkundige dir morgen unter vier Augen mitteilt,« sprach Richilde, als die vier wieder allein waren, ihre Mutter umhalsend, »versprich uns das!«
»Nichts versprech' ich euch!« erwiderte Juliane.
»O ja! o ja!« fielen Sidonie und Hiltrud gleichzeitig ein, Julianen ebenfalls mit den Armen umschlingend, »alles müßt Ihr uns sagen, Frau Juliane, alles! wenigstens alles, was uns angeht. Schwört, Frau Juliane, uns nichts verheimlichen zu wollen! schwört uns bei – ja, wobei nun gleich? wobei schwört Ihr am liebsten und am höchsten?«
»Schwört uns bei Eurem aschblonden Haar!« sprach Hiltrud.
»Beim minnigsten Munde der Minneburg!« rief Sidonie.
»Schwöre bei den ewigen Sternen, die uns allen Glück verheißen mögen!« bat Richilde.
»Laßt mich los! ihr erdrosselt mich ja!« rief Juliane, sich mit Mühe aus dem Schlangengewinde der sie umstrickenden sechs Mädchenarme befreiend. »Ich schwöre nichts und verspreche nichts,« sagte sie dann, fast nochatemlos von der stürmischen Zärtlichkeit der sie Überfallenden; »ich bin hier Mutter für euch alle, und was euch jungem Volk zu wissen taugt oder nicht taugt, darüber habe ich als alte Frau allein zu entscheiden.«
»Alte Frau! alte Frau!« ein dreistimmiges, silberhelles Gelächter schallte ihr bei der Wiederholung dieser Worte so lustig entgegen, daß sie selber mit einstimmen mußte.
»Nicht drei Jahre seht Ihr älter aus, als wir!« rief die eine.
»Vier Schwestern sind wir, wird jeder denken, der uns sieht und es nicht besser weiß, und keiner wird raten, welche von uns die älteste ist,« sprach die andere.
»Und daß Ihr die schönste seid,« jubelte die dritte, »das sagt Euch der Spiegel und jeder Mann, Ritter oder Knappe, wenn er Augen im Kopfe hat und –«
»– und so schmeicheln will wie ihr drei Törinnen,« fiel Juliane lachend ein. »Ihr denkt wohl, damit verlockt ihr mich, euch alles zu sagen? Weit gefehlt! eure Herzensgeheimnisse erfahre ich nun von dem Wahrsager, das habt ihr euch selber eingerührt, aber ob ihr etwas erfahrt, das steht bei mir. Punktum!«
Da umfaßte Sidonie, die übermütigste von allen, Julianen aufs neue, schwenkte sie mit starken Armen wiegend um sich herum und sagte: »Und Euer Herz, Frau Juliane, Euer Herz ist auch viel jünger und heißer, als Ihr uns manchmal Glauben machen wollt, und wird auch seine Geheimnisse haben, bei deren Enthüllung wir nicht zugegen sein sollen; damit wir nur ja nicht erfahren –«
»Wirst du gleich schweigen?!« lachte Juliane und schloß der Fürwitzigen den Mund.
Petrissa kam herein und trug die Speisen auf. Die vier Damen setzten sich an den gedeckten Tisch zumMittagsmahl, das auf der Minneburg zu ungewöhnlich später Stunde eingenommen wurde, und ließen sich's wohl sein in fortdauernder Heiterkeit und inniger Eintracht. –
Als der Burgvogt Weiprecht Kleesattel den Gast in das oberste Turmgemach geführt hatte, sprach er zu ihm: »Hört, Meister Zachäus von Ingolstadt, ich werde Euch hier gut verpflegen lassen, aber Ihr müßt mir auch einen Gefallen tun; wollt Ihr?« Und als ihn der Jude mit fragenden Augen listig anblickte, fuhr er fort: »Ihr müßt auch mir das Horoskop stellen! Ich bin am vierzehnten Tage des Brachmonds im Jahre dreizehnhundertfünfunddreißig geboren um Sonnenuntergang.«
Zachäus schrieb sich das auf und lächelte dabei ein wenig. Weiprecht bemerkte das und fügte nun hinzu: »Ihr müßt nicht denken, daß ich in meinem Alter noch etwas Besonderes vom Leben erwarte; aber ich möchte doch gern wissen, wie es hier auf der Burg in Zukunft mit mir bestellt sein wird.«
»Schon recht,« erwiderte Zachäus; »morgen sollt Ihr es erfahren, Herr Burgvogt.«
