5. Kapitel:Der erste Dukaten.

5. Kapitel:Der erste Dukaten.

Die Sonne schien wieder auf das böse Land.

Eisen, Blei und Kupfer brüteten träumend vor sich hin, das Silber leuchtete matt und betrübt. Auf der Felsenspitze saß der Adler und blickte in die Welt hinaus. Das Moos grünte, der Bach war blau, und die Blumen waren so schön, wie sie es in ihrer Armseligkeit nur sein konnten. Der Fuchs schlich im Tale umher, ohne Nahrung zu finden. Die Gebeine der Goldgräber waren zerfallen und durch herabgefallene Felsstücke zerschmettert worden. Und den letzten Toten — den Jüngeren, der so alt geworden war — hatte der Fuchs selber mit verspeisen helfen.

Mitten in dem Tale lagen die fünf Dukaten.

Sie waren mit Erde bedeckt gewesen, aber der Regen hatte sie wieder reingewaschen. Nun glänzten sie und warfen die Sonnenstrahlen zurück, so daß man es fast nicht ertragen konnte, sie anzusehen.

„Ja — nun seid ihr also wieder hier!“ rief der Adler. „Geprägt und gestempelt seid ihr, und doch hat das alles jetzt gar keinen Zweck mehr. Ihr seid wieder den andern Metallen gleich — liegt in der Erde und wartet und sehnt euch. Aber ihr sehnt euchmehrals die andern. Denn ihr habt euch draußen in der Welt umgesehen und habt Geschmack bekommen an Gutem und Bösem.“

„Wir wollen wieder in die Welt hinaus!... Wir wollen fort!.... Wir wollen nach Hause!“ schrien die fünf Dukaten wirr durcheinander.

„Pah!“ erwiderte der Adler. „Von hier holteuch niemand fort. Ihr seid fertig, Kinderchen! Mit euch ist’s aus!“

„Erzählt uns ein wenig von der Welt, in der ihr wart!“ sagte das Eisen.

„Erzählt uns von den Menschen!“ bat das Blei.

„Glaubt ihr nicht, daß sie auch uns holen kommen?“ fragte das Kupfer.

„Ach, warum haben sie nicht an mich gedacht?“ rief das Silber. — „Bin ich nicht auch schön?“

„Die Menschen sind böse... die Menschen sind gut... Schweigt still und laßt mich erzählen! Ich habe mehr erlebt als du.“

Die fünf Dukaten schrien durcheinander.

„Hört nicht auf sie!“ mahnte der Adler. „Sie können euch nichts erzählen, was ihr nicht schon von mir wißt. Ich fliege hoch über der Welt und sehe alles.... nichts entgeht meinem Blick.“

„Teufel auch!“ rief der erste Dukaten. „Was kannst du denn aus der Luft sehen? Du kannst ja den Menschen nie nahekommen... du hast Angst vor ihnen!“

„Bist du etwa in ihrer Tasche gewesen?“ fragte der zweite Dukaten. „Hast du ihr Herz klopfen hören?“

„Hast du ihre Augen um deinetwillen strahlen sehen?“ fiel der dritte Dukaten ein. „Hast du sie toll gemacht vor Glückseligkeit?“

„Bist du je schuld daran gewesen, daß sie bis zum Tode verzweifelt waren?“ fragte der vierte Dukaten. „Haben sie je deinetwegen schlaflose Nächte gehabt?“

„Bist du etwa bei ihnen in ihrem stillen Kämmerlein gewesen?“ rief der fünfte Dukaten. „Hatihre Hand dich gestreichelt, hat ihr Mund dich geküßt? — Nichts weißt du von den Menschen!“

„Erzählt!“ bat das Eisen flehentlich. „Erzählt doch alle, was ihr wißt... einer nach dem andern. Wir können nie genug hören... Wir sehnen uns so... Fangt an!“

„Ich mag das nicht mit anhören,“ rief der Adler.

Er lüftete die Flügel, blieb aber dennoch sitzen.

