Siebzehntes Kapitel.
Auf dem Rasen im Schatten der mächtigen Buche, aus deren Zweigen Richilde den Reiher geschossen und Ernst dann Sidonien befreit hatte, und die deshalb von den vier Teilnehmern an jenem lustigen Abenteuer fortan die Reiherbuche genannt wurde, saßen an dem zu der Zusammenkunft vorausbestimmten Vormittage wieder dieselben vier wie damals: Junker Ernst Landschad und die drei Fräulein von der Minneburg.
Aus den Gesichtern aller sprach helle Freude. Zwei von ihnen aber strahlten förmlich von Glück und Seligkeit, und wenn sich ihre Blicke begegneten, was sehr oft geschah, so flog hinüber und herüber ein lächelnder Gruß unaussprechlicher Liebe.
Diese zwei waren Ernst und Richilde, deren junge Herzen sich hier zur Stunde nach kurzem, heimlichem Zwiegespräch gefunden hatten mit der hoffenden Frage und der beglückenden Antwort, die überall auf dem bewohnten Erdenrund, solange Menschen darauf leben, in tausend Sprachen erklingen und Mann und Weib in Liebe zueinander führen.
Nun saßen sie beide Hand in Hand hier nebeneinander, den Freundinnen Hiltrud und Sidonie gegenüber und mit diesen in wichtiger Beratung über das, was nun, nach dem soeben stattgehabten Verlöbnis, zunächst zu tun sei.
Vor allem handelte es sich darum, wer Frau Juliane die erste Mitteilung von dem Geschehenen machen sollte, und hierüber gab es in dem kleinen Kreise so viel verschiedene Meinungen, wie die Zahl der Beratenden betrug.
Ernst behauptete, das wäre sein Recht sowohl wie seine Pflicht, und wollte sich stehenden Fußes nach der Minneburg begeben, um bei Frau Juliane in aller Form um die Hand ihrer Tochter zu werben.
Hiltrud meinte, Richilde wäre es ihrer Mutter schuldig, dieser ein offenes Geständnis ihrer Liebe und ihres mit Ernst geschlossenen Bundes selber abzulegen, bevor es Frau Juliane aus irgendeinem anderen Munde, selbst aus dem des hoffnungsvoll Werbenden, erführe.
Dazu hatte jedoch Richilde nicht den Mut, teils weil sie ihr Unrecht fühlte, sich überhaupt ohne Wissen und Zustimmung ihrer Mutter verlobt zu haben, teils weil sie, trotz der angebahnten Versöhnung, doch noch einigen Zweifel hegte, ob Frau Juliane nun auch gleich eine eheliche Verbindung ihrer Tochter mit einem Landschaden gestatten würde. Daher fürchtete sie, sowohl harte Vorwürfe von ihrer Mutter zu bekommen wie auch heftigen Widerstand bei derselben zu finden, und wünschte sich wenigstens von dem ersten und stärksten Erguß des mütterlichen Zornes etwas entfernt zu halten.
Sidonie tadelte Richildens Mangel an Mut und versicherte dabei, sie würde die Gefühle und Taten ihres Herzens der ganzen Welt gegenüber vertreten und alles dafür erdulden, wenn sie nur das Ziel ihrer Sehnsucht erreichte. Dann aber erklärte sie sich nicht nur gern bereit, das auf der Minneburg drohende Ungewitter über ihr ohnehin schuldbeladenes Haupt ergehen zu lassen, sondern sie nahm auch die Ehre, – »und das Vergnügen«, fügte sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu– Frau Juliane zuerst in die vollendete Tatsache einzuweihen, als etwas mit Fug und Recht ihr allein Zukommendes für sich in Anspruch. Denn, machte sie geltend, sie hätte die Liebe der beiden zuerst entdeckt, hätte sie gestärkt und gefördert und auch die gegenwärtige Zusammenkunft hier ins Werk gesetzt. Sie wäre also die eigentliche Urheberin des glücklichen Ereignisses und würde das heute hier Begonnene auch glücklich zu Ende führen, wenn sich die beiden zunächst Beteiligten ihrem Schutz und Schirm und ihrer sicheren Leitung anvertrauen wollten.
