Chapter 4

Etwa siebenhundert Jahre sind verflossen, seit die ersten Speicher in Hamburg errichtet wurden, d. h. Gebäude, die ausschließlich zur Lagerung von Waren bestimmt sind. Ihre Vorgänger, die alten Kaufmannshäuser, in denen sich Wohnung und Warenvorräte unterm nämlichen Dach befanden, haben wir uns mit Melhop (2 f.) in ihren Anfängen einfach als in die Stadt gerückte altsächsische Bauernhäuser zu denken, nur daß diese sich hier, innerhalb der engen Umwallung, auf sehr beschränktem Raum einzurichten hatten und statt in die Breite sich in die Höhe entwickeln mußten. Auf die große Diele mit dem offenen Herd verzichtete man nicht, aber die Wohnräume mußte man dafür schon in ein oberes Stockwerk verlegen; darüber lagerten sich dann die Warengelasse. Noch im 13. Jahrhundert waren die Häuser durchweg aus Holzständern mit Lehmgeflecht dazwischen hergestellt, vielfach auch mit Stroh gedeckt. Selbst Rauchfänge aus Holz waren häufig zu finden. Kein Wunder, daß im Jahre 1284 eine verheerende Feuersbrunst fast die ganze Stadt vernichtete. (Tratziger 63.) Beim Wiederaufbau hielt man sich wohl an solideres Material, aber von der altgewohnten Einrichtung wich man weder damals noch später ab. Trotz nachträglicher Einbauten können wir das noch heute in manchen alten Kaufmannshäusern erkennen. Vor allem blieb die große Diele, durch zwei Stockwerke gehend und genügend Tageslicht durch hohe Fenster vom Hof empfangend. Daran, mit breiten Holzgeländern an beiden Seiten, eine mächtige Doppeltreppe, die auf eine Galerie des ersten Stockwerks führte. In der Mitte der Decke fand sich ein durch eine aufklappbare Luke geschlossener Ausschnitt, dasWinn’lock, das sich durch alle Stockwerke bis an die Haspelwinde des Spitzbodens fortsetzte und das Auf- und Abwinden von Waren mittels der endlosen Windetaue, derLöpers, ermöglichte. An anderer Stellehing die Wagschale, dieBummelschal, von der Decke herab. Es war noch im 19. Jahrhundert das Vorrecht des „Großbürgers“, mit der „großen Schale“ zu wägen, wie auch nur dieser ein eigenes Konto bei der Girobank halten und Waren „auf Transitozettel deklarieren“, d. h. für fremde Rechnung ein- und ausführen durfte. — Küche und offener Herd hatten gleichfalls ihren Platz an der Diele. Neben ihrem Hauptzweck, der Warenbewegung zu dienen, bildete diese in vielen Fällen einen wahren Prunkraum, dessen vergoldete Karosse und blendender Reichtum an Küchengeschirr bereits von der Straße aus bestaunt werden konnte. Hier hing im Herbst zur Zeit des „richtigen Ossenslachterwedders“ (Sturm und Regen) der schön geschmückte Ochse (Beneke 359 f.), hier wurden vornehme Gäste empfangen, hier war auch der Tummelplatz der Kinder (Hertz 36 f.) und bei Todesfällen fand hier die feierliche Aufbahrung des Sarges statt (Zacharias 29 f.). — Lichtwark (1897, 61 f.) schreibt: „Wie einheitlich und behaglich wirkt der Raum, wie reich und vornehm! .. Was ihn so lebendig macht, lebendiger als die stolzen Treppenhäuser der Barockpaläste, das ist seine Lauschigkeit, die das tägliche Leben ahnen läßt. ... Jetzt stehen noch ein halbes Dutzend im alten Zustande, aber da die Häuser nicht mehr bewohnt werden und nur als Speicher und Kontore dienen, sind sie unfrisch oder verkommen. Die Künstler, die in Hamburg lebten, haben uns von der traulichen Poesie dieser Räume kein Bild erhalten, den Dilettanten aber, die uns einen Blick in die dem Untergang geweihte Herrlichkeit festhielten, wird man nicht nur in Hamburg ein dankbares Andenken bewahren. ... Hätte es solche Schönheit in der Privatarchitektur Münchens, Berlins oder Düsseldorfs gegeben, so würden Generationen von Malern in unserem (neunzehnten) Jahrhundert sie verherrlicht haben. Aus tausend Bildern und Hunderttausenden von Photographien, Holzschnitten und Stichen danach würde das deutsche Volk diese Dielen kennen.“ (Abbildungen solcher Dielen bei Lichtwark, Bröer, Melhop. Vergl. auch Melhop 278 f., Jünger 5, Schrader 42 f., Lauffer 70 f. — Imneuen Museum für hamburgische Geschichte wird die genaue Nachbildung einer althamburger Diele einen Glanzpunkt bilden.) Es sei übrigens beiläufig erwähnt, daß der Hamburger Patrizier sein Stadthaus nur im Winter bewohnte. Am 17. April pflegte die Familie vors Tor zu ziehen und kehrte am 18. Oktober in die Stadt zurück.