»Ich danke Euch,« sagte Weiprecht, »und nun will ich Euch etwas Gutes zu essen und zu trinken heraufschicken.« Darauf ließ er den Juden allein, und dieser packte nun seine sieben Sachen aus der Tasche auf den Tisch, der an einer nur mit einem hölzernen Laden verschließbaren Fensterluke stand. –
Richilde schlief mit ihrer Mutter in einem Zimmer, und in einem anderen schliefen ihre beiden Freundinnen. Als sich letztere spät entkleidet hatten, um ins Bett zu gehen, trat Hiltrud im Schlafgewande noch einmal an das Fenster und blickte in die warme Frühlingsnacht hinaus und zum gestirnten Himmel empor. Sidonie gesellte sich zu ihr, schlang den Arm um denweichen Körper der Freundin und sagte sich innig anschmiegend: »Meinst wohl, du könntest auch in den Sternen lesen?«
»O, wenn ich das könnte, Sidonie!« erwiderte die andere begeistert. »Sieh mal den einzelnen hellen Stern dort uns gerade gegenüber! kennst du ihn? es ist Jupiter, und er soll viel, viel größer sein als unsere Erde. Wie wohl die Menschen dort oben leben, und was sie dort tun und treiben mögen?«
»Die Menschen auf dem Jupiter?« lachte Sidonie, »o du Schwärmerin!«
»Du wirst doch nicht glauben,« sprach Hiltrud, »daß unter den Millionen Sternen, die im grenzenlosen Weltall schweben, unsere Erde der einzige ist, der von lebenden Wesen bewohnt ist.«
»Darüber habe ich noch nie nachgedacht, denn es nützt nichts, wir ergründen es doch nicht,« antwortete Sidonie.
»Und ich muß immer daran denken, wenn ich die Sterne so leuchten und blinken sehe, wie jetzt,« sagte Hiltrud, »und dann ergreift mich jedesmal eine tiefe Sehnsucht, die Geheimnisse der Sternenwelt zu erforschen und zu wissen, ob die Menschen dort oben auch wie wir lieben und leiden, hoffen und kämpfen, und was dort oben für schöne, fremde Blumen blühen mögen, vielleicht auch viel größer, als hier auf der Erde.«
»Und ob dort oben vielleicht auch zwei närrische Mädchen im weißen Nachtkleid am dunklen Fenster stehen und zu uns herunterschauen –«
»Herunter? die müssen ebenso zu uns heraufschauen wie wir zu ihnen.«
»Nun also zu uns heraufschauen und flüstern und schwärmen und sich sehnen, ohne zu wissen, wonach,« neckte Sidonie die Freundin, sie fester an sich drückend.
»Das ist schon möglich,« versetzte Hiltrud; »ich möchte nur wissen, wie sie aussehen, wie sie sprechen, und was sie denken und fühlen.«
»Vielleicht sind es wahre Ungeheuer von Riesinnen, soviel größer als wir, wie der Jupiter größer als die Erde ist, und nun denke dir die Händchen und das Mündchen! und wenn sie sprechen und lachen, ist's auch soviele Male lauter und klingt wie Donnergetöse von den Riesenlippen. Und dazu die Männer! hu! mir graust es vor deinen Jupitermenschen.«
»Du bist eine unverbesserliche Spötterin,« sagte Hiltrud, »kannst du denn gar nicht ein bißchen schwärmen und mit sehenden Augen selig träumen? Das ist doch so süß im Schleier der Nacht unter den goldenen Sternen, die einem ins Herz hineinglühen und die ewige Sehnsucht wecken.«
»Weißt du was, Liebchen? ich fühle jetzt etwas von der ewigen Sehnsucht, zu schlafen. Komm ins Bett und überlaß es dem Sterngucker auf seinem Turme, sich mit dem goldenen Gekribbel und Gekrabbel dort oben zu unterhalten, ob es ihm auf seine Fragen Rede stehen will.« Damit zog Sidonie die sich ungern Trennende vom Fenster fort, schloß es, schob und hob Hiltrud, die sich alles gefallen ließ, in das große, gemeinsame Bett und war dann mit einem Sprunge neben ihr.
»Was werden wir morgen zu hören bekommen vom Ausspruch der Sterne über unser Schicksal!« sagte Hiltrud im Liegen.