Und nun ergriff der erste Dukaten das Wort und erzählte:

„Ich bin einmal bei einem Gastwirt gewesen —“

„Nein, nein!“ rief das Eisen dazwischen. „Du sollst hübsch ordentlich mit dem Anfang beginnen, wir wollen uns nicht das geringste entgehen lassen. Du bist doch wohl mal ein Klumpen gewesen, hast mit im Berge gelegen?“

„Allerdings,“ gab der Dukaten zur Antwort. „Das ist aber schon sehr, sehr lange her. Mir ist seitdem so fürchterlich viel passiert, daß meine Kindheit mir fast aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Ja... wart einmal... jetzt entsinne ich mich. Ich lag im Klumpen an einer wilden, öden Stelle. Ungefähr wie hier sah es aus. Je mehr ich mich umschaue, desto mehr scheint mir meine Heimat diesem Tale hier zu gleichen. Auch dort saß ein Adler auf der Felsenspitze... und es gab dort gleichfalls Silber und Blei und Eisen und Kupfer; nur lag es nicht so offen, der Boden war nicht so aufgewühlt wie hier.“

„Früher war’s hier auch anders!“ sagte der Adler. „Aber erzähle nur weiter!“

„Jetzt erinnere ich mich... neben dem Goldklumpen, der mich enthielt, lag ein Bleiklumpen. Und dann kamen zwei Männer, die fanden mich... ein alter und ein junger. Und der junge erschlug mit dem Bleiklumpen den alten... und trug mich und den ganzen Goldklumpen, in dem ich war, fort. Jetzt weiß ich wieder alles ganz deutlich... er hatte große Angst und lief und versteckte sich vor jedem Laut in der Luft.“

„Wir haben ihn gesehen!“ sagte der Adler.

„Wir haben ihn gesehen!“ fielen auch die andern ein.

„Du bist hier aus dieser Gegend!“ erklärte der Adler. „Du warst in dem ersten Goldklumpen enthalten, der von hier weggetragen wurde.“

„Herrgott!“ rief der erste Dukaten. „Dann sag’ ich auch allen guten Tag! Seid mir nicht böse, weil ich euch nicht wiedererkannt habe. Aber ihr wißt ja: wenn man so lange draußen in der weiten Welt gelebt hat....“

„Dann wird man ein feiner, großer Herr,“ fiel der Adler ein. „Das kennen wir. Aber weißt du auch, daß der Mann, der dich hierher getragen und dich und deine vier Geschwister von sich geworfen hat, derselbe war, der damals seinen Freund erschlug und den Goldklumpen aus diesem Lande mit sich nahm?“

„Nein, wirklich!“ rief der Dukaten. „Die Sache wird ja immer merkwürdiger. Ich hab’ ihn gar nicht erkannt.... die Menschen gleichen sich alle, und ich bin in so vielen Händen gewesen.“

„Allerdings!“ bestätigte der Adler.

Doch das Eisen bat: „Erzähle! Erzähle!“ Unddas Blei und das Kupfer und das Silber stimmten mit ein.

„In der Stadt brachte der Mann den Klumpen auf die Bank,“ fuhr nun der Dukaten in seiner Erzählung fort. „Da bekam er viel, viel Geld dafür ... es wurde auf dem Tische aufgezählt: Papiergeld, Gold und Silber. Die Leute sagten, ein so großer Klumpen sei überhaupt noch nie gefunden worden.“

„Sie hatten recht,“ unterbrach ihn der Adler. „Ich habe viel gesehen, aber noch nie einen solchen Klumpen Gold. Er hat allerdings gleich, als er gefunden wurde, ein Menschenleben gekostet!“

„Laß doch den Dukaten erzählen!“ rief das Eisen ungeduldig dazwischen.