Etwa siebenhundert Jahre sind verflossen, seit die ersten Speicher in Hamburg errichtet wurden, d. h. Gebäude, die ausschließlich zur Lagerung von Waren bestimmt sind. Ihre Vorgänger, die alten Kaufmannshäuser, in denen sich Wohnung und Warenvorräte unterm nämlichen Dach befanden, haben wir uns mit Melhop (2 f.) in ihren Anfängen einfach als in die Stadt gerückte altsächsische Bauernhäuser zu denken, nur daß diese sich hier, innerhalb der engen Umwallung, auf sehr beschränktem Raum einzurichten hatten und statt in die Breite sich in die Höhe entwickeln mußten. Auf die große Diele mit dem offenen Herd verzichtete man nicht, aber die Wohnräume mußte man dafür schon in ein oberes Stockwerk verlegen; darüber lagerten sich dann die Warengelasse. Noch im 13. Jahrhundert waren die Häuser durchweg aus Holzständern mit Lehmgeflecht dazwischen hergestellt, vielfach auch mit Stroh gedeckt. Selbst Rauchfänge aus Holz waren häufig zu finden. Kein Wunder, daß im Jahre 1284 eine verheerende Feuersbrunst fast die ganze Stadt vernichtete. (Tratziger 63.) Beim Wiederaufbau hielt man sich wohl an solideres Material, aber von der altgewohnten Einrichtung wich man weder damals noch später ab. Trotz nachträglicher Einbauten können wir das noch heute in manchen alten Kaufmannshäusern erkennen. Vor allem blieb die große Diele, durch zwei Stockwerke gehend und genügend Tageslicht durch hohe Fenster vom Hof empfangend. Daran, mit breiten Holzgeländern an beiden Seiten, eine mächtige Doppeltreppe, die auf eine Galerie des ersten Stockwerks führte. In der Mitte der Decke fand sich ein durch eine aufklappbare Luke geschlossener Ausschnitt, dasWinn’lock, das sich durch alle Stockwerke bis an die Haspelwinde des Spitzbodens fortsetzte und das Auf- und Abwinden von Waren mittels der endlosen Windetaue, derLöpers, ermöglichte. An anderer Stellehing die Wagschale, dieBummelschal, von der Decke herab. Es war noch im 19. Jahrhundert das Vorrecht des „Großbürgers“, mit der „großen Schale“ zu wägen, wie auch nur dieser ein eigenes Konto bei der Girobank halten und Waren „auf Transitozettel deklarieren“, d. h. für fremde Rechnung ein- und ausführen durfte. — Küche und offener Herd hatten gleichfalls ihren Platz an der Diele. Neben ihrem Hauptzweck, der Warenbewegung zu dienen, bildete diese in vielen Fällen einen wahren Prunkraum, dessen vergoldete Karosse und blendender Reichtum an Küchengeschirr bereits von der Straße aus bestaunt werden konnte. Hier hing im Herbst zur Zeit des „richtigen Ossenslachterwedders“ (Sturm und Regen) der schön geschmückte Ochse (Beneke 359 f.), hier wurden vornehme Gäste empfangen, hier war auch der Tummelplatz der Kinder (Hertz 36 f.) und bei Todesfällen fand hier die feierliche Aufbahrung des Sarges statt (Zacharias 29 f.). — Lichtwark (1897, 61 f.) schreibt: „Wie einheitlich und behaglich wirkt der Raum, wie reich und vornehm! .. Was ihn so lebendig macht, lebendiger als die stolzen Treppenhäuser der Barockpaläste, das ist seine Lauschigkeit, die das tägliche Leben ahnen läßt. ... Jetzt stehen noch ein halbes Dutzend im alten Zustande, aber da die Häuser nicht mehr bewohnt werden und nur als Speicher und Kontore dienen, sind sie unfrisch oder verkommen. Die Künstler, die in Hamburg lebten, haben uns von der traulichen Poesie dieser Räume kein Bild erhalten, den Dilettanten aber, die uns einen Blick in die dem Untergang geweihte Herrlichkeit festhielten, wird man nicht nur in Hamburg ein dankbares Andenken bewahren. ... Hätte es solche Schönheit in der Privatarchitektur Münchens, Berlins oder Düsseldorfs gegeben, so würden Generationen von Malern in unserem (neunzehnten) Jahrhundert sie verherrlicht haben. Aus tausend Bildern und Hunderttausenden von Photographien, Holzschnitten und Stichen danach würde das deutsche Volk diese Dielen kennen.“ (Abbildungen solcher Dielen bei Lichtwark, Bröer, Melhop. Vergl. auch Melhop 278 f., Jünger 5, Schrader 42 f., Lauffer 70 f. — Imneuen Museum für hamburgische Geschichte wird die genaue Nachbildung einer althamburger Diele einen Glanzpunkt bilden.) Es sei übrigens beiläufig erwähnt, daß der Hamburger Patrizier sein Stadthaus nur im Winter bewohnte. Am 17. April pflegte die Familie vors Tor zu ziehen und kehrte am 18. Oktober in die Stadt zurück.

Wir dürfen die Entwicklung unseres Geschäftsviertels des Großhandels so annehmen, daß anfangs die Uferfläche, dieKaje, durchweg unbebaut liegen blieb, wie noch jetzt bei den Vorsetzen zu sehen, bis zum Zollanschluß auch z. B. beim Kehrwieder. So war es ursprünglich in der Deichstraße, im Cremon, in der Catharinenstraße, wie bei den Mühren, im Grimm usw. Hinter den Häusern, die sich also nur an einer Seite der Straße entlang zogen, erstreckten sich tiefe, schmale Gärten bis an andereFleete, zuweilen auch bis an den Stadtwall oder an offene Abflußgräben, die später zu Fleeten erweitert und vertieft wurden (Gaedechens 41). Als die Böden des Wohnhauses dem sich ausdehnenden Geschäftsbetriebe nicht mehr genügten, begann man dann, an diesen Hinterfleeten Speicher zu errichten; später folgten schmälere Verbindungsbauten zwischen Wohnhaus und Speicher und endlich blieben statt der ehemaligen freien Stücke nur dumpfige, geschlossene Hofplätze nach. Die Lagerböden fügten sich meistens vom Vorderhause durch den Mittelbau an die Böden des Speichers in gleicher Höhe an.

Mit der Zeit erstarkten Handel und Gewerbe immer mehr, zum Teil sprungweise, und erforderten weite große Räumlichkeiten. Ich erinnere nur an die Bierbrauerei. Schon 1270 war das Hamburger Bier berühmt (Rynesberch 118 Anm. 100) und im Jahre 1307 wird berichtet, daß es das Bremer überflügelt habe (Rynesberch 85, Mitt. I. 44). Lauffer 34 gibt an, die Herstellung Hamburger Bieres im 15. Jahrhundert habe durchschnittlich 100000 Tonnen, gleich 250000 Hektoliter, im Jahre betragen. Im 16. Jahrhundert gab es hier dann die stattliche Zahl von 531 Brauhäusern (Lappenberg 14), die in rascherFolge errichtet waren. Da man sie am liebsten an den Fleeten anlegte, um das Wasser sowie Gelegenheit zur Verschiffung bequem zur Verfügung zu haben, so wurde allmählich daslitus, die Uferfläche, zum Bebauen in Angriff genommen. Bis dahin gehörte dieseslitusdurchweg den gegenüberliegenden Häusern und pflegte u. a. von den Brauern benutzt zu werden, um ihr Brennholz aufzustapeln (Schlüter 21). Schon im Stadterbebuche von 1248 bis 1274 wird wiederholt der Verkauf solcher Uferplätze vermerkt (Zeitschrift I. 452 Anm. 5, Gaedechens 50). Es kam hinzu, daß die Hülfsgewerbe, hier besonders die Faßbinder, viel Raum beanspruchten. Zwischen 1370 und 1387 waren neununddreißig vom Hundert sämtlicher Amtsmeister Küper (Koppmann Bd. 3, XX.). Nach und nach wurden auf diese Weise die ursprünglich frei liegenden Kajen an den Fleeten vollständig bebaut, teilweise mit Brauhäusern und Betriebswerkstätten, teils aber auch mit Speichern, die jetzt also nicht mehr mit dem Sitz des Kaufmanns in unmittelbarer Verbindung standen. In welchen Zwischenräumen diese Ausfüllung der freien Uferplätze stattfand, läßt sich oftmals nachweisen. So wurden beispielsweise die beiden Grundstücke an der Fleetseite der Deichstraße neben der Hohenbrücke wahrscheinlich zuerst ums Jahr 1322 bebaut, das im Norden angrenzende als eines der letzten freigebliebenen dieser Gasse erst zwischen 1397 und 1401 (Mus. 270). Abgesehen hiervon entstand am Ufer auch nach vollständiger Bebauung keine ununterbrochene Straßenreihe, sondern zwischen je etwa zwei bis vier Häusern blieb ein „Fleetgang“ frei, der dann einem der gegenüberliegenden Grundstücke oder mehreren gemeinschaftlich als Eigentum gehörte. Der Zweck war, für den Wasserverkehr eine gute Verbindung zu behalten. Gewöhnlich fand sich dort alsdann am Ufer auch eine „holländische Winde“ unter gewölbtem, schwarz geteertem Holzdach. Schon im ersten Hamburger Grundbuch wird wiederholt ein Haus mit dem Recht auf einen Weg ans Ufer oder einen Anteil daran übertragen (Zeitsch. I. 447 Anm. 2, 3, 4). Man sieht noch heute solche Fleetgänge, z. B. Deichstraße, Katharinenstraße,Grimm. — Ich will nicht unterlassen zu erwähnen, daß Neddermeyer (Hamb. Topographie 221, 238) meint, im Cremon und im Grimm sei die Wasserseite zuerst bebaut worden. Die Stellen, die er hierfür anführt (Staphorst, Hamb. Kirchengeschichte I. 2, 102 und 104) bieten indessen keinen Beleg dafür und die Sache ist auch durchaus unwahrscheinlich (Vergl. Gaedechens 14, 49, Schlüter 21 und Mitt. IV. 115 f.).