»Wahrscheinlich sehr wenig,« erwiderte Sidonie und streckte sich, daß das Bettgestell knarrte. Dann ward es still im Gemach. Zwei blühende Mädchen schliefen Seite an Seite so sanft, wie nur Jugend und Gesundheit auf Erden schlafen können. –
Frau Juliane erwachte am anderen Morgen sehr früh. Richilde lag mit geröteten Wangen in dem Bett neben dem ihrigen noch in tiefem Schlafe. Sie betrachtete mit mütterlichem Wohlgefallen die Schlummernde, wie sich ihre jungfräuliche Brust in ruhigen Atemzügen hob und senkte, wie die langen, dichten Wimpern die geschlossenen Augenlider umsäumten und um die roten Lippen ein leises Lächeln spielte. Welch ein Traumbild mochte die unschuldige Seele der Ruhenden jetzt umschweben? In wenigen Stunden sollte sie die Zukunft dieses lieblichen Mädchens, ihres einzigen Kindes, erfahren. Ihr bangte vor dem Ausspruch des fremden, sternkundigen Mannes, und sie bereute fast, den Bitten der Ihrigen nachgegeben und die Vorsehung durch ihr Eindringen in das Wissen der Zukunft herausgefordert zu haben, eine Vermessenheit, für die sie mit der beständigen, ruhelosen Furcht vor dem Eintreffen eines vorausgesagten Unglücks schwer bestraft werden konnte. Aber diese Sorge den jungen Mädchen zu gestehen und ihre Zusage zurückzunehmen, schämte sie sich und wies endlich den Mangel an Mut, dem Künftigen fest ins Auge zu sehen, als eine ihr nicht anstehende Schwäche von sich. Wie sehr die erwachte Begierde nach der Kunde ihres eigenen Schicksals sie in ihrer Beharrlichkeit bestärkte, darüber gab sie sich keine Rechenschaft.
Diese Begierde wuchs mit der vorrückenden Zeit, und als Juliane, nachdem sie sich mit Richilde vom Lager erhoben und angekleidet hatte, ihr Wohngemach betrat, in dessen vier Wänden sie den Befund der Horoskope erfahren sollte, geriet sie allmählich in eine solche Erregung, daß sie den Augenblick der Enthüllung kaum erwarten konnte, die sie schon im Voraus als etwas Untrügliches und Unumstößliches hinzunehmen bereit war.
Beim Frühstück bemühte sie sich, den drei jungen Mädchen gegenüber unbefangen zu erscheinen, aber diese merkten sehr bald, daß Frau Juliane ebenso voll Unruhe war wie sie selber. Gleichwohl vermieden es alle vier, den Gegenstand, der allen im Sinne lag, mit einem Worte zu berühren, um durch dies Versteckenspielen eine Selbstbeherrschung zu heucheln, die jeder Einzelnen von ihnen sehr schwer wurde. Die Unterhaltung während des Mahles, bei dem man nur so tat, als genösse man etwas, drehte sich um die gleichgültigsten Dinge, war aber eine erzwungen heitere und lebhafte, damit keine Pause entstehen sollte, die den in allen aufgespeicherten Zündstoff zum hellen Auflodern gebracht hätte. Während ihnen das Herz bis an den Hals hinauf schlug, beobachteten sie sich gegenseitig mit lauernden Blicken, ob nicht einer von ihnen das Wort entschlüpfte, das jeder auf der vordersten Zungenspitze saß.
Endlich brach Sidonie den ihr unerträglichen Bann, schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Das ist nicht auszuhalten! Sprecht doch endlich einmal ein vernünftiges Wort von dem, was uns allen auf der Seele brennt! Unsere Gedanken sind oben auf dem viereckigen Turm bei dem bleichen Gaste, der jetzt unser Schicksal weiß. Binnen kurzem soll sich für uns der Schleier der Zukunft lüften, und wir sitzen hier und machen uns etwas vor, als wenn uns der Mann mit seinen Geheimnissen nichts anginge. Mir stockt der Bissen im Munde vor Ungeduld und welcher von euch anders zumute ist, die sage es, und dann glaube ich es ihr nicht!«
Alle atmeten wie von einem Drucke befreit, erleichtert auf, und ein helles, zustimmendes Lachen belohnte Sidoniens Entschlossenheit und Aufrichtigkeit. Nun warendie Schleusen geöffnet; neckische Andeutungen und gewagte Vermutungen über die künftigen Schicksale jeder Einzelnen schwirrten am Tische kreuz und quer hinüber und herüber. Noch einmal versuchten die Mädchen einen gemeinsamen Ansturm auf Julianens Entschluß, den Bericht des Sterndeuters allein entgegennehmen zu wollen; aber vergeblich. Juliane blieb unerbittlich. Sie erhob sich und sagte: »Geht in den Zwinger und vertreibt euch die Zeit, so gut ihr könnt, bis ich euch rufen lasse.«
Gegen diesen bestimmten Befehl war nichts zu machen. Seufzend fügten sich die Mädchen und taten, wie ihnen geheißen war.