Ernst aber ließ sich nicht davon abbringen, daß es ihm als Mann gezieme, mit tatkräftigem Handeln voranzugehen, seine Liebe und die Geliebte der etwa zürnenden Mutter gegenüber selber zu verteidigen, alle Schuld und alle Vorwürfe auf sich zu nehmen und sein und seiner Verlobten schwankendes Lebensschifflein mit eigener, fester Hand in den winkenden Hafen zu steuern. Er sagte daher Sidonien allen Dank für ihre freundliche Bereitwilligkeit und bat sie, ihm und Richilde bei etwa entstehenden Schwierigkeiten auch ferner mit gutem Rat und kluger Vermittlung beizustehen, erklärte jedoch auf das bestimmteste, die drei Freundinnen zur Minneburg begleiten und sich selber die Entscheidung aus Frau Julianens Munde holen zu wollen.
Hiltrud und Richilde waren damit einverstanden; Sidonie dagegen sprach: »Mit uns zugleich hinaufgehen, Ernst, kannst du nicht. Das sähe ja gerade so aus, als hätten wir dich herbeigeholt, ich möchte fast sagen eingefangen und brächten dich nun als geworbenen Werber im Triumph auf die Burg.«
»Da hast du wirklich recht,« lachte Ernst; »so geht es nicht. Einer muß voran, ihr oder ich.«
Nun entspann sich ein neuer Streit darüber, wervorangehen sollte. Sidonie wollte es tun, und Ernst wollte es auch.
»Jedenfalls,« sprach Hiltrud, »muß, wer zuerst hinaufkommt, Frau Juliane auch sofort Mitteilung machen von dem, was sich hier ereignet hat. Und wenn wir Mädchen es sind, so ist es – ich bleibe dabei – Richildens Pflicht, es ihrer Mutter, sobald sie dieselbe wiedersieht, nicht eine Minute lang zu verheimlichen.«
»Nein, dann tue ich's,« sprach Sidonie. »Ich bin die älteste von uns dreien, ich werde mit Frau Julianen am besten fertig und will sie auf Ernsts Besuch schon so vorbereiten, daß er nachher nichts anderes in ihr findet, als eine ihn mit offenen Armen willkommen heißende Schwiegermutter.«
Bei dem Worte ›Schwiegermutter‹ zuckte ein flüchtiges Lächeln über Ernsts Gesicht. Er mußte an Ohm Hansens Gespensterfurcht vor Schwiegermüttern denken.
»Wenn es aber nun doch anders kommt und sie nein sagt?« frug Richilde mit einem leisen Seufzer. »Was dann?«
»Was dann? Dann läßt du dich von Ernst entführen,« lachte Sidonie.
»Um Gottes willen!« rief Richilde erschrocken.
»Sidonie weiß immer Rat,« lächelte Ernst. »Aber erst will ich einmal selber mein Heil bei der edlen Frau versuchen. Ich reite voraus, was mein Brauner laufen kann, und ihr drei folgt langsam nach, und wenn mir das Glück hold ist, so lasse ich den Türmer ein lustiges Stücklein von der Zinne herunterschmettern, daß ihr es schon von weitem hören sollt.«
»Still! wir werden belauscht,« rief plötzlich Hiltrud und deutete mit den Augen nach dem nahen Gebüsch hin.
Aller Blicke wandten sich der Stelle zu, wo sie eine hinter Sträuchern halb verborgene Gestalt entdeckten.Ernst sprang auf und eilte dahin, um der unliebsamen Störung nachzuforschen.
Da trat ihm zu seiner größten Überraschung Josephine entgegen.
»Josephine!« rief er unbedacht aus, verbesserte sich aber schnell, – »Joseph! wie kommst du hierher?«
Das Mädchen antwortete verlegen: »Ich suchte Euch, Junker Hans.«
»Und gerade hier?« frug er mißtrauisch.
»Ich sah Euch heute früh fortreiten und dachte mir wohl, welchen Weg Ihr einschlagen würdet.«
Als die drei Fräulein einen dunkelgekleideten Jüngling erblickten, mit dem sich Ernst in ein friedliches Gespräch einließ, kamen sie flink herzu, um sich den Ankömmling zu betrachten.
»Es ist mein Freund Joseph, Isaak Zachäus' Sohn,« erklärte ihnen Ernst. »Du kennst ihn schon, Sidonie. Er hat mich aufgesucht, wie er sagt, und scheint eine Botschaft an mich zu haben. Sprich, Joseph! was bringst du?«
»Einen Auftrag habe ich dazu nicht, Junker Ernst,« erwiderte sie, schon sicherer geworden, »aber ich glaubte, es würde Euch lieb sein, schnell zu erfahren, was sich begeben hat. Bei der Schmiedeschenke, von wo ich eben herkomme, hat ein Zweikampf zwischen Junker Hans und dem Ritter Bödigheim stattgefunden.«
»Ein Zweikampf? ein scharfer Zweikampf?« frug Ernst, und die drei Fräulein zeigten bestürzte Gesichter.