Für Nichthamburger seien einige Bezeichnungen erklärt.Fleethängt mit Fluß und fließen zusammen. Es ist der Ausdruck für durch die Stadt strömende natürliche oder künstlich angelegte Flußarme und findet sich schon im 14. Jahrhundert (Nirrnheim II. 18). Die Kanäle der Außenalster und im Hammerbrook, die durch Schleusen mit der Elbe verbunden sind, könnte man also nicht wohl Fleete nennen, dagegen aber wäre der NameZollfleetstatt Zollkanal für den großen Wasserzug zwischen Freihafen und Zollstadt angebracht gewesen. —Kajekommt aus dem Romanischen und hat ursprünglich die Bedeutung Klippe und Sandbank, während es, wie Lübben im mittelniederdeutschen Wörterbuch angibt, im Niederdeutschen ausschließlich Ufereinfassung ist. — Es war zu bedauern, daß im Freihafen anfangs die Bezeichnung Quai, gesprochen Kwai, eingeführt wurde, wo wir doch schon die gut niederdeutschen StraßennamenBinnenkajenundButenkajenseit altersher kannten. Brooktorkaje, Hübnerkaje usw. hätte wirklich sehr gut geklungen. Glücklicherweise ist man jetzt durchweg zur Schreibweise Kai übergegangen. — Speicher,Spiker, wird in Grimms Wörterbuch aus dem spätlateinischenspicariumerklärt und dies ausspica, Gedreideähre. Also ursprünglich Kornspeicher. Ich fand den Spiker, als selbständiges Gebäude verkauft, schon im ältesten Stadterbebuch erwähnt (Zeitschr. I. 449 Anm. 9) sowie bei Nirrnheim (I. 733, 736).

Im Gegensatz zu der feststehenden Zimmereinteilung der unteren Stockwerke des Kaufmannshauses und des Mittelbaues bot der althamburgische Speicher, der sich hinten anfügteoder später selbständig für sich errichtet wurde, ungetrennte Lagerräume. Er bestand also eigentlich nur aus den vier Wänden und den Böden, die durch starke Ständer und Balken aus Eichenholz getragen wurden. Als man bei Gelegenheit des Zollanschlusses die neuen Freihafenspeicher errichtete, glaubte man es recht gut zu machen, wenn man ausschließlich Eisenkonstruktion anwendete. Es fand sich aber bei einem Brande, daß das Eisen sich derartig dehnte und reckte, daß die Mauern ernstlich litten. Das war bei der altmodischen Verwendung von Holz niemals vorgekommen, meistens kohlte solches nur so leicht an, daß es für den Neubau wieder gebraucht werden konnte. Die Stockwerke hießenBöhnsoderSpiekerböhns, das oberste derSpitzböhn. Ausnahmsweise finden wir hierfür noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Namen dieFlierbei der Verkaufsanzeige eines Grundstückes am kleinen Fleet, das früher zur Herstellung von Brodenzucker gedient hatte. Flier ist außer in Ostfriesland nur in Holland gebräuchlich (Mitt. X. 60). Die Niederländer, die die Zuckerraffinerie im 16. Jahrhundert bei uns einführten (Amsinck 209 f.), werden diese Bezeichnung mitgebracht haben, ebenso wie die Berechnung der Ware in Grote, die noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts hier im Großhandel üblich war. — Richey erwähnt als Name des alleröbersten Bodens „Oken“. Solcher ist noch jetzt für die Winkel bekannt, wo das schräge Dach den Fußboden berührt.

Heizvorrichtungen fehlten im Speicher, ebenso zuweilen Aborte. Wo man diese nicht entbehren wollte, fügte man sie im Erdgeschoß, nach der Fleetseite, als Ausbau an, mit einer viereckigen Holzröhre, die mehr oder weniger weit hinunter ins Fleet reichte, immerhin nicht tief genug, daß sich nicht bei niedrigem Wasserstand eine Schute noch gerade darunter schieben konnte. Bis das Schwemmsystem unserer „Siele“ allgemein durchgeführt war, gab es noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auch für die Wohnhäuser an den Fleeten ausschließlich diese Form von Aborten. Die gefrorenen Exkrementebildeten im Winter einen recht unerfreulichen Anblick. Im Sommer, wenn anhaltender Ostwind die Fleete leerlaufen ließ, kamen Gerüche hinzu, die nicht selten jede Lüftung der Zimmer verhinderten. Ein Bild aus jener guten alten Zeit: „Hallo, wat ’s dat for’n Waar“, ruft der Ewerführer aus seiner Schute ins Erdgeschoß hinauf. „Frachtbreef kummt gliek na!“ schallt es zurück. — Solche Straßen, denen kein Fleet als bequemer Abzugsgraben diente, hatten Eimerabfuhr. Die Eimer, sehr zartfühlendGoldammersgetauft, standen dann in den engen Gassen reihenweise bereit, bis der Ruf „Dreckwaag!“ (verkürzt aus Dreckwagen) die bevorstehende Leerung ankündete. Ähnliche und zum Teil schlimmere Zustände herrschten damals natürlich auch in anderen Großstädten Europas. Den meisten ist Hamburg mit Einführung gemauerter Abzugskänale vorangegangen.