Petrissa kam und räumte ihnen den Tisch ab, und die Burgfrau gebot ihr, zu dem Fremden im Turme zu gehen und ihm zu melden, daß sie ihn hier im Palas erwarte.
Als Juliane allein war, schritt sie im Gemach auf und nieder, um sich zu sammeln und ihrer Erregung Herr zu werden, und als Zachäus bald darauf eintrat und ihr nun in kühl gemessener Ruhe gegenüberstand, da fühlte sie sich selber durch den Anblick des ernsten, verschlossenen Mannes wunderbar beruhigt; die Spannung ließ nach, und es kam etwas wie Gleichmut über sie, als hätte sie nichts zu hoffen und nichts zu fürchten.
Sie setzte sich in den Erker und sagte: »Nun erzählt mir, lieber Meister Zachäus, was Ihr in den Sternen gelesen habt, und ich bitte Euch, verschweigt mir nichts!«
»Ich habe Euch auch nichts zu verschweigen, hochedle Herrin,« erwiderte der so freundlich Angeredete mit einem teilnehmenden Blick in das Antlitz der schönen Frau; »die Sterne haben mir über Euch und die drei jungen Fräulein nur Gutes und Günstiges anvertraut.«
»Nun also?«
»Gnädigste Frau, die Aspekten für Euch selbst sind derartig, daß ich Euch eines langen und glücklichen Lebens versichern darf. Der Genius Eurer Geburt ist Venus. In naher Zeit steht Euch die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches bevor. Weiterhin aber habt Ihr ein noch größeres Glück zu gewärtigen; – ich darf alles sagen? –«
»Alles! ich ersuchte Euch bereits darum.«
»Nun denn! – Ihr werdet Euch bald wieder vermählen.«
»Herr Magister!« rief Juliane, dunkelrot im Gesicht, die Hand auf ihr erschrockenes Herz drückend. »Ihr sagt das so bestimmt, – und ich – ich sehe nicht ab, – ich bin aufs höchste überrascht. – Ist das kein Irrtum?«
»Nein, gnädige Frau! es ist kein Irrtum,« erwiderte Zachäus mit ruhiger Sicherheit. »Aus alter Liebe und jungem Haß wird Euch neues Glück erblühen.«
»Aus alter Liebe und jungem Haß, – rätselhaft!« murmelte Juliane in tiefen Gedanken vor sich hinstarrend. Dann schüttelte sie das Haupt und sagte: »Sprecht deutlicher! Wer ist mir zum Gatten bestimmt?«
»Das eine kann ich nicht, das andere weiß ich nicht,« entgegnete Zachäus. »Die Gestirne haben Herrschaft über unser Schicksal, aber sie lassen sich nicht ausfragen. Von den großen Himmelshäusern steht für Euch das Haus der Ehe obenan, aber in den Häusern der Freundschaft und Feindschaft las ich für Euch die Warnung, daß Ihr, selber Witwe, Euch vor Witwern hüten solltet.«
Juliane flüsterte etwas in sich hinein, was Zachäus nicht verstand. Dieser fuhr daher fort: »Euer erster Gemahl starb eines jähen Todes, doch nicht in einem Kampf und auch nicht in seinem Bett. So wurdet Ihr unvermutet zur Witwe, und vielleicht hängt es damitzusammen, daß ein Witwer Euch Unheil bringen würde.«
Juliane schwieg, und ihr Blick hing mit steigender Verwunderung an den Lippen des Sprechenden, der wieder fortfuhr: »Das wäre alles, gnädige Frau, was ich Euch zu sagen habe, wenn nicht noch ein bedeutsamer Wink, der mit dem Schicksal Eurer Tochter in unmittelbarer Verbindung steht, die größte Beachtung verdiente.«
»Und dieser Wink lautet?«
»Gebt Eurer Tochter Richilde zunächst einen Stiefvater und dann erst einen Gatten!«
Die Schloßherrin lächelte: »Nun, Richilde ist noch jung; sie wird es so eilig nicht haben.«
Zachäus aber sprach: »Fräulein Richilde ist Euer ältestes Kind; zwei später gebotene Söhne sind Euch jung wieder gestorben, –«
»Auch das haben Euch die Sterne gesagt?« unterbrach ihn Juliane erstaunt.