»Auf Leben und Tod.«
»Nun, und –?«
»Sie sind beide verwundet,« berichtete Josephine. »Junker Hans nicht gefährlich; er kann zu Pferde sitzen und nach Hause reiten. Ritter Bödigheim aber liegt schwer darnieder; das linke Schlüsselbein ist ihm durchgeschlagenund wahrscheinlich noch eine oder zwei Rippen. Mein Vater ist dort und hat ihn verbunden.«
»Ohm Hans einen Zweikampf mit Bödigheim! und davon hat er mir gestern kein Wort gesagt,« murmelte Ernst.
»Herr Engelhard von Hirschhorn und der Graf von Lauffen waren auch dort als Zeugen,« fuhr Josephine fort; »der Schmied nannte mir die Namen. Sie lassen einen Bauernwagen aus Neunkirchen holen, um den Schwerverwundeten fortzuschaffen. Mein Vater, der ja Arzt ist, soll ihn nach Burg Dauchstein geleiten und dort pflegen.«
»Ich muß gleich hin,« sprach Ernst erregt zu den Fräulein. »Den Besuch bei deiner Mutter mache ich morgen, spätestens übermorgen, sobald ich kann,« flüsterte er Richilde mit zärtlichem Blick und Händedruck zu, während sich Josephinens funkelnde Augen feindselig in deren Antlitz bohrten. »Komm Joseph!« und den anderen beiden freundlich zunickend schritt er mit Josephinen in den Wald hinein der Stelle zu, wo er sein Pferd angebunden hatte.
»Weißt du etwas über die Veranlassung zu dem Zweikampf?« frug er.
»Nein, gar nichts,« erwiderte Josephine. »Junker Hans kam gestern abend, unbemerkt von Euren Eltern, zu meinem Vater und gebot ihm, sich heute vormittag an der Schmiedeschenke einzufinden, wo man vielleicht seines ärztlichen Beistandes benötigt sein würde. Doch legte er ihm strengste Verschwiegenheit darüber auf. Mein Vater nahm mich mit, und ich durfte dem Kampfe zusehen; ach! es war schrecklich, wie sie aufeinander losschlugen. Als alles vorüber war, ging ich Euch nach, um Euch Botschaft zu bringen, denn mein Vater kehrte ja nicht mit mir nach Neckarsteinach zurück. Ich glaubte Euch auf der Minneburg, und den Weg kannte ich so ziemlich nach Eurer eigenen Beschreibung. Bald entdeckteich auch die frischen Hufspuren Eures Pferdes, denen ich folgte, bis ich Euch fand.«
Das war nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Nicht um Ernst Botschaft zu bringen, war Josephine diesen Weg gegangen, sondern um in der Nähe der Minneburg Ernst bei einem vermutlichen Stelldichein mit Richilde im Walde zu belauschen und diese endlich einmal mit eigenen Augen zu sehen, was ihr ja beides auch gelungen war.
Ernst, teils noch im Rausche seines Liebesglücks, teils in Sorge um seinen geliebten Oheim, dachte nicht daran, Josephine zu fragen, wie lange sie dort im Gebüsch gestanden, was sie alles gesehen und wieviel sie von seiner Unterhaltung mit den Fräulein aufgefangen hätte. Daran lag ihm auch nichts. Er hätte ihr rückhaltlos alles selber erzählt, wenn er jetzt in einer mitteilsameren Stimmung gewesen wäre. Bei seinem Pferde angekommen, schwang er sich in den Sattel und ritt schnell davon, um Hans nach dem siegreich bestandenen Kampfe sobald wie möglich wiederzusehen und sich von der Beschaffenheit seiner Verwundung zu überzeugen.
Nicht drei Minuten aber war Josephine allein, als sie wieder nahenden Hufschlag hörte. Ernst kam noch einmal zurück und rief, als er der darob Erstaunten ansichtig wurde, ihr von weitem zu: »Geh zu den Fräulein und sage ihnen, ich ließe sie bitten, Frau Juliane das heute Geschehene nicht mitzuteilen!«
Josephine nickte, und Ernst wandte sein Pferd und sprengte davon.