Fenster waren im Speicher nicht allzu reichlich vorhanden und die kleinen Scheiben waren trübe. Sie wurden vermutlich nur sehr selten geputzt: eine Hausfrau verstieg sich nicht hierher. Brauchte man für die Arbeit Tageslicht, so öffnete man dieLuken, doppelte breite und hohe Holztüren, neben denen eiserne Griffe in die Mauer eingelassen waren, damit man sich beim Ausgucken festhalten konnte. Für Erleuchtung bei Dunkelwerden diente die ölgespeisteKugellampaus sehr dickem Glas in Art der Schiffslaternen, mit Blechuntersatz und einem Henkel. — Für Schreibarbeit benutzte man eine Ecke am Fenster, meistens durch Holzverschalung in eine Art von Zimmer, dasKabuff, verwandelt. Hier, wie auch wohl an anderen Stellen, pflegten die Wände mit Holzschnitten aus der „Reform“ geschmückt zu sein, zuweilen auch mit launigen kurzen Inschriften und Zeichnungen, mittels Pinsels aus demMarkputthingeworfen, einem kleinen, nach oben etwas verjüngt zulaufenden Holzeimer, gefüllt mit einer Mischung von Kienruß und Leckbranntwein zum Zeichnen (Marken) der Packungen. DenLecklieferte derKöhmkaakerumsonst, es war der Schnaps, der beim Vollschenken oder Reinigen der Gläser abtropfte. — Den Markputt pflegte der „Hausküper“auf derSnibankselbst herzustellen. Sonst diente diese (auchSnibockgenannt) hauptsächlich dazu, Holzböden, Faßstäbe (Staff) usw. zuzuschneiden. Man saß darauf rittlings, vor sich eine Einrichtung zum Festklemmen des Holzes, und benutzte nach Bedarf einTochmeßoder einKrummeß, beide aus breiter Schneide mit Holzgriffen an den Enden bestehend. — Das Marken wurde mit großer Schnelligkeit in meistens schräg liegenden lateinischen Buchstaben sowie arabischen Ziffern von schlanker, besonders deutlicher Form vorgenommen. Schablonen wurden früher wenig benutzt, während die Frachtführer jetzt meistens darauf bestehen.

Schmale, steile Holztreppen, die möglichst wenig Raum wegnehmen durften und nicht massiv eingefaßt, sondern nur mit Lattenverschlag versehen waren, verbanden die Böden. Sie waren ausschließlich für Personenverkehr geeignet. An ihnen fand sich häufig ein vom Boden aus zugängliches Nebengelaß oder ein Bort, derBislag, angebracht. Sonst war an geeigneter Stelle noch ein Aufbewahrungsort für Packmaterial, dasStrohlock, vorhanden, sowie ein Gerüst für leere Kisten, derHangeböhn, auch wohlGalgengenannt. Der gesamte übrige Raum diente für das Aufstapeln von Waren, wobei man sich an keine Belastungsgrenze kehrte, wie solche in den neuen Freihafenspeichern überall vorgeschrieben ist. Bei Eisenkonstruktion brechen eben die Nietenbolzen bei Überlastung, während hölzerne Tragbalken federnd nachgeben, also keine besondere Vorsicht erheischen. Wohl kam es vor, daß die Mauer sich etwas schief zog und, wo sie nach dem Fleetgang frei lag, durch Stützen gegen das Nachbarhaus gehalten werden mußte. Das war z. B. in dem Hause Deichstraße 45 der Fall, in dem ich meine Jugend verlebte, und kostete natürlich eine jährliche Vergütung. — Einen eigentümlichen Speicherbau, wie es deren vielleicht noch mehrere gegeben hat, findet man Steckelhörn 5. Hier steht die gesamte Holzkonstruktion frei für sich, ohne irgendwelche Berührung mit der Hausmauer; das hat den großen Vorteil, daß die Tragbalken nicht unter Feuchtigkeit der Mauer leiden können.Man vergleiche hierzu, was Linde (Die Niederelbe, 4te Aufl. S. 55) über das Marschenhaus sagt.

Von losem Inventar fand sich in den alten Speichern zunächst dieSchaaloderBummelschaal, die hängende Wagschale. Sie bestand aus dem eisernen Wagebalken, der mittels Ringes über einemS-förmigen Haken der Decke hing, sowie zwei Wagschalen aus starken Holzbohlen mit kräftigen Tauen an den vier Ecken, die oben über Eisenringe gespleißt (spleeßt) waren und an diesen auf die Haken gehängt wurden, die der Wagebalken an jedem Ende trug. (Spleißen heißt die innige Vereinigung der aufgefaserten Tauenden durch Flechten und Durchstecken.) Auf eine der Schalen häufte man die Ware, auf die andere die Gewichtstücke, deren eine große Auswahl zur Seite bereit stand, hauptsächlich Hundertpfundstücke. Man sagte: „Da mutt noch en Hunnert rop“ oder „en Hunnertpundsloot“, und für wägenpunnen: „Hebbt ji de Ballen all punn’d?“ Auf Jost Ammans Holzschnitt aus dem sechzehnten Jahrhundert „Allegorie des Handels“ stehen bereits gegossene Gewichte in gleichmäßiger Glockenform mit kleinem Henkel neben einer Hängeschale, die der obigen Beschreibung gleicht (Steinhausen 56, Beilage 6). — Zuweilen wurde bei Ablieferung von Waren die Bedingung „Geld bi de Schaal“ vorgeschrieben, in Fällen, wo man dem Käufer nicht traute. (Es herrschte sonst der Gebrauch, daß am Tage nach Empfang Zahlung durch die Bank erfolgen mußte.) Die Rechnung wurde in solchem Falle gleich ausgestellt und war zu begleichen, bevor die Gewichtstücke heruntergenommen waren, bei hängender Schale. — Wurden die Schalen nicht gebraucht und waren sie für die Arbeit im Wege, so hakte man sie los und stellte sie beiseite, ebenso wenn man besonders große Kolli ohne Schale wog, indem man sie an Ketten direkt an den Wagebalken hängte. Jetzt sieht man diese Wägevorrichtung fast gar nicht mehr, da meistens Dezimalwagen angewendet werden, die sich leicht überallhin versetzen lassen. Nur in einzelnen Betrieben, wo es auf besonders genaues Gewicht ankommt, z. B. beim Butterhandel, findet man noch die Bummelschale.

Zum Weiterbewegen von Waren innerhalb des Lagers benutzte man dieKaaroderSpikerkaar, bestehend aus zwei miteinander verbundenen langen Hebelarmen mit löffelförmigem Eisen am unteren Ende, woran zwei kleine Eisenräder befestigt waren. Mit ihrer Hülfe schaffte man auch Kolli über dieBrüggauf den Wagen; das war eine breite Planke aus Holzbohlen mit einer Klammer, die auf dessen Bordwand paßte. Fässer rollte man auf derStriekledderhinüber (zuweilen, aber seltener, auchSchroodleddergenannt), einer Leiter ohne Sprossen, bestehend aus zwei Bäumen, die oben und unten durch Klammern aus Holz oder Eisen zusammengehalten wurden. Sie diente auch, um Fässer über Treppenstufen zu befördern. — Galt es besonders schwere Kolli von der Stelle zu rücken, so benutzte man denKohfoot, eine dicke meterlange Eisenstange, vorn umgebogen und gespalten. Mußten gewichtige Kisten behufs Weiterbewegung angepackt werden, so diente dazu derHandhaken, für dicke Säcke der kleinereGriper. An sonstigem Gerät fand sich zunächst derSnitzer, ein kantig geschliffenes Messer, womit man in Holzbänder, die dabei in der linken Hand und unterm Arm ruhten, länglich viereckige Ausschnitte,SchränkeoderSlott, kerbte. Wurden diese dann ineinander gehakt, so war der feste Reifen gebildet, den man mittels desDrivholtsoderFuustholts, eines hölzernen Treibkeils, und desDeesselsauf das Faß trieb. (Früher hieß es die Deessel, jetzt hört man durchwegderDeessel.) Man benutzte dieses beilförmige Werkzeug auch zum Ausdeesseln von Fässern und beim Verspunden derselben, um das überflüssige Holz des Spundes und die Spundlappen zu entfernen, sowie denHäringsdeessel, von länglicher Form, um Häringstonnen zu öffnen. — Galt es,isern Bann(Eisenreifen) auf Fässern zu treiben, so diente dasDrievisenoder dieSetz, ein eiserner Treibkeil, und derSetzhamer. — Ein kurzes Brecheisen, deResiensnadel, vorn umgebogen und gespalten, wurde angewendet, um fest gepackte Waren aus ihrer Verbindung zu lockern, Fässer zu öffnen, Deckel der Kisten zu lösen, Nägel zu ziehen unddieInbannloszubrechen, Holzbänder, die zur Sicherung der Böden in die Krösen der Fässer genagelt waren.