Der Jude nickte würdevoll und sprach weiter: »Eurer Tochter droht außerhalb dieser Burg eine Gefahr, die ihr zwar nicht ans Leben geht, die aber nur ihr Stiefvater von ihr abwenden kann.«
»Sagt mir noch mehr von meiner Tochter,« verlangte Juliane nach einigem Besinnen.
»Wohl, so hört! Fräulein Richilde liebt und wird wieder geliebt –«
»Das ist nicht wahr, das ist unmöglich!« fuhr Juliane heftig auf.
»Gnädige Frau, in der Schrift der Sterne kann ich mich nicht täuschen,« erwiderte Zachäus mit einem überlegenen Lächeln. »Eure Tochter liebt einen ritterlichen Mann, der sie auch heimführen und für ihr langes Leben glücklich machen wird, wenn Ihr selber vorher eines zweiten Mannes Frau geworden seid.«
Juliane erhob sich und ging mit raschen Schritten auf und ab im Gemache. »Richilde liebt, und ich weiß nichts davon?« sprach sie erregt, »wen? wen, Zachäus?«
Der Jude zuckte die Achseln und schwieg.
»Und wird das alles so bald geschehen? ich meine, daß er sie heimführt, und ich vorher –«
»Bald ja! dochwiebald, haben mir die Sterne nicht gesagt,« erwiderte Zachäus.
In Julianens Hirn wogten die Gedanken wild durcheinander, sie wurde abwechselnd bald bleich, bald rot und schien während des Auf- und Abschreitens die Gegenwart des Sterndeuters ganz vergessen zu haben, bis dieser von selber anhub: »Wollt Ihr nun auch die Horoskope der beiden anderen jungen Fräulein wissen, gnädige Frau?«
»Ja so! freilich! sprecht, aber macht es kurz!« erwiderte sie hastig.
»Fräulein Sidonie von Hirschhorn ist ein Sonntagskind,« sagte Zachäus; »die Konstellation bei ihrer Geburt war höchst günstig. Alles, was sie beginnt, wird ihr geraten, denn sie hat eine glückliche Hand. Ihr Übermut und ihr leichter Sinn werden sie zuweilen in wunderliche Lagen bringen, aber das Schicksal oder ein unverhoffter Zufall werden alles stets zum besten lenken. Sie wird manchen Freier abweisen, mit dem Manne ihrer Wahl aber einst glücklich werden.«
»Wohl ihr!« sprach Juliane zerstreut, »weiter!«
»Fräulein Hiltruds Gestirne weisen in die Ferne,« fuhr Zachäus fort; »sie wird mit ihrem einstigen Gatten fern von ihrer Heimat hausen, ihm Kinder schenken und lange Jahre mit ihm in Glück und Freuden leben.«
Geraume Zeit erfolgte keine Antwort von Juliane, kein Zeichen, daß sie verstanden, was Zachäus gesagt hatte, bis dieser sie erinnerte: »Gnädige Frau, ich bin fertig.«
»Ich danke Euch!« sprach Juliane wie weit abwesend mit ihren Gedanken, »Ihr seid entlassen; das heißt,« verbesserte sie sich, »Ihr bleibt hier auf der Burg; vielleicht bedarf ich Eurer noch; dann werde ich Euch rufen lassen. Noch eins, Zachäus –!« und sie legte mit einer entschiedenen Bewegung und einem durchdringenden Blick den Finger auf die geschlossenen Lippen.
Der Jude machte das Zeichen des Schweigens nach, verbeugte sich und verließ das Gemach.