Sie hatte ihn wohl verstanden und wußte, was er mit dem heute Geschehenen meinte. »Aha!« dachte sie, »Frau Juliane soll's noch nicht erfahren, wahrscheinlich weil man ihren Einspruch dagegen fürchtet, mindestens einen Aufschub, den zu wünschen sie ja Grund genug hat, und der auch anderen Leuten durchaus nichtunwillkommen wäre. Drehen wir das Glücksrad einmal links herum! ich kann mich ja verhört haben.« Mit diesem Entschluß kam ihr noch ein anderer Gedanke. Die selber Eifersüchtige nahm sich vor, eine andere auf sich eifersüchtig zu machen, und was sie sonst vor aller Welt zu verbergen bestrebt war, wollte sie jetzt absichtlich enthüllen und dazu benutzen, Zweifel und Zwietracht zwischen zwei eben erst vereinigte Herzen zu säen.
Sie entledigte sich ihres langen Rockes, hängte ihn an einen Strauch und stand nun in der kurzen, anliegenden Tracht, die ihre jungfräulichen Körperformen zeigte und jedem weiblichen Auge auf den ersten Blick ihr wahres Geschlecht verraten mußte. So ging sie zu dem Platz an der Buche zurück, wo sie die drei Fräulein noch in lebhafter Unterhaltung antraf.
»Fräulein,« begann sie mit angenommener Schüchternheit, »Junker Ernst läßt Euch noch sagen, Ihr möchtet das heute Geschehene Frau Juliane mitteilen.«
Mit höchst verwunderten Augen starrten alle drei die ganz veränderte Gestalt an, und ein halbunterdrücktes Lachen bei der einen und eine leichte Verwirrung und ein schnelles Erröten bei den anderen sagte der heimlich Frohlockenden, daß sie ihre Absicht erreicht hatte.
Sidonie, immer noch mit Lachen kämpfend, nahm zuerst das Wort zur Erwiderung und sprach: »Wir danken Euch und werden dem Wunsche Junker Ernsts treulich nachkommen.«
Dieser Wunsch erschien den drei Freundinnen durchaus gerechtfertigt, denn was war natürlicher, als daß Ernst, selber verhindert, nun sie ersuchte, Frau Juliane die von Kindespflicht, Sitte und Höflichkeit gebotene Mitteilung zu machen!
»Habt Ihr sonst noch einen Auftrag an Junker Ernst?« frug Josephine, nur um ein Gespräch anzuknüpfen,in dem sie vielleicht Gelegenheit fände, sich ihrer Vertraulichkeit mit Ernst zu rühmen.
»Einen Auftrag an Junker Ernst nicht, aber wohl eine Frage an Euch,« sagte Sidonie. »Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so nannte Euch Junker Ernst, als Ihr ihm vorhin hier aus dem Gebüsch entgegentratet, zuerst Josephine und mich will bedünken, dieser Name käme Euch mit größerem Rechte zu, als der Name Joseph. Ist es so, oder irre ich mich?« frug sie, die volle schlanke Gestalt noch einmal von Kopf zu Füßen mit scharfem Blicke musternd.
»Ihr irrt Euch nicht; ich bin ein Mädchen,« sprach Josephine mit gesenkten Wimpern. Eine unwillkürliche Bewegung und ein leiser Ausruf des Erschreckens seitens der Fräulein war die nächste Folge dieses Geständnisses.
»Und Junker Ernst weiß das?« fuhr Hiltrud heraus.
»Er weiß es längst, aber sonst niemand außer ihm,« erwiderte Josephine. »Ihm allein habe ich mich rückhaltlos anvertraut, und ich bitte Euch inständig, edle Fräulein, es ihm nicht zu sagen, daß Ihr mich durchschaut habt.«
Da verging Sidonie die Lust zum Lachen. Es fiel ihr ein, daß Ernst, als sie ihm mit diesem sogenannten Joseph bei Neckarsteinach begegnet war, ihr erzählt hatte, er streifte mit ihm tagelang allein im Walde umher.
»Und er nannte sie seinen Freund!« flüsterte Hiltrud der neben ihr stehenden Freundin zu.