Zur Entnahme trockener Proben hatte man denLöper, eine an beiden Seiten offene Metallhülse, deren spitzer zulaufendes Ende man in den Sack stieß, um aus dem anderen die Probe schlank in einen untergehaltenen Beutel laufen zu sehen. Es gab deren verschiedene Arten. Solche mit ganz spitz zulaufender Öffnung dienten für Zucker, Reis, Saaten usw. Man konnte dann das entstandene kleine Loch durch Zusammenziehen der Fäden wieder dichten. Für Kaffee mußte die Öffnung natürlich weiter sein, wieder andere benutzte man bei mehlförmigen Waren. Für Flüssigkeiten diente derSteker,Provensteker, auchSugergenannt, ein Stechheber, der angesogen und, wenn gefüllt, durch den Daumen oben geschlossen wurde. Butterproben zog man mittels desBotterisens, einer eisernen Hülse, deren eine Seite offen war. — Um alte Marken wegzukratzen, nahm man dieSchaavzur Hand, für Kisten ein gebogenes Schabeisen mit zwei Holzgriffen, für Fässer ein dreieckiges flaches Eisen, in dessen Mitte ein Holzstiel eingelassen war. — Als Behälter fürallerhand Smeerkramfand sich in irgend einer Ecke dieSappskeek(Sapp ist Saft, mit der Nebenbedeutung schmierig). — Waren Säcke auszubessern, so diente dazu dasNeihgaarnoderDrahtneihgaarn(starker Bindfaden,DreedrahtoderVeerdraht, je nach der Zusammensetzung) sowie eine dreikantigeNadel, meistens aber, besonders für dickeRappertsakken(engl.wrapper), dieSninadelmit scharfer Schneide, die besser durchging und womit der Faden gleich abgeschnitten werden konnte. — Die meisten dieser Gebrauchsgegenstände werden, beiläufig bemerkt, noch heute angewendet, indessen benutzt man auch vielfach schon Werkzeug nach amerikanischer Art, das gleichzeitig verschiedenen Zwecken dient.

Über die vorkommenden Packungen der Waren, wie sie die Fremde liefert (Seronen, Gonjes usw.), ist wenig von Interesse zu melden. Im Fruchthandel gibt esSiffen, Körbe für etwa 23 Pfund Äpfel, undHamperfür 120 Pfund.KreetoderKreets(zuweilen in der MehrzahlKreetsengenannt), ist eine lattenförmige Umhüllung für Glaswaren und manche andere Gegenstände. Sie wird auch wohl aus Hasel-, Weiden- oder knorrigem Eichenholz geflochten und genagelt. Solche Kreets sind zum großen Leidwesen der Speicherarbeiter nach der Leerung nicht einmal als Feuerungsholz zu verwenden. Laut Doornkaat wird mit Kreet auch der Wagenkorb aus Latten und Sparren bezeichnet, der zum Heufahren früher allgemein gebräuchlich war. Die zylinderförmigen leinenumhüllten Kanehlpacken heißenFardehl(span.fardillo). Eine der zahlreichen stehenden Redewendungen lautet: „Ick sall bi di en fideles Kameel empfangen“ (statt ein Fardehl Kanehl).

Im Speicher waren Mäuse häufige Gäste. Es wurden daher immer Katzen gehalten oder vielmehr Kater. Ein Loch unten in der Tür des Erdgeschosses gestattete ihnen den Weg ins Freie, um etwa auf dem Hofe einen Spatzen zu belauern oder zur richtigen Stunde bei einer gutherzigen Fischfrau das Leibgericht zu erbetteln. Selbst auf solchen Speichern, wo ausschließlich Waren lagerten, die für Nager kein Interesse boten, pflegte ein Kater niemals zu fehlen; der gehörte einmal dazu. Man bewahrte die guten Tiere schonend vor jeder Leidenschaft. Hin und wieder nagelte man auch wohl an irgendeinem Balken fest, was sie zu diesem Zweck eingebüßt hatten und glaubte sie dadurch ihr lebelang an den Speicher zu fesseln. — Auch Ratten verirrten sich häufig auf die Lagerböden. Man behauptet mit Bestimmtheit, daß sie an den Mauern emporgeklommen seien, wenn sie besondere Leckerbissen, z. B. Walnüsse, witterten. War dasFallreephängen geblieben, ein Strick, an dem der Ewerführer nach beendeter Arbeit in den Speicher kletterte, so diente es auch oft den Ratten für ihre Besuche. Zum Wegfangen ihrer Jungen stellte man dieRottenheckauf, ein Gerüst mit Zellen, worin sie ihre Brut ablegten.

Alleinherrscher im alten Kaufmannsspeicher war derHuusküper, meistens wirklich ein gelernter Küper (Böttcher). Inälterer Zeit kannte man als Packungen für die Waren, neben geschnürten Ballen, vorzugsweise Fässer oder Tonnen (Nirrnheim LXXIX., Steinhausen: Abbildungen 53, 54 und Beilage 6 und 11), wie auch in einem Lehrbuche des angehenden Kaufmanns vom Jahre 1715 (Steinhausen 105) die Überwachung des Zeichnens von Ballen und Fässern dem Lehrling als eine seiner Arbeiten vorgeschrieben wird. Von Kisten ist nie, von Säcken nur selten die Rede. Alles mögliche wurde in den Fässern zusammen verpackt, z. B. um 1380 dreizehn Schinken, eine Hoyke (Mantel) und zwei Stücke „Schlagdokes“, wollene Decken, die zum Einwickeln von Tuch gedient hatten (Nirrnheim I. 652 und LXIV.). Es war somit notwendig, daß der Hausküper mit der Herstellung sowie dem Packen und Auspacken von Fässern genau vertraut war. Im allgemeinen war nur das Lager sein Bereich, aber in kleineren Betrieben besorgte er auch wohl allerlei Arbeiten für den Haushalt, klopfte Zeug und wichste Stiefel, schöpfte Wasser zum Scheuern und Waschen aus dem Fleet, besorgte Wege fürs Kontor, fütterte die Katzen mitPanzen(Magen) und war ein großer Freund der Kinder vom Hause. Durchweg trug er ledernes Schurzfell mit Leibriemen, an dem vorn eine kleine Messingtonne als Schild prangte. Im Winter sah man ihn vielfach in pelzbesetzter Mütze mit Quaste, als Zeichen seines Amtes, wie er zu sagen pflegte. (Vgl. Hertz 33 f.)