„Dann kam der Klumpen in die Münze,“ fuhr der Dukaten fort. „Ein gehöriger Haufe Goldstücke wurde aus uns... lauter funkelnagelneue Dukaten mit dem Bilde des Königs. Wir wurden in Rollen zu zehn und zehn gelegt und sorgfältig eingepackt. Dann wurden wir zur Bank getragen ... das heißtichwurde von dem Mann, der mich trug, gestohlen. Er nahm mich, weil ich zu oberst lag... ich glaube, er nahmeinGoldstück von jeder Rolle.“

Der Dieb

„Seht ihr!“ sagte der Adler. „Es kommt, wie ich prophezeit habe. Aus dem Golde entsteht nichts als Unglück und Verbrechen.“

„Am Abend hat er mich im Wirtshaus verspielt,“ erzählte der Dukaten weiter. „Gerade als er mich verloren hatte, kam die Polizei und verhaftete ihn wegen seines Diebstahls. Der, der mich gewann, spielte mit einer falschen Karte. Als die andernden Betrug entdeckten, entstand eine große Schlägerei. Schließlich einigte man sich dahin, mich in Branntwein umzusetzen. So gelangte ich in die Schublade des Wirtes. Gegen Morgen kam wieder ein Dieb und stahl mich.“

„Grauenhaft!“ warf das Eisen ein.

„Hab’ ich es nicht prophezeit?“ rief der Adler. „Und ich bin überzeugt, das ist noch nicht alles.“

„Gewiß nicht,“ fuhr der Dukaten fort. „Denn drei Tage darauf wurde der Dieb ergriffen. Und niemand meldete sich als mein Eigentümer... Der Wirt hatte wohl selber so viel auf dem Gewissen, daß er nichts mit der Polizei zu tun haben, sondern lieber seinen Verlust schweigend ertragen wollte. So wurde ich konfisziert und kam zusammen mit vielen andern Kameraden in die Kasse eines Armenhauses.“

„Nun kommt Ordnung in die Dinge,“ sagte das Eisen.

„Wart es ab,“ meinte der Adler.

Und der Dukaten erzählte weiter: „Der Rechnungsführer des Armenhauses stahl mich wieder und steckte mich in seine eigne Tasche. Aber da blieb ich nicht lange, denn er war arm und hatte viele Kinder und viele Rechnungen zu bezahlen. Darum weiß ich nicht, was später aus ihm geworden ist.“

„Aber was ist denn ausdirgeworden?“ fragte das Eisen.

„Ich ging von Hand zu Hand. Etwas besonders Merkwürdiges ist mir dann nicht mehr widerfahren, bis ich hierher gelangte und auf die Erde geworfen wurde. Aber daß ich wirklich wieder in das Land meiner Kindheit zurückgekommen bin, dasist ja beinah das Merkwürdigste von allem! Und damit endigt dann auch wohl meine Geschichte. Denn von hier wird mich wohl niemand holen.“

„Sei froh, daß du Frieden gefunden hast,“ meinte der Adler. „Du hast dich genug in der Welt herumgetrieben.“

„Findest du? Ich kann dir versichern, daß ich sehr gerne wieder hinaus möchte. Ich bin rund und will rollen. Es ist so amüsant, etwas zu erleben, von Hand zu Hand zu gehen. Und es kümmert mich ja nicht, was die Menschen mit mir machen.“

„Dein Gewissen ist zusammen mit deinen Kanten abgeschliffen worden,“ sagte der Adler.

„Unsinn!“ rief das Goldstück. „Davon verstehst du nichts, du alter Adler. Aber sei doch so gut und nimm mich in deinen Schnabel und trag’ mich in die Welt hinaus! Dann kannst du mich irgendwo fallen lassen, wo Menschen sind... am liebsten mitten in eine Stadt... auf den Markt... Dann bin ich wieder im Leben drin.“

Doch der Adler gab ihm zur Antwort: „Bleib du, wo du bist; und laß sehen, ob Regen, Schnee und Eis nicht dein Gepräge verschleißen können, damit du wieder gut und unschuldig wirst, wie du es früher warst.“

„Meine Sehnsucht können sie mir nicht verschleißen,“ sagte der Dukaten.

Und das Eisen und das Blei und das Silber und das Kupfer seufzten und empfanden, wie wahr das sei.


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