Schweigend öffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das Miniaturbild einer Frau, noch schön, obwohl sich schon graue Fäden in das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und einem Leidenszug um den lächelnden Mund. »Das Bild meiner Mutter?«
»Das sagst du wie in Schreck? Daß ich deine Mutter liebte? Hast du das nie geahnt?«
»Und meine Mutter?« stammelte Heinz.
»Sie war mir gut. Ich glaube, sie wäre glücklich geworden an meiner Seite. Aber siewarglücklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir. Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehören wollte. Aus dir einenMann zu machen, frei, glücklich und stolz — mehr wollte sie nicht von ihrem Leben. Dafür konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer ihres Frauenherzens.— Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt haben?«
»Goni —«
»Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt habe, gibt es kein Wort mehr!« Sternfeldt legte die Hände auf Ettingens Schultern und sah ihm in die Augen. »Gute Nacht, Heinz!« Dann ging er.
Ettingen blieb in einer Erregung zurück, die ihn erschütterte bis ins innerste. Da weckte ihn ein Geräusch im anstoßenden Raum. Eine Furche grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tür des Schlafzimmers aufstieß, gewahrte er den Lakai, der das Bett für die Nachtruhe seines Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprühflakon durch das Zimmer ging, um ein schwül duftendes Parfüm in die Luft zu stäuben. »Was machen Sie da?« fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. »Ich habe Sie nicht gerufen.«
»Bitte, Durchlaucht«, stotterte Martin, »mein Dienst —«
»Dienst? Bei mir? Ich habe Grund zu vermuten, daß Sie im Dienst der Baronin Pranckha stehen. Fremde Dienerschaft will ich für meine Person nicht belästigen.Sie können gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst bei mir übernehmen.«
Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und während er aus dem Zimmer ging, riß Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte in den schwülen Raum und trieb, als die Tür geöffnet wurde, den süßen Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen Frackschöße in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit geballten Fäusten. Da sah er die kleine Französin aus dem Zimmer der Baronin treten und hörte sie noch sagen: »Je vous souhaite la bonne nuit, madame[1]!«
Lautlos huschte er auf das Mädchen zu: »Mam'zell Fifi?«
»Hein?«
Ob die Baronin noch zu sprechen wäre?
Für den guten treuen Martin? Gewiß.
Er pochte an die Tür.
»Entrez!«
Martin trat ein. Als er einige Minuten später das Zimmer wieder verließ, schien seine Sorge beschwichtigt. Er trug die Nase hoch und lächelte. Während er über die Treppe hinunterstieg, hörte er das kichernde Gezwitscher der Französin.
Sie stand mit Sensburgs Leibjäger im Hof. Der heitere Lärm, der von der Sennhütte heraufklang, reizte ihre Neugier. »Je veux voir ça, moi[2]!«
Zu diesem Wunsche zuckte Martin hoheitsvoll die Schultern. Der »Stall« dort unten wäre kein Aufenthalt für »feine Leute« — in »solche« Gesellschaft könnte man unmöglich gehen, ganz unmöglich.
Fifi verzog das hübsche Mäulchen und lachte. »Moi, ça m'est bien égal, qu'on puisse y aller ou pas y aller. Vous m'y conduiserez, n'est-ce pas, Jean[3]?«
»A votre service, mam'zelle!« erwiderte der Leibjäger galant und bot ihr den Arm.
Während Martin seine Stube aufsuchte, wanderten die beiden kichernd über das Almfeld hinunter.
Droben am Himmel schneuzte sich ein Stern, und gleich einer dünnen Feuerrute fuhr's über die Berge hin.
Fußnoten:[1]Ich wünsche der gnädigen Frau gute Nacht.[2]Das will ich sehen.[3]Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?
[1]Ich wünsche der gnädigen Frau gute Nacht.
[1]Ich wünsche der gnädigen Frau gute Nacht.
[2]Das will ich sehen.
[2]Das will ich sehen.
[3]Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?
[3]Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?
Einige Stunden früher.
Es dämmerte über dem Tal der Leutasch, und vom Kirchturm tönte der Abendsegen über die stillen Häuser hin und hinaus über die von zartem Nebel behauchten Wiesen. Auf der Straße lag schon die Ruhe des schläfrig gewordenen Tages. Nur ein paar junge Burschen stapften mit ihren qualmenden Pfeifen an den Zäunen entlang, manchmal nach einem Fenster spähend, hinter dem ein Licht brannte.
Da kam ein Jäger hastigen Ganges durch das Dorf herunter. Mazegger. Keuchend ging sein Atem, und in Unruh blickte er über die Straße aus. Sein Schritt verzögerte sich, je näher er dem Hause der Frau Petri kam. Um das Klappen seiner Schuhe verstummen zu machen, trat er in den mit Gras bewachsenen Straßengraben hinunter. Als er den Zaun des Hauses erreichte, das vom Duft seiner Blumen umflossen war, duckte er sich und schlich an der Holunderhecke hin, um eine Lücke zu finden, durch die er in den Garten blicken könnte.
Am Hause waren die Fenster der Wohnstube schon erleuchtet. Man sah durch die hellen Scheiben in den friedlichen Raum mit seinen Bildern und Geräten und sah, wie Frau Petri den Tisch deckte und die Tassen stellte.
Dunkler und dunkler sank die Dämmerung über Haus und Garten. Zwischen den Beeten klang die Stimme Los: »Zwei Kannen noch, dann wird's genug sein.«
Am Brunnen klapperte der Schwengel, das Wasser plätscherte, im Kiese knirschten die Schritte der Magd, und nun ließ sich das leise Brausen des über die Blumen fallenden Sprühregens vernehmen.
Dann war's still im Garten.
Während die Magd das Gerät und die Kannen in der Tenne verwahrte, machte Lo einen Rundgang um die Beete und durch den Obstgarten. In einem Sommerhäuschen, das dicht am Zaun auf einem kleinen Hügel stand, ließ sie sich nieder. Hier konnte sie über die dunklen Wiesen weit hinausblicken bis zur Waldscharte des Geißtals, über dem der Himmel mit seinem letzten Licht noch zwischen den schattenblauen Bergen leuchtete.
Da klang eine gepreßte Stimme über den Zaun: »Guten Abend, Fräulein!«
Lo sah über der gestutzten Holunderhecke das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen. Sie verließ das Sommerhäuschen. »Guten Abend!« sagte sie, wie man einen Fremden grüßt, und ging auf das Haus zu.
Der Pfad führte am Zaun entlang, und so konnte Mazegger über der Hecke draußen gleichen Schritt mit ihr halten.
»Aber eilig haben Sie's heut!« Der Jäger lachte. »Ich bin halt nicht der ander mit'm Krönl im Schnupftuch! Da tät sich's freilich rentieren, daß man stehenbleibt. Da hätt man Zeit eine ganze Nacht lang. Wie draußen beim Sebensee. Gelt, ja?«
Schweigend folgte Lo ihrem Weg.
»Ich komm von Tillfuß. Da sollten Sie doch ein bißl neugierig sein, was los ist bei Ihrem hochgeborenen Courschneider! Könnt sein, daß ich was zu erzählen hätt. Wirklich? Gar nicht neugierig?«
Er wartete auf Antwort. Vergebens.
Nun lachte er wieder, gallig und rauh. »Jetzt kommt er so bald wohl nimmer zum Sebensee! Jetzt hat er keine Zeit mehr — für Sie! Heut hat er Besuch bekommen. Und was für einen! Eine Baronin. Billiger tut er's nicht, wenn's ernst wird. Ich hab mir allweil gedacht, es gäb nichts Schöneres auf der Welt, als Sie sind. Aberdie! Aaah! Was die für ein Lachen hat! Und wie sie ihn frißt mit ihren sündschönen Augen! Da müßt der ägyptische Joseph drüber stolpern. Und Joseph istderdoch keiner! Gelt? Die vornehmen Herren, die halten's gern mit der Abwechslung. Heut Butterbrot und Sebenseeblümln, morgen wieder Salami mit Pfeffer.«
Lo hatte den Pfad verlassen. Quer durch die Wiese schritt sie auf das Haus zu. Was der Jäger ihr nachrief, verstand sie nicht mehr. Nur sein Lachen hörte sie noch. Als sie zur Haustür kam, mußte sie sich an die Mauer stützen. Diese Schwäche währte nicht lang. Ruhigen Schrittes trat sie ins Haus. Lichtschein fiel aus der Küche in den Flur und über die Bilder hin, welche die Mauer bedeckten.