Der Hausküper hörte es gern, wenn man ihn „Koptein“ anredete, indessen bestreiten ihm die „Quartiersleute“ das Recht auf diesen Titel: ausschließlich ihnen gebühre solcher, da sie unabhängig daständen, während der Hausküper nur ein auf Kündigung Angestellter sei. Im Besitz der Schlüssel war dieser für alles verantwortlich, auch für dieArbeidslüd’, die gegen festen Wochenlohn unter ihm tätig waren, wie für Gelegenheitshülfe, die er im Tagelohn annahm. Solch’ vorübergehende Arbeit hieß eineHüürim Gegensatz zuBahntjefür feste Anstellung. Der Hausküper sorgte für das Aufbringen, Einwägen und zweckmäßige Wegstauen der Waren, für Markenund Ummarken der Kolli sowie für ihre Ablieferung, weiter für rechtzeitiges Umstapeln von Sachen, die dem Verderb unterlagen, kurz für alles, was der Lagerbetrieb erheischen mochte. Nebenbei entwickelte er eine staunenerregende Warenkenntnis bei Empfang und Ablieferung. — War es erforderlich, so erschien er wohl gelegentlich bei seinem Geschäftsherrn an der Börse, sonst jedenfalls abends regelmäßig am Kontor, um dort Rechenschaft abzulegen und neue Vorschriften entgegenzunehmen. DasGewichtbook, das er dabei überbrachte, war in großen Betrieben in verschiedenfarbigen Einbänden vorhanden, etwa in gelb für eingehende und in blau für abgelieferte Partien. Von jedem hatte man zwei Exemplare, wovon eins bis zum nächsten Abend am Kontor verblieb, um danach Rechnungen auszustellen oder einlaufende zu prüfen, das andere inzwischen zur Benutzung auf dem Speicher.

Gab es Arbeit, die der Hausküper nicht mit den eigenen Leuten bewältigen konnte, so holte er sich weitere Kräfte vonde Lüd’ von de Eck. Das waren nicht etwa Gelegenheitsarbeiter in Art der berühmten „Löwen von’n Hoppenmark“, die nur gelegentlich Obstkörbe aus den Ewern auf den Markt schleppten und sich hauptsächlich von Schnaps ernährten, sondern sie mußten ehrbare Hamburger Bürger sein und entsprechend dem Vertrauen, das man in sie setzte, streng auf Standesehre halten. Keineswegs konnte sich jeder beliebig zu ihnen gesellen. Er mußte guten Leumund besitzen und in aller Form um seine Aufnahme ersuchen. War solche zugestanden, so wurde er ins Buch eingetragen, das jede „Ecke“ führte, nachdem er „en Daler oder twe as Inspringelgeld“ erlegt hatte. Der Hausküper war, um solcheSpikerarbeidersoderSpikerlüd’anzuwerben, je nach der Lage seines Speichers auf eine bestimmte Ecke angewiesen; erst wenn hier niemand zu finden war, durfte er sich weiter umsehen. Die „Ecken“ hatten ihre festen Bezeichnungen:de Englännereck(Katharinenstraße),de Wandrahmseck,de Pickeck(Rödingsmarkt-Steintwiete) usw. und standen in Verbindungmit einerKöhminsel, einer bestimmten Destillation (Schnaps- und Bierausschank), wo der Hausküper zunächst einzukehren hatte, wenn er an der Ecke keine Leute antraf. Bei diesemKrögerwar den Lüd’ von de Eck’ das Recht eingeräumt, statt einzelner Schnäpse zum Sechsling (3¾ Pf.) das Glas, eine Flasche für drei Schilling (22½ Pf.) zu erstehen und in einem Hinterzimmer zu vertilgen. Traf der Hausküper sie gerade bei einer frischen Pulle an oder wurde eine solche auf dem Speicher „ausgegeben“, so gebührte ihm der erste Schluck. „Een’n utgeven“ kam auf dem Lager nicht selten vor, sei es daß der Geschäftsherr sich blicken ließ oder daß Makler, Agenten oder Käufer dort zu tun hatten. Als zarterWink mit’n Lüchtenpahldiente dann wohl: „Is maldröge Luft“ oder „dat stöft hier bannig“. War sonst niemand da, den man um Getränk ansprechen konnte, so meinte wohl einer der Arbeiter: „Wöhlt wi nich en Lütten passen?“ d. h. es sollte zusammengeschossen werden, um Alkohol anzuschaffen. Kam dann gerade ein junger Mann vom Kontor darüber zu, so erwartete man, daß er sich in hervorragender Weise beteiligte. Dafür durfte er den ersten Schluck aus dem Glase tun, das nachher die Reihe herum ging. — Es wurde früher recht häufig getrunken, wenn auch nicht viel zur Zeit. Bei Ablieferung von Waren hatte der empfangende Hausküper oder Quartiersmann, wenn es sich nicht um ganz kleine Partien handelte, den Arbeitern gleichfalls einen auszugeben, und zwar wurde diesop de halvenbeansprucht, d. h. wenn die Hälfte der Partie abgeliefert war. Morgens vor 8 Uhr wurde „en Sweizer“ für das Geld geholt, nach 8 Uhr Kümmel und Flaschenbier. Der Verwalter des Getränks wurdeBuddelörgenannt. Das gewöhnliche Schnapsgemisch warKöhm un Grönd. i. Kümmel und Wermut. Beim Sweizer kam noch Pfeffermünz hinzu. „Lat uns mal en lüttje Sweizerreis’ maken!“ hieß es wohl. Besonders geschätzt war das Helmerssche Erzeugnis; daher: „Hal mal een von Helmers sien!“ oder „Dat ’s woll Helmers sien?“ (mit Anklang an Hennessy). Die Höhe des betreffenden Trinkgeldes, das zuweilenauch je zur Hälfte vom Ablieferer und Empfänger getragen wurde, richtete sich ungefähr nach der Größe der abgelieferten Partie. Man rechnete z. B. bei 50 Sack Kaffee vier Schilling (30 Pf.), bei 100 Sack das Doppelte. — Wollte man Köhm un Beer in einer Wirtschaft genießen, so forderte man „Lütt un lütt“, d. h. en lütt Glas Köhm un en lütt Glas Beer. Das kostete zusammen einen Schilling (7½ Pf.). Es gibt noch heute viele Wirtschaften, wo je 2 Glas Lütt un Lütt für 15 Pf. geliefert werden. War man dann gemütlich im Schnacken, so hieß es bald: „Op een Been kann man nich stahn!“ Solcher Redensarten, die sich natürlich nicht auf die Speicherarbeiter beschränken, ließen sich noch manche sammeln. „Eenmal vergebens un denn mit alle Mann“ rief man bei einer Arbeit, wo alle Kräfte anzuspannen waren. Wollte man eine Arbeit aufgeben, so hieß es: „Lat uns man in’n Sack hauen!“ Stand einer müßig herum, so sagte man wohl: „Breek di man nich de Hann’ in de Tasch af“ oder man fragte: „Na, puulst in’e Nees?“ und erhielt vielleicht zur Antwort: „Djä, ick kann mi mit’n lütt Stück Arbeit lang behelpen“. Ein dritter meinte dann dazu: „Worto hett man denn de Been, as um de Arbeit ut’n Weg to gahn.“ Allerhand Ökelnamen für andere Beschäftigungen gibt es auch.Rümdriewerheißt der Böttcher, weil er beim Antreiben der Bänder ums Faß eilt. Daher auch: „He löppt as so’n Fattbinner“ (Korr. Bl. 23,57 u. 33,43). Die Zollbeamten nennt manTollmus’kanten,GrashüpperundGrönröck, die KontoristenFedderveehundKantorknüppel, den jungen Kommis, der Muster entnahm,Provenriederusw.