Juliane war allein. Sie setzte sich wieder auf die Bank im Erker, stützte den Kopf in die Hand und wiederholte sich die Aussagen des Schicksalskündigers. »Wieder eines Mannes Weib werden soll ich? und bald?« sprach sie zu sich selbst. »Aus alter Liebe und jungem Haß soll mir neues Glück erblühen. Ach! wenn es wahr würde! wenn ich noch glücklich werden sollte! – Aber ohne Wahl und Willen wär' ich dabei? Die Sterne bestimmen mir einen Mann, dem ich meine Freiheit und Leib und Seele geben soll, und nach meiner Liebe wird nicht gefragt? Wen liebe ich denn? Keinen, keinen! und wenn ihr winzigen, glimmenden Funken dort oben in eurer unermeßlichen Ferne mein Herz nicht zu lodernder Liebe in Flammen setzen könnt, so spart euch eure Sprüche von der Liebe Verkündigung, der ich mich nicht beugen werde gegen meinen Wunsch und Willen! – Könnt' ich nur raten, wen die dunklen Mächte mir schicken, wen sie mir aufdrängen wollen! Keinen Witwer, hieß es. Also fahre wohl, Bruno von Bödigheim! Du gewinnst mich nie. Aber wer sonst? – Aus alter Liebe und jungem Haß, – das träfe nur auf einen zu; doch das ist vorbei, der ist es nicht, der kann es nicht sein! Er liebt mich nicht, und ich – ich will ihn niemals wiedersehen!«
Sie erhob sich, um selber zu den ungeduldig Wartenden in den Zwinger zu gehen, denn sie brauchte frischeLuft. Ihr klopfte das Herz im Busen mit stürmender Gewalt, und wie froh war sie, die Prophezeiungen des Sterndeuters allein, ohne Zeugen vernommen zu haben!
Im Zwinger sprangen ihr die Mädchen entgegen, suchten mit forschenden Blicken in ihren Zügen zu lesen und überschütteten sie mit einer Flut von Fragen.
»Beruhigt euch,« lachte Juliane, »es war kaum der Mühe wert, die verschwiegenen Sterne unsertwegen auf die Probe zu stellen, denn sie haben uns wenig verraten. Ihr bekommt jede dereinst einen Mann und werdet ein langes und glückliches Leben genießen. Du, Sidonie, bist ein Sonntagskind; darum wird dir vieles gelingen von dem, was du beginnst; wirst aber auch manchen Freier abweisen, ehe der rechte kommt. Du, Hiltrud, wirst mit deinem Zukünftigen in die Ferne ziehen, und Richilde, du sollst dich vor Gefahren hüten, die dich außerhalb der Burg bedrohen könnten. Das ist alles, was mir der weise Mann zu sagen wußte.«
»Wenig genug!« sprach Sidonie, »aber ich wußt' es im Voraus.«
»Aber du selber, Mutter! was verkündigte er dir?« fragte Richilde.
»Auch nichts Besonderes, aber nur Gutes,« erwiderte Juliane mit abgewandtem Gesicht.
»Und darum die Aufregung und Angst!« sprach Hiltrud.
»Wir wollen zufrieden sein, wenn alles eintrifft,« sagte Richilde. »Vor den Gefahren außerhalb der Burg fürchte ich mich nicht. Was kann mir begegnen? vielleicht, daß mich beim Blumenpflücken einmal ein Dorn sticht oder eine Nessel brennt.«
Das Ansehen des Mannes, der sich für einen Sternkundigen ausgab und nur mit einer so dürftigen Auskunftdienen konnte, war in den Augen der Fräulein nicht gerade gestiegen. Nur Sidonie, die Julianen mehrmals verstohlen beobachtete und deren mühsam verhehlte Erregung sehr wohl bemerkte, hatte über die Geringfügigkeit der ihnen gewordenen Mitteilungen ihre eigenen Gedanken, behielt dieselben jedoch für sich.
»Kommt, Mädchen!« sagte Juliane, »wir wollen satteln lassen zu einem wild fröhlichen Ritt in den Wald; mich verlangt nach Bewegung!«
Hiltrud und Sidonie hatten von den väterlichen Burgen ihre Reitpferde mitgebracht, die im Stalle der Minneburg Platz genug fanden, und bald waren vier Rosse gesattelt und am Palas vorgeführt. Die Damen schwangen sich mit Hilfe des Burgvogts in die Sättel und ritten über die Zugbrücke des breiten Grabens und den Burgweg hinab. Unten auf der Landstraße am Neckar sprengten sie freudig dahin, allen voran Juliane, als wollte sie den in den Ringmauern ihrer Burg sie umspinnenden Gedanken entfliehen und noch einmal in vollen Zügen die mit den Fesseln der Liebe bedrohte Freiheit ihres Herzens genießen.