Richilde sprach kein Wort. Nicht daß schon irgendein Verdacht gegen den Geliebten in ihrer kindlich reinen Seele aufgestiegen wäre; aber ihr war doch beim Anblick dieses hübschen verkleideten Mädchens fast bang und traurig zumut, sie wußte selbst nicht warum.
Josephinens Erscheinung hatte allerdings in der jugendlich männlichen Tracht etwas unendlich Reizendesund Verführerisches, das selbst auf die jungen Mädchen seine Wirkung nicht verfehlte, zumal diese scheinbar nicht von einer ihres Geschlechts, sondern von einer blühenden Jünglingsgestalt ausging.
Und mit diesem verkleideten Mädchen schien Ernst, als alleiniger Mitwisser ihres Geheimnisses, auf sehr vertrautem Fuße zu stehen. Hatte er der berückenden Kraft des Zaubers widerstanden, der im Wesen dieses Mädchens lag? und würde er ihr auch auf die Dauer widerstehen, wenn er noch länger dem Einfluß desselben ausgesetzt bliebe?
So dachte die kluge Sidonie und sann darauf, diesen gefährlichen Zauber zu brechen.
»Warum tragt Ihr männliche Kleidung, Jungfer Josephine?« frug sie.
»Mein Vater verlangt es, und auf unseren beständigen Wanderfahrten geht es auch nicht anders,« erwiderte Josephine. »Aber da mir der lange Rock beim Gehen hinderlich ist, streife ich ihn ab, wenn ich mich vor Entdeckung sicher glaube. Als mir nun Junker Ernst jetzt die Bestellung an Euch auftrug, mit der ich eilen mußte, wenn ich Euch hier noch treffen wollte, nahm ich mir nicht die Zeit, mich wieder zu verhüllen, nicht bedenkend, daß ich mich Euch dadurch verraten könnte.«
»Hat Euch Junker Ernst schon so gesehen?«
»O ja!« lächelte sie, »er sieht mich so am liebsten, und sobald ich mit ihm allein bin, muß ich mich stets von dem Rocke befreien.«
Dabei warf sie einen beobachtenden Blick auf Richilde, in deren Zügen sie schadenfroh den Ausdruck von Unruhe und Unbehagen bemerkte. Richilde kehrte sich ab, um ihren Verdruß vor den Augen der sie unverschämt Dünkenden zu verbergen.
»Wie lange bleibt Ihr noch auf der Mittelburg?« frug Sidonie wieder.
»Wahrscheinlich noch lange Zeit,« erwiderte Josephine; »Herr Bligger will meinen Vater nicht aus seinen Diensten entlassen.«
»Dann tätet Ihr besser, Euch züchtig in weibliche Kleidung zu hüllen; auf der Mittelburg droht Eurer Tugend, wenn sie sonst echt ist, keine Gefahr,« sprach Hiltrud mit scharfer Betonung.
»O macht Euch um mich keine Sorge, Fräulein!« gab ihr Josephine spöttisch zur Antwort. »Ich stehe unter dem ritterlichen Schutze dessen, der mich seinen Freund nennt.«
Schnell wandte sich Richilde und warf ihr zornrot ins Gesicht: »Vergeßt nicht, daß Ihr eine Jüdin seid!«
Josephine biß zuckend die Lippen zusammen. Sie mußte dabei wieder an die Worte denken, die Ernst seinem Ohm Hans nach dem Schachspiel zugeflüstert hatte, und aus ihren dunklen Augen schoß ein Blick wie ein vergifteter Pfeil auf die Beleidigerin.
»Richilde! wozu das?!« tadelte Sidonie die Aufgeregte. »Kommt! Frau Juliane erwartet uns,« fuhr sie dann fort, und zu Josephine: »Lebt wohl! und sagt Junker Ernst, es würde geschehen, was er wünschte.«
»Ich danke Euch, Fräulein Sidonie!« sprach Josephine.
Hiltrud nickte ihr stumm, kaum merklich mit dem Kopfe zu; Richilde würdigte sie keines Abschiedsgrußes. So gingen die drei der Minneburg zu.
Josephine stand und blickte voll gärenden Hasses der Blonden nach. »Hochmütige, hüte dich vor mir!« murmelte sie zwischen den Zähnen. Dann schlug sie die entgegengesetzte Richtung ein, um auf dem kürzesten Wege nach Neckarsteinach zu kommen. Als sie ihren Rock wieder vom Strauche nahm, lachte sie: »Das war ein guter Gedanke, und er hat seine Schuldigkeit getan.«