Solange sie unbeschäftigt waren, trugen die Lüd’ von de Eck sauberen dunklen Anzug, Schurzfell und schwarzen Zylinder. Waren sie für Arbeit angenommen, so legten sie hohen Hut, Jacke und Schurzfell ab und zogen zum Schutz gegen Staub eine wollene oder baumwollene Mütze, die „Mudder“ aus alten Stoffresten angefertigt hatte, dieKlottje, Über den Schädel, sowie einBusseruuntje, eine Art Bluse, als Arbeitsgewandüber den Oberkörper. (Klottje aus dem französischencalotte, gleich Käppchen.) Zu Busseruuntje erklärt Schütze, daß diese Bezeichnung aus dem Holländischen stamme und gleichbedeutend mitSchanslöpersei. (Vergl. Goedel 57.) Vorn über den Leib kam außerdem die Hälfte eines alten Kaffeesackes, die durch Bänder auf dem Rücken befestigt war. Der Hausküper war vornehmer, er trug bei der Arbeit die Hälfte eines weißen Saatsackes ohne Naht, der dann jeden Sonnabend in die Wäsche kam.

Lüd’ von de Eck

Die obige, etwas flüchtig hingeworfene Skizze aus meiner Sammlung entstammt den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und zeigt einige Lüd’ von de Eck in der damaligen Tracht. Der Zeichner,W. Lühring, war damals bei der hiesigen Häutefirma George Maltz u. Co. als Handlungsdienertätig. — Man beachte, daß der Schuster sowohl wie die Person im hohen Hut (vielleicht ein Quartiersmann) kurze Kalkpfeifen rauchen, deren man 8 Stück für einen Schilling erhielt.

In ähnlicher Weise wie bisher berichtet ging im Speicherbetrieb alles streng nach genauer Ordnung vor sich. Beim Aufwinden von Waren galt z. B. der feste Satz von 80 Pfund Leistung auf den Mann, wenn sie den ganzen Tag zu arbeiten hatten; sonst konnten sie es auch bis zu 300 Pfund bringen. Ebenso behielt jeder mit seinen Händen den Platz am Windetau, denLöpers, den er zu Anfang eingenommen hatte. Diese Löpers, zwei starke Taue ohne Ende, liefen durch Löcher im Fußboden durch alle Stockwerke des Speichers und dienten dazu, eine Holzrolle auf dem Spitzböhn in Umschwung zu bringen, auf der sich das starke Tragetau, derDreger, auf- oder abwickelte. Zu solchem Zwecke hatte diese Welle, derWinnbohmoderWellbohm, an beiden EndenRööd, Wellräder, deren Kranz mit Doppelzacken versehen war, in die die Löpers sich klemmten. Das Ende des Dregers war über den außen hohlen Rand derKauschgespleißt, ein Eisenring, in dem der eiserneHakenhing. (Kausch heißt auf der Elbinsel Finkenwärder das Segelöhr.) Über den Haken hinweg wallte das aufgerebbelte Ende des Dregers, derP’rükenkopp, der dazu diente, die Feuchtigkeit ablaufen zu lassen. Außerdem ermittelte man gelegentlich, ob dies äußerste Stück des Dregers noch haltbar sei, indem man einzelne Strähne des P’rükenkopps auf ihre Widerstandsfähigkeit prüfte. Zeigten sie sich mürbe, so wurde ein Stück des Dregers weggeschnitten und das neue Ende wieder Über die Kausch gespleißt.

Als Zurufe bei der Arbeit des Auf- und Abwindens herrschten hergebrachte Ausdrücke. Der Hausküper, oder, wenn er sich vertreten ließ, derLukenvice, rief den an den Löpers angestellten Arbeitern von der Luke aus seine Anordnungen zu. War unten in der Schute die Ware am Haken befestigt (anslahn), so hieß es: „Sso, winn’ op!“ oder „Hüüs’ op!“(vergl. hissen, heißen, z. B. der Flagge), auch wohl „Hiev op!“ (an Schiffsbord: „Anker hieven“). Hatte die Last seine Luke erreicht, so rief er „Haaah“ (helles a wie in Rabe), worauf die Löpers über denKnaggengeworfen werden mußten, damit infolge vergrößerter Reibung je ein Mann die Last schwebend erhalten konnte, während die übrigen sich mit an die Luke begaben, um sie hereinzuziehen. Der Knaggen, auchAchtersmiteroderHemmhakengenannt, war ein am Pfeiler neben den Löpers befestigtes starkes Brett, meistens Buchsbaumholz, woraus man ein länglich rundes Stück weggeschnitten hatte. In die entstandene Höhlung paßten die Löpers. Fand man einen kräftigen Baumast, der sich für den Zweck eignete, so nahm man ihn noch lieber. Innerhalb der mit Haspelwinde versehenen alten Kaufmannshäuser vertraten häufig zwei eiserneWandhakennebeneinander die Stelle des Knaggens. War nur ein einziger vorhanden, so wurden die Löpers zweimal hinübergeworfen, weil sonst an den glatten Eisen nicht genügend Reibung entstanden wäre. Dies brachte indessen starke Abnutzung des Windetaues mit sich. — Beim Rufe „Striek wat!“ wurde das Hereinziehen der Last durch Nachgeben der Löpers ermöglicht, bei „Los!“ ließ man diese fahren. (Strieken ist ein altes Wort mit großer Zahl von Bedeutungen; hier „nachlassen“, „nachgeben“. Wenn die hochdeutsche Sprache sich mehr um ihre ebenbürtige niederdeutsche Schwester bekümmern wollte, hätten wir statt des Streiks den „Striek“ gehabt, also ein gut deutsches Wort.) — War der Haken befreit, so mußten die Löpers auf „Sla los!“ oder „Smiet los!“ vom Knaggen herabgehoben werden, um den Dreger in kräftigen Zügen wieder nach unten zu befördern. DieLäng’oderLängdewurde zu neuer Verwendung hinterhergeworfen, nachdem der Mann in der Schute gewarnt worden war, sich nicht vom Platz zu rühren, durch „Fast dar nerrn!“ oder „Waarscho!“ oder „Ünnerruut!“ und geantwortet hatte: „Smiet!“ (Nerrn, früher nedden — unten, Waarscho = Acht geben. Wenn Goedel im Quickbornbuch 9 S. 19 meldet, dies Wort sei in Kiel von der Marine wieder in den Sprachschatzder Stadtbevölkerung übergegangen, so kann ich dem gegenüber feststellen, daß es in Hamburg nie außer Übung gekommen ist.) Inzwischen wurden Kisten oder Säcke aus dem Wege geräumt, um für die nächste Ankunft Platz zu haben. Wurden sie später aufgestapelt, so lautete das Kommando: „Hoch op!“, „Höger rop!“ und „Hoch!“, je nachdem Knie- oder Ellbogenhöhe oder endlich volle Höhe erreicht war. — Zu Läng’ ist zu bemerken, daß dies ein zusammengespleißtes Hanftau ohne Ende war, das man niederlegte, um darauf eine Anzahl Säcke oder Kisten aufzubauen. Dann wurde die Schlinge des längeren Endes durch die kürzere gezogen, diese fest heruntergedrückt und die längere in den Haken gehängt. Hatte das Aufwinden begonnen, so mußte das kurze Ende noch weiter niedergepreßt werden, damit die Ware nicht herausschießen konnte. Ein Ewerführer, der eineHieveRosinen in Säcken vielleicht nicht fest genug eingeschlagen hatte, sah sie herabstürzen, bevor sie die Luke erreicht hatte, konnte aber noch rechtzeitig beiseite springen und rief dann in gut gespielter Entrüstung hinauf: „Hett jo gar keen Sinn, dat ick dat inwickel, wenn ji dat wedder dalsmiet!“ — Für schwere Lasten benutzte man eine kürzere und dickere Läng’, dieStropp, für FässerHakens, an einer Kette ohne Ende hängende gekrümmte Eisen, für Kisten, die es vertragen konnten,Düvelsklauen, je ein starkes gekrümmtes Doppeleisen an den Enden einer Kette.