Während Lo zur Stube ging, berührte sie eines der Bilder mit der Hand, als wäre das Trost und Kraft für sie: die Leinwand zu fühlen, auf der ein reiner und schöner Gedanke ihres Vaters Form und Farbe gewonnen.
Nun trat sie in das helle Zimmer, in dem Frau Petri noch mit dem Tisch beschäftigt war.
»Heut kommst du früher als sonst. Bist du draußen schon fertig?«
»Ja, Mutter. Mit allem.«
Beim Klang dieser Stimme blickte Frau Petri betroffen auf. Sie sah das weiße, vom Schmerz berührte Gesicht, die verstörten Augen, und fragte erschrocken: »Kind? Was hast du?«
»Nichts!«
»Das sagst du mir und kannst mich doch nicht ansehen dabei!« Vor Sorge zitterte die Stimme der alten Frau. »Kind?«
»Ich bin erschrocken. Draußen im Garten, dicht vor meinen Füßen, kroch eine Natter über den Weg.«
»Nein! Das hättemicherschrecken können. Nicht dich! Vor einem Tier zu erschrecken, das nur unschön ist, nicht gefährlich, das ist nicht deine Art. Sag mir, was du hast! Und sieh mich an!«
Ein Lächeln erzwingend, hob Lo die Augen.
»Kind! Ich fühle doch, daß es nur ein Gleichnis war, was du vorhin von der Natter sagtest. Draußen im Garten ist etwas geschehen, was dich kränkte. Das war so abscheulich, daß du es deiner Mutter nicht sagen magst. Ich kann mir's denken! Ein dummer oder böser Mensch wird ein Wort gesprochen haben, das etwas in dir verletzte, was dir lieb und heilig ist.«
»Ja, Mutter! Etwas, an das ich glaube, wie ich an den Vater glaube und an dich!«
»Gelt, ich hab's erraten?« Frau Petri atmete, als läge ihr ein Stein auf der Brust. »Schon die ganze Zeit her — und was mir gestern der Bub erzählte, vom Jagdhaus — Kind, ich bitte dich, diese Sorge mußt du mir ausreden! Gelt, nein? Es ist nicht so, wie ich fürchte? Wenn ich recht hätte mit meiner Sorge, das wäre ein Unglück für dich und für uns alle!— Kind?«
Lo wollte sprechen und brachte kein Wort über die Lippen. Auf die Holzbank niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.
Schweigend setzte Frau Petri sich an die Seite ihres Kindes, nahm die Weinende in den Arm und streichelte ihr das Haar.
Noch ehe Frau Petri sprechen konnte, hatte Lo ihre Fassung wiedergefunden. Sie trocknete die Augen, und nur noch ein schmerzliches Lächeln irrte um ihren Mund, als sie ruhig sagte: »Mutter! Wir müssen fort von hier.«
»Fort?«
»Ja. Weil ich ihn liebe.«
»Ach, Gott!« stammelte die alte Frau. »Was ist über mich schon alles gekommen! Und jetzt auch das noch! Mein Kind muß ich leiden sehen und kann ihm nicht helfen. So ein Unglück!«
»Nein, Mutter!« Lolos Augen leuchteten in stillem Glanz. »Was ich fühle, ist das Herrlichste eines Menschenherzens. Es wird mein Leben erfüllen wie die Sonne einen klaren Tag. Ist Liebe weniger schön und reich, weil sie nicht hoffen darf? Kein Unglück, nein! Was ich fühle, ist Glück. Nur Zeit mußt du mir vergönnen, um mich wiederzufinden, um so stark und mutig zu werden, daß ich ihm ruhig begegnen und verbergen kann, was in mir brennt. Nur deshalb will ich fort. Ein paar Wochen. Ich bitte dich, Mutter, tu mir das zuliebe!«
»Ja, Kind! Alles, was du willst. Und wohin möchtest du?«
»Das war immer eine Sehnsucht in mir: Vaters Heimat kennenzulernen, das Haus sehen, in dem er geboren wurde.«
»Ja! Da reisen wir hin.«
»Und dann, Mutter, gehen wir nach München.«
»München?« Vor den Augen der alten Frau erwachte bei diesem Wort das Bild ihrer bittersten Lebensjahre. Wie scheue Abwehr klang es aus ihrer Stimme: »Kind?«
»Das müssen wir, Mutter! Was wir über Vater erfuhren, hat eine Pflicht auf uns gelegt. Die Welt soll die Schätze sehen, die unser Haus umschließt, und soll lieben lernen, was Vater unter diesem Dach geschaffen hat. Deshalb müssen wir nach München.«
»Ich seh es ein. Das sind wir seinem Namen schuldig. Aber — Ach, Lo! Wieder hinein in den alten Kampf und in die neue Sorge! Und es war so friedlich hier! Bei unserem Erinnern und bei seinen Blumen!«
Lo legte den Arm um den Hals der Mutter. »So wird es auch bleiben, immer! Wenn wir heimkehren, werden wir nur reicher sein um eine Freude.«
»Gott soll's geben!« Frau Petri seufzte; ihr Herz wurde nicht leichter. Sie hatte es verlernt, an die Hoffnung zu glauben. Als nach allem Kampf der früheren Jahre die Ruhe gekommen war, hatte sie diesen Frieden nicht recht genießen können, weil sie immer fürchten mußte: er wird nicht dauern. Hatte sie nicht recht gehabt mit dieser Furcht? Noch war die Trauer um ihren Mann nicht still geworden. Und da kam nun das wieder! Der hoffnungslose Schmerz ihres Kindes! Und was würdedannkommen? Was stand ihr noch alles bevor an Leid und Weh? »Ach, ja!« Die Hände fielen ihr schwer in den Schoß. »Wann willst du reisen?«
»Sobald der Bub wieder wohl ist. Und morgen will ich hinausreiten zum See, nur über die Nacht, um da draußen alles in Ordnung zu bringen für den Winter. Auch dürfen wir die Blumen in den heißen Sommerwochen nicht ohne Pflege lassen. Ich will den Sebener Senn ersuchen, daß er die Arbeit übernimmt.«
»Ja, das mußt du tun! Seine Blumen — das war sein letztes Wort — die dürfen nicht leiden.«
Nun schwiegen sie, als wäre alles zu Ende gesprochen.
»Noch eines, Mutter!« Lolos Wangen färbten sich. »Der Fürst —« Ihre Stimme schwankte bei diesem Wort. »Die Freude, die er uns brachte mit dieser Nachricht — das müssen wir ihm danken! Ich meine, wir sollten ihm eines von unseren Bildern schicken. Als Erinnerung an den Vater. Und an alles andere.« Ein mildes Lächeln verschönte ihren Mund. »Meinst du nicht auch?«
»Wenn du willst. Welches meinst du?«
Da rief die Magd in die Stube herein: »Ich bitt, der Gusterl gibt kei' Ruh nimmer: 's Fräuln soll kommen!«
Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. »Sei ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!« Sie verließ die Stube. Erst ordnete sie noch in der Küche die Teeplatte und sagte zu dem Mädchen: »Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon so lange warten müssen.«
Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoßenden Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf — mit der weißen Marmorsäuledes jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen an den unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren. »Das soll er haben!« Zitternd, in einem Sturm von Empfinden, nahm Lo das Bild von der Wand und küßte die Stirn des schönen Gottes.
Da klang die Stimme des Bruders: »Lo? Was machst du da draußen? Komm doch zu mir!«
Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.
Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, saß Gustl in den Kissen. »Lo, jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.«
Sie trat zum Bett. »Morgen? Nein, Bubi, morgen mußt du noch liegenbleiben.«
»Also übermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch eingeladen. Übrigens, weißt du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib acht, Lo, morgen kommt er.«
Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen möchte, ging sie zum Fenster, das noch offenstand.
Verwundert sah Gustl zu ihr auf. »Aber Lo?«
»Ich will das Fenster schließen, die Nacht wird kühl —«
Ihre Stimme erlosch — draußen über der Hecke sah sie einen Menschen stehen, regungslos in dem trüben Dunkel. Ruhig schloß sie das Fenster und zog die Gardinen vor.
Der auf der Straße draußen lachte leis. Dann schritt er durch das finstere Dorf, dem Geißtal entgegen.
Es ging auf elf Uhr, als Mazegger die Tillfußer Alm erreichte. Zitherklang, Gesang und Lachen tönten aus der Sennhütte. Das Jagdhaus stand noch mit hellerleuchteten Fenstern, nur das Speisezimmer war dunkel. Und im Försterhäuschen wurde just die Lampe ausgeblasen.
Während Mazegger an der Sennhütte vorüberging, warf er einen gleichgültigen Blick in die offene Tür, durch die es herausquoll wie roter Feuerdampf.
Zigarrenrauch und Staub, den die tanzlustigen Paare aufgewirbelt hatten, erfüllten den großen Raum. Ein festes Feuer flackerte auf dem Herd, und über dem dichtbesetzten Tisch, in einem Mauerring, brannte eine Kienfackel. Einer der jungen Touristen spielte mit wenig Kunst, aber mit vielem Eifer die Zither, die anderen sangen und tranken, schwatzten und lachten. Nur die Wirtin hielt sich abseits von dem fidelen Spektakel. Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen stand Burgi neben dem Herd und warf ein Scheit ums andere ins Feuer, als gält es eine Höllenlohe für eine dem Bratspieß verfallene Sünderseele anzuschüren. Sie trat nur zum Tisch,wenn sie ein leergewordenes Glas wieder zu füllen hatte. Und dann mußte sie in den Keller hinunter, wo das Fäßlein mit dem roten Spezial schon bedenklich hohl erklang. Was ihre gallige Laune am meisten zu reizen schien, das war, daß sie den Weg in den Keller besonders häufig für den Praxmaler-Pepperl machen mußte. Der schien den Schwur der Nüchternheit, den er beim Sebensee seinem Jagdherrn geleistet hatte, völlig vergessen zu haben. Zwei Liter hatte er schon hinuntergegossen in seine aufgeregte Seele, und jetzt eben schrie er zum neuntenmal: »He, Sennerin!Nocha Viertele!«
Abgewandten Gesichtes stellte ihm Burgi den frischgefüllten Schoppen hin. Während sie zum Herd ging, warf sie einen Wutblick über die Schulter. Nicht auf den Praxmaler-Pepperl. Die Zornglut dieses Blickes galt der kleinen Französin, deren lustiges Lachgezwitscher die Stimmen der anderen übertönte.
Zwischen Pepperl und Mam'zelle Fifi hatte sich die ungenierteste Freundschaft im Verlauf einer Stunde so heiß entwickelt wie Dampf aus kochendem Wasser. Als die kleine Französin am Arm des Leibjägers die Sennhütte betreten hatte, war Pepperl mit finster brütenden Augen in einem Winkel gesessen und hatte sich gegen Fifis ersten Annäherungsversuch so unzugänglich verhalten wie ein junges Fohlen, dem man zum erstenmal das Geschirr um den Hals legen will. Aber war es die Wirkung des Weines, den er als reichlichenSeelentrost in sich hineingoß, oder war's ein spöttisches Lächeln der Sennerin, ein bissiges Wort, das Burgi einem der Touristen über die Französin gerade so laut noch zuflüsterte, daß Pepperl es hören mußte — irgend etwas hatte unter seinen Kreuzerschneckerln plötzlich einen psychologischen Wettersturz hervorgerufen. Aus einem griesgrämigen Leimsieder hatte er sich in einen krakeelenden Don Juan verwandelt, dessen Schmeicheleien die kleine Französin in um so größere Begeisterung versetzten, je derber sie ausfielen. Dieservrai tyrolien, dieser type de la race gefiel ihr immer besser mit jeder Minute. Sie ließ es, um ihn in Feuer zu bringen, an Aufmunterung nicht fehlen. Und Pepperl war nicht dumm. Wenn sie ihm einen kleinen Finger reichte, nahm er gleich die ganze Hand, zum Gaudium der Französin und der ganzen lustigen Gesellschaft, die Sennerin ausgenommen. An diesem »Flirt« — wie Jean der Verschnürte die koketten Manöver Fifis mit Weltbildung bezeichnete — beteiligten sich alle Mitglieder der Tafelrunde und spielten mit wie die Zuschauer bei einer Hanswurstiade. Da Fifi kaum ein paar deutsche Worte und Pepperl kein Französisch verstand, mußte bald der Leibjäger, bald einer der jungen Touristen den Dolmetsch abgeben, wobei die drastischen Komplimente, die Pepperl der Französin machte, mit lautem Hallo bei der Übersetzung noch übertrieben wurden. Als Pepperl in seiner schwelenden Weinlaune beteuerte: »Die gfalltmir, die mag ich!« — begnügte sich Fifi nicht mit der Übersetzung.
»Moi, je veux, qu'il me dise cela en français!«
»Was hat's gesagt?« fragte Pepperl.
Einer der Touristen übersetzte: »Sie will, du sollst ihr auf französisch sagen, daß sie dir gefällt!«
»So?« Pepperl studierte eine Weile. »Wie tät's denn heißen auf franzeesisch, wann ich ebba sagen möcht: Du bist sauber, dich hab ich gern?«
Unter Gelächter sagte man's dem Praxmaler-Pepperl ein paarmal vor: »Vous êtes très belle! Je vous aime!«
Und Pepperl plapperte: »Wussed treppel, schö wussem!«
Fifi klatschte vor Wonne in die Hände und zwitscherte ihr höchstes Lachen. Die Bewunderung, die sie für diesen superbe colosse empfand, fing an ins bedenkliche zu wachsen. Alles an ihm gefiel ihr, aber ihr ganz besonderes Entzücken erregten seine Kreuzerschneckerln. »Regardez, Jean, quels jolis cheveux il a! Ils ont l'air de s'amuser beaucoup[1]!« Als müßte sie dem Wohlgefallen, das sie an diesen »vergnügten« Haaren fand, noch deutlicher Ausdruck geben, sprang sie auf, faßte den Praxmaler-Pepperl über den Tisch hinüber am Kopf und wühlte mit ihren winzigen Spinnenhänden in diesem Wust von blonden Ringeln wie ein Geiziger in seinem Gold.
Alles lachte. Nur drüben am Herd empörte sich die Sennerin. »So an ausgschamts Frauenzimmer!« Ein Scheit flog ins Feuer, daß die Funken aufstoben.
»Comme il me plait! Ah! Ah! Qu'il me plait bien!« zwitscherte Fifi. »Mais! Mais! Attention[2]!« Gestikulierend suchte sie das Gelächter der anderen zu beschwichtigen. »Je veux lui dire ça en allemand! Comment cela se dit-il en tyrolien: tu me plais, tu es un joli garçon, toi?«
»Ruhe! Jetzt will sie deutsch mit ihm reden!« verkündete der Dolmetsch. »Sie will wissen, wie das auf tirolerisch heißt: du bist ein hübscher Junge, ganz nach meinem Geschmack!— Das muß ihr echt gesagt werden, ganz echt!« Unter fideler Spannung der Tafelrunde sprach ihr einer der Touristen im breitesten Tirolerdialekt den Satz vor: »Du gfollscht ma, bischt a liaba Bua!« Fifi versuchte die bleischweren Laute nachzuschwatzen. Was auf ihrem leichten Zünglein daraus wurde, das hörte sich so drollig an, daß die ganze Gesellschaft in Gelächter ausbrach. Sogar die Sennerin lachte; aber das war ein Lachen, so grell wie der Klang einer springenden Saite.
Den Praxmaler-Pepperl schien diese Liebeserklärung der Französin — oder etwas anderes — um den letzten Rest seiner Zurückhaltung gebracht zu haben. Er stieß einen gellenden Jauchzer aus, griff mit beiden Armen zu, und wie man einen Knödel aus der Suppe sticht, hob er das kleine Persönchen über den Tisch herüber an seine Seite. »So, jetzt spielen S' ein' auf, an rassigen!« schrie er dem Zitherspieler zu. »Jetzt wird einer tanzt mit meiner Franzeesin! A gsunder!« Wieder jauchzte er und schwang sein Hütl dazu.
Mit schwirrenden Klängen fiel die Zither ein. Zwei der jungen Touristen faßten die beiden als Dirndln kostümierten Mädchen um die Hüfte, und Jean, der nicht leer ausgehen wollte, machte den Versuch, die Sennerin zum Tanz zu holen. Wortlos drehte ihm Burgi den Rücken, während Pepperl dem Verschnürten mit höhnischer Freude zurief: »Sie! Die lassen S' in Ruh! Die is der Rühr-mi-net-an! Die hat an Heimlichen. Wann s' an andern anschaut, wird er wild, der Heimliche, und sie därf ihm die schecketen Jagdküh nimmer melchen. Juhuuu!« Das war ein Jauchzer, dessen scharfer Klang wie ein Dolch in alle Ohren fuhr. Mit einem Luftsprung, wie ein Tollgewordener, trat Pepperl an der Hand seiner »Franzeesin« zum Schuhplattler an.
Burgi stand bleich am Herd und starrte ins Feuer.
Auch Fifis Gezwitscher war verstummt, und einen Augenblick schien es, als bekäme sie Angst vor diesemsuperbe colosse, der ihre Hand umklammert hielt wiemit eisernem Schraubstock und das kleine Persönchen im Kreise wirbelte, daß die Röcke flogen wie ein sausendes Rad. Dann lachte sie wieder, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an, und flink hatte sie es den beiden anderen Mädchen abgeguckt, wie sie sich, mit den Händen die Röcke niederhaltend, vor ihrem Tänzer drehen, wiegen und wenden mußte, um den Sinn dieses urwüchsigen Naturtanzes zum Ausdruck zu bringen: das Entfliehen und Sichhaschenlassen, das Versagen und Gewähren einer Gunst, um die der Tänzer wirbt.
Mit einem Jauchzer, daß die Stubendecke dröhnte, umkreiste Pepperl die sich wirbelnde Tänzerin und begann ein Schlagen und Springen, ein Blasen und »Schnackeln« wie ein liebes-und frühlingstrunkener Spielhahn. Er »plattelte«, als wollte er seine Schenkel und Schuhe zu Scherben klopfen, schlug Räder und Purzelbäume, schnellte im Aufsprung die Fußspitze bis zur Stubendecke und schwang, als die Zither schwieg, mit gellendem Juhschrei seine Tänzerin durch die Luft wie eine Feder.
Die beiden anderen Paare, auch Jean und der Zitherspieler, schrien Bravo und applaudierten. Und Fifi, als sie mit den zappelnden Füßen wieder zu Boden kam, sah glühend und staunend an ihrem Tänzer hinauf und pisperte mit ihrem atemlosen Stimmchen: »Bigre, tu as de la race, toi[3]!« Mit beiden Händen haschte sie ihn am Schnurrbart, zog ihn zu sich nieder, hob sich auf die Fußspitzen und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. Dann huschte sie kichernd zur Stube hinaus.
Die Touristen machten dazu einen fidelen Spektakel, während Jean der kleinen Französin mit der Bemerkung folgte: »Elle est folle, vraiment[4]!« Er fand sie draußen, wie sie vor Lachen kaum Atem und Wort hatte. Und als sie sich in seinen Arm einhängte, um sich zum Jagdhaus hinaufführen zu lassen, meinte sie: »C'était la vraie bêtise de campagne, ça[5]!«
Auch Pepperl lachte. Aber es schien, als wäre ihm dabei nicht besonders wohl zumute. Sein Gesicht brannte wie Feuer. Er mußte sich abkühlen und schrie der Wirtin zum »Verirrten Lampl« mit heiserer Stimme zu: »He, Sennerin,nocha Viertele!«
Wortlos nahm Burgi das Glas vom Tisch und ging in den Keller. Schwer seufzend öffnete sie den Hahn am Faß, und während das dünne rote Brünnlein niederplätscherte in das Glas, tröpfelten ihr die dicken Zähren über die Wangen — und eine dieser Tränen fiel in den Rotwein. Wie in Wut über sich selbst, fuhr sie mit der Faust über die Augen und biß die Zähne übereinander.
Als sie hinaufkam in die Stube, packte der Zitherspieler sein Instrument in den Rucksack, und die jungen Leute, denen der Wein in den Köpfen wirbelte, schickten sich an, ihr Nachtlager auf dem Heu zu suchen. Unter Späßen, die der späten Stunde entsprachen, sagten sie der schweigsamen Sennerin gute Nacht, stiegen mit Schwatzen und Gekicher über eine Leiter zum Heuboden hinauf und ließen an der Stubendecke die Klappe hinter sich zufallen.
Burgi und Pepperl waren allein.
Über ihren Köpfen pumperte die Decke, und man hörte gedämpft die lachenden Stimmen der Heugäste, die es mit Schlaf und Ruhe nicht eilig hatten.
Unter schwülem Schweigen räumte Burgi den Tisch ab, so daß nur das letzte »Viertele« des Praxmaler-Pepperl noch stehenblieb. Der suchte mit zitternden Händen aus seinem schweinsledernen Ziehbeutel das Geld für die zehn Schoppen heraus und legte die Münzen schön geordnet in Reih und Glied auf den Tisch. »So! Da is mei' Schuldigkeit!« Er packte das Glas und stürzte den Wein hinunter — das ganze »Viertele« mitsamt der bitteren Träne war nur ein einziger Schluck. Dann stülpte er den Hut über die Kreuzerschneckerln, blies die heißen Backen auf, und ohne die Sennerin eines Blickes zu würdigen, wollte er zur Tür.
Wie die strafende Gerechtigkeit den Verbrecher faßt, mit so jähem Sprung verlegte ihm Burgi den Weg.
Pepperl wurde bleich. Während die zwei so voreinander standen, sich messend mit finsterem Blick, schienensie alle beide zu ahnen, daß es jetzt ein Unglück geben würde.
Vor Aufregung klang die Stimme des Mädels ganz verändert: »Wart a bißl, du Moralischer, du! Mit dir muß ich was reden!«
»Du? Mit mir?«
»Ja! Ich! Mit dir!«
»Haha!« Pepperl versuchte von oben herab einen Ton anzuschlagen, der ihm nicht gelang. »Wir zwei haben ausgredt mitanand! Und wann schon meinst, du mußt mir was sagen, so such dir an anders Stündl aus! Heut weiß ich mir was Bessers.« Stolz machte er einen Schritt zur Tür.
Burgi war flinker und stieß den Riegel vor. »So! Jetzt probier, ob d' aussi kommst!«
Das ging dem Praxmaler-Pepperl über die geduldige Leber. Er bekam ein zornrotes Gesicht. »Du! Solchene Sachen verbitt ich mir!« Auch fand er gleich für diesen Gewaltstreich das richtige Advokatenwort: »Die perseenliche Freiheit laß ich mir net beschränken!«
»Ghören tät's dir, daß man dich einsperrt!« fiel Burgi mit heißer Erregung ein. »So einer, wie du bist, sollt net freilings umanandlaufen därfen! Dir ghöret a Halsbandl, dir!«
»Natürlich, mit eim Schnürl dran! Daß du mich führen könntst! Aber gelt, mich laß in Ruh! Führ dudein Schwarzlackierten spazieren! Den mit die seidenen Höserln!«
»Du! Du!« Sie ballte die Fäuste und brachte nur mühsam die Worte heraus. »Über den sagst mir nix mehr! Du!«
»Dir sag ich noch viel!«
»Meinetwegen, ja! Aber gelt, mit deiner Tugendhäftigkeit kannst mich auslassen, du! Und mit die Gomorringer! Wanndieausrucken, bist du als Korporal dabei!«
»Leicht awanzier ich gar noch zum Leutnant!«
»Da hast recht! Du bringst es noch weit! Heut hab ich dich ausstudiert, du scheinheiligs Brüderl, du! Denn so, wie du heut, hat sich net bald einer aufgführt!«
»Ich hab halt was glernt von dir!« erklärte Pepperl höhnisch. »Schlechte Beispieler verderben gute Sitten!«
»Verderben? So? Verderben?« keuchte Burgi, als hätte ihr dieses Argument einen Stoß ins Leben versetzt. »An dir is viel zum Verderben? Meinst? Du bist ja in der besten Schul, beider! So eine, freilich, die wachst net bei uns. Die muß extra aus Frankreich kommen! Wie'sdieversteht! Ah! Pfui Teufi! Net amal Deutsch kann s', die!«
»Ihr Bussel hab ich ganz gut verstanden.«
»So? Hast es verstanden?« höhnte Burgi, während ihr die Tränen in die Augen sprangen. »Gutverstanden? So?«
»Ja! Und sie haben was Extrigs, die franzeesischen Busserln. Da muß ich schauen heut, daß ichnocheins derwisch. Drum geh von der Tür weg, sag ich!«
»So? Tätst aussi mögen?« Sie machte die Ellbogen breit, um den Riegel zu decken. »Fensterln? Bei der? Dös tät dir halt taugen, dir? Gelt?«
»Und wie! Es taugt ja dir auch net schlecht, wann der ander kommt: Main scheenes Gindd!«
»Und du: Schö wussem, schö wussem!«
»Schö wussem, ja«, schrie Pepperl, »schö wussem! Noch tausendmal sag ich's ihr heut!« Er machte einen drohenden Schritt. »Von der Tür weg!«
»Ich mag net! Na!« Und während ihre Augen immer größer wurden, stemmte sie sich mit dem Rücken gegen die Bretter.
»Gehst weg oder net?«
Sie starrte ihn an, regungslos, mit einem Gesicht, das wie versteinert schien.
Je bleicher sie wurde, desto dunkler stieg dem Praxmaler-Pepperl das Blut unter die Kreuzerschneckerln. »Gehst weg oder net? Ich frag zum letztenmal.«
Sie rührte sich nicht.
Da riß ihm die Geduld. Er machte einen Sprung zur Tür und versuchte Burgi mit der Schulter beiseitezuschieben. Sie klammerte sich an den Riegel, als hinge ihre Seligkeit an diesem Stücklein Holz.Pepperl schob und drückte, bis er den Riegel zur Hälfte frei bekam. Nun riß er ihn auf, und schon klaffte die Tür um einen handbreiten Spalt. Als gält es jetzt einen Kampf auf Leben und Tod, so warf sich Burgi dem Feind entgegen, packte ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an der Kehle und versuchte ihn mit verzweifelter Kraft von der Tür wegzureißen. Und wirklich, Pepperl war von diesem jähen Überfall so völlig überrascht, daß er schon bis in die Mitte der Stube gestoßen war, bevor er noch recht an Widerstand denken konnte. Jetzt erwachte die Wut in ihm. Mit Zucken und Zerren versuchte er sich freizumachen und wurde grob. Doch Burgi hielt ihn mit den Armen umklammert, ihre letzte Kraft erschöpfend, und ließ nicht los. Da begannen sie ein Ringen, wortlos und keuchend. Bei diesem Ringen krümmten und wanden sie sich, Leib an Leib gewachsen, als wären sie nur ein einziger Körper. Dann plötzlich, wie von einem Zauber gelähmt, standen sie regungslos, alle beide. Sie hielten einander mit den Armen noch umschlungen wie im Ringen. Aber sie sahen sich an, erschrocken und bleich, Aug in Auge. Was sie sagen wollten, wurde ein Lallen — und eines schloß dem anderen die Lippen mit dürstendem Kuß.
Die Stubendecke pumperte über ihren Köpfen, und eine Lachsalve nach der anderen prasselte dort oben im Heu.
Die beiden hörten es nicht. Sie waren auf die Herdbank niedergesunken, hielten sich umklammert und wurden nicht satt von ihren Küssen.
Ein schwüles Aufatmen. »Pepperl —«
»Was, Schatzl?«
»Neulich hat er mich busseln wollen. Da hab ich ihm eine runterliniert.«
»Geh? Is wahr?« Dieses Bekenntnis rührte ihn; sie hätte ihm ihre Liebe nicht besser beweisen können als durch das »Zähntweh« des Kammerdieners. »So a guts Madl, wiedubist! So was gibt's nimmer auf der Welt! Und dös einschichtige Busserl von der andern? Gelt, dös tust mir net verübeln?«
»Aber gwiß net! Wir müssen froh sein, daß 's bloß an einzigs war! Undsiehat's jadirgeben. Da kannst jadunix dafür!«
Dankbar zog er sie auf seinen Schoß, und nun waren sie wieder schweigsam.
Auf dem Heuboden schien der übermütigen Gesellschaft allmählich der Schlaf zu kommen. Nur ein paarmal hörte man noch ein leises Gekicher.
Die beiden auf der Herdbank rührten sich nicht — sie seufzten nur manchmal, heiß und tief.
Kleiner und kleiner wurde das Feuer auf dem Herd. Bevor es in Glut versank, belebte sich knisternd noch eine letzte Flamme und leuchtete rot.
Die Kienfackel an der Wand war schon erloschen;es glostete nur der Stumpf noch ein bißchen, und stille Funken, gleich winzigen Sternchen, fielen von ihm zu Boden.
Fußnoten:[1]Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.[2]Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung jetzt![3]Teufel, Kerl, du hast Rasse, du![4]Die ist verrückt, weiß Gott![5]Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die Sommerfrische.
[1]Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.
[1]Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.
[2]Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung jetzt!
[2]Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung jetzt!
[3]Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!
[3]Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!
[4]Die ist verrückt, weiß Gott!
[4]Die ist verrückt, weiß Gott!
[5]Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die Sommerfrische.
[5]Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die Sommerfrische.
Mitternacht war vorüber.
Dunkel und verschwiegen, mit flimmernden Himmelslichtern, um die sich dünne Nebelschleier zu ziehen begannen, lag die Nacht über dem Tillfußer Almfeld, über Haus und Hütten. Nur manchmal rasselte leis die Glocke eines Rindes. Und wie ein schwermütiges Lied in weiter Ferne, so sang der Wildbach im Tal.
Am Jagdhaus waren zwei Fenster noch erleuchtet, und eines von ihnen stand offen. Die Fenster am Wohnzimmer des Fürsten.
Zwei Augen spähten durch die Nacht zu diesen hellen Fenstern hinauf. Angedrückt an die schwarze Holzwand der Jägerhütte, saß Mazegger auf der Erde und hielt mit den Armen die Knie umschlungen.
Einmal hörte er Schritte dort oben, als ginge der Fürst im Zimmer auf und nieder. Dann war's wieder still.
Nun flackerte an einem dritten Fenster ein Schein auf, nur matt, als würde ein Licht vorübergetragen.
Mazegger stieß die Schuhe von den Füßen, huschteüber den Weg hinauf und duckte sich hinter den Hofzaun, dicht, unter dem offenen Fenster.
Droben war eine Tür gegangen.
Und jetzt die ruhige Stimme des Fürsten. »Baronin? Wollen Sie wieder zur Bühne gehen? Studieren Sie die Rolle der Lady Macbeth?«
Ein heiteres Lachen. »Sie noch auf? Das ist eine Überraschung. Hätt ich das ahnen können, so hätt ich meine schlaflose Langweile geduldig ertragen, ohne Sie zu stören. Aber der Band Maupassant, den Martin für mich aussuchte, war zu Ende gelesen, ich wollte einen neuen haben, und da der Bücherschrank in diesem Zimmer steht — was blieb mir übrig?«
»Bitte —«
»Nein!« Wieder jenes feine Lachen. »Jetzt kein Buch! Da Sie noch auf sind, sollen Sie mir Gesellschaft leisten, bis mir der Schlaf kommt. Sie sind ohnehin der Schuldige, dem ich diese schlaflose Nacht verdanke. Ja! Aber wollen Sie mir nicht eine Zigarette geben?«
Eine kleine Weile war Stille.
»Danke!— Sie sind müde, Fürst?«
»Ich? Nein!«
»Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben?«
»Sie irren sich, Baronin.«
»Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut.Aber wie können Sie nur in dieser kühlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!«
Baronin Pranckha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im Schatten, doch die halb entblößten Schultern und die von durchsichtigen Spitzen kaum verhüllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien umzogen.
Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schloß. Dann verschwand sie wieder. Jetzt hörte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war kein Wort mehr verständlich.
Lautlos, geschmeidig wie eine Katze, kletterte Mazegger am Flaggenmast hinauf und kam so hoch, daß er einen Blick in das Fenster werfen konnte. Er sah ein ruhiges Bild, sah einen Teil des Zimmers mit dem Schreibtisch, auf dem die Lampe stand. Ettingen kehrte dem Fenster den Rücken, und ihm gegenüber ruhte die schöne Frau in einem Fauteuil, von weißen Spitzen umflossen; ihr Haar, das im Schein der Lampe flimmerte wie rotes Metall, umringelte die schneeigen Schultern und zitterte wie Goldgespinst bei jeder leisen Bewegung des Kopfes; die eine Hand lag mit nervösem Spiel auf der Kante des Schreibtisches, in der anderen hielt sie die brennende Zigarette; so plauderte sie, bald ernst, bald wieder lächelnd. Und plötzlich legte sie die Zigarette fort. Halb sich aufrichtend, sah sie dem Fürsten ins Gesicht. Sie sagte nur ein Wort, ein einziges, kurzes Wort.Ob es sein Name war? Der Fürst erhob sich. Nun konnte Mazegger sein Gesicht sehen. Es war hart und ernst.
Hastig ließ Mazegger sich über die Stange hinuntergleiten, huschte zum Haus hinüber und legte das Ohr an die Mauer. Er hörte nur ein verworrenes Geräusch der Stimmen. Aber wie erregt diese beiden Stimmen klangen! Wie Rede und Gegenrede kurz und heftig aufeinander folgten! Nun lautlose Stille. Dann sprach der Fürst allein, fast immer allein. Nur selten unterbrach ihn die andere Stimme. Jetzt wieder Schweigen, dem ein nervöses Lachen folgte. Der Fürst blieb stumm. Nur diese Frauenstimme klang. Wieviel sie zu erzählen und zu erklären hatte! Das währte eine Stunde und länger noch. Und immer wechselte diese Stimme im Ton. Bald klang sie wie in ersticktem Zorn, bald wieder flog sie in leidenschaftlicher Hast, dann stockte sie und verwirrte sich, wurde leis und schmeichelnd. Jetzt sprach der Fürst, ruhig, nur wenige Worte, die ein gepreßter Schrei übertönte. Ein Stuhl wurde gerückt, Schritte klangen, durch den Lichtschein des Fensters glitt ein Schatten. Nun ein Stammeln und Flehen, ein Ton, der dem lauschenden Jäger alle Sinne schauern machte. Dumpfe Stille. Dann ein jähes Auflachen, herb und mißtönig, das Geräusch einer Tür und wieder das Schweigen. Klirrend wurde droben das Fenster aufgerissen.
Mazegger drückte sich regungslos an die Mauer.Im Lichtschein, der übers Almfeld hinausfiel, sah er den Schatten des Fürsten. Und deutlich hörte er den tiefen Atemzug, mit dem der Einsame dort oben die frische Bergluft trank wie eine köstliche Erquickung.
Der Schatten im Fensterlicht verschwand. Man hörte den Schritt des Fürsten, der im Zimmer auf und nieder ging. Ein Stuhl wurde gerückt. Und dann war's still.
Noch lange stand Mazegger in der Nacht und spähte zu dem hellen Fenster hinauf. Kein Laut mehr. Aber auch die Lampe erlosch nicht. Wie zerbrochen an allen Gliedern taumelte der Jäger zu seiner Hütte hinunter, nahm die Schuhe vom Boden auf und trat in die Stube. Er machte Licht und sah nach der Uhr. Drei Uhr vorüber. In einer halben Stunde mußte der Tag beginnen.
Immer mit der Uhr in der Hand, stand Mazegger am Tisch und starrte brütend vor sich hin. Sein Gesicht war grau wie Asche, die Augen brannten wie im Fieber.
Schwankend ging er zum Bett und warf sich auf die Matratze.
Draußen begann es zu dämmern.
Da huschte ein Schritt an der Hütte vorüber, vorsichtig und leis, als möchte er nicht gehört werden.
Dieser Schleicher im Morgengrau schien ein belastetes Gewissen zu haben. Das erleuchtete Fenster der Jägerhüttewar ihm nicht willkommen. Er duckte sich, um ungesehen vorüberzuschlüpfen. Schon wollte er auf den Fußspitzen in das Försterhaus schleichen, als ihn eine Stimme anrief: »Praxmaler?«
»Mar und Joseph!« stotterte Pepperl. »Der Herr Fürst!« Scheu trat er seinem Herrn entgegen, der über den Weg herunterkam. »Duhrlaucht? Was wollen S' denn? In aller Fruh?«
Ettingen lachte. »Das begreifen Sie nicht? Ein Jäger? Sie sind doch auch schon munter!«
»Ja, ich, dös is was anders!«
»Wo waren Sie denn heute schon?«
»Ich? Nirgends! Gott bewahr!« stammelte Pepperl. »Bloß da drunt war ich, a bißl da drunt. Weil ich schauen hab wollen, wie sich der Tag heut anlaßt, ja — weil ich befohlen bin — mit'm Herrn von Sensburg zur Gamspirsch. Den muß ich wecken jetzt! Gleich!«
»Lassen Sie den nur schlafen! Gehen Sie lieber mit mir!«
»Mit Ihnen, Duhrlaucht? Gott sei Dank! Der ander Herr, mein' ich, tut sich eh viel leichter im Bett als auf der Gamspirsch! Aber wohin denn, Duhrlaucht?«
»Wohin Sie wollen. Nur hinauf! Hoch hinauf! Ich möchte heut die Sonne eine Stunde früher sehen.«
»Da steigen wir zum Steinernen Hüttl auffi. Gleich bin ich fertig!«
»Hier ist ein Brief. Der soll an Graf Sternfeldt übergeben werden, sobald er aufsteht. Ich bitte, besorgen Sie das! Und bis Sie sich fertigmachen, geh ich langsam voraus.«
Ettingen folgte dem Steig, der sich in der matten Dämmerung des Waldes verlor.
Als Praxmaler in seine Hütte treten wollte, wurde er von einer zischelnden Stimme angerufen: »Peppi!« Mazegger kam auf ihn zugesprungen.
»Was is?«
»Ich hab dich reden hören mit dem Herrn Fürsten. Kannst ja mir den Brief geben. Ich besorg ihn.«
Hätte Pepperl nicht Kopf und Herz mit anderen Dingen voll gehabt, so hätte ihm der fiebernde Klang dieser Stimme auffallen müssen. So sagte er: »Ja, is recht! Und is mir lieber, als daß ich den Förstner aus'm Schlaf aussireißen müßt! Aber gelt, ich kann mich verlassen auf dich?«
»Ja! Gib her!«
»No, no, no? Was hast denn? Zarrt er mir den Brief aus der Hand — ich weiß net, wie!«
Ohne zu antworten, ging Mazegger zu seiner Hütte. Auf der Schwelle blieb er lauschend stehen, bis er die Schritte des Jägers hörte, der seinem Herrn folgte. Dann schloß er am Fenster die Läden, trat in die Stube und verriegelte die Tür. Schwer atmend untersuchte er den Brief und drehte ihn hin und her, langsam, alswäre das leichte Papier so schwer wie Blei. Der Brief war nur leicht verklebt. Mazegger öffnete ihn. Und damit kein Lichtschein durch die Ritzen der Läden hinausfallen möchte, schraubte er an der Petroleumlampe die Flamme ganz klein herunter. Bei diesem trüben Zwielicht las er:
»Drei Uhr morgens.Lieber Goni!Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlöst werden ohne ›Gewaltstreich‹. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an die französische Komödie, deren Heldinnen sie verkörperte, bevor sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um sich von ihr — ich will milde sagen: ernähren zu lassen — schließlich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank auf den Tod fast — daran kann ich heute denken, als wär es nie gewesen, als läge für mich eine ganze Welt zwischen damals und heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen. Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie wollte frei sein, um mir sagen zu können:Ich habe mich erlöst für dich! Ein Glück, daß sie mir das nicht einen Monat früher sagen konnte! Ich glaube, ich wäre bei meiner falschen Vorstellung von dem, was ›Verpflichtung‹ heißt, noch vor wenigen Wochen fähig gewesen, mit Bewußtsein mein Leben zu vernichten. Aber daß sie zur Verkündigung ihres ›heiligen Opfers‹ geradedieseStunde wählte und dazu ein ›leichtlösbares Spitzenrätsel‹ wie für die Rolle der ›Iza‹ im ›Fall Clemenceau‹ — das hat mir die Bilanz meiner Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorüber und abgetan! Gründlich. Wie ich aufatme! Daß ich keine Stunde mehr mit ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden. Nur diese Zeilen schreib ich Dir. Dann weck ich den Jäger und steige mit ihm hinauf — hoch, hoch hinauf, wo ich Sonne und reine Luft finde.Eigentlich muß ich Dir dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis meines Glückes, das gestern noch unbewußt in mir dämmerte, wie ein Gefühl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schön. Ach, Goni, wenn ich Dir nur schildern könnte, wie mir zumute war, als es so plötzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glück, das ich gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden. Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme, sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glück! Küsse mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem glücklichsten der Menschen. Das istDein Heinz.«
»Drei Uhr morgens.
Lieber Goni!
Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlöst werden ohne ›Gewaltstreich‹. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an die französische Komödie, deren Heldinnen sie verkörperte, bevor sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um sich von ihr — ich will milde sagen: ernähren zu lassen — schließlich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank auf den Tod fast — daran kann ich heute denken, als wär es nie gewesen, als läge für mich eine ganze Welt zwischen damals und heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen. Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie wollte frei sein, um mir sagen zu können:
Ich habe mich erlöst für dich! Ein Glück, daß sie mir das nicht einen Monat früher sagen konnte! Ich glaube, ich wäre bei meiner falschen Vorstellung von dem, was ›Verpflichtung‹ heißt, noch vor wenigen Wochen fähig gewesen, mit Bewußtsein mein Leben zu vernichten. Aber daß sie zur Verkündigung ihres ›heiligen Opfers‹ geradedieseStunde wählte und dazu ein ›leichtlösbares Spitzenrätsel‹ wie für die Rolle der ›Iza‹ im ›Fall Clemenceau‹ — das hat mir die Bilanz meiner Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorüber und abgetan! Gründlich. Wie ich aufatme! Daß ich keine Stunde mehr mit ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden. Nur diese Zeilen schreib ich Dir. Dann weck ich den Jäger und steige mit ihm hinauf — hoch, hoch hinauf, wo ich Sonne und reine Luft finde.
Eigentlich muß ich Dir dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis meines Glückes, das gestern noch unbewußt in mir dämmerte, wie ein Gefühl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schön. Ach, Goni, wenn ich Dir nur schildern könnte, wie mir zumute war, als es so plötzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glück, das ich gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden. Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme, sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glück! Küsse mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem glücklichsten der Menschen. Das ist
Dein Heinz.«
Mazegger hatte längst zu Ende gelesen, und noch immer saß er über das Blatt gebeugt, das in seinen Händen zitterte. Sein Gesicht war verzerrt. Mit einem Lächeln, das alle Zähne sehen ließ, raunte er das Wort des Briefes: »Morgen hol ich mein Glück!« Er schob den Brief in den Umschlag und verschloß ihn, blies die Lampe aus und stieß am Fenster die Läden auf. Draußen war es Tag geworden.
»So? Morgen?«
Ein rauhes Lachen. Und eine Bewegung, als möchte er den Brief in Fetzen reißen.
Da trat der Förster in die Stube. »Guten Morgen, Toni! Gut, daß d' noch daheim bist! Heut mußt du mit mir — — Was hast denn da?« Er nahm dem Jäger den Brief aus der Hand. »An den Herrn Grafen? Und die Schrift von der Duhrlaucht? Von wem hast du den Brief?«
»Vom Peppi.« Mehr zu erklären, hielt Mazegger nicht für nötig.
»Der Brief muß bsorgt werden! Gleich auf der Stell!« Kluibenschädl hetzte davon. Finster sah Mazegger ihm nach. Daß er heute den Förster begleiten sollte, das schien ihm nicht zu passen. In Hast machte er sich fertig, warf die Büchse hinter den Rücken, steckte mit zitternder Hand ein paar Patronen zu sich und schritt über das Almfeld hinunter. Bevor er den Wald erreichenkonnte, klang hinter ihm die Stimme des Försters: »He! Toni! Warten!«
An der Lippe nagend, blieb Mazegger stehen, bis der Förster ihn eingeholt hatte.
»Wo rennst denn hin? Ich hab dir doch gsagt, daß ich dich brauch! Und ausschauen tust? Hast wieder an Ausflug gmacht in der Nacht — Gott weiß wohin?«
Mazegger wandte sich wortlos ab.
»Heut bleibst bei mir! Wir müssen die neuen Steig vermessen. Da haben wir Arbeit den ganzen Tag.«
»So?« Mazegger lächelte. »Aber die Nacht? Die gehört doch mein?«
Der Förster sah ihn von der Seite an. »Was dös jetzt wieder für a Wörtl is! D' Nacht ghört freilich dein.«
»Mehr brauch ich nicht.«
»Zu was?«
»Zum Schlafen.«
»Geh, du!« Der Förster schüttelte den Kopf.
Sie verschwanden im Wald.
Eine stille Morgenstunde. Dann kam die Sonne. Heute flog sie die Berge nicht mit jenem reinen Schimmer an, der die Felsen wie in durchsichtige Flammengebilde verwandelt. Es war etwas Trübes in ihrem Feuer. Und die dünnen Nebel, die mit zerrissenen Formen hoch in den Lüften schwammen, glühten so rot, als wären Blutbäche über den mattblauen Himmel ausgegossen.Auch die Sonne selbst, als sie hinter den östlichen Bergen hervortauchte, hatte einen roten Schleier umgehangen. Man konnte sie ansehen, ohne geblendet zu werden.
Hoch droben über dem Bergwald, auf einem steilen Almrosenhang, den die Sonne mit ihrem roten Feuer schon überleuchtete, ruhten Ettingen und Praxmaler zu Füßen einer einsamen Zirbe.
Pepperl saß mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, als hätte er eine Stütze nötig. Er machte kein lustiges Gesicht. Die zehn »Viertelen« rumorten unter seinen Kreuzerschneckerln. Er sah übernächtig aus und hatte Ringe um die Augen. In seinem Blick, der das Tal suchte, leuchtete es wohl manchmal auf wie Freude. Aber dieses Frohe erlosch immer wieder in trüber Kümmernis, wie droben das Sonnenlicht in den Nebelschleiern. Dazu wurde er, je länger er saß, immer schläfriger; ein paarmal machte er einen kurzen Sumser, aus dem er mit erschrockenem Nicker wieder auffuhr.
Im Gesicht des Fürsten hatte die durchwachte Nacht keine Spur von Ermüdung zurückgelassen. Ettingen lag behaglich ausgestreckt in den Almrosenbüschen, über die der Wettermantel gebreitet war. Mit dem Blick des Glücklichen, für den alle Rätsel seines Lebens sich aus schwüler Nacht zu schönem Tage lösten, sah er lächelnd über den Bergwald in ziellose Ferne hinans und empor zum glühenden Himmel.
Wieder fuhr Pepperl aus kurzem Schlummer auf. »Heut macht's a Lüfterl, da könnt man rein einschlafen dabei. Sollten wir net a bißl weiterpirschen?«
»Nein. Ich will nicht jagen heut. Nur ruhen. Und sehen, wie das leuchtet, der Wald, die Berge, der Himmel! Wie schön das ist!«
Pepperl seufzte. Um sich wach zu erhalten, mußte er wenigstens versuchen, einen »Dischkurs« in Gang zu bringen. »So a Himmel wie heut? Der gfallt Ihnen? Mir net. Na!«
»Ich habe noch keinen gesehen, der mir besser gefiel.«
»Aber schauen S' doch die verzupften Wölkerln an! Dös is a grauslichs Wetterzeichen. Morgen kriegen wir schlechte Pirsch und an trüben Tag.«
»Meinen Sie? Nein! Wie morgen der Tag auch sein mag, er wird reine und schöne Sonne haben!«
»Da täuschen S' Ihnen, Herr Fürst!«
Als Ettingen nicht antwortete, machte Pepperl noch ein paar Versuche, den abgerissenen Gesprächsfaden wieder anzuknüpfem Umsonst. Schließlich ergab er sich in Geduld, und dann fielen ihm die Augen zu.
Eine schweigsame Weile verging.
Da machte ein Rascheln den Fürsten aufblicken. Praxmaler war vom Baumstamm seitwärts in die Almrosenbüsche geglitten und fing zu schnarchen an.
»Gute Nacht, Pepperl!«
Nun streckte auch Ettingen sich bequemer aus und verschränkte die Hände unter dem Nacken. So blickte er zu den ziehenden Wolken auf, deren Rot immer blasser wurde, bis sie weißlichen Glanz bekamen.
Als hätte, was er fühlte und sann, nicht Raum in seinem Innern, und als müßt es heraus an den Tag, so flüsterte er lächelnd vor sich hin: »Lo!— Meine Lo!«
Tief atmend, mit diesem Lächeln auf den Lippen, schloß er die Augen, weil ihn der silberne Glanz der Wolken blendete.
Stille. Träumende Sonnenstille.
Kaum hörbar fächelte der laue Wind um die Almrosenbüsche mit ihren halb verwelkten Blüten, machte die Blätter zittern und rollte die abgefallenen Blütenkelche spielend über das kurze Gras.
Langsam zogen die weißen Wolken im Blau, sammelten sich immer dichter und hüllten schon die höchsten Spitzen ein. Doch immer fand die Sonne zwischen Nebel und Gewölk noch eine Gasse für ihre Strahlen.
Es war schon Mittag vorüber, als die beiden aus ihrem wohligen Sonnenschlaf erwachten. Sie stiegen über den Berghang hin und hielten Einkehr im Steinernen Hüttl, in einer aus groben Felsblöcken gefügten Sennhütte. Da gab es freilich nur Milch und grobes Brot mit frischer Butter, aber die beiden spürten einen Hunger, der mit allem zufrieden war.
Während sie neben der Sennhütte auf dem Rasenkauerten, jeder mit der Milchschüssel auf den Knien, fragte Ettingen: »Praxmaler? Sie sind heute nicht wie sonst. Was ist denn los mit Ihnen?«
»Nix! Na na! Gar nix.« Pepperl wurde rot bis über die Ohren.
»Doch, Pepperl! Irgendwas stimmt heute nicht bei Ihnen. Haben Sie Unannehmlichkeiten in Ihrer Familie?«
»Ah na! Gott bewahr!« Pepperl tat einen schnappenden Atemzug. »No ja, wissen S', Duhrlaucht, freilich, in der Familli gibt's allweil a bißl was. Ja ja, es wird schon so was sein — wo man ›Familli‹ sagen könnt.«
Ettingen stellte die Schüssel beiseite. »Na also! Mir dürfen Sie alles sagen. Ich bin Ihnen doch ein guter Herr, nicht wahr? Sie können offen mit mir reden. Was drückt Sie?«
Pepperl schluckte. »Schauen S', Duhrlaucht — weil S' so freundschäftlich mit mir reden, da kann ich auch net zruckhälterisch sein und muß schon gleich alles aussikitzeln.« Er seufzte schwer, guckte tiefsinnig in die Milch und drehte die Schüssel zwischen den Knien. »A bißl was Dummes hab ich halt angstellt.«
»Im Dienst?«
»Gott bewahr!« wehrte Pepperl erschrocken ab. »Auf der Jagd hab ich mein Köpfl allweil beinand!« Jetztwurde er wieder kleinlaut. »Aber in der Lieb halt! Da hab ich an Dalken gmacht.«
Ettingen lachte.
Dem Praxmaler-Pepperl war bitter ernst zumut. »Wissen S', Duhrlaucht, da hab ich mich jetzt in so a Madl verschaut. Z'erst haben wir allweil gstritten und ghachelt mitanand. Und gahlings — no ja!« Pepperl seufzte. »So was kommt, wie 's Teuferl aus der Schachtel hupft. Und nacher steht man da, wie der Ochs am Berg. Aber a guts Madl, dös muß ich sagen. Recht a liebs und a fleißigs Madl! Die Burgi drunt, wissen S'!«
»Unsere Sennerin? Brav, Pepperl! Zu dieser Wahl gratulier ich Ihnen. Das ist wirklich ein nettes Mädel.«
Diese Zustimmung schien Pepperls Herz ein wenig zu erleichtern. »Gelten S', die gfallt Ihnen? Und so viel gern hat's mich! No ja — jetzt muß halt gheiret werden, geht's wie's mag, jetzt hab ich die Verantwortigung!« Mit beiden Händen scheuerte Pepperl kummervoll in den Kreuzerschneckerln. »Ich hab schon 's Pech! Ich komm aus der Verantwortigung gleich gar nimmer aussi. So oder so! Aber d' Mutter! Mar und Joseph! Die wird an schönen Spittakel machen! Teufi, Teufi, Teufi! Da gfreu ich mich drauf!«
»Ihre Mutter?«
»No ja, wissen S', wie d' Mütter halt sind! Dös wär so ihr Gusto gwesen, daß ich amal gscheit heiretentät. Und jetzt bin ich angrumpelt! Und komm so daher! A liebs Madl, freilich, und gern hab ich's! Aber haben tut's halt nix, wissen S', nixer wie nix. Und d' Mutter und ich, wir haben vom Vater her noch Schulden auf'm Häusl. Und dös Madl hat an Vater, so an alten Krackler. Den muß ich ins Haus nehmen und muß ihn derhalten. Mei' Mutter wird ihn freilich ordentlich kuranzen. Da sieht er's ganze Jahr kein Wirtshäusl nimmer, außer auf Ostern und Weihnächten. Aber's Gwand und's richtige Essen muß er allweil kriegen. Und so wird's halt Sorgen über Sorgen geben. In der sogenannten Familli! Sie wird net lang ausbleiben, d' Familli — denk ich mir, ja! Aber hab ich A gsagt, muß ich B sagen, in Gottsnamen! Und da wär's mir schon lieb, Herr Fürst, wann S' mir als Jagdherr d' Heiratsbewilligung geben täten. Könnt sein, es pressiert a bißl. Ich tät schon recht schön bitten, ja!« Er hatte nasse Augen, als er das sagte.
»Die geb ich Ihnen von Herzen gerne.«
»Gott sei Dank!« Pepperl atmete auf. »Da is mir der ärgste Stein von der Seel!«
Ettingen lächelte und sah dem Jäger herzlich in die Augen. Was wäre ihm in der Stimmung dieses Tages willkommener gewesen, als die Freude und das Glück zweier Menschen schaffen zu dürfen! »Wieviel Schulden haben Sie denn auf Ihrem Haus?«
Das ging hart heraus: »Dreihundert Gulden!«
»Die wird Ihre Braut schon bezahlen können.«
»Aber!« Pepperl machte schiefe Augen zu diesem Witz. »Der muß ich ja zur Hochzeit die Pomeranzen und 's Salzbüchsl kaufen! Soviel hat die!«
»Nein, Pepperl! Soviel ich weiß, hat Ihre Braut fünfhundert Gulden zur Aussteuer.«
»Ja, wär schon recht! Da müßt's ihr rein einer schenken! Aber so an verruckten Narren gibt's net auf der Welt!«
»Doch!« Ettingen lachte. »So ein Narr bin ich!«
»Was?« Pepperl verfärbte sich, und seine Hände zitterten, daß aus der Milchschüssel ein weißer Taufguß über die Kurzlederne niederging. »Was haben S' gsagt?«
»Daß ich der Burgi das zur Aussteuer gebe.«
»Mar und Joseph!«
»Und der Förster hat viel Arbeit mit der Jagdverwaltung. Er wird eine Hilfe brauchen. Das haben Sie mir doch neulich bei der Jagd im Geißtal drunten selbst gesagt. Da will ich vorschlagen, daß er Sie zum Oberjäger macht, mit entsprechendem Gehalt natürlich.«
»Was?«
»Haben Sie nicht verstanden?«
Die Milchschüssel kollerte über Pepperls Knie hinunter. Starr guckte er den Fürsten an, schlug die Hände ineinander und stotterte: »Ich bitt Ihnen, Duhrlaucht,tun S' mich a bißl am Ohrwaschl reißen! Sonst glaub ich's net!«
»Was ich sage, das gilt!«
In Zweifel studierte der Jäger noch eine Sekunde lang das Gesicht seines Herrn. Dann stieg ihm der Glaube und die Freude zu Kopf, wie ein elftes und zwölftes »Viertele« vom roten Spezial. Gleich einem Verrückten sprang er auf und schrie einen Jauchzer zum Himmel, daß der Senn vor die Tür gelaufen kam. »Duhrlaucht! Duhrlaucht! Wann ich heut net überschnapp, is mir der Verstand angnagelt im Hirnkastl drin! Mar und Joseph! So hat sich noch keiner ins Glück einigsuffen, wie gestern ich!«
Ettingen machte die Erfahrung, daß es Menschen gibt, denen man eine Freude nicht minder vorsichtig mitteilen soll als eine Trauerbotschaft. Denn Pepperl drückte im ersten Sturm seinem Herrn die Hand, daß Ettingen noch eine Stunde später die Finger kaum bewegen konnte.
Mitten in diesem Jubel kam dem Jäger gleich wieder eine Sorge. »Um Gottswillen, Duhrlaucht, wann's mit der Aussteuer wahr is, sagen S' nur ja keim Menschen a Wörtl davon!«
»Nein, Pepperl, das bleibt unter uns.« Ettingen hatte die Bitte anders verstanden, als sie gemeint war.
»Wenn so was unter d' Leut käm, da hätten S' kei' Ruh nimmer, Tag und Nacht. Da tät die ganzeGegend heireten auf Ihnen nauf! Und jeder, der was brauchen könnt, tät sich denken: Ah was, der gute Kerl, der gibt mir's schon!— Nimmer schlafen könnten S' vor lauter Brautleut!«
Ettingen lachte. »Ja, Pepperl, da wollen wir lieber reinen Mund halten!«
Als sie den Heimweg antraten, hatte der Jäger solche Eile in den Beinen, daß er immer ein paar hundert Schritte voraus war und wieder stehenbleiben mußte, um auf seinen Herrn zu warten.
Ehe der Pfad sich in den Wald verlor, kletterte Pepperl auf eine vorspringende Bergrippe, von der man frei hinuntersehen konnte ins Tal. Wie zierliches Spielzeug lag die Tillfußer Alm mit den Jagdhäusern und der Sennhütte da drunten.
Pepperl zog in seiner freudigen Ungeduld das Fernrohr auf. »Muß doch schauen, ob ich's Madl net sieh!«
Das Mädel war unsichtbar. Dafür entdeckte Pepperl was anderes: eine vierspännige Equipage und einen Zweispänner, die im Hof des Jagdhauses standen. »Duhrlaucht! Da fahren Ihre Gäste davon! Die Herrschaften sitzen schon im Wagen, und grad steigt der Herr Martin auf'n Bock. Und jetz fahren s' aussi zum Türl!«