Die Ausrufe galten mehr der Aufmerksamkeit des Ewerführers, als den Leuten an der Winde, wenn eine Ware hinabgelassen werden sollte. War sie zunächst handbreit aufgewunden, so hieß es: „Achter!“ (Achtärr) oder „Maak fast!“ oder „Smiet achter!“ damit die Löpers über den Knaggen geworfen wurden. Die Ware wurde nun zur Luke hinausgeschoben und schwebte frei. Auf „Striek wat!“ dann „Lat reisen!“ oder „Los lat fallen!“ auch wohl „Los lat strieken!“ ließ man dann die Löpers durch die Hände gleiten, die durch Sackleinen geschützt waren, während der Knaggen durch die Reibung genügend hemmte, um die Last immer in der Gewalt zubehalten. Schien sie nahe dem Ziel, so mußte auf „Sinnig!“ (Sinniiich) angehalten werden, bis der Ewerführer sie nah dem Punkte hingezogen hatte, wo er sie aufzustapeln gedachte. Auf „Striek!“ oder „Los lat strieken!“ oder „Los lat scheeten!“ mußten die Löpers rasch nachgegeben werden, bei „Achterruut!“ waren sie vom Knaggen abzuheben, um den Dreger wieder aufzuwinden. Wenn wir als Jungens beim Winden helfen durften, machte die Betonung „Los lat scheetennnn!“ besonders starken Eindruck.

Die Löpers waren natürlich durch alle Böden hindurch von den Knaggen freizuhalten, wenn gewunden werden sollte. Im Sommer dehnten sie sich und schleiften dann im Raum, dem untersten Boden, während der Windearbeit in tollen Kapriolen auf dem Fußboden hin und her. Paßte man in der herrschenden Dunkelheit nicht auf, so hatte man die schönste Gelegenheit, darin verstrickt und vielleicht gar stranguliert zu werden. Die Finsternis in sämtlichen Räumen des Speichers pflegte undurchdringlich zu sein, wenn die Luken geschlossen waren, denn die aufgestapelten Waren nahmen das bißchen Tageslicht weg, das durch die Fenster Einlaß fand. Dies um so mehr, als die Speicher häufig schmal und sehr tief waren. Man hielt das der Erhaltung der Waren zuträglicher, als wenn Licht und Luft Zutritt hatten, auch konnte man häufig feststellen, daß die Partien das Gewicht, das sie vielleicht während der Reise eingebüßt hatten, bei längerer Lagerung wiedergewannen. Aus diesem Grunde schüttelte manch alter Praktiker den Kopf, als er die größere Breite und viel geringere Tiefe sah, die man den neuen Speichern im Freihafen gegeben hatte. — Mußte man auf dem Speicher eine Ware ansehen, so pflegte der führende Arbeiter, der auch im Dunkeln Schritt und Tritt kannte, einem oftmals die Hand zu reichen, damit man sich durchwinden konnte.

Der größte Teil der Ausrufe, die ich hier wiedergegeben habe, fällt bei den elektrischen oder hydraulischen Winden der Neuzeit fort und wird durch Handbewegungen ersetzt. Erwähnt mag beidieser Gelegenheit noch werden, daß schon um 1865 der Versuch gemacht wurde, die mühselige Handarbeit beim Aufwinden der Kaufmannsgüter durch eine Dampfwinde zu ersetzen, die man in der Schute aufstellte. Es erhob sich aber so lebhafter Widerspruch seitens der Arbeiter gegen eine solche Neuerung, die ihnen das Brot nehmen würde, daß man bald hiervon zurückkam.

Nach beendeter Arbeit wurde der Dreger bis an denUtleggeraufgewunden, eine am Giebel angebrachte Vorrichtung mit einer Rolle aus Pockholz oder Eisen, später aus Gelbmetall, dieSchiev, über die der Dreger lief. Geschützt war der Utlegger durch denWinn’kasten, auchGalgengenannt, einen unten offenen Holzkasten. An den Haken war zuvor ein dünnes Tau geschlungen, dieFanglien, die neben der untersten Luke befestigt war und sein Herabziehen zu neuer Benutzung ermöglichte. Zuweilen war noch am äußersten Ende des Winn’kastens ein Haken angebracht, an den manSchiev un Tauhängen konnte, um leere Kisten, Körbe oder Säcke aufzunehmen, wozu es dann nur eines Mannes bedurfte.

Beiläufig wäre noch zu bemerken, daß die Löcher im Fußboden, durch die die Löpers glitten, mit Porzellanringen ausgesetzt waren, um die Reibung zu vermindern, und daß man dieWinn’löckerzustopfte oder mit Holzringen umgab, wenn Waren gestürzt werden sollten, damit das Durchlaufen in die unteren Böden vermieden wurde. Für diesStörten, das Ausleeren sämtlicher Packungen einer Partie, um gleichmäßige Mischung herzustellen, gehörte dasStörtlaken, eine mächtige Leinewand, zum Bestand.

Ein hergebrachter Ausruf bei der Arbeit war der Zählgesang bei Ablieferung bestimmter Waren, besonders von Häuten und Fellen. Bröcker I. 58 f. veröffentlichte (mit Notenbegleitung) eine Version, die hier unter Beibehaltung der Schreibweise wiedergegeben sein möge